Sie sind hier

CEN

Newsfeed CEN abonnieren
Aktualisiert: vor 14 Stunden 16 Minuten

Regenwaldschutz mit gegenteiligem Effekt

14. November 2019 - 9:46
Wenn Staaten weniger Regenwald abholzen, wird dies von den Vereinten Nationen finanziell belohnt. Die Länder müssen dabei selbst belegen, wie viel Wald erhalten wurde. Die Kosten für diesen Nachweis können jedoch höher sein als die zu erwartenden Bonuszahlungen. Gleichzeitig werden Länder benachteiligt, die ihre Naturwälder schon lange schützen. Dies zeigt Prof. Dr. Michael Köhl von der Universität Hamburg in einer aktuellen Studie im Fachjournal Environmental Economics.

Foto: UHH/CEN/M. Köhl

Regenwaldschutz mit gegenteiligem Effekt

14. November 2019 - 0:00

Wenn Staaten weniger Regenwald abholzen, wird dies von den Vereinten Nationen finanziell belohnt. Die Länder müssen dabei selbst belegen, wie viel Wald erhalten wurde. Die Kosten für diesen Nachweis können jedoch höher sein als die zu erwartenden Bonuszahlungen. Gleichzeitig werden Länder benachteiligt, die ihre Naturwälder schon lange schützen. Dies zeigt Prof. Dr. Michael Köhl von der Universität Hamburg in einer aktuellen Studie im Fachjournal Environmental Economics.

Regenwälder speichern riesige Mengen Kohlenstoff und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Werden Wälder abgeholzt oder degradiert, indem aus ihnen große Mengen Holz entnommen werden, kann der gespeicherte Kohlenstoff als CO2 in die Atmosphäre gelangen und den Klimawandel beschleunigen. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) wurden zwischen 2010 und 2015 jährlich 6,6 Millionen Hektar Naturwälder gerodet, vor allem um neue Flächen für die Landwirtschaft und Viehzucht zu gewinnen. Tatsächlich gehen derzeit rund 20 Prozent der Treibhausgas-Emissionen auf Entwaldung zurück. Das von den UN beschlossene, 2008 gestartete Programm REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) soll hier entgegenwirken.

Länder, die an REDD+ teilnehmen, wie zum Beispiel Brasilien, Indonesien und Kongo, verpflichten sich, in Zukunft den Kohlenstoffspeicher der Wälder zu erhalten. Dazu wollen sie weniger Wald abholzen und degradieren. Momentan werden bereits Projekte und Programme gefördert, in einer weiteren Phase sollen die Länder für jede Tonne Kohlenstoff, die im Wald erhalten bleibt, eine Ausgleichszahlung von fünf US-Dollar bekommen. Wie groß die Mengen an erhaltenem Kohlenstoff sind, müssen die Länder über Satellitendaten und engmaschige Probennahmen im Wald auf eigene Kosten nachweisen.

In einer aktuellen Studie hat Prof. Dr. Michael Köhl vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität verschiedene Stufen der Entwaldung simuliert und die für den Nachweis entstehenden Kosten den potenziellen Ausgleichszahlungen gegenübergestellt. Die im Fachjournal Environmental Economics veröffentlichte Studie zeigt: Die Kosten werden großen Einfluss darauf haben, ob REDD+ effektiv sein kann. Waldexperte Köhl sagt: „Die Kosten für den Nachweis überschreiten in vielen Fällen die Zahlungen, die die Länder erwarten könnten.“

Grundlage der Auszahlungsberechnungen ist, wie viel CO2 die Länder in der Vergangenheit durch Abholzung freigesetzt haben. Das ist der historische Referenzwert. Dieser wird zunächst so auf die Zukunft hochgerechnet, als ob keinerlei Waldschutz stattfände. Reduziert ein Land seinen CO2-Ausstoß im Vergleich zu diesem Wert nachweislich, bekommt es dafür Geld als Ausgleich.

Das Paradoxe daran: Länder, die in der Vergangenheit viel entwaldet haben, sind im Vorteil. Sie haben einen großen Spielraum für Verbesserungen, die finanziell belohnt werden. Staaten, die ihren Wald seit längerem schützen, können dagegen nicht viel verbessern. Möchten sie ihre kleinräumigen Verbesserungen trotzdem nachweisen, erfordert dies wesentlich genauere Daten und kostet deshalb mehr.

„Im Grunde bestraft das System Staaten, die bereits in der Vergangenheit ihren Regenwald geschützt haben“, so Michael Köhl. „Der Preis pro gesparter Tonne müsste verdoppelt, für einige Länder sogar verzehnfacht werden, damit sich der Waldschutz dort lohnt. Nur dann kann das System den bedeutenden Einfluss des Waldes auf den Klimaschutz weltweit erhalten und stärken.“

Originalpublikation:

Köhl M, Neupane PR, Mundhenk P (2019): REDD+ Measurement, Reporting and Verification – a Cost Trap? Implications for refinancing REDD+MRV costs by result-based payments; Environmental Economics; Vol 168, Feb. 2020. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2019.106513

Foto: UHH/CEN/M. Köhl

Ausstellung: Karten und Bilder schaffen Welt

12. November 2019 - 0:00

Noch bis Juli 2020 zeigt die Ausstellung geo grafisch post/kolonial im Geomatikum, wie Karten und Bilder unsere Sicht auf die Welt prägen.

Die Ausstellung ist im Rahmen eines Studienprojektes der AG Kritische Geographien entstanden. Sie untersucht, wie sich Darstellungsformen gewandelt haben und bis heute politische und gesellschaftliche Vorstellungen beeinflussen. Dies geschieht anhand von historischem Bildern und Landkarten sowie Materialien, wie sie aktuell in der Geografie verwendet werden, beispielsweise GIS-Karten, Satellitenbilder und Bilddokumentationen.

Mit dabei auch eine Analyse von Schulbüchern: Personen in afrikanischen, südasiatischen und lateinamerikanischen Ländern werden oft mit einfachen Geräten und bei gering technisierten Tätigkeiten dargestellt. In europäischen und angloamerikanischen Kontexten kommen solche Motive gar nicht vor. Hier wird anhand von Bildern eine technische und wirtschaftliche Überlegenheit des

So regt die Ausstellung die Besuchenden zum Nachdenken an und stellt typische Perspektiven und Sehgewohnheiten in Frage.

Die Ausstellung im Geomatikum (Untergeschoss) ist für Besuchende noch bis Juli 2020 von montags bis freitags von sechs bis 22 Uhr geöffnet – in der Vorlesungszeit auch samstags von sieben bis 13 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos.

Foto: UHH/ CEN/ M. Lohkamp

Hornhecht in der Ostsee in Bedrängnis

12. November 2019 - 0:00

Der Hornhecht hat eine lange spitze Nase, grasgrüne Gräten und ist ein Raubfisch der Ostsee. Er hat kaum Feinde. Verändert sich seine Anzahl, hat dies Einfluss auf andere Fische und Organismen im Nahrungsnetz, zum Beispiel auf den Hering. Die Beziehungen zwischen Räuber und Beute im Meer sind stets komplex verflochten. Hinzu kommen jetzt Veränderungen durch den Klimawandel. Wie wirken diese konkret auf die Tiere?

Mit meinem Team erforsche ich am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) an der Universität Hamburg, wie es der Hornhecht verkraftet, wenn sowohl die Temperatur als auch der Kohlendioxidgehalt im Wasser, das CO2, weiter ansteigen werden.

Häufig werden solche Zusammenhänge an Jungfischen erforscht. Für mich war jedoch wichtig, die Einflüsse von Anfang an zu untersuchen. Ich wollte daher mit der Phase der Befruchtung starten. Nicht ganz einfach, da der Hornhecht noch nicht umfassend erforscht ist. Wir wissen, dass er vom Atlantik in die Ostsee einwandert, um sich fortzupflanzen. Einige Fische laichen dabei schon vor der Insel Fehmarn, während andere weiter nach Osten ziehen.

Im Frühjahr haben wir laichbereite Tiere von Fischern in Travemünde bekommen. Laut einer Studie aus den 1970er Jahren entwickeln sich die Hornhechte ab 17 Grad am besten. Wir brachten also Eier und Spermien in 17 Grad warmem Wasser zusammen, doch 80 Prozent der Embryos überlebten die ersten drei Tage nicht. Die Temperatur war eindeutig nicht optimal.

Dr. Katharina Alter ist Meeresbiologin und Expertin für die Physiologie der Fische in einem sich ändernden Klima. Foto: UHH/CEN privat

Weil Hornhechte nur wenige Wochen im Jahr laichen, drängte jetzt die Zeit. Würden wir keine neuen befruchteten Eier bekommen, müssten wir ein ganzes Jahr warten. Schließlich fanden wir noch einen Fischer weiter östlich, der im Greifswalder Bodden Hornhechte für uns fangen konnte. Parallel änderten wir den Versuchsaufbau: Die Befruchtung sollte bei der aktuell gemessenen Wassertemperatur von 13 Grad stattfinden. Diesmal klappte es deutlich besser!

Wir starteten die Tests. Mehrere Tausend Embryos wurden auf vier Versuchsbecken aufgeteilt, denn wir wollten die heutigen und die zukünftigen Klimafaktoren unabhängig voneinander testen. Wir simulierten zwei Temperaturszenarien. Für die „heutige“ Wassertemperatur wählten wir eine Erwärmung von 0,1 Grad Celsius pro Tag, was in etwa der durchschnittlichen natürlichen Erwärmung im Bodden im Frühjahr entspricht. Für die zukünftige Temperatur im Klimawandel erwärmten wir das Wasser um 0,3 Grad pro Tag. Beide Temperaturen kombinierten wir jeweils einmal mit viel und mit wenig CO2-Gehalt, um die heutigen und zukünftigen CO2-Bedingungen zu simulieren. Die Werte entnahmen wir dabei dem Szenario des Weltklimaberichts der Vereinten Nationen, bei dem der Ausstoß von Treibhausgasen weitergeht wie bisher. Demnach würde sich der CO2-Gehalt von rund 400 Parts per Million auf 1300 erhöhen.

Eines der Ergebnisse war besonders extrem: Im Wasser mit hohem CO2-Gehalt starben wiederum 80 Prozent der Embryonen in den ersten drei Tagen, bei heutigem CO2 nur 20 Prozent. Erstaunlicherweise spielte der Temperaturanstieg in dieser Phase keine Rolle. Stattdessen wird der Einfluss von CO2 sichtbar.

Die jungen geschlüpften Hornhechte aus dem Experiment haben wir anschließend auf ihre Fitness getestet. Ergebnis: Auch die wenigen Überlebenden, die mit viel CO2 herangewachsen waren, waren später genau so fit wie ihre Kollegen aus den anderen Becken. Sie schnitten bei Körperbau, Schwimmleistung und Stoffwechselaktivität gleich gut ab. Der Hornhecht hat also durchaus Potenzial, sich an neue Lebensbedingungen anzupassen.

Dramatisch bleibt die geringe Anzahl der überlebenden Embryonen. Ein wichtiges Fazit: Wir müssen auch die Embryos studieren! Der drastische Effekt von CO2 ließ sich bei den entwickelten Jungfischen schlicht nicht mehr feststellen – wer es einmal geschafft hatte, war ebenso robust wie die anderen.

Foto: UHH/CEN

Neues Graduiertenkolleg am Fachbereich Biologie

11. November 2019 - 0:00
Der Fachbereich Biologie hat die Förderung eines Graduiertenkollegs (GRK) bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhalten: „Biota-mediated effects on Carbon cycling in Estuaries“ (BiCEst) wird zum April 2020 starten und zunächst für 4,5 Jahre laufen.

Foto: UHH/MIN/Latos

Permafrostregion setzt mehr und mehr CO2 frei

22. Oktober 2019 - 0:00

In den arktischen Regionen wird seit Zehntausenden von Jahren Kohlenstoff von Pflanzen aufgenommen und gespeichert. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass die winterlichen Kohlenstoffemissionen der Arktis bereits jetzt schon mehr Kohlenstoff in die Atmosphäre bringen, als die Pflanzen jedes Jahr aufnehmen. Die heute im Fachjournal Nature Climate Change veröffentlichte Studie warnt davor, dass der Verlust von Kohlendioxid (CO2) aus den großen Permafrostregionen der Welt im Winter um 41 Prozent zunehmen könnte, wenn die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen in ihrem derzeitigen Tempo anhalten. Lars Kutzbach vom CEN war an der Studie beteiligt.

„Wir wussten, dass wärmere Temperaturen und auftauender Permafrost die CO2-Emissionen im Winter beschleunigt haben, aber wir hatten keine klaren Werte für die Winter-Kohlenstoffbilanz“, sagte Sue Natali, Direktorin des Arktis-Programms am Woods Hole Research Center (WHRC) in Massachusetts, USA, und Hauptautorin der Studie. „Diese Ergebnisse, die eine neue Grundlage für die CO2-Emissionen im arktischen Winter bilden, deuten darauf hin, dass der CO2-Verlust über den Winter bereits die Kohlenstoffaufnahme der Vegetationsperiode ausgleicht und diese Verluste mit zunehmender Erwärmung des Klimas zunehmen werden.“

Die Autorinnen und Autoren der Studie erfassten mehr als tausend Monatsbilanzen der beobachteten CO2-Emissionen von mehr als 100 Standorten über den gesamten nördlichen Permafrostbereich. Die Treibhausgasmessungen und die dazugehörigen Klimastationen auf der Forschungsstation Samoylov Island im zentralen Lena-Delta in Sibirien werden gemeinsam vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ), dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) und der Universität Hamburg betrieben. Torsten Sachs vom GFZ sagt: „Der größte Teil des Permafrostes der Welt befindet sich auf russischem Gebiet – doch es gibt nur sehr wenige kontinuierlich aktive Untersuchungsstandorte, die die Treibhausgasemissionen dieser riesigen Permafrostregion überwachen.“ Die nordsibirischen Standorte seien zwar abgelegen, teuer im Unterhalt und nicht immer komfortabel, „aber sie sind äußerst wichtig, wenn wir den Beitrag der Permafrostregion zu Veränderungen im Klimasystem wirklich verstehen wollen.“

Geht es weiter wie bisher, steigen die Emissionen aus dem Permafrost im Winter um 41 Prozent

Mit Hilfe von maschinellen Lerntechniken und Prozessmodellen bewerteten die 75 Autorinnen und Autoren der Studie aktuelle und zukünftige Winterverluste aus Permafrostregionen. Sie schätzen einen aktuellen Verlust von 1,7 Millionen Tonnen Kohlenstoff aus dem Permafrost während der Wintersaison (Oktober bis April). Dieser Verlust ist größer als die durchschnittliche Aufnahme von Kohlenstoff dieser Region in der Vegetationszeit, der anhand von Prozessmodellen geschätzt wird (1,0 Millionen Tonnen Kohlenstoff pro Jahr). Die Fortschreibung der Modellvorhersagen auf wärmere Bedingungen im Jahr 2100 deutet darauf hin, dass die CO2-Emissionen im Winter bei einem moderaten Minderungsszenario (RCP 4.5) um 17 Prozent, bei einem Business-as-usual-Emissionsszenario (RCP 8.5) um 41 Prozent steigen könnten.

„Wir wissen seit einiger Zeit, dass aufgetaute Böden im Sommer CO2 freisetzen, aber wir haben wirklich nicht erfasst, wie viel CO2 in den schneebedeckten Wintermonaten freigesetzt wird“, sagt die WHRC-Forscherin Jennifer Watts. „Unsere Daten sind jedoch begrenzt, insbesondere wenn man bedenkt, wie groß die Landflächen in der Permafrostregion sind. Aus diesem Grund ist es schwierig, sich in Echtzeit ein Bild davon zu machen, wie schnell sich die Ökosysteme verändern.“

Dieser Kohlenstoff aus auftauendem Permafrost darf nicht in die Atmosphäre gelangen

Permafrost ist der kohlenstoffreiche gefrorene Boden, der 24 Prozent der Landfläche der nördlichen Hemisphäre bedeckt. Weltweit, von Alaska bis Sibirien, enthält der Permafrost mehr Kohlenstoff, als der Mensch je freigesetzt hat. „Angesichts der rasanten Erwärmung in der Arktis ist es dringend notwendig, die Überwachungsnetze auszubauen und diese Beobachtungen eng mit Modellen zu verknüpfen, um die Entscheidungsfindung zu erleichtern“, sagte Sue Natali. „Diese Studie unterstreicht die Notwendigkeit, die Emissionen fossiler Brennstoffe erheblich zu reduzieren, um zu verhindern, dass Kohlenstoff aus auftauenden Permafrostregionen in die Atmosphäre gelangt.“

Fachpublikation: Natalie, S., Watts, J.D., Rogers, B.M., et al., 2019: Large loss of CO2 in winter observed across the northern permafrost region. Nature Climate Change. DOI: 10.1038/s41558-019-0592-8

Foto: UHH/CEN/S. Zubrzycki

Unser Wald steuert im Blindflug auf den Klimawandel zu

14. Oktober 2019 - 0:00

Unser Wald leistet viel für den Klimaschutz, denn er nimmt CO2 aus der Atmosphäre auf und speichert es. Auch langlebige Produkte aus Holz speichern Kohlenstoff über lange Zeiträume und können vergleichsweise emissionsarm hergestellt werden. Zusammen entspricht das in Deutschland etwa 14 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen. Darauf können wir nicht verzichten, wenn wir effektiv Treibhausgase reduzieren wollen. Doch zurzeit prägen Trockenheit und absterbende Bäume ganze Landstriche.

Am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit CEN der Universität Hamburg untersuche ich mit meinem Team, wie wir den Wald auf den Klimawandel vorbereiten können. Dabei sind nicht in erster Linie die steigenden Temperaturen entscheidend, damit kommen die hier heimischen Baumarten vorerst zurecht, sondern vielmehr die extreme Trockenheit. Doch der Wald hat ein enormes Potenzial sich anzupassen. Denn: Ein Baum hat ein riesiges Genom. Sein Erbgut ist bis zu achtmal so groß wie das des Menschen. Deshalb können unter der schier unendlichen Zahl aufkeimender Buchensämlinge in einem Frühlingswald auch solche sein, die mit Trockenstress zurechtkommen. Kritisch sind jedoch mehrere Trockenjahre in Folge. Schon 2018 sind mehr junge Bäume als gewöhnlich abgestorben, weil es zu wenig geregnet hat.

Aktuell verursacht allerdings der Borkenkäfer die größten Schäden. Er setzt den Fichten enorm zu, die mit 28 Prozent die häufigste Baumart in deutschen Wäldern sind. Durch steigende Temperaturen vermehrt sich der Schädling schneller. Gleichzeitig findet er durch die Hitze geschwächte Bäume, die sich nicht gegen seinen Befall wehren können. Wichtige Sofortmaßnahmen sind, die Wälder wöchentlich auf Käfer zu kontrollieren und das befallene Holz schnell aus dem Wald zu entfernen.

Prof. Dr. Michael Köhl forscht zu nachhaltiger Waldbewirtschaftung und internationaler Waldpolitik in Europa und in den Tropen. Foto: UHH / CEN / Köhl

Parallel müssen Waldexpertinnen und –experten die Anpassungsstrategien für Wälder weiterentwickeln. Die Ergebnisse von Klimamodellrechnungen zeigen uns, dass künftige Sommer höchstwahrscheinlich noch heißer und trockener werden. Steigen die Emissionen wie bisher, müssen wir bis 2100 in Norddeutschland mit bis zu fünf und in Süddeutschland mit bis zu 30 zusätzlichen Hitzeereignissen pro Jahr rechnen. Bei so einem Ereignis steigen an mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen die Temperaturen über 30 Grad. Zukunftsszenarien gehen außerdem von deutlich weniger Regen in Südeuropa und mehr Niederschlag in Skandinavien aus. Auch Stürme, Starkregen und andere Wetterextreme könnten häufiger auftreten.

Die heutigen Modellrechnungen reichen allerdings nur bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Ein Wald muss jedoch langfristig geplant werden – denn bis 2100 haben heute gepflanzte Bäume nicht einmal eine „Umtriebszeit“ abgeschlossen. Das ist die Zeit, die ein Baum braucht, bis er für die Forstwirtschaft als „erntereif“ gilt. Die Forschung befindet sich hier also gewissermaßen im Blindflug und muss viele mögliche Entwicklungen im Auge haben.

Sicher ist, bestimmte Regionen sind für unsere heimischen Bäume in Zukunft nicht mehr geeignet. So wird die Buche voraussichtlich in die höheren Lagen der Mittelgebirge abwandern und die Eiche sich dafür in tieferen Regionen weiter ausbreiten. Fichten- und Kiefernwälder werden sich allmählich von trockener werdenden Standorten ganz zurückziehen. Diesen massiven Waldumbau können wir den Bäumen jedoch nicht selbst überlassen. Ihre Lebensdauer ist viel zu lang, als dass ihre natürliche Anpassung mit dem rasanten Klimawandel Schritt halten könnte. Wir müssen also nachhelfen – mit einer standort- und klimaangepassten Auswahl der Baumarten und einer Bewirtschaftung, die dem Wald auch in seiner Rolle als Klimaschützer gerecht wird.

Foto: Pixabay - Manfred Antranias

Leben mit dem Klimawandel: Böden sind zentral

9. Oktober 2019 - 0:00
Aktuell werden mehrere Professuren in den Geowissenschaften neu besetzt. Hier stellen wir die neuen Kolleginnen und Kollegen vor. Heute: Christian Beer

Foto: UHH / Ohme

Diskussion: Dürfen im Klimajournalismus Sonderrechte gelten?

8. Oktober 2019 - 0:00

Angesichts der Klimakrise sind viele Menschen ratlos oder verzweifelt und den Medien wird weltweit die wichtige Aufgabe zuteil, Aufklärungsarbeit zu leisten. Letzte Woche fand am CEN eine von „WPK- Die Wissenschaftsjournalisten“ und „Freischreiber“ organisierte Diskussion statt zu dem Thema: „Wo steht der unabhängige Journalismus, wenn es buchstäblich um die Zukunft der Welt geht?“.

Spätestens seit dem globalen Klimastreik in über 150 Ländern ist das Thema in den Medien hochpräsent. Kommunikationswissenschaftler Professor Michael Brüggemann vom CEN betonte, dass es schon 2007 kurzzeitig eine solche Welle der Berichterstattung gegeben habe. „Es gibt aber bisher keinen kontinuierlichen Fokus, sondern vielmehr einen Journalismus der Events.“ Jeden Tag sei in den Medien ein neues Thema interessant und deshalb könne die mediale Präsenz sehr schnell wieder abstürzen.

Das liege unter anderem daran, dass die Leserschaft selbst über Themen entscheide, erklärte Claus Hecking, Autor bei Spiegel online und Redakteur bei Capital. „Wenn Klimaartikel nicht häufig geklickt werden, verlieren sie ihren Platz oben auf der Startseite.“ Mit der Zeit erschöpfe sich das Interesse an Klimathemen. "Wir können nicht immer wieder das gleiche Thema bringen, wenn die Faktenlage bekannt ist. Irgendwann drehen wir uns damit im Kreis.“

Das Klickzahlen-System hat laut Brüggemann allerdings ein wichtiges Problem: „Gewertet werden vor allem die intuitiven Klicks, wenn uns auf den ersten Blick ein Thema interessant erscheint. Wie lange wir uns tatsächlich damit auseinandersetzen, ist eine andere Frage.“ Häufig geklickte Artikel würden automatisch auf der Startseite immer höher wandern und es entstehe ein sich selbst verstärkender Kreislauf.

Katharina Praefke von der Protestbewegung Extinction Rebellion ist der Meinung, dass es mehr Fairness in der Berichterstattung geben muss: „Der Journalismus kommt häufig auf eine Ebene, die nicht mehr nur faktenorientiert ist. Wenn über Extinction Rebellion berichtet wird, lese ich oft Kommentare zu Veganismus und Gendersternchen. Worum es uns eigentlich geht, geht dabei unter.“

Seit 30 Jahren informiert der Klimaforscher Prof. Mojib Latif über die Ursachen und Folgen der Erderwärmung. „Es wurde zwar schon viel berichtet und die Menschen können die Folgen zum Teil selbst sehen. Trotzdem hat es bisher nichts gebracht. Denn so hart es auch klingt: Solange die weltweiten Emissionen weiter steigen, gibt es keinen Klimaschutz.“

Eva Augsten, Technikjournalistin und Moderatorin des Abends, fragte nach, ob es vielleicht in der Berichterstattung Standardfragen zum Klima geben sollte. Ob bei jedem Thema auch außerhalb der Wissenschaft der Klimaaspekt eine Rolle spielen sollte, zum Beispiel bei der Vorstellung neuer Produkte. Für den Vorschlag gab es zwar viel Zustimmung, doch Claus Hecking zweifelt daran, dass dieses Prinzip umsetzbar ist. „Ich glaube nicht, dass es funktioniert, den Kollegen Fragen vorzuschreiben, denn jeder Journalist hält andere Themen für die wichtigsten. Dann könnten Journalisten, die über Migration berichten, theoretisch das gleiche fordern.“

Fazit des Abends: Die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten unterliegt weiterhin bestimmten Prinzipien wie Ausgewogenheit, Faktentreue und der Kommunikation von Unsicherheiten. Auch wenn es sich um Klimajournalismus handelt und wichtige gesellschaftliche Veränderungen de facto notwendig sind. Brüggemann: „Es beruhigt mich, dass solche Diskussionen stattfinden und es den Willen zur Änderung gibt, auch wenn keiner von uns das perfekte Rezept parat hat.“

Foto: unsplash - Priscilla Du Preez

Mit der Wissenschaft vor die Tür

2. Oktober 2019 - 0:00
Dr. Elisa Schaum ist Juniorprofessorin und erforscht am CEN, wie sich das Plankton im Ozean an die künftigen Klimaveränderungen anpassen kann. Eine weitere Leidenschaft ist für sie die Öffentlichkeitsarbeit. Im Auftrag der Wissenschaft steht sie auch mitten in der Fußgängerzone und erklärt ihre Forschung. Hier erzählt sie, was ihr daran gefällt – und warum es manchmal sehr anstrengend sein kann.

Foto: Soapbox Science

Der Klimawandel ist keine Glaubenssache

27. September 2019 - 0:00
Die Auseinandersetzungen zwischen Klimaaktivistinnen und -aktivisten und Menschen, die den Klimawandel leugnen, werden schärfer. Die Universität Hamburg besitzt seit vielen Jahren besondere Expertise in der Klimaforschung, bereits zum dritten Mal konnte sie ein Exzellenzcluster auf diesem Gebiet einwerben. Hier finden Sie Fakten, die fünf häufig bemühte Mythen entkräften.

Foto: Spiske/unsplash

Bundesverdienstkreuz für Prof. Dr. Hans von Storch

27. September 2019 - 0:00

Der Klimaforscher Hans von Storch ist für seine Forschung und sein gesellschaftliches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung wurde ihm von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehen und am Montag von Hamburgs zweiter Bürgermeisterin Katharina Fegebank übergeben.

Von Storch war bis Ende 2015 Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht und Professor an der Universität Hamburg. Als international renommierter Wissenschaftler und Autor hatte er unter anderem an Berichten des Weltklimarates IPCC mitgewirkt und war Mitbegründer des ersten Exzellenzclusters zur Klimaforschung „CliSAP“ der Universität Hamburg (2007 - 2018).

Katharina Fegebank, gleichzeitig auch Senatorin der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung, überreicht ihm die Ehrung im Hamburger Rathaus: Von Storch habe entscheidend zum wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Wissen über den Klimawandel beigetragen, sagte sie. Darüber hinaus habe er stets auf größte Genauigkeit in der Kommunikation seiner Ergebnisse geachtet. Sein Grundsatz: Die Wissenschaft solle vor allem neue Erkenntnisse liefern. Handlungsanleitungen dagegen sollten in Politik und Gesellschaft entwickelt werden.

Welche Herausforderung der Klimawandel für die Gesellschaft darstellt, hatte von Storch schon frühzeitig erkannt. Und dass er interdisziplinär betrachtet werden muss, um die bevorstehenden Veränderungsprozesse zu verstehen. Außerdem warnte er, dass ein gewisses Maß an Klimaänderungen unvermeidbar sei. Damit regte er eine umfassende Klimafolgenforschung an und nahm so maßgeblich Einfluss auf wichtige Anpassungsmaßnahmen.

Foto: J. Xu / Privat

Das Flexcap – eine innovative CO2-Bepreisung für Deutschland

26. September 2019 - 0:00

Am 20. September hat die Bundesregierung die Einführung eines nationalen CO2-Preises beschlossen. Sie hat sich dabei für eine Preisregulierung entschieden, die ab dem Jahr 2026 weitgehend durch eine Mengenregulierung ersetzt wird. Grischa Perino vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) und Mitglied des Exzellenzclusters „Climate, Climatic Change, and Society“ (CLICCS) hat gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein alternatives Konzept erarbeitet.  Mit "Flexcap" reduziert sich die Unsicherheit in Bezug auf Preis und Menge, gleichzeitig lassen sich die langfristigen Klimaziele erreichen.

Die vergangenen Monate waren von einer umfassenden Debatte in Politik und Öffentlichkeit über die Einführung eines einheitlichen CO2-Preises in Deutschland geprägt. Der Beschluss des Klimakabinetts vom 20. September 2019 hat sich für die Einführung eines solchen entschieden. Dieser Beitrag schlägt eine Umsetzung vor, die sich nahe an den Beschluss hält, jedoch Preisstabilisierung und Mengenziel kostengünstiger erreichen kann und die Planungsunsicherheit für die vorgeschlagene zweite Phase erheblich reduziert.

Der momentane Beschluss sieht eine Abfolge von zwei Steuermechanismen vor, die, wie im Folgenden diskutiert, an entgegengesetzten Enden des möglichen Spektrums liegen: eine direkte Preissteuerung (CO2-Steuer) auf der einen Seite und eine direkte Mengensteuerung (Emissionshandelssystem) auf der anderen. Formal soll ab 2021 ein nationales Emissionshandelssystem für die Sektoren Wärme und Verkehr eingerichtet werden, in den ersten fünf Jahren ist ein jährlich steigender Preis der Zertifikate festgeschrieben. Die dem System unterliegenden Firmen können eine unbegrenzte Anzahl an Zertifikaten zu diesem festgeschriebenen Preis erwerben.

Damit hätte Deutschland für die ersten fünf Jahre eine reine Preissteuerung, die in der Wirkung exakt einer CO2-Steuer entspricht. Ab 2026 soll die Menge an verfügbaren Zertifikaten entsprechend der deutschen Klimaziele begrenzt werden. Eine CO2-Steuer wird also 2026 durch einen Emissionshandel abgelöst. Damit, so die Bundesregierung, soll Unternehmen und Konsumenten zunächst Preissicherheit und dennoch die Einhaltung der Klimaziele im Jahr 2030 gewährleistet werden. In diesem Beitrag stellen wir mit dem »Flexcap« einen Mechanismus vor, mit dem sich die Vorteile einer Steuer und eines Emissionshandels systems zeitgleich und effektiver verbinden lassen. 

(...)

Der komplette Beitrag als Download hier

Foto: unsplash - Mael Balland

Weltklimarat bestätigt: Jetzt handeln!

25. September 2019 - 11:25
Die Extreme nehmen zu: Der Meeresspiegel steigt höher als im letzten IPCC-Bericht prognostiziert, Gletscher und Permafrost schmelzen noch schneller als gedacht, Wirbelstürme werden stärker. Dies ist die Bilanz des dritten Sonderberichts des Weltklimarates IPCC mit dem Schwerpunkt Ozean und Kryosphäre (Eisgebiete), der heute in Monaco vorgestellt wurde. Prof. Beate Ratter vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg hat als Leitautorin am Bericht mitgearbeitet.

Foto: unsplash - Emma Francis

Universität Hamburg an Satelliten-Projekt beteiligt

25. September 2019 - 9:35
Der neunte „Earth Explorer“-Satellit der ESA wird erstmals die Erdatmosphäre mithilfe von besonders langwelliger Infrarotstrahlung vermessen. So lassen sich etwa Effekte von Wasserdampf und Wolken auf die von der Erde in den Weltraum abgegebene Wärmestrahlung erkennen. Die Universität Hamburg ist eine von 13 Partnerorganisationen des Projektes, das in dieser Woche den Zuschlag für die wissenschaftliche Mission erhalten hat.

Foto: ESA

Neue Professur für Ökologische Modellierung

23. September 2019 - 12:00
Dr. Philipp Porada wechselt von der Universität Potsdam nach Hamburg und tritt die Stelle W1-Professur mit Tenure Track nach W2 für „Ökologische Modellierung“ im Fachbereich Biologie an.

Foto: Philipp Porada

„Wir brauchen mehr Forschung zu Geoengineering“

23. September 2019 - 0:00
Sogenanntes „Geoengineering“ wäre notwendig, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das hat der Weltklimarat angesichts weltweit steigender Treibhausgasemissionen 2018 festgestellt. Der Geologe Dr. Thorben Amann erforscht an der Universität Hamburg ein Verfahren zur Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre – obwohl er solche Methoden auch problematisch sieht.

Foto: Privat

„Alle fürs Klima" – Statements aus der Klimaforschung

19. September 2019 - 0:00

Die Fridays-for-future-Bewegung lässt nicht locker: Unter dem Motto „Alle fürs Klima“ sind am 20. September die Menschen weltweit aufgerufen, sich an den Protestaktionen zu beteiligen – für echten Klimaschutz und eine Zukunft ohne Klimakrise. Doch haben die Proteste die Chance, wirklich etwas zu bewegen? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am CEN und am Exzellenzcluster CLICCS bekräftigen Ihre Unterstützung für die jungen Menschen, die sich für einen Wandel in Politik und Gesellschaft einsetzen – und geben hier ihre ganz persönlichen Statements.

Foto: Mika Baumeister on Unsplash

Klartext zur Klimakrise

18. September 2019 - 11:12

Prof. Detlef Stammer, Leiter der Klimaforschung an der Universität Hamburg und des World Climate Research Programme, nimmt am Klima-Aktionsgipfel der Vereinten Nationen in New York teil. Warum ihn die Bewegung „Fridays for Future“ überrascht, warum er mehr Forschung zur Rückholung von CO2 aus der Atmosphäre fordert und gleichzeitig vor Eingriffen in das Klimasystem warnt, erklärt er im Interview.

Foto: UHH

„Wir brauchen Veränderungen, so umfassend wie die Industrielle Revolution“

18. September 2019 - 10:32
Vom 21. bis 23. September 2019 hat UN-Generalsekretär António Guterres Politikerinnen und Politiker, aber auch Forschende nach New York eingeladen. „Es wird darum gehen, wie man den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen in den nächsten zehn Jahren um die Hälfte reduzieren kann, denn das ist notwendig, um die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu beschränken“, erklärt Prof. Dr. Detlef Stammer, der Sprecher des Exzellenzclusters „Climate, Climatic Change, and Society (CliCCS)“ und Direktor des Centrums für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) an der Universität Hamburg ist.

Foto: David Ausserhofer

Seiten