Sie sind hier

SID Mitglieder Update

Die afrikanische Diaspora – eine ungenutzte Ressource der Entwicklungspolitik

VENRO - 13. Juli 2020 - 18:16

In der vergangenen Dekade hat sich das Verhältnis zwischen Afrika und Europa deutlich verändert. Dabei spielt die afrikanische Diaspora in Europa eine zunehmend wichtige Rolle. Wie können Afrikaner_innen in Europa ein neues Kapitel der afrikanisch-europäischen Beziehungen mitgestalten?

Die afrikanische Diaspora in Europa ist keine einheitliche Gruppe. Die kulturellen Prägungen und Bezüge zum Herkunftsland sind sehr unterschiedlich. Weder für die gesamte EU noch für Deutschland gibt es eine genaue Zahl der Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund. Laut Schätzungen sind es jedoch allein in Deutschland etwa eine Million.

Doch die Diversität und die Leistungen der afrikanischen Diaspora werden kaum anerkannt. Stattdessen werden Afrikaner_innen in Europa oft in Verbindung gebracht mit dem Bild Afrikas als politisch instabilem und wirtschaftlich rückständigem “Krisenkontinent“.

Diese weithin verbreitete Sicht beeinflusst unser Zusammenleben. Viele Menschen mit afrikanischen Wurzeln erleben verschiedentlich Rassismus, Diskriminierung und Gewalt. Die Aufmerksamkeit dafür war in Deutschland und Europa bislang gering, doch die aktuellen Proteste gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den USA haben auch bei uns öffentliche Debatten über strukturellen Rassismus und das Erbe des europäischen Kolonialismus verstärkt.

Kompetenzen und Leistungen der afrikanischen Diaspora sichtbar machen

Viele Akteure aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft müssen mehr Verantwortung übernehmen und ein differenziertes Afrikabild fördern. Es gilt, intensivere Partnerschaften zwischen Afrika und Europa zu formen, etwa zwischen Städten, Kommunen, Universitäten oder Unternehmen. Dazu gehört, schwarze Menschen im positiven Sinne “sichtbar“ zu machen.

Sichtbarkeit bedeutet zum Beispiel für Unternehmen, Menschen afrikanischer Abstammung und ihre Kompetenzen als wichtigen Teil der Belegschaft wertzuschätzen und dies auch nach außen zu kommunizieren. Es bedeutet, dass sie sich für innovatives und nachhaltiges Unternehmertum in Afrika einsetzen und zeigen, dass es erfolgreich sein kann. Ein Beispiel ist das Engagement des Volkswagen-Konzerns in Ruanda, der dort seit 2018 mit lokaler Fertigung und vernetzten Mobilitätsangeboten präsent ist.

Neben traditionellen Unternehmen spielen auch Startups eine wichtige Rolle. Ihre Erfolgsgeschichten auf dem afrikanischen Kontinent finden bei europäischen Investoren bislang zu wenig Beachtung. Staatlich bereitgestellte Sicherungsinstrumente wie Risikopuffer für Investitionen können ein wichtiger Beitrag sein, das wahrgenommene Risiko (welches selten dem tatsächlichen entspricht) zu reduzieren.

Diese und andere Maßnahmen können viel dazu beitragen, ein differenzierteres Bild Afrikas zu zeichnen. Die in Europa lebenden Menschen mit afrikanischen Wurzeln würden davon erheblich profitieren. Aber nicht nur die Wahrnehmung sollte sich ändern. Die afrikanische Diaspora muss ein Partner bei der Gestaltung und Umsetzung solcher Initiativen sein.

Dies gilt zuallererst für entwicklungspolitische Maßnahmen. Etliche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland und Europa tun sich immer noch schwer, die afrikanische Diaspora in ihre Arbeit einzubeziehen. Ihre Belegschaft ist oftmals wenig divers.

Nachhaltige Beteiligung der Diaspora an der Entwicklungszusammenarbeit

Ein positives Beispiel für gelungene Kooperation ist ein Projekt der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zur Förderung von Kleinstunternehmen im informellen Sektor. Menschen aus der afrikanischen Community in Deutschland können hierüber direkt in Strukturen in ihren Herkunftsländern investieren. Die Investitionen werden durch Mittel der Bundesregierung gedoppelt. Diaspora-Netzwerke werden dabei beratend miteinbezogen und können sich aktiv in die Zusammenarbeit einbringen.

Auch die Kleinprojekteförderung, die das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) anbietet, ermöglicht Diaspora-Organisationen eine selbstbestimmte Projektplanung und -umsetzung. Unserem Verein Afro Deutsches Akademiker Netzwerk (ADAN) wurde es dadurch ermöglicht, das “aXd Fellows Program“ durchzuführen: Fünf junge Menschen aus der afrikanischen Diaspora arbeiteten vier Wochen lang gemeinsam mit fünf Startups aus Ghana an ihrer Geschäftsidee und tauschten auf vielen Ebenen ihr Wissen aus.

Wichtig ist zudem, neben der finanziellen Förderung das hohe Bildungsniveau von Akademiker_innen mit afrikanischen Wurzeln besser zu nutzen. Im Zeitalter der Digitalisierung ist ein Transfer von Know-how leichter geworden. Die Studie “The Diaspora and Economic Development in Africa“ (Gnimassoun/Anyanwu, 2019) hebt den positiven Einfluss höherer Bildung auf das Engagement von Migrant_innen in ihren Herkunftsländern hervor, etwa durch eine intensivere Einbindung in wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Netzwerke (sogenannter Ex-Post-Effekt).

Die EU-Ratspräsidentschaft bietet Deutschland eine gute Möglichkeit, Strategien für einen strukturierten Dialog zu entwickeln, um die vielen Ressourcen der afrikanischen Diaspora für nachhaltige Entwicklung einzusetzen. Diaspora-Netzwerke erschließen nicht nur potenzielle Handels- und Kapitalströme und ermöglichen den Transfer von Know-how und Technologie. Sie können auch dazu beitragen, entwicklungsfördernde soziale und institutionelle Normen zu etablieren.

Nicht zuletzt verfügt die afrikanische Diaspora über die nötige kulturelle Sensibilität und kann somit als wichtige Schnittstelle zwischen Afrika und Europa agieren. Bei der Umsetzung von Projekten und der Etablierung von Strukturen sind solche Faktoren von großer Bedeutung.

Bei den Verhandlungen zwischen der Afrikanischen Union und der EU sollten daher Wege und Möglichkeiten geschaffen werden, um diese Kapazitäten einzubeziehen. Die Diaspora kann aufgrund der besonderen Erfahrungen in beiden „Welten“ neue Perspektiven in den Diskurs über Afrika einbringen und somit Brücken bauen für ein besseres Verständnis und eine größere politische Kohärenz zwischen Afrika, Deutschland und Europa.

Alhaji Allie Bangura ist Gründer und Vorstandsmitglied des Vereins ADAN e.V., einem Netzwerk für die afrikanische Diaspora und an Afrika interessierten Student_innen und jungen Berufstätigen mit über 190 Mitgliedern in sieben deutschen Städten. Ziel von ADAN e.V. ist es, durch verschiedene Formate und Projekte eine Plattform für Austausch zu schaffen, Vielfalt sichtbar zu machen und Afrika als Chancenkontinent zu präsentieren. In Sierra Leone geboren und in Deutschland aufgewachsen, beschäftigt er sich seit langem mit den Erfahrungen und Perspektiven der afrikanischen Diaspora, um die Darstellung von und die Narrative über Afrika in Europa positiv zu verändern.

hamburg.global - Netzwerk für weltweite Gerechtigkeit

Weblinks - 13. Juli 2020 - 17:36

Comments:

  • Das Netzwerk fördert Austausch und Kooperationen zwischen zivilgesellschaftlich Engagierten. Die Beteiligten unterstützten sich gegenseitig, tauschen vielfältige Perspektiven aus und entwickeln gemeinsame Positionen und Aktionen. - Karsten Weitzenegger

Tags: hamburg, nro, bildung, deutschland, globales_lernen

by: Karsten Weitzenegger

BürgerStiftung: Fördertopf „Junges Engagement im Umwelt-/Klimaschutz“ (bis 26.8.2020)

#Nachhaltigkeit in #Hamburg - 8. Juli 2020 - 11:36
Mit der Einrichtung des Fonds hat sich die BürgerStiftung Hamburg zum Ziel gesetzt, junge Menschen aus Hamburg (10 – 25 Jahre) niedrigschwellig darin zu unterstützen, ihre eigenen Projekte und Ideen zum Umwelt- und Klimaschutz umzusetzen. Antragsberechtigt sind sowohl Projekte von [...]

SÜDWIND Newsletter

SID Blog - 5. Juli 2020 - 17:23

Africa and Europe: A Kenyan civil society perspective on our relations and expectations

VENRO - 2. Juli 2020 - 14:18

VENRO’s Digital Africa Forum 2020 mobilised African and European civil society to deliberate and develop practical recommendations to the German EU Presidency. Representing African participants during the kick-off workshop, Helen Owino reflects upon the potentials of the AU-EU partnership and calls for an inclusive participation of civil society.

In recent years, Africa has been recording steady economic growth. Thirty African States are middle-income or high-income countries. The continent’s economic expansion has the potential to accelerate and drive broader social and human development with new opportunities arising from the digital transformation, the demographic dividend, low-cost renewable energy, the green transition and a low-carbon, blue and circular economy.

At the same time, many challenges remain. Thirty-six of the world’s most fragile countries are in Africa and often weakened by conflicts. The continent hosts 390 million people living below the poverty line. Growth has not always been inclusive, notably due to governance challenges. Africa, as the rest of the world, is also affected by the consequences of climate change, environmental degradation and pollution, and the current COVID-19 pandemic.

Africa’s potential attracts increased interest from many actors. This is a welcome development, as it widens Africa’s options and creates room for synergies. On 9th March 2020, the President of the European Commission and the High Representative for Foreign Affairs and Security Policy presented a draft for a new EU-Africa strategy. The document proposes to strengthen the cooperation between the African Union (AU) and the European Union (EU) through partnerships in five key areas: green transition; digital transformation; sustainable growth and jobs; peace and governance; migration and mobility. The proposal is part of an ongoing dialogue and will be the basis of discussion in the run-up to the next AU-EU Summit in Brussels in October 2020, which will be the occasion to define joint strategic priorities for the years to come.

The German EU Council Presidency from July to December 2020 is a window of opportunity for civil society organizations (CSOs) to advocate for responsible political decision-making. I happened to be meaningfully engaged in a virtual consultation process through the Digital Africa Forum 2020 organised by VENRO. It mobilised African and European civil society to deliberate and develop practical recommendations to the German EU Presidency.

How can we ensure the AU-EU partnership is beneficial to an ordinary citizen?

This engagement and participation was a reflective process on what the AU-EU partnership actually translates to at national and bilateral cooperation level. I kept thinking about what it would mean for an ordinary citizen. That small scale artisan worker that makes and sells steel doors and window frames for a living, who has trouble getting registration for his business and when he does, is taxed heavily because of the high public sector deficits and inflation rates. How can we ensure the partnership is beneficial to this person by addressing his needs?

Much as one would like to commend the regional blocs for policy documents outlining the foundations for their partnership after the end of the Cotonou Agreement, there are gaps and challenges that need to be addressed especially from the perspective of the ordinary poor citizen. The same is true for Kenya’s Vision 2030, which is the country’s development blueprint covering the period 2008 to 2030. Its main aim is to transform the country into a middle-income country by 2030. The blueprint vision is based on three key pillars: economic, social and political.

The economic pillar aims to improve prosperity of all. Kenya’s population is largely youthful. Many are completing school education and joining a labour market with no jobs. In the case of Kenya, cooperation must thus focus on economic relations that create jobs for young people, especially keeping in mind that the informal sector currently employs over 70% of the country’s workforce. In this sense, African-European cooperation should support agriculture because of its ability to create employment. Tourism, manufacturing for regional markets, inclusive wholesale and retail trade, financial and business support services are other sectors with a lot potential to provide jobs.

Unfortunately, Vision 2030 places the highest premium on stable macroeconomic environment. In the coming years, this is under threat by the consequences of the COVID-19 pandemic like high inflation, high interest rates, and increasing public sector deficits. A bilateral cooperation needs to consider strengthening policies such as the Macro Economic Stability Framework at national level in order to caution the ordinary poor citizen and investors from these negative consequences.

The political pillar, on the other hand, aims to realise a democratic political system founded on issue-based politics that respects the rule of law and protects the rights and freedoms of every individual. The government officially recognises that in an open democratic society like Kenya, the people themselves, parliament, civil society and a vigilant press are the ultimate defence against abuse of office.

Any bilateral relation must strengthen space of civil society

Kenya has a vibrant CSO arena with over 6,000 registered non-governmental organizations. CSOs play an important role in numerous sectors including education, gender equality, health, agriculture, manufacturing, housing, trade etc. Nevertheless, the role of civil society in national development and expanding democratic space continues to be challenged. Controls, intimidation and threats for deregistration from government continue. For example, CSOs operations are reduced by restricting their ability to provide education and information to citizens or by bringing in legislation to control registration and rules on generating 80% of resources locally and only 20% externally. Any bilateral relation must therefore acknowledge and strengthen space of civil society to increase its role in national accountability.

In conclusion, two key issues come to play: the need to ensure inclusivity in the EU-Africa Strategy development process by creating spaces for participation. Our CSOs call for meaningful engagement of African citizens in the consultation processes. Their recommendations will build on and enrich the partnership and deepen the AU-EU relations. Secondly, civil society will play a pivotal role in holding governments accountable to the commitments made at the global and regional level and thus their involvement throughout the process needs to be a focus for the German EU presidency. AU and EU must provide support and finance meetings to make inclusive participation of civil society happen.

Helen Owino is a Program Officer for Advocacy at the Centre for the Study of Adolescence (Kenya). She participated in the Digital Africa Forum 2020 and represented African participants during VENRO’s kick-off workshop on 29 June 2020.

Seiten

SID Hamburg Aggregator – SID Mitglieder Update abonnieren