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Aktualisiert: vor 21 Minuten 9 Sekunden

Die Welt ist reicher geworden, aber nicht die „Eine Welt“

18. Dezember 2020 - 10:45

Im Interview zum 25-jährigen Jubiläum zieht der VENRO-Vorstandsvorsitzende Dr. Bernd Bornhorst ein Resumeé zum Thema Gerechtigkeit, betont die Vorteile gemeinsamer Arbeit unter dem Dach von VENRO und blickt auf die Schwerpunkte von Entwicklungszusammenarbeit und Humanitärer Hilfe in den kommenden Jahren.

In diesem Monat begeht VENRO sein 25-jähriges Jubiläum. Die Gründungsorganisationen schlossen sich zusammen mit dem Ziel „ihren Beitrag für mehr Gerechtigkeit in der einen Welt zu verstärken“. Ist VENRO das gelungen?

Einen Beitrag zu leisten, ist uns mit Sicherheit gelungen. Wir haben die Entwicklung von den Millenniumszielen zur Agenda 2030 aktiv mitgestaltet und bei der Bekämpfung extremer Armut Erfolge verzeichnen können. Tatsächlich ist die Welt heute viel reicher als vor 25 Jahren. Aber eben nicht die „Eine Welt“ – sondern nur ein kleiner Teil von ihr in Nord und Süd. Der ungeheure Reichtum, der angehäuft wurde, konzentriert sich auf eine Minderheit und geht zu Lasten der Ausbeutung von Menschen und Natur. Der Unterschied zwischen arm und reich – zwischen und in den Ländern – wird immer größer statt kleiner. Das ist beschämend, vor allem wenn man bedenkt, dass alle Mittel vorhanden sind – und nicht nur die finanziellen –, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Stattdessen können wir mit Blick auf die nachhaltigen Entwicklungsziele kaum Erfolge erkennen und werden aktuell durch die Corona-Pandemie vermutlich um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Ist das ein Grund zu resignieren?

Keinesfalls. Das ist für uns im Gegenteil ein Grund mehr, unsere Kräfte zu bündeln und unsere gemeinsamen Anstrengungen im Kampf gegen Armut und globale Ungerechtigkeiten zu verstärken.

Sind VENRO und seine Mitgliedsorganisationen dafür gut aufgestellt?

Inzwischen haben sich 141 Organisationen unter dem Dach von VENRO vereinigt – große wie kleine, kirchliche wie private, aus der Entwicklungszusammenarbeit, humanitären Hilfe und entwicklungspolitischen Inlandsarbeit. Es macht uns stark, dass wir vielfältig sind, auch in unseren Methoden und Instrumenten. Denn genau das brauchen wir: einen vielschichtigen Ansatz von der Projektarbeit bis zur Lobbyarbeit auf allen politischen Ebenen. Im Verband werden die unterschiedlichen Kompetenzen gebündelt. Wir sprechen mit einer Stimme und erhalten so mehr Gewicht im politischen Geschehen. Einheit in der Vielfalt – darin liegt unsere Stärke.

Was hat sich VENRO für die kommenden Jahre vorgenommen?

Ein Schwerpunkt unserer Arbeit wird im kommenden Jahr sicher die Bundestagswahl sein. Wir werden den Parteien aufzeigen, was weltweit wichtig ist, und uns dafür stark machen, dass sie die Umsetzung der Agenda 2030 als zentrale Aufgabe zukunftsfähiger Politik vorantreiben. Nationalen Egoismen, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung werden wir uns entschieden entgegenstellen. Zugleich wollen wir die Debatte über ein alternatives Wirtschaftsmodell ohne Wachstumszwang wieder stärker in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit rücken. Das Ziel muss ein Wirtschaftssystem sein, das ein menschenwürdiges Leben für alle ermöglicht, ohne die begrenzten Ressourcen unseres Planeten zu überfordern.

Lesen Sie mehr über #25JahreVENRO auf der Sonderseite zu unserem Jubiläum.

Agenda 2030: Fünf Jahre Nachhaltigkeitspolitik – eher Rückschritt als Fortschritt

10. Dezember 2020 - 17:05

Quo Vadis Agenda 2030? Statt Erfolge in der SDG-Umsetzung zu erreichen, hat die Corona-Pandemie zu Rückschlägen bei den Nachhaltigkeitszielen geführt. Zum Jahresende ziehen die Sprecher_innen der VENRO-Arbeitsgruppe Agenda 2030, Mira Ballmaier und Dr. Jürgen Focke, eine besorgniserregende Bilanz.

Die Corona-Pandemie stellt die Welt derzeit vor enorme Herausforderungen. Was zunächst als Gesundheitsrisiko begann, hat schnell Konsequenzen für weitere Bereiche nach sich gezogen und stellt Bildungssysteme, Arbeitsmärkte und nicht zuletzt das gesellschaftliche Miteinander auf die Probe. Die aktuellen Ereignisse unterstreichen, dass Krisen nicht vor Grenzen haltmachen und alle Menschen vulnerabel sind.

Im September feierte die Agenda 2030 ihren fünften Geburtstag. Ein Drittel des Zeitraums bis zur Zielmarke im Jahr 2030 ist damit bereits vergangen. Doch von Feierlaune fehlt jede Spur; stattdessen herrscht internationale „Katerstimmung“. Mühsam erkämpfte Fortschritte globaler Entwicklungsprozesse stehen auf der Kippe. In den Schlüsselbereichen der Nachhaltigkeitsagenda sind besorgniserregende Rückschritte zu verzeichnen, wie der im Sommer erschienene Bericht zu den globalen Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals / SDG) der Vereinten Nationen (UN) darlegt.

  • Die Armut steigt wieder: Nach ersten Schätzungen könnte die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, infolge der weltwirtschaftlichen Rezession um 85 – 420 Millionen steigen und somit wieder den Schwellenwert von einer Milliarde überschreiten. Insbesondere Arbeiter_innen im informellen Sektor sind betroffen. Vielen von ihnen wurde durch die weltweiten Lockdown-Maßnahmen von einem Tag auf den anderen die Existenzgrundlage entzogen.
  • Der Hunger nimmt weiter zu: Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) prognostiziert, dass aufgrund des Coronavirus bis Ende 2020 zusätzlich 130 Millionen Menschen an die Schwelle des Verhungerns gedrängt werden könnten. Durch die Vorschriften zur Eindämmung des Virus mussten vielen Unternehmen und lokale Märkte schließen. Kleinbäuerliche Erzeuger_innen können ihre Produkte nicht verkaufen und die Ernährungskrise verschärft sich.
  • Viele Gesundheitsleistungen sind gestört: Mehr als die Hälfte der 129 Länder, für die Daten vorliegen, berichteten im März und April 2020 über mäßige bis schwere Unterbrechungen oder eine vollständige Aussetzung der Impfdienste. Routinemäßige Impfungen für Kinder wurden durch die Pandemie in einem Ausmaß unterbrochen, wie es seit Beginn des erweiterten Impfprogramms nicht mehr vorgekommen ist. Die UN geht davon aus, dass die Entwicklungen im Gesundheitsbereich weitreichende Folgen haben werden, die die Erreichung von SDG 3 Gesundes Leben für alle um Jahre zurückwerfen.
  • Verstärkte Ungleichheit beim Zugang zu Bildung: Weltweit durften zeitweise rund 90 Prozent aller Schüler_innen und Studentierenden aufgrund des Infektionsrisikos nicht in ihre Lehreinrichtungen Viele Schulschließungen halten weiter an. Fernunterricht in virtuellen Klassenzimmern bleibt für viele unerreichbar und entkoppeln gerade in Ländern des Globalen Südens viele Schüler_innen vom Bildungssystem.
  • Vulnerable Personengruppen besonders getroffen: Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas und trifft insbesondere diejenigen, die ohnehin bereits am weitesten zurückliegen. Mädchen und Frauen, Kinder, ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen sind dabei überproportional stark von den Auswirkungen betroffen.

Die UN steht mit dieser Bewertung nicht alleine da. Die OECD und der Bertelsmann-Report kommen zu den gleichen Ergebnissen. Die Agenda 2030 konnte die Corona-Pandemie zwar nicht vorhersehen, doch sie steckt voller Antworten auf diese sowie zukünftige Herausforderungen. Um eine wirksame Resilienzstärkung sicherzustellen, müssen ihre Prinzipien und Ziele endlich konsequent umgesetzt werden.

Mit Blick auf das nächste Jahr bedeutet dies insbesondere, mit der Überarbeitung der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (DNS) deutliche Zeichen zu setzen – sowohl national als auch international.

So hat das Statistische Bundesamt darauf verwiesen, dass Deutschland in mehr als der Hälfte der 66 Indikatoren, die Deutschland direkt betreffen, nicht „on track ist“. International werden 77 von 166 Staaten nicht die Mindestziele der Nachhaltigkeitsagenda erreichen und hinter den Zielen zurückfallen, die 2015 vereinbart wurden.

Wir brauchen endlich einen Paradigmenwechsel der Politik

VENRO hat in seiner Stellungnahme zum ersten Entwurf der DNS bereits deutlich gemacht, dass die Nachhaltigkeitsstrategie in Zukunft nicht nur sehr viel ambitionierter umgesetzt werden muss. Um einen systemischen Wechsel hin zu einer sozial-ökologischen und ökonomischen Transformation zu erreichen, bedarf es zudem eines Paradigmenwechsels der Politik.

Dringenden Handlungsbedarf sehen wir hinsichtlich der globalen Ausrichtung der DNS, der kohärenten Gestaltung von Politik und der Notwendigkeit, das bestehende Wirtschaftsmodell, das nur auf Wachstum ausgerichtet ist, zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

Auch für den im nächsten Jahr angekündigten Voluntary National Report (VNR) beim jährlichen High-level Political Forum zur Umsetzung der Agenda 2030 (HLPF) erwarten wir von der Bundesregierung mehr als nur die Lobpreisung der eigenen Erfolge.

Vielmehr fordern wir die Bundesregierung auf, einen sinnvollen Beitrag darüber zu leisten, wie den Auswirkungen der Corona-Krise entgegengesteuert werden kann und wie wir sicherstellen, niemanden zurückzulassen. Ganz im Sinne des holistischen Anspruches der Nachhaltigkeitsagenda: Leave No One Behind.

„Wir müssen jetzt die Weichen für die datengetriebene Welt von morgen stellen“

25. November 2020 - 12:23

Geraldine de Bastion ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Beratungsagentur Konnektiv mit Erfahrung in der Arbeit mit Aktivist_innen, Regierungen, Startups und NRO auf der ganzen Welt. Im Interview erläutert sie die Herausforderungen der digitalen Transformation für die internationale Zusammenarbeit und Entwicklungsorganisationen mit Fokus auf Afrika.

Sie organisierten letztes Jahr die erste re:publica in Accra, Ghana, mit Teilnehmer_innen und Referent_innen aus ganz Afrika. Welche Themen und Debatten standen dort im Fokus?

Geraldine de Bastion: Das Programm der re:publica Africa wurde partizipativ mit unserem afrikanischen Kurationsteam und den vielen spannenden Einreichungen, die wir im Call for Participation erhalten haben, zusammengestellt. Die Hauptthemen waren:

Access: Zugang zu haben, ist die Basis für jeden Digitalisierungsprozess – Zugang zu Energie, Infrastruktur, Hardware und erschwinglichem Internet. Wir haben zukunftsweisende Konzepte diskutiert, wie man die nicht Angeschlossenen ins Boot holt.

Waste: Wir leben in verschwenderischen Gesellschaften, und obwohl die Digitalisierung den Raum für das immaterielle Wesen schafft, trägt sie auch zum physischen Abfall bei. Welche Auswirkungen das in afrikanischen Ländern hat und wie wir eWaste-Wirtschaftssysteme neu denken können, wurde in diesem Track besprochen.

Female: Die Hälfte der Weltbevölkerung ist weiblich, doch dies spiegelt sich weder in der Anzahl der Frauen wider, die Hardwarelösungen programmieren und erstellen, noch in der Besetzung von Führungspositionen. Bis sich die Rolle der Frauen in den heutigen, zunehmend digitalen Gesellschaften positiv verändert, bleibt noch viel zu tun.

Future: Beim Afro-Futurismus geht es darum, fantastische Ausblicke darauf zu geben, wie die Zukunft aussehen könnte. Er umfasst Technologie nicht nur als Ausgleich, sondern auch als Werkzeug, um eine fortschrittliche künstlerische und kulturelle Agenda voranzutreiben.

Data: Daten, oder besser gesagt unsere Fähigkeit, Daten für den Fortschritt unserer Gesellschaften zu sammeln und zu verarbeiten, ist eines der zentralen Themen unserer Zeit.

Welche Digitalisierungsprojekte in Afrika sind aus Ihrer Sicht besonders vielversprechend, um eine nachhaltige Entwicklung zu befördern?

Aus meiner Sicht sind Digitalisierungsprojekte, die von den Communities selber entwickelt werden, um Entwicklungsprobleme zu lösen am vielversprechendsten: Hardware- und Softwarevorhaben, die mit lokalen Mitteln und Ressourcen unter Einbeziehung der Nutzer und Zielgruppen entwickelt werden, die in Innovation Hubs und Makerspaces entstehen oder von Communities wie dem AfricaOSH oder dem African Makerspace Netzwerk geteilt und weiter entwickelt werden und als Open-Source-Lösungen adaptierbar und skalierbar sind. Vielversprechend sind außerdem Projekte, die statt auf Trendthemen setzen, grundlegende Probleme angehen, wie Energieversorgung und andere infrastrukturelle Maßnahmen, die das Gemeinwohl fördern und Zugangs- und Verteilungsfragen adressieren.

Wie können und sollten Entwicklungsorganisationen digitale Technologien besser nutzen?

Es gibt lange Ausführungen dazu, wie EZ-Organisationen durch den Einsatz von digitalen Technologien selber transparenter, zugänglicher und offener werden können, von Open Data und Public Money Public Code/Public Knowledge-Ansätzen bis hin zu direkteren Feedback- und öffentlichen Kommunikationsschleifen zu EZ-Vorhaben. Hiervon ist vieles in Deutschland eher theoretisch als praktisch umgesetzt worden. Des Weiteren können EZ-Organisationen digitale Technologien nutzen, um ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren und direkter lokale Partnerorganisationen kennen zu lernen. Vor Corona war es noch üblich, für jedes Kennenlerntreffen eine Reise zu gestalten, jetzt lernt man, dass sich vieles auch über virtuelle Kommunikation machen lässt.

Befindet sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit seiner digitalen Strategie auf dem richtigen Weg?

Aus Sicht der Leiterin einer unabhängigen, internationalen NGO müsste es innerhalb der deutschen EZ ganz andere und neue Möglichkeiten geben, mit innovativen Akteuren aus der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten – ob in Deutschland oder in den Partnerländern. Wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit in der datengetriebenen Welt von morgen, Länder im globalen Süden nicht nur wie in anderen Sektoren als Rohstoffquellen gelten, sondern eigene Daten verwalten und zum Gemeinwohl ihrer Gesellschaften nutzen können. Wir stehen vor ähnlichen Herausforderungen – daher gilt es mit Partnerländern gemeinsame, demokratische Herangehensweisen zu entwickeln. Neben den bestehenden Strategien des BMZ bedarf es hierfür aus meiner Sicht ein Neudenken von Entwicklungszusammenarbeit im IKT-Sektor.

Prävention von Terrorismusfinanzierung – Welche Rolle spielen NRO bei der Prüfung Deutschlands? 

29. Oktober 2020 - 12:01

Im Kampf gegen die Finanzierung von Terrorismus untersucht ein internationales Prüfteam der Financial Action Task Force derzeit Deutschland. Was hat es damit auf sich und warum ist die FATF-Prüfung für Nichtregierungsorganisationen relevant? 

Mit abscheulichen Gewalttaten, Einschüchterungen und Hass bedrohen terroristische Vereinigungen den Frieden und die Sicherheit der Bevölkerung auf der ganzen Welt. Im Kampf gegen die Terrorismusfinanzierung ist die Financial Action Task Force (FATF) eine der einflussreichsten Institutionen weltweit.  

Die zwischenstaatliche Institution mit derzeit 39 Mitgliedern  darunter auch Deutschland  wurde im Jahr 1989 zur Prävention von Geldwäsche gegründet. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 wurde ihr Mandat auf die Bekämpfung von Terrorismusfinanzierung ausgeweitet. Die FATF setzt internationale Standards, verbreitet Erfahrungswissen und begleitet die Umsetzung und Prüfung der notwendigen rechtlichen, regulativen und operationalen Maßnahmen. Sie führt regelmäßige Länderprüfungen durch (die sogenannten „Mutual Evaluations“). Dabei untersucht die FATF die Umsetzung ihrer Empfehlungen und gibt länderspezifisch konkrete Hinweise zur besseren Umsetzung. 

Deutschland wird derzeit von der FATF geprüft – was hat es damit auf sich? 

Deutschland wird von September 2020 bis Oktober 2021 durch ein internationales Prüfteam der FATF auf die Umsetzung der Empfehlungen geprüft. Der letzte Check fand 2010 statt (Bericht der FATF). Im Rahmen der Prüfung legt die deutsche Bundesregierung dar, welche Risiken für Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung bestehen und welche Maßnahmen Deutschland ergreift, um diesen Risiken zu begegnen. Dies wurde unter anderem durch die im Jahr 2019 veröffentlichte Nationale Risikoanalyse vorbereitet. Nach Einreichung der Berichte an die FATF finden im März 2021 Vor-Ort-Besuche des Prüfteams statt. Die FATF-Prüfer_innen veröffentlichen dann einen Bericht mit Empfehlungen für die bessere Prävention von Terrorismusfinanzierung und Geldwäsche. Diese Empfehlungen erzeugen –  das hat die Vergangenheit gezeigt – politischen Handlungsdruck und werden in Gesetze und Regulierungen übersetzt. 

Zivilgesellschaft gerät weltweit unter Druck – welche Auswirkungen hat die FATF-Prüfung auf NRO? 

Gesetze, Regulierungen und Verwaltungsvorschriften zur Bekämpfung von Terrorismusfinanzierung und Geldwäsche können direkte und indirekte Auswirkungen darauf haben, wie NRO ihrer Arbeit nachgehen können – wenn dadurch beispielsweise Überweisungen ins Ausland schwieriger und teurer werden oder Registrierungsvorschriften und Meldepflichten verschärft werden. Hier zeigt sich weltweit eine bedenkliche Entwicklung: Mit Verweis auf eine stärkere Bekämpfung des internationalen Terrorismus wurden in einigen Ländern in den vergangenen Jahren restriktivere NRO-Gesetze beschlossen, die zivilgesellschaftliche Handlungsräume massiv einschränken. Die Studie „The Impact of International Counter-Terrorism on Civil Society Organisations“ von Brot für die Welt von 2017 liefert einen Überblick über die Auswirkungen der Terrorismusbekämpfung auf zivilgesellschaftliche Organisationen. 

Die FATF sieht Geldflüsse in und durch gemeinnützige Organisationen als potenzielle Quelle für die Finanzierung von Terrorismus an. Von den 40 FATF-Empfehlungen bezieht sich die Recommendation 8 auf gemeinnützige Organisationen (NPO). 

Bis 2016 stufte die FATF alle gemeinnützigen Organisationen pauschal als „besonders anfällig“ für Missbrauch ein. In der Folge führten FATF-Prüfungen häufig zu restriktiven NRO-Gesetzen und einer Überregulierung des NRO-Sektors. Auf Druck der Zivilgesellschaft erkennt die FATF mittlerweile an, dass die wichtige und legitime Arbeit von NRO nicht durch eine Überregulierung behindert werden darf und verlangt einen risikobasierten Ansatz. Die Länder sind angewiesen, Maßnahmen gezielt an Organisationen und Bereiche mit einem erhöhten Risiko zu richten. Zur Vorbereitung der FATF-Prüfung beschäftigt sich die Bundesregierung also auch mit einer detaillierten Risikoanalyse für den NRO-Sektor. 

Wie groß ist das Risiko der Terrorismusfinanzierung und was tun NRO, um es zu minimieren? 

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass die Zivilgesellschaft eine aktive Rolle in der Umsetzung der Länderprüfung einnehmen kann. Das internationale Netzwerk Global NPO Coalition on FATF engagiert sich in diesem Bereich. In Deutschland setzt sich VENRO gemeinsam mit Mitgliedern und Expert_innen aus dem Bündnis für Gemeinnützigkeit für die Interessen der Zivilgesellschaft im Prozess der Länderprüfung ein und führt einen Dialog mit den zuständigen Ministerien der Bundesregierung. 

2019 haben wir eine Umfrage unter NRO durchgeführt, um herauszufinden, wie NRO das Risiko selbst einschätzen und was sie tun, um es zu minimieren. Wir haben die Ergebnisse ausgewertet und analysiert, inwieweit die Empfehlungen der FATF mit Bezug zu NRO in Deutschland umgesetzt werden. Die Studie kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass Gesetze und Regulierungen für den NRO-Sektor in Deutschland die Empfehlungen der FATF erfüllen. Insbesondere hebt der Bericht die hohe Professionalität und Selbstregulierung hervor. Die wichtigsten Erkenntnisse der Umfrage sind: 

1) Es gibt ein Risiko, aber es ist niedrig. 

Das Risiko der Terrorismusfinanzierung für NRO wird von einer klaren Mehrheit der 450 Teilnehmenden der Umfrage als sehr niedrig bis niedrig eingeschätzt, sowohl für ihre eigene Organisation als auch für den Sektor insgesamt. Verglichen mit anderen Risiken wie Geldwäsche, Bestechung und Betrug schneidet Terrorismusfinanzierung als das von NRO am niedrigsten empfunden Risiko für die eigene Organisation ab.  

2) NRO minimieren ihre Risiken. 

NRO sind auf Spendengelder und ehrenamtliches Engagement angewiesen. Die Bereitschaft zu spenden oder sich zu engagieren hängt maßgeblich vom Vertrauen in die Organisation ab. Deshalb unternehmen professionelle NRO viel, um jegliche Fehlverwendung ihrer Mittel zu verhindern. Dazu gehören eine robuste Finanzverwaltung und je nach Tätigkeitsfeld auch gezielte Risikoanalysen. 

In unserer Umfrage gaben NRO an, verschiedene Maßnahmen und Good Practices zur Prävention von Missbrauch umzusetzen. Eine Mehrheit der befragten NRO hat sich freiwilligen Verpflichtungen zu Transparenz und Good Governance (wie etwa dem VENRO-Verhaltenskodex, derInitiative Transparente Zivilgesellschaft oder dem DZI-Spenden-Siegel) angeschlossen. Viele NRO prüfen standardmäßig ihre Partnerorganisationen und Begünstigten oder führen Risikoanalysen durch. 

3) Maßnahmen der Regierung sind überwiegend wirksam. 

Die befragten NRO schätzen die Maßnahmen der Regierung zur Prävention von Terrorismusfinanzierung überwiegend als wirksam ein. Jedoch sind viele Maßnahmen, insbesondere zur Sensibilisierung von NRO und Unterstützung im Umgang mit Risiken, nur wenigen bekannt. Besorgnis erregt, dass unter den bekannten Maßnahmen, einige als einschränkend empfunden werden. Besonders Auflagen im internationalen Zahlungsverkehr werden von weltweit tätigen NRO als sehr einschränkend empfunden. 

Der Bericht steht Ihnen in unserer Mediathek zum Download zur Verfügung.

„Kein Hunger bis 2030“ erfordert Transformation unserer Ernährungssystemne

26. Oktober 2020 - 14:50

Viel zu viele Menschen leiden noch immer an Hunger. Bereits vor der Corona-Pandemie reichten die weltweiten Fortschritte in der Hungerbekämpfung nicht aus. Der diesjährige Welthunger-Index zeigt, dass sich die Situation im Krisenjahr 2020 noch verschlimmert hat: Die derzeitigen globalen Ernährungssysteme sind weder krisenfest noch gerecht oder nachhaltig. 

Der Welthunger-Index (WHI) 2020 verdeutlicht, dass der weltweite Hunger seit dem Jahr 2000 zwar sukzessive zurückgegangen ist, die Fortschritte jedoch vielerorts zu gering sind. In vielen Ländern hat sich der Trend sogar umgekehrt und die Situation ist wieder schlechter geworden. Diese Länder und Regionen sind besonders anfällig für eine Verschärfung der Ernährungsunsicherheit durch die diesjährigen Gesundheits-, Wirtschafts- und Umweltkrisen.

Wir sind nicht auf Kurs, um das Ziel „Kein Hunger bis 2030“ zu erreichen

Selbst vor der Corona-Pandemie reichten die weltweiten Fortschritte in der Hungerbekämpfung nicht aus, um „Kein Hunger bis 2030“, das zweite der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung, zu erreichen. Der WHI zeigt, dass mindestens 37 Länder auf Grundlage ihrer jüngsten Entwicklungen bis 2030 wahrscheinlich nicht einmal niedrige Hungerwerte erreichen werden. In mehreren Ländern ist der Hunger heute noch schlimmer als im Jahr 2012. Dies ist auf Konflikte, Armut, Ungleichheit, Gesundheitskrisen und den Klimawandel zurückzuführen. Im Krisenjahr 2020 hat sich die Situation noch verschlimmert. Global betrachtet ist die Hungersituation zwar als mäßig einzustufen, doch über 50 Länder weisen weiterhin eine ernste oder sehr ernste Hungersituation auf. Es leiden immer noch zu viele Menschen an Hunger: Fast 690 Millionen Menschen sind unterernährt; 144 Millionen Kinder leiden unter Auszehrung, einem Zeichen für akute Unterernährung; 47 Millionen Kinder leiden unter Wachstumsverzögerung, ein Zeichen für chronische Unterernährung; und im Jahr 2018 starben 5,3 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag, in vielen Fällen in Folge von Unterernährung. Besonders besorgniserregend ist die Situation in Afrika südlich der Sahara und Südasien.

Wir müssen Ernährungssysteme umgestalten, um das Menschenrecht auf Nahrung zu gewährleisten

Die Corona-Pandemie hat viele Schwachstellen der derzeitigen globalen Ernährungssysteme offengelegt, die nicht mehr ignoriert werden können. Sie sind weder krisenfest noch gerecht oder nachhaltig. Unser Handeln wirkt sich zunehmend negativ auf unseren Planeten aus – etwa durch Bodendegradation, Treibhausgasemissionen und Biodiversitätsverlust – und unsere Ernährungssysteme sind Teil des Problems. Vielen ländlichen Gemeinschaften, indigenen Völkern, Frauen und Randgruppen fehlt es an sicherem Zugang zu Land und landwirtschaftlicher Bildung. Und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist im Krisenfall nicht sozial abgesichert. Um das Recht auf eine ausreichende und gesunde Ernährung für alle zu gewährleisten und den weltweiten Hunger zu beenden, ist ein integrierter Ansatz der Bereiche Gesundheit, Landwirtschaft und Ernährung erforderlich. Der Schlüssel liegt darin, ein gesundes und gerechtes Ernährungsumfeld mit fairen und auskömmlichen Einkommen für kleinbäuerliche Landwirt*innen zu schaffen. Unsere Ernährungssysteme müssen fair, gesund und umweltfreundlich sein, um einerseits die aktuellen Krisen zu bewältigen, sowie andererseits weitere Gesundheits-und Ernährungskrisen zu vermeiden – und letztlich einen Weg zu finden, den weltweiten Hunger bis 2030 zu beenden.

Zum Welthunger-Index

Der Welthunger-Index (WHI, auf Englisch: Global Hunger Index, GHI) misst und vergleicht jährlich die Ausprägung von Hunger und Unterernährung in der Welt, verschiedenen Regionen und einzelnen Ländern. Er soll zu einer stärkeren Wahrnehmung und einem besseren Verständnis des Kampfes gegen den Hunger führen und lenkt die Aufmerksamkeit auf jene Weltregionen, in denen zusätzliche Ressourcen am dringendsten benötigt werden, um den Hunger zu beenden.

Hunger ist komplex und hat viele Dimensionen. Daher setzt sich der Index aus vier Indikatoren zusammen und berücksichtigt damit über die reine Verfügbarkeit von Kalorien hinaus auch die Qualität und Verwertung der Nahrung. Diese Indikatoren sind Teil eines Indikatorsets, welches zur Fortschrittsmessung im Hinblick auf die Agenda für nachhaltige Entwicklung genutzt wird. Weitere Informationen zu den Ergebnissen, der Berechnung des Index und zur Situation in einzelnen Ländern, sowie den Gesamtbericht zum Download finden Sie unter: www.globalhungerindex.org

50 Jahre 0,7-Prozent-Ziel – Ein Anlass zum Feiern?

23. Oktober 2020 - 15:53

Vor 50 Jahren, am 24. Oktober 1970, setzte sich die Weltgemeinschaft zum Ziel, dass die reichen Länder 0,7 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens (BNE) für Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe aufwenden sollen. Im Interview nimmt Dr. Bernd Bornhorst, Vorstandsvorsitzender von VENRO, das Jubiläum zum Anlass, einen kritischen Blick auf dieses Ziel zu werfen.

Beinahe pünktlich zum 50. Jahrestag konnte Bundesminister Gerd Müller verkünden, dass Deutschland in diesem Jahr voraussichtlich das 0,7-Prozent-Ziel erreichen wird. Ist das nicht ein Grund zum Feiern?

Bernd Bornhorst: Deutschland leistet einen beachtlichen finanziellen Beitrag zur Bewältigung von Armut und Hunger in der Welt. Da hat Minister Müller gemeinsam mit engagierten Abgeordneten im Bundestag in den vergangenen Jahren mit viel Überzeugungsarbeit einiges erreicht. Sicherlich haben auch wir bei VENRO unseren Teil dazu beigesteuert. Wir haben so hartnäckig auf die Erreichung des 0,7-Prozent-Ziels gedrängt, dass ich so manches Augenrollen bei Abgeordneten erkennen konnte. Aber auch intern gab es immer wieder Diskussionen darum.

Warum wird das 0,7-Prozent-Ziel kritisch gesehen?

2015 wurde die Agenda 2030 mit ihren nachhaltigen Entwicklungszielen von der Weltgemeinschaft verabschiedet. Heute sind wir bei der Erreichung der Ziele in vielen Bereichen kaum weiter als vor fünf Jahren. Die Corona-Pandemie hat zudem viele bescheidene Fortschritte wieder zunichtegemacht – etwa bei der Armutsbekämpfung. Die globalen Herausforderungen, zu deren Bewältigung Deutschland einen Beitrag leisten muss, sind größer geworden. Allein der Kampf gegen den Klimawandel erfordert enorme Anstrengungen. Wir können als reiches und einflussreiches Land viel dafür tun, dass globale Ungleichheiten, Umweltzerstörung oder Menschenrechtsverletzungen verringert werden. Wir dürfen uns dabei aber nicht auf diesem Prozentsatz aus den 70er Jahren ausruhen. Im Gegenteil, wir müssen heute noch weitaus mehr internationale Verantwortung übernehmen. Das gilt in zwei Richtungen: Wir dürfen erstens nicht den Eindruck erwecken, als ob es möglich sei, allein durch das Erreichen eines bestimmten Prozentsatzes an finanziellen Mitteln Armut und Ungerechtigkeit auszumerzen. Zweitens erfordert die Gestaltung nachhaltiger Lebenschancen für alle Menschen und Generationen Veränderungen auf vielen Ebenen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wenn wir diesbezüglich keine Kohärenz hinbekommen, reicht Geld allein nicht.

In der Resolution von 1970 heißt es ja auch „mindestens 0,7-Prozent“. Und die sollten eigentlich schon 1975 erreicht werden.

Natürlich sollten wir nicht vergessen, dass das 0,7-Prozent-Ziel immer eine Mindestanstrengung war, die die reichen Länder erbringen sollten. Jetzt zu feiern, dass wir nach 50 Jahren das Mindestmaß erreicht haben, wäre schon schräg.

Wir sind also knapp 45 Jahre im Rückstand. Wenn wir die Lücke zwischen den tatsächlich von Deutschland bereitgestellten Geldern den Verpflichtungen aus der UN-Resolution gegenüberstellen würden, kämen wir auf fast 500 Milliarden US-Dollar, die wir dem globalen Süden vorenthalten haben.

Wir müssten sogar hinzuzählen, welche Gewinne wir mit unserer Lebensweise, die auf der Ausbeutung von Menschen und Natur gerade im globalen Süden beruht, in all diesen Jahren erzielen konnten. Mit Hilfe der Gelder für Entwicklungszusammenarbeit sind in den letzten Jahrzehnten natürlich sehr viele positive Ergebnisse erreicht worden. Die Frage ist aber, ob das nicht alles beschämend langsam geht und ob wir in Anbetracht der planetarischen Grenzen und der ungeheuren Zerstörungsdynamik, die wir erleben, nicht viel radikaler umsteuern müssten.

Deutschland ist der zweitgrößte bilaterale Geber weltweit und das muss man würdigen. Gemessen an dem gegebenen Versprechen und den gewachsenen Herausforderungen wird Deutschland dennoch seiner Verantwortung gegenüber dem globalen Süden nicht gerecht. Denn wie gesagt, es ist nicht allein das Geld, mit dem wir etwas bewegen können. Wir müssen unser Handeln in vielen Bereichen überdenken – etwa im Hinblick auf Handelsabkommen, die Agrarpolitik oder den CO2-Ausstoß. Unser Ziel muss ein nachhaltiger Konsum sein. Die Verantwortung dafür darf allerdings nicht allein auf die Verbraucherinnen und Verbraucher abgeschoben werden. Vielmehr ist es notwendig, unser gesamtes politisches Handeln, jedes Gesetz, jedes Abkommen an Nachhaltigkeitskriterien auszurichten. Nur so können wir langfristig und strukturell ein menschenwürdiges Leben für alle realisieren.

Wie geht es weiter mit dem 0,7-Prozent-Ziel?

Ich wünsche mir, dass wir nach 50 Jahren 0,7-Prozent-Ziel neue Referenzpunkte finden, um darüber zu diskutieren, wie eine angemessene Finanzierung von Entwicklungszusammenarbeit und Humanitärer Hilfe aussieht. Wichtig ist, dass wir uns dabei an unseren Zielen orientieren: Hunger und Armut beseitigen, die Menschenrechte verwirklichen und den Klimawandel und das Artensterben stoppen. Die Ziele für nachhaltige Entwicklung sind in der Agenda 2030 bereits beschlossen. Die Höhe der tatsächlich benötigten Finanzierung, die Industrienationen und auch Deutschland für ihre Umsetzung die nächsten zehn Jahre aufbringen müssen, könnte der neue Maßstab sein. Für die Beendigung des Hungers etwa, werden zusätzliche Gelder in Höhe von 14 Milliarden Euro pro Jahr für die nächsten zehn Jahre veranschlagt. Damit ließe sich ein Ernährungssystem aufbauen, das alle Menschen auf dieser Welt ernähren kann. Insgesamt schätzt die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung die Finanzierungslücke im globalen Süden zur Erreichung aller Ziele auf etwa 2,5 Billionen US Dollar pro Jahr. Das ist eine gewaltige Summe, aber gemessen an der Weltwirtschaftsleistung sind es gerade einmal drei Prozent.

Die Höhe der Mittel muss auch in Relation zu den Mitteln gesehen werden, die wir in den vergangenen Jahrzehnten dem globalen Süden vorenthalten und die wir auf Kosten ärmerer Länder erwirtschaftet haben. Das heißt im Klartext: Um den Beitrag Deutschlands zur globalen Armutsbekämpfung zu bemessen, müssen wir asymmetrische Handelsbeziehungen und Verluste durch Steuervermeidung oder Zinszahlungen überschuldeter Staaten mit in die Berechnung einfließen lassen. Ebenso sollten wir die Summen, von denen wir in der Entwicklungszusammenarbeit sprechen, auch immer wieder in Relation zu den Mitteln setzen, die weltweit für Rüstung und Militär ausgegeben werden. Mancher Euro könnte in der Entwicklungszusammenarbeit vermutlich sinnvoller – und effektiver– zur Konfliktvermeidung beitragen und Frieden stiften.

Africa-Europe Civil Society Survey: Engere Zusammenarbeit absolut notwendig

19. Oktober 2020 - 17:33

Über 360 Vertreter_innen zivilgesellschaftlicher Organisationen aus Afrika und Europa haben Anfang Oktober an der Umfrage „Africa-Europe Civil Society Survey“ teilgenommen. Die Bedeutung der afrikanisch-europäischen Beziehungen wurde dabei als hoch bewertet, die Qualität hingegen in Zweifel gezogen. Die erstmals durchgeführte Befragung wurde von VENRO zusammen mit CONCORD, Plataforma Portuguesa das ONGD und SLOGA in Auftrag gegeben und vom Institut für Demoskopie Allensbach umgesetzt.

An der zehntägigen Online-Umfrage, die auf Englisch, Französisch und Portugiesisch verfügbar war, nahmen insgesamt 363 Personen teil (221 aus Afrika und 142 aus Europa). Die meisten Befragten engagieren sich in den Bereichen Menschenrechte sowie Umwelt und Klimaschutz.

97 Prozent der Befragten sehen eine engere Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa als „sehr wichtig“ oder „wichtig“ an. Doch mehr als zwei Drittel sind der Auffassung, dass die bisherige Zusammenarbeit „nicht gut“ oder „überhaupt nicht“ funktioniert. Dabei fällt auf, dass der Anteil negativer Bewertungen unter den afrikanischen Teilnehmer_innen (50 Prozent) deutlich geringer ist als unter den europäischen (84 Prozent).

Fast alle Befragten (93 Prozent) sind dafür, die Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa zu intensivieren. Unter den fünf Kernthemen, die die EU-Kommission in ihrem Vorschlag für eine neue AU-EU-Strategie nennt, wird dem Bereich „Sustainable Growth and Jobs“ die größte Bedeutung beigemessen (afrikanische Befragte: 42 Prozent, europäische Befragte: 31 Prozent). Danach folgen „Peace, Security and Governance (27 und 22 Prozent) und „Green Transition and Energy Access (13 und 21 Prozent). Die von der EU-Kommission stark betonten Bereiche „Migration and Mobility“ (drei und zwölf Prozent) sowie „Digital Transformation“ (vier und ein Prozent) werden hingegen selten genannt.

Mehr zivilgesellschaftliche Teilhabe notwendig

Eine wichtige Erkenntnis der Befragung ist zudem, dass die große Mehrheit der Teilnehmer_innen (71 Prozent) mit der 2007 von AU und EU initiierten politischen Zusammenarbeit „Africa-Europe Partnership“ kaum oder gar nicht vertraut ist. Unter den Befragten, die die Partnerschaft besser kennen oder zumindest von ihr gehört haben, sind nur neun Prozent der Meinung, dass dabei Anliegen und Positionen zivilgesellschaftlicher Organisationen ausreichend berücksichtigt werden.

Mit Blick auf die zukünftigen afrikanisch-europäischen Beziehungen wünschen sich 89 Prozent der Teilnehmer_innen eine stärkere Einbindung der Zivilgesellschaft in die „Africa-Europe Partnership“, und zwar sowohl über die nationalen Regierungen als auch durch die direkte Zusammenarbeit mit AU und EU. 79 Prozent der Befragten in Afrika und 84 Prozent in Europa arbeiten bereits regelmäßig mit zivilgesellschaftlichen Akteur_innen auf dem jeweils anderen Kontinent zusammen.

Eine ausführliche Auswertung des „Africa-Europe Civil Society Survey“ wird derzeit erstellt und in den kommenden Wochen veröffentlicht. Die Ergebnisse sollen auch in die Vorbereitungen des auf 2021 verschobenen AU-EU-Gipfels einfließen.

Für eine starke Jugendperspektive in der AU-EU-Partnerschaft!

19. Oktober 2020 - 14:56

Die junge Generation braucht mehr Mitsprache: Warum bei der Überarbeitung der AU-EU-Strategie die Anliegen der jungen Generation in den Mittelpunkt gestellt werden sollten, erklären die amtierenden UN-Jugenddelegierten für Nachhaltige Entwicklung für Deutschland, Felix Kaminski und Sophia Bachmann.

„Die Jugend muss Impulse setzen.“

„Wir brauchen einen fundamentalen Wandel.“

„Jugend soll das Herzstück der der europäisch-afrikanischen Partnerschaft werden.“

Mit diesen und weiteren hochmotivierten Aussagen startete der zweite Tag des vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) organisierten Jugendforums zur Partnerschaft der Afrikanischen- (AU) und Europäischen Union (EU).

„Create your vision“ war der Titel der Konferenz, moderiert wurde sie von Shary Reeves, die viele Menschen in Deutschland noch aus ihrer Zeit bei „Wissen-macht-Ah!“ kennen. Dank ihrer locker-leichten Moderation sowie des ambitionierten Titels des Jugendforums arbeiteten die Teilnehmer_innen eineinhalb Tage mit großer Motivation an verschiedenen Themen rund um eine nachhaltige Zukunft. Die am ersten Tag in Kleingruppen erarbeiteten Politikempfehlungen wurden zum Abschluss virtuell als „Roadmap of Solutions“ an Bundesentwicklungsminister Gerd Müller übergeben.

Als persönliches Fazit dieser Konferenz können wir vor allem zwei Dinge festhalten: Es gibt eine Menge junger Menschen, die voller Ideen, Kreativität und politischer Energie sind und wollen, dass ebendiese Ideen und Zukunftsvorstellungen gehört und umgesetzt werden. Und es gibt eine Menge Politiker_innen, die gerne ambitionierte Reden halten und mit großen Worten eine nachhaltige und generationengerechte Zukunft ankündigen.

Größte junge Generation der Geschichte braucht mehr Mitsprache

Nach all diesen enthusiastischen Reden und große Worten müssen nun Taten folgen. Es ist immer leichter, zu reden, als zu handeln. Genau da stößt auch das Jugendforum an seine Grenzen: Wie kann es sein, dass den jungen Redner_innen zur Präsentation ihrer Politikempfehlungen lediglich fünf Minuten pro Arbeitsgruppe eingeräumt werden? Wie kann es sein, dass die Politiker_innen deutliche höhere Redeanteile haben als die Jugendlichen, wenn das Motto doch „Create YOUR vision“ lautet und nicht „Listen to the vision of politicans“?

Wie kann es sein, dass all den jungen Menschen, die sich unter der Woche so viel Zeit für dieses Forum genommen haben, keine konkreten nächsten Schritte im Umgang mit der „Roadmap of Solutions“ genannt wurde? Für uns ist es nicht ausreichend und nicht hinnehmbar, lediglich zu hören, dass Bundesminister Müller versuchen wird, diese Empfehlungen in eine andere Konferenz einfließen zu lassen.

Als größte junge Generation der Geschichte fordern wir, dass unsere Ideen und Empfehlungen ernst genommen und angemessen umgesetzt werden – sei es in der (inter-)nationalen Klimapolitik, im Kampf gegen jegliche Formen von Diskriminierung oder in der afrikanisch-europäischen Partnerschaft. Wie gesagt: Worte reichen nicht, Taten müssen folgen!

Wir erwarten, dass all unser Engagement auf allen politischen Ebenen nicht nur mit netten oder vielsprechenden Worten, sondern mit konkreten Taten gewürdigt wird!

Nächster Mitspracheversuch: Gemeinsam für eine nachhaltige Zukunft

Die Erarbeitung der AU-EU-Strategie, die nun im kommenden Frühjahr während des geplanten AU-EU-Gipfels fertig sein soll, wäre eine Möglichkeit für konkrete Taten. Die Jugend steht dafür bereit: Mit der Energie und dem Willen, jugendpolitische Forderungen in die AU-EU-Strategie zu integrieren, haben wir uns Ende September mit rund 30 Jugendvertreter_innen aus Afrika und Europa zu dem hybriden Seminar „How can we shape governmental institutions in Africa and Europe to increase youths’ trust and participation in politics“ getroffen.

Gemeinsam haben wir einen Zehn-Punkte-Plan mit Forderungen zur afrikanisch-europäischen Partnerschaft erstellt. Sie spiegeln den Zeitgeist unserer Generation wider und haben zum Ziel, das Vertrauen junger Menschen in politische Institutionen zu erhöhen.

Unsere Forderungen sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt: Auf der Makroebene fordern wir eine institutionalisierte Jugendbeteiligung entlang des Politikzyklus sowie eine bessere finanzielle Ausstattung von jugendpolitischen Aktivtäten. Auf der Mikroebene geht es uns unter anderem um die Erstellung eines jährlichen Berichts, in dem AU und EU erklären, inwieweit sie jugendpolitische Forderungen im Berichtszeitraum umgesetzt haben, sowie um eine bessere Nachvollziehbarkeit von politischen Diskussionen durch die Verwendung leicht-verständlicher Sprache oder den Ausbau von kulturellen Austauschprogrammen zwischen Afrika und Europa.

Diese Ergebnisse haben wir auch in kurzen Videostatements veröffentlicht. Wir haben sie zudem am 16. Oktober bei der Konferenz zur Afrika-Europa-Partnerschaft von VENRO auf einem Panel mit Jutta Urpilainen, der EU-Kommissarin für internationale Partnerschaften, sowie in einem anschließenden Workshop vorstgestellt.

Das digitale Zeitalter und die einfache Nutzung virtueller Formate haben es möglich gemacht, im kleinen Workshop-Format unseren Zehn-Punkte-Plan zu erstellen und in einem größeren Format bei der Jugendkonferenz an der „Roadmap of Solutions“ mitzuwirken. Aber ganz gleich wie die verschiedenen Positionspapiere bezeichnet oder ausgestaltet werden: Eine bloße Vorstellung und Veröffentlichung der Ergebnisse reicht nicht aus. Es liegt an uns, aufmerksam zu überprüfen, ob und wie entschieden die Politik unsere Empfehlungen umsetzt. Und es liegt auch an uns, weiterhin in Gesprächen und auf Konferenzen Politiker_innen die Wichtigkeit von echter Jugendbeteiligung vor Augen zu führen.

Felix Kaminski und Sophia Bachmann sind die amtierenden Jugenddelegierten für Nachhaltige Entwicklung für Deutschland. Sie begleiten die deutsche Nachhaltigkeitspolitik und vertreten die Interessen junger Menschen bei nationalen und internationalen Veranstaltungen wie dem Hochrangigen Politischen Forum für Nachhaltige Entwicklung (High Level Political Forum for Sustainable Development, HLPF).

„Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit brauchen wir ein gemeinsames Verständnis von Ursachen und Lösungen“

19. Oktober 2020 - 11:53

Die afrikanisch-europäischen Beziehungen sind vielschichtig und nicht frei von Spannungen. Dennoch sieht Jane Nalunga, die Direktorin des Southern and Eastern Africa Trade Information and Negotiations Institute (SEATINI) in Uganda, viele Möglichkeiten für eine konstruktive und solidarische Zusammenarbeit auf Grundlage der Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030.

Almost a year ago, the newly appointed President of the EU Commission met with the Chairperson of the AU Commission during her first official trip abroad. She repeatedly announced that the EU Commission wants to take the AU-EU partnership to a “new level”. Do you see any improvement in that sense?

The commitment is welcome though we are yet to see it transformed into practical results that will structurally transform Africa’s economies. Although there has been bilateral assistance from the EU and the recognition that there are potential mutual benefits arising from the partnership, the historically unequal relationship has persisted. Such instances as the EU’s undue pressure on African countries to conclude the contentious Economic Partnership Agreements depicted a move away from the development intent to the pursuit of the EU’s objectives of increasing trade. But the AU has also failed to overcome the dependency syndrome and to come up with a coherent cooperation strategy for the EU.

The relations between African and European civil society are also not free of difficulties and misunderstandings. Which imbalances do you perceive? And what do we need to do to take our partnership to the “next level”?

While there is a lot in common between African and European civil society especially in terms of their fight for justice and a fair world, there is a power imbalance based on access to resources like finances, information and spaces for engagement. This has sometimes led to a skewed relationship between the two sides. European civil society should appreciate the challenges facing African civil society, especially in terms of access to resources and the complicated operating environment. The two parties should work under the principles of solidarity, mutual respect and complementarity while respecting diverging views, cultural sensitivities and priorities.

Which are the issues of common interest that both African and European citizens would benefit from and that the AU and EU should therefore focus on?

Both African and European citizens should push the AU and EU to focus on addressing the root causes of poverty and inequality within and between nations. This will entail the AU and EU working in concert to ensure that policies at their respective national, regional and multilateral levels promote sustainable people centred development as provided for in the Sustainable Development Goals (SDGs).

We continue to witness glaring inequality, for example in relation to climate justice, the distribution of wealth or the access to political and social rights. How can African and European civil society better coordinate their efforts to jointly tackle these challenges?

In order for the African and European civil society to jointly tackle these challenges, they should first of all develop a common understanding of the root causes and solutions to these challenges. This will facilitate successful joint engagement with the duty bearers in both Africa and the EU. For example, the challenges related to climate justice and the distribution of wealth are as a result of the promotion of the discredited neoliberal policies that facilitate unbridled capitalism. Yet some civil society members may see capitalism as as the solution. Joint advocacy cannot be sustained under such circumstances.

A new generation of young activists has entered the political arena with global concerns like climate change on their minds and digital communication tools in their hands. In how far does that change our mutual perception? Can we hope for more exchange and solidarity between people in Africa and Europe?

The young activists, facilitated by digital platforms, provide a ray of hope to promote solidarity between Africa and Europe. The dynamism and enthusiasm from the young people to advocate for such diverse issues as climate change, debt, fair taxation among others is refreshing. It is important that these efforts are channelled into engagement with power centres to ensure policy changes that will structurally transform African economies and eradicate inequality and poverty.

Jane S. Nalunga ist Direktorin des Southern and Eastern Africa Trade Information and Negotiations Institute (SEATINI) in Uganda. Sie war Podiumsteilnehmerin bei der Konferenz “Civil Society Driving Change: Towards a New Quality of the Africa-Europe Partnership“ am 16. Oktober 2020.

“Civil Society Driving Change“ – Für eine neue Qualität der afrikanisch-europäischen Partnerschaft

15. Oktober 2020 - 16:34

Die Afrikanische Union (AU) und die Europäische Union (EU) streben seit vielen Jahren eine enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit an. Die Verschiebung des sechsten AU-EU-Gipfels, der für Oktober 2020 geplant war, ist jedoch ein weiterer Beleg für die halbherzigen politischen Beziehungen zwischen AU und EU. Es ist jetzt höchste Zeit, die Zivilgesellschaft in einen integrativen und offenen Prozess einzubinden, um eine faire und gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Afrika und Europa aufzubauen.

Die afrikanischen und europäischen Gesellschaften sehen sich einer ständig wachsenden Zahl gemeinsamer Herausforderungen und Probleme gegenüber. Dazu zählen die Eindämmung der Coronavirus-Pandemie, Multilateralismus und Klimaschutz; funktionierende Gesundheitssysteme, Menschenrechte und soziale Sicherung; ländliche Entwicklung und Ernährungssicherheit; lokale Wertschöpfungsketten und faire Handelsbeziehungen; menschenwürdige Arbeitsplätze und sichere Migrationsrouten; Korruption und illegale Finanzströme; Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit; Digitalisierung und zivilgesellschaftliches Engagement; und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit.

Allein diese kurze Aufzählung zeigt, dass eine enge und solidarische Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa notwendig ist. Aber die Verschiebung des AU-EU-Gipfels auf 2021, der ähnlich dem EU-China-Gipfel digital hätte stattfinden können, oder die zähen Verhandlungen über den EU-Haushalt und den Aufbauplan „Next Generation EU“, die den globalen Süden weitgehend vernachlässigt haben, sprechen eine andere Sprache. Weder die nationalen Regierungen noch die deutsche EU-Ratspräsidentschaft oder die Institutionen von AU und EU haben ihr Versprechen eingelöst, die afrikanisch-europäischen Beziehungen voranzutreiben. Im Gegenteil, sie scheinen in althergebrachten Abhängigkeiten und Ritualen gefangen zu sein.

Zivilgesellschaft als Bindeglied zwischen lokaler und kontinentaler Ebene

Politische Initiativen wie die Afrika-EU-Partnerschaft oder die AU-EU-Strategie sollten sich zum Wohle der Menschen mit all diesen Fragen befassen und Lösungen vorschlagen. Doch obwohl sie sich auf das Leben von mehr als 1,6 Milliarden Menschen auswirken, sind diese Prozesse der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Bürgerinnen und Bürger können jedoch nur dann wirklich von politischen Entscheidungen profitieren, wenn sie sie verstehen beziehungsweise die Möglichkeit haben, sie zu beeinflussen.

Die Beziehungen zwischen Afrika und Europa müssen daher viel mehr sein als nur ein formaler Prozess zwischen Regierungen. Und tatsächlich sind sie das bereits: AU, EU und die nationalen Regierungen müssen den positiven Beitrag afrikanischen und europäischen Zivilgesellschaften bei der Förderung von Demokratie, Menschenrechten, Frieden und dem Wohlergehen der Menschen anerkennen. Die beeindruckenden Leistungen der Zivilgesellschaften während der Coronavirus-Pandemie sind nur das jüngste Beispiel dafür, wie bürgerschaftliches Engagement und internationale Solidarität zu menschlicher Entwicklung beitragen.

In ihrer Funktion als Brücke zwischen der lokalen und der politischen Ebene kann die Zivilgesellschaft die afrikanisch-europäische Partnerschaft transparenter und zugänglicher machen. Dies setzt jedoch voraus, dass sie mit am Tisch sitzt – und zwar am besten in einer Konstellation, die die kulturelle und soziale Diversität unserer beiden Kontinente widerspiegelt. Dazu gehören unter anderem auch Diasporagruppen, Graswurzelbewegungen, indigene Völker oder Jugendinitiativen.

Echte Mitwirkung und neue Formen digitaler Zusammenarbeit notwendig

In den letzten Monaten und Jahren hat die Zivilgesellschaft wiederholt echte Konsultationen der AU und EU mit Bürger_innen aus beiden Kontinenten angemahnt. Die Verschiebung des AU-EU-Gipfels auf 2021 bietet zumindest die Möglichkeit, eine solche Beteiligung nun systematisch zu organisieren. Mittel- bis langfristig muss sie aber in Form von regelmäßigen Konsultationen und Mitwirkungsmöglichkeiten institutionalisiert werden. Dazu brauchte es klar definierte Verfahren und finanzielle Unterstützung.

Neue Formen der digitalen Zusammenarbeit können dazu beitragen, lokales Wissen zu nutzen und politische Beteiligung zu fördern. So hat VENRO im Vorfeld der deutschen EU-Ratspräsidentschaft rund 70 Nichtregierungsorganisationen aus Afrika und Europa zum mehrwöchigen Digital Africa Forum eingeladen. Auf dieser Grundlage wurde das Positionspapier „Für eine faire Partnerschaft zwischen Afrika und Europa“ erarbeitet, das konkrete Forderungen an die Bundesregierung enthält.

VENRO und seine Partner im EU-Präsidentschaftsprojekt “Towards an open, fair and sustainable Europe in the world” – der europäische Dachverband entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen (CONCORD) sowie die portugiesischen und slowenischen NRO-Plattformen – werden diesen Weg weiter verfolgen. Am 16. Oktober findet die hybride Konferenz “Civil society driving change: Towards a new quality of the Africa-EuMirope partnership” unter breiter Beteiligung der afrikanischen und europäischen Zivilgesellschaft und politischer Entscheidungsträger statt. Mehr als 400 Teilnehmer haben sich angemeldet und werden konkrete Ideen und Empfehlungen zur Verbesserung der afrikanisch-europäischen Beziehungen beisteuern.

Diese Beispiele zeigen, dass ein starker Wunsch besteht, gemeinsam über unsere Zukunft zu diskutieren. Eine neue Qualität der afrikanisch-europäischen Partnerschaft kann jedoch nur erreicht werden, wenn die afrikanische und die europäische Zivilgesellschaft als treibende Kraft des Wandels anerkannt und in die Lage versetzt werden, ihr Fachwissen einzubringen. Die derzeitige deutsche und die nachfolgende portugiesische EU-Präsidentschaft sollten die verbleibende Zeit bis zum AU-EU-Gipfel 2021 nutzen, um diese Einbeziehung zu organisieren.

One Health – Der Ansatz für eine ganzheitliche Gesundheit

14. Oktober 2020 - 12:34

Die Corona-Pandemie zeigt, wie eng unsere Gesundheit mit der unserer Umwelt verbunden ist und wie sehr dieses Verhältnis aus der Balance geraten ist. One Health ist ein Ansatz, der die Gesamtgesundheit des Ökosystems betrachtet und im Ergebnis die menschliche Gesundheit verbessern kann.

Im Einklang mit der Natur leben – diesen Wunsch hegen einige von uns, und doch bleibt er heute (meist) ein idealistischer Traum. Unser Verhalten schadet der Natur. Zunehmend überschreiten wir die Grenzen der Belastbarkeit der Erde. Dies äußert sich durch Artensterben, Klimakrise und zuletzt die Corona-Pandemie, ausgelöst durch ein Virus, übertragen von Tier auf Mensch, eine sogenannte Zoonose. Diese entwickeln sich besonders dann, wenn Tiere unter unnatürlichen Bedingungen leben und in den Kontakt mit Menschen kommen. Ein naheliegendes Beispiel dazu ist die Massentierhaltung. Eine sehr große Anzahl von Tieren wird in nicht artgerechten Ställen auf sehr wenig Raum einzwängt, was ihr Immunsystem schwächt. Gleichzeitig kommen die Tiere oder ihre Ausscheidungen in den Kontakt mit Menschen. Solche Lebensbedingungen für Tiere und Arbeitsbedingungen für Menschen begünstigen die Entstehung von Zoonosen.

Die Pandemie führt uns vor Augen, wie eng unsere Gesundheit mit der unserer Umwelt verbunden ist und wie sehr das Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Umwelt aus der Balance geraten ist. Wie finden wir zu einem ausgewogenen Verhältnis zurück?

One Health betrachtet die komplexen Synergien zwischen Menschen, Tier und Umwelt

One Health setzt genau an diesem Punkt an und fordert dazu auf, die komplexen Synergien zwischen Menschen, Tier und Umwelt in unserem Handeln in den Blick zu nehmen. One Health ist ein Ansatz, der die Gesamtgesundheit des Ökosystems betrachtet und dabei nicht zwangsläufig den Menschen in den Mittelpunkt stellt, aber im Ergebnis die menschliche Gesundheit verbessern kann. So können zum Beispiel Projekte, die auf den Schutz der Wälder abzielen, gleichzeitig den Wald als Lebensraum für Wildtiere erhalten und die Landrechte indigener Bevölkerungen einbeziehen.

One Health bedeutet, sektorübergreifend zusammenzuarbeiten und Silo-Denken zu überwinden. Damit bietet der Ansatz eine erfolgversprechende Herangehensweise zu komplexen Problemen unserer Zeit und dient der Umsetzung der Agenda 2030 insgesamt – mit all ihren sozialen, ökologischen und ökonomischen Dimensionen.

Landwirtschaftliche Familienbetriebe als Vorbild

Viele ländliche Bevölkerungen und indigene Gruppen leben schon seit langer Zeit nach der Idee von One Health. Der Ansatz ist eng mit der Agrarökologie verbunden, wodurch landwirtschaftliche Ökosysteme, unter anderem durch Diversität im Anbau, widerstandsfähiger gemacht werden. Agrarökologie basiert auf lokalem und traditionellem Wissen und stellt eine Alternative zur konventionellen, industrialisierten Landwirtschaft dar. Durch die Umsetzung agrarökologischer Prinzipien kann die Einkommens- und Gesundheitssituation kleinbäuerlicher Familienbetriebe langfristig verbessert werden. Auch für die Natur wirkt sich diese Art der Landwirtschaft positiv aus, denn sie trägt zu verbesserter Bodenqualität und Biodiversität bei. Richtig umgesetzt, kann Agrarökologie auch Kohlenstoff zurück in den Boden binden.

Traditionelles Wissen schützen und nutzen

Von unseren Partner_innen wissen wir: Dieses traditionelle Wissen und die Praxis stehen unter ständiger Bedrohung durch Landraub, Abholzung oder anderweitige Interessen. In Brasilien beispielsweise stellt der Kampf um Land ein dauerhaftes Problem für tausende Familien dar. Deren Landrechte stehen unter der Regierung von Präsident Jair Bolsonaro mehr denn je auf der Kippe. Ohne Land gibt es keine kleinbäuerliche Landwirtschaft und ohne diese fehlt es an Einkommensmöglichkeiten für die ländliche Bevölkerung. Soziale Ungleichheit und Armut werden weiter geschürt.

Auch für die Natur hat das schlimme Folgen. Wenn immer mehr Land immer weniger Menschen gehört, hat deren Umgang damit umso größere Folgen für Umwelt, Tier und Mensch.

Demzufolge hat One Health eine starke menschenrechtliche Dimension. Wenn wir Mensch, Tier und Umwelt in Einklang bringen wollen, müssen wir einander friedlich koexistieren lassen, gemeinsam die Schöpfung bewahren. Die Menschenrechte auf Nahrung und Gesundheit müssen verwirklicht werden.

One Health, das neue Modewort des Gesundheitssektors?

Seit der COVID-19-Pandemie hat One Health starken Rückenwind bekommen. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat den Ansatz zu einem handlungsleitenden Prinzip erklärt und erarbeitet aktuell eine Umsetzungsstrategie dazu. Es ist unbedingt zu begrüßen, wenn die systemorientierte Betrachtung globaler Herausforderungen zunimmt.

Die bisherige Umsetzung des One Health-Ansatzes greift allerdings zu kurz und fokussiert fast ausschließlich auf Zoonosen und die Verhinderung von Pandemien. Dadurch besteht die Gefahr, dass One Health zu einer Worthülse wird, ähnlich wie die inflationäre Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffes. Altbestehende Silos werden aufrechterhalten und grün ‚überpinselt‘. In der Realität ändert sich aber nichts. Dabei ist One Health so viel mehr als Krisenmanagement! Und nur eine konsequente Umsetzung des One Health-Ansatzes kann Wirkung zeigen, auch um Pandemien zu verhindern.

Fakt ist: Das Wissen und die Lösungsansätze für die komplexen Probleme unserer Zeit sind da. Was bisher fehlt, ist der politische Wille zur Umsetzung. Deshalb fordern wir, dass One Health als der holistische Ansatz realisiert wird, als der er gedacht wurde und als der er Mensch, Tier und Umwelt zum Einklang verhilft.

Dieser Blogbeitrag ist in leicht abgewandelter Form zunächst bei unserer Mitgliedsorganisation Brot für die Welt erschienen.