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#Weltweitwichtig: Klimapolitik im Zentrum der Bundestagswahlen

VENRO - 23. Juli 2021 - 12:24

Dass Klimapolitik ein Schlüsselthema für die Bundestagswahlen ist und werden muss, ist eigentlich selbstverständlich – wird aber durch die aktuellen Katastrophen noch einmal zusätzlich untermauert. Es geht nicht einfach um „Umweltpolitik“, sondern schlicht um Überlebenspolitik.

Die verheerenden Regenfälle in Süd- und Westdeutschland haben in den letzten Tagen zu massiven Zerstörungen und menschlichem Leid bei uns in Deutschland geführt. In vielen Orten wurden absolute Rekordwerte bei den Niederschlägen erreicht. Dies folgte nur wenige Tage auf historische Hitzerekorde im Westen Nordamerikas. In Kalifornien und anderen Teilen des Landes sind bereits zu einem relativ frühen Zeitpunkt im Jahr verheerende Waldbrände entstanden – eine Gefahr, die für Mensch und Natur dort aufgrund von aufeinanderfolgenden Dürren leider immer mehr zum „new normal“ wird. Nach Analysen von renommierten Klimawissenschaftlern ist das für die Hitzewelle verantwortliche Wettermuster nur durch den vom Menschen befeuerten Klimawandel erklärbar. Derzeit stehen diese Katastrophen im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber die Klimakrise ist im Globalen Süden leider schon zu oft ein täglicher Gegner im Streben nach Überleben und nachhaltiger Entwicklung– häufig bei besonders marginalisierten Bevölkerungsgruppen wie Frauen und Jugend.

Keine dieser Katastrophen wäre objektiv betrachtet „notwendig“, um die Existenz des menschgemachten Klimawandels in unser Gedächtnis zu rufen und die Notwendigkeit des dringenden Handelns zu unterstreichen. Dies betrifft sowohl die Notwendigkeit des Klimaschutzes – also die Vermeidung der Emissionen – als auch die bessere Vorsorge gegenüber Klimarisiken. Denn dass diese Klimakrise vor allem durch die Verbrennung der fossilen Energien angeheizt wird und bereits mitten im Gange ist, ist ja seit Jahrzehnten wissenschaftlich belegt und mittlerweile fachlich unumstritten. Im Paris-Abkommen von 2015 haben auch nahezu alle Staaten diese Tatsache anerkannt. Dennoch hinken wir weltweit immer noch weit hinter dem notwendigen Pfad zur Einhaltung der 1,5°C-Grenze hinterher und nehmen die Klimavorsorge und -anpassung weiterhin zu wenig ernst –  ein Ausdruck der noch immer vorhandenen Ignoranz in Teilen von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.

Die Klimakrise erfasst alle gesellschaftlichen und politischen Bereiche

Dass Klimapolitik ein Schlüsselthema für die Bundestagswahlen ist und werden muss, ist angesichts der zentralen Weichenstellungen, die nach Jahren einer zu zögerlichen Klimapolitik anstehen, eigentlich selbstverständlich – wird aber durch diese aktuellen Katastrophen noch einmal zusätzlich untermauert. Dabei gehören Klimaschutz hier und Unterstützung und Solidarität für die besonders Betroffenen dort – im Globalen Süden, der insgesamt besonders wenig zur Klimakrise beigetragen hat – untrennbar zusammen für ein Land, dass sich zum Pariser Klimaabkommen verpflichtet hat, unter anderem durch die einstimmige Ratifizierung aller Parteien im Bundestag 2016.

Dass es hier nicht einfach um „Umweltpolitik“ geht, ist mittlerweile auch keine Binsenweisheit, muss aber anscheinend immer wieder betont werden: Die Klimakrise erfasst alle gesellschaftlichen und politischen Bereiche: Wirtschaft, Industrie, Landwirtschaft, Bildung, Infrastruktur etc. – und nicht zuletzt die internationale Zusammenarbeit. Es geht schlicht um Überlebenspolitik, denn in einer Welt, die im Durchschnitt um drei bis vier Grad heißer werden könnte, sind nicht nur massiv Menschenleben sehr konkret gefährdet, sondern langfristig auch die Zivilisationsfähigkeit der Menschheit. Die Weichen werden in diesem Jahrzehnt wesentlich gestellt.

Konkrete Wege zu 1,5-Grad-kompatiblem Klimaschutz als Gestaltungsaufgabe

Die deutschen Klimaschutzziele müssen am 1,5-Grad-Limit ausgerichtet werden, so die einhellige Forderung der deutschen Zivilgesellschaft. Die bisherigen Maßnahmen und Ziele sind dafür nicht ausreichend, wenn auch in den letzten Monaten in Deutschland Schritte in die richtige Richtung eingeschlagen wurden. Das Minderungsziel für 2030 soll auf 70 Prozent angehoben werden, damit die Klimaneutralität bis 2040 erreichbar bleibt. Zudem sollten die zukünftig regierenden Parteien schnellere Umsetzungsschritte für Klimaschutzmaßnahmen und eine sofortige Beendigung von Subventionen für fossile Energien beschließen. Wie dies Deutschland am besten schaffen kann – hin zu einer sozial-ökologisch gerechten Gesellschaft – ist die zentrale Gestaltungsaufgabe, der sich die Parteien und Politiker_innen stellen müssen. Diese Aufgabe kann nicht mit ständigen undifferenzierten rhetorischen Abwehrkämpfen nach dem Motto „Klimaschutz ja, aber bitte nicht die Wirtschaft gefährden“ angegangen werden. Es steht an, diese Herausforderung schnell und proaktiv anzugehen – und die Wähler_innen haben auch ein Anrecht darauf, hier konkret die Pläne der Parteien zu verstehen.

Klimagerechtigkeit mit und gegenüber dem globalen Süden ist unabdingbar

International steht Deutschland in den Augen vieler Länder als klimapolitisch engagiert dar – in einem Maße, das häufig über die Versäumnisse in der nationalen Klimapolitik hinwegtäuscht. Doch auch hier gibt es weiterhin Baustellen.

Deutschland muss sich durch Aufwüchse in der Klimafinanzierung dafür einsetzen, dass die Industrienationen ihr Versprechen einhalten, jährlich 100 Milliarden US-Dollar für die Eindämmung und die negativen Folgen des Klimawandels in den am stärksten betroffenen Ländern im globalen Süden aufzubringen. Diese Unterstützung muss in den kommenden Jahren kontinuierlich und deutlich ansteigen, von derzeit etwa 4 Milliarden Euro an Haushaltsmitteln pro Jahr auf mindestens 8 Milliarden bis 2025. 50 Prozent der gesamten Klimafinanzierung sollten für Maßnahmen zur Klimaanpassung eingesetzt werden. Auf dem G7-Gipfel hat die amtierende Bundesregierung sehr vage Andeutungen gemacht, bis 2025 auf 6 Milliarden Euro zu erhöhen, Details sind allerdings offen und unklar.

Darüber hinaus wäre es wichtig, mit deutscher Unterstützung innovative globale Finanzierungsmechanismen einzuführen, etwa eine Flug- oder Schiffsverkehrsabgabe, um zusätzliche Mittel zur Bewältigung von klimawandelbedingten Verlusten und Schäden in ärmeren Ländern zu mobilisieren. Diese sollten über den bestehenden Mechanismus im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen verwaltet werden. Eine komplexe, aber gleichzeitig dringend notwendige Herausforderung ist die Entwicklung einer umfassenden und langfristige Regierungsstrategie zur fairen und menschenrechtsbasierten Verantwortungsübernahme im Bereich klimabedingter Migration.

Ich erlebe es selbst in Diskussionen in der internationalen Zivilgesellschaft, wie stark auf die Bundestagswahl insbesondere vor dem Hintergrund der Klimakrise und der anstehenden Herausforderungen geschaut wird. Gerade weil es derzeit international eine neue positive Dynamik gibt, brauchen wir eine Bundesregierung, die die Klimakrise national und international angeht und als Motor auf allen Ebenen agieren kann: nicht durch Zögerlichkeit, sondern durch Entschlossenheit, Weitsicht und in vollstem Verständnis der tiefgreifenden Gefahren und radikalen Umwälzungen, die bei einem andauernden Versagen in der Klimapolitik auf uns und gerade die Menschen im globalen Süden zukommen würden.

Dieser Artikel ist Teil unserer Themenreihe zur Bundestagswahl 2021, in der wir unsere Erwartungen für die kommende Legislaturperiode formulieren. Die Blogserie basiert auf unserem aktuellen Positionspapier Was jetzt #WeltWeitWichtig ist – Erwartungen an die Parteien zur Bundestagswahl 2021. Darin fordern wir die Parteien, die zukünftigen Abgeordneten und die kommende Bundesregierung auf, ihre Prioritäten auf eine nachhaltige Politik zu richten, die alle mitnimmt!

Lesen Sie mehr dazu unter www.weltweitwichtig.de.

The Review of the Resident Coordinator System: Give UNDS reform a chance!

DIE Blog - 21. Juli 2021 - 14:00

Photo by hibino on Flickr (altered), https://www.flickr.com/photos/hibino/51544029/

These days, the United Nations (UN) General Assembly is tasked with fine-tuning a centrepiece of the reform: the strengthened Resident Coordinator system – key driver of a more cohesive UN Development System (UNDS) working towards a common agenda. Negotiations have yet to reach a break-through.

A Resident Coordinator (RC) leads a UN Country Team – on average 18 UN entities – in a given programme country. The reform delinked the RC system from the UN Development Programme (UNDP) and invigorated the authority and neutrality of RCs. During the Covid-19 pandemic, many RCs have enabled and enriched the UN’s response; they have been useful beyond the amount of resources they command, due to their convening powers and the ways they can orchestrate change, bridge the peace and development nexus, and liaise with external actors. Many have stood up for human rights, gender equality and the principle of ‘Leaving no one behind’, demonstrating the value of a strong multilateral development actor that can use the considerable trust of developing countries for promoting the 2030 Agenda in all its facets.

The RC system is set out as the centre of gravity in the ongoing exercise to reposition the UNDS. UN member states decided in 2018 on a set of far-reaching measures to make the UNDS greater than a sum of its parts and fit for the requirements of the 2030 Agenda. The objective is to offer more sophisticated services, policy and normative support that leverages the full breadth of the system’s capacities. This is not an easy task in a very heterogeneous system that comprises entities as diverse as the World Health Organization, UNDP, or the Office of the High Commissioner for Human Rights, with partially or completely independent governance arrangements, unreliable funding structures, big differences in size, and overlapping activities.

In the current negotiations, as most important task, parties must agree on how to reliably foot the bill for the 130 Resident Coordinators, their strengthened offices, as well as support structures at regional and headquarter level. The current hybrid funding model (consisting of contributions by UN entities, a 1 percent levy on earmarked resources, and a trust fund for voluntary contributions by member states) does not provide a sound basis. For 2021, a funding gap of US$ 58 million is projected.

The UN Secretary-General therefore –as already in 2018 – proposed to fund the costs of altogether US$ 281 million annually through assessed contributions, or at least a rather small portion (US$ 154 million) thereof. Assessed contributions are mandatory payments by all UN member states in line with their capacity to pay. They would provide greater predictability and distribute the costs of the vital RC function across the UN membership, thereby ensuring better ownership. Assessed contributions would also firmly place sustainable development at the heart of the organisation and on par with the UN’s peace and security and human rights functions.

So far, important member states are opposed to or not yet fully supportive of introducing assessed contributions, even for such as relatively small amount. Nor have they come up with viable alternatives. Should member states fail to agree on a significantly improved funding model, the chances of success for the UNDS reform will be significantly diminished. RCs and their support staff would be weakened in their ability to pull the system together, and resistance from within the UNDS against the reform would increase. Three considerations should inform the negotiations.

1. UNDS reform deserves a chance

So far, the reform is showing progress. More than two years into the reform, the Secretary-General’s RC Review report is an impressive compendium of the multifaceted efforts in terms of legal, institutional, staff-related, programmatic, and operational changes. An analysis by the Multilateral Performance Assessment Network describes the RC system as one of the reform areas that has seen most progress. This chimes in with key positive findings from the first system-wide early lessons study on the UN’s socio-economic response to the COVID-19 pandemic. Yet, the actual impact on delivering on common objectives e.g. through integrated policy advice is less clear. The RC review lists some positive examples, as does our own research which however concludes that a broad repositioning of functions has yet to take place. A UNU CPR report echoes this, detailing the challenges for the UNDS to effectively address environmental crises. While success depends on many factors, all in all, reform measures do address the right levers and need to be reinforced.

2. UNDS Reform demands behavioural change also from member states

Secretary-General Guterres uses his political weight to make UN entities align. Yet, his power remains limited in a system of semi- or fully-autonomous entities and a system-wide share of roughly 80 per cent earmarked funding. Member states command both, the carrots, in form of funding, and the sticks, in form of governance. They can demand support and provide funding through RCs, or can continue to deal with individual agencies. They can demand and fund complex, integrated policy support – or short-term services. The UNDS remains fragmented, and longstanding relations between states and individual UN entities make it hard to follow through on reform commitments articulated in New York.

Funding is a central risk to the reforms. As important as a secure funding for the RC system is an overall shift towards a higher quality of funding. Contributions to the Peacebuilding Fund, the Joint SDG Fund or other pooled funds incentivise cooperation. While the UN system showed overall good progress in implementing its commitments of the Funding Compact, member states lag behind in their commitments to provide a higher quality of funding.

3. A half-hearted solution to funding the RC system will reinforce reform resistance

The reform changes power within the UNDS. Our research saw that some staff and entities fear losses – loss of access to government or funders, visibility, the ability to fully implement their mandate. This is particularly true for larger UN entities. They shoulder a greater burden of coordination costs, individually enjoy strong support from contributing countries, and might calculate that in the long run, they stand a chance of ‘going it alone’. All reform studies underline that the reform is still fragile. Despite nascent structural changes, competition about visibility, mandates, and funding persists. For the reform to succeed, entities need to subscribe to the new model, in which collective objectives (not necessarily joint work) clearly take precedence. Many UN entities have adjusted their policies to reform requirements – across areas ranging from business practices to job descriptions and staff appraisals. However, staff incentives for raising the profile of individual entities still compete with or even trump a more coherent, synergetic approach. In this concoction, whatever member states decide will send signals to laggard UN entities: they encourage resistance or reform.

What next?

Funding coordination is never appealing, least so during a pandemic with high domestic costs. However, investments in the RC System go beyond mere coordination and promise increasing returns. The urgent need to accelerate sustainability transformations calls for a politically empowered UNDS able to work much better across organisations and sectors.

Member states should do their part in supporting a more cohesive UNDS. They should improve the current funding model of the RC system and thereby support the repositioning efforts. Assessed contributions would be a clear sign that states step up to their collective responsibility. Subsequent UN budget negotiations may become affected by the ongoing geopolitical struggle over influence. Assessed contributions however provide clearer limits to unilateral influence than voluntary funding. Negotiators should use the only formula member states ever agreed on for sharing the burden of funding truly collective tasks. If the UN is to become more relevant in managing transnational threats, this is the way to go. Member states: focus on the big picture!

Der Beitrag The Review of the Resident Coordinator System: Give UNDS reform a chance! erschien zuerst auf International Development Blog.

Welthungerhilfe zum UN-Gipfel zu Ernährungssystemen in Rom 26.-28.07.21

SID Blog - 19. Juli 2021 - 23:19

19.07.2021 | Policy Brief

Gutes Essen ist ein Menschenrecht:
Welthungerhilfe fordert vor UN Welternährungsgipfel in Rom eine Reform der Ernährungssysteme von Grund auf

Weltweit werden mehr Lebensmittel produziert als je zuvor. Trotzdem ist die Zahl der Menschen, die Hunger leiden, zuletzt dramatisch gestiegen – auf bis zu 811 Millionen Menschen im Jahr 2020. Das globale Ernährungssystem leistet zu wenig zur Überwindung des Hungers, es verhindert nicht, dass Menschen fehl- oder überernährt sind und es gefährdet unsere Lebensgrundlagen.

Der UN-Gipfel zu Ernährungssystemen (UN Food Systems Summit) im September muss eine Transformation einleiten, die es zukünftig auch zehn Milliarden Menschen ermöglicht, sich gesund zu ernähren, ohne die Natur und das Klima zu zerstören. Auf dem vorbereitenden UN-Gipfel, der vom 26. bis 28. Juli in Rom stattfindet, müssen die Weichen dafür gestellt werden. Nur wenn Lebensmittel vom Acker bis zum Teller gerecht und nachhaltig produziert werden, kann Hungerbekämpfung erfolgreich sein.

Was die Bundesregierung auf dem Gipfel tun muss, lesen Sie in unserem aktuellen Policy Brief.

Weitere Informationen zum Thema Ernährungssysteme finden Sie auf unserer Webseite und in diesem Fact Sheet.

Lisa Maria Klaus, Referentin für Landwirtschafts- und Ernährungspolitik, nimmt als Mitglied der deutschen Delegation am vorbereitenden UN-Gipfel zu Ernährungssystemen teil und steht als Gesprächspartnerin zur Verfügung.

 

Die Welthungerhilfe ist eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland; politisch und konfessionell unabhängig. Sie kämpft für „Zero Hunger bis 2030“. Seit ihrer Gründung wurden mehr als 10.369 Auslandsprojekte in 70 Ländern mit 4,2 Milliarden Euro gefördert. Die Welthungerhilfe arbeitet nach dem Grundprinzip der Hilfe zur Selbsthilfe: von der schnellen Katastrophenhilfe über den Wiederaufbau bis zu langfristigen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnerorganisationen.





Accelerating Access to Clean Cooking Will Require a Heart-Head-and-Hands Approach

DEVELOPMENT - 19. Juli 2021 - 0:00
Abstract

The world is far off track from achieving the UN Sustainable Development Goal (SDG) 7 target for universal access to clean cooking by 2030 owing to a lack of prioritization. Breaking this impasse requires transformative public- and private-sector solutions and large-scale investments that can improve the overall cooking ecosystem with end users’ needs at the centre. Recent trends in designing more effective solutions are gaining momentum. By working together with a ‘heart-head-and-hands approach’, stakeholders can move the needle forward on clean cooking, and in the process, contribute to the SDGs for health and well-being, women’s empowerment, and a cleaner environment.

Dramatische Entwicklung der Corona-Todeszahlen in Afrika

SID Blog - 18. Juli 2021 - 2:53
Minister Müller: „Dramatische Entwicklung der Corona-Todeszahlen in Afrika muss uns aufrütteln"

 

Berlin – In Afrika sind die Todesfälle wegen einer COVID-19-Erkrankung innerhalb einer Woche um 43 Prozent gestiegen. Dazu Bundesentwicklungsminister Gerd Müller:

 

„Die Entwicklung der Corona-Todeszahlen in Afrika ist dramatisch und muss uns aufrütteln. Viele Krankenhäuser sind an ihrer Belastungsgrenze. Das alles zeigt: Die Pandemie ist grausam, und sie ist erst dann vorbei, wenn sie weltweit beendet ist. Deutschland leistet dafür seit Beginn der Krise einen wichtigen Beitrag. Wir beteiligen uns an der medizinischen Reaktion der Weltgemeinschaft auf COVID-19 durch das Programm ACT-A mit 2,2 Milliarden Euro. Damit finanzieren wir Diagnostik, Forschung an Virus-Varianten oder auch Schutzkleidung für medizinisches Personal. Das Impfprogramm COVAX ist Teil dieser Initiative. Dadurch werden bis Anfang 2022 rund 30 Prozent der Bevölkerung in Entwicklungsländern eine Impfung erhalten. Außerdem beteiligt sich Deutschland am Aufbau einer Impfstoff-Produktion in Entwicklungsländern. Wir werden dafür 50 Millionen Euro für die Zusammenarbeit mit Südafrika und 20 Millionen Euro für die Zusammenarbeit mit Senegal bereitstellen.

 

Das alles reicht aber nicht, wir müssen noch viel mehr tun. Das Programm ACT-A ist immer noch unterfinanziert, die Lücke beträgt mindestens 16 Milliarden US-Dollar. Es fehlt an Tests, Schutzkleidung und an medizinischem Sauerstoff. Wenn wichtige Geberländer nicht endlich ebenfalls ihren Beitrag leisten, wird die Dramatik in Afrika und anderen Region weiter zunehmen."

 

Neben der medizinischen Antwort durch ACT-A leistet das Bundesentwicklungsministerium seit dem Start der Corona-Pandemie wichtige Beiträge zur Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise. Durch das Corona-Sofortprogramm des BMZ werden die Entwicklungsländer mit insgesamt 4,7 Milliarden Euro unterstützt.

 

Hier ausgewählte Beispiele der deutschen Entwicklungszusammenarbeit:

 

  • 1 Million Menschen in 11 Ländern erhalten Hilfe zur Ernährungssicherung und verbesserten Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung, gemeinsam mit der Welthungerhilfe

 

  • Fast 3 Millionen Menschen im Bürgerkriegsland Jemen erhalten Unterstützung in Form von Schulmahlzeiten, Beschäftigungsförderung und berufsbildende Trainings, zusammen mit dem Welternährungsprogramm

 

  • In Libanon und Jordanien wird für 51.000 Flüchtlingskinder im Kontext der Syrienkrise trotz Schulschließungen die Grundschulbildung aufrechterhalten, gemeinsam mit UNRWA

 

  • Mehr als 2.700 Unternehmen in Afrika mit rund 120.000 Mitarbeitern werden beim Job-Erhalt in der Corona-Krise unterstützt, v.a. kleine und mittlere Unternehmen in Marokko, Tunesien, Ghana, Senegal, Äthiopien und Elfenbeinküste, u.a. wird die Umstellung der Produktion auf Masken, Desinfektionsmittel und andere Schutzartikel für die Pandemie-Bekämpfung gefördert

 

  • In Indien erhalten Millionen von Menschen, die in der Krisen ihren Job verloren haben, Nahrungsmittel und finanzielle Hilfen, v.a. die stark betroffenen

Wanderarbeiter; dies geschieht durch die Unterstützung des nationalen Programms „Soziale Sicherung" mit einem zinsverbilligten Kredit

 

  • Unterstützung überlasteter nationaler Gesundheitssysteme durch die Kooperation mit Unternehmen: Zum Beispiel haben wir in Brasilien zusammen mit Mercedes-Benz do Brasil mobile Gesundheitsstationen eingerichtet, die an verschiedenen Orten des Landes unentgeltlich fast eine Viertelmillion Menschen behandeln sollen

 



UN-Nachhaltigkeitsforum: Deutschland plädiert für nachhaltigen und klimafreundlichen Wiederaufbau nach Corona-Pandemie auf Basis der 2030-Agenda

SID Blog - 16. Juli 2021 - 17:47
Im Rahmen des jährlich stattfindenden Hochrangigen Politischen Forums für Nachhaltige Entwicklung (HLPF) hat die Bundesregierung ihren zweiten freiwilligen Staatenbericht zur Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung virtuell vorgestellt. Der Bericht legt die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) in, mit und in Partnerschaft mit Deutschland dar.

Nach einer Videobotschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel betonten Maria Flachsbarth (Parlamentarische Staatssekretärin, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung - BMZ) und Rita Schwarzelühr-Sutter (Parlamentarische Staatssekretärin, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit - BMU), dass sie die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung als Kompass beim Weg aus der COVID-19-Pandemie ansehen.

Maria Flachsbarth (BMZ) appellierte, dass die von den Vereinten Nationen ausgerufene Aktionsdekade für nachhaltige Entwicklung gerade auch angesichts der Corona-Pandemie für einen nachhaltigen Wandel genutzt werden sollte: „Wenn wir jetzt nicht massiv umsteuern, dann droht uns eine verlorene Dekade für nachhaltige Entwicklung. Nach Corona darf nicht vor Corona sein, sonst erreichen wir die SDGs nie! Wir müssen die Globalisierung endlich nachhaltig ausgestalten und jetzt kraftvoll in den sozialen und ökologischen Wandel investieren - bei uns in Deutschland und weltweit."

Rita Schwarzelühr-Sutter (BMU) hob den dringenden Handlungsbedarf bei drei Krisen hervor, welche von der Pandemie noch verstärkt werden, nämlich der Klimakrise, der Biodiversitätskrise und der zunehmenden Vermüllung der Meere: „Die extremen Hitzewellen in vielen Teilen der Welt und die derzeitigen Hochwasser in Westeuropa führen uns gerade dramatisch vor Augen, dass unser bisheriges Handeln bei weitem nicht ausreicht, um einen nachhaltigen Entwicklungspfad einzuschlagen. Die planetaren Belastungsgrenzen sind erreicht und teilweise überschritten. Der Freiraum für gutes Leben und der Erfolg der nächsten Generationen müssen jetzt gesichert werden. Daher haben wir unser deutsches Klimaziel kräftig nachgeschärft: Klimaneutralität wollen wir bereits bis 2045 erreichen."

Beim HLPF erklärte die deutsche Delegation, dass es im Rahmen von Wiederaufbauprogrammen während und nach der Pandemie von strategischer Bedeutung ist, die Weichen hin zu einer nachhaltigeren, klimaneutralen und damit zukunftssicheren Gesellschaft zu stellen. Politische Lösungen und Programme in Reaktion auf die Corona-Krise müssen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene an der Agenda 2030 und den darin festgelegten Nachhaltigkeitszielen (SDG) ausgerichtet werden und dabei den Grundsatz, dass niemand zurückgelassen werden darf, als Handlungsmaxime verstehen. Neben Deutschland legten 41 weitere Staaten dieses Jahr einen Staatenbericht vor. Das HLPF steht dieses Jahr unter dem Motto des nachhaltigen Wiederaufbaus nach der Pandemie. Die nächste umfassende Aktualisierung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ist für 2023/2024 geplant. 

Weitere Informationen

Im September 2015 haben sich alle Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (kurz: Agenda 2030) beschlossen.

Das diesjährige Hochrangige Politische Forum für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen fand vom 6. bis zum 15. Juli 2021 als vorwiegend virtuelle Veranstaltung statt. Es hat sich als zentrales Gremium für die Agenda 2030 und deren 17 globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals -SDGs) etabliert.

Mehr als 170 Staaten, d.h. 87% aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen, haben bereits einen freiwilligen Staatenbericht vorgelegt, um über ihre Umsetzung der Agenda 2030 Rechenschaft abzulegen. Deutschland gehört bei Berichterstattung zu den Vorreitern und legte nun nach 2016 bereits seinen zweiten Bericht vor.

Agenda 2030: https://www.bmu.de/themen/europa-internationales-nachhaltigkeit-digitalisierung/nachhaltige-entwicklung/2030-agenda/?2030-Agenda=&cHash=b7d7bce550f756ac98ccdab26fdc3559

 

 Gemeinsame Pressemitteilung mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit   

 




Schluss mit ‚Warten, bis der Arzt kommt‘!

VENRO - 16. Juli 2021 - 14:07

#Weltweitwichtig ist eine bessere gesundheitliche Versorgung für Alle: Was angesichts der alles beherrschenden Pandemie derzeit völlig aus dem Blick gerät, sind die vielen weiteren dringlichen Baustellen globaler Gesundheit. 

Die Zeit heilt alle Wunden – leider kann dieses verlockende Sprichwort einem Realitäts-Check kaum standhalten. Genesungsprozesse mögen zwar tatsächlich Zeit erfordern, doch allein durch geduldiges Aussitzen lässt sich das Corona-Virus ebenso wenig stoppen wie die Verbreitung anderer schwerer Infektionskrankheiten. Im Gegenteil: Seit Beginn der Pandemie machen immer neu entstehende Mutationen auf beängstigende Weise deutlich, unter welchem immensen Zeit- und Handlungsdruck die Weltgemeinschaft steht. Es gilt eine bessere, barrierefreie Gesundheitsversorgung für alle Menschen zu verwirklichen, wenn man den verhängnisvollen Kreislauf zunehmend resistenter Virus-Varianten und ihrer Kollateralschäden endlich durchbrechen möchte, der vor allem wieder die ohnehin Benachteiligten am stärksten trifft.

Während in Europa bald schon die Hälfte der Bevölkerung über einen kompletten Impfschutz zumindest gegen die bislang bekannten Corona-Mutationen verfügt, sind es auf dem afrikanischen Kontinent gerade einmal etwas über ein Prozent. Und das, obwohl das Virus dort derzeit weit heftiger wütet als bei uns. Doch von der Erkenntnis, dass auch hier Eile geboten ist, scheinen bei weitem noch nicht alle politischen Entscheidungsträger_innen überzeugt zu sein – nicht zuletzt auch hierzulande. Viel wird gegenwärtig über das Für und Wider des Patentschutzes auf Impfstoffe gestritten. Egal wie man dazu im Grundsatz steht – Fakt ist: Wir haben für diese Debatte keine Zeit!

Um Corona wirksam einzudämmen, sind entschlossenes und pragmatisches Handeln sowie weltweite Solidarität aller Akteure gefragt. Produktionskapazitäten müssen so schnell wie nur irgend möglich ausgeweitet, Impfstoffe wirklich allen Menschen inklusiv zugänglich gemacht werden, gerade auch in entlegenen und oftmals vernachlässigten Regionen des globalen Südens. Alles was dem im Weg steht, muss konsequent abgeräumt werden, auch Barrieren hinsichtlich Lizenzvergaben oder Technologietransfer. Wir besiegen Corona nur weltweit – oder gar nicht. Das wiederholt der scheidende Bundesentwicklungsminister Gerd Müller mantraartig, und er hat damit vollkommen Recht.

Weitere dringliche Baustellen globaler Gesundheit

Was angesichts der alles beherrschenden Pandemie derzeit leider völlig aus dem Blick gerät, sind die vielen weiteren dringlichen Baustellen globaler Gesundheit. Infektionskrankheiten wie HIV / Aids, Tuberkulose und Malaria, aber auch die Gruppe so genannter vernachlässigter Tropenkrankheiten (NTDs) sind wieder auf dem Vormarsch –breiten sich aus, behindern, entstellen und töten. Etablierte Bekämpfungsprogramme wurden pandemiebedingt unterbrochen und ausgebremst, jüngste Fortschritte bei der Eindämmung dieser armutsassoziierten Erkrankungen zunichtegemacht.

Erschwerend hinzu kommt große Unsicherheit bezüglich der weiteren Finanzierung von Infektionsschutz- und Rehabilitations-Programmen. Ausgerechnet die britische Regierung – über lange Jahre eine Vorreiterin bei der Förderung globaler Gesundheit – hat jüngst drastische Kürzungen ihrer Entwicklungshilfe-Zahlungen angekündigt. So müssen sich beispielsweise NTD-Bekämpfungsprogramme auf um 90 Prozent geringere Zahlungen aus Großbritannien einstellen. Laut WHO bedrohen diese Einschnitte mehrere Millionen Menschenleben.

Die künftige deutsche Regierung wird schon kurz nach der Bundestagswahl im Herbst Gelegenheit bekommen, auf internationaler Bühne ein starkes Zeichen gegen diesen Trend zu setzen. 2022 übernimmt sie die Präsidentschaft der G7-Staaten. Die globale Bewältigung der Corona-Pandemie und eine flächendeckende Verbesserung gesundheitlicher Versorgung für Alle dürften dabei als Top-Themen weiterhin gesetzt sein.

Erwartungen an das künftige WHO-Daten-Hub in Berlin

Neben Investitionen in eine nachhaltige Stärkung der WHO sowie in die Umsetzung von SDG 3 bedarf es einer weltweiten Fortentwicklung statistischer Kapazitäten zur Erfassung von Krankheiten und ihrer Ausbreitung. Denn auch dieses eklatante Defizit hat die Pandemie offengelegt: Fehlende Daten, diffuse Lagebilder und vage Schätzungen sind keine geeignete Basis für wirksame Pandemieprävention oder Stärkung von Gesundheitssystemen.

An das neue WHO Global Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence, das noch im laufenden Jahr in Berlin eröffnen soll, knüpfen sich insofern einige Erwartungen – nicht zuletzt hinsichtlich einer belastbareren, besser aufgeschlüsselten und transparenteren Aufarbeitung weltweiter Gesundheitsdaten. Immerhin 30 Millionen Euro sollen allein aus Bundesmitteln jährlich zur Finanzierung des WHO-Hubs bereitgestellt werden.

Wünschenswert wäre, dass das neue Hub auch dabei helfen kann, ein besseres Verständnis für bislang noch weitegehend unterbelichtete Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Erkrankungen zu gewinnen. In der Vergangenheit waren die meisten Interventionen im Wesentlichen auf einzelne Krankheiten fokussiert und haben dabei überschneidende Krankheitslasten und gemeinsame Interventionsmöglichkeiten zu wenig in den Blick genommen.

Globale Gesundheit auch parlamentarisch aufwerten

Die nachhaltige Stärkung globaler Gesundheit muss zu einem zentralen Anliegen der künftigen Bundesregierung werden. Sie kann dabei auf eine bereits im vergangenen Oktober verabschiedete ressortübergreifende Strategie aufbauen, die einen überzeugenden Kompass für das Regierungshandeln der kommenden Jahre darstellt – orientiert an einem ganzheitlichen, menschenrechtsbasierten Verständnis von Gesundheit. Was dieser Strategie zu globaler Gesundheit allerdings bislang fehlt, ist die Festlegung konkreter Umsetzungsschritte, die Definition von Zielvorgaben und Überprüfungsmechanismen.

Als Grundlage für ein unabhängiges Monitoring sollte die Regierung dem Bundestag künftig einen Jahresbericht zu globaler Gesundheit vorlegen. Das Parlament ist der richtige Ort, um die Gesundheitsstrategie mit Leben zu füllen. In der auslaufenden Legislaturperiode hat der Unterausschuss Globale Gesundheit das Thema wiederholt auf die Tagesordnung gehoben und wichtige Impulse für interdisziplinäre Zusammenarbeit und kohärentes Regierungshandeln gesetzt. Nicht nur seine Wiedereinsetzung, sondern auch eine Aufwertung oder Ausweitung des Gremiums sollten darum in Betracht gezogen werden, zumal das eine stärker ressortübergreifende Arbeitsweise ermöglichen würde. Vermehrte öffentliche Sitzungen und Anhörungen wären darüber hinaus ein Garant für kontinuierlichere zivilgesellschaftliche Teilhabe. In der globalen Gesundheitspolitik darf die Förderung partizipativer, gemeindenaher Ansätze nicht zu kurz kommen.

Dieser Artikel ist Teil unserer Themenreihe zur Bundestagswahl 2021, in der wir unsere Erwartungen für die kommende Legislaturperiode formulieren. Die Blogserie basiert auf unserem aktuellen Positionspapier Was jetzt #WeltWeitWichtig ist – Erwartungen an die Parteien zur Bundestagswahl 2021. Darin fordern wir die Parteien, die zukünftigen Abgeordneten und die kommende Bundesregierung auf, ihre Prioritäten auf eine nachhaltige Politik zu richten, die alle mitnimmt!

Lesen Sie mehr dazu unter www.weltweitwichtig.de.

Millionen Kinder verpassen wichtige Impfungen | UNICEF und WHO

SID Blog - 16. Juli 2021 - 0:25
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WHO und UNICEF: Millionen Kinder verpassen wichtige Impfungen

23 Millionen Kinder haben im vergangenen Jahr Routineimpfungen verpasst / 

Höchststand seit 2009 und 3,7 Millionen mehr als 2019

© UNICEF/UN0399469/Bukhari

Genf/New York/Köln, den 15. Juli 2021 // Laut aktueller Erhebungen von WHO und UNICEF haben im Jahr 2020 23 Millionen Kinder grundlegende Routineimpfungen verpasst – 3,7 Millionen Kinder mehr als 2019. Die aktuellen Zahlen, die die globalen Unterbrechungen von Impfprogrammen im Zuge der Covid-19-Pandemie widerspiegeln, zeigen, dass die Mehrheit der Länder im vergangenen Jahr einen Rückgang der Impfraten bei Kindern verzeichnete.

Besorgniserregend ist, dass ein Großteil der Kinder – bis zu 17 Millionen – im vergangenen Jahr wahrscheinlich gar keine Impfung erhielten und dies die ohnehin schon großen Ungleichheiten beim Zugang zu Impfstoffen noch vergrößert. Die meisten der ungeimpften Kinder leben in Konfliktgebieten, entlegenen Gegenden, informellen oder marginalisierten Umgebungen, wo sie von vielfältigen Benachteiligungen betroffen sind, einschließlich des eingeschränkten Zugangs zu grundlegender Gesundheitsversorgung und wichtigen sozialen Dienstleistungen. 

"Während sich die Länder bemühen, Covid-19-Impfdosen zu erhalten, haben wir bei anderen Impfungen Rückschritte gemacht, so dass Kinder gefährdet sind, an verheerenden, aber vermeidbaren Krankheiten wie Masern, Polio oder Meningitis zu erkranken", sagte WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Der Ausbruch verschiedener Krankheiten zugleich wären für die Gemeinden und Gesundheitssysteme, die bereits mit Covid-19 zu kämpfen haben, katastrophal. Es ist dringender denn je, in die Impfung von Kindern zu investieren und dafür zu sorgen, dass jedes Kind erreicht wird."

In allen Regionen stieg die Zahl der Kinder, die lebenswichtige erste Impfdosen verpassten

Im vergangen Jahr kam es zu zahlreichen Unterbrechungen bei Routineimpfungen - Südostasien und die Region Östliches Mittelmeer waren am stärksten betroffen. Aufgrund des eingeschränkten Zugangs zu Gesundheitsdiensten und Impfprogrammen stieg die Zahl der Kinder, die gar nicht geimpft wurde, in allen Regionen. Im Vergleich zum Vorjahr erhielten 3,5 Millionen mehr Kinder nicht einmal die erste Dosis des Impfstoffs gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DTP-1) und drei Millionen weitere Kinder nicht ihre erste Impfdosis gegen Masern.

"Diese Zahlen sollte eine klare Warnung sein. Die Covid-19-Pandemie und die damit verbundenen Unterbrechungen haben dazu geführt, dass wir an Boden verloren haben – die Konsequenzen werden diejenigen mit ihrem Leben und ihrem Wohlergehen tragen, die am verletzlichsten sind", sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. "Schon vor der Pandemie gab es alarmierende Anzeichen dafür, dass wir bei der Immunisierung von Kindern gegen vermeidbare Kinderkrankheiten an Boden verlieren, unter anderem mit den weit verbreiteten Masernausbrüchen vor zwei Jahren. Die Pandemie hat die Situation weiter verschlimmert. Jetzt, wo wir die gerechte Verteilung der Covid-19-Impfstoffen im Hinterkopf haben, müssen wir daran denken, dass die Verteilung von Impfstoffen schon immer ungerecht war, aber nicht sein muss."

Die aktuellen Daten zeigen, dass in Ländern mit mittlerem Einkommen der Anteil der Kinder zunimmt, die zumindest einige Impfungen verpassen. Besonders stark ist der Rückgang in Indien – dort sank die DTP-3-Durchimpfungsrate von 91 Prozent auf 85 Prozent.

Aufgrund von Finanzierungsengpässen, Fehlinformationen über Impfstoffe, Instabilität und anderen Faktoren sinkt die Durchimpfungsrate auch in Lateinamerika und der Karibik. Nur 82 Prozent der Kinder sind vollständig gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten geimpft, 2016 waren es noch 91 Prozent.

Es drohen vermeidbare Krankheitsausbrüche

Die globale Impfrate gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Masern und Kinderlähmung stagnierte bereits vor der Covid-19-Pandemie bei rund 86 Prozent. Diese Impfrate liegt damit weit unter den von der WHO empfohlenen 95 Prozent zum Schutz vor Masern – häufig die erste Krankheit, die wieder ausbricht, wenn Kinder nicht mit Impfstoffen erreicht werden. Sie ist ebenfalls unzureichend, um andere Krankheiten zu verhindern, die durch Impfungen vermieden werden können.

In vielen Teilen der Welt kam es wegen der Pandemie zu Unterbrechungen von Impfprogrammen, weil das Gesundheitspersonal und viele Ressourcen für den Kampf gegen Covid-19 eingesetzt wurden. In einigen Ländern wurden Gesundheitszentren geschlossen oder standen nur eingeschränkt zur Verfügung, während gleichzeitig Gesundheitsdienste womöglich aufgrund fehlender Transportmöglichkeiten oder Bewegungseinschränkungen sowie Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht wahrgenommen wurden.

"Die Zahlen sind alarmierend und deuten darauf hin, dass die Pandemie jahrelange Fortschritte bei Routineimpfungen zunichtemacht und Millionen Kinder der Gefahr ausgesetzt, sich mit tödlichen, vermeidbaren Krankheiten anzustecken", sagte Dr. Seth Berkley, CEO der Impfallianz Gavi. "Dies ist ein Weckruf – wir dürfen es nicht zulassen, dass in Folge von Covid-19 Masern, Polio und andere tödliche Krankheiten wieder ausbrechen. Wir müssen zusammenarbeiten, um Ländern dabei zu helfen, sowohl Covid-19 zu besiegen, indem wir einen globalen, gerechten Zugang zu Impfdosen sicherstellen, als auch die Routineimpfprogramme wieder auf Kurs zu bringen. Die Gesundheit und das Wohlergehen von Millionen von Kindern und ihren Gemeinschaften auf der ganzen Welt hängen davon ab."  

Auch die ohnehin schon niedrigen Raten bei Impfungen gegen humane Papillomviren (HPV) – die Mädchen vor Gebärmutterhalskrebs im späteren Leben schützen – wurden durch Schulschließungen stark beeinträchtigt. In den Ländern, die den HPV-Impfstoff bisher eingeführt haben, erhielten im vergangenen Jahr etwa 1,6 Millionen Mädchen keine HPV-Impfung. Weltweit wurden nur 13 Prozent der Mädchen gegen HPV geimpft, verglichen mit 15 Prozent im Jahr 2019.

Routineimpfungen muss Priorität eingeräumt werden

UNICEF, WHO und Partner wie die Impfallianz Gavi unterstützen Länder dabei, Kindern lebensrettende Impfungen zu ermöglichen. Dazu gehört es: 

  • Gesundheitsdienste und Impfkampagnen wiederaufzunehmen, um Routineimpfungen auch während der Covid-19-Pandemie sicher durchzuführen;
  • das Gesundheitspersonal dabei zu unterstützen, Eltern über die Wichtigkeit von Impfungen aufzuklären; 
  • Impf- und Immunitätslücken zu schließen;
  • sicherzustellen, dass die Bereitstellung von Covid-19-Impfdosen unabhängig geplant und finanziert wird und nicht auf Kosten von Kinderimpfungen geht;
  • nationale Pläne zur Vorbeugung und Bekämpfung von Ausbrüchen von vermeidbaren Krankheiten umzusetzen und Impfprogramme zu stärken. 

UNICEF und WHO arbeiten mit Ländern und Partnern zusammen, um die ehrgeizigen Ziele der globalen Impfagenda 2030 zu erreichen. Zu den Zielen gehört es, 90 Prozent der Kinder mit lebensrettenden Impfungen zu erreichen und die Zahl der ungeimpften Kinder zu halbieren.

Service

» Bild- und Videomaterialien stehen hier zur Verfügung

» Die Datensätze stehen hier zur Verfügung, ein Dashboard hier. 

Weitere Informationen

Die offiziellen WHO- und UNICEF-Schätzungen der nationalen Durchimpfungsraten basieren auf Länderdaten und stellen den weltweit größten Datensatz zu Trends bezüglich der Immunisierung durch Impfungen gegen 13 Krankheiten dar, die im Rahmen des regulären Gesundheitssystems verabreicht werden – üblicherweise in Kliniken oder Gesundheitszentren oder bei Besuchen von Gesundheitspersonal. Für 2020 wurden Daten aus 160 Ländern ausgewertet.

Weltweit sank die globale Impfrate mit drei Impfdosen gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DTP-3) von 86 Prozent im Jahr 2019 auf 83 Prozent im Jahr 2020 – 22,7 Millionen Kinder erhielten nicht den vollen Impfschutz.

Die Impfrate mit der ersten Impfdose gegen Masern sank von 86 auf 84 Prozent – 22,3 Millionen Kinder erhielten nicht ihre erste Impfdosis gegen Masern. Die Impfrate für die zweite Dosis lag 2020 bei 71 Prozent, verglichen mit 70 Prozent im Vorjahr. Um Masern zu bekämpfen und Ausbrüche zu verhindern, ist ein Impfrate von 95 Prozent bei der erforderlichen ersten und zweiten Impfdosis erforderlich. Länder, die diese Rate nicht erreichen können, sind auf periodische landesweite Impfkampagnen angewiesen, um die Lücken zu schließen.

Zusätzlich zu den Unterbrechungen der Routineimpfungen gibt es momentan in 66 Ländern 57 verschobene Impfkampagnen gegen Masern, Polio, Gelbfieber und andere Krankheiten.


Covid-19 als Chance für eine neue Partnerschaft zwischen EU und Afrika

SID Blog - 16. Juli 2021 - 0:24


Pressemitteilung:

Covid-19 als Chance für eine neue Partnerschaft zwischen Europäischer Union und Afrika

Bonn, 15.07.2021 - Positive Meldungen über sinkende Corona-Inzidenzen prägen zurzeit die Nachrichten in den reichen Ländern des Globalen Nordens. Trotz neuer Virus-Varianten steigt die Hoffnung, dass das Schlimmste überwunden ist. Doch in den meisten Ländern des Globalen Südens sind die großen Wellen noch nicht abgeebbt.  Berichten der World Health Organization (WHO) zufolge steigen die Infektionszahlen in diesen Ländern zum Teil rasant an. Besonders gravierend ist die Lage in Afrika. SÜDWIND zeigt in einer neuen Studie auf, warum die EU eine starke wirtschaftliche Entwicklung in Afrika zum Ziel der Zusammenarbeit nach Covid-19 machen muss.

Inzidenzzahlen gehen zurück, Impfquoten steigen und die Einschränkungen werden vielerorts aufgehoben. Die Menschen in Deutschland freuen sich auf den lang ersehnten Urlaub in einem risikoarmen Land. Doch von dem neuen Tourismusboom werden die Länder Afrikas nicht profitieren. Im Gegenteil: Die Pandemie hat bereits bestehende Krisen wie den Klimawandel, die Gesundheitskrise und die Schuldenkrise vieler Staaten weiter verschärft. Für die meisten afrikanischen Länder könnte die Pandemie die mäßigen Wachstumserfolge der letzten zehn Jahren zunichtemachen. Das ist der Hintergrund, vor dem sich die neue Partnerschaft zwischen der Europäischen und der Afrikanischen Union wird bewähren müssen. Ihre Schwerpunkte sind in der „Umfassenden Strategie mit Afrika" bereits 2020 definiert worden.

„In Subsahara-Afrika stellt die Corona-Pandemie noch immer eine enorme regionale Herausforderung dar – nicht nur für die Gesundheitssysteme vor Ort, sondern auch für die öffentlichen Finanzen und für die Wirtschaft im Allgemeinen", sagt Dr. Pedro Morazán wissenschaftlicher Mitarbeiter am SÜDWIND-Institut und Autor der Studie. Afrika ist besonders anfällig, weil 56 Prozent der städtischen Bevölkerung in überfüllten und schlecht versorgten Slumwohnungen leben und 86 Prozent der Arbeitskräfte informell beschäftigt sind, die meisten von ihnen ohne Chance auf Homeoffice.

Hinzu kommt, dass Impfprogramme in vielen Ländern des Kontinents fast zum Stillstand gekommen sind; in anderen sind sie noch nicht gestartet. Die Quote der Erstimpfungen in Afrika liegt gegenwärtig bei unter drei Prozent. Rund die Hälfte der 80 ärmsten Länder der Welt verfügt über keinerlei Impfstoff, warnt die WHO; die meisten davon liegen in Afrika. „Deswegen fordert das SÜDWIND-Institut neben einer Aufstockung der EU-Hilfen zur Deckung des humanitären Bedarfs auch eine Anpassung der umfassenden Strategie an diese neuen Herausforderungen".

SÜDWIND-Publikation
Chancen für eine Partnerschaft auf Augenhöhe? Die EU-Afrika Strategie nach der Corona-Pandemie



SÜDWIND setzt sich für wirtschaftliche, soziale und ökologische Gerechtigkeit ein – weltweit. Wir recherchieren, decken ungerechte Strukturen auf, machen sie öffentlich und bieten Handlungsalternativen. Wir verbinden entwicklungspolitische Bildungs-, Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit und tragen Forderungen in Kampagnen, Gesellschaft, Unternehmen und Politik. Seit 30 Jahren.




Highlights von den Eine Welt-Promotor*innen: Zusammenarbeit mit der Wirtschaft

SID Blog - 14. Juli 2021 - 18:58
Die aktuelle Ausgabe der Highlights widmet sich der Zusammenarbeit mit wirtschaftlichen Akteur*innen
Highlights aus dem Eine Welt-Promotor*innen-Programm 2021 THEMA: Zusammenarbeit mit der Wirtschaft Liebe Eine Welt-Engagierte und Interessierte,

am 11.06.2021 hat der Bundestag das Lieferkettengesetz beschlossen – ein großer Schritt für Menschenrechte und Umwelt in den globalen Lieferketten! Ob es auch langfristig einen Grund zur Freude gibt, erzählt uns Markus Schwarz in dieser Ausgabe.

Wirtschaftliche Akteur*innen zu adressieren, gehört verstärkt zu den Aufgaben der Eine Welt-Promotor*innen. Für ihre gute Zusammenarbeit gibt es viele Beispiele, von denen wir in dieser Ausgabe exemplarisch einige vorstellen.

Sommerliche Grüße,
Michaela Zischek, Fachstelle Social Media und Digitalisierung in der Eine Welt-Arbeit
     
PS: Die Printversion der Highlights steht Ihnen hier zum Download zur Verfügung:
https://einewelt-promotorinnen.de/highlights „Markus, wird mit dem neuen Lieferkettengesetz globale Unternehmensverantwortung künfitg zum neuen Standard?

„Das Lieferkettengesetz ist ein großer Erfolg für alle, die sich seit langem für die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltschutz entlang der Lieferkette einsetzen.

Darauf haben wir als zivilgesellschaftliche Eine Welt-Akteur*innen beharrlich hingewirkt. Auch viele Unternehmen forderten ein Gesetz, um Wettbewerbsgleichheit bei sozial verantwortlichen Handelspraktiken herzustellen.

Leider wird das aktuelle Lieferkettengesetz nur wenige deutsche Unternehmen verpflichten, ihre Sorgfaltspflichten einzuhalten. Weil es schwächer ausgestattet ist als erhofft, müssen wir weiter Konsument*innen und Produzent*innen für die globalen Auswirkungen ihres Handelns sensibilisieren. Neben dem Privaten bleibt zentral, dass der öffentliche Einkauf seine Marktmacht einsetzt.

Dennoch: das Gesetz ist ein wichtiger Schritt."

Markus Schwarz Bundeskoordinator für öko-sozialen Konsum, Produktion und Lieferketten arbeitet bei Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e.V. (BEI) NORDRHEIN-WESTFALEN:
www.eine-welt-netz-nrw.de Modebranche: Mit Nachhaltigkeit aus der Krise?

„Fast Fashion" ist in der Krise. Nachhaltige Modelabels und öko-faire Concept Stores berichteten der Wirtschaftsförderung verschiedener Kommunen von ihren mutmachenden Erfahrungen. Promotor*innen organisierten den Austausch. zum Praxisbeispiel BERLIN
www.eineweltstadt.berlin

Die Fanshops im Fußball: Fair produziertes Merchandise

Zu den Milliardenumsätzen der Fußballvereine trägt auch der Verkauf von Merchandise-Artikeln bei. Eine Welt-Promotor Michael Jopp diskutierte mit Unternehmen und Fußballclubs welchen Beitrag die Profivereine zum Fairen Handel leisten können.

zum Praxisbeispiel HESSEN
www.epn-hessen.de IHK Darmstadt: Nachhaltiger Einkauf im Betrieb

Viele Unternehmen beschäftigt aktuell die Frage, welche Verantwortung sie in einer globalisierten Gesellschaft haben. Beim digitalen ‚Tag der Nachhaltigkeit' der IHK Darmstadt gab Eine Welt-Promotorin Maria Tech Anregungen für faire Beschaffung im Betrieb. zum Praxisbeispiel SACHSEN:
www.einewelt-sachsen.de Rohstoffabbau in Bolivien: Forschungsprojekte sensibilisieren

Die Nachfrage nach Lithium für Elektroauto-Batterien steigt immer stärker an. Eine Welt-Promotor Oscar Choque sensibilisiert Forschungsprojekte und Unternehmen in Sachsen für die Problematik der Ressourcengerechtigkeit. zum Praxisbeispiel NIEDERSACHSEN
www.ven-nds.de

Leerstehende Gewerbeflächen: Die „Eine Welt-Sch(l)aufenster"

In Kooperation mit lokalen Einzelhändler*innen und Produzent*innen entstanden in Niedersachsen die „Eine Welt-Sch(l)aufenster". In leerstehenden Schaufenstern zeigte eine Ausstellung am Beispiel Ernährung globale Zusammenhänge auf.

zum Praxisbeispiel Das Eine Welt-Promotor*innen-Programm wird getragen von einem Konsortium aus
           
Gefördert von Engagement Global im Auftrag des
    gemeinsam mit allen 16 Bundesländern.

Für den Inhalt sind allein die Herausgeberinnen (agl e.V. und SNSB) verantwortlich. Bildquellen:
Startbild: Anna Rozkosny, Nordrhein Westfalen: Bettina Steinacker/ Faire Metropole Ruhr, Sachsen: HZDR, Berlin: Jennifer Marke, Hessen: Sketchnote Christopher Henke, Niedersachsen: VEN e.V.
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Am Sudhaus 2, 12053 Berlin

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Fairer Handel: Solidarisch durch die Krise - Entschlossen in die Zukunft

SID Blog - 14. Juli 2021 - 18:57
Berlin, 14.07.2021 – Nach über einer Dekade im Aufwind ist der Umsatz mit fairen Produkten in Deutschland infolge der Corona-Pandemie erstmalig zurückgegangen. Doch die Fair-Handels-Bewegung ist es gewohnt, gegen den Strom zu schwimmen. „Fair-Handels-Unternehmen wollen mit ihren Handelspartnern durch die Krise kommen, nicht auf deren Kosten", erklärt Matthias Fiedler, Geschäftsführer des Forum Fairer Handel (FFH). „Dass die deutschen Supermärkte und Discounter in der Corona-Krise Rekordgewinne eingefahren haben, verdeutlicht, woran das System krankt", kritisiert Fiedler anlässlich der Jahrespressekonferenz des FFH. „Viele der Menschen, die uns ernähren, kämpfen täglich um ihr Überleben, weil sie Preise akzeptieren müssen, die nicht einmal die Produktionskosten decken", erklärt Andrea Fütterer, Vorstandsvorsitzende des FFH. Deswegen fordert das FFH anlässlich seiner Jahrespressekonferenz in Berlin ein Verbot von Dumpingpreisen für Lebensmittel. Das wäre ein weiterer Baustein auf dem Weg zu einer sozial-ökologischen, zukunftsfähigen Wirtschaft. Was die wirtschaftliche Entwicklung des Fairen Handels in Deutschland betrifft, gibt die aktuelle Verbraucher*innenbefragung zum Fairen Handel Anlass zu Optimismus: Denn immer mehr Menschen in Deutschland greifen zu fairen Produkten.

 

Umsatzentwicklungen im Corona-Jahr 2020

Im Geschäftsjahr 2020 gaben die Verbraucher*innen in Deutschland 1,8 Milliarden Euro für Produkte aus Fairem Handel aus. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Umsatzrückgang von 2,9 %. Im Durchschnitt gaben die Verbraucher*innen in Deutschland pro Kopf 21,63 Euro für faire Lebensmittel und Handwerksprodukte aus. 78 % des Umsatzes wurden mit fairen Lebensmitteln generiert, alleine 30 % davon mit Kaffee.

Die anerkannten Fair-Handels-Unternehmen vertrieben im vergangenen Jahr fair gehandelte Waren im Wert von 207 Millionen Euro (- 8,4 %). Dieser Rückgang hängt vor allem mit geringeren Verkäufen in den Weltläden infolge von Lockdowns sowie Umsatzeinbrüchen im Außer-Haus-Bereich zusammen.

In den Weltläden, den Fachgeschäften des Fairen Handels, wurden Waren im Wert von 72 Millionen Euro verkauft (- 13,3 %). Die Einbußen gegenüber dem Vorjahr sind vor allem mit Ladenschließungen und leeren Innenstädten infolge der Pandemie zu erklären. Insgesamt sind die Weltläden als wichtige Pfeiler des 100 % Fairen Handels jedoch gut durch die Krise gekommen – Geschäftsaufgaben ließen sich verhindern.

Wie auch in den Vorjahren wurde der größte Teil des Umsatzes mit Fairtrade-gesiegelten Produkten generiert (1,45 Milliarden, - 3,2 %). Diese Produkte sind häufiger in Supermärkten und auch Discountern verfügbar, was die geringeren Umsatzrückgänge erklärt. Hingegen setzte der „Faire Handel im Norden" 2020 seinen Erfolgskurs fort. Der Umsatz mit fair gehandelten Produkte aus Europa belief sich auf 136 Millionen Euro, was einem Plus von 13 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. „Im Fairen Handel stehen immer Menschen und Umwelt vor dem Profit. Das hat sich natürlich auch in Krisenzeiten nicht geändert", erklärt Matthias Fiedler. „Und so sind Fair-Handels-Akteure 2020 an die wirtschaftliche Schmerzgrenze gegangen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Dass unser derzeitiges Wirtschaftssystem dies nicht honoriert, sondern menschenrechtliche Sorgfalt und nachhaltiges Wirtschaften zum strukturellen Nachteil werden lässt, ist ein Skandal, der durch die Corona-Krise nochmal deutlicher hervortritt", kritisiert Fiedler.

 

Licht und Schatten – fair und konventionell: Blick auf einzelne Produkte

In Folge von Lockdowns und Homeoffice wurde in Deutschland 2020 mehr Fair Trade Kaffee zuhause getrunken. Im Geschäftsjahr 2020 ist der Absatz von fair gehandeltem Kaffee im Vergleich zum Vorjahr auf 27.394 Tonnen gestiegen (+ 4,6 %). Der Marktanteil von Kaffee aus Fairem Handel liegt weiterhin bei über 6 %.

Erstmalig seit 1999 verzeichen Fairtrade-gesiegelte Bananen in 2020 einen Absatzverlust

(- 14 %). Dieser ist vornehmlich auf den extremen Preiskampf der großen Discounter zurückzuführen. Die soziale, ökologische und ökonomische Rechnung für diesen Unterbietungswettlauf bezahlen die Bananen-Produzent*innen im Globalen Süden.

Positiv hat sich der Absatz fairer Schokolade in Deutschland entwickelt: 4.598 Tonnen wurden 2020 verkauft, was einem Absatzplus von über 32 % entspricht. Diese Entwicklung ist umso erfreulicher, da die Bedingungen im konventionellen Kakaosektor – den langjährigen Lippenkenntnissen der Industrie zum Trotz – bitter sind. Insbesondere auf westafrikanischen Kakaofarmen ist ausbeuterische Kinderarbeit nach wie vor weit verbreitet. Um die Kinderarbeit im konventionellen Kakaosektor abzuschaffen, braucht es flächendeckende Strategien zur Erzielung von existenzsichernden Einkommen für Kakaohaushalte. Im Fairen Handel wird dies sehr ernst genommen. So hat Fairtrade International Ende 2019 seinen Kakaopreis angehoben und einen Fairtrade Living Income Reference Price für Kakao berechnet. Fair-Handels-Unternehmen gehen häufig noch einen Schritt darüber hinaus.

 

Dumpingpreise zügig verbieten

Obwohl auf dem konventionellen Kaffee-, Bananen- und Kakaomarkt Milliardenerträge erwirtschaftet werden, sind die Einkommen der Erzeuger*innen nicht existenzsichernd. Daraus folgen in vielen Fällen Hungerlöhne und schlechte Arbeitsbedingungen von angestellten Arbeiter*innen auf den Feldern sowie ausbeuterische Kinderarbeit. Um existenzsichernde Einkommen und Löhne am Anfang von Agrarlieferketten zu ermöglichen, muss dringend die Preisfrage adressiert werden. Hierbei darf die unterschiedliche Machtverteilung in globalen Lieferketten nicht übersehen werden. Denn durch ihre Vormachtstellung können Unternehmen am Ende vieler Lieferketten Liefer- und Markteintrittskonditionen sowie Preise diktieren. Mit dem "Gesetz zur Stärkung der Organisationen und Lieferketten im Agrarbereich", welches im Mai 2021 verabschiedet wurde, wurden einige der gravierendsten unlauteren Handelspraktiken entlang globaler Lieferketten im Agrar- und Lebensmittelhandel verboten. Das ist ein Fortschritt, doch was fehlt, ist u. a. ein Verbot von Dumpingpreisen. „Immerhin hat der Bundestag beschlossen, ein gesetzliches Verbot des Einkaufs von Lebensmitteln unterhalb der Produktionskosten zu prüfen. Die neue Bundesregierung sollte diese Prüfung nun zügig durchführen und ein Verbot schnellstmöglich umsetzen, um den regelmäßigen Preiskämpfen der großen Lebensmitteleinzelhändler entgegenzuwirken", fordert Andrea Fütterer im Namen des FFH. Laut der aktuellen Verbraucher*innenbefragung zum Fairen Handel befürworten 77,5 % der Menschen in Deutschland ein Verbot von Preisen, die nicht die Produktionskosten decken.

 

Entschlossen in die Zukunft

„Das jüngst verabschiedete Lieferkettengesetz und das Verbot von unlauteren Handelspraktiken sind erste Schritte auf dem Weg zu einem Handel, der Arbeits- und Menschenrechte schützt", betont Andrea Fütterer. „Auch wenn beide Gesetze dringend nachgebessert werden müssen, bestätigen und bestärken sie das politische Engagement der Fair-Handels-Bewegung", so Fütterer weiter. „Der Faire Handel hat in Folge der Pandemie einen wirtschaftlichen Dämpfer erhalten, er geht jedoch politisch stärker und entschiedener daraus hervor", betont Fütterer. Die aktuelle Verbraucher*innenbefragung zum Fairen Handel zeigt, dass die politischen Forderungen des FFH für eine faire sozial-ökologische Transformation insgesamt große Zustimmung genießen. So spricht sich eine Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen dafür aus, mächtige Unternehmen zu regulieren, wenn diese Lieferanten zunehmend unter Druck setzen und Preise drücken (85,4 %). Doch auch, was die wirtschaftliche Zukunft des Fairen Handels in Deutschland betrifft, gibt die Verbraucher*innenbefragung Grund zur Zuversicht: Inzwischen kaufen 71 % der Befragten fair gehandelte Produkte (2018 waren es 69 %). Seit der ersten Erhebung in 2009 hat sich der Anteil der Menschen, die zu fairen Produkte greifen, stetig erhöht. 

 

Service

Die Broschüre „Aktuelle Entwicklungen im Fairen Handel 2021", das Factsheet „Auf einen Blick: Aktuelle Entwicklungen im Fairen Handel" sowie Infografiken zur honorarfreien Verwendung stehen Ihnen am 14.07. ab ca. 10:30 Uhr unter www.forum-fairer-handel.de/presse als Download zur Verfügung.

 


The EU’s Carbon Border Adjustment – proceed with caution

DIE Blog - 14. Juli 2021 - 14:00

Today, the European Commission presented its “Fit-for-55” proposal which includes a Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM). The CBAM would impose a levy on imports into the EU based on their CO2 content from 2023. As part of the European Green Deal, Commission President von der Leyen had announced this instrument two years ago in order to be able to implement more ambitious climate policy targets without energy-intensive sectors shifting their emissions abroad (carbon leakage). Following the Commission’s proposal, the CBAM must now be spelled out in detail by the EU member states and the European Parliament. Going forward, it is key to ensure that the CBAM is effective in fighting climate change, that it is WTO compatible and, above all, that it has as few ramifications as possible for foreign policy and for developing countries in particular.

International perceptions of the EU CBAM?

With its initiative, the EU is sending clear signals to the outside world. The EU wants to position itself once again as a global leader in climate policy in the run-up to the COP26 in November. On the international stage, however, numerous negative reactions to the EU initiative emerged – to the European Green Deal and to carbon border adjustments specifically. Several sceptical readings of the CBAM exist. One is that the EU wants to introduce the tool to improve domestic competitiveness. Another reading is that the EU ignores potential negative consequences for imports from small and poor countries. And lastly, the perception is that the EU is mainly interested in filling its coffers with the CBAM.

In light of the EU proposal, these concerns from partner countries are at least partially justified. The coming weeks and months will tell to what extent the EU will address them.

How to improve the EU CBAM

How could the EU CBAM be improved? We see the following three entry points as particularly important.

First: In the legislative process, the main purpose of the CBAM, namely climate protection, has to remain in focus and also be communicated internationally. The draft extends the existing EU emissions trading system by requiring importers to pay the actual EU CO2 price for goods purchased abroad in five sectors (steel, cement, electricity, fertilizer and aluminium). The data base on embedded CO2 is collected both from emissions data abroad and from default values. This approach requires a willingness to cooperate and has to be embedded in climate policy cooperation with the countries of origin.

Second, the EU has to ensure that poor countries are not negatively affected by the CO2 border adjustment. This is required both by the principles of the Paris Agreement and the special World Trade Organization rules for Least Developed Countries (LDCs). LDCs who supply very small amounts of energy-intensive goods to the EU should thus be excluded from the CBAM. This can be implemented simply by “de minimis“ clauses that relate to the quantities traded or by negotiating exemptions for particular countries.

Third, the EU should earmark most of the revenue from the CBAM for climate policy purposes in third countries. The focus should be on investments to decarbonise the five sectors covered by the CBAM in emerging and developing countries. Possible ways forward for revenue recycling include establishing investment funds or setting up bilateral climate partnerships.

The essential role of international cooperation

As international cooperation is key to the success of a CBAM, the EU has to address the concerns of partner countries. It needs to reflect on points from partner countries, and understand the Green Deal as a truly global deal. To this end, the European Commission, the European Parliament and the Member States have to consider basic fairness principles, impacts on the poor countries and engage in intensive discussions with major trading partners. Complementing the CBAM proposal with global diplomatic efforts, explaining the approach and negotiating details of application are crucial for its success. Only then will it be possible to prevent trade sanctions and further strengthen the EU’s claim to leadership in climate policy.

Der Beitrag The EU’s Carbon Border Adjustment – proceed with caution erschien zuerst auf International Development Blog.

Generalsekretär Mathias Mogge zum aktuellen Welternährungsbericht

SID Blog - 13. Juli 2021 - 21:10

13.07.2021 | Statement

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, erklärt anlässlich der Vorstellung der neuen Hunger-Zahlen für 2020 durch die Vereinten Nationen in New York:

„Der Hunger ist weltweit weiter auf dem Vormarsch. Die Zahl der Unterernährten ist laut UN-Bericht innerhalb eines Jahres um bis zu 161 Millionen Menschen gestiegen. Das ist mehr als in den fünf Vorjahren zusammen. Für die Weltgemeinschaft muss der Anstieg auf insgesamt bis zu 811 Millionen unterernährte Menschen ein Weckruf sein, denn für die betroffenen Menschen ist es eine lebensbedrohende Katastrophe. Schon vor der Corona-Pandemie haben bestehende Krisen, insbesondere der Klimawandel und bewaffnete Konflikte den Hunger in vielen Weltregionen verschärft. Die Corona-Krise hat diese Tendenzen massiv verschärft, Corona ist zum Hungervirus mutiert.

Um den Trend des zunehmenden Hungers umzukehren, muss die Staatengemeinschaft jetzt schnell und entschlossen handeln: gegen COVID-19, Konflikte und Klimakrise und für ein gerechtes und nachhaltiges Ernährungssystem. Die Corona-Pandemie besiegen wir nur gemeinsam oder gar nicht, deshalb brauchen wir globale Impfgerechtigkeit und müssen diejenigen unterstützen, die in der Folge der Pandemie ihre Existenzgrundlage verloren haben. Kriege und Konflikte wiederum, wie bspw. in Syrien oder in Äthiopien, müssen politisch gelöst werden, sonst bleiben sie Hungertreiber. Außerdem haben Menschen nur dort eine Existenzgrundlage, wo die Klimakrise nicht die Früchte der Landwirtschaft zerstört.

Auch wo die Ernährung nicht von den Folgen von Krieg und Klimawandel bedroht ist, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, mit denen sich alle Menschen gesund ernähren können, ohne die Natur und das Klima zu zerstören. Denn nur, wenn Lebensmittel vom Acker bis zum Teller gerecht und nachhaltig produziert werden, kann Hungerbekämpfung erfolgreich sein.“

 

Die Welthungerhilfe ist eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland; politisch und konfessionell unabhängig. Sie kämpft für „Zero Hunger bis 2030“. Seit ihrer Gründung wurden mehr als 10.369 Auslandsprojekte in 70 Ländern mit 4,2 Milliarden Euro gefördert. Die Welthungerhilfe arbeitet nach dem Grundprinzip der Hilfe zur Selbsthilfe: von der schnellen Katastrophenhilfe über den Wiederaufbau bis zu langfristigen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnerorganisationen.





UN-Bericht: Pandemiejahr verschärft Hunger weltweit

SID Blog - 13. Juli 2021 - 21:08
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UN-Bericht: Pandemiejahr verschärft Hunger weltweit

Afrika verzeichnet größten Anstieg / Die Welt ist an einem kritischen Wendepunkt und muss jetzt handeln, um den Hunger bis 2030 zu beenden

Gemeinsamer Bericht von FAO, IFAD, UNICEF, WFP und WHO

© UNICEF/UN0343155/Pazos

Rom/New York/Köln, den 12. Juli 2021 // Wie die Vereinten Nationen heute mitteilten, hat sich der Hunger weltweit im Jahr 2020 dramatisch verschlimmert – ein Großteil davon hängt wahrscheinlich mit den Folgen von Covid-19 zusammen. Laut dem UN-Bericht war im vergangenen Jahr schätzungsweise ein Zehntel der Weltbevölkerung – bis zu 811 Millionen Menschen – unterernährt. Diese Zahl lässt ahnen, dass enorme Anstrengungen nötig sein werden, um den weltweiten Hunger bis 2030 zu beenden.

Die diesjährige Ausgabe des UN-Berichts „Die Situation der Nahrungsunsicherheit und Ernährung in der Welt" ist die erste globale Studie dieser Art in der Zeit der Pandemie. Der Bericht wird gemeinsam von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dem Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), dem UN-Welternährungsprogramm (WFP) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht.

Die UN-Organisationen hatten bereits in vorherigen Berichten davor gewarnt, dass die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen – darunter viele Kinder – auf dem Spiel steht. „Leider legt die Pandemie immer wieder Schwachstellen in unseren Ernährungssystemen offen, die das Leben und die Lebensgrundlagen von Menschen auf der ganzen Welt bedrohen", schreiben die Leiter*innen der fünf UN-Organisationen in ihrem Vorwort.

Sie warnen vor einem „kritischen Wendepunkt", setzen jedoch Hoffnung auf verstärkte diplomatische Anstrengungen. „Dieses Jahr bietet mit dem bevorstehenden UN Food Systems Summit, dem Nutrition for Growth Summit und der UN-Klimakonferenz COP26 eine einmalige Gelegenheit, die Ernährungssicherheit und den Ernährungszustand durch die Umgestaltung der Ernährungssysteme zu verbessern. Die Ergebnisse dieser Veranstaltungen werden die zweite Hälfte der UN-Dekade für Ernährung prägen", so die Leiter*innen der fünf UN-Organisationen.

Die Zahlen im Detail

Seit Mitte der 2010er-Jahre ist die Zahl der an Hunger leidenden Menschen kontinuierlich angestiegen und hat die Hoffnung auf einen bleibenden Rückgang zunichtegemacht. Besonders besorgniserregend ist, dass die Zahl der an Hunger leidenden Menschen im vergangenen Jahr sowohl absolut als auch proportional angestiegen ist – und das schneller als die Bevölkerung zunahm: Schätzungsweise 9,9 Prozent aller Menschen waren im vergangenen Jahr unterernährt, verglichen mit 8,4 Prozent im Jahr 2019.

Mehr als die Hälfte der unterernährten Menschen (418 Millionen) leben in Asien, mehr als ein Drittel (282 Millionen) in Afrika und ein kleinerer Anteil (60 Millionen) in Lateinamerika und der Karibik. Prozentual gesehen verzeichnet Afrika den stärksten Anstieg von Hunger – mit schätzungsweise 21 Prozent ist der Anteil der unterernährten Menschen dort mehr als doppelt so hoch wie in jeder anderen Region.

Auch andere Indikatoren für 2020 zeichnen ein düsteres Bild: Insgesamt hatten mehr als 2,3 Milliarden Menschen (oder 30 Prozent der Weltbevölkerung) nicht das ganze Jahr über Zugang zu angemessener Nahrung. 2020 ist die Prävalenz von moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit so stark angestiegen wie in den vergangenen fünf Jahren zusammen. Zudem nahmen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu: Auf 10 Männer, die unter Nahrungsunsicherheit litten, kamen 11 Frauen (verglichen mit 10,6 im Jahr 2019). 

Mangelernährung in all ihren Formen bleibt weiterhin verbreitet – Kinder zahlen dafür einen hohen Preis: Im Jahr 2020 waren schätzungsweise 149 Millionen Kinder unter fünf Jahren wachstumsverzögert (engl. „stunted"), das heißt zu klein für ihr Alter; mehr als 45 Millionen waren ausgezehrt (engl. "wasted") und hatten ein zu geringes Gewicht für ihre Körpergröße. Weitere 39 Millionen Kinder waren übergewichtig.

Drei Milliarden Menschen konnten sich im Jahr 2020 nicht gesund ernähren, größtenteils, weil Nahrungsmittel zu teuer und damit nicht erschwinglich waren. Fast ein Drittel der Frauen im gebärfähigen Alter litt an Blutarmut. Trotz einiger Fortschritte ist die Welt nicht auf dem Weg, die nachhaltigen Entwicklungsziele zur Beendigung von Hunger zu erreichen.

Weitere Ursachen für Hunger und Mangelernährung

In vielen Teilen der Welt hat die Pandemie schwere Rezessionen ausgelöst und den Zugang zu Nahrung erschwert. Doch schon zuvor litten immer mehr Menschen an Hunger und die Fortschritte bei der Bekämpfung der Mangelernährung kamen nur langsam voran. Dies gilt umso mehr für Länder, die von Konflikten, Klimaextremen oder weiteren wirtschaftlichen Herausforderungen betroffen sind oder gegen große Ungleichheiten ankämpfen.

Laut dem UN-Bericht wird die internationale Gemeinschaft bei aktuellen Trends Ziel 2 der nachhaltigen Entwicklungsagenda um rund 660 Millionen Menschen verfehlen. 30 Millionen davon könnten auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen sein.

Aufruf zum Handeln

Wie bereits im UN-Bericht des Vorjahres dargelegt müssen Ernährungssysteme umgestaltet werden, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten und allen Menschen eine gesunde Ernährung zu ermöglichen. Der diesjährige Bericht skizziert sechs „Transformationspfade". Diese, so die Autoren, beruhen auf einer „kohärenten Reihe von politischen Maßnahmen und Investitionen", um den Ursachen von Hunger und Mangelernährung entgegenzuwirken.

Abhängig von den Ursachen von Hunger in dem jeweiligen Land fordert der Bericht die Regierungen dazu auf:

  • Humanitäre, entwicklungspolitische und friedensfördernde Maßnahmen in Konfliktgebieten zu integrieren: Soziale Sicherungsprogramme etwa sollen verhindern, dass Familien ihren geringen Besitz für Nahrungsmittel verkaufen müssen;
  • Die Klimaresilienz im gesamten Nahrungssystem zu erhöhen: So sollte zum Beispiel Kleinbauern ein breiter Zugang zu Klima-Risikoversicherungen und prognosebasierter Finanzierung ermöglicht werden;
  • Die Widerstandsfähigkeit der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen in wirtschaftlichen Notlagen zu stärken: So können Bargeldhilfen die Auswirkungen von Schocks oder Preisschwankungen verringern;
  • Interventionen entlang der Versorgungsketten zu fördern, um die Kosten für nahrhafte Lebensmittel zu senken: Zum Beispiel sollen der Anbau von biofortifizierten Nutzpflanzen gefördert oder der Marktzugang für Obst- und Gemüsebauern erleichtert werden;
  • Armut und strukturelle Ungleichheiten zu bekämpfen: So sollten beispielsweise Lebensmittel-Wertschöpfungsketten in armen Gemeinden durch Technologietransfer und Zertifizierungsprogramme gefördert werden;
  • Das Ernährungsumfeld zu stärken und das Verbraucherverhalten zu ändern: So sollten Salz- oder Zuckergehalt in Lebensmitteln reduziert und Kinder vor negativen Auswirkungen des Lebensmittelmarketings geschützt werden.

Der Bericht fordert darüber hinaus ein unterstützendes Umfeld aus Steuerungsmechanismen und Institutionen, die diesen wichtigen Wandel ermöglichen. Er fordert von Regierungen, sich umfassend zu beraten, Frauen und junge Menschen zu stärken sowie Daten und neue Technologien zugänglich zu machen. Vor allem aber müsse die Welt sofort handeln – oder zusehen, wie die Ursachen von Hunger und Mangelernährung in den kommenden Jahren mit zunehmender Intensität zurückkehren, lange nachdem der Schock der Pandemie vorüber ist.

Service für Redaktionen:

Der vollständige Bericht auf Englisch steht hier zur Verfügung.


Welthungerhilfe zur Entscheidung des UN-Sicherheitsrats über Syrien-Hilfe

SID Blog - 13. Juli 2021 - 21:07

09.07.2021 | Statement

Die Entscheidung des UN-Sicherheitsrats über die Offenhaltung des letzten verbleibenden Grenzübergangs für UN-Hilfsgüter von der Türkei nach Syrien kommentiert Konstantin Witschel, Syrien-Koordinator der Welthungerhilfe:

„Wir sind erleichtert, dass der UN-Sicherheitsrat nach zähem Ringen entschieden hat, einen Grenzübergang von der Türkei nach Syrien für Hilfsgüter der Vereinten Nationen offen zu halten. Das eine wichtige Entscheidung, mit der eine humanitäre Katastrophe zunächst abgewendet wurde – zumindest bis die Resolution erneut ausläuft.

Rund 2,7 Millionen Binnenvertriebene sitzen im Nordwesten Syriens an der Grenze zur Türkei unter teilweise katastrophalen Bedingungen fest. Fehlende Einkommensmöglichkeiten und steigende Preise für Brot, Gemüse und Früchte verschärfen den Hunger unter den Bürgerkriegsopfern. Mehr als eine Million Menschen ist von der grenzüberschreitenden Nahrungsmittelhilfe der Vereinten Nationen abhängig, auch die Impf-Kampagne gegen COVID-19 in der Region stand auf dem Spiel. Es ist bedauerlich, dass der Sicherheitsrat sich nicht zur Wiederöffnung weiterer Grenzübergänge für humanitäre Hilfe durchringen konnte, denn im zehnten Jahr des Konflikts kann die humanitäre Hilfe kaum mit dem wachsenden Bedarf von immer mehr notleidenden Menschen in ganz Syrien Schritt halten.

Um künftig zu vermeiden, dass die Menschen in Nordwest-Syrien erneut in den Abgrund blicken müssen, sollten Nichtregierungsorganisationen finanziell gestärkt werden, die unabhängig von der Resolution arbeiten können, denn es ist klar, dass wir im kommenden Jahr erneut in der gleichen Situation sein werden“, sagt Konstantin Witschel, Syrien-Koordinator der Welthungerhilfe.

Die Welthungerhilfe hilft in Syrien sowie in den Nachbarländern Türkei und Libanon Menschen, die vor dem Krieg in Syrien geflohen sind. Im Jahr 2020 unterstützte die Welthungerhilfe in Syrien über 600.000 Menschen größtenteils durch Nahrungsmittelhilfe, z.B. Nahrungsmittelgutscheine, Mehllieferungen für Bäckereien und Saatgut, Dünger und Werkzeuge für die landwirtschaftliche Produktion.

 

Die Welthungerhilfe ist eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland; politisch und konfessionell unabhängig. Sie kämpft für „Zero Hunger bis 2030“. Seit ihrer Gründung wurden mehr als 10.369 Auslandsprojekte in 70 Ländern mit 4,2 Milliarden Euro gefördert. Die Welthungerhilfe arbeitet nach dem Grundprinzip der Hilfe zur Selbsthilfe: von der schnellen Katastrophenhilfe über den Wiederaufbau bis zu langfristigen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnerorganisationen.

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The Breathing Catastrophe: COVID-19 and Global Health Governance

DEVELOPMENT - 13. Juli 2021 - 0:00
Abstract

In the second year of the pandemic, the malaise of global health governance has come to the fore at the intersection of the trajectories of global crises that have converged in 2020: the soaring inequalities, the climate disaster and the effects of a globalization that takes our breath away. COVID-19 puts into question most of the global health assumptions and reaffirms the political intuitions of the 1978 Alma Ata Declaration on primary health care, which positioned health at the centre of a public sector-led project for economic transformation and human dignity, based on human rights. The new coronavirus imposes a new sense of purpose to health policymaking, which is not yet captured in the current failed global response to the pandemic. This is also an opportunity for the international community that believes in public health and the role of public institutions, to re-imagine itself and project new creative ways to engage beyond classical models, so as to reconquer some ground for a healthier future.

Global to Local: An Alternative Approach to Achieve Climate and Energy Goals

DEVELOPMENT - 12. Juli 2021 - 0:00
Abstract

Universal energy access currently looks unachievable according to predictions based on current data. This affects Africa most, as has been observed with the effects of COVID-19 leading to a reversal in gains. The world’s ambitious climate goals, which also require the achievement of clean cooking show that there is an opportunity for a shift. Channeling climate finance towards decentralized renewable energy and clean cooking can support achievement of universal energy access through more localized action.

Niedersachsen: Entwicklungspolitische Landeskonferenz „Vision 2030“

SID Blog - 9. Juli 2021 - 14:38

Jetzt anmelden: Entwicklungspolitische Landeskonferenz diskutiert die Zukunft von Wirtschaft und Menschenrechten

 

Am 15. und 16. Juli lädt der Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen zu seiner Entwicklungspolitischen Landeskonferenz „Vision 2030" ein. In spannenden Vorträgen, Diskussionen und Workshops stehen die Zukunft von Wirtschaft und Menschenrechten und das aktuelle Lieferkettengesetz auf der Tagesordnung. Anmeldungen für eine Teilnahme in Hannover oder Online sind noch möglich.

 

Hannover, 9. Juli 2021. Wie nachhaltig ist unser aktuelles Wirtschaftssystem? Wie können wir es gestalten, damit Menschenrechte und die Umwelt effektiver und nachhaltig geschützt werden? Wer diese Fragen mitdiskutieren möchte, sollte sich jetzt zur Entwicklungspolitischen Landeskonferenz anmelden. Diese veranstaltet der Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen im Rahmen seines 30-jährigen Jubiläums am 15. und 16. Juli 2021.

 

Unter dem Titel „Vision 2030" kommen Expert*innen aus Zivilgesellschaft, Politik, Gewerkschaften und Unternehmen zusammen, um gemeinsam über die aktuelle Lage der Menschenrechte in globalen Lieferketten zu sprechen. Gäste aus dem Globalen Süden vermitteln ein Bild der Menschenrechtsverletzungen vor Ort und steigen dabei mit in die Diskussion um das deutsche Lieferkettengesetz ein.

 

„Dass vor wenigen Wochen das Lieferkettengesetz im Bundestag verabschiedet wurde, ist ein gutes Signal für die Menschenrechte! Doch das reicht noch nicht", sagt Katrin Beckedorf, Geschäftsführerin vom Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen. Deshalb bietet der VEN auf der Landeskonferenz Raum für kritische Betrachtung und für Visionen zum Thema Wirtschaft und Menschenrechte.

 

Bernd Lange (MdEP, SPD), Amanda Luna (Menschenrechtsaktivistin aus Lateinamerika) und Steffen Vogel (German Watch) diskutieren, was das Lieferkettengesetz leisten kann und was nicht. „Wie nachhaltig ist unser Wirtschaftssystem?" – das fragt eine Paneldiskussion mit Dr. Maria Flachsbarth (MdB CDU), Ottmar von Holtz (MdB Bündnis 90/Die Grünen) und Dr. Matthias Miersch (MdB SPD).

 

Die Entwicklungspolitische Landeskonferenz findet sowohl als klassische Tagung in Hannover (Kulturzentrum Pavillon) statt, als auch digital im Internet. Eine Anmeldung ist erforderlich. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite www.ven-nds.de/vision2030.

 

Die Veranstaltung ist Teil des Projektes „Niedersachsen macht mobil – für Unternehmensverantwortung" vom VEN und wird gefördert von der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung, Brot für die Welt - Evangelischer Entwicklungsdienst, sowie durch ENGAGEMENT GLOBAL mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

 

Hintergrund:

Sustainable Development Goals (SDGs, Nachhaltigkeitsziele)

Auf der bislang größten Vollversammlung der Vereinten Nationen im September 2015 unterzeichneten alle 193 UN-Mitgliedsstaaten die Agenda 2030. Im Mittelpunkt stehen 17 Ziele mit 169 Unterzielen für eine globale nachhaltige Entwicklung.

                                             

Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen e.V.

Der Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen e.V. (VEN) ist ein Zusammenschluss von über 140 Eine Welt-Initiativen und das Sprachrohr für Menschen, die sich in Niedersachsen für globale Gerechtigkeit einsetzen. Der VEN bietet eine Plattform zum Austausch und zur Vernetzung, berät seine Mitglieder vor Ort, qualifiziert mit Fortbildungen und Seminaren, koordiniert landesweite Aktionen und stärkt damit zivilgesellschaftliches Engagement. Der VEN bringt globale Themen in die niedersächsische Landespolitik ein, wirbt dort für mehr Politikkohärenz und Verantwortung. Das Ziel des VEN ist ein zukunftsfähiges Niedersachsen in einer globalisierten Welt mit einer starken Zivilgesellschaft.

 

The Energy Transition and the Changing Nature of Governance: Analyzing Evidence from the European Union and the Gulf Cooperation Council

DEVELOPMENT - 9. Juli 2021 - 0:00
Abstract

The governance literature is characterized by general claims regarding the changing nature of governance or the ‘governance turn’, with the main argument being that ‘centralized’ or ‘state-centred’ governance is increasingly being replaced by multilevel governance. This article provides evidence of different degrees of decentralization of renewable energy governance in European Union and Gulf Cooperation Council countries, focusing on the complexity of the relevant policy mixes.

Globale Entwicklung für alle: Warum Inklusion #weltweitwichtig ist

VENRO - 8. Juli 2021 - 15:42

Auf dem Hochrangigen Politischen Forum in New York werden in diesen Tagen die Fortschritte bei der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung besprochen. Deutschland berichtet am 15. Juli zum zweiten Mal über seine Bemühungen. Für unseren Verband ist die Verringerung sozialer Ungleichheit weltweit wichtig und wir meinen, dabei muss bei den Schwächsten angesetzt werden. VENRO-Vorstandsmitglied Michael Herbst geht dem Begriff der Inklusion auf den Grund und zeigt seine Bedeutung für das leave no-one behind-Versprechen der Agenda 2030 auf.

Inklusion ist zu einem politischen Kampfbegriff geworden, stellt der Soziologe Uwe Becker in seinem 2015 erschienenen Buch „Die Inklusionslüge“ fest. Der Begriff Inklusion taucht 1994 behindertenpolitisch erstmals in der Erklärung von Salamanca (Spanien) auf. Auf der dortigen UNESCO-Konferenz bekannten sich 92 Staaten zum Recht auf Bildung für Menschen mit Behinderungen. Sie sollte – wo sie überhaupt stattfand – fortan nicht mehr in Spezialeinrichtungen, sondern im allgemeinen Bildungssystem erfolgen. Konzeptionell stützte man sich dabei auf reformpädagogische Thesen zur sogenannten inklusiven Bildung, die – abseitig des Mainstreams in Leistungsgesellschaften – im Kern auf Wissensvermittlung in heterogenen Lerngruppen abzielt.

Die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) von 2006 verwendet den Term Inklusion durchgängig, ohne ihn allerdings zu definieren. Entsprechend tobt seither ein Kampf verschiedenster gesellschaftlicher Akteure um die Deutungshoheit, der selbst vor dem Bundestagsausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung nicht Halt macht.

Die deutsche Fassung der UN-BRK, wie sie die Bundesregierung veröffentlichte, übersetzte sehr zum Missfallen der Behindertenverbände Inklusion zumeist zurück zu Integration, der gesellschaftlichen Teilhabe per individueller Unterstützung. Wer im englischen Original liest, dem wird klar, dass „inclusion“, „to include,“, „inclusive“ etc. in dreierlei Bedeutungszusammenhängen verwendet wird:

  1. Als Prinzip der Beteiligung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen in gesellschaftlichen Planungs-, Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen. Der Slogan der Behindertenbewegung „nothing about us without us“ drückt den Anspruch der „Experten in eigener Sache“ aus.
  2. Als Handlungsprinzip, das vorsieht, wann immer mit „angemessenen Vorkehrungen“ möglich, Lösungen zu bevorzugen, die selbstbestimmtes Handeln von Menschen mit besonderen Bedürfnissen ermöglichen. Denn diese ausgegrenzten Menschen zu integrieren oder sie gar in Parallelwelten zu segregieren, schafft letztlich immer Abhängigkeiten.
  3. Als Vision einer Gesellschaft, in der alle Menschen an allem selbstbestimmt und gleichberechtigt teilhaben können, was die Gesellschaft zu bieten hat. Das mag man für eine Utopie zwischen Urkommunismus und Bergpredigt halten. Wenn man aber fragt, wie die Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen erreicht werden können, landet man beinahe zwangsläufig bei dieser Leitidee, und die UN-BRK fragt genau das.

Die am weitesten Hintenstehenden zuerst erreichen

Der zweite Halbsatz des Agenda-2030-Versprechens, niemanden zurückzulassen (leave no one behind, LNOB), macht deutlich, um was es geht: Die Verringerung sozialer Ungleichheit und damit eine globale Entwicklung hin zu sozialer Nachhaltigkeit kann nur gelingen, wenn die Schwächsten in unseren Gesellschaften aufholen können. Das ist eine Frage der Nichtdiskriminierung. Es ist aber auch eine von Positivdiskriminierung vor allem bei den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechten. Und prompt taucht der Begriff Inklusion in den nachhaltigen Entwicklungszielen gleich mehrfach wieder auf; dort wo über Armutsbekämpfung, Gesundheit, Bildung, Arbeit gesprochen wird zum Beispiel.

Mit Blick auf das derzeit bei den Vereinten Nationen in New York stattfindenden Hochrangigen Politischen Forum (High-level Political Forum) ist es #weltweitwichtig, dass die Bundesregierung in ihrer Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe

  • sich des vorgenannten Verständnisses des LNOB-Prinzips, wie es im Übrigen auch in der politischen Abschlusserklärung des SDG-Gipfels von 2019 formuliert wird, ernsthaft verpflichtet fühlt,
  • wirkungsvolle Strategien zur Verwirklichung von Geschlechtergleichstellung, Behinderten- und Kinderrechten erarbeitet und umsetzt, die neben Zielvorgaben auch Messgrößen, Verantwortlichkeiten, Budgetlinien und Zeitpläne enthalten sowie
  • einheitliche Marker einführt, mit denen Fortschritte gemessen werden können und ihre Partnerländer dabei unterstützt, dass Daten zur Lebenssituation benachteiligter Menschen erhoben werden können.

Michael Herbst ist VENRO-Vorstandsmitglied und Leiter Politische Arbeit und Beratung bei unserer Mitgliedsorganisation CBM.

 

Dieser Artikel ist Teil unserer Themenreihe zur Bundestagswahl 2021, in der wir unsere Erwartungen für die kommende Legislaturperiode formulieren. Die Blogserie basiert auf unserem aktuellen Positionspapier Was jetzt #WeltWeitWichtig ist – Erwartungen an die Parteien zur Bundestagswahl 2021. Darin fordern wir die Parteien, die zukünftigen Abgeordneten und die kommende Bundesregierung auf, ihre Prioritäten auf eine nachhaltige Politik zu richten, die alle mitnimmt!

Lesen Sie mehr dazu unter www.weltweitwichtig.de.

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