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Mit Menschenrechten gegen den Hunger
Aktualisiert: vor 2 Stunden 18 Minuten

Brasilien brennt: Deutsche Ärztepensionen heizen Landgrabbing und Expansion der Agrarindustrie an

9. Dezember 2019 - 12:34
Die heute veröffentlichte Studie Brasilien: Pensionskassen machen Geschäfte mit Ackerland“ der Menschenrechtsorganisation FIAN deckt auf, wie internationale Investmentfonds und Pensionskassen die Existenz ländlicher Gemeinden im Nordosten Brasiliens zerstören. In Deutschland beteiligt sich die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe (ÄVWL) mit 100 Millionen US-Dollar an einem solchen Land-Fonds. Dieser hat alleine in Brasilien 133.000 Hektar Land aufgekauft. Viele der Flächen sind riesige Gensoja-Felder. Die Studie zeigt, wie in Brasilien ganze Gemeinden vertrieben und Böden und Gewässer durch Agrarchemikalien kontaminiert werden. So stieg in der untersuchten Region Piaui die Anzahl der Vergiftungsfälle in nur fünf Jahren um 200 Prozent. Wälder werden gerodet, Menschen verlieren ihre Existenz und wandern in die Städte ab. „Die Fonds sind zwar nicht selbst an der Vertreibung der örtlichen Bevölkerung beteiligt. Sie sind aber ein wesentlicher Bestandteil dieser destruktiven Entwicklung. Denn die Pensionskassen profitieren unmittelbar von Bodenspekulation und steigenden Grundstückspreisen“, so FIAN-Agrarreferent Roman Herre. Pensionskassen legen weltweit über vierzig Billionen Dollar an. Seit der Finanzkrise 2007 ist verstärkt auch Ackerland in ihren Blick geraten. So ist der nach eigenen Angaben größte Landbesitzer der Welt ein Pensionswerk: der US-amerikanische Fonds TIAA, in den auch die ÄVWL investiert hat. TIAA hat weltweit rund 850.000 Hektar Land aufgekauft – mehr als die gesamte Ackerfläche von Baden-Württemberg. FIAN versucht seit 2012, die ÄVWL zu einem Ausstieg aus dem Investment zu bewegen – bislang ohne Erfolg. Trotz vielfacher Kritik, auch von Seiten eigener Pensionäre, hält die ÄVWL an der Investition fest. „Die brennenden Wälder in Brasilien sollten der Ärztekasse endlich die Augen öffnen, in welchen Strukturen dort investiert wird“, so Herre weiter. „Ärzte sollen eine ordentliche Pension erhalten, aber nicht auf Kosten der Menschenrechte!“. Problematisch bewertet FIAN auch die Haltung der Aufsichtsbehörde. Das Finanzministerium Nordrhein-Westfalen hat die Aufsicht über die ÄVWL inne. „Wir haben vergeblich versucht, mit dem Ministerium ins Gespräch zu kommen“, so Roman Herre. „Leider verweigert das Ministerium jegliche Diskussion über seine menschenrechtliche Verantwortung als Aufsichtsbehörde. Dabei hätte das Ministerium die Möglichkeit – und die Pflicht –, solche fatalen Investitionen zu regulieren.“ Die Studie „Brasilien: Pensionskassen machen Geschäfte mit Ackerland“ ist abrufbar unter: www.fian.de/aerzteversorgung und kann unter info@fian.de kostenlos bestellt werden. Der Tag der Menschenrechte wird jeweils am 10. Dezember begangen. Er erinnert an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 durch die UN-Generalversammlung verabschiedet wurde. Kontakt: Roman Herre, Agrarreferent,  01520-7067302, r.herre@fian.de

Uganda: Vertriebene der Kaweri Kaffeeplantage von versprochenem Land vertrieben

5. Dezember 2019 - 11:37
 
„Ich bin zweimal vertrieben worden, ohne entschädigt zu werden. Mein Leben hat sich dadurch erheblich verschlechtert“, fasst die sechzigjährige Joyce Namakula ihr Schicksal zusammen. Sie wurde 2001 von ugandischen Soldaten von ihrem Land vertriebenen, welches die ugandische Investitionsbehörde seitdem der Kaweri Coffee Plantation Ltd., einem Tochterunternehmen der Hamburger Neumann Kaffee Gruppe, verpachtet. Aus eigener Kraft baute sie mit ihren Kindern eine neue Existenz in der benachbarten Gemarkung auf. Doch 17 Jahre nach der Vertreibung für die Kaweri Plantage wurde sie im Oktober 2018 erneut ohne Entschädigung vertrieben. „Ihre Geschichte verdeutlicht, dass die Mär vom alternativen Land, auf das die Vertriebenen der Kaweri Coffee Plantation angesiedelt worden seien, schlicht falsch ist“, kommentiert FIAN-Referentin Gertrud Falk. „Die Vertriebenen der Kaweri Kaffeeplantage wurden weder umgesiedelt, noch hätten sie auf dem Land Sicherheit vor weiterer Vertreibung gehabt. Die Neumann Kaffee Gruppe und die ugandische Regierung müssen nun die Vertriebenen endlich umfassend entschädigen“. Falk dokumentiert die Situation der Betroffenen derzeit vor Ort. Das am 1. Juli 2019 gerichtlich angeordnete Mediationsverfahren im Prozess der Vertriebenen gegen das Unternehmen und den Staat ist am 2. Dezember um zwei Wochen bis zum 16. Dezember verlängert worden. „Es ist skandalös, dass das Unternehmen bisher kein Angebot auf den Tisch gelegt hat“, empört sich Gertrud Falk. „Wenn man nun in aller Deutlichkeit sieht, dass die Geschichte der angeblichen Entschädigung erfunden war, potenziert dies den Skandal“. Vom 18. – 21. August 2001 hatte die ugandische Armee im Bezirk Mubende vier Dörfer zerstört und die Bewohner vertrieben, weil die Regierung das Land an die Kaweri Coffee Plantation Ltd. für den Aufbau einer Kaffeeplantage verpachtet hatte. Die Kaweri Coffee Plantation Ltd. ist ein Tochterunternehmen der Hamburger Neumann Kaffee Gruppe. Die Vertriebenen prozessieren gegen den ugandischen Staat und das Tochterunternehmen. Am 1. Juli 2019 hatte das Hohe Gericht in Kampala eine Mediation zwischen Klägern und Beklagten angeordnet. Die Frist dafür ist am 19. November ohne Ergebnis verstrichen. Weder die ugandische Staatsanwaltschaft noch die Kaweri Coffee Plantation Ltd. haben auf die Forderungen der Vertriebenen reagiert. Diese fordern 3,8 Mrd. Ugandische Schilling für den verursachten Sachschaden sowie 30 Millionen Schilling (rund 7.200,- EUR)  pro Familie, damit diese je 10 Morgen Land kaufen können. Im Gegenzug sind sie bereit, ihre Landrechte auf das von der Kaweri Kaffeeplantage gepachtete Land abzutreten. Lesen Sie hier die Geschichte einer doppelten Vertreibung ohne Entschädigung: https://www.fian.de/artikelansicht/2019-12-05-interview-mit-joyce-namakula-vertrieben-zugunsten-der-kaweri-kaffeeplantage-in-uganda/ Kontakt vor Ort: Gertrud Falk, Tel.  +256-708 478599, E-Mail: g.falk@fian.de Weitere Informationen:
-        zum Fall: www.fian.de/fallarbeit/kaweriuganda/
-        zu den anhaltenden Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der Kaweri Coffee Plantation Ltd: www.fian.de/artikelansicht/2019-11-20-uganda-anhaltende-menschenrechtsverletzungen-infolge-der-vertreibung-zugunsten-der-kaffeeplantage-der-neumann-kaffee-gruppe/

FIAN steht Schüler*innen Rede und Antwort zu Menschenrechten

5. Dezember 2019 - 11:23
Im Rahmen des Politikunterrichts nahmen die Schüle*innen einer 5. Klasse des Landrat Lucas Gymnasiums in Leverkusen an einem Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung teil. Während der Recherchen für das Klassenprojekt sprach ihr Lehrer Frederik Kernke FIAN bezüglich einer Zusammenarbeit an. Seine Idee, FIAN-Mitarbeiter*innen für die Fragerunde der Schüler*innen zu gewinnen, fanden wir super. Pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum der UN-Kinderrechtskonvention am 20. November standen wir der Klasse Rede und Antwort rund um die Themen Menschen- und Kinderrechte. Es war uns ein besonderes Anliegen, der Generation Z die Menschenrechte näherzubringen und die Arbeit von FIAN vorzustellen. Die 30 Kinder stellten uns viele Fragen zu Menschen- und Kinderrechten, zeigten aber auch großes Interesse an den Fällen von FIAN und vor allem an den Aufgaben innerhalb einer Menschenrechtsorganisation. Wir hoffen, dass dieses Schulprojekt buchstäblich Schule macht und sich mehr engagierte Lehrer*innen und Schüler*innen den Themen Menschen- und Kinderrechte widmen und in den Unterricht integrieren. Bei Fragen oder Interesse melden Sie sich gerne bei uns!

Interview mit Joyce Namakula, vertrieben zugunsten der Kaweri Kaffeeplantage in Uganda

5. Dezember 2019 - 10:41
FIAN-Referentin Gertrud Falk ist momentan in Uganda vor Ort, um die Vertriebenen im Gerichtsverfahren gegen die Kaweri Coffee Plantation/der Neumann Kaffee Gruppe zu unterstützen. Im Rahmen ihrer Reise hatte sie die Möglichkeit mit Joyce Namakula über die Vertreibung und die aktuelle Situation zu sprechen. Wie haben Sie vor der Vertreibung für die Kaweri Coffee Plantation gelebt?
Nach der Heirat mit meinem Mann haben wir auf Block 99 Buwekula 20 Acre Land gekauft. Das ist da, wo heute die Trockenmühle der Kaweri Coffee Plantation steht. Wir hatten ein gutes Leben, konnten uns Nutztiere halten und hatten einige Obstbäume. Mein Mann starb leider früh und ließ mich mit unseren zehn Kindern zurück. Ein Jahr später, im Jahr 2001, wurden wir vertrieben. Obwohl uns zunächst vier Monate Zeit gegeben wurde, unser Grundstück zu verlassen, vertrieb uns die Armee bereits nach zwei Monaten. Während der Vertreibung rannten die Menschen in Angst panisch umher. Eines meiner Kinder, mein damals sieben Jahre alter Sohn, ging dabei verloren. Ich war verstört und suchte überall nach ihm. Ich ging sogar zur Polizei, aber mein Kind wurde nicht gefunden. Bis heute weiß ich nicht, ob mein Sohn noch lebt oder tot ist.
 
Was haben sie nach dieser Vertreibung unternommen?
Ich beschloss, nach Arbeit zu suchen, um Geld zu verdienen und woanders ein neues Grundstück zu kaufen. Ein Jahr lang arbeitete ich, bis ich genügend Geld zusammen hatte, um in der Gemarkung Kambuye zwei Morgen Land zu kaufen. Ich kaufte es für 3 Million Shilling von einer Frau Nabagala. Auf dem Land pflanzte ich Verschiedenes an: Kartoffeln, Bananen, Mais, Erdnüsse. Obwohl unser Grundstück kleiner war als das vor der Vertreibung, konnte ich damit überleben und für meine Kinder sorgen. Aber dann wurde ich erneut vertrieben. Was ist passiert?
Im Oktober 2018 stellte sich mir ein Herr Kaweesi als neuer Eigentümer des Lands in Kambuye vor. Er forderte uns auf, unser Grundstück zu verlassen. Wir könnten noch die Ernte einbringen, dürften aber nicht mehr neu pflanzen. Als ich jedoch später hörte, dass er auf anderen Grundstücken begonnen hatte, die Pflanzen zu roden, ergriff mich Panik. Da ich auch hörte, dass er Entschädigungen zahlen würde, fasste ich mir ein Herz und ging zu ihm. Er war von Leibwächtern umgeben und sagte mir, dass er mich nicht wieder auf seinem Land sehen wolle. Er bot mir keine Entschädigung an. Ich ging wieder nach Hause, um feststellen zu müssen, dass mein Haus zerstört worden war. Welche Folgen hatte dies für Ihre Familie?
Ich kann seitdem nur ein kleines Zimmer in Kawula mieten. Meine Kinder zerstreuten sich. Sie suchten nach Arbeit in Kampala, Mubende und Kanseera. Nur mein 17 Jahre alter Sohn wohnt noch bei mir. Obwohl er sehr intelligent ist, kann er nicht mehr zur Schule gehen, weil ich die Kosten nicht aufbringen kann. Ich kann nicht einmal die Kosten für Nahrung und Grundbedürfnisse decken. Ich leide. Meine anderen Kinder greifen mir unter die Arme, wenn sie können, aber es geht ihnen auch nicht gut. Ich bin krank, habe Magenprobleme, Bluthochdruck und Husten. Aber ich habe kein Geld für eine gründliche medizinische Untersuchung. Ich bin jetzt 60 Jahre alt und fühle, dass ich jeden Tag schwächer werde.
How have you lived before the eviction for Kaweri Coffee Plantation?
I got married and my husband and I bought 20 acres in the area where today Kaweri's dry mill is. We had a good life, had animals and fruit trees. My husband died and left me alone with ten children. One year later we were evicted. We were given four months to leave our land but the army evicted us brutally already two months later. During the eviction people everywhere ran in fear and one of my children, a seven year old son, got lost during that panic. I got confused, ran around looking for my son. I even went to the police but the child was not found. Until today, I do not know if he is dead or alive. What did you do after that eviction?
I decided to look for a job to earn money and buy land elsewhere. I worked for one year and earned enough money to buy 2 acres of land in Kambuye from Ms. Nabagala for three million shillings. I planted various crops like irish, bananas, maize, groundnuts. Although the land was smaller than what we had before the eviction I could still survive and take care of my children. But then I was evicted again. What happened?
In October 2018, a man called Kaweesi came and said that he was the new owner of the land and that we have to leave. He said that we could harvest our crops but that we were not allowed to plant new ones. But later I heard that he had started cutting down crops. I panniqued. Since I also heard that Kaweesi would compensate people I went to see him. He was surrounded by body guards and told me that he does not want to see me again on his land. He did not offer me any compensation. When I reached home my house had been destroyed. Which consequences did this have for your family?
I could rent only a small room in Kawula. My children squattered. They looked for employment in Kampala, Mubende and Kanseera. Only one stays with me, a 17 years old son. Although he is bright he cannot continue to go to school because I cannot afford the costs. I cannot even afford food and basic needs. I am just suffering. My other children assist me if they can but they are also not well.
I am sick, I have ulcers, high blood pressure and a cough, but I do not have money to go for a medical check up. I am now 60 years old and every day I feel weaker. Hier finden Sie die Studie Kontakt: Gertrud Falk, Tel. 0221-47 44 91-15, E-Mail: g.falk(ät)fian.de
Weitere Informationen: www.fian.de/fallarbeit/kaweriuganda

Uganda: Regierung und Neumann Kaffee Gruppe verweigern Entschädigung für Vertriebene

2. Dezember 2019 - 12:49
Im Klageverfahren von 401 vertriebenen Familien für die Kaweri Kaffeeplantage der Neumann Kaffee Gruppe ist das gerichtlich angeordnete Mediationsverfahren weiterhin in der Schwebe. Die ugandische Regierung und die Neumann Kaffee Gruppe haben auf die Forderungen der im Jahr 2001 gewaltsam vertriebenen Kläger nicht reagiert. In der heutigen Gerichtsverhandlung hat der Richter am Hohen Gericht in Kampala/Uganda die Frist noch einmal um zwei Wochen bis zum 16. Dezember verlängert. "Die erneute Verzögerung des Mediationsverfahrens ist ein Skandal“, bewertet FIAN-Referentin Gertrud Falk das Schweigen der Beklagten. Falk ist derzeit vor Ort. „Ein Unternehmen, das sich selbst als weltweit führender Rohkaffee-Dienstleister bezeichnet, verzögert die Entschädigung von Menschen, die unter Hunger und Armut leiden, seitdem sie für die unternehmenseigene Kaffeeplantage vertrieben wurden“. Weder der ugandische noch der deutsche Staat werden ihren menschenrechtlichen Pflichten gerecht: Uganda muss dafür sorgen, dass die Rechte der Betroffenen wiederhergestellt und sie angemessen entschädigt werden. Deutschland muss zum einen das Unternehmen in der Weise regulieren, dass es Wiedergutmachung leistet; zudem muss den Vertriebenen Zugang zum deutschen Justizwesen ermöglicht werden. „Dieses Fallbeispiel macht deutlich, warum Deutschland endlich ein starkes Lieferkettengesetz braucht,“ erläutert Gertrud Falk weiter. „Es würde die Neumann Gruppe dazu verpflichten, Sorge zu tragen, dass die Ernte von der Kaweri Kaffeeplantage nicht unter Hinnahme anhaltender Menschenrechtsverletzungen importiert wird“. Vom 18. – 21. August 2001 hatte die ugandische Armee im Bezirk Mubende vier Dörfer zerstört und die Bewohner vertrieben, weil die Regierung das Land an die Kaweri Coffee Plantation Ltd. für den Aufbau einer Plantage verpachtet hatte. Die Kaweri Coffee Plantation Ltd. ist ein Tochterunternehmen der Hamburger Neumann Kaffee Gruppe. Die Vertriebenen wurden bis heute nicht entschädigt; sie prozessieren deswegen gegen den ugandischen Staat und das Tochterunternehmen. Am 1. Juli 2019 hatte das Hohe Gericht in Kampala eine Mediation zwischen Klägern und Beklagten angeordnet. Die Frist dafür ist am 19. November ohne Ergebnis verstrichen. Weder die ugandische Staatsanwaltschaft noch die Kaweri Coffee Plantation Ltd. haben auf die Forderungen der Vertriebenen reagiert. Diese fordern 3,8 Mrd. Ugandische Schilling für den verursachten Sachschaden sowie pro Familie 30 Millionen Schilling, damit diese je 10 Morgen Land kaufen können. Im Gegenzug sind sie bereit, ihre Landrechte auf das von der Kaweri Kaffeeplantage gepachtete Land abzutreten. Kontakt:
Gertrud Falk, Tel.  +256-708 478599, E-Mail: g.falk@fian.de weitere Informationen:
-        zum Fall: www.fian.de/fallarbeit/kaweriuganda/
-        aktuelle Studie zu den anhaltenden Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der Kaweri Coffee Plantation Ltd: www.fian.de/artikelansicht/2019-11-20-uganda-anhaltende-menschenrechtsverletzungen-infolge-der-vertreibung-zugunsten-der-kaffeeplantage-der-neumann-kaffee-gruppe/
-        zur Initiative Lieferkettengesetz: https://lieferkettengesetz.de/ 
-        zur UN-Erklärung der Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten: www.fian.de/artikelansicht/2018-12-18-un-vollversammlung-bekennt-sich-mit-ueberwaeltigender-mehrheit-zum-schutz-der-menschenrechte-auf-dem-land/

Welttag gegen Gewalt an Frauen

25. November 2019 - 9:02
Rund 400.000 Menschen verlassen Nepal pro Jahr, um im Ausland zu arbeiten. Nach offiziellen Angaben sind hiervon nur fünf Prozent Frauen. Tatsächlich sind es wahrscheinlich zehnmal so viele, denn arbeitswillige Frauen nutzen oft irreguläre Wege und entziehen sich der Registrierung. Einer der Gründe, der Frauen in die illegale Migration treibt, sind gesetzliche Vorgaben zu ihrem vorgeblichen Schutz. Doch diese bewirken das Gegenteil: die Migration wird gefährlicher, jährlich werden mindestens 7.000 nepalesische Frauen und Kinder Opfer von Menschenhandel. Nepal will die weitverbreitete Arbeitsmigration aktiv gestalten und die Bürger*innen – so die offizielle Lesart – vor Risiken schützen. Dabei nimmt die Zahl weiblicher Arbeitsmigrantinnen stetig zu: Zwischen 2006/07 und 2013/14 hat sich ihre Zahl um das 74-fache erhöht, die der Männer um das 2,5-fache. Allein die Zahl der Frauen, die 2015 in den Golfstaaten arbeiteten, wurde auf 350.000 geschätzt (1). Die Arbeitsmigration wird also weiblicher. Damit einher gehen jedoch Berichte von Missbrauch, sexueller Gewalt, Zwangsprostitution und Organhandel.
Der nepalesische Staat reagiert mit einem Schlingerkurs gesetzlicher Regulierung: ab 2012 wurde ein Altersverbot verhängt, welches Frauen unter 30 Jahren die Arbeitsmigration in arabische Staaten untersagte. 2014 wurde das Verbot auf alle Frauen sowie auf gering qualifizierte Tätigkeiten in allen Ländern ausgedehnt. 2015 wurde das Verbot zunächst gelockert, dann wieder eingeführt und 2016 erneut aufgehoben. Aktuell können Frauen ab 24 Jahren legal in bestimmte Länder zur Hausarbeit migrieren (2). Frauen unter 24 Jahren ist die Arbeitsmigration untersagt. 2017 folgte eine Initiative des Parlaments mit der Zielsetzung, den legalen Weg wieder außer Kraft zu setzen. Wer profitiert von restriktiven Gesetzen?
In Nepal sind mehr als 900 sogenannte „Rekrutierungsagenturen“ tätig. Hinzu kommen Unterbüros, assoziierte Agenten sowie Orientierungs- und Trainingsinstitutionen. Interviews und Feldforschungen in Nepal bestätigen, dass Agenturen wie auch staatliche Stellen von einem restriktiven System profitieren. So sei beispielsweise nach der letzten parlamentarischen Initiative die „Gebühr“, um eine Arbeitnehmerin in die Golfstaaten zu vermitteln, von 40.000 auf 80.000 Rupien gestiegen (1). Je restriktiver das System, umso höher werden Bestechungsgelder, Aufwand und Endpreis der Vermittlung. Dies bestätigen die Agenten: „Meine zehnjährige Erfahrung mit dem Arbeitsministerium zeigt mir, dass sie den Prozess nicht straffen, um etwas zu kontrollieren oder zu stoppen, sondern um mehr Geld herauszuholen. Für uns Agenten ist das nicht wichtig. Wenn offizielle Stellen 3.000 Rupien Bestechungsgeld verlangen, schlagen wir diese auf den Preis auf, für uns noch mal 10.000 weitere dazu und verlangen 13.000 Rupien mehr. Leidtragend ist der Kunde, nicht wir“ (1).
Zwar fließt ein Teil des im Ausland verdienten Geldes nach Nepal zurück. Nach Angaben des Arbeitsministeriums stellten diese Überweisungen im Haushaltsjahr 2016/2017 fast 27 Prozent des nepalesischen Bruttosozialprodukts dar. Jedoch ist die Summe, die in den Privathaushalten ankommt, vergleichsweise bescheiden: rund 80.000 Rupien – etwa 620 € – pro Jahr (3). Das Missverhältnis zu den Kosten und den Risiken der Vermittlung liegt auf der Hand. Arbeitsmigrant*innen stärken statt reglementieren
Bereits die legale Arbeitsmigration führt häufig in Ausbeutung und Abhängigkeitsverhältnisse, wie dies z.B. bezüglich der Arbeitsbedingungen im Vorfeld der WM 2020 in Katar eindeutig dokumentiert ist. Die spezifische Gesetzgebung Nepals gegenüber jungen Frauen erhöht darüber hinaus ihr Risiko, Opfer von Menschenhandel zu werden. Es diskriminiert aufgrund des Geschlechts und verletzt zudem das Menschenrecht auf Freizügigkeit, nach dem jeder Mensch jedes Land – einschließlich seines eigenen – verlassen darf. Wenn aus Arbeitsmigration Arbeit in Würde werden soll, müssen die potentiellen Migrant*innen deutlich gestärkt und die Zielländer der Migration wesentlich effektiver in ihre menschenrechtliche Pflicht genommen werden. (1) Restrictive Labour Migration Policy on Nepalese Women. 2018.
(2) Migration Planning Among Female Prospective Labour Migrants from Nepal. 2018
(3) Nepal Ministry for Labour: Labour Migration for Employment: 2015/2016-2016/2017 Der weltweite Verband von Kleinbäuer*innen „La Via Campesina“, mit dem FIAN eng kooperiert, ruft zu Aktionen gegen die Gewalt an Frauen auf. Für die Aktionswoche gibt es Poster und Postkarten, die hier kostenlos abgerufen werden können.

Uganda: Anhaltende Menschenrechtsverletzungen infolge der Vertreibung zugunsten der Kaffeeplantage der Neumann Kaffee Gruppe

20. November 2019 - 8:42
FIAN veröffentlicht Studie über langanhaltende Folgen Über einen fünfjährigen Zeitraum hat die Menschenrechtsorganisation FIAN die menschenrechtlichen Auswirkungen der gewaltsamen und entschädigungslosen Vertreibung zugunsten der Kaweri Coffee Plantation in Uganda untersucht. Ihre Ergebnisse hat sie nun in einer englischsprachigen Studie veröffentlicht. Darin werden massive Verletzungen sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Menschenrechte durch Uganda und Deutschland aufgezeigt. Die Klage der Vertriebenen wird am 2. Dezember in Uganda erneut vor Gericht verhandelt. Die Vertreibung fand im August 2001 statt. Von 2014 bis 2019 hat ein Team von FIAN fünfmal vor Ort recherchiert und Vertriebene und Schulleiter zu den Lebensbedingungen seit der Vertreibung befragt. In der Studie kommen viele Vertriebene zu Wort. Diese berichten über Hunger und Armut, fehlenden Zugang zu Trinkwasser, unzureichende Wohnsituation und Bildungschancen, auseinanderbrechende Familien sowie Gewalt gegen Frauen. „Das Ausmaß von Hunger, Armut und Gewalt infolge dieser Vertreibung ist erschreckend,“ betont Gertrud Falk von FIAN Deutschland, die an der Studie mitgearbeitet hat. „Die Recherche zeigt, dass die Zeit diese Menschenrechtsverletzungen nicht heilt. Im Gegenteil: sie verschärfen sich zunehmend aufgrund des fehlenden Zugangs zu Agrarland und Wasser“. Vom 18. – 21. August 2001 hatte die ugandische Armee im Bezirk Mubende vier Dörfer zerstört und die Bewohner vertrieben, weil die Regierung das Land an die Kaweri Coffee Plantation Ltd. für den Aufbau einer Kaffeeplantage verpachtet hatte. Die Kaweri Coffee Plantation Ltd. ist ein Tochterunternehmen der Hamburger Neumann Kaffee Gruppe. Die Vertriebenen wurden bis heute nicht entschädigt und prozessieren deswegen gegen den ugandischen Staat und das Tochterunternehmen. Am 1. Juli 2019 hatte das Hohe Gericht in Kampala eine Mediation zwischen Klägern und Beklagten angeordnet. Die Frist dafür ist gestern ohne Ergebnis verstrichen. Die Staatsanwaltschaft hat nicht auf die Forderungen der Vertriebenen reagiert. „Die ugandische Regierung setzt ihre Hinhaltetaktik fort,“ erläutert Falk. „Sie verletzt damit ihre menschenrechtliche Pflicht, die Rechte der Vertriebenen unverzüglich wiederherzustellen und sie zu entschädigen“. Falk ergänzt: „Auch Deutschland ist menschenrechtlich verpflichtet, alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, damit die Vertriebenen entschädigt werden. Die Studie zeigt, dass die Bundesregierung das bisher nicht getan hat.“ Hier finden Sie die Studie Kontakt: Gertrud Falk, Tel. 0221-47 44 91-15, E-Mail: g.falk@fian.de
Weitere Informationen: www.fian.de/fallarbeit/kaweriuganda

Welternährungstag: Diskriminierung von Frauen bremst Überwindung des Hungers

15. Oktober 2019 - 10:16
Berlin/Köln, 15. Oktober 2019. Die Zahl der Menschen, die unter Hunger und „mittlerer oder schwerer Ernährungsunsicherheit“ leiden, ist zwischen 2014 und 2018 um 300 Millionen auf über zwei Milliarden angestiegen. Weltweit lebt nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO beinahe jeder vierte Mensch in der Ungewissheit, ob es am nächsten Tag ausreichend und qualitativ gute Nahrung gibt. Frauen und Mädchen sind stärker betroffen als Männer. Verantwortlich dafür sind vor allem ihre fehlende rechtliche Gleichstellung und Diskriminierung beim Zugang zu Land, heißt es in der neuen Ausgabe des Jahrbuchs zum Recht auf Nahrung. Das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt und die Menschenrechtsorganisation FIAN sind Mitherausgeber des Jahrbuchs, das zum Welternährungstag am 16. Oktober veröffentlicht wird.  Frauen kommt eine Schlüsselrolle bei der Überwindung von Hunger und Ernährungssicherheit zu, denn sie übernehmen beim Anbau, der Ernte und der Zubereitung von Nahrungsmitteln zentrale Aufgaben. Trotzdem ist die Mehrheit der Hunger leidenden Menschen weiterhin weiblich. Bernhard Walter, Ernährungsexperte von Brot für die Welt, sagt: „Wegen mangelnder politischer Teilhabe, fehlender rechtlicher Gleichstellung und Diskriminierung beim Zugang zu Land und anderen Ressourcen sind Frauen viel stärker von Ernährungsunsicherheit betroffen als Männer. Doch Frauen organisieren sich in vielen Ländern gegen alle Widerstände.“ Philipp Mimkes, Geschäftsführer von FIAN Deutschland ergänzt: „Frauen werden in vielen Ländern in Bezug auf Bildung, Landrechte, Einkommen oder politische Teilhabe diskriminiert. Ihre tragende Rolle in den Ernährungssystemen bleibt in der Regel im Hintergrund. Zudem sind Frauen oftmals systemischer Gewalt ausgesetzt – insbesondere, wenn sie Unternehmensinteressen oder autoritären Regierungen in die Quere kommen. Die Fallbeispiele im neuen Jahrbuch zeigen jedoch eindrücklich die politische Handlungsfähigkeit von Frauen – selbst gegenüber repressiven oder neoliberalen Regierungen.“ Das Recht auf Nahrung ist als Menschenrecht verankert in Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, dem UN-Sozialpakt. Es ist eines der am häufigsten verletzten Menschenrechte. In den Nachhaltigen Entwicklungszielen haben sich die Vereinten Nationen verpflichtet, bis 2030 das Recht auf Nahrung für alle Menschen zu verwirklichen. Das diesjährige Jahrbuch zum Recht auf Nahrung – der Right to Food and Nutrition Watch –  erscheint in englischer, spanischer, französischer und portugiesischer Sprache und wird am 16. Oktober im UN-Committee on World Food Security (CFS) in Rom vorgestellt. Die Autorinnen und Autoren sind Teil vom Global Network for the Right to Food and Nutrition. Hinweise für Redaktionen:
Eine Zusammenfassung des neuesten Jahrbuchs zum Recht auf Nahrung finden Sie hier . Gerne senden wir ein englisches Exemplar in gedruckter Form zu. Online verfügbar ab 16. Oktober unter www.righttofoodandnutrition.org/watch Dr. Bernhard Walter, Referent für Ernährungssicherheit bei Brot für die Welt, steht Ihnen während der Tagung des UN-Komitees für weltweite Ernährungssicherheit bis zum 18. Oktober in Rom für Interviews zur Verfügung. Kontakt in Rom:
Dr. Bernhard Walter, Brot für die Welt: mobil 0172 1032410 oder bernhard.walter@brot-fuer-die-welt.de Kontakt in Köln bzw. Berlin:
Philipp Mimkes, Geschäftsführer FIAN, Tel. 0221 47449120, P.Mimkes@Fian.de
Renate Vacker, Pressesprecherin Brot für die Welt, Tel. 030 65211 1833, presse@brot-fuer-die-welt.de

Welternährungstag: Hungerzahlen steigen stark an

10. Oktober 2019 - 10:12
Die Menschenrechtsorganisation FIAN Deutschland weist anlässlich des Welternährungstags am 16. Oktober darauf hin, dass die Zahl der an „mittlerer oder schwerer Ernährungsunsicherheit“ leidenden Menschen – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – in nur vier Jahren um 317 Millionen auf nun über zwei Milliarden Personen gestiegen ist. Dies zeigen jüngste Zahlen der Welternährungsorganisation FAO. Zugleich ist die Datenlage zur Zahl der Todesfälle durch Hunger und Mangelernährung lückenhaft: Schätzungen liegen zwischen 9 und 36 Millionen Menschen pro Jahr. „Das Recht auf Nahrung von einem Viertel der Weltbevölkerung wird verletzt. Dies ist ein politischer Bankrott angesichts von Rekordernten und vollen Nahrungsmittelspeichern“, so Philipp Mimkes, Geschäftsführer von FIAN Deutschland. „Hungernde sind meist marginalisiert, weswegen dieses stille Drama in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird.“ Exemplarisch ist die Entwicklung in Südamerika, einem von der industriellen Agrarwirtschaft dominierten Kontinent: Trotz gewaltiger Expansion der Agrarflächen ist regelmäßiger Hunger dort stark angestiegen. 131 Millionen Menschen sind betroffen, ein Anstieg um 67 % seit dem Jahr 2014. Südamerika ist bekannt für die aggressive Expansion der Produktion weniger Agrargüter wie Soja, Rindfleisch oder Zuckerrohr. „Dieses industrielle Agrarmodell wird immer wieder als "modern" betitelt – auch von den davon profitierenden Agrarkonzernen wie Bayer, BASF oder Syngenta. Es ist jedoch viele Jahrzehnte alt und geht an den Bedürfnissen der Hungernden vollkommen vorbei. Dies zeigen die Zahlen aus Südamerika auf erschreckend deutliche Weise“, so Roman Herre, Agrarreferent von FIAN Deutschland. Zu den wichtigsten Hungerursachen gehören soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung und ungerechte Handelsstrukturen. FIAN fordert daher eine menschenrechtlich ausgerichtete Hungerbekämpfung, die – neben der akuten Katastrophenhilfe, der Bekämpfung der Erderhitzung und der Beendigung kriegerischer Konflikte – zuerst die Rechte marginalisierter Bevölkerungsgruppen stärkt. Kontakt:
Philipp Mimkes, 0221-474491-20
Roman Herre, 0221-474491-13 Hintergrund zur Pressemitteilung Definitionen
Die FAO hat 2019 zur Hungerbemessung erstmals umfassende Daten des neuen Indikators FIES (Food Insecurity Experience Scale) berücksichtigt. Er beruht im Gegensatz zum klassischen Indikator Prevalence of Undernourishment (PoU) auf konkreten Haushaltsbefragungen. Die weltweite Erhebung des FIES-Indikators ermöglicht eine genauere Analyse der Hunger-Ursachen, obgleich eine Aufschlüsselung nach Ländern weiterhin fehlt. Hintergrund zum FIES
Der FIES wurde als zusätzlicher Indikator zur Erreichung von SDG 2 („Den Hunger weltweit bis zum Jahr 2030 beenden“) etabliert. Er kann unterschiedliche Schweregrade von Hunger und Ernährungsunsicherheit messen. Mit dem diesjährigen Bericht der FAO zu Hungerzahlen (SOFI, Juli 2019) wurden erstmals Zahlen zu „moderater Ernährungsunsicherheit“ (moderate food insecurity) veröffentlicht. Zudem bietet der neue Indikator die Möglichkeit, die Daten zu disaggregieren – also nach Geschlecht, Alter, Wohnort etc. aufzuschlüsseln. Dadurch können zugrundeliegenden Ursachen von Hunger deutlich besser analysiert und die Wirkung politischer Maßnahmen auf marginalisierte Gruppen hergestellt werden. Rekordernten und Lagerbestände
Die Weltgetreideernte beinhaltet die Ernte der global bedeutendsten Grundnahrungsmittel Weizen, Mais und Reis. Laut FAO (Food Outlook 5/2019) ist die Weltgetreideernte in den letzten 10 Jahren stark angestiegen, von 2,2 auf 2,8 Milliarden Tonnen (+27%). Die Weltbevölkerung ist im gleichen Zeitraum um 11% gewachsen. Auch die Weltgetreidespeicher sind deutlich besser gefüllt als noch vor 10 Jahren (852 Millionen Tonnen gegenüber 520 Millionen Tonnen).
 
Wie viele Menschen sterben an Hunger?
Es gibt keine systematischen Untersuchungen zu der Zahl der Menschen, die an den Folgen von Hunger und Mangelernährung sterben. Verschiedene UN-Organisationen haben dazu unterschiedliche Schätzungen veröffentlicht. Laut FAO-Bericht aus dem Jahr 2002 sterben täglich 25.000 Menschen an den Folgen von Hunger und Mangelernährung, somit 9,1 Millionen pro Jahr. Laut dem damaligen UN-Sonderberichterstatter zum Recht auf Nahrung starben 2006 etwa 36 Millionen Menschen an den Folgen von Hunger und Mangelernährung. Den Hintergrund können Sie hier als pdf abrufen.
 



Buchneuerscheinung: "Fair einkaufen - aber wie?"

8. Oktober 2019 - 14:20
Das Standardwerk des Fairen Handels „Fair einkaufen – aber wie? – das Handbuch für Fairen Handel, Mode, Geld, Reisen, Elektronik und Genuss“ ist jetzt noch aktueller, informativer und dicker. Freuen Sie sich auf viel Neues: Wir  haben recherchiert, was ein fairer Lohn ist, wie der Faire Handel auf den Klimawandel reagiert, was eine Abschaffung der Kaffeesteuer bringt und wie mies die Arbeitsbedingungen in osteuropäischen Schuhfabriken sind. Neu ist unter anderem auch, wie gut fair zu vegan, bio und regional passt, was Divestment, Direct Trade und Wertschöpfung bedeuten, wie Huawei, Apple & Co. produzieren lassen, was es mit dem Grünen Knopf für Mode auf sich hat und warum Lidl bei fairen Bananen einen Rückzieher gemacht hat.
Das Buch informiert Konsumentinnen und Konsumenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, wie der Faire Handel funktioniert, wer seine Akteure sind, woran sie faire Produkte erkennen, welche Siegel glaubwürdig sind, wer den Fairen Handel kontrolliert und welches die neuen Trends bei fairen Lebensmitteln sind. In den Kapiteln A wie Ananas bis Z wie Zucker steht, wo sie das jeweilige faire Produkt in allen drei Ländern kaufen können. 
Vier weitere Kapitel gehen auf die Missstände in der Herstellung unserer Kleidung und Smartphones sowie auf die Folgen von Overtourism und herkömmlichen Geldanlagen ein – und zeigen, worauf jeder einzelne Konsument, Reisende und Sparer achten kann. Noch mehr Grafiken, Tipps, Experteninterviews und Hintergründe sowie ein ausführlicher Infoteil mit Web-Tipps und Literaturempfehlungen runden den 432 Seiten starken Ratgeber ab.
Ein weiteres Highlight zum zehnjährigen Jubiläum von „Fair einkaufen – aber wie?“ ist das Vorwort von Dr. Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises. In dem Buch gibt es unter anderem auch ein Interview mit dem Fian-Referent Roman Herre und mehrere Zitationen von der Fian-Referentin Gertrud Falk. Weitere Informationen über das Buch gibt es hier.

FIAN kritisiert die von der Regierung Ugandas vorgeschlagene Entschädigung für die Vertriebenen im Fall Neumann Kaffee Gruppe als deutlich zu niedrig

8. Oktober 2019 - 14:06
Am 10. Oktober findet im Mediationsverfahren zur Entschädigung von mehr als 2.000 gewaltsam vertriebenen Bäuerinnen und Bauern zugunsten der Kaffeeplantage der Neumann Kaffee Gruppe das zweite Treffen statt.  Das Mediationsverfahren wurde am 1. Juli 2019 vom Hohen Gericht in Kampala angeordnet. Im Vorfeld der Sitzung bietet die Generalstaatsanwaltschaft einen finanziellen Ausgleich von 1,9 Milliarden ugandischen Schilling (UGX) an, was rund 467.600 Euro entspricht. FIAN begrüßt, dass die Regierung Ugandas ihre Pflicht zur Entschädigung der Vertriebenen anerkennt, kritisiert jedoch den viel zu niedrigen Betrag. Dieser entspricht nur der Hälfte des von den Vertriebenen in ihrer Klage aus dem Jahr 2002 geforderten Betrags und berücksichtigt weder Zinsen noch Inflation. Die Neumann Kaffee Gruppe hat noch kein Entschädigungsangebot vorgelegt. Die gewaltsame Räumung fand vom 18. - 21. August 2001 statt. Etwa 4.000 Einwohner von vier Dörfern im Bezirk Mubende wurden von ihrem Land vertrieben und ihre Häuser zerstört, ohne dass die Betroffenen entschädigt wurden. Seitdem leiden viele von ihnen unter Hunger und Armut, während die Kaweri Coffee Plantation auf dem Land Kaffee produziert. Im August 2002 haben die Vertriebenen die Regierung von Uganda und das Unternehmen auf Schadenersatz in Höhe von 3,9 Mrd UGX (ca. 935.000 €) verklagt. Der Fall ist noch immer vor Gericht. In einem ersten Urteil vom März 2013 hat der High Court Nakawa den geforderten Betrag um Zinssätze ergänzt und die Anwälte der Kaweri Coffee Plantation Ltd. zu einer Entschädigung von 37 Mrd UGX (rund 9 Mio Euro) verurteilt.
 
„Das Angebot ist ein Schlag in das Gesicht der Menschen, die im Zuge der Vertreibung ihre Existenz verloren haben“, sagt Gertrud Falk, die den Fall für FIAN Deutschland seit 2003 begleitet. „Der angebotene Betrag von 467.600 € bedeutet, dass jeder der Kläger nur 116 € für die Zerstörung seines gesamten Eigentums und 18 Jahre Leiden erhalten würde.“ FIAN fordert den Präsidenten von Uganda sowie den Geschäftsführer der Neumann Kaffee Gruppe, Christian Neumann, auf, für eine angemessene Entschädigung der Vertriebenen zu sorgen. „Auch die Bundesregierung muss sowohl ihren diplomatischen Einfluss auf Uganda geltend machen als auch ihre Beziehungen zur Neumann Kaffee Gruppe nutzen, damit die Vertriebenen eine menschenwürdige Entschädigung erhalten“, so Falk weiter.
 
Den Brief der Generalstaatsanwaltschaft mit der vorgeschlagenen Vergütung können Sie hier nachlesen.
Hier finden Sie FIANs Briefaktion und die Online-Petition zum Fall. Kontakt:
Gertrud Falk, FIAN Deutschland, Tel. 0221-47 44 91-15, E-Mail: g.falk@fian.de Hintergrundinformationen: https://www.fian.de/fallarbeit/kaweriuganda/

Buchvorstellung und Podium: »Globale (Un)Ordnung«

7. Oktober 2019 - 9:18
FIAN hat mit einem Kapitel zum Thema „Ernährungssouveränität“ zum „ABC“ beigetragen. Dort wird sowohl die Historie des Begriffs im Kontext der WTO-Kritik, sein fulminanter Bedeutungsgewinn als auch seine aktuelle Bedeutung für soziale Mobilisierung im ländlichen Raum beleuchtet. Es diskutieren:
Claudia von Braunmühl, Mitherausgeberin
Birgit Mahnkopf, Prof. i.R. für Europäische Gesellschaftspolitik
Jochen Steinhilber, Friedrich-Ebert-Stiftung
Christian Jakob, taz Redaktion
Moderation: Wilhelm Vogelpohl, taz Werbung
Eine Kooperation von taz und Friedrich-Ebert-Stiftung Dienstag, 15. Oktober 2019, 19.30 Uhr, Eintritt frei
Friedrichstraße 21, 10969 Berlin-Kreuzberg
Mehr Informationen zur Veranstaltung und der Flyer zum Download

Vereinnahmung von Menschenrechten durch Unternehmen

1. Oktober 2019 - 9:45
Dr. Christian Scheper vom Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen beschreibt in seinem Beitrag für das aktuelle FoodFirst-Magazin, wie der Menschenrechts-Diskurs zunehmend der Sprache und Handlungslogik von großen Unternehmen folgt. Firmen und Lobby-Verbände legen den Fokus demnach meist auf individuelle Sorgfaltspflichten. Hierdurch können sich die Unternehmen rechtlich absichern und zudem einen Legitimationsgewinn erzielen.  Scheper befürchtet, dass durch diese Entwicklung eine Kernidee der Menschenrechte – nämlich den politisch-ökonomischen Verhältnissen eine institutionelle Macht gegenüberzustellen – vernachlässigt wird. Notwendig sei vielmehr, den Blick auf Konflikte zwischen grenzüberschreitenden Märkten und Unternehmensstrukturen auf der einen und Menschenrechten auf der anderen Seite zu richten. Die Ausgestaltung politischer Maßnahmen sollte sich von der Frage leiten lassen, wo Märkte systematisch Menschenrechtskonflikte hervorrufen (z.B. Umweltschäden durch Rohstoff-Abbau, Agrobusiness mit exzessivem Pestizideinsatz, Nahrungsmittelspekulationen etc) und welche Institutionen und Mechanismen zur Stärkung von Rechteinhaber*innen gegenüber Unternehmen beitragen können. Hierdurch könnten strukturelle Konflikte zwischen Profitstrategie und Menschenrechten verringert werden. Den vollständigen Artikel finden Sie hier zum Download bereit.
Kostenloses Probeheft hier anfordern.

Britische Entwicklungsbank leitet Untersuchung nach Ermordung eines kongolesischen Aktivisten ein

30. September 2019 - 16:35

Nach der mutmaßlichen Ermordung eines kongolesischen Aktivisten durch einen Wachmann im Auftrag des von der britischen Entwicklungsbank kofinanzierten Palmölunternehmens Feronia wurde nun eine unabhängige Untersuchung eingeleitet. Die Commonwealth Development Corporation (CDC), die sich zu 100 % im Besitz des britischen Ministeriums für internationale Entwicklung befindet, hat unabhängige Ermittler*innen eingesetzt, um die Umstände des Todes von Joël Imbangola Lunea, einem 44-jährigen Vater von acht Kindern, am 21. Juli in Bempumba zu untersuchen.

Landrechtsaktivist*innen und Dorfbewohner*innen behaupten, dass sie von Mitarbeiter*innen von Feronia, einem der größten Palmölunternehmen des afrikanischen Kontinents, schikaniert und eingeschüchtert wurden. Die CDC, die zwischen 2015 und 2018 1,8 Mrd. £ (ca. 2 Mrd. €) an Hilfsgeldern erhielt, besitzt 38 % des kanadischen Unternehmens Feronia, das rund 9.000 Personen in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) beschäftigt. Das defizitäre Unternehmen und seine Tochtergesellschaft Plantations et Huileries du Congo (PHC) erhalten auch Unterstützung von anderen europäischen Entwicklungsbanken. Die Untersuchung wird das Management der Sicherheitsteams von Feronia sowie die unmittelbaren Umstände des Todes von Imbangola untersuchen. Es folgt auf Proteste gegen das Versagen der örtlichen Polizei, den Verdächtigen sofort festzunehmen.

Die Bank, die seit 2013 rund 51,9 Millionen Dollar (ca. 47,5 Millionen Euro) in Feronia investiert hat, wird nach Angaben der Organisation innerhalb weniger Wochen über die Ergebnisse der Untersuchung berichten. Die CDC sagte in einer Stellungnahme: „Unmittelbar nach dem tragischen Tod von  Joël Imbangola Lunea und unabhängig von polizeilichen Ermittlungen beauftragte die CDC unabhängige Ermittler*innen, um zu prüfen, ob der Vorfall in irgendeiner Weise mit der Beschäftigung des angeblichen Täters bei Feronia zusammenhängt.“ CDC hat fast 10 Millionen Dollar (ca. 9,2 Millionen Euro) seiner Investitionen in Feronia für die Verbesserung von Gesundheit, Bildung und Infrastruktur bereitgestellt.

Imbangola, ein Flussschiffsführer, war Mitglied der RIAO-RDC, einer kongolesischen NGO für Landrechte, die in einen Streit mit Feronia und PHC verwickelt ist, der bis in das Jahr 1911, als das Land von den belgischen Kolonialbehörden an den britischen Lord Leverhulme übergeben wurde, zurückreicht. RIAO-RDC behauptet, dass Gemeinden für drei von PHC betriebene Palmölplantagen angestammte Ländereien „illegal entwendet“ wurden, und sie damit ihrer Möglichkeiten beraubt wurden, ihre Familien angemessen unterzubringen und zu ernähren. Der Schiffsführer beförderte gerade Passagiere auf seiner Piroge nahe des nordkongolesischen Dorfes Bempumba, als der mutmaßliche Angriff erfolgte.

Ein Verwandter von Imbangola, der nicht genannt werden möchte, sagte: „Wir haben das Oberhaupt unserer Familie verloren. Wir haben alles verloren. Wir haben nichts, kein Geld, keine Mittel, um Anwälte zu bezahlen, zu ermitteln. Die Polizei tut nichts. Wir haben Angst.“ Der Familienangehörige erläutert, dass die lokalen Mitarbeiter*innen von Feronia behauptet hatten, dass der Verdächtige, der sich jetzt in Haft befindet, nicht für das Unternehmen gearbeitet habe. In einer Erklärung auf der Website des Unternehmens im Juli wurde hingegen bestätigt, dass nach einem Mitarbeiter von Feronia wegen des Mords an Imbangola polizeilich gefahndet wurde.

Im Jahr 2017 äußerten britische Abgeordnete ihre Besorgnis über die Investition von CDC in Feronia, nachdem Reuters berichtet hatte, dass das Unternehmen es versäumt habe, die Unterbringung seiner zum Teil unter dem Mindestlohn bezahlten kongolesischen Mitarbeiter*innen zu verbessern. Sie empfahlen der CDC, einen „vollständigen Bericht über ihre Investition zu veröffentlichen, der sich mit den Fragen nach Löhnen, Arbeitsbedingungen und Landstreitigkeiten auseinandersetzt.“ Die CDC entgegnete, dass sie „hart arbeite“, um die Löhne ab 2017 zu erhöhen. Feronia stelle Schulen, Krankenhäuser und andere Infrastruktur für Arbeiter*innen und Gemeinden zur Verfügung. „Ohne die Beteiligung von Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen in Feronia wären rund 9.000 Dauer- und Nebenbeschäftigungen in einem der abgelegensten Teile des weltärmsten Landes verloren gegangen.“

Im November wandten sich Vertreter*innen von neun Gemeinschaften der demokratischen Republik Kongo, darunter RIAO-RDC, an einen von der deutschen Entwicklungsbank DEG eingerichteten Beschwerdemechanismus, um ihre Beschwerden gegen Feronia vorzubringen. Dabei wurden sie von einer Reihe von NGOs, darunter Oxfam, unterstützt. Seitdem wurden die Gruppen laut RIAO-RDC verstärkten Belästigungen und Einschüchterungen seitens der Feronia-Mitarbeiter*innen ausgesetzt. Nick Dearden, Geschäftsführer von Global Justice Now, forderte das britische Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit (DfID) auf, eine eigene Untersuchung zum Mord an Imbangola durchzuführen, um sachkundige Entscheidungen über die zukünftige Investition der CDC in Feronia zu treffen und festzustellen, „ob den Gemeinden Entschädigungen geschuldet werden“. Ein Sprecher des DfID teilte mit, dass sie sich des Todes von Imbangola bewusst seien und fügte hinzu: „Weitere Kommentare während der polizeilichen Untersuchungen wären unangebracht“.

Feronia reagierte nicht auf die Anfrage des Guardian. Eine Erklärung auf der Website von Feronia, die im Juli veröffentlicht wurde, lautete: „Das Unternehmen ist zutiefst traurig zu erfahren, dass einer seiner Mitarbeiter*innen von der Polizei im Zusammenhang mit dem Tod von Herrn Joël Imbangola Lunea am Sonntag, den 21. Juli 2019, gefahndet wird. Die Polizei behandelt den Tod von Herrn Imbangola als Mord.“ Das Unternehmen sagte, dass es versuche, den Sachverhalt zu klären, da „verschiedene Versionen der Ereignisse“ gemeldet worden wären. „Eine Reihe von Zeug*innen haben dem Unternehmen mitgeteilt, dass die Meinungsverschiedenheiten, die zu dem tragischen Unfall geführt haben, persönlicher Natur waren. Da sich der Vorfall aber etwa 18km von der Plantage von Feronia entfernt, in der Nähe des Heimatdorfes des Mitarbeiters, ereignete, während er vier Wochen Urlaub hatte, erweist sich die Feststellung von Fakten als schwierig.“ (eigene Übersetzung eines Artikels des Guardian vom 27. September).

FIAN und Urgewald haben die Beschwerde von RIAO-RDC bei der DEG unterstützt: https://www.fian.de/artikelansicht/2019-01-15-kfw-tochter-deg-beschwerde-wegen-landkonflikten-bei-palmoelplantagen-im-kongo-offiziell-angenommen

Indien: Solidarität mit Kleinbauern und -bäuerinnen in Odisha

30. September 2019 - 10:49
Das ursprünglich mit Investitionen des koreanischen Stahlgiganten POSCO geplante Projekt sieht den Bau eines Stahlwerks, eines Hafens und den Abbau von Eisenerz vor. Die Aneignung des dafür benötigten Landes erfolgte unter Missachtung mehrerer Gesetze und Verfahren sowie der Vergabe illegaler Genehmigungen. Seitdem ihr Land gewaltsam erworben wurde, sind die Dorfbewohner*innen willkürlichen Verhaftungen sowie der Zerstörung von Wald und Ackerland – und somit dem Verlust ihrer Lebensgrundlage – ausgesetzt. Die Auswirkungen auf die Umwelt sind besorgniserregend. Eine Analyse von FIAN International deutet auf weitreichende Menschenrechtsverletzungen hin. FIAN International fordert, das Land unverzüglich an die ursprünglichen Bewohner*innen zurückzugeben, deren Lebensunterhalt vollständig hiervon abhängt. Lesen Sie hier das vollständige Schreiben an den Ministerpräsidenten von Odisha. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Sabine Pabst, Asien-Koordinatorin von FIAN International.

Sambia: Hunger durch fehlende Landnutzungsrechte und Klimawandel

26. September 2019 - 14:18
Interview mit Archie Mulunda von FIAN Sambia hier abrufen. Wir sprachen mit ihm über die prekäre Ernährungslage in Sambia, die Situation der Landbevölkerung und welchen Herausforderungen die junge Sektion gegenübersteht. Zwei Drittel der sambischen Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Investitionen der Agrarindustrie führen oftmals zu Landkonflikten. Und die Folgen des Klimawandels verschärfen schon heute die Ernährungsprobleme. Archie Mulunda von der neu gegründeten FIAN-Sektion in Sambia war zu Gast in der Geschäftsstelle von FIAN Deutschland. Wir interviewten ihn zur Ernährungslage in Sambia, zu Auswirkungen des Klimawandels auf die ländliche Bevölkerung und die Menschenrechtssituation im Land:
„Frauen kämpfen am meisten mit den Folgen der Unterernährung, gerade auf dem Land. Die Unterstützung ihrer Ehemänner fehlt zumeist. Kinder wiederum sind durch Unterernährung besonders betroffen und daher nicht in der Lage, sich in der Schule ausreichend zu konzentrieren“, erläutert  Mulunda. Über 40% der sambischen Bevölkerung leiden an Unterernährung. Es fehlt an  einer nationalen Bodenpolitik und an Investitionen in Bewässerungssysteme wie beispielsweise dem Bau von kleinen dezentralen Wasserspeichern in ländlichen Gebieten, die der mangelnden Wasserversorgung entgegenwirken könnten. Welchen Herausforderungen die junge Sektion gegenübersteht und wie FIAN Deutschland Mulundas Arbeit unterstützen kann, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe vom FoodFirst-Magazin. Das Interview zum Download. Ein Probeheft des aktuellen FoodFirst Magazins können Sie per Mail hier anfordern.

Natur 2.0: Marktliberaler Naturschutz und Waldentvölkerung in Indien

24. September 2019 - 16:32
In seinen nationalen Beiträgen (NDCs) zum Pariser Abkommen hat sich Indien dazu verpflichtet, Kohlenstoffsenken von 2,5 bis 3 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalenten durch zusätzliche Wald- und Baumbestände zu schaffen. Nach außen hin stellt sich Indien damit als glänzende Naturschützerin dar. Dabei ist der Naturschutz nur ein Alibi – denn in erster Linie ist die Aufforstung ein doppelt lukratives Geschäft: zum einen generieren die neuen Wälder Profit in Form von CO2-Zertifikaten, zum anderen dienen sie als Handelsgüter auf dem weltweiten Holzmarkt. Gleichzeitig ermöglichen es die Kompensationsaufforstungen, primäre Waldfläche zugunsten von Industrie, Bergbau und anderen profitbringenden Projekten zu roden. Damit wird der Wald zum Herzstück des indischen Kapitalismus – und dies zu Lasten der Gemeinschaften, die diese Gebiete traditionell bewirtschaften. Diese sind der kommerziellen Aneignung der Wälder ein Klotz am Bein. In der Zange zwischen profitgetriebener Naturzerstörung und ökoimperialistischem Naturschutz werden die demokratischen Rechte der waldsiedelnden Bevölkerung zunehmend gegen die Wand gefahren – eine Situation, die heute nicht viel anders ist als im kolonialen Indien des 19. Jahrhunderts. 2016 und 2017 brach Indien gleich zwei Weltrekorde in Folge: erst 800.000, dann 1,5 Millionen Freiwillige trommelte die Regierung zusammen, um gemeinsam Baumsetzlinge zu pflanzen. Vor dem Hintergrund des Pariser Klimarahmenabkommens, bei dem die indische Regierung beteuert hatte, rund 6,2 Milliarden Dollar für Aufforstungungen bereitstellen zu wollen, sollten diese spektakulären Happenings eine weltweite Botschaft versenden: das Zeitalter der Sünde sei vorbei, und man habe sich nun endlich der Mission des Umweltschutzes verschrieben. Rund 33 % seiner Landfläche wolle man dafür bis 2030 mit kohlenstoffbindender Waldfläche überdecken – dies wäre ein Zuwachs von beinahe 12 %. Auch wenn es sich dabei um monokulturelle Aufforstungen handelt, die mitnichten mit der klimatischen Bedeutung natürlicher Wälder mithalten können, erschien diese Ankündigung auf den ersten Blick wie eine Atempause für Mensch und Natur – insbesondere für Indiens etwa 250 millionenköpfige Waldbevölkerung (forest dwellers), für die Wälder einen unveräußerlichen Lebens-, Kultur- und Identifikationsraum darstellen. Im Zuge der Industrialisierung, für die zahllose Waldstriche dem Erdboden gleich gemacht worden waren, mussten nämlich viele Waldsiedelnde ihre angestammte Heimat ohne angemessene Entschädigungen verlassen (lt. Schätzungen wurden innerhalb von 50 Jahren rund 50 Millionen Menschen für „Entwicklungsprojekte“ vertrieben; aktuelle Beispiele sind Narmada und JUSL). Viele von ihnen waren ?div?s? oder „erste Bewohner“ (1) – traditionelle indigene Gemeinschaften, die sich in Folge der indo-europäischen Einwanderung um 1500 v. Chr. in entlegene Wald- und Berggebiete zurückzogen und dort viele ihrer traditionellen Lebensformen bewahren konnten. Besonders für sie könnte der Kurswechsel zu mehr Wald- und Naturschutz auf den ersten Blick von vorrangiger Bedeutung sein.  Aber was grünlich schimmert, hat einen langen und menschenverachtenden Schatten: Die „Aufgrünung“, die Indien im Rahmen dieses massiven Aufforstungsprogrammes vorantreibt, ist nicht dem Allgemeinwohl, sondern der wirtschaftlichen Rentabilität verpflichtet. Und diese bestimmt, was schützenswert ist und was nicht. Während komplexe Waldökosysteme (und jene, die von und in ihnen leben) ungeachtet der grünen Selbstpräsentation weiterhin dem Industriehunger zum Opfer fallen – über 20.000 Hektar hat die indische Regierung zwischen 2015 und 2018 zur Rodung zugunsten großer Industrieprojekte freigegeben – werden neue Kunstwälder aufgezogen, die als Patentlösung für die eigenen Klimaschutzziele dienen sollen. Denn anders als „unproduktive“ Wälder, heißt es, würden durch kommerziell verwertbare Harthölzer wie Eukalyptus und Teakholz wirtschaftliche Anreize geschaffen, die Natur zu bewahren. Der indische Staat trete dabei als aufgeklärter Patron hervor, der diese „neue Wildnis“ – und seine daran ausgerichteten Kapitalinteressen – vor der Zerstörungskraft des wildernden Menschen schützen müsse. Im antagonistischen Gefecht zwischen „Natur“ und Mensch können bewaldete Regionen nämlich nur dann in voller Produktivität – und damit ihrer eigenen Erhaltung – aufgehen, wenn sie von allen Spuren menschlicher Besiedelung bereinigt würden. Auch zum Preis von Menschenrechten und Demokratie. Koloniale Kontinuität Das Bild einer Natur, die der Barbarei des Menschen wehrlos unterlegen sei und somit nur durch eine höhere Instanz bewahrt werden könne, ist dabei nicht neu, sondern knüpft unmittelbar an vergangene koloniale Narrative an. Schon die britische Kolonialregierung hatte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts einer solchen Polarisierung von Gesellschaft und (kapitalistisch produzierter) Natur bedient, um ganze Landstriche unter ihren Besitz zu bringen und deren Verwaltung drakonisch zu zentralisieren. Die soziale Dimension von Wald als wichtigem Lebens-, Wirtschafts- und Kulturraum, einschließlich der darin angestammten Gemeinden, wurde vollständig ignoriert. Den waldsiedelnden Menschen wurden unter dem Vorwurf, nichts als intrudierende Nutznießer*innen zu sein, ihre Wohn- und Nutzungsrechte entzogen. Dutzende Millionen Menschen wurden gewaltsam vertrieben, um Platz für die kommerzielle Inwertsetzung der Waldlandschaften zu schaffen. Die Rechte der Waldstämmigen wurden dabei dem „nationalen Interesse“ des Naturschutzes unterworfen – wobei die Waldstämmigen dabei implizit davon ausgenommen wurden, selbst ein Teil des Nationalstaates zu sein. Diese Praxis zentralisierter Umweltpolitik wurde dann im postkolonialen Indien nahezu nahtlos fortgeführt. Mit an der Speerspitze standen nun zunehmend nationalistisch ausgerichtete Umweltverbände, die die Einrichtung von menschenleeren Natur- und Wildreservaten zu Gunsten der Erholung urbaner Eliten forcierten. Auch hier war die Bilanz für waldstämmige Gemeinschaften, die diese naturromantischen Vorstellungen durchkreuzten, nicht minder unbarmherzig. Dann kam eine entscheidende Wende: nach jahrelangem Drängen waldrechtlicher Bewegungen wurde 2006 der Forest Rights Act beschlossen. Dieser sollte für der historische Ungerechtigkeit gegenüber den Waldstämmigen Rechnung tragen und ihr Rechte auf selbstbestimmte Verwaltung ihrer traditionellen Ländereien anerkennen. Die Bedeutung des Gesetzes war revolutionär: erstmalig hatten die Betroffenen Mittel, um sich gegenüber der Bedrohung seitens wirtschaftlicher und umweltkonservatoristischer Interessen zu wehren. Obwohl am Vorabend der Verabschiedung mehrere Verfahren von selbsternannten Wald- und Naturschützer*innen eingeleitet wurden, konnte der Erlass aber nicht verhindert werden. Jedoch sorgte die Apathie des bürokratischen Apparates dafür, dass eine ordnungsgemäße Umsetzung des Gesetzes bis dato so gut wie gänzlich ausblieb. Neues Forstgesetz Zum Entsetzen aller, die jahrelang für Waldrechte gekämpft hatten, trat nun ein vernichtender Rückschritt ein: im März 2019 legte die indische Regierung einen Änderungsentwurf vor, der den Ermessensspielraum des kolonialen Forstgesetzes von 1927 massiv ausweiten und der Staatsmacht quasi absolute Macht über die Waldgebiete zugestehen soll. In seiner vorliegenden Form würde das Gesetz die Teilhaberechte der waldansässigen Bevölkerung nahezu vollständig aushebeln und damit der weiteren Kommerzialisierung  der verbliebenen Primärwälder – auch über den vermeintlich wohlwollenden Aufforstungsmechanismus – freie Fahrt erteilen. Zusätzlich würde dem Staat unter einem „Sonderbefugnisgesetz“ (special powers act) die Freiheit verliehen, die zur Konservierung eingezäunten Land- und Waldstriche polizeilich und militärisch abzusichern – mitsamt der Erlaubnis, auf mögliche „Eindringlinge“ zu schießen. Der Feldzug von Staat, multinationalen Konzernen und bourgeoisen Umweltverbänden gegen die waldsiedelnde Bevölkerung trägt aber schon jetzt seine Früchte: erst zu Beginn des Jahres hatte es die Regierung versäumt, die im Forest Rights Act anerkannten Rechte von rund acht Millionen Waldsiedelnden zu schützen. Diesen war in einer Klage dreier Umweltschutzverbände vorgeworfen worden, „illegale Waldeindringlinge“ zu sein – womit sie der Gefahr unterliegen, ihre gesamten Lebensgrundlagen entzogen zu bekommen. Auch wenn Untersuchungen der letzten zehn Jahre keinerlei Aufschluss über Waldzerstörungen durch Indigene und Waldstämmige aufzeigten – im Gegenteil, sie gelten sogar als vorrangige Bewahrer*innen des Waldes –  behaupteten die Umweltverbände, dass von den waldsiedelnden Menschen eine hohe Bedrohung für Waldökosysteme und die darin lebenden Wildtiere ausginge. Dieser gelte es durch ihre Versetzung dringend entgegen zu treten. Trotz mangelnder Beweise lenkte der oberste Gerichtshof auffällig eifrig ein und ordnete am 13. Februar an, die betroffenen Naturschutzgebiete von den „illegalen Nutznießer*innen“ zu räumen. Mit Schuldgefühlen, ihre menschenrechtliche Schutzpflicht in Bezug auf den Forest Rights Act massiv verletzt zu haben, musste sich die indische Regierung hierbei nicht lange plagen: Zur Anhörung, die über das Schicksal von rund 8 Millionen Menschen bestimmte, erschien nicht eine einzige Regierungsanwält*in. Obwohl die Gegenklage einer breiten Opposition die Zwangsräumungen zumindest fürs Erste aussetzen konnte, zeichnet sich eine gefährliche Entwicklung ab: immer mehr werden in Indien Natur und Mensch vor dem Primat des freien Marktes gegeneinander ausgespielt und grundlegende demokratische Rechte systematisch untergraben (von Alice Rogovoy).

+++Neue Ausgabe des FoodFirst-Magazins erschienen+++

19. September 2019 - 10:51
Trotz ihrer in den vergangenen 30 Jahren verbesserten rechtlichen Situation leiden indigene Völker
überproportional an Diskriminierung und Hunger, nicht zuletzt als Folge der Missachtung kollektiver Landrechte. In der neuen Ausgabe des FoodFirst-Magazins erfahren Sie z.B., dass in Ecuador Bergbaukonzessionen in indigenen Territorien vergeben werden. Sojaplantagen und der Einsatz von in Deutschland hergestellten Agrochemikalien haben fatale Folgen für indigene Gemeinschaften in Paraguay. Ein weiterer Artikel befasst sich mit den Gefahren um den Fortbestand indigener Territorien in Brasilien. Ferner berichten wir über Menschenrechtsverletzungen und desaströse Arbeitsbedingungen von Tee-Pflückerinnen in Indien. FIAN-Agrarreferent Roman Herre bewertet die neuen FAO-Hungerzahlen, in denen der neue Indikator Food Insecurity Experience Scale erstmals berücksichtigt wurde: Demnach ist das Recht auf Nahrung von  zwei Milliarden Menschen – rund 26 Prozent der Weltbevölkerung – verletzt. Hunger und Unterernährung stellen auch in Sambia das Hauptproblem dar, so Archie Mulunda von FIAN Sambia. Wir interviewten ihn bei seinem Deutschlandbesuch zur Ernährungslage, Auswirkungen des Klimawandels auf die ländliche Bevölkerung und die Menschenrechtssituation im Land. Dieser Text kann als Leseprobe online abgerufen werden. Ein kostenloses Probeexemplar können Sie hier anfordern.

Post-Mortem-Interview mit Alexander von Humboldt

13. September 2019 - 0:03

Herr von Humboldt, FIAN gratuliert Ihnen zum 250. Geburtstag!

Oh, es wird wieder viel geschrieben über mich. Ja, es war der 14. September 1769.

Was fällt Ihnen heute an der Menschheit am meisten auf?

Es gibt nach so enormem technischen und wissenschaftlichen Fortschritt immer noch viele Menschen, die hungern. Das ist ein Skandal.

Was gefällt Ihnen an FIAN?

Hätte ich nicht eine gewisse Altersgrenze überschritten (räusper), ich wäre längst beigetreten. Als Spender komme ich auch nicht mehr in Betracht, denn ich habe mein üppiges Erbe zu Lebzeiten voll aufgebraucht. Zum Beispiel bei meiner Südamerikareise 1799 bis 1804. Ich glaube, Sie nennen das heute Fact-Finding-Mission. Was Sie heute als Teamwork propagieren, das habe ich bei meinen Forschungsreisen übrigens auch schon gemacht: Ich bin immer in Teams unterwegs gewesen, habe mir Einheimische als Partner gesucht.

Ist es nicht Zeit für eine Revolution?

Ach wissen Sie, ich habe so viele Revolutionen miterlebt, die haben es alle nicht richtig gebracht. Thomas Jefferson, den US-Präsidenten, habe ich angehauen, dass er die Abschaffung der Sklaverei in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung aufnimmt, aber er hat sich den Plantagenbesitzern gebeugt. Die französische Revolution, sie hat Gewalt und Menschenrechtsverletzungen hervorgebracht. Mit Simón Bolívar bin ich durch die Toskana und nach Rom gereist, er hat auch das eine oder andere meiner Ideen übernommen, aber er hat sich in Venezuela und Bolivien nachher in blutigen Bürgerkriegen verzettelt und wurde wie Napoleon zum Diktator. Von der 1848er Revolution in Deutschland will ich lieber gar nicht reden, das war nur frustrierend.

Was sagen Sie zur kleinbäuerlichen Landwirtschaft?

Das ist immer noch ein Thema für Sie? Ich habe schon 1808 darauf hingewiesen, dass Ureinwohner in der Regel gute Sachwalter der natürlichen Ressourcen sind. Die Indigenen waren weder Barbaren noch Wilde! Es ist sinnvoll, wenn kleinbäuerliche Betriebe zunächst mal für den heimischen regionalen Bedarf produzieren, darüber war ich mir mit Thomas Jefferson einig. In Venezuela hungerte die Bevölkerung, nachdem Indigo als Cash Crop den Mais und andere Nahrungsmittel verdrängt hatte. Sie müssen wissen, Indigo „erschöpft den Boden“ mehr als jede andere Pflanze. In Kuba sah ich, dass große Teile des Landes abgeholzt waren für Zuckerrohr und andere Plantagen. Ich musste erkennen, „ohne Importe aus anderen Kolonien verhungert Kuba“.

Wie standen Sie zum Kolonialismus in Südamerika?

Eine Katastrophe für Mensch und Umwelt. Die Spanier waren gekommen, um sich Silber, Gold und Holz zu holen, "durch Gewalt und Tauschhandel", und waren getrieben von "unersättlicher Habsucht". Die Kolonien konnten nur frei und autark werden, wenn sie von den „Banden des gehässigen Monopols“ und der „europäischen Grausamkeit“ erlöst wurden. Die Landverteilung war ungerecht. In den Bergwerken gab es Ausbeutung, und es gab viel Gewalt gegen indigene Gruppen. Schauen Sie: Ich habe 1808 bis 1811 in mehreren Bänden Studien zum politischen Zustand des Königreichs Neuspanien und später zu Kuba verfasst. Simón Bolívar hat daraus seine Argumente für die Befreiungsbewegung gezogen. Ich hatte gehofft, mit der Studie die US-Amerikaner dazu zu bringen, dass sie den Freiheitskampf im Süden unterstützen. Die vielen Daten und wirtschaftlichen und militärischen Informationen darin haben sie gerne genommen, aber sie wollten keine vereinigte und mit ihnen konkurrierende Nation auf dem südamerikanischen Kontinent entstehen lassen. Und weiter ihr Getreide nach Südamerika exportieren.

Sie waren also der Ideengeber für die Befreiungsbewegung.

Es wurde behauptet, Simón Bolívar habe im Guerillakampf sogar mein Kartenmaterial verwendet. Sicher ist, dass er die Schönheit und die Bedeutung der natürlichen Ressourcen für die Entwicklung durch mich verstanden hat. In Bolivien hat er eine Million Bäume pflanzen lassen. Ich habe das alles aus der Distanz beobachtet. Mein Freund und Teamkollege Aimé Bonpland betätigte sich als Lieferant von Büchern, einer Druckerpresse und Waffen. Er scheute sich aber, am brutalen Befreiungskrieg teilzunehmen.

Dann sind sie also deswegen in Südamerika immer noch so bekannt. Aber Indien haben Sie bei Ihren Weltreisen ausgelassen?

Die Ostindische Compagnie hat mich nicht reingelassen, obwohl viele Promis sich dafür stark gemacht hatten. Aber ich habe zu sehr die koloniale Ausbeutung und die damit einhergehende Waldabholzung und daraus folgende Bodenerosion kritisiert. Auch meine Reise nach Sibirien gewährte der Zar nur mit Auflagen, die ich total unmöglich fand. Mich interessierten nun mal die sozialen Verhältnisse, in denen die Menschen zusammen leben, ebenso wie die Tiere und Pflanzenarten. Davon wollten meine Auftraggeber nichts wissen.

Sie haben dem Zaren unterschrieben, dass Sie das russische Feudalsystem nicht kritisieren werden?

Kein Wort durfte ich zur Leibeigenschaft sagen! Ich wurde auf Schritt und Tritt quasi wie ein Kranker überwacht. Aber ich habe ein paar Verbannte getroffen und später den Zaren gebeten, sie zu begnadigen.

Freuen Sie sich, dass 2019 in Berlin ein Humboldt-Forum eröffnet wird?

Klar, Berlin braucht eine weltläufige, kosmopolitische Einrichtung, zumal angesichts der nationalistischen Tendenzen jetzt in Ihrer Zeit. Allerdings: Das Ausstellungskonzept mit der kolonialen Beutekunst, naja, wurden die früheren Besitzer dazu befragt? Krass finde ich die Fassade, die dem Stadtschloss der preußischen Monarchie nachempfunden ist. Das ist völlig gegen mein Lebensempfinden und das Konzept reduziert mich auf den Naturforscher. Ich war alles Andere als ein braver Pflanzensammler. Wirklich im Reinen war ich mit dem absolutistischen Regime nie, ich war für die Demokratie.

Sie haben als Kammerherr dem König aus Ihren Werken vorgelesen und jedes Jahr 2500 Taler Pension kassiert.

Nerven Sie mich nicht. Ich stand voll zwischen den Fronten. Den einen Tag stand ich 1848 beim König auf dem Balkon in seinem Stadtschloss, den andern Tag marschierte ich an der Spitze des Trauerzugs für die gefallenen Revolutionäre. Von den aufrührerischen Massen habe ich nichts gehalten, von den brutalen Polizeieinsätzen aber auch nichts. Ich wollte damals ein vereinigtes Deutschland, wie so viele andere auch, und zwar ein föderalistisches.

Welche Bilanz ziehen Sie nach Ihrem langen und bewegten Leben?

Ich hege die schale Hoffnung, dass der Wunsch nach Veränderung nicht für immer verschwunden ist. Dieses Verlangen ist „ewig wie der elektromagnetische Sturm, den die Sonne ausstrahlt."

Interview: Johannes Brandstäter (FIAN)

+++Klimaklagen: neues FIAN Factsheet zum Download verfügbar+++

10. September 2019 - 14:15
Der Klimawandel ist deutlich zu spüren und wissenschaftlich belegt. Die Bevölkerung ist mit seinen Folgen konfrontiert und die Politik ergreift keine umfassenden Maßnahmen zum Klimaschutz. Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens durchzusetzen, vor allem die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celcius, gewinnen Klimaklagen immer mehr an Bedeutung. Kirsten Müller (FIAN Deutschland) über juristische Initiativen -sogenannte Klimaklagen- um gegen Treiber des Klimawandels vorzugehen und um Regierungen zur Umsetzung staatlicher Klimaschutzmaßnahmen zu verpflichten. Das 4-seitige Factsheet kann hier runtergeladen werden. Oder gedruckte Factsheets kostenlos anfordern unter: Info(at)Fian.de

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