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Mit Menschenrechten gegen den Hunger
Aktualisiert: vor 7 Stunden 18 Minuten

Neuer Bericht des Weltklimarats: schnelle und umfassende Umgestaltung des vorherrschenden Ernährungssystems nötig

13. August 2019 - 15:49
Am 8. August 2019 hat der Weltklimarat (IPCC) seinen neusten Bericht zu Klimawandel und Landnutzung vorgestellt. Der mehrere hundert Seiten lange Bericht speist sich aus rund 7.000 ausgewerteten wissenschaftlichen Arbeiten. Im Vordergrund steht dabei die wechselwirkende Verflechtung von land- und forstwirtschaftlich bedingten Treibhausgas-Ausstößen, anthropogenem (menschlich verursachtem) Klimawandel, sowie der weltweiten Degradation von Landökosystemen. Besonders die Ernährungssicherheit sei durch dieses Wirkungsgeflecht nach aktuellem Stand bedroht. Der Bericht ist eine Ohrfeige für die deutsche und EU-Agrarpolitik, die vor allem klimaschädliche, einseitig auf Massenproduktion ausgerichtete Landwirtschaft fördern. Die Wissenschaftler*innen empfehlen dagegen agrarökologische Ansätze. Darüber hinaus stützt der Bericht menschenrechtliche Forderungen nach Partizipation der am stärksten betroffenen und ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen an der Entwicklung und Durchführung von Klimaschutzpolitik und Anpassungsprojekten.
Direkt zu Beginn zeichnet der Bericht ein Bild der vordringlichen Bedeutung von gesunden Landsystemen für das unmittelbare wie zukünftige Wohlergehen von Menschen, Tieren und Pflanzen. Terrestrische Ökosysteme, so hebt der Bericht warnend hervor, bilden die Hauptquellen für Trinkwasser und Nahrung, und sind damit unentbehrlich für den Fortbestand biologischer und ökologischer Vielfalt. Gleichzeitig fungieren Land- und Forstbiosphären über ihre Böden und Vegetation auch als natürliche Treibhaussenken und sind damit in der Lage, die dramatischen Auswirkungen der Erderwärmung zumindest teilweise abzudämpfen.
Seit Beginn der Industrialisierung ist die Lufttemperatur an den Landoberflächen aber nahezu doppelt so stark in die Höhe geschossen wie die des globalen Durchschnitts. Dies hat bereits zu weitflächiger Degradation von Land- und Forstbiosphären, Erosionen von Böden und Küsten, explosionsartige Wüstenausbreitungen, massenhafte Vegetations- und Artenverluste, Auftauen von Permafrostböden, Wasserverluste sowie die Zunahme von Extremwetterereignissen wie Waldbränden und Stürmen geführt. Diese Folgen werden weiter zunehmen. All das birgt nicht nur Belastungen für die Landsysteme als solches, sondern gefährdet auch zunehmend die Zukunft des weltweiten Trinkwasser- und Ernährungssystems.
Dabei sei das Ernährungssystem aber nicht nur Opfer, sondern zur gleichen Zeit auch direkter Verursacher dieser verheerenden Entwicklung. Denn laut Sonderbericht stammen rund 23% der gesamten anthropogenen Treibhausemissionen im Zeitraum von 2007-2016 aus der agrar- und forstwirtschaftlichen Landnutzung. Rechnet man die Treibhausgas-Ausstöße durch die Nahrungsmittelproduktion hinzu, so beläuft sich dieser Wert sogar auf bis zu 37%. Rund 70% der globalen eisfreien Landoberfläche werden dabei durch die menschliche Nutzung kurz- oder langfristig beeinflusst – nicht selten mit vernichtenden Wirkungen. Und da viele dieser Folgen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Erderhitzung zusätzlich verstärken, ist die Diagnose eindeutig: sollen die Auswirkungen der Untätigkeit auf Ökosysteme und Menschen vermieden werden, so ist eine sofortige umfassende politische und wirtschaftliche Kehrtwende unentbehrlich. Dazu gehört die radikale Umstellung des gegenwärtigen, auf ressourcen-, wasser- und flächenfressender Tierwirtschaft basierenden Ernährungssystems auf ein nachhaltiges und effizientes Landmanagementsystem sowie die rasche Wiederherstellung degradierter Ökosystemdienstleistungen. Der Weltklimarat schlägt dazu explizit agrarökologische Ansätze vor.
Zentral dabei ist, so der Bericht, auch immer die Einbeziehung lokaler Interessensvertreter*innen – und insbesondere jene, die gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels am verwundbarsten sind: indigene Völker, lokale Gemeinschaften, Frauen sowie arme und marginalisierte Bevölkerungsgruppen.



Hier finden Sie den zusammengefassten, englischen Bericht.


Hier finden Sie die deutschsprachige Übersetzung.


Pressemitteilung zum Internationalen Tag der indigenen Völker

6. August 2019 - 10:44
Köln, 9. August 2019. Anlässlich des Internationalen Tags der indigenen Völker weist FIAN Deutschland auf die besorgniserregende Situation vieler indigener Gemeinschaften im paraguayischen Chaco hin, deren individuelle und kollektive Rechte, darunter das Recht auf Nahrung, systematisch verletzt werden. Der paraguayische Chaco nimmt den gesamten Westen und Norden des Landes ein. Er besteht aus den Bezirken Boquerón, Alto Paraguay und Presidente Hayes und ist der Ursprungsort verschiedener indigener Gemeinschaften. Diese semiaride Region wird seit langem für Viehzucht genutzt. Seit einigen Jahren wird sie von der Agrarwirtschaft auch als idealer Ort für den Anbau von Sojamonokulturen (meist GVO-Soja) erobert, mit gravierenden Auswirkungen auf die Umwelt und die indigenen Völker die dort leben. Zwischen 2001 und 2017 wurden 4,263 Millionen Hektar Wald von einer Gesamtfläche von 22 Millionen Hektar abgeholzt. „Entwaldung, Verschmutzung von Land und Wasser, Erkrankungen durch die Verwendung von Pestiziden sowie Vertreibungen gefährden das Überleben der indigenen Gemeinschaften im Chaco, darunter die Sawohyamaxa und die Yakye Axa“, erläutert Almudena Abascal, Lateinamerika-Referentin von FIAN Deutschland. Die Sawohyamaxa kämpfen seit Anfang der 1990er Jahre für die Rückgabe ihres traditionellen Gebiets. Obwohl der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte im März 2006 den Staat Paraguay verurteilte, innerhalb von drei Jahren 14.404 Hektar Land an die Sawhoyamaxa zurückzugeben, ist ihr Kampf um ihr Land noch nicht endgültig gewonnen. So versuchte der deutsche Großgrundbesitzer Heribert Rödel, der sich das Land der Sawhoyamaxa für eine Rinderfarm aneignete, die Rückgabe durch immer neue Prozesse zu blockieren. 2014 wurde der unrechtmäßige Besitzer Rödel schließlich enteignet und die im Urteil angeordneten Zahlungen wurden kürzlich geleistet. Allerdings stehen die Ausgabe kollektiver Landtitel sowie die Ausstellung gültiger Ausweisdokumente noch aus. Die Yakye Axa Gemeinschaft gehört zum Volk der Enxet Sur und besteht zurzeit aus 319 Menschen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden sie von britischen Investoren von ihrem traditionellen Land vertrieben. Seit 1993 bemühen sie sich darum, ihr Land zurückzugewinnen. Die Familien siedelten sich dazu an den Grenzen ihres Landes an. 2005 hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte den Yakye Axa das Recht auf ihr Land zugesprochen. Doch bis heute hinkt die Regierung bei der Vollstreckung des Urteils hinterher. Erst 2012 erwarb der paraguayische Staat das Land für die Gemeinde, aber die 60 Familien der Yakye Axa können aufgrund des Fehlens eines Zugangswegs bis heute nicht darauf zugreifen. FIAN Deutschland begleitet zusammen mit FIAN Paraguay und der Lokalgruppe in Hamburg sowie mit der paraguayischen Menschenrechtsorganisation Tierra Viva den Kampf der indigene Völker in Paraguay um ihre Rechte seit mehreren Jahren. Kontakt:
Almudena Abascal, Lateinamerika-Referentin FIAN Deutschland Tel.: 0221-47449113 E-Mail: a.abascal@fian.de  
Weitere Informationen:
Mehr zum Fall der Sawohyamaxa und zu FIANs Arbeit zu Paraguay
Mehr zum Fall Yakye Axa (nur auf Spanisch) Pressemitteilung im PDF Format

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