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GIGA Event - 24. Juli 2020 - 8:51
Lectures and discussion | Online event Online event GIGA Forum Referent*innen Dr. Rudolf Gridl (Federal Ministry for Economic Affairs and Energy), Dr. Julia Pohle (Berlin Social Science Center), Prof. Dr. Bert Hoffmann (GIGA) Forschungsschwerpunkte Politische Verantwortlichkeit und Partizipation Macht und Ideen Anmeldung erforderlich

Digitales HLPF 2020: Chance vertan

VENRO - 23. Juli 2020 - 16:05

Vergangenen Freitag ging das erste virtuelle High-level Political Forum zur Überprüfung der Agenda 2030 zu Ende. Die Interimssprecher_innen unserer AG Agenda 2030, Mira Ballmaier und Dr. Jürgen Focke, ziehen aus zivilgesellschaftlicher Sicht eine ernüchterte Bilanz.

Aufgrund der Corona-Pandemie fand das diesjährige Format des High-level Poltical Forums der Vereinten Nationen (HLPF)  zum ersten Mal in rein virtueller Form statt. Vom 7. bis 17. Juli versammelte sich die internationale Staatengemeinschaft unter dem Motto „Building Back Better“ daher vor dem eigenen Bildschirm, um adäquate Antworten auf die Corona-Krise zu finden und bei der Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele nicht noch weiter zurückzufallen.

Durch das digitale Format bot sich dieses Jahr die Chance, das HLPF tatsächlich an Menschen auszurichten und bestehende Ungleichheiten in Bezug auf finanzielle und personelle Ressourcen, Reisebestimmungen, Barrierefreiheit oder Geographie zu überwinden und Formate zu entwickeln, die ressourcenschonend bei künftigen Sitzungen der Vereinten Nationen genutzt werden können. War dies insbesondere für kleinere NGO aus dem Globalen Süden in der Vergangenheit oft ein Spagat, konnte man plötzlich aus dem eigenen Wohnzimmer am HLPF teilnehmen. Das freut auch den ökologischen Fußabdruck des Events.

Dies, so scheint es nach Ende der zehntägigen offiziellen Sessions und Side-Events, ist allerdings der einzige Grund zur Freude.

Keine politische Beteiligung an Side-Events

Denn das HLPF 2020 hat es nicht geschafft, Politik und Zivilgesellschaft an einen Tisch zu bringen. Stattdessen gab es offizielle Sessions, die man zwar im Live-Stream über UN-TV verfolgen konnte; doch die oft bereits im Vorfeld aufgenommenen Statements sowie ebenfalls vorher aufgenommenen Antworten auf mögliche Rückfragen erstickten den Dialog mit anderen Stakeholdern mitunter schon im Keim. So verzichtete beispielsweise Deutschland aufgrund des vorgegebenen Prozederes auf eine geplante Kommentierung des Voluntary National Report (VNR) Marokkos zu deren Fortschritten in der Umsetzung der Agenda 2030.

Abseits dieser Themenblöcke vermisste man oft jegliche hochrangige politische Beteiligung bei den zahlreich angebotenen Side-Events, die nur selten in einem Zusammenhang mit den am Sitzungstag behandelten Schwerpunktthemen standen. So führten die „Seiten-Veranstaltungen“ eher ein Nischendasein, obwohl die Themen häufig näher an den tatsächlichen Herausforderungen der Agenda 2030 waren, als die feingeschliffenen Reden der Politik. Das virtuelle HLPF hat dadurch eine Parallelstruktur gefestigt, deren Entstehung sich bereits in den letzten Jahren abgezeichnet hat. Doch ohne einen gemeinsamen Ort des Geschehens, ohne die Möglichkeit zu kritischen Rückfragen an politische Entscheidungsträger_innen, ohne vertiefte Gespräche bei einer Tasse Kaffee nach der Veranstaltung, ohne sichtbare Rechenschaftspflicht fühlte sich die vormalige Distanz nun an wie Einsamkeit.

Deutsche Delegation überrascht negativ

Ebenfalls bezeichnend für das eingeschränkte Engagement der Mitgliedsstaaten beim diesjährigen HLPF war, dass die Ministererklärung nicht wie geplant verabschiedet werden konnte. Deutliche Worte der Kritik fand dazu auch die Präsidentin des Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC), Mona Juul.

Auch die deutsche Delegation hat diesem Gefühl nicht entscheidend entgegengewirkt, in dem Schwerpunkte und ihre Zielsetzung für das diesjährige HLPF weitestgehend unbekannt blieben. Dies hat negativ überrascht. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem Deutschland den Vorsitz im UN-Sicherheitsrat übernommen hatte und durch eine koordinierte Vorgehensweise das eigene Profil unter Beweis hätte stellen können. Hier wurde eine Chance vertan.

Schon die nationale Vorbereitungskonferenz war aufgrund der Pandemie in ihrem erst zweiten Jahr alternativlos abgesagt worden. Insbesondere mit Blick auf den 2021 geplanten deutschen Voluntary National Report darf das nicht zur Gewohnheit werden. Um die Agenda 2030 in, mit und durch Deutschland wirkungsvoll umzusetzen und die gegebenen Versprechen nicht in Schall und Rauch aufgehen zu lassen, muss die Zusammenarbeit und Transparenz gegenüber der Zivilgesellschaft deutlich erhöht werden.

Zivilgesellschaft muss 2021 besser eingebunden werden

Bereits vor Covid-19 befand sich das HLPF in einem größeren Überprüfungsprozess. Diesen gilt es im Lichte der diesjährigen Erkenntnisse noch einmal kritisch zu hinterfragen und entsprechend nachzusteuern. Die reine Möglichkeit, an einer Veranstaltung teilzunehmen oder zuzuhören, sind keine Formen wirkungsvoller Partizipation und schränken zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume mehr ein, als sie ihnen nutzen. Sie sollten daher die reine Ausnahme bleiben und nicht als partizipativ getarnt dazu genutzt werden, unbequemen Rückfragen aus dem Weg zu gehen.

Mit Blick auf das HLPF 2021 muss es nun darum gehen, die Sitzungen mit allen Stakeholdern gemeinsam künftig besser vorzubereiten, diese zu koordinieren, und dort, wo die Zivilgesellschaft ihre Stärken hat, diese besser in die Prozesse mit einzubinden.

Mira Ballmaier (Christoffel-Blindenmission Deutschland) und Dr. Jürgen Focke (HelpAge Deutschland) sind Interimssprecher_innen der VENRO-Arbeitsgruppe Agenda 2030.

Welternährungsbericht: Die Zahl der Hungernden steigt weiter, dabei sind wirksame Programme längst bekannt

VENRO - 20. Juli 2020 - 17:24

Im vergangenen Jahr sind dem jüngst veröffentlichten Welternährungsbericht zufolge insgesamt rund 690 Millionen Menschen chronisch unterernährt gewesen das sind zehn Millionen mehr als 2018 und 60 Millionen mehr als vor fünf Jahren. Durch die Corona-Pandemie werden viele Millionen weitere Menschen an Hunger leiden. Dass die Zahlen wieder steigen, muss die Staatengemeinschaft endlich aufrütteln.

Es ist alarmierend, dass die Zahl der Hungernden seit fünf Jahren wieder ansteigt. Diese Zunahme wirft die internationale Staatengemeinschaft zurück und nun wirkt die Corona-Pandemie auch noch wie ein Katalysator, der den Hunger weiter verstärkt. Bäuerinnen und Bauern können ihre Produkte durch den Lockdown nicht mehr vermarkten, Millionen von Schüler_innen fehlt das Schulessen und damit die einzige Mahlzeit am Tag. Die Armen in den Städten, die schon bisher von der Hand in den Mund gelebt hatten, haben jetzt gar kein Einkommen mehr und können sich kaum noch etwas zu essen kaufen. Damit wird ein teuflischer Kreislauf in Gang gesetzt: Ein durch Mangelernährung und Untergewicht geschwächtes Immunsystem kann sich viel schlechter gegen das Corona-Virus wehren. Durch die mangelnden Abwehrkräfte und zudem unhygienischense Bedingungen durch Wassermangel und schlechte Wohnverhältnisse kann das Virus sich rasant verbreiten und schnell tödlich wirken. Es muss von allen mehr gegen diese Abwärtsspirale getan werden, denn Hunger ist kein Schicksal. Dass die Zahlen seit fünf Jahren wieder steigen, muss die Staatengemeinschaft endlich aufrütteln. Sie muss den Aufbau nachhaltiger und krisenfester Agrar- und Ernährungssysteme zur Top-Priorität machen und mehr investieren. Die Welt soll bis zum Jahr 2030 von der Geißel des Hungers befreit werden. Dieses Versprechen der SDG, der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (UN), gilt noch immer!

An den Hauptursachen für den Hunger hat sich in den letzten Jahren nichts wesentliches verändert, heißt es im aktuellen Welternährungsbericht, der am 13. Juli 2020 in New York vorgestellt wurde. Kriege und Konflikte, Klimawandel und die wirtschaftliche Depression in vielen Staaten treiben die Zahl der Hungernden weltweit weiter nach oben. 2019 sind insgesamt rund 690 Millionen Menschen chronisch unterernährt gewesen, das sind zehn Millionen mehr als 2018 und 60 Millionen mehr als vor fünf Jahren. Am zahlreichsten sind die Hungernden in Asien, der schnellste Zuwachs entfällt derweil auf Afrika. Der Welternährungsbericht geht davon aus, dass durch die Corona-Pandemie dieses Jahr weitere 83 Millionen, im schlimmsten Fall bis zu 132 Millionen, zusätzlich an Hunger leiden werden.

Mehr Augenmerk auf gesunder Ernährung

Der Bericht betont die hohe Bedeutung einer vielfältigen und gesunden Ernährung bei der Bekämpfung von Hunger und Mangelernährung. Aber drei Milliarden Menschen können sich Mahlzeiten mit Gemüse, Obst, Milch und Eiweißprodukten gar nicht leisten. Der Bericht schätzt, dass dieser Ernährungsstil fünfmal mehr kostet als die kohlenhydratreiche Ernährung, die zwar satt macht, der es aber an wichtigen Nährstoffen mangelt. Andererseits können durch gesunde Ernährung Gesundheitskosten eingespart werden, was dies wieder ausgleicht.

Corona erschwert den Kampf gegen den Hunger

Durch die Corona-Pandemie wird die Reform des globalen Ernährungssystem noch schwerer werden und es ist fraglich, ob das gemeinsam gesteckte Ziel, dass bis zum Jahr 2030 niemand mehr hungert, noch erreicht wird. Es bringt aber kaum etwas, sich nur auf dieses Ziel zu fokussieren es braucht einen mehrdimensionalen Ansatz und mehr Kooperation zwischen den verschiedenen Sektoren. Denn die Corona-Pandemie zeigt auch deutlich, wie alle Lebensbereiche aufs Engste miteinander verbunden sind: Ernährung, Hygiene, Gesundheit und die Auswirkungen des Klimawandels ebenso wie wirtschaftliches Wohlergehen und ein funktionierendes Gemeinwesen. Der Hunger auf der Welt kann nur dann reduziert werden, wenn zum Beispiel auch Gesundheitsprobleme gelöst werden. So bekommen viele Kinder wegen verunreinigtem Wasser Durchfall und können ihre Nahrung nicht verwerten. Das zeigt: Eine bessere Wasserversorgung reduziert Krankheiten und Hunger. Auch müssen unbedingt und zügig Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden, damit Dürren oder Überschwemmungen nicht die Ernten vernichten. Und den Kleinbauern in den armen Ländern des Südens muss finanziell und technisch beigestanden werden, damit sie sich an die Folgen des Klimawandels mit verbesserten Anbaumethoden anpassen können. Ansonsten wird der Klimawandel alle Anstrengungen im Kampf gegen den Hunger konterkarieren. Ebenso ist immer wieder darauf hinzuweisen, dass für Kriegs-und Konfliktgebiete Lösungen gefunden werden müssen: Dort ist die Zahl der Hungernden besonders groß.

Flucht und Migration durch Hunger

Hunger ist immer noch ein ländliches Problem und verschärft den Urbanisierungsdruck. 80 Prozent der Hungernden in den Ländern des Südens leben auf dem Land und überwiegend von der Landwirtschaft. Die Gestaltung der Agrar- und Ernährungssysteme und auch der Stadt-Land-Beziehungen in diesen Ländern spielen eine entscheidende Rolle. Hunger ist eine wichtige Flucht- und Migrationsursache. Aber diesen strukturellen Hunger zu beseitigen ist sehr schwer. Obwohl im Jahre 2008 und 2009 die Zahl der hungernden Menschen mit einer Milliarde ihren höchsten Stand erreichte und diese Krise in aller Munde war, wurden die mehrdimensionalen und strukturellen Ursachen des Hungers in den letzten zehn Jahren nicht beseitigt. Wenngleich alle Programme darauf hinweisen, dass besseres Saatgut, weniger Landraub, mehr Umweltschutz, effiziente Infrastruktur und Märkte mit stabilen Preisen Grundvoraussetzungen sind, um den Hunger wirksam zu bekämpfen, wurde in diese Richtung zu wenig unternommen. Dies hat existenzielle Auswirkungen auf die Lebenssituation der Menschen.

Wirksame Programme sind längst bekannt

Wirksame Rezepte und Programme im Kampf gegen Hunger, Mangel- und Fehlernährung sind bekannt. Die Welternährungsberichte der letzten Jahre haben sie ausführlich beschrieben. Was die Berichte jedoch nicht thematisieren: Die bestehenden wirtschaftlichen und politischen Systeme und die Eliten, die davon profitieren, stellen immer noch ihre Interessen und ihre Gewinne über das Recht auf Nahrung und den Erhalt der Umwelt. Traditionelle und indigene Gemeinschaften werden von ihrem Land vertrieben; Handelsabkommen werden umgesetzt, die zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Armen nehmen; die Natur wird durch intensive Agrarnutzung und durch den Rohstoffabbau weiter zerstört. Agrarkonzernen gelingt es immer mehr, Essen und Nahrung auf eine rein handelbare Ware zu reduzieren. Im ländlichen Raum manifestiert sich das Versagen der globalen Ernährungssysteme vor allem durch die Übernutzung von Land, Wasser oder durch den Verlust der Biodiversität. Dies treibt die kleinbäuerlichen Familien in die Enge. In den Städten sind die starke Zunahme von ernährungsbedingten Krankheiten, Mangelernährung und Fettleibigkeit Indikatoren dieser Fehlentwicklung.

Agrarökologie bietet Lösungen im Kampf gegen den Hunger

Die Zivilgesellschaft hat in den letzten Jahren Vorschläge für alternative Agrarsysteme entwickelt, um das globale Ernährungssystem umzubauen. Eine systematische Umstellung der Agrarproduktion, der Verteilung der Nahrungsmittel und des Konsumniveaus ist notwendig, um die Zahl der Hungernden zu reduzieren und das Recht auf Nahrung zu verwirklichen. Die Agrarökologie ist das Kernelement dieses Ansatzes. Sie ist in der Praxis erprobt, aber leider noch nicht „Mainstream“ und zum Teil von den Agrarkonzernen massiv bekämpft. Agrarökologie basiert auf der Vielfalt und der Multidimensionalität von Agrarsystemen. Im Mittelpunkt steht dabei ein ganzheitlicher Ansatz, der die Erfordernisse der landwirtschaftlichen Familienbetriebe, der Gemeinden und der Ökosysteme berücksichtigt, um lokale Bedürfnisse zu befriedigen. Ziele sind dabei die Stärkung lokaler Strukturen, höhere Erträge, mehr Ertragsstabilität und weniger Abhängigkeit, um die Gefahr der Verschuldung einzudämmen. Zusätzlich können agrarökologische umweltschonende Anbausysteme negative Effekte des Klimawandels reduzieren.

Der Welternährungsbericht „State of Food Security and Nutrition in the World“ (SOFI) wird gemeinsam vom Welternährungsprogramm (WFP), der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Kinderhilfswerk UNICEF und dem Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) herausgegeben.

Dieser Blogbeitrag ist in ähnlicher Form auch bei unserer Mitgliedsorganisation Brot für die Welt erschienen.

Von Afrika bis Europa: Seite an Seite im Kampf für Klimagerechtigkeit

VENRO - 16. Juli 2020 - 12:05

Die heutigen Kommunikationswege bieten die Chance, am Leben von Menschen in anderen Teilen der Welt teilzunehmen. Leonie Bremer, Pressesprecherin von Fridays for Future Deutschland, berichtet über die Lebensrealität in Uganda und den gemeinsamen digitalen Kampf gegen den Klimawandel.

Halb stolpernd laufe ich morgens in die Küche meiner gemütlichen WG. Meist beginnt der Tag mit Kaffeekochen. Ich möchte frühstücken, öffne nicht selten die Vorratsschränke und stelle halb ärgerlich, halb betroffen fest, dass ich kein Essen im Haus habe.

Kein Essen, davon handelt auch die Nachricht von Hilda Flavia Nakabuye, die auf meinem Handy erscheint: “Good morning Leonie, the situation is bad. People are dying. They do not have food.” Hilda ist eine Fridays for Future-Aktivistin aus Uganda.

Ich könnte loslaufen und in einem der unzähligen, sich ewig gleichenden Läden Nachschub für meinen Vorratsschrank kaufen. Läden, in denen immer alles verfügbar ist. Läden, in denen nicht verkaufte Ware am Ende des Tages weggeschmissen werden. Aber mir vergeht der Appetit.

Die Missstände in Uganda liegen direkt neben meinem Kaffee auf dem Frühstückstisch

Manchmal scheint es mir, als trennten Hilda und mich Welten. Als ob unsere Geburtsorte unsere Lebensinhalte so willkürlich wie unumgänglich vorgezeichnet hätten. Manchmal verfehlen meine Ratschläge eine Problematik, die ich nicht richtig erfassen konnte. Und dennoch stehen Hilda und ich Seite an Seite im Kampf für eine gemeinsame Sache: Klimagerechtigkeit. Wir fordern “Unite behind the science”, die Einhaltung völkerrechtlicher Verträge und allen voran, dass die 1,5-Grad-Grenze nicht überschritten wird. Die Grenze, die es uns ermöglicht, die Anzahl der an Hunger sterbenden Menschen in Ländern wie Uganda beherrschbar zu machen.

Fridays for Future und unsere Generation hat für mich eine Stärke, die ich bei vielen Politiker_innen und etablierten Strukturen vermisse. Wir nutzen die heutigen Kommunikationswege, um am Leben von Menschen in anderen Teilen der Welt teilzunehmen. Wir hören uns gegenseitig zu, fragen nach und versuchen zu verstehen. Unabhängig davon, ob Länder handeln wollen oder Politiker_innen meinen, einen Kompromiss gefunden zu haben. Die Missstände in Uganda liegen direkt neben meinem Kaffee auf dem Frühstückstisch.

Menschen im Globalen Süden flüchten vor den Auswirkungen unseres Handeln

Ich glaube nicht, dass “wir”, die in Europa leben, wissen, was Menschen in Ländern wie Uganda brauchen. Ich glaube nicht, dass “wir” festlegen sollten, was “arme” Länder benötigen, um “besser” zu werden. Besser – so wie “wir”? Die viertgrößten Emittenten der Erde, die dafür sorgen, dass Menschen im Globalen Süden schon heute vor den Auswirkungen unseres Handelns flüchten müssen?

Mag sein, dass wir wissen, wie man die Ressourcen eines Landes bestens verbrauchen und Lebensqualität an einem steigenden Bruttoinlandsprodukt (BIP) ablesen kann. Für mich bedeutet bessere Lebensqualität aber nicht ein höheres BIP. Ich glaube vielmehr, wir, ich und viele Politiker_innen wissen viel zu wenig. Und wir sollten viel öfter zuhören.

Insbesondere bei Politiker_innen – auf ihren Bühnen in ihren teuren Anzügen und Kleidern – habe ich nicht den Eindruck, dass sie bei allem Reden über Multilateralismus, bei all der “Entwicklungshilfe-Industrie“ und der wiederholten Beteuerung “Ja, das Thema ist mir auch wirklich wichtig” wissen, dass sie über Lebensrealitäten reden. Und über Menschen wie Hilda.

Zuhören und Nachfragen haben den Vorteil, Entscheidungen teilen zu können, da wirkliche menschliche Schicksale bestimmte Kompromisse schlichtweg nicht zulassen. Neben dem Privileg, meinen Vorratsschrank wieder aufzufüllen, habe ich das Privileg meine Stimme nutzen zu können. Sie für mehr Gerechtigkeit einzusetzen. Und das empfehle ich jedem.

Leonie Bremer ist bundesweite Pressesprecherin von Fridays for Future Deutschland und zuständig für die Zusammenarbeit mit Fridays for Future Uganda.

UNV’s Pioneer Knowledge Portal on Volunteerism Goes Live

Weblinks - 15. Juli 2020 - 11:40

Comments:

  • Das Freiwilligenprogramm der Vereinten Nationen (UNV) hat ein Online-Portal zum Thema Freiwilligenarbeit eröffnet. - Karsten Weitzenegger

Tags: knowledge, portal, volunteer, volunteering, volunteers, km4dev

by: Karsten Weitzenegger

Die afrikanische Diaspora – eine ungenutzte Ressource der Entwicklungspolitik

VENRO - 13. Juli 2020 - 18:16

In der vergangenen Dekade hat sich das Verhältnis zwischen Afrika und Europa deutlich verändert. Dabei spielt die afrikanische Diaspora in Europa eine zunehmend wichtige Rolle. Wie können Afrikaner_innen in Europa ein neues Kapitel der afrikanisch-europäischen Beziehungen mitgestalten?

Die afrikanische Diaspora in Europa ist keine einheitliche Gruppe. Die kulturellen Prägungen und Bezüge zum Herkunftsland sind sehr unterschiedlich. Weder für die gesamte EU noch für Deutschland gibt es eine genaue Zahl der Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund. Laut Schätzungen sind es jedoch allein in Deutschland etwa eine Million.

Doch die Diversität und die Leistungen der afrikanischen Diaspora werden kaum anerkannt. Stattdessen werden Afrikaner_innen in Europa oft in Verbindung gebracht mit dem Bild Afrikas als politisch instabilem und wirtschaftlich rückständigem “Krisenkontinent“.

Diese weithin verbreitete Sicht beeinflusst unser Zusammenleben. Viele Menschen mit afrikanischen Wurzeln erleben verschiedentlich Rassismus, Diskriminierung und Gewalt. Die Aufmerksamkeit dafür war in Deutschland und Europa bislang gering, doch die aktuellen Proteste gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den USA haben auch bei uns öffentliche Debatten über strukturellen Rassismus und das Erbe des europäischen Kolonialismus verstärkt.

Kompetenzen und Leistungen der afrikanischen Diaspora sichtbar machen

Viele Akteure aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft müssen mehr Verantwortung übernehmen und ein differenziertes Afrikabild fördern. Es gilt, intensivere Partnerschaften zwischen Afrika und Europa zu formen, etwa zwischen Städten, Kommunen, Universitäten oder Unternehmen. Dazu gehört, schwarze Menschen im positiven Sinne “sichtbar“ zu machen.

Sichtbarkeit bedeutet zum Beispiel für Unternehmen, Menschen afrikanischer Abstammung und ihre Kompetenzen als wichtigen Teil der Belegschaft wertzuschätzen und dies auch nach außen zu kommunizieren. Es bedeutet, dass sie sich für innovatives und nachhaltiges Unternehmertum in Afrika einsetzen und zeigen, dass es erfolgreich sein kann. Ein Beispiel ist das Engagement des Volkswagen-Konzerns in Ruanda, der dort seit 2018 mit lokaler Fertigung und vernetzten Mobilitätsangeboten präsent ist.

Neben traditionellen Unternehmen spielen auch Startups eine wichtige Rolle. Ihre Erfolgsgeschichten auf dem afrikanischen Kontinent finden bei europäischen Investoren bislang zu wenig Beachtung. Staatlich bereitgestellte Sicherungsinstrumente wie Risikopuffer für Investitionen können ein wichtiger Beitrag sein, das wahrgenommene Risiko (welches selten dem tatsächlichen entspricht) zu reduzieren.

Diese und andere Maßnahmen können viel dazu beitragen, ein differenzierteres Bild Afrikas zu zeichnen. Die in Europa lebenden Menschen mit afrikanischen Wurzeln würden davon erheblich profitieren. Aber nicht nur die Wahrnehmung sollte sich ändern. Die afrikanische Diaspora muss ein Partner bei der Gestaltung und Umsetzung solcher Initiativen sein.

Dies gilt zuallererst für entwicklungspolitische Maßnahmen. Etliche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland und Europa tun sich immer noch schwer, die afrikanische Diaspora in ihre Arbeit einzubeziehen. Ihre Belegschaft ist oftmals wenig divers.

Nachhaltige Beteiligung der Diaspora an der Entwicklungszusammenarbeit

Ein positives Beispiel für gelungene Kooperation ist ein Projekt der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zur Förderung von Kleinstunternehmen im informellen Sektor. Menschen aus der afrikanischen Community in Deutschland können hierüber direkt in Strukturen in ihren Herkunftsländern investieren. Die Investitionen werden durch Mittel der Bundesregierung gedoppelt. Diaspora-Netzwerke werden dabei beratend miteinbezogen und können sich aktiv in die Zusammenarbeit einbringen.

Auch die Kleinprojekteförderung, die das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) anbietet, ermöglicht Diaspora-Organisationen eine selbstbestimmte Projektplanung und -umsetzung. Unserem Verein Afro Deutsches Akademiker Netzwerk (ADAN) wurde es dadurch ermöglicht, das “aXd Fellows Program“ durchzuführen: Fünf junge Menschen aus der afrikanischen Diaspora arbeiteten vier Wochen lang gemeinsam mit fünf Startups aus Ghana an ihrer Geschäftsidee und tauschten auf vielen Ebenen ihr Wissen aus.

Wichtig ist zudem, neben der finanziellen Förderung das hohe Bildungsniveau von Akademiker_innen mit afrikanischen Wurzeln besser zu nutzen. Im Zeitalter der Digitalisierung ist ein Transfer von Know-how leichter geworden. Die Studie “The Diaspora and Economic Development in Africa“ (Gnimassoun/Anyanwu, 2019) hebt den positiven Einfluss höherer Bildung auf das Engagement von Migrant_innen in ihren Herkunftsländern hervor, etwa durch eine intensivere Einbindung in wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Netzwerke (sogenannter Ex-Post-Effekt).

Die EU-Ratspräsidentschaft bietet Deutschland eine gute Möglichkeit, Strategien für einen strukturierten Dialog zu entwickeln, um die vielen Ressourcen der afrikanischen Diaspora für nachhaltige Entwicklung einzusetzen. Diaspora-Netzwerke erschließen nicht nur potenzielle Handels- und Kapitalströme und ermöglichen den Transfer von Know-how und Technologie. Sie können auch dazu beitragen, entwicklungsfördernde soziale und institutionelle Normen zu etablieren.

Nicht zuletzt verfügt die afrikanische Diaspora über die nötige kulturelle Sensibilität und kann somit als wichtige Schnittstelle zwischen Afrika und Europa agieren. Bei der Umsetzung von Projekten und der Etablierung von Strukturen sind solche Faktoren von großer Bedeutung.

Bei den Verhandlungen zwischen der Afrikanischen Union und der EU sollten daher Wege und Möglichkeiten geschaffen werden, um diese Kapazitäten einzubeziehen. Die Diaspora kann aufgrund der besonderen Erfahrungen in beiden „Welten“ neue Perspektiven in den Diskurs über Afrika einbringen und somit Brücken bauen für ein besseres Verständnis und eine größere politische Kohärenz zwischen Afrika, Deutschland und Europa.

Alhaji Allie Bangura ist Gründer und Vorstandsmitglied des Vereins ADAN e.V., einem Netzwerk für die afrikanische Diaspora und an Afrika interessierten Student_innen und jungen Berufstätigen mit über 190 Mitgliedern in sieben deutschen Städten. Ziel von ADAN e.V. ist es, durch verschiedene Formate und Projekte eine Plattform für Austausch zu schaffen, Vielfalt sichtbar zu machen und Afrika als Chancenkontinent zu präsentieren. In Sierra Leone geboren und in Deutschland aufgewachsen, beschäftigt er sich seit langem mit den Erfahrungen und Perspektiven der afrikanischen Diaspora, um die Darstellung von und die Narrative über Afrika in Europa positiv zu verändern.

hamburg.global - Netzwerk für weltweite Gerechtigkeit

Weblinks - 13. Juli 2020 - 17:36

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  • Das Netzwerk fördert Austausch und Kooperationen zwischen zivilgesellschaftlich Engagierten. Die Beteiligten unterstützten sich gegenseitig, tauschen vielfältige Perspektiven aus und entwickeln gemeinsame Positionen und Aktionen. - Karsten Weitzenegger

Tags: hamburg, nro, bildung, deutschland, globales_lernen

by: Karsten Weitzenegger

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