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Ökosysteme und fruchtbares Land müssen geschützt werden

E+Z - 30. Mai 2022 - 15:38
UN-Organisation warnt: Durch nicht nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten gehen jedes Jahr riesige Mengen an Nutzland verloren

Die kürzlich veröffentlichte Publikation des UN-Übereinkommens zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD – UN Convention to Combat Desertification) fordert ehrgeizige Verpflichtungen der Regierungen und internationale Finanzmittel. Die Autoren warnen, dass nicht nur die globale Ernährungssicherheit gefährdet ist, sondern dass Landprobleme auch die Klimakrise verschärfen. Handlungsbedarf bestehe besonders in Afrika südlich der Sahara. UNCCD ist eine Schwesterorganisation der UN-Klimarahmenkonvention und der UN-Konvention über die biologische Vielfalt. Alle drei wurden 1992 auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro verabschiedet.

Aufgrund nicht nachhaltiger wirtschaftlicher Aktivitäten könnten bis zur Jahrtausendwende 300 Millionen Hektar Nutzfläche verloren gehen, warnen die UNCCD-Experten. Sie gehen davon aus, dass jedes Jahr bis zu 30 Millionen Quadratkilometer verloren gehen. Das führt zu mehr Hunger, größerer Armut, mehr Ungleichheit und ressourcenbedingten Konflikten. Laut dem Bericht ermöglichen Land-Ressourcen (einschließlich Boden, Grundwasser und biologische Vielfalt) derzeit wirtschaftliche Aktivitäten im Wert von jährlich 44 Billionen Dollar. Das entspricht etwa der Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts.

Die Verschlechterung der Bodenqualität und die Klimakrise verstärken sich gegenseitig. Wüstenbildung und Dürre betreffen 3 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt, wobei Frauen, Kinder und Jugendliche am meisten leiden.

Zentrale Herausforderungen

Die zentralen Herausforderungen, so die Autoren, sind die Übernutzung und der Missbrauch von Land-Ressourcen. Falsche wirtschaftliche Anreize führen zu Investitionen, die Land und Natur zerstören, nicht nur in der Land- und Forstwirtschaft, sondern auch im Bergbau, in der Infrastrukturentwicklung und Urbanisierung. Regierungspolitik ist oft destruktiv, ebenso wie die Verbrauchernachfrage, wie das UN-Dokument betont.

Die landwirtschaftlichen Betriebe sind ein Teil des Problems, denn die Nahrungsmittelproduktion treibt häufig die Verschlechterung der Bodenqualität voran. Etwa 80 Prozent der weltweiten Entwaldung wird auf Landwirtschaft zurückgeführt. Sie verbraucht auch etwa 70 Prozent der Süßwasserressourcen und erzeugt 29 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Die Autoren weisen darauf hin, dass einige vermeintlich moderne Praktiken nicht nachhaltig sind, darunter großflächige, intensive Monokulturen oder industrielle Viehzucht.

Auch die Zerstörung von Wäldern führt zu erheblichen Treibhausgasemissionen. Dem Bericht zufolge sind zwischen 2000 und 2015 125 Millionen Hektar Wald und Grasland verloren gegangen. Bis zum Jahr 2050 dürften bei den derzeitigen Trends weitere 300 Millionen Hektar zu Brachland werden. Die Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion wären verheerend.

Verbesserungen sind möglich

Es muss aber nicht so weitergehen. Der UNCCD-Bericht spricht sich für eine Neugestaltung der heutigen Lebensmittelsysteme aus. Darin heißt es, dass mehr pflanzliche Ernährung, eine umweltfreundlichere Landwirtschaft und regenerativer Landbau dazu beitragen werden, fruchtbares Land wiederherzustellen und die Widerstandsfähigkeit der Menschen zu stärken (siehe Susanne Neubert auf www.dandc.eu).

Auch die Stadtplanung ist wichtig. Vielerorts greift die Bebauung in die natürliche Umwelt ein. Die UNCCD-Experten gehen davon aus, dass bis zur Jahrtausendwende 6,7 Milliarden Menschen in städtischen Gebieten leben werden – mehr als doppelt so viele wie heute. Eine unzureichende Stadtplanung kann die Bodenprobleme verschärfen. Es kann zu Überschwemmungen kommen, die Menschen gefährden und Bodenerosion verstärken. Verstädterung führt auch oft zur Übernutzung des Grundwassers. Die Autoren weisen darauf hin, dass städtische Begrünung und Reformen der Bodenordnung auch in Städten ein ökologisches Gleichgewicht wiederherstellen können.

In den Augen der UNCCD-Experten hat die Covid-19-Pandemie dazu beigetragen, dass die politischen Entscheidungsträger die Wiederherstellung von Land neu bewerten. Die Gesundheit von Mensch, Tier und Ökosystem sind so eng miteinander verknüpft, dass Experten von „One Health“ sprechen (siehe Sabine Balk auf www.dandc.eu). Covid-19 ist eine Zoonose, eine Krankheit, die von Fledermäusen auf Menschen übertragen wurde. Solche Ereignisse werden wahrscheinlicher, wenn die Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten. Das zeigt, dass die Wiederherstellung der Bodenqualität einen ganzheitlichen Nutzen hat, der über die Nahrungsmittelproduktion hin­ausgeht. Eine gesunde Umwelt kommt der Resilienz lokaler Gemeinschaften zugute.

Die Landbewirtschaftung muss außerdem sicherstellen, dass die Grundrechte der Menschen geachtet werden. Die Menschen nutzen das Land für ihren Lebensunterhalt, und ihre Lebensgrundlagen verdienen es, geschützt zu werden, argumentieren die Autoren. Indigene Völker sind besonders gefährdet (siehe zum Beispiel Anup Dutta auf www.dandc.eu). Andererseits haben sie und andere marginalisierte Gemeinschaften bewiesen, dass sie wichtige Partner für den Schutz und die Wiederherstellung von Land-Ressourcen sind (wie Carmen Josse auf www.dandc.eu im Jahr 2019 mit Blick auf die Regenwälder im Amazonasgebiet argumentierte).

Der Gender-Aspekt

Es gibt auch einen geschlechtsspezifischen Aspekt. In vielen Entwicklungsländern verrichten Frauen den Großteil der landwirtschaftlichen Arbeit. Sie sind von der Landdegradation besonders betroffen. Die UNCCD-Autoren dringen daher darauf, dass sie einbezogen werden.

Globale Zusammenarbeit ist der Weg nach vorn, so der Bericht. Die Ökosysteme müssen wiederhergestellt werden, damit die Menschheit eine gute Zukunft genießen kann. Es gibt zwar multilaterale Abkommen und Partnerschaften, aber die Autoren sehen eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Sie fordern, dass die Regierungen und andere Parteien ihrer Verantwortung gerecht werden, was auch die Bereitstellung von öffentlicher Entwicklungshilfe (ODA – official development assistance) einschließt.

Doch nicht alle guten Absichten führen zu guten Ergebnissen. Nach Ansicht der Autoren ist es falsch, sich nur auf schnell wachsende Pflanzen zu konzentrieren, um Wälder und andere Ökosysteme in Asien, Afrika und Lateinamerika zu regenerieren. Dieser Ansatz führt zu schlechteren Ökosystemen, die weniger in der Lage sind, Kohlenstoff zu speichern, das Grundwasser aufzufüllen und als Lebensraum für Wildtiere zu dienen.

Der Global Land Outlook ist der zweite seiner Art, der erste wurde 2017 veröffentlicht. Die aktuelle Ausgabe bewertet das globale Szenario, berücksichtigt aber auch verschiedene internationale Initiativen zur Verbesserung der Situation, wie zum Beispiel die UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen von 2021 bis 2030 oder die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Die Botschaft lautet, dass entschlossenes Handeln einen Unterschied machen kann.

Link
UN Convention to Combat Desertification, 2022: Global Land Outlook 2.
https://www.unccd.int/resources/global-land-outlook/glo2

Chimezie Anajama ist derzeit Praktikantin bei E+Z/D+C. Sie hat vor Kurzem ihren Masterabschluss in Entwicklungsmanagement an der Ruhr Universität Bochum gemacht.
vivienchime@gmail.com
Twitter: @mschimezie

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Ukraine: Russland wolle "Fakten schaffen"

SWP - 30. Mai 2022 - 13:37
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The EU and NATO have to counter Turkey’s accusations regarding Sweden and Finland

SWP - 30. Mai 2022 - 13:08

After Turkey received delegations from Sweden and Finland on Wednesday for talks on their NATO membership applications, Turkey continues to object to the admission of the two Nordic countries. It accuses both countries, but particularly Sweden, of harbouring terrorists on their lands and providing armaments to the People’s Defense Units (YPG), which Turkey considers as the Syrian branch of the Kurdistan Workers’ Party (PKK), and thus designates it as a terrorist organisation. Although the US and the EU consider the PKK a terror organisation, they regard the YPG as a separate organisation and do not include it on their terror lists.

Turkey’s ulterior motive in objecting to Swedish and Finnish accession to NATO is probably to get certain concessions from NATO countries regarding its defence industry, rather than preventing Sweden’s or Finland’s alleged support of terrorism. These concessions include US approval for the modernisation of Turkey’s F-16s and the lifting of all official and informal arms embargos imposed by NATO member countries. Negotiations are already ongoing behind closed doors. However, since Turkey has raised terrorism-related arguments publicly, these allegations also need to be addressed by European public officials.

Definition of terrorism in Turkey?

Accusations of terrorism is quite pervasive in Turkish political discourse. President Tayyip Erdoğan routinely claims that members of the opposition are in alliance with various terror organisations. Aside from politics, Turkey’s legal system contains an unacceptably vague and extremely broad definition of terrorism. Civil society activism, participating in political demonstrations or even writing a tweet can lead to terrorism complaints. Just between 2016 and 2020, 1.6 million people in Turkey were investigated after being accused of terrorism. In a country of 80 million people, this number alone testifies to the fact that terrorism is an ill-defined concept in the Turkish legal system and is routinely used to suppress political opposition and silence critics.

The European Union does not accept Turkey’s definition of terror and instead is demanding a clear approach to terrorism that would be in line with democratic principles. Until that point, not only Sweden but all European countries should continue to ignore Turkish demands for the extradition of “terrorists”.

How to define the YPG?

Turkey’s second objection – focussing on the YPG-PKK connection – constitutes a grey zone due to the ambiguous nature of the relationship between the YPG and the PKK. The YPG is clearly linked with the PKK in terms of ideology, and there is a certain level of exchange between the two organisations in terms of personnel and munitions. However, the YPG remains a separate organisation with its own command structure and priorities. Furthermore, the YPG has been very careful not to launch any attacks against Turkey.

In fact, Turkey’s own approach to the YPG during the early 2010s reflected this ambiguity, even though Turkey defined the YPG as a terrorist organisation. For instance, in 2013 and 2014, Turkey invited Salih Muslim, then head of the YPG’s political branch, to Ankara on several occasions for diplomatic negotiations. Even the idea of the YPG opening a branch in Ankara was discussed during these meetings. In 2015, Turkish Armed Forces (TAF) conducted a small-scale military operation in Northern Syria in which the YPG claimed to participate and support the TAF. Although Turkey rejected the claims of a joint operation, they admitted that Turkey informed the YPG ahead of the operation. As late as the summer of 2015, sources close to government circles claimed that Turkey was considering the YPG as a potential partner in Northern Syria. All these formal and informal communications and negotiations point to the fact that Turkey did not consider the YPG and the PKK to be on the same ground back then.

Turkey’s actions towards the YPG became harsher only after Erdoğan enacted a dramatic shift in his domestic politics following the June 2015 elections. Failing to secure Kurdish support for his long-cherished desire to switch to a presidential system, which would have concentrated all power in his hands, Erdoğan went from being a peacemaker with the Kurds to an aggressive Turkish nationalist. Only after this policy shift did Ankara start to target YPG forces in Syria and seriously object to Western support for the YPG.

Moreover, Western support for the YPG crystallised in 2014 during the war against the “Islamic State” (IS) and was partly the result of Turkey’s unwillingness to fight against the IS. In that context, the YPG appeared as the most capable and reliable ally for the US-led Western coalition. Thus, it was Turkey’s miscalculations and unstable policies that opened the way for the YPG’s dominance in northeastern Syria and the enduring YPG-US alliance.

Given this context, Europe should not accept Turkey’s categorical and unconditional description of the YPG as a terror organisation. First of all, relations between the PKK and the YPG are not definitively uniform. Second, unlike the PKK, the YPG does not constitute a direct security threat to Turkey, as it has refrained from targeting Turkish territory. Third, such a declaration would further complicate the solution to the Kurdish question, as it would deny legitimacy to the most strongly organised Kurdish group in Syria. However, the EU may negotiate with Turkey in order to develop well-defined parameters to better assess the PKK-YPG relationship and to determine whether, and at what point, these relations would suffice in describing the YPG as a terror organisation. Here, the EU can move closer to some of Turkey’s arguments, such as Turkey’s demand for the prevention of logistical connections and arms transfers between the YPG and the PKK.

All in all, Europe and NATO should be ready to address Turkey’s concerns while pushing Turkey to be clearer about its arguments and demands. Public displays and effective communication of this position remain important in order not to alienate the Turkish public.

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Wie soziale Sicherung in der Klimakrise hilft

E+Z - 30. Mai 2022 - 12:52
Soziale Sicherungssysteme können Benachteiligte gegen Klimarisiken absichern und Klimaschutz sozial gerechter machen

Für viele arme und benachteiligte Menschen weltweit ist die Klimakrise eine zweifache Bedrohung: Erstens sind sie besonders anfällig für Klimarisiken wie häufigere und intensivere Extremwetter­ereignisse. Zweitens können aber auch Maßnahmen zum Klimaschutz ihrerseits Nachteile und Ungerechtigkeiten mit sich bringen, unter denen diese Menschen besonders leiden. Beim Entschärfen beider Bedrohungen können soziale Sicherungssysteme eine zentrale Rolle spielen. Deshalb gilt es, sie flächendeckend zu etablieren.

Der Begriff „soziale Sicherung“ bezeichnet Maßnahmen wie Grundsicherung – etwa in Form von Geld, Sachleistungen, Schulspeisungen oder Beschäftigungsprogrammen – oder auch Sozialversicherungen. Sie zielen darauf ab, Menschen durch direkte Unterstützung aus der Armut zu befreien und in allen Lebensphasen vor Armut zu schützen.

Eine Kernaufgabe sozialer Sicherung ist es, die Widerstandsfähigkeit von Menschen gegen Schocks zu stärken stärken (siehe Markus Loewe auf www.dandc.eu). Dazu zählen sowohl individuelle Schocks wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit als auch kollektive Schocks, die viele Menschen gleichzeitig treffen, wie Dürren oder Fluten. Soziale Sicherungssysteme sollten nicht nur auf individuelle, sondern auch auf kollektive Schocks reagieren können. Dafür müssen sie sich an die jeweilige Situation anpassen (adaptieren) können. Man spricht deshalb von „adaptiver sozialer Sicherung“.

In Situationen kollektiver Schocks geht es darum, jene, die bereits Leistungen empfangen, temporär stärker zu unterstützen beziehungsweise die Unterstützung auf zusätzliche Gruppen auszuweiten. Anpassungsfähigen Systemen gelingt das schnell, flexibel und weitreichend. Idealerweise können sie Schocks sogar antizipieren und so die zusätzliche Unterstützung schon vorab gewähren. Das stärkt die Widerstandskraft vulnerabler Gruppen und kann verhindern, dass Schocks zu Krisen werden (zur Rolle von sozialer Sicherung bei Fluchtursachen siehe Maren Suchta-Platzmann und Amédé Schmitz auf www.dandc.eu).

Damit ein soziales System eine hohe Anpassungsfähigkeit erreicht, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Dazu zählen:

  • Daten- und Informationssysteme, um Risiken und gefährdete Personengruppen zu erfassen,
  • eine effektive und robuste Infrastruktur – etwa digitale Zahlungsmethoden –, um Menschen kostengünstig und verlässlich zu erreichen, und
  • finanzielle Reserven, um notwendige Gelder schnell bereitzustellen.

Ein Beispiel für adaptive soziale Sicherung ist das multilaterale „Sahel Adaptive Social Protection Program” (SASPP) der Weltbank, bei dem Deutschland der größte Geber ist. Es läuft in Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger, im Senegal und im Tschad. Ziel ist es, die Programme zur Grundsicherung dieser Länder weiterzuentwickeln zu umfassenden und anpassungsfähigen sozialen Sicherungssystemen. Der Fokus des SASPP liegt darin, Ernährungskrisen infolge von Dürren abzuwenden. Als anpassungsfähiges System konnte es aber auch auf die Pandemie reagieren, sodass bis September 2021 mehr als 4,6 Millionen Menschen in der Sahel-Region von zusätzlichen Geldtransfers profitierten.

Grundsicherung lässt sich zudem kombinieren mit Fördermaßnahmen, die es Menschen erlauben, sich an die Folgen der Klimaerwärmung anzupassen, etwa indem sie ihre wirtschaftlichen Aktivitäten diversifizieren. Solche Ansätze werden als „Economic Inclusion“ bezeichnet. Die Partnership for Economic Inclusion (PEI), ein von der Weltbank koordiniertes globales Netzwerk, fördert weltweit derartige Ansätze, beispielsweise im Niger im Kontext des SASPP.

Der Ausbau sozialer Sicherungssysteme entlastet auch die humanitäre Hilfe.  Beispielsweise schließen immer mehr Entwicklungsländer Versicherungen gegen Klimarisiken ab, die ihnen im Schadensfall Anspruch auf Finanzhilfen garantieren – etwa bei schweren Dürren. Bislang wird der Großteil dieser Hilfen über die Strukturen der humanitären Hilfe an Bedürftige ausgezahlt. Es gibt aber Bestrebungen, dass dies zunehmend über bestehende soziale Sicherungssysteme geschieht.

Lehren aus der Pandemie

Fast alle Länder haben seit Januar 2020 soziale Sicherungsmaßnahmen ergriffen, um die Folgen der Covid-19-Pandemie abzufedern (Weltbank 2020). Dadurch konnten viele Menschen vor dem Abrutschen in extreme Armut gerettet werden (UNDP 2021). Die Pandemie zeigte somit, dass adaptive soziale Sicherungssysteme das Potenzial haben, kollektive Schocks wirksam abzufedern.

Allerdings offenbarte sie aber auch große Unterschiede. Staaten mit bereits bestehenden, leistungsfähigen Sozialsystemen konnten auf diese Krise recht gut reagieren. Dort, wo die Not am größten ist, fehlen solche Systeme allerdings oft oder stecken noch in den Kinderschuhen. Weltweit haben 53 Prozent der Menschen keinerlei Zugang zu sozialer Sicherung, in Afrika sind es sogar 83 Prozent. Auch bei der Reaktionsgeschwindigkeit und der Finanzierung gibt es noch viel Verbesserungspotenzial.

Gleiches gilt im Hinblick auf die Klimakrise. Insbesondere in Ländern mit hohen Klimarisiken besteht großer Handlungsbedarf beim Ausbau sozialer Sicherung, wie der Weltrisikobericht 2021 illustriert, der jährlich vom zivilgesellschaftlichen „Bündnis Entwicklung Hilft“ herausgegeben wird, einem Zusammenschluss mehrerer Hilfswerke (siehe Monika Hellstern auf www.dandc.eu).

Soziale Sicherungssysteme aufzubauen ist eine langfristige Aufgabe. Sie zahlt sich aber aus, wie das Beispiel Kambodscha zeigt. Deutsche Organisationen, darunter die GIZ, arbeiten dort seit mehr als zehn Jahren mit der Regierung an der Identifizierung armer Haushalte und am Armutsregister IDPoor. Während der Pandemie konnten im Mai 2020 binnen zehn Tagen 50 000 Menschen zusätzlich in das System aufgenommen werden. IDPoor ermöglichte bislang die schnelle Auszahlung von Geldsendungen an mehr als 2 Millionen Menschen.

Sozial gerechter Klimaschutz

Die Klimakrise erfordert, dass wir unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung transformieren – hin zur Klimaneutralität. Eines der Grundprinzipien der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs – Sustainable Development Goals) ist, dass auf diesem Weg niemand zurückgelassen wird („Leave No One Behind“). Gleichwohl können Klimaschutzmaßnahmen mit sozialen Härten einhergehen. Beispielsweise gehen Arbeitsplätze in fossilen Industrien verloren und Preise können steigen.

Das bedroht nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Maßnahmen selbst, weil es sie politisch schwerer durchsetzbar macht. Treffen sie breite Teile der Bevölkerung, können sie ohne sozialen Ausgleich an Protesten scheitern. Adaptive soziale Sicherungssysteme können hier stabilisierend wirken, indem sie soziale Härten gezielt abfedern. So helfen sie, die ökologische Transformation sozial gerecht zu gestalten, und ermöglichen sie politisch. Bislang gibt es allerdings kaum Beispiele für eine solche gezielte Verschränkung von Klimaschutz und sozialer Sicherung. Meist beschränkt sich die Abfederung auf direkte Jobverluste, etwa im Zusammenhang mit dem Kohleausstieg.

In einem anderen Kontext werden Instrumente der sozialen Sicherung dagegen bereits genutzt, um Klimaschutzziele zu verfolgen: Sogenannte Payments for Ecosystem Services (Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen) knüpfen Geldzahlungen an die Bedingung, dass bestimmte Schutzmaßnahmen ergriffen oder auch klimaschädliche Handlungen unterlassen werden, etwa exzessive Abholzung. Auch immer mehr öffentliche Beschäftigungsprogramme fokussieren sich auf „grüne“ Arbeitsmaßnahmen. Zwei bekannte Beispiele sind Indiens MGNREGA-Programm und Äthiopiens Productive-Safety-Net-Programme.

Spätestens seit den Erfahrungen der Pandemie ist klar, wie wichtig anpassungsfähige soziale Sicherungssysteme sind, um auf kollektive Schocks reagieren und Folgeschäden minimieren zu können. Angesichts steigender Klimarisiken wird ihre Bedeutung weiter zunehmen. Daher ist es jetzt nötig, sektorübergreifend auf allen Ebenen zusammenzuarbeiten, um bestehende Sicherungssysteme zu stärken und Lücken in der Abdeckung zu schließen. Dafür braucht es insbesondere konzertierte Anstrengungen an den Verbindungsstellen zwischen sozialer Sicherung, humanitärer Hilfe, Klimawandelanpassung, Klimarisikofinanzierung und Katastrophenrisikomanagement.

Quellen

 

Weltbank, 2020: Social protection and jobs responses to Covid-19: a real-time review of country measures. Washington, DC.
https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/33635

UNDP, 2021: Mitigating poverty: global estimates of the impact of income support during the pandemic.
https://www.undp.org/library/dfs-mitigating-poverty-global-estimates-impact-income-support-during-pandemic#modal-publication-download

Bündnis Entwicklung Hilft, 2021: WeltRisikoBericht 2021.
https://weltrisikobericht.de/download/2514/

Stefan Beierl arbeitet als Berater für soziale Sicherung für die GIZ.
stefan.beierl@giz.de

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Leadership and partnerships for the European Green Deal: EU relations with (re)emerging economies

DIE - 30. Mai 2022 - 12:29

The European Green Deal (EGD) has been described as a transformation strategy for the European continent, but its success also depends on cooperation at global level. Therefore, the EU intends to engage other actors and show international leadership on the climate agenda and the energy transition. This paper analyses the external dimension of the EGD, with a focus on global partnerships and EU leadership. Specifically, it examines EU relations with (re)emerging economies, in particular China, India, Indonesia, Mexico, Russia, and South Africa. Based on information acquired through cooperation with local research institutions, the paper examines prospects for partnership between the EU and these countries in the implementation of the EGD goals. We argue that great potential exists for green cooperation between the EU and re(emerging) economies. However, diplomatic conflict may occur if the EU attempts to shift the costs of the energy transition on partner countries.

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Katastrophenvorsorge im Gangesdelta verbessern

E+Z - 30. Mai 2022 - 10:58
Bangladesch hat enorme Fortschritte bei der Klimaresilienz gemacht

Wegen seiner geografischen Lage und der hohen Bevölkerungsdichte ist das ganze Land ein Klima-Hotspot. Es kommt oft zu Hitzewellen, unregelmäßigen Regenfällen, Überschwemmungen, Dürren, Wirbelstürmen, Erosion der Flussufer und – durch den steigenden Meeresspiegel – zur Versalzung des Grundwassers. Besonders gefährdet sind Menschen, die nahe an Flussufern oder dem Indischen Ozean leben.

Das Land muss langsam und schnell eintretende Krisen bewältigen. Der Klimawandel beeinträchtigt Verfügbarkeit von Wasser, Lebensmittelsicherheit, Ernährung, Gesundheit sowie Existenzgrundlagen. Flächenverlust und Missernten treiben die Menschen oft unter die Armutsgrenze. Folgen sind Vertreibung und soziale Krisen.

Enorme Fortschritte

Glücklicherweise gibt es echte Fortschritte. Die Zahl der Toten durch große Wirbelstürme ist massiv gesunken. 2020 forderte Zyklon Amphan 26 Menschenleben – 1991 starben durch den Sturm Gorki, der die gleiche Stärke hatte, fast 140 000 Menschen. Zwanzig Jahre zuvor kostete Bhola sogar mehr als 500 000 Menschen das Leben.

Wie diese Zahlen zeigen, waren die Maßnahmen von Regierungsbehörden und Zivilgesellschaft erfolgreich. Heute verfügt Bangladesch über ein effektives Frühwarnsystem, das unter anderem über Mobilfunk funktioniert.

Vor einer drohenden Katastrophe werden Textnachrichten an alle Handys im betroffenen Gebiet gesendet. Freiwillige wurden darin geschult, Evakuierungsmaßnahmen zu leiten und dabei besonders auf Bedürftige zu achten. An den Küsten gibt es ein weites Netz von Zyklonschutzbauten, viele davon dienen in normalen Zeiten anderen Zwecken, etwa als Grundschulen.

Zur Katastrophenvorsorge gehört auch, dass Schulkinder lernen, was bei einem Wirbelsturm zu tun ist. Das gehört inzwischen zum landesweiten Lehrplan. Im Notfall können die Schutzräume ganze Dörfer aufnehmen. Tatsächlich fliehen die meisten Menschen bei einer Katastrophe dorthin – einige, die das nicht tun, kommen ums Leben.

Zivilgesellschaftliche Organisationen

Die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen kann nicht genug betont werden. In Bangladesch bemüht sich ein weites Netzwerk dieser Organisationen darum, das Bewusstsein für den Klimawandel und seine Folgen zu schärfen, Wissen unter lokalen Gemeinschaften zu verbreiten und Kapazitäten zur Bewältigung sozioökonomischer Gefahren aufzubauen.

Ein Beispiel ist die Rothalbmond-Gesellschaft von Bangladesch. Diese errichtete 1972 nach der tödlichen Verwüstung durch Bhola (1970) und dem Unabhängigkeitskrieg (1971) ihr Zyklonvorbereitungsprogramm. Heute dienen 70 000 Freiwillige den Gemeinden an der Basis.

Wirbelstürme schädigen nicht nur Menschen; noch schwerer zu verhindern sind die wirtschaftliche Schäden: Häuser werden zerstört, Felder unbrauchbar, Vieh stirbt. Viele Familien, die von kleinen Farmen oder der Fischerei abhängen, sind so arm, dass sie sich keine private Versicherung leisten können. Was sie verlieren – ein Boot, eine Kuh oder Werkzeuge – mögen nicht teuer sein, aber für die Betroffenen sind sie enorm wertvoll. Ihr Lebensunterhalt hängt davon ab.

Es gibt diverse Dinge, die Menschen nach Katastrophen wieder auf die Beine helfen – etwa verlässliche soziale Sicherheitsnetze und eine starke extremwetter-resistente Infrastruktur. Auch wirtschaftliche Hilfen sind wichtig. Naturbasierte Lösungen sind am effektivsten, denn sie sind relativ günstig und stärken die Resilienz des lokalen Ökosystems. Wiederaufforstung von Mangrovenwäldern an der Küste mindert die Folgen von Wirbelstürmen, da die Bäume als erste Barriere dienen. Zudem sind Maßnahmen auf lokaler Ebene besser, da sie meist effizient und wirksam sind (zu naturbasierten und lokal verwalteten Lösungen siehe auch David Mfitumukiza auf www.dandc.eu).

In den vergangenen Jahrzehnten hat Bangladesch eine Reihe von Plänen zur Bewältigung des Klimawandels verabschiedet. Zu den wichtigsten gehören:

  • das Nationale Aktionsprogramm zur Anpassung an den Klimawandel von 2005 (NAPA) (2009 aktualisiert),
  • der Strategie- und Aktionsplan zum Klimawandel in Bangladesch (BCCSAP) von 2009,
  • die Geschäftsordnung zu Katastrophen (SOD) von 2010 (2019 aktualisiert),
  • der Aktionsplan Klimawandel und Gender (ccGAP) von 2013,
  • die Nationale Katastrophenschutz­politik von 2015,
  • der Nationale Katastrophenmanagementplan für die Jahre 2021 bis 2025,
  • der Achte Fünfjahresplan 2021–2025,
  • der Bangladesch Delta-Plan 2100 von 2018,
  • der Mujib-Klima-Wohlstandsplan (MCPP) von 2021.

Im Zusammenhang mit der UN-­Klimarahmenkonvention hat die Regierung Bangladeschs einen nationalen Anpassungsplan ausgearbeitet und die national festgelegten Beiträge zu den multilateralen Klimaschutzmaßnahmen dargelegt.

Ganzheitliche Vision

Die Politik hat sich von der anfänglichen Identifizierung und Bewältigung akuter Probleme immer mehr zu ganzheitlichen Ansätzen hin entwickelt, die die Resilienz von Individuen, lokalen Gemeinschaften und letztlich der gesamten Gesellschaft stärken. Die Vision: Armut beseitigen und sozioökonomischen Wohlstand erreichen. Die Regierung hat einen armuts- und geschlechtsspezifisch ausgerichteten Ansatz von Klimaresilienz. Sie aktualisiert ihre Politik angesichts neuer Erkenntnisse und Einsichten stetig.

Bisher sind zwei Ministerien zentral: das Ministerium für Umwelt, Forst und Klimawandel und das Ministerium für Kata­strophenmanagement und Katastrophenhilfe. Von den anderen Ministerien wird jedoch erwartet, ihre Programme im Einklang mit der übergeordneten Politik zu gestalten. Natürlich sind auch die subnationalen Regierungsinstitutionen – inklusive Bezirksverwaltungen und Gemeindebehörden – relevant. Alle Ministerien sollen zudem ihre eigenen detaillierten Arbeitspläne im Einklang mit den SOD-Leitlinien erstellen. Zudem gibt es Katastrophenschutzausschüsse (DMC) auf allen subnationalen Ebenen.

Bei der Umsetzung hat sich Bangladesch weitgehend auf eigene finanzielle Mittel verlassen. Die nationale Regierung nutzt den 2010 eingerichteten Bangladesh Climate Change Trust Fund (BCCTF) zur Verteilung von Finanzmitteln. Bisher hat der BCCTF umgerechnet rund 450 Millionen Dollar ausgezahlt.

Die meisten diesbezüglichen Projekte konzentrierten sich auf Themen wie Wasserinfrastruktur, Ernährungssicherheit und Katastrophenvorsorge. Neben Mehrzweck­unterkünften sind auch andere bauliche Infrastrukturen hilfreich, wie etwa Entwässerungs- und Bewässerungskanäle. Auch Flussregulierung und hydraulische Systeme sind wichtig, starke Dämme schützen Menschen und Felder vor Überschwemmungen. Auch Anpassung der Landwirtschaft, Aufforstung und Wiederbewaldung mindern das Katastrophenrisiko.

Internationale Förderung

Das Land hat in den letzten Jahrzehnten auch finanzielle Unterstützung aus dem Ausland erhalten. Öffentliche Entwicklungshilfe (ODA – official development assistance) und verschiedene Formen von Klimafinanzierung haben Bangladesch geholfen, seine Schwachstellen in Resilienz umzuwandeln. Leider haben Länder mit hohem Einkommen nicht alle Zusagen zur Klimafinanzierung eingehalten (siehe Saleemul Huq auf www.dandc.eu).

Bangladesch ist auf dem Weg zur Resi­lienz weit gekommen, aber es gibt Verbesserungsmöglichkeiten. Der jüngste Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPCC) (see Roli Mahajan on www.dandc.eu) benennt als Problem für Bangladesch, dass die Wirbelstürme künftig häufiger und stärker werden.

Dem IPCC zufolge sind auch Fehlanpassungen an eine veränderte Umwelt bedenklich. Ein Beispiel ist die Garnelenzucht in Bangladesch. Die Umwandlung landwirtschaftlicher Flächen in Aquakulturteiche brachte kurzfristig Vorteile, doch die Langzeitfolgen wiegen schwerer. Das Geschäft gilt nun als nicht nachhaltig. Künftige Entwicklungspläne müssen besser auf umweltfreundlichen und breit angelegten Wohlstand ausgerichtet sein.

Link
Government of Bangladesh, 2021: Mujib Climate Prosperity Plan – Decade 2030
https://mujibplan.com/wp-content/uploads/2021/12/Mujib-Climate-Prosperity-Plan_ao-21Dec2021_small.pdf

Md Bodrud-Doza arbeitet für das Internationale Zentrum für Klimawandel und Entwicklung (ICCCAD) an der Independent University in Bangladesch (IUB).
bodruddoza.env12@gmail.com

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Welche Bedeutung haben die „Grenzen des Wachstums“ heute?

DIE - 30. Mai 2022 - 10:13

Bonn, 30.05.2022. Vor fünfzig Jahren schreckte ein 200 Seiten starkes Werk die Weltöffentlichkeit auf: „Limits to Growth – Grenzen des Wachstums“ rückte ins Bewusstsein, dass stetige Wachstumsprozesse auf einem endlichen Planeten an Grenzen stoßen können oder sogar müssen. Den Bericht hatte der Club of Rome in Auftrag gegeben. Dieser wurde 1968 ins Leben gerufen und ist ein informeller Zusammenschluss von hochrangigen Personen aus Politik, Diplomatie, Wissenschaft und Wirtschaft. Die Mission des Club of Rome ist es, drängende Menschheitsfragen nicht länger in disziplinären Silos, sondern als komplexe interdependente Themen zu betrachten. Diese sollen in umfassenden und langfristig angelegten Forschungen bearbeitet und daraus Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Die Geschichte von „Limits to Growth“ hat gezeigt, dass so gestaltete Forschungen tatsächlich weltweite politische Debatten anstoßen und dauerhaft verankern können.

Lohnt sich die Lektüre von „Grenzen des Wachstums“ auch nach fünfzig Jahren noch und welche Lehren können gezogen werden?

Der Bericht wirft einen Blick in die Zukunft, basierend auf fünf Megatrends der ausgehenden sechziger und beginnenden siebziger Jahre: Bevölkerungswachstum, Industrialisierung, Unterernährung, Verbrauch nicht-erneuerbarer Rohstoffe und Umweltverschmutzung. Erstmals in der Geschichte der Erdsystemforschung wurden Computer eingesetzt, um die Entwicklung komplexer Systeme im Zeitverlauf zu modellieren. Unter verschiedenen Annahmen wird untersucht, wie sich die genannten Megatrends jeweils für sich und im Zusammenspiel untereinander entwickeln werden. Eine zentrale Botschaft ist, dass einige der Beobachtungsgrößen, konkret die Bevölkerung und die industrielle Produktion nicht linear, sondern exponentiell wachsen. Wenn andere Systemelemente, beispielsweise die Nahrungsmittelproduktion, nur linear gesteigert werden können, müssen massive Probleme zwingend auftreten. Die Autor*innen äußern die Befürchtung, dass Fortschritte z.B. bei der Reduktion der Umweltverschmutzung je Produktionseinheit durch einen exponentiellen Anstieg der Produktion überkompensiert werden. Ohne den Übergang von eine Wachstums- zu einem Gleichgewichtsmodell, so die Schlussfolgerung, ist ein schneller Systemzusammenbruch in naher Zukunft zwingend.

Der Bericht wurde über die Jahrzehnte hinweg intensiv und vielfältig rezipiert. Die Berechnungen und die ihnen zugrundeliegenden Annahmen werden rückwirkend teilweise als übermäßig vereinfachend und zu pessimistisch beurteilt. So konnte die Belastung städtischer Luft mit Schwefeldioxid nach 1972 deutlich schneller verringert werden als im Bericht als bestmögliches Szenario beschrieben. Die Lebensmittelerzeugung wurde dynamischer ausgeweitet als angenommen. Die Industrialisierung als dominante oder gar einzige Form des Wirtschaftswachstums zu interpretieren, ist in der Nachbetrachtung unzureichend: Seit 1970 hat der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Wertschöpfung deutlich zugunsten von Dienstleistungen abgenommen. 

Andere Studien zeigen aber, dass einzelne der Megatrends und ihr Zusammenspiel sich im Zeitverlauf durchaus bestätigt haben. Andere Bedrohungen kamen hinzu, die 1972 noch kaum beachtet wurden. Der Klimawandel beispielsweise findet in „Grenzen des Wachstums“ lediglich kursorische Erwähnung im Mittelteil des Berichts; ähnlich verhält es sich mit dem Verlust an Biodiversität und dem Artensterben.

Für die Nachhaltigkeitsdebatte gerade in Deutschland ist folgende Betrachtung „50 Jahre danach“ von großer Bedeutung. Technologischer Fortschritt kann, stärker als 1972 prognostiziert, Wachstumsprozesse auf der einen von Umweltzerstörung und der Erschöpfung natürlicher Ressourcen und Senken auf der anderen Seite abkoppeln. Oft bedeutet dies keine absolute Entkoppelung, d.h. Ressourcen werden weiter verknappt und Senken belastet, nur geschieht dies deutlich langsamer als 1972 vermutet. Dies verschafft der Menschheit Zeit, um neue Modelle für die nachhaltige Entwicklung zu entwickeln und umzusetzen.

Leider wird in Deutschland der Technologiediskurs oft mehr von der Furcht vor Risiken als von Optimismus bezüglich neuer Chancen geprägt. Dies betrifft weite Teile von Politik und Zivilgesellschaft. Aber auch die wissenschaftliche Technikfolgenabschätzung steht in der Tradition, vor allem mögliche nicht-intendierte negative Folgen von neuen Technologien in den Blick zu nehmen. Diese von dem Philosophen Hans Jonas als „Heuristik der Furcht“ gekennzeichnete Haltung kann Innovationen ausbremsen, was sich am Beispiel von Carbon Capture and Storage (CCS) ebenso zeigen lässt wie bei neuen Pflanzenzuchtmethoden wie CRISPR-CAS. Wir plädieren nicht für Blindheit gegenüber möglichen Risiken neuer Technologien. Angesichts rasch erodierender planetarer Grenzen sollte eine angemessene Bewertung von Innovationen aber in eine ergebnisoffene Einschätzung von Chancen und Risiken eingebettet werden. Nur so können Politik und Gesellschaft wichtige Leitplanken für die technologische Entwicklung setzen, ohne sie unnötig und ethisch nicht vertretbar zu verlangsamen.

Andreas Stamm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

Jakob Rhyner ist Wissenschaftlicher Direktor der Bonner Allianz für Nachhaltigkeitsforschung / Innovations-Campus Bonn (ICB).

Hartmut Ihne ist Präsident der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

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The Legitimacy of Sustainability Initiatives in Tanzania 

EADI Debating Development Research - 30. Mai 2022 - 9:33
By Rasul Ahmed Minja One of the chief concerns of new sustainability initiatives for managing natural resources and involving public and private actors is to build and retain legitimacy among different audiences and stakeholders, legitimacy understood as the ‘process where partnerships gain recognition and become accepted as a relevant alternative or supplement to government policy …
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Aus der Katastrophe im Ahrtal lernen

E+Z - 30. Mai 2022 - 9:32
Die Flut im Juli 2021 hätte weniger schlimm ausfallen können, wenn die Verantwortlichen aus der Vergangenheit und von anderen Ländern gelernt hätten

Am 14. und 15. Juli 2021 kam es aufgrund extremer Regenfälle in Teilen Westeuropas zu katastrophalen Überschwemmungen. In Deutschland starben mehr als 180 Menschen, über 800 Menschen wurden teils schwer verletzt. Die materiellen Schäden liegen im zweistelligen Milliardenbereich. Besonders stark traf es Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Allein an der Ahr, einem Nebenfluss des Rheins, starben 134 Menschen. Im Ahrtal wurden die schlimmen Auswirkungen dieser Naturkatastrophe leider begünstigt durch eine weitere Katastrophe: die Unfähigkeit zu lernen.

Lernen können hätte man, erstens, von der allgemeinen Geschichte: Flüsse spielen im Kontext von Besiedelung seit jeher eine zentrale Rolle. Allerdings haben Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und sektorale Arbeitsteilung die Fließgewässer auf einseitige Nutzungsinteressen reduziert. Dies gilt für viele Regionen der Welt, auch in Deutschland. Immer schärfere Interessenskonflikte führten dazu, dass Flüsse begradigt und kanalisiert wurden, Böden versiegelt und der unmittelbare Risikobereich bebaut. Insbesondere fielen Retentionsräume weg, also Flächen neben den Flüssen, auf denen sich Wasser bei Überflutung ausbreiten kann. All das steigert das Potenzial für schwere gesundheitliche und materielle Schäden bei Überschwemmungen.

Deutschlands Erfahrung mit Hochwässern

Zweitens hätten die Verantwortlichen Lehren aus der jüngeren deutschen Geschichte ziehen können. Deutschland hat durchaus Erfahrung mit Hochwässern, etwa an Rhein, Maas, Elbe, Donau oder Neckar. Hierzu hat insbesondere das Deutsche Komitee für Katastrophenvorsorge (DKKV), eine nationale Plattform aus Behörden, Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, wichtige Beiträge erarbeitet. Aus verschiedenen Bundesländern liegen Erfahrungsberichte vor. Als beispielhaft kann das Hochwasser- und Talsperrenmanagement angesehen werden, das Sachsen seit der Flutkatastrophe an der Elbe 2002 entwickelt hat.

Ein weiteres Beispiel ist die Studie „Stromlagen“. Sie entwarf bereits 2008 verschiedene Szenarien, um Lösungen für unterschiedliche Nutzungsinteressen des Rheins zu entwickeln, darunter Arbeiten, Wohnen, Verkehr, Freizeit, Ökologie und Hochwasserschutz. Dazu gehören unter anderem Risikokartierungen mit Simulationen von Überschwemmungen und ein einheitliches Wassermanagement über zusammengehörige Einzugsgebiete hinweg. Es mangelt also nicht an Informationen – man muss sie allerdings zur Kenntnis nehmen und entsprechend handeln. Eine der wichtigsten Lehren aus der Vergangenheit besteht darin, dass Flüsse nur ein Element von vielen im „System Wasser“ sind. Sie sind zu verstehen als Bestandteile verzweigter Wassereinzugsgebiete und als dynamische Systeme, von der Quelle bis zur Mündung.

Blick auf andere Länder

Drittens lohnt sich für Deutschland ein Blick auf das, was andere Länder im Katastrophenschutz leisten. Grundsätzlich gilt: Je wohlhabender Gesellschaften sind, desto größer sind die Sachschäden. Je geringer das Einkommen einer Gesellschaft, desto mehr Menschen verlieren ihr Leben oder ihre Gesundheit. Dies trifft selbst auf Länder wie Bangladesch und China zu, die seit Jahrzehnten große Anstrengungen unternehmen, um Wasser durch gezielte Maßnahmen zu regulieren – innergesellschaftlich wie auch multilateral. Beide Länder haben große Fortschritte im Hochwasserschutz erzielt, etwa durch Systeme von Deichen und Schleusen, Kanäle, Ausdehnungsräume, angepasste Bauweisen sowie ein wirksames Informations-, Warn- und Evakuierungssystem (für Bangladesch siehe Saleemul Huq auf www.dandc.eu). Davon ließe sich auch in Deutschland lernen.

Auf der Suche nach Verbesserungspotenzial kann insbesondere auch Japan als Beispiel dienen. Das Land verfügt über eine landesweite, elektronisch verfügbare Risikokartierung mit der Möglichkeit, spezifische Gefährdungen zu simulieren, darunter Flutverläufe, Hangrutschungen, Erdbeben oder Tsunamis. Japan betreibt zudem ein einheitliches, flächendeckendes Informations- und Warnsystem. Die Bevölkerung wird bereits im Kindergarten zu Gefährdungen – vor allem Erdbeben – geschult und trainiert bis ins hohe Alter durch regelmäßige Übungen auf Nachbarschafts­ebene. Flucht- und Evakuierungsrouten sind ausgewiesen, Sammelstellen mit Verpflegung und medizinischer Hilfe werden vorgehalten. In allen Kommunen gibt es Krisenzentren, deren Personal regelmäßig geschult und geprüft wird. All das ist auch für die Gefährdungslagen Deutschlands wünschenswert.

Im Ahrtal hätte man schließlich, viertens, auch aus der besonderen Geschichte der Region lernen können. Für die Ahr finden sich neben den regelmäßigen jahreszeitlichen Hochwässern in historischen Quellen 64 überdurchschnittliche Pegel, davon besonders schwere Sommerhochwässer in den Jahren 1601, 1804 und 1910. Es war bekannt, dass das Zusammenwirken von Gewittern, Niederschlägen und dem starken Gefälle der Ahr sowohl extreme Scheitelwellen bewirkt als auch hohe Fließgeschwindigkeiten. Erstere haben große Zerstörungskraft, Letztere reduzieren die Zeit, um die Bevölkerung zu warnen und zu reagieren.

Mängel und Versäumnisse

Von all diesen Erkenntnissen war im Ahrtal leider nichts zu sehen. Obgleich zutreffende Warndaten vorlagen, wurden sie ineffektiv übermittelt und kamen bei der Bevölkerung nicht an. Die Krisen- und Katastrophenstäbe der Kommunen wurden viel zu spät alarmiert und einberufen. Die handwerklichen Mängel, von der Erkundung der Lage bis zu ihrer Darstellung, waren vielerorts erheblich. Die Erkenntnisse der Einsatzkräfte versickerten. Auch eine überörtliche Einsatzkoordination ließ extrem lange auf sich warten, mit der Folge, dass die nötige Zusammenarbeit über Organisationen hinweg ausblieb. Vielerorts übernahmen stattdessen unorganisierte Spontanhelfer alle Aufgaben, die eigentlich vom regulären Katastrophenschutz zu erwarten sind.

Angesichts der Vielzahl erheblicher Mängel und Versäumnisse stellt sich die Frage, ob die Verluste an Leben, Gesundheit und Sachwerten vermeidbar gewesen wären. Ganz sicher hätte bei einem effektiven und rechtzeitig agierenden Warnwesen niemand umkommen müssen. Durch einen präventiven und organisierten Katastrophenschutz hätten Ausfälle und Folgeschäden deutlich verringert werden können.

Allgemein fehlt es dem deutschen Katastrophenschutz an realistischem Üben, kompetenter Führung und vor allem eingespielter Kooperation über die Egoismen einzelner Organisationen hinweg. Die Schäden an Infrastruktur und Bebauung im Ahrtal haben dagegen strukturelle Ursachen. Sie sind nur mit grundlegenden Veränderungen zu beseitigen, durch die sich auch der typische Charakter dieser Weinanbauregion veränderte, teils sogar verlöre. Dies gilt es abzuwägen.

Wiederaufbau in Gefahrenzone

Auch andere Abwägungen stehen an – etwa in der Frage, wo in Zukunft noch gebaut werden darf. Im gesamten Ahrtal stehen für Retentionsräume wie auch für ausweichende Bebauungen keine Flächen zur Verfügung. Beinahe zwangsläufig wird deshalb an den alten, gefährdeten Orten wieder aufgebaut, mit politischer Duldung und finanzieller Hilfe von Staat, Versicherern und Spendern. Ausnahmeregelungen ermöglichen ein „wie vorher“ und legen damit buchstäblich den Grundstein für die nächste Katastrophe. Die Versicherer verstärken dies, indem sie oft die Wiedererstellung des Bisherigen bevorzugen gegenüber Erneuerungen, durch die sich die gleichen Schäden vermeiden ließen.

Ganz offensichtlich gelingt es im Ahrtal also nicht, einen übergeordneten, vernunftbasierten Katastrophenschutz gegen die Beharrungskräfte des Naheliegenden durchzusetzen. Bezeichnend dafür sind auch die Reaktionen der Verantwortlichen: Sie üben sich in Schönfärberei und spielen das „blame game“, beschuldigen sich also gegenseitig. Vorgeblich hätte man mit dieser Niederschlagsmenge und dieser Geschwindigkeit nicht rechnen können und prinzipiell sei man „gut aufgestellt“, vor allem habe man getan, was man konnte. In der Katastrophenforschung sind diese Muster bekannt. Allzu oft sind die anderen oder unbeeinflussbare Umstände schuld, wohingegen man selbst alles richtig gemacht habe.

Die Verantwortlichen müssen ihre Einstellung ändern und sich offen und ehrlich mit den Konsequenzen dieser Katastrophe auseinandersetzen, um künftiges Leid zu vermeiden. Schaden macht nur dann klug, wenn man auch klüger werden will.

Quellen

Deutsches Komitee Katastrophenvorsorge:
https://www.dkkv.org

Montag Stiftung Urbane Räume (Hg.), 2008: Stromlagen. Urbane Flusslandschaften gestalten. Bonn, Basel, Boston, Berlin, Birkhäuser Verlag.

Wolf R. Dombrowsky ist Professor für Katastrophenmanagement an der Steinbeis-Hochschule in Berlin. Er berät Organisationen, Behörden, Ministerien, Polizei und Bundeswehr zum Umgang mit Katastrophen.
wdombro@gmail.com

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E+Z/D+C 2022/07 – now – Raphael Mweninguwe – Malawi – child marriages

E+Z - 30. Mai 2022 - 9:19
Local leaders in Malawi launched a campaign to end child marriages

Chief Chikwewu in Machinga district of southern Malawi says that on average he and his fellow chiefs dissolve 15 marriages a month. These are marriages of children aged between 14 and 16. “We want these children to go back to school. Getting into marriage at an early age is not just a joke but unacceptable,” says Chikwewu.

The local leaders have amplified their campaign to investigate and dissolve child marriages. Together with government and civil-society organisations, they are sending the victims back to school. Chief Kachindamoto of Dedza district in central Malawi, estimates that she has dissolved over 2000 marriages in the past five years.

Without financial support, ending child marriages is futile. Chief Chikwewu points out that “three quarters of these children whose marriages have been dismantled are still living in the villages doing nothing because they have no financial support either to continue with school or engage themselves into small scale businesses.”

Bridget Kapito, an 18-year-old school drop-out spoke about her experience with early marriage. She was raised by poor parents who could not afford to take her through school. In her second year attending Dzukani Secondary School, she dropped out. “I went into marriage when I was 16 years. My husband was 18. I was in marriage for 9 months and our marriage ended after noticing that my husband was not even supporting me. I decided to go back to my parents,” she says. Luckily, she left the marriage before having a child.

Besides economic situation of many rural poor, Bridget also blames traditional cultural initiation ceremonies for child marriages. Certain cultures in Malawi initiate children aged between 6 and 15 years “into adulthood” through certain rituals. It is believed that after one or two months, such children then fully become adults.

“When children go for these initiations, they learn many things about sex and how to care for a man on the part of a girl. And for boys, how to care for a girl. When they come out of these ceremonies, they think they are old enough to get married and that is why they abandon school and get married early,” she says.

Ending child marriage globally is a moral imperative and critical to achieving the goals of the UN 2030 Agenda for Sustainable Development. For this reason, UNICEF and other UN agencies are implementing the Spotlight Initiative, a € 500 million global initiative that provides scholarships to girls and is designed to protect them from gender-based violence, including harmful social norms. In Malawi, the multi-year initiative, is funded by the European Union and aims to have a significant impact on the lives of women and girls in six districts across the country.

Raphael Mweninguwe is a freelance journalist based in Malawi
raphael.mweninguwe@hotmail.com

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An eye-level partnership

DIE - 30. Mai 2022 - 8:14

With their varied interests and needs, are European and African countries likely to build a stronger partnership? The Summit of the European Union and the African Union (EU-AU) at the end of February shows that cooperation between the two continents carries on. Yet, the need for a makeover of the partnership has been increasingly voiced. To ensure that the sustainability transition becomes an opportunity for enhanced cooperation rather than a barrier, the EU and African countries must discuss all implications of envisioned measures and plan for a sustainable future together. To that end, they need to ensure an eye-level partnership, with joint learning and knowledge creation, joint circular economy systems, and enhanced jobs and economic benefits on both sides. They must break out of old partnership patters to address each other’s challenges and support each other’s potential, while acknowledging intrinsic heterogeneity and varied needs as well as the implications of their long history together.

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Ermittlungsverfahren gegen VW wegen Sklavenarbeit

SID Blog - 30. Mai 2022 - 2:17
Der Volkswagen-Konzern muss sich in Brasilien einem neuen Ermittlungsverfahren stellen: Nach Informationen von NDR, SWR und Süddeutscher Zeitung werden der VW-Tochter in Brasilien die Ausbeutung von Sklavenarbeit, Menschenhandel und systematische Menschenrechtverletzungen in Hunderten von Fällen vorgeworfen. Die Vorwürfe beziehen sich auf den Zeitraum von 1974 bis 1986. In dieser Zeit baute der Autobauer die Farm „Companhia Vale do Rio Cristalino" am Rande des Amazonasbeckens auf. Die mutmaßlichen Verbrechen sollen auf dem Farmgelände an Leiharbeitern verübt worden sein, die für Rodungsarbeiten eingesetzt wurden – wohl mit Wissen des VW-Vorstands in Wolfsburg.

Die brasilianischen Ermittlungsbehörden haben Volkswagen Brasilien in einer amtlichen Zustellung vom 19. Mai 2022, die den drei Medien vorliegt, offiziell über das Verfahren in Kenntnis gesetzt und zu einer Anhörung am 14. Juni vor dem Arbeitsgericht in der Hauptstadt Brasilia vorgeladen. Auf Anfrage wollte sich das Unternehmen mit Verweis auf das mögliche juristische Verfahren in Brasilien nicht äußern, versicherte aber, dass man die Vorwürfe sehr ernst nehme.


Ermittlungsakten beschreiben Gewaltausbrüche


Den Reporterinnen und Reportern von NDR, SWR und SZ liegen mehr als 2000 Seiten mit Zeugenaussagen, Polizeiberichten sowie Fotos und Videos aus den Ermittlungen vor. Demnach sollen die Verbrechen von Arbeitsvermittlern verübt worden sein, die von der VW-Farmleitung mit den Rodungen beauftragt wurden, sowie ihren bewaffneten Aufpassern. Bei missglückten Fluchtversuchen sollen Leiharbeiter angeschossen, verprügelt und gefesselt worden sein, andere selbst schwerkrank mit vorgehaltener Waffe zur Arbeit gezwungen und erniedrigt worden sein.


Zeugen beschreiben, wie Arbeiter die Waffe der Aufpasser in den Mund hätten nehmen müssen, wie die Frau eines Arbeiters als Strafe für einen Fluchtversuch vergewaltigt worden sei und wie auch Minderjährige auf der Farm gegen ihren Willen festgehalten worden sein sollen. Eine Mutter gab zu Protokoll, wie ihr Sohn den Verletzungen durch die Gewaltausbrüche erlegen sei, andere Arbeiter sollen verschwunden sein. „Das war eine Form moderner Sklaverei", so der zuständige Staatsanwalt Rafael Garcia in Rio de Janeiro. Garcia spricht von unmenschlichen Arbeitsbedingungen, „in denen die Arbeiter Malaria bekamen, zum Teil starben, auf der Farm begraben wurden, ohne dass ihre Familien informiert wurden." In mehreren Fällen soll Kranken oder Verletzten die Behandlung verweigert worden sein. „VW hat diese Form von Versklavung offensichtlich nicht nur akzeptiert, sondern auch befördert – es war schlichtweg billige Arbeitskraft", so der Staatsanwalt.


Rinderzucht vom Autobauer


Volkswagen in Brasilien hatte bei Arbeitsvermittlern die Rodung von insgesamt 70.000 Hektar Wald in Auftrag gegeben. Die VW-Farm im brasilianischen Bundesstaat Pará sollte der Einstieg des Autobauers in das Fleischgeschäft sein – auf Einladung der brasilianischen Militärdiktatur, die Steuererleichterungen anbot.


Der ehemalige Manager der Farm, der Schweizer Friedrich Brügger, weist jede Schuld von sich. Die Verantwortung habe bei den Arbeitsvermittlern gelegen, die mit den Rodungsarbeiten beauftragt wurden. Wenn 1000 Leute auf einem Haufen seien, gehe es nicht immer ganz zart zu, „das liegt ja auf der Hand. Und vor allem mitten im Urwald". Systematische Gewalt und Sklaverei streitet Brügger jedoch ab, spricht stattdessen von möglichen Einzelfällen „im Rahmen" des damals Üblichen.Brügger spreche nicht für die Volkswagen AG, heißt es von dem Wolfsburger Konzern, seine Aussagen würden im Widerspruch zu den Werten von VW stehen.


Schuldknechtschaft als System


NDR, SWR und SZ hatten bereits 2017 Dutzende Protokolle von Aussagen ehemaliger Leiharbeiter und historische Polizeiberichte ausgewertet sowie mit ehemaligen Arbeitern und Verantwortlichen gesprochen. Demnach sollen Leiharbeiter aus entlegenen Dörfern mit falschen Versprechungen auf die Farm gelockt worden sein. Dort angekommen, sollen die Arbeitsvermittler entgegen den Absprachen nachträglich unter anderem den Transport zur Farm und Verpflegung berechnet haben. Nach Darstellung der Arbeiter sollten sie diese „Schulden" abarbeiten, seien deshalb auf der Farm festgehalten und zur Arbeit gezwungen worden sein. Die damals befragten ehemaligen Arbeiter sind nun Hauptzeugen in dem Ermittlungsverfahren.

NDR, 29. Mai 2022/ IB

Turkey’s Military Operations in Syria and Iraq

SWP - 30. Mai 2022 - 2:00

In the early hours of 18 April, Turkish Armed Forces (TAF) launched a military opera­tion inside Northern Iraq dubbed Claw-Lock. Simultaneously, Turkey intensified its military activities in Syria. Furthermore, on 23 May, President Tayyip Erdoğan an­nounced that Turkey will soon start a new military operation in Syria. These moves reflect Turkey’s new military strategy, based on area control, against the Kurdistan Workers’ Party (PKK). So far, this new approach has yielded military success. How­ever, it is precisely military success that is reinforcing the tendency to deal with the Kurdish problem only in terms of security and military solutions and to rule out any long-term political solution to the problem. Europe should continue to support efforts towards seeking a solution that also addresses the political dimensions of the problem.

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Drastisch auseinanderklaffende Corona-Todeszahlen

E+Z - 27. Mai 2022 - 15:35
Indische Regierung und WHO streiten um Corona-Todeszahlen

Indien erlitt im vergangenen Jahr eine drastische zweite Corona-Welle. Viele Menschen starben, im Fernsehen waren ständig Feuerbestattungen zu sehen – und das Wehklagen verzweifelter Angehöriger (siehe Roli Mahajan auf www.dandc.eu). Todesursache war nicht allein das Virus, sondern maßgeblich auch, dass das indische Gesundheitswesen von der Vielzahl der Patienten überfordert war. Der Mangel an Sauerstoff und Klinikbetten betraf selbst Patienten aus wohlhabenden Familien.

Die Unzulänglichkeit der öffentlichen Gesundheitsdienste ist unbestritten, nicht aber die genaue Zahl der Menschen, die in Indien an Corona starben. Die WHO geht davon aus, dass die Pandemie 2021 erschütternde 4,7 Millionen Menschenleben kostete – etwa zehnmal mehr, als die indischen Behörden für die Zeit zwischen Januar und Dezember anerkennen.

„Übersterblichkeit” erfassen

Die offiziellen indischen Statistiken erfassen nur jene als Pandemieopfer, bei denen das Coronavirus explizit diagnostiziert wurde. Die WHO hingegen spricht von „Übersterblichkeit“. Dabei werden die Todesfälle eines Jahres mit denen der Vorjahre verglichen. Die Differenz zwischen den aktuellen Zahlen und dem langfristigen Trend wird dann der Pandemie zugeschrieben. Das ist sinnvoll, kann im Detail aber durchaus diskutiert werden.

Tatsächlich weichen die WHO-Schätzungen massiv von den Regierungsdaten vieler Länder ab. Den Berechnungen der WHO zufolge hat Covid-19 weltweit bisher rund 15 Million Menschen das Leben gekostet. Das sind 2,5-mal mehr als die knapp sechs Millionen Toten, die offizielle Statistiken ausweisen.

Die indische Regierung wirft der WHO fehlerhaftes methodisches Vorgehen vor. Ihrem eigenen Melderegister nach starben 2021 nur etwa 475 000 (etwa sechs Prozent) mehr Menschen gegenüber dem Jahr 2020 mit 7,6 Millionen. Die Behörden betonen auch, dass nicht alle zusätzlichen Todesfälle auf Corona zurückgehen. Angesichts der Größe und Vielfalt des Landes sei der „one size fits all“-Ansatz der WHO laut indischer Regierung nicht anwendbar.

Tatsächlich stützt sich die WHO nicht nur auf Regierungsdaten, sondern auch auf andere Quellen wie Medienberichte und wissenschaftliche Studien. Sie sagte zu, ihre Schätzung für Indien zu überprüfen, aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie Wesentliches ändern wird.

Indiens Mangel an Vertrauen

Viele Inder trauen den amtlichen Corona-Statistiken nicht. Die bekannte Fernsehreporterin Barkha Dutt nannte kürzlich in der Washington Post Gründe dafür. Um „eine Sterbeurkunde zu erhalten, die Covid-19 als Todesursache aufführt“, mussten sich Familien durch „das Labyrinth der Bürokratie“ kämpfen, schreibt sie. Außerdem berichteten ihr Gemeindevorsteher in jedem Dorf, das sie besuchte, die Anzahl der Todesfälle schnelle in die Höhe.

Besonders in ländlichen Gebieten schreckten die Menschen aus Angst vor Stigmatisierung vor Tests zurück, sagt Dutt. Wegen Mangels an Sauerstoff nahmen viele Kliniken zudem keine neuen Patienten mehr auf. „Trotz dieser Katastrophe“, unterstreicht sie, „wurde dem indischen Parlament in diesem Jahr mitgeteilt, es habe während der Pandemie in keinem einzigen Bundesstaat einen Todesfall aufgrund von Sauerstoffmangel gegeben.“

Doch ist die Reaktion der indischen Regierung auf die WHO berechtigt. Die WHO behandle nicht alle Länder gleich, sagt sie. Besonders China werde von der WHO nicht hinterfragt – nicht nur hinsichtlich der Herkunft des Virus, sondern auch, was die systematische Untererfassung der tatsächlichen Todeszahlen angeht. Shanghai befindet sich im Lockdown, 500 000 Fälle wurden gemeldet. Die offizielle Zahl von 285 ist schlicht unglaubwürdig.

Alle Regierungen wollen die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen. Die WHO sollte dazu beitragen, dass sie nicht mit Unwahrheiten davonkommen. Die Aussage, chinesische Statistiken seien nicht glaubwürdig, entschuldigt aber nicht, dass die indische Regierung nicht alle relevanten Fragen schlüssig beantwortet.

Suparna Banerjee hat kürzlich ihren PhD in Development Studies an der Universität Bonn gemacht und lebt derzeit in Frankfurt.
mail.suparnabanerjee@gmail.com

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