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Aktualisiert: vor 10 Stunden 46 Minuten

Im Zentrum von Oxfams Arbeit: Geschlechtergerechtigkeit

20. Februar 2020 - 0:01
Nicht nur in Oxfams diesjährigem Bericht zu Ungleichheit steht Geschlechtergerechtigkeit im Fokus, sondern auch in unserer politischen und der Projektarbeit. Anlässlich des Welttags für soziale Gerechtigkeit berichtet Lisa Ruppel, Oxfam-Projektkoordinatorin für Entwicklungszusammenarbeit, von einigen Beispielen. © Aurelie Marrier D'Unienville/Oxfam Zibusiso, Sibongisiwe und ihre Tochter Charity (Namen zum Schutz der Person verkürzt oder verändert) waschen gemeinsam Wäsche vor ihrem Haus im Distrikt Bubi, Simbabwe.

Schon seit 2015 berichtet Oxfam jedes Jahr im Januar anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos über den Stand der globalen Ungleichheit. In diesem Jahr stand im Fokus unseres Berichts,  wie unbezahlte Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verschärft.

Frauen leisten weltweit deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer: Jeden Tag verbringen Frauen und Mädchen rund 12 Milliarden Stunden mit Tätigkeiten wie Waschen, Kochen, Putzen, Kindererziehung und der Versorgung von Kranken, ohne dass diese Arbeit gesellschaftlich oder ökonomisch anerkannt wird. Dies hat gravierende Folgen:  Frauen verdienen im Schnitt 23 Prozent weniger als Männer und sind eher von Altersarmut betroffen.

Diese Ungerechtigkeit zu ändern hat sich Oxfam zum Ziel gesetzt. Daher spielt Geschlechtergerechtigkeit in unserer politischen und der Projektarbeit eine zentrale Rolle. Einige Beispiele:

Teepflückerinnen in Indien

13 Stunden – so viel körperliche Arbeit haben die meisten Teepflückerinnen am Ende eines langen Tages hinter sich. Neben den mindestens acht Stunden in der besonders schlecht bezahlten und anstrengenden Teeernte – bei Temperaturen von bis zu 38 Grad Celsius oder auch starkem Regen – übernehmen Frauen in der Regel zusätzlich die unbezahlte Pflege- und Fürsorgearbeit. Wenn sie am Morgen auf den Feldern ankommen, haben sie bereits die Hausarbeit erledigt und einen Fußweg von bis zu neun Kilometern hinter sich. Zeit, sich zu erholen, sich auszuruhen und um sich selbst zu sorgen, bleibt den Frauen also kaum.

Häufig nehmen Mütter ihre kleinen Kinder mit zur Arbeit, da die Mehrheit der Plantagen keine Kinderbetreuung anbietet. Selbst wenn Betreuung vorhanden ist, verzichtet ein Großteil der Frauen darauf – entweder, weil der Weg dorthin zu weit ist oder die Einrichtungen kein Mittagessen für die Kinder anbieten.

All das zeigt Oxfams im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie „Schwarzer Tee, weiße Weste“, die unter anderem die Arbeitsbedingungen von Fabrikarbeiter*innen und Pflücker*innen auf Teeplantagen im indischen Bundesstaat Assam, der größten Tee produzierenden Region Indiens, untersucht.

Geld für öffentliche Kinderbetreuung

Die Situation der Teepflückerinnen unterstreicht, wie wichtig es ist, in öffentliche Kinderbetreuung zu investieren. Allerdings werden gerade einmal zwei Prozent der Gelder der deutschen Entwicklungszusammenarbeit für Kitas und Grundschulen eingesetzt. Um Frauen zumindest einen Teil der Last von den Schultern zu nehmen, muss diese Quote deutlich erhöht werden. Dafür setzt sich Oxfam in seiner politischen Arbeit ein.

Doch genauso wichtig wie die Reduzierung von Pflege- und Fürsorgearbeit durch bessere Betreuungsmöglichkeiten ist ein generelles Umdenken bei der Verteilung dieser Arbeit zwischen Geschlechtern.

Schulungen für Männer

Oxfam fördert mit dem WE-Care-Programm (Women’s Economic Empowerment and Care) die Anerkennung, Reduzierung und Umverteilung von unbezahlter Pflege- und Fürsorgearbeit in sechs Ländern in Südostasien und Afrika.

Mit Erfolg, wie das Beispiel der Philippinen zeigt, wo erste Ergebnisse auf eine Reduzierung und Umverteilung der unbezahlten Pflege- und Fürsorgearbeit hinweisen: Im Rahmen des WE-Care Programms finden hier beispielsweise Schulungen statt, um Männer und Jungen für die Bedeutung unbezahlter Pflege- und Fürsorgearbeit und deren gleichberechtigte Aufteilung zu sensibilisieren. Obwohl es noch ein weiter Weg bis zur geschlechtergerechten Verteilung unbezahlter Pflege- und Fürsorgearbeit ist, leisten die Schulungen einen wichtigen Beitrag, um Männern ein besseres Verständnis für die Belastung von Frauen durch Pflege- und Fürsorgetätigkeiten zu geben und diese Arbeit innerhalb der Familie sichtbarer zu machen.

Mehr tunesische Politikerinnen

Waschen, kochen, putzen, Kinder erziehen oder Angehörige pflegen – das alles braucht Zeit. Diese Zeit fehlt Frauen nicht nur für sich selbst, sondern auch dafür, sich politisch einzubringen. Frauen sind deutlich seltener in politischen Führungspositionen vertreten und stellen weltweit nur etwa 25 Prozent aller Parlamentarier*innen. Dies wiederum ist einer der Gründe dafür, dass Fragen der Gleichberechtigung, wie zum Beispiel eine faire Verteilung unbezahlter Pflege- und Fürsorgearbeit, in der Politik kaum angegangen werden.

Damit Frauen mehr an politischen Entscheidungen teilhaben können, setzt sich Oxfams Partnerorganisation LET (Ligue des Electrices Tunisiennes) für die Teilhabe und Mitbestimmung von Frauen in der tunesischen Region Médenine ein. LET hat gemeinsam mit Oxfam Frauen gezielt für politische Entscheidungspositionen qualifiziert und zu den Themen Wahlen und Wahlkampagnen, öffentliche und politische Kommunikation sowie Menschen- und Frauenrechte geschult, denn die Stimmen von Frauen, so verschieden sie auch sein mögen, sollten Teil aller politischen Entscheidungen sein.

Wenn die Gleichstellung der Geschlechter in der jetzigen Geschwindigkeit voranschreitet, wird es noch 99 Jahre bis zum Erreichen von Geschlechtergerechtigkeit dauern, wie der letzte „Global Gender Gap Report“ des World Economic Forum zeigt. So lange können wir nicht warten. Deshalb stellt Oxfam Geschlechtergerechtigkeit ins Zentrum seiner Arbeit.

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5 wichtige Gründe, warum es ENDLICH ein Lieferkettengesetz braucht

11. Februar 2020 - 15:56
Die Debatte rund um das Lieferkettengesetz ist in vollem Gange. Das ist gut. Doch den Diskussionen müssen endlich Taten folgen. Ein Appell an die Politik. © unsplash, Fiona Smallwood Bis Ananas im Supermarkt-Regal landen, ist es ein langer Weg

Das Wort Lieferkettengesetz ist aktuell in aller Munde. Während sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen seit Jahren für ein Lieferkettengesetz einsetzen, steht die Debatte laut Koalitionsvertrag für 2020 nun endlich auf der politischen Tagesordnung. Im CDU- und SPD-Parteitagsbeschluss war zu lesen, dass es gesetzliche Regelungen braucht und nicht darauf gesetzt werden kann, dass Unternehmen freiwillig Menschenrechte einhalten und Umweltschäden vermeiden. Das heißt: The Time is Now!

Mittlerweile haben das auch viele andere Akteure verstanden. So haben sich vergangenen Dezember erstmals über 40 deutsche Unternehmen für ein verbindliches Lieferkettengesetz zur Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards ausgesprochen. Darunter Nestlé Deutschland, Ritter Sport, Tchibo und Vaude. Im Januar hat sich sogar Primark-Deutschland-Chef Krogmann für ein Lieferkettengesetz positioniert. Das mag überraschen, denn das Fast-Fashion-Konzept und die Niedrig-Preis-Politik sind eigentlich dafür bekannt, zu Menschenrechtsverletzungen beizutragen.

Das Beispiel zeigt aber: Ein Lieferkettengesetz erhält immer breitere Unterstützung. Das ist auch in der Politik angekommen: So haben Bundesentwicklungsminister Gerd Müller und Arbeitsminister Hubertus Heil angekündigt, Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz vorzulegen. Ein gesetzlicher Rahmen ist unerlässlich – und keine Zauberei.

Das zeigt unser Rechtsgutachten, das wir als Teil der Initiative Lieferkettengesetz mitentwickelt und veröffentlicht haben. Warum ein Gesetz längst überfällig ist und die Politik das Rechtsgutachten ernst nehmen sollte und endlich handeln muss? Hier 5 Gründe:

1. Weil es schon mehr als genug Schreckensmeldungen gibt

In den letzten Jahren ereigneten sich weltweit immer wieder schreckliche Katastrophen, an denen deutsche Unternehmen mit ihren Geschäften direkt oder indirekt beteiligt waren. So starben 2012 bei einem Brand in einer Textilfabrik in Pakistan, bei der KiK Hauptkunde war, über 250 Menschen. Und das ist leider nur die Spitze des (sehr großen) Eisbergs. Von brennenden Fabriken, über Gesundheitsfolgen durch Pestizide und zerstörte Regenwälder: Oxfam und viele andere Organisationen haben zahlreiche Belege für Menschenrechtsverletzungen dokumentiert. Es braucht also keinen weiteren Prüfprozess, ob ein Gesetz nun notwendig ist oder nicht. Denn all die Schreckensmeldungen zeigen überdeutlich: Deutsche Unternehmen tun zu wenig, um Menschenrechte in ihren Lieferketten zu achten. Ein Gesetz ist längst überfällig.

2. Weil wir uns nicht länger die Taschen volllügen sollten: Freiwilligkeit IST gescheitert

Unternehmen betonen immer wieder, dass sie sich für die Achtung von Menschenrechten und den Schutz der Umwelt einsetzen wollen. Doch warum reißen dann die Schreckensmeldungen nicht ab?

Jüngst haben sich sieben große Handelsketten in Deutschland zur Förderung existenzsichernder Einkommen für Erzeuger in Herkunftsländern verpflichtet. Doch entschied auch hier das Gutdünken der Unternehmen, wer dabei ist und wer nicht. So hat sich Edeka, der größte Lebensmittelhändler Deutschlands, komplett rausgezogen. Das Beispiel zeigt: Es braucht gesetzlich verankerte Standards, die für die gesamte Branche gelten. Verbindliche Regeln helfen dann den Unternehmen, die Menschenrechtsprobleme wirklich ernsthaft angehen wollen. Sie leiden endlich nicht länger unter Wettbewerbsnachteilen.

3. Weil ein Gesetz zu positiven Veränderungen beitragen kann und die Rechte von Betroffenen stärker geachtet würden

Ein Lieferkettengesetz bringt potentiell viele positive Veränderungen in der Produktion und beim Anbau vor Ort. So profitieren Anwohner*innen in der Nähe einer Fabrik natürlich davon, wenn sich diese an verpflichtende Abgaswerte hält und giftige Abwässer nicht länger ins Grundwasser geleitet werden. Auch würden Betroffene von Menschenrechtsverletzungen durch ein Gesetz endlich die Möglichkeit haben, ein Unternehmen bei Verstößen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Rechte der Betroffenen müssen geachtet und die Lücke im deutschen Recht geschlossen werden.

4. Weil Erwachsene nun einmal Verantwortung tragen – das gilt auch für Unternehmen

Bislang haften deutsche Unternehmen nicht dafür, wenn entlang ihrer Lieferkette Menschenrechtsverletzungen auftreten. Doch wer Schäden anrichtet, muss dafür Verantwortung übernehmen. Deutsche Unternehmen profitieren von der Möglichkeit weltweiter Märkte, sind aber nicht dazu verpflichtet, entsprechend Verantwortung zu nehmen. Das muss sich ändern!

5. Weil Deutschland hier nicht Bummelletzter sein darf und die Politik auf die Bürger*innen hören sollte

Deutschland ist hinter den USA und China das drittgrößte Importland und hat damit einen wichtigen Stellenwert im globalen Lieferkettengesetz-Gefüge. Doch bei gesetzlichen Regelungen kommt es seiner Verantwortung, die mit diesem Stellenwert einhergeht, nicht nach. Dass ein Gesetz zum Schutz von Mensch und Umwelt sehr wohl durchsetzbar ist, haben andere Länder bereits vorgemacht: In Frankreich, Finnland, Belgien und den Niederlanden sind z.B. Gesetze verabschiedet oder auf den Weg gebracht worden. Wenn es ein Gesetz in Deutschland gäbe, würde auch der Druck auf die EU-Kommission steigen, eine starke europäische Regulierung zu erarbeiten. Mit dem jüngst veröffentlichten Rechtsgutachten der Initiative Lieferkettengesetz gibt es auch für ein Gesetz in Deutschland schon einen konkreten Rahmen, auf den nun gut aufgebaut werden kann.

Last but not least: Bereits über 100.000 Menschen fordern im Rahmen der Initiative Lieferkettengesetz von der Bundesregierung ein Lieferkettengesetz. Konsumentinnen und Konsumenten wollen ihre Tasse heiße Schokolade und ihren Kaffee genießen können, ohne fürchten zu müssen, dass dafür Mensch und Umwelt Schaden getragen haben.

Machen auch Sie mit: Fordern Sie die Politik auf, endlich einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, mit dem Unternehmen verpflichtet werden, auch im Ausland Menschenrechte und Umweltstandards zu achten.

Zur Petition

 

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Ein Bummel über die Fruit Logistica in Berlin

7. Februar 2020 - 11:29
In dieser Woche fand die Fruit Logistica in Berlin statt – eine Fachmesse für Obst und Gemüse. Frank Braßel, Leiter der Oxfam Kampagne „Fairness Eintüten“, war vor Ort und schildert seine Eindrücke. Über geschäftige Männer, Preiskämpfe in deutschen Supermärkten und Bauernsterben in Ecuadors Bananenindustrie. © unsplash, Scott Web Der „Preiskampf“ beim Verkauf von Bananen – ein Grund, weshalb immer mehr Familienbetriebe in Ecuador verdrängt werden

Reges Treiben, leckere Düfte und farbenprächtige Früchte allerorten auf der großen Fruchtmesse in Berlin. Dazwischen meist Männer, die offenbar wichtigen Geschäften nachgehen. Auch auf Widersprüche stößt man schnell, wenn einen der Weg durch die „Bio-Halle“ zu zwei großen Ständen führt, die von den Chemieriesen Bayer und Syngenta betrieben werden. Widersprüchlich auch die Werbung „Premium nachhaltig“, mit der sich Ecuador, das Partnerland der diesjährigen Fruit Logistica, selbst bewarb. Als wichtigster Exporteur von Bananen auf dem Weltmarkt war die gelbe Frucht in Ausstellung und auf Veranstaltungen stets präsent. Unerwähnt blieb allerdings, dass aktuell viele kleinbäuerliche Produzent*innen angesichts des globalen Preiskampfes aus dem Markt  gedrängt werden und die Internationale Arbeitsorganisation ILO mehrfach auf gravierende Arbeitsrechtsverletzungen in Ecuadors Bananensektor hingewiesen hat.

Als „Promotion ohne Überzeugungskraft“  charakterisierte die Tageszeitung El Expreso die Selbstdarstellung des südamerikanischen Landes, denn es gebe eine Reihe an anhängigen Themen und Problemen, die von der Regierung nicht angegangen würden. In der Tat. Gemäß der ecuadorianischen Statistikbehörde INEC ist die Zahl kleiner Bananenproduzenten und klassischer Familienbetriebe (Produzenten, die weniger als fünf Hektar Land betreiben) zurückgegangen: von 42.167 in 2015 auf 16.600 in 2018. Das ergibt  eine Analyse des Instituto de Estudios Ecuatorianos für Oxfam.

Verdrängung von Familienbetrieben

Die Familienbetriebe schaffen mehr Arbeitsplätze als die großen Plantagen und bieten bessere Chancen für eine ökologisch nachhaltige Produktion. Dennoch werden mehr und mehr Familienbetriebe verdrängt: Mehr als 25.000 Familienbetriebe erlagen allein in den vergangenen vier Jahren einem ungleichen Wettbewerb. Verantwortung daran tragen auch deutsche Supermärkte, die gerne Bananen für unter 1 Euro das Kilo anbieten – nicht zuletzt als Lockmittel für preisfixierte Verbraucher*innen. Während im Jahr 2019 die Importpreise für Bananen EU-weit ganz leicht angestiegen sind, setzt sich in Deutschland der Abwärtstrend fort, nach Angaben des Fachmagazins Fruitrop stärker in den klassischen Supermärkten als bei den Discountern. Der Lidl-Vertreter sprach auf der Fruit Logistica von einem „Preiskrieg“.

„Die Preise für die Bananen sind sehr instabil in Ecuador,“ erläutert ein Kleinproduzent in der von Oxfam in Aufrag gegebenen Recherche. „Der gesetzliche Mindestpreis für den Karton beträgt 6,30 USD, aber dieser Preis wir nicht eingehalten. Oft verkaufen wir den Karton für nur 3 oder gar 2 Dollar; das deckt dann noch nicht einmal die Produktionskosten.“  Als eine Alternative für kleine Produzent*innen wird von diesen der faire Handel sowie Bioproduktion genannt. Für die dreijährige Umstellung bedarf es aber gezielter Förderprogramme, die bislang weder von der ecuadorianischen Regierung noch der internationalen Entwicklungszusammenarbeit ausreichend gefördert werden.

Nutznießer dieser Fehlentwicklung sind neben hiesigen Unternehmen und Verbraucher*innen die mittleren und großen Plantagen in Ecuador. Doch auch sie scheinen den Preisdruck zu spüren. Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und ausbeuterische Strukturen nehmen wieder zu. Erst Ende des vergangenen Jahres hat die Internationale Arbeitsorganisation ILO mit deutlichen Worten den mangelnden Schutz der Gewerkschaftsfreiheit im Sektor verurteilt und die Regierung aufgefordert bei Beschwerden durch Beschäftigte nicht einseitig die Position der Unternehmen zu übernehmen, sondern Arbeitsrechtsverstöße stärker zu ahnden. Kein Wort dazu auf der Berliner Fruchtmesse. 

Nachhaltige Bananenproduktion in Ecuador?

Immerhin machten Akteure der deutschen Entwicklungszusammenarbeit auf der Fruit Logistica deutlich, dass sie nach den kräftigen Worten des Ministers Müller zu Jahresbeginn in der Presse oder der Talkshow Maischberger zu den fatalen Folgen der Billigpreispolitik deutscher Supermarktketten nun Taten folgen lassen wollen: Ein Projekt zur „nachhaltigen“ Bananenproduktion in Ecuador läuft aktuell an. Bleibt zu hoffen, dass sich dieses nicht an einem schwammigen Nachhaltigkeitsbegriff orientiert, wie er auf der Fruit Logistica von dem ecuadorianischen Landwirtschaftsminister präsentiert wurde, sondern auch die Einhaltung der nationalen Gesetze und der internationalen Menschenrechte einbezieht.

Der gesetzliche Mindestpreis für Bananen wird in Ecuador regelmäßig unterlaufen, man schätzt für etwa ein Drittel aller Verkäufe. Die geschädigten kleinen Produzenten können hier konkrete Namen nennen, darunter auch die deutscher Aufkäufer. Das ist ein wichtiges Thema für die ökonomische Nachhaltigkeit, gerade der vielen kleinen Produzenten.

Die Unternehmen müssen die Standards der ILO einhalten. Sie müssen entsprechend überwacht und bei Verletzung sanktioniert werden. Derzeit sind in der gesamten Provinz Los Rios in Ecuador allerdings nur vier Arbeitsinspektoren tätig, obwohl es hunderte von Bananenplantagen und tausende anderer Betriebe gibt. In Sachen Nachhaltigkeit – auch für das deutsche Bananen-Projekt – gibt es noch einiges zu tun.

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Wir klären auf: Missverständnisse zu Oxfams Bericht zu Ungleichheit

27. Januar 2020 - 17:33
Wurden die Reichen reicher? Gibt es nicht weniger Arme als früher? Und worin liegt das Problem, dass eine*r arbeitet, eine*r zu Hause ist und das Einkommen geteilt wird? Ellen Ehmke, Oxfam-Analystin zu soziale Ungleichheit, geht auf alte und neue Missverständnisse zu Oxfams Ungleichheits-Bericht ein. © unsplash, Brandless Die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um Kinder und Haushalt. Der Mann geht arbeiten. Das Einkommen wird geteilt. Eigentlich kein Problem, oder? Doch.

Am 20. Januar 2020 wurde Oxfams jährlicher Bericht zu Ungleichheit veröffentlicht. Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf Ungleichheit zwischen Frauen und Männern und auf unbezahlter Hausarbeit, Pflege und Fürsorge als maßgebliches Hindernis für eine wirtschaftliche und politische Gleichstellung von Frauen.

In zahlreichen Medien wurde dieser Fokus sehr positiv aufgegriffen und die Bedeutung von unbezahlter Hausarbeit, Pflege und Fürsorge als oft übergangener Wirtschaftssektor unterstrichen, beispielsweise von Kathrin Werner in der Süddeutschen Zeitung, von Marcel Fratzscher auf Zeit Online, von Natalia Smolentceva  im Focus , von Carla Neuhaus und Rolf Obertreis im Tagesspiegel  und auch in der Sendung RTL aktuell vom 20.01.2020.

Selbst manche Kritiker früherer Oxfam-Berichte und unserer Ungleichheitszahlen, wie Maximilian Stockhausen vom Institut der Wirtschaft (IW) und Andreas Peichl vom ifo Institut, stimmen zu, dass die wirtschaftliche Benachteiligung von Frauen ein Problem ist, welches von Politik und Wirtschaft angegangen werden muss.  

Manche Frage und Kritik aus diesem Jahr nimmt Themen auf, die wir in den vergangen Jahren bereits hier und hier ausführlich beantwortet haben. Die 5 häufigsten Fragen aus den vergangenen Jahren, wie etwa Unterschiede zwischen Einkommens- und Vermögensungleichheit, haben wir zudem hier zusammengefasst. Auf drei weitere Missverständnisse und Kritikpunkte aus diesem Jahr gehen wir in diesem Blog ein.

Wurden die Reichen reicher?

Dietrich Creutzburg kritisiert in der FAZ, dass unsere eigenen Berichte keine Zunahme, sondern eher eine Abnahme der Ungleichheit und der Konzentration der Vermögen nahelegen. Laut Oxfams eigenen Berichten, so Creutzburg, würden 2019 die 162 reichsten Milliardäre auf der Welt zusammen über so viel Vermögen verfügen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, 2017 hätte das Vermögen von nur 8 Milliardären ausgereicht. 

Allerdings sind die beiden Zahlen aus den verschiedenen Jahren nicht direkt miteinander vergleichbar. Die Datenquelle, das Global Wealth Data Book der Schweizer Großbank Credit Suisse, wird jährlich aktualisiert. In der Folge werden Annahmen auch für zurückliegende Jahre korrigiert. Neuesten Daten von Credit Suisse zufolge hat das gemeinsame Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung zugenommen. Demnach wären es 2018 155 Milliardäre gewesen, die gemeinsam so viel besaßen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung und für Anfang 2019 (Ende des Betrachtungszeitraums der Forbes- Reichenliste ist Februar 2019) würde die Zahl163 lauten. Daraus, dass die Zahl der Milliardär*innen von Anfang 2019 höher ist, als die aus dem Vorjahr, lässt sich jedoch aus unserer Sicht keine Trendwende ableiten. Es handelt sich eher um eine Delle in Folge der Kurseinbrüche an den Börsen im ersten Halbjahr 2019. Diese dürfte nach der Börsenrally in der zweiten Jahreshälfte wieder ausgebügelt sein. Dafür spricht, dass laut des Finanzdiensts Bloomberg das Vermögen der reichsten 500 Menschen im Jahr 2019 um rund 25 Prozent angewachsen ist.

Und wie Christine Haas uns in der Welt richtig zitiert: An dem fundamentalen Missverhältnis ändert das nichts. Auf dieses Missverhältnis und dessen Folgen geht Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), in seiner Kolumne auf Zeit Online ein.

Nochmals kurz zum Trend: Im Mittel wuchsen die Vermögen der Milliardäre in den letzten zehn Jahren um 7,4 Prozent pro Jahr, so unsere Berechnungen.  Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch das World Inequality Lab um Thomas Piketty im neusten UN-Entwicklungsbericht. Im Mittel wuchsen alle von ihnen erfassten Vermögen zwischen 1987–2017 um 2,8 Prozent pro Jahr, für die Reichsten 0,01 Prozent lag das jährliche Wachstum doppelt so hoch, bei 5,7 Prozent. Es sind in also auch Vermögen in der unteren Hälfte der Weltbevölkerung gestiegen, wie der in FAZ und Welt zitierte Maximilian Stockhausen anmerkt, und dadurch ist die Vermögensungleichheit zwischen Ländern gesunken. Die Konzentration an der Spitze hat sich jedoch dessen ungeachtet fortgesetzt.

Die von Rainer Hank im DLF ins Spiel gebrachten „seriösen Studien“ der Weltbank und des Ungleichheitsforschers Branko Milanović, wonach die Sache anders aussehe, beziehen sich auf Einkommensungleichheit und nicht auf Vermögen – und beschreiben daher einen anderen Zusammenhang als jenen, der hier besprochen wird. Zum Unterschied von Vermögen und Einkommen und warum beide wichtig sind, haben wir uns hier bereits geäußert.

Gibt es nicht weniger Arme als früher? Oder ist die Welt in Ordnung wie sie ist?

Von den Reichen zu den Armen. Rainer Hank wird im Deutschlandfunk mit den Worten zitiert, dass die Abnahme extremer Armut in den vergangenen 25 Jahren von 36 auf zehn Prozent „eine irrsinnige humane Leistung“ sei.

Das sehen wir ganz ähnlich. Die Abnahme der extremen Armut begrüßt Oxfam, ebenso die Fortschritte beim Zugang zu Bildung und zu Gesundheitsversorgung. Doch wir sagen auch, noch immer leben ca. 730 Millionen Menschen von weniger als 1,90 USD am Tag, und die Geschwindigkeit, in der extreme Armut reduziert wurde, hat – nach Angaben der Weltbank – in den letzten Jahren abgenommen. Selbst die Weltbank sagt daher mittlerweile, dass wir das Ziel, extreme Armut innerhalb der nächsten 10 Jahre bis zum Jahr 2030 abzuschaffen, nicht erreichen können, wenn wir die Wohlstandsgewinne nicht gerechter verteilen.

Hier finden Sie Projektionen zur Entwicklung extremer Armut bis 2030. 

Zudem leben zahlreiche Menschen nur knapp über der extremen Armutsgrenze, nur eine Missernte oder eine Krankenhausrechnung von der Armut entfernt. Und fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt, laut Weltbank, von weniger als 5,50 USD am Tag.

Wir sind daher trotz aller Verbesserungen nicht an einem Punkt, an dem wir uns auf die Schulter klopfen und uns ausruhen können. Hinzu kommt, dass manche Wohlstandsgewinne der Vergangenheit auch auf Kosten von Menschen und Umwelt gingen. Wir haben viel verloren an Biodiversität, an intakter Natur, an guten Anbauflächen, an sauberen Gewässern und Meeren. Daher haben wir – trotz aller Erfolge – noch vieles zu tun, um das Ziel einer gerechten Welt ohne Armut zu erreichen, und wenig Anlass für ein fröhliches „Weiter So!“.

Eine*r arbeitet, eine*r ist zu Hause, das Einkommen teilen wir – wo ist das Problem?

Zuletzt zu einer neuen Frage, die Arm und Reich miteinander verbindet. Was, wenn ein reicher – oder mindestens gut verdienender – Mann und seine Frau, die über kein eigenes Einkommen verfügt, ihr Geld zusammenlegen, ist dann das Problem gelöst?

Andreas Peichl, der am Münchner ifo Institut zu Ungleichheit forscht, wird in der FAZ mit den Worten zitiert, er warne davor, die Daten zu Ungleichheit zwischen Männern und Frauen und zu der von uns kritisierten Rentenlücke zu überinterpretieren, denn: „Bei den meisten Ehepartnern übernimmt der Mann dafür einen Großteil der Rechnungen.“

Es ist richtig und wichtig, dass innerhalb von Haushalten Ressourcen wie Einkommen und Vermögen geteilt werden. Weltweit haben laut der Internationalen Arbeitsorganisation über 70 Prozent aller Menschen keine hinreichende (öffentliche) soziale Absicherung und sind damit auf die Unterstützung innerhalb ihrer Familien oder Gemeinschaft angewiesen. Es ist fest davon auszugehen, dass die meisten Menschen sie dort auch erfahren.

Andererseits wissen wir wenig darüber, ob dies tatsächlich zu einer gleiche(re)n Verteilung von Einkommen und Vermögen zwischen Frauen und Männern führt. Mutmaßlich ist dies nicht nur von Region zu Region, sondern auch innerhalb von Familien unterschiedlich. Ob bei manchen geteiltes Haushaltseinkommen tatsächlich zu einer harmonischen, gleicheren Verteilung führt – wie Andreas Peichl anführt – oder ob Einkommen und Vermögen zwar geteilt werden, aber nicht zu gleichen Teilen, wird nur selten erfasst.

Egal ob erfasst oder nicht: Wenn Frauen (oder Männer) kein eigenes Einkommen haben, sind sie stärker von ihrem*ihrer Partner*in abhängig. Oder wie Adelheid Biesecker in einem Deutschlandfunk-Interview in Reaktion auf unsere Studie ausführt: „Eigenes Geld macht selbständig. … Das kann nicht sein, dass die eine Person der anderen Person ein Taschengeld gibt.“

Wichtig ist ökonomische Unabhängigkeit insbesondere von Frauen nicht zuletzt deshalb, weil sie deren „Risiko, von Gewalt betroffen zu sein, tendenziell verringert, indem sie die Möglichkeiten der Frauen erhöht, gewalttätige Beziehungen zu verlassen“. Dies stellt der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2017 fest.

Statt also so zu tun, als sei es kein Problem, wenn nur ein Partner ein Einkommen hat, ist es an der Zeit, dafür zu sorgen, dass Wirtschaft und Gesellschaft allen Menschen die Möglichkeit bieten, eigene auskömmliche Einkommen zu verdienen und dies mit Fürsorgearbeit zu kombinieren, ohne dass ihnen daraus jetzt oder in der Zukunft Nachteile entstehen. Davon profitieren nicht nur Frauen, sondern auch Männer, die oftmals ebenfalls gern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen würden. Es geht also nicht nur um die gerechtere Verteilung von Einkommen und Vermögen, sondern auch von Pflege- und Fürsorgeaufgaben, sowie um deren gesellschaftliche und ökonomische Anerkennung. Dafür setzt Oxfam sich ein.

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Die häufigsten Fragen zum Ungleichheits-Bericht von Oxfam

19. Januar 2020 - 16:24
Seit dem Jahr 2015 berichtet Oxfam jährlich im Januar zum Stand der globalen Ungleichheit. Aber wie kommt Oxfam eigentlich zu diesen Zahlen? Was kann man gegen die dramatische Ungleichheit tun? Und ist soziale Ungleichheit überhaupt ein Problem? © Johnny Miller / Unequal Scenes Weltweit ist die Lücke zwischen arm und reich im vergangenen Jahr erneut größer geworden

Seit dem Jahr 2015 berichtet Oxfam jährlich im Januar zum Stand der globalen Ungleichheit. Aber wie kommt Oxfam eigentlich zu diesen Zahlen? Was kann man gegen die dramatische Ungleichheit tun? Und ist soziale Ungleichheit überhaupt ein Problem?

  1. Ist nicht Armut das viel größere Problem als Ungleichheit?
    1. Unser Wirtschaftssystem
    2. Folgen des Klimawandels
    3. Ungleicher Zugang zu Bildung und Gesundheit
    4. Politischer Ausschluss
  2. Ist Ungleichheit ein globales Problem oder nur in armen Ländern?
    1. Ungleichheit in Deutschland: Chancen geraubt – Aufstiegsversprechen gebrochen
    2. Ungleichheit in Deutschland: Gefährdung von Demokratie und Gesellschaft
    3. Ungleichheit in Deutschland: Wirtschaftliche Entwicklung
  3. Nimmt Ungleichheit zu oder ab?
    1. Globale Vermögensungleichheit nimmt zu
    2. Vermögensungleichheit innerhalb von Ländern
    3. Einkommensungleichheit innerhalb von Ländern
    4. Globale Einkommensungleichheit
    5. Eine relative Abnahme kann auch eine absolute Zunahme sein
    6. Ungleichheit zwischen Männern und Frauen
  4. Wie kommt Oxfam zu seinen Zahlen zu Ungleichheit?
  5. Was kann gegen Ungleichheit getan werden?
    1. Investitionen in soziale Gerechtigkeit erhöhen!
    2. Geschlechtergerechtigkeit schaffen!
    3. Steuern gerecht und sozial gestalten!
Ist nicht Armut das viel größere Problem als Ungleichheit?

Ungleichheit und Armut gehen miteinander einher: Ungleichheit schafft und verstärkt Armut. Dafür gibt es folgende Gründe:  

Unser Wirtschaftssystem belohnt Reichtum und verfestigt Armut

Von unserem Wirtschaftssystem profitieren diejenigen, die auf der Vermögens- und Einkommensleiter ohnehin schon oben stehen. Die Vermögen der Reichsten erreichen neue Rekorde, während der Anteil der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung am globalen Vermögen nicht einmal ein Prozent beträgt. Kaum anders sieht es bei den Einkommen aus.

Eines der UN-Entwicklungsziele lautet, extreme Armut bis zum Jahr 2030 zu überwinden. Wenn die Wohlstandsgewinne allerdings weiterhin zu so großen Teilen von unten nach oben umverteilt werden, können wir dieses Ziel nicht erreichen. Zwar ist die Zahl der Menschen in extremer Armut weltweit gesunken. Es leben jedoch weiterhin Milliarden von Menschen nur knapp über der extremen Armutsgrenze.

Wollte man – unter Beibehaltung der gegenwärtigen Verteilung der Wohlstandsgewinne – jedem Menschen bis 2030 ein Einkommen von mindestens fünf US-Dollar am Tag ermöglichen, so müsste die globale Wirtschaft stark wachsen. Ein solches Wachstum wäre jedoch angesichts der begrenzten Ressourcen unseres Planeten katastrophal. Fest steht: Wenn wir Armut besiegen wollen, müssen wir Wohlstandsgewinne gerechter verteilen und Ungleichheit bekämpfen.

Folgen des Klimawandels

Durch ihren Lebensstil verantworten die Reichsten dieser Welt einen Großteil der klimaschädlichen Emissionen. Die Auswirkungen des Klimawandels wie Unwetter, Dürren und Überschwemmungen treffen hingegen vor allem Menschen in Armut. Ihre Lebens- und Einkommensgrundlagen hängen häufiger von intakten Ökosystemen ab, beispielsweise in der Landwirtschaft. Zugleich haben ärmere Bevölkerungsgruppen weniger Möglichkeiten, sich an Klimaveränderungen anzupassen oder sich vor ihnen zu schützen.

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Ungleicher Zugang zu Bildung und Gesundheit

Große Ungleichheit in Einkommen innerhalb eines Landes geht oftmals einher mit ungleichem Zugang zu Bildung. Nicht nur reiche Haushalte sondern selbst Familien aus der Mittelschicht nutzen in manchen Ländern nach Möglichkeit private Bildungs- und Gesundheitsangebote. Sie verlieren das Interesse an öffentlichen Systemen, und da sie diese selbst nicht nutzen, wollen sie auch nicht länger zu deren Finanzierung beitragen.

Es ist jedoch fatal, wenn nur noch die Ärmsten Interesse an öffentlicher Infrastruktur haben, denn ihre Belange werden oftmals weniger gehört (siehe unten), und diese Dienste werden vernachlässigt.  Eine langfristige Folge des Mangels an flächendeckender, guter und vor allem öffentlicher Gesundheitsversorgung sowie entsprechenden Bildungsangeboten, ist, dass Armut zementiert wird. Denn Zugang zu diesen öffentlichen sozialen Diensten ist eine Voraussetzung für ein gesundes und langes Leben. Zudem können Menschen dadurch einen gut bezahlten Job bekommen, der ihnen einen Weg aus der Armut bietet.

Die Auswirkungen einer mangelnden Gesundheitsversorgung sind ebenfalls dramatisch: Nachweislich sterben mehr Menschen an vermeidbaren Krankheiten, wenn mehr Gesundheitsdienstleistungen aus der eigenen Tasche bezahlt werden müssen.

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Politischer Ausschluss

Wenn Menschen in extremer Armut ihre gesamte Zeit dafür aufwenden müssen, ihr Überleben zu sichern, bleibt ihnen kaum eine Möglichkeit, politisch aktiv zu werden. In vielen Ländern ist die Beteiligung von ärmeren Menschen an Wahlen und politischen Prozessen deshalb gering – auch politische Ämter haben ärmere Menschen nur selten inne. Bleibt Menschen in Armut ihr Recht auf Teilhabe verwehrt, werden zahlreiche Stimmen nicht gehört.

Für Oxfam die Lösung für dieses demokratische Defizit darin, mehr Beteiligungsmöglichkeiten einzufordern und mit von Armut betroffenen Menschen gemeinsam dafür zu kämpfen, dass ihre Stimme gehört wird.

Ist Ungleichheit ein globales Problem oder nur in armen Ländern? © Pablo Tosco/Oxfam Ungleichheit ist nicht nur in Ländern des globalen Südens ein Problem.

Ungleichheit ist eine globale Herausforderung und betrifft Menschen sowohl in armen als auch in reichen Ländern. Die Mehrzahl der Deutschen gehört global gesehen zu den Reichen. Allerdings sind auch innerhalb Deutschlands und Europas die Einkommen und Vermögen sehr ungleich verteilt.

Auch hier profitieren Vermögende und Spitzenverdiener stärker von unserem Wirtschaftssystem als Menschen mit niedrigen Löhnen. Trotz boomender Wirtschaft ist die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland auf einem Höchststand. Und auch hierzulande zeigt sich, dass Menschen mit geringerem Einkommen in der Politik weniger Gehör finden.

Zahlreiche Probleme, die mit Ungleichheit einhergehen unterscheiden sich nicht grundlegend zwischen armen und reichen Ländern, sondern nur in der Intensität.

Ungleichheit in Deutschland: Chancen geraubt – Aufstiegsversprechen gebrochen

Die Zustände mögen nicht so katastrophal sein, wie in Ländern des globalen Südens, aber auch hier wird Armut ebenso über Generationen weitergegeben wie Reichtum und den damit verbundenen Privilegien. Auch in Deutschland sterben Menschen in strukturschwachen Regionen deutlich früher als in wohlhabenden Gegenden. Und auch das deutsche Bildungssystem erschwert es Kindern aus einkommensschwachen Familien, den gleichen Bildungsstand zu erreichen wie Kinder aus besser verdienenden Haushalten.

Und neben der physischen Gesundheit wirkt sich Ungleichheit auch negativ auf das psychische Wohlbefinden, Selbstbild und Selbstwertgefühl aus. Mit zunehmender Ungleichheit steigen Status- und Abstiegsangst sowie Stress und Depressionen. Menschen in Armut bekommen das Gefühl vermittelt, sie hätten individuell versagt, obwohl es gesellschaftliche Strukturen sind, die dazu führen, dass große Vermögen und materieller Mangel gleichermaßen vererbt werden.

Verantwortlich hierfür ist nicht zuletzt die Idee der Leistungsgerechtigkeit. Diese besagt in Kürze, dass diejenigen, die es nicht an die Spitze schaffen, sich nicht genug angestrengt haben und damit selbst schuld sind. Tatsächlich werden Unterschiede in der Leistung jedoch maßgeblich durch bestehende Ungleichheiten – in Einkommen, Vermögen aber auch Geschlecht und Herkunft – verursacht. Einkommensungleichheit ist eine der Hauptursachen für den Mangel an Chancengleichheit.

Ungleichheit in Deutschland: Demokratie und Gesellschaft

In ungleichen Gesellschaften sinkt das Vertrauen in die Gemeinschaft und der soziale Zusammenhalt leidet. Zudem heizt Ungleichheit auch hierzulande eine politische Krise an, in der es Vermögenden und großen Konzernen gelingt, Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen. Auf der anderen Seite verlieren zahlreiche Menschen das Interesse an Wahlen und Politik, weil sie ihre Belange nicht repräsentiert sehen und ihre Anliegen weniger Gehör finden.

Zugleich trägt Ungleichheit dazu bei, dass auch Menschen in der Mitte der Gesellschaft, die nicht von Armut betroffen sind, sich zunehmend vom sozialen Abstieg bedroht oder von der Gesellschaft nicht anerkannt fühlen.

Doch Armut und soziale Ängste sind weder persönliche Schwächen noch dem eigenen Unvermögen geschuldet. Ungleichheit erzeugt diese Strukturen gesellschaftlicher Spaltung, und gemeinsam können wir sie überwinden.

Wir brauchen größere Gerechtigkeit bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Auf Dauer kann dies nur gelingen, wenn arme Teile der Bevölkerung auch gleichberechtigt an den Prozessen beteiligt sind, in denen über die Verteilung von Ressourcen entschieden wird.

Ungleichheit in Deutschland: Wirtschaftliche Entwicklung

Nicht zuletzt ist das gegenwärtige Ausmaß von Ungleichheit auch ökonomisch nicht zu rechtfertigen. Während es lange hieß, Ungleichheit wäre notwendig, um Wirtschaftswachstum zu schaffen, sieht dies heute selbst der Internationale Währungsfonds kritisch. Dass ein Umdenken nötig ist, zeigen die folgenden drei Argumente:

  1. Wenn ärmere Bevölkerungsgruppen geringe Einkommen haben und sich nichts leisten können, drückt Ungleichheit die Nachfrage.
  2. Wenn zahlreiche Menschen nicht die Gelegenheit bekommen, sich umfassend zu bilden und ihre Talente auch wirtschaftlich einzusetzen, wird das Potential für Produktion und Innovation nicht ausgeschöpft.
  3. Die Marktkonzentration in zahlreichen Wirtschaftsbereichen – etwa der Digitalwirtschaft oder dem Ernährungssektor – ist ein Hindernis. Nutzen die weltweit größten Konzerne ihre Marktmacht, schöpfen sie sehr viel mehr Gewinne ab, bauen damit ihre Finanzmacht aus, kaufen kleinere Wettbewerber auf und sichern ihre Vormachtstellung weiter ab.

Kritiker werfen Oxfam – und anderen, die soziale Ungleichheit thematisieren – vor, damit die Gesellschaft zu spalten. Tatsächlich ist es jedoch die tägliche Erfahrung von Ungleichheit, die den sozialen Zusammenhalt sprengt. Ungleichheit – nicht die Kritik daran – schadet der wirtschaftlichen Entwicklung, der Armutsbekämpfung, heizt die Erderwärmung an und unterhöhlt Demokratien.

Dies macht auch deutlich: Wir alle haben viel zu gewinnen, wenn es uns gelingt, Ungleichheit zu überwinden – mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt, mehr Solidarität und mehr Vertrauen. In Gesellschaften mit geringerer Ungleichheit gibt es weniger Gewaltverbrechen und die Menschen fühlen sich sicherer. Weniger Ungleichheit erhöht die Bereitschaft von Menschen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen: Der Stress, mit anderen mithalten zu müssen, sinkt und setzt Energien für gemeinsames Engagement frei. Packen wir es an!

Nimmt Ungleichheit zu oder ab? © Eleanor Farmer/Oxfam Ein um Almosen bittender Mann vor einem Luxus-Designer-Geschäft in Hanoi City

Bevor man diese Frage beantworten kann, ob Ungleichheit zu- oder abnimmt, muss zunächst geklärt sein, über welche Ungleichheit eigentlich gesprochen wird.

Ungleichheit kann mit Bezug auf Vermögen wie auch auf Einkommen bestimmt werden. Vermögens- und Einkommensungleichheit sind nicht identisch, jedoch miteinander verwoben: Einkommen kann in Vermögen umgewandelt werden, wenn es nicht konsumiert wird. Dies ist vor allem den Bezieher*innen höherer Einkommen möglich. Vermögen kann zusätzliches Einkommen generieren, etwa wenn Investitionen Rendite erzielen. Doch jede*r Kleinsparer*in weiß: relevante Gewinne aus Vermögen erzielen vor allem die Besitzer*innen größerer Einkommen. 

Diese Formen der Ungleichheit können sowohl global als auch national gemessen werden. Nationale Ungleichheit erfasst die Unterschiede der Einkommen oder Vermögen innerhalb der Bevölkerung eines Landes.

Nationale Ungleichheit ist relevant, da zahlreiche Maßnahmen politischer Entscheidungsträger*innen, die Ungleichheit beeinflussen, hier die größte Wirkung erzielen. Außerdem vergleichen sich Menschen zumeist eher mit Menschen in ihrer Umgebung, bevor sie Vergleiche mit Menschen in anderen Erdteilen anstellen.

Globale Ungleichheit erfasst Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen allen Menschen auf der Welt. Für eine Entwicklungsorganisation wie Oxfam ist der Vergleich auf globaler Ebene wichtig, da wirtschaftliche Gewinne aus weltweiten Produktions- und Handelstätigkeiten stammen. Extremer Reichtum und extreme Armut sind durch das globalisierte Wirtschaftssystem miteinander verbunden und müssen daher auch gemeinsam in den Blick genommen werden.

Darüber hinaus gibt es weitere Formen der Ungleichheit, beispielsweise im Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder in der politischen Beteiligung. Diese stehen oftmals in engem Bezug zu Einkommen und Vermögen – aber auch zu Geschlecht und Herkunft.

Globale Vermögensungleichheit nimmt zu 

Die globale Vermögensungleichheit ist dramatisch und hat sich über Jahre verschärft – das zeigen die jährlichen Berichte von Oxfam zu Ungleichheit.

Vermögensungleichheit innerhalb von Ländern

Auch die nationale Vermögensungleichheit hat in den letzten Jahrzehnten vielerorts weiter zugenommen.

Einkommensungleichheit innerhalb von Ländern

Die Einkommensungleichheit innerhalb nationalstaatlicher Grenzen steigt in zahlreichen Ländern an. Da dies insbesondere bevölkerungsreiche Länder betrifft, leben weltweit sieben von zehn Menschen in einem Land, in dem die Einkommensungleichheit zugenommen hat. Auch in Deutschland ist die Ungleichheit der Einkommen über Jahre gestiegen. Innerhalb Europas liegt Deutschland mit Blick auf Einkommensungleichheit im Mittelfeld.  

Zugleich gibt es gerade auf der nationalen Ebene zahlreiche Möglichkeiten, für Regierungen erfolgreich gegen Einkommensungleichheit vorzugehen: durch faire Steuerpolitik, durch Investitionen in Gesundheit, Bildung und soziale Sicherung, sowie durch faire Löhne und Gleichstellung von Frauen. Daher nimmt Ungleichheit nicht überall gleichermaßen zu, sondern vor allem dort, wo Regierungen sich nicht ausreichend engagieren.

Globale Einkommensungleichheit

Einkommensungleichheit nimmt global gesehen nach Meinung der Weltbank ab. Dies könnte also die einzige der vier Ebenen von Ungleichheit sein, auf der es Entwarnung gibt. Allerdings: Wäre die Welt ein Land, dann würde sie ein ähnliches Maß an Ungleichheit aufweisen wie Südafrika, eines der ungleichsten Länder der Welt.

Die Daten der Weltbank zeigen vor allem, dass der Unterschied zwischen einem Durchschnittseinkommen in beispielsweise China und Deutschland abgenommen hat. Der Grund dafür ist, dass die Einkommen in China deutlich stärker gewachsen sind als in Deutschland, dies gilt auch für eine Reihe von anderen bevölkerungsreichen asiatischen und lateinamerikanischen Ländern. Ließe man jedoch allein China bei dieser Berechnung außen vor, so hätte auch die globale Einkommensungleichheit weiter zugenommen. Dass zahlreiche Chinesen heute über höhere Einkommen verfügen ist begrüßenswert. Um von einer Trendwende der globalen Einkommensungleichheit zu sprechen, reicht dies jedoch nicht aus. Hinzu kommt die bleibende absolute Ungleichheit, die im nächsten Abschnitt aufgezeigt wird.

Aktuelle Zahlen finden Sie in unserem Oxfam-Bericht zu Ungleichheit.

Eine relative Abnahme kann auch eine absolute Zunahme sein

Entwarnung gibt es mit Blick auf globale Ungleichheit auch deswegen nicht, weil sich die oben genannten Messungen ausnahmslos auf relative Unterschiede beziehen. Doch gerade für die Ärmsten sind auch absolute Veränderungen von großer Bedeutung.

Deutlich wird das an folgendem Beispiel: Person A verdient pro Tag 2 US-Dollar, Person B 200 US-Dollar. Erhalten beide eine Lohnerhöhung von 50 Prozent, nimmt die relative Ungleichheit zwischen den beiden nicht zu. Person B wird noch immer 100-mal mehr Einkommen haben als Person A. Zugleich nimmt die absolute Ungleichheit zu: Das Einkommen von Person A steigt nur um 1 US-Dollar, während Person B eine Erhöhung von 100 US-Dollar erhält. Der absolute Abstand zwischen beiden ist von 198 auf 297 US-Dollar angewachsen.

Es kann also zugleich zu einer Abnahme der relativen und einer Zunahme der absoluten Einkommensungleichheit kommen – und genau dies ist auf globaler Ebene geschehen.

Ungleichheit zwischen Männern und Frauen

Ungleichheit besteht nicht allein zwischen Reich und Arm, sie existiert auch zwischen Männern und Frauen.

Eine Ursache sind Gesetze, die es Frauen vielerorts verwehren, über Ressourcen wie Land, Kredite, oder Erbschaften zu verfügen. Zudem benachteiligen diese Gesetze Frauen im Arbeits-, Steuer- oder Erbrecht. Auch stehen einer echten Gleichberechtigung gesellschaftliche Normen und Stereotype im Wege, die Erziehungs-, Pflege- und Hausarbeit als „Frauenarbeit“ definieren.

In der Folge – und weil öffentliche Dienste in diesen Bereichen fehlen – sind es Frauen und Mädchen, die vorranging die unbezahlte Pflege von Kindern, älteren und kranken Menschen sowie das Waschen, Putzen und Kochen übernehmen. Die Zeit, die Frauen mit unbezahlter und kaum anerkannter Sorgearbeit verbringen, fehlt ihnen, um Einkommen zu erwirtschaften, sich weiter zu qualifizieren und den eigenen Interessen Gehör zu verschaffen.

Insbesondere in dem Alter, in dem Frauen Kinder bekommen können und sich deren Betreuung und Erziehung widmen, sind sie häufiger von Armut betroffen. Im Laufe ihres gesamten Lebens haben Frauen daher weniger Möglichkeiten, eine bezahlte Arbeit auszuüben Zudem  müssen sie häufiger prekäre oder schlecht bezahlte Arbeiten verrichten. Frauen können so weniger Vermögen und eigenständige soziale Absicherung aufbauen, wodurch sie auch im Alter eher in Armut leben.

Nicht zuletzt fehlt Frauen durch ihre unbezahlten Zusatzaufgaben häufig die Zeit, sich in politische Prozesse einzubringen. Wo Politik weder von, noch für Frauen gemacht wird, verstärkt das ihre Benachteiligung. Ein Wirtschaftssystem, das unbezahlte Sorgearbeit nicht anerkennt, wertschätzt und umverteilt, ist nicht gerecht – es ist vorrangig von Männern für Männer gemacht.

Wie kommt Oxfam zu seinen Zahlen zu Ungleichheit?

Oxfams jährliche Berechnungen zu globaler Vermögensungleichheit stützen sich auf Angaben der Schweizer Großbank Credit Suisse zum Vermögen der Weltbevölkerung und auf Recherchen des Magazins Forbes zum Vermögen der Superreichen. Die Zahlen sind nicht leicht zu erheben, weder für die Reichsten, noch für die Ärmsten.

Das geringe Vermögen eines indischen Bauern oder etwa seine Schulden bei einem Geldverleiher im Nachbardorf finden nicht unbedingt Eingang in eine offizielle Statistik. Ebenso wenig erfasst werden in die Steueroasen geparkten Milliardenvermögen der Superreichen. Solche partielle Datenlücken werden von den Forscher*innen bei Credit Suisse und Forbes durch Hochrechnungen und Schätzungen ergänzt – beides sind in den Wirtschaftswissenschaften gängige Verfahren.

In der Summe sind dies die beiden besten verfügbaren und über Jahre in ihrem Vorgehen konsistenten Quellen zur weltweiten Verteilung von Vermögen. Sie werden zudem laufend aktualisiert. Jedes Jahr gibt Credit Suisse daher rückwirkend verbesserte – den neuen Informationen entsprechende – Zahlen für die Vorjahre an. Forbes erstellt jährlich eine Liste der weltweiten Milliardär*innen.

Im Detail erläutern wir unsere Berechnungen jedes Jahr in einer englischsprachigen „Methodolgy Note,“ die zusammen mit unseren Berichten auf unserer Webseite verfügbar sind.

Hier finden Sie unsere aktuellen Publikationen zu globaler Ungleichheit.

Auf Kritik an unseren Zahlen und den Berechnungen sind wir in den vergangenen Jahren hier und hier ausführlich eingegangen.

5. Was kann gegen Ungleichheit getan werden? © Chris Stowers/Oxfam Schulkinder in Indien lernen lesen und schreiben.

Ungleichheit ist keine Naturgewalt. Die tiefe und wachsende Kluft zwischen Reich und Arm ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Im Zentrum steht die Frage, worauf Regierungen Steuern erheben und wofür sie diese einsetzen. Hier gibt es eine Reihe von Ansatzpunkten für Regierungen auf der ganzen Welt gegen Ungleichheit vorzugehen.

Entschiedenes Handeln in drei Bereichen ist dafür unverzichtbar:

Investitionen in soziale Gerechtigkeit erhöhen!

Gebührenfreie öffentliche Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherungsnetze sind unverzichtbar im Kampf gegen Armut und Ungleichheit – und wichtig für mehr Geschlechtergerechtigkeit. Zur Finanzierung dieser Dienste brauchen Staaten Spielraum, der nicht durch Spardiktate eingeschränkt werden darf. Das gilt für Deutschland und Europa ebenso, wie für Partnerländer in der Entwicklungszusammenarbeit.

Geschlechtergerechtigkeit schaffen!

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Einkommen, Vermögen und politische Teilhabe sind vielerorts gewaltig und müssen abgebaut werden. Insbesondere müssen global die Rechte von Frauen gestärkt werden, und wir müssen in Deutschland und Europa die Gleichstellung von Frauen vorantreiben.

Steuern gerecht und sozial gestalten!

Damit in soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung investiert werden kann, müssen Konzerne und Superreiche ihren fairen Beitrag zum Allgemeinwohl leisten. Wir müssen Steuervermeidung stoppen, Konzerne angemessen besteuern und Superreiche stärker in die Verantwortung nehmen.

Deutschland als eine der weltweit führenden Wirtschaftsmächte und die Europäische Union als größter Wirtschaftsraum der Welt sind hier in einer besonderen Verantwortung. Die Weichen müssen richtig gestellt werden, und zwar durch eine Politik der Solidarität und Weltoffenheit, die soziale Ungleichheit bei uns, in Europa und weltweit effektiv bekämpft.

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Muss die Prügelstrafe wirklich verboten werden?

11. Dezember 2019 - 11:30
SatireDie Bundesregierung prüft, ob es wirklich nötig ist, alle Schulen per Gesetz zu einem gewaltfreien Unterricht zu zwingen – oder ob es ausreicht, wenn genügend Schulen freiwillig auf den Rohrstock verzichten. Nach Todesfällen in deutschen Klassenzimmern ist die Diskussion um ein mögliches gesetzliches Verbot der Prügelstrafe entbrannt.

Die Bundesregierung prüft, ob es wirklich nötig ist, alle Schulen per Gesetz zu einem gewaltfreien Unterricht zu zwingen – oder ob es ausreicht, wenn genügend Schulen freiwillig auf den Rohrstock verzichten. Nach Todesfällen in deutschen Klassenzimmern ist die Diskussion um ein mögliches gesetzliches Verbot der Prügelstrafe entbrannt.

Das Bildungsministerium ist noch zögerlich: Ein Gesetz könne die Schulleitungen mit Bürokratie belasten und die Freiheit der Schulen einschränken. „Solch eine Überregulierung schadet der Effizienz des Unterrichts und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bildungssystems“, kritisiert auch Hartmut Stahlknecht vom Bundesverband für Disziplin im Unterricht (BDU). „Wo kämen wir hin, wenn die Schulen künftig für jeden gebrochenen Fingerknochen haftbar wären?“

Umfrage unter Schulleitungen soll entscheiden

Wegen des öffentlichen Drucks will die Bundesregierung die Kinderrechte allerdings nicht länger ignorieren. Eine Umfrage unter den Schulen soll darüber entscheiden, ob ein gesetzliches Prügelverbot nötig ist oder ob es ausreicht, wenn die meisten Schulen sich freiwillig zu einem gewaltfreien Unterricht verpflichten.

3000 Schulleitungen sollen angeben, ob sie ihren Unterricht schon jetzt freiwillig gewaltfrei durchführen. Die Bundesregierung zeigt sich streng: Sie droht mit einem Gesetz, wenn nicht mindestens die Hälfte der Antworten „Ja“ laute.

Um die Schulverwaltungen zu schonen, werden die Antworten nicht überprüft. Außerdem ist die Teilnahme an der Umfrage freiwillig. „Bei den Schulen, die sich gar nicht zurückmelden, gehen wir davon aus, dass alles irgendwie OK ist“, so eine Regierungssprecherin in einer Pressekonferenz.

 „Kann ich bald endlich meine Schule auf Schadensersatz verklagen?“, fragt Johanna Meyer, Nachwuchsjournalistin mit blauen Flecken von der Schülerzeitung Spitalnic. Der Sprecher des Bildungsministeriums wiegelt ab: Unter den bisher eingegangenen Antworten seien zwar viele Prügelschulen, aber immerhin auch ein paar, die sich zur Gewaltfreiheit verpflichten. „Das zeigt, dass es schon vorbildliche Schulen gibt. Schade, dass Ihre nicht dazu gehört. Tja, kann man nix machen.“

Die Verantwortung sieht das Bildungsministerium unterdessen auch bei den Eltern. Bei der Schulwahl sollten sie sich besser über die pädagogischen Konzepte der Schulen informieren und selbst abwägen, wie wichtig ihnen das Recht auf körperliche Unversehrtheit sei.

Alles eine Farce? Ja – und genau so eine Farce betreibt die Bundesregierung gerade rund um das Lieferkettengesetz. Viele deutsche Konzerne nehmen in Kauf, dass in ihren Lieferketten Menschen sterben: wenn marode Fabriken einstürzen oder in Flammen aufgehen, Dämme bersten oder streikende Arbeiter*innen getötet werden.

Doch anstatt Unternehmen per Gesetz für solche Verletzungen der Menschenrechte haftbar zu machen, verschwendet die Bundesregierung Zeit – mit einer sinnlosen Befragung der Unternehmen, ob sie die Menschenrechte freiwillig einhalten oder dies zumindest planen. Wir brauchen keine Umfrage, wir brauchen ein Gesetz!

Gesetz fordern

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