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Aktualisiert: vor 6 Stunden 6 Minuten

Treibhausgase in der Tiefe speichern

27. Juli 2020 - 0:00

Um die Erderwärmung zu begrenzen, müssen in Zukunft Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernt werden – anders lassen sich die Klimaziele kaum mehr erreichen. Eine Methode wäre, Kohlendioxid dauerhaft unter der Erde zu speichern. Geophysiker Prof. Dr. Christian Hübscher findet jedoch immer wieder Störungen und Lecks in potenziell geeigneten Speicherstätten.

Die Europäische Union (EU) hat sich verpflichtet, ab 2050 klimaneutral zu sein. So möchte sie das im Pariser Klimaabkommen vereinbarte globale Klimaziel erreichen. Doch voraussichtlich werden sich nicht sämtliche Treibhausgase vermeiden lassen. Emissionen aus dem Flugverkehr, der Landwirtschaft oder aus energieintensiven Industrien bleiben laut Bundesumweltministerium sehr wahrscheinlich. Um das Ziel dennoch zu erreichen, muss die EU sogenannte negative Emissionen erzeugen. Dabei werden Abgasen oder der Luft gezielt Treibhausgase wie zum Beispiel Kohlendioxid (CO2) entzogen.

Dauerhaft im Untergrund speichern

Einige Maßnahmen stehen schon heute zur Verfügung, etwa die Technologie CCS. Die Abkürzung steht für „Carbon Capture and Storage“, die Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoff. Dies kann direkt in Kraftwerken oder Fabriken stattfinden oder mittels chemischer Prozesse direkt aus der Umgebungsluft heraus. Anschließend soll das CO2 in Gesteinsschichten tief unter der Erde gespeichert werden. 

In Deutschland gibt es seit 2012 ein Kohlendioxid-Speicherungsgesetz. Es regelt, was zukünftig erlaubt ist und was nicht. Das Gesetz beschränkt beispielsweise die jährliche Speichermenge im gesamten Bundesgebiet auf maximal vier Millionen Tonnen. Eine Länderklausel regelt außerdem, dass die Bundesländer über die Anwendung der Technologie weitgehend selbst entscheiden können. In Brandenburg gibt es bisher das deutschlandweit einzige wissenschaftliche Projekt zu Speichermöglichkeiten. Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben eigene Gesetze verabschiedet und damit die Speicherung von CO2 auf ihrem Gebiet ausgeschlossen.

Prof. Dr. Christian Hübscher ist trotzdem auch in diesen Gebieten unterwegs. Als Geophysiker forscht er am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. „Obwohl sich die norddeutschen Bundesländer gegen die Speicherung von CO2 entschieden haben, sollten wir den Untergrund trotzdem genau untersuchen“, sagt Hübscher. „Kommt das Thema wieder auf die Agenda, sind wir vorbereitet.“ Mit zwei neuen Studien legen Hübscher und sein Team jetzt Ergebnisse für Norddeutschland und die Nordsee-Region Skagerrak vor.

Eiszeit und Plattentektonik rütteln am Gestein

Für die Speicherung sind vor allem Schichten in 500 bis 4.000 Meter Tiefe geeignet wie etwa poröse Gesteine oder Schichten, die von Salzwasser durchzogen sind. Dies können ausgediente Öl- oder Gasfelder und Salzstöcke sein. Sie müssen allerdings nach oben hin streng abgedichtet sein, zum Beispiel durch eine Lage Tonstein. Solche Deckschichten untersucht Christian Hübscher mit seinem Team. 

Prof. Dr. Christian Hübscher

„In Norddeutschland sind mächtige geologische Prozesse am Werk, auch wenn wir davon normalerweise kaum etwas spüren. Dadurch können in diesen Schichten Störungen und Risse entstehen, die teilweise bis an die Oberfläche reichen“, sagt Hübscher. „Viele Prozesse laufen seit dem Ende der letzten Eiszeit und dauern bis heute an. Aktuell untersuchen wir jedoch erstmals auch den Einfluss der Plattentektonik.“

So bewegen sich die eurasische und die afrikanische Erdplatte aufeinander zu und das Atlantikbecken öffnet sich. Für Norddeutschland bedeutet dies zum Beispiel, dass der unterirdische und immer noch aktive Glückstadtgraben weite Teile Schleswig-Holsteins beeinflusst. „Wir konnten aktuell eine frische Bruchstelle im Osten des Grabens direkt über einem Salzstock nachweisen“, sagt Hübscher. „Entlang der Brüche können Flüssigkeiten und Gase aufsteigen. Durch solch ein Leck könnte hier gelagertes CO2 entweichen und wieder in die Atmosphäre gelangen.“ Bei der Auswahl geeigneter CO2-Speicher müssten solche Strukturen deshalb bekannt sein.

CO2 in den Meeresboden pressen?

Auch tief im Meeresboden könnte CO2 eingelagert werden: Zwischen Dänemark und Norwegen gilt eine Sandsteinschicht in ein bis zwei Kilometern Tiefe als geeignet. Diese Schichten hat Hübscher mit seinem Team von Bord des Forschungsschiffes „Alkor“ genau untersucht. Mit speziellen Messungen konnten sie nachweisen, dass dort an vielen kleinen Kratern im Meeresboden Gase austreten. Sie strömen durch Risse und Brüche im Gestein bis an die Oberfläche des Meeresgrundes. Würde dort CO2 eingelagert, könnte es entlang derselben Wege bis ins Meerwasser gelangen. „Alle infrage kommenden Lagerstätten sollten deshalb gezielt auf geologische Störungen in den Deckschichten untersucht werden“, sagt Hübscher. Seine Erfahrung dabei: Es kommt besonders darauf an, die passende Messmethode für jeden Untergrund zu finden. Denn nur wer ganz genau hinsieht, kann abschätzen, ob eine CO2-Endlagerung tatsächlich für viele Jahrhunderte sicher sein kann.

Foto: Jonas Preine/UHH

Dr. habil. Aike Beckmann verstorben

21. Juli 2020 - 0:00

Das CEN und die CEN School trauern um Dr. habil. Aike Beckmann. Als Dozent in der Meereskunde und im Studiengang für integrierte Klimasystemwissenschaften (ICSS) hat er über viele Jahre die Ausbildung von Studierenden und Doktoranden geprägt und wichtige Impulse gegeben. Anfang der vergangenen Woche ist er unerwartet verstorben.

Nach mehrjähriger Tätigkeit an der Universität in Helsinki, Finnland, kehrte Aike Beckmann nach Deutschland zurück und übernahm 2007 eine Vertretungsprofessur am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg. Mit Start des Exzellenzclusters für Klimaforschung CliSAP übernahm er außerdem als Dozent und Leiter des Prüfungsausschusses grundsätzliche akademische Aufgaben in der neu gegründeten „School of Integrated Climate System Sciences“ (SICSS). Er lehrte im internationalen Studiengang ICSS die notwendigen Grundlagen zur Einführung in die Klimawissenschaften, beriet die Studierenden akademisch und bereitete sie auf das Studium vor.

Dr. Beckmann leistete wichtige Beiträge für die Entwicklung des Curriculums der SICCS, baute den englischsprachigen Masterstudiengang von Anfang an mit auf und entwarf dabei Lehrmodule und die Prüfungsstruktur. Als strukturierter Denker hatte er die Qualitätssicherung immer im Blick, suchte beständig nach Verbesserungsmöglichkeiten und trieb die akademische Weiterentwicklung der Programme voran. Für viele Studierende aus dem In- und Ausland waren die von ihm gelehrten Anfangskurse in Mathematik und Physik sowie die Einführung in die Klimasystemwissenschaften eine essentielle Vorbereitung für das Studium.

Die Lehre lag Aike Beckmann sehr am Herzen. Ihm war es wichtig, die Studierenden der verschiedenen Fächer auf ein möglichst einheitliches Leistungsniveau zu bringen, um ihnen so den Weg in das neue Fach zu ebnen. Wir werden sein Engagement, seine klare Art und unbedingte Verlässlichkeit vermissen und in guter Erinnerung behalten.

Foto: UHH/CEN

Permafrost: Pflanzenwurzeln erhöhen Ausstoß von Treibhausgasen

20. Juli 2020 - 0:00

Wie viel Kohlenstoff wird freigesetzt, wenn Permafrostböden in der Arktis auftauen? Dies können Klimamodelle noch nicht sicher vorhersagen. Ein internationales Forschungsteam hat jetzt die Rolle von Pflanzenwurzeln untersucht. Diese geben sogenannte Exsudate an den Boden ab und beschleunigen damit das Wachstum von Mikroben und somit auch die Zersetzung des organischen Bodenmaterials. Dieser positive Feedback-Mechanismus wird als Priming-Effekt bezeichnet. Die Ergebnisse zeigen, dass bis zum Jahr 2100 allein dieser Effekt 40 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus den vom Permafrost beeinflussten Böden freisetzen kann. Professor Christian Beer vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg war an der Studie beteiligt.

Permafrost ist ein dauerhaft gefrorener Boden, in dem so viel Kohlenstoff gespeichert ist, wie in allen Pflanzen und in der Atmosphäre zusammen. Die Oberfläche des Permafrosts taut im Sommer auf, die Pflanzen wachsen und Organismen im Boden werden aktiv. Wenn solche Mikroorganismen atmen, setzen sie Treibhausgase frei. Bisher haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angenommen, dass durch die globale Erwärmung 50 bis 100 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus dem Permafrost bis zum Jahr 2100 entweichen könnten. Hinzu kommt jedoch, dass Pflanzenwurzeln den Mikroorganismen im Boden Zucker zuführen. Diesen nutzen die Mikroben, um mehr organische Bodensubstanz abzubauen. Die neue Studie zeigt, dass dieser Effekt die Emissionen zusätzlich erhöht.

„Wir kennen den Priming-Effekt seit den 1950er Jahren, aber wir wussten nicht, ob diese ökologische Wechselwirkung auf kleinstem Raum einen signifikanten Einfluss auf den globalen Kohlenstoffkreislauf hat", sagt Studienleiterin Dr. Frida Keuper vom französischen nationalen Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt, INRAE und der Universität Umeå in Schweden.

Das Forscherteam kombinierte Daten zur Pflanzenaktivität und zum Kohlenstoffgehalt des Bodens mit neuen Erkenntnissen zu Priming und Pflanzenwurzeln, um den Priming-Effekt in Permafrost-Ökosystemen und seinen Einfluss auf die Emissionen zu ermitteln.

Professor Christian Beer

„Wir haben berechnet, dass der Priming-Effekt die mikrobielle Atmung des Bodens um 12 Prozent erhöht“, sagt Prof. Christian Beer vom CEN. „Das bedeutet rund 40 Milliarden Tonnen Kohlenstoff mehr, als die bisherigen Berechnungen bis 2100 angeben. Eine enorme Menge.“ Soll die globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius begrenzt werden, entspricht dies 20 Prozent des gesamten verbleibenden Kohlenstoff-Budgets, das höchstens in die Atmosphäre gelangen darf.

"Die neuen Erkenntnisse zeigen, wie wichtig es ist, bei der Modellierung der globalen Treibhausgasemissionen auch ökologische Wechselwirkungen wie den Priming-Effekt zu berücksichtigen", sagt Dr. Birgit Wild, Assistenzprofessorin an der Universität Stockholm.

Foto: Ive van Krunkelsven

Klimaschutz – im Namen des Gesetzes

17. Juli 2020 - 0:00

Als erstes Bundesland überhaupt gab sich Hamburg 1997 ein Klimaschutzgesetz – und galt damit als fortschrittlich. Doch das Gesetz war in die Jahre gekommen, die Stadt wurde von mehreren Ländern und dem Bund überholt. Seit Februar hat die Hansestadt nun ein neues Gesetz. Was bringt die Neuauflage?

Mich interessiert, wie die Klimagesetze des Bundes und der Länder wirken. Als Jurist für Verwaltungsrecht habe ich deshalb auch das neue Hamburger Gesetz genau untersucht und im Exzellenzcluster für Klimaforschung der Universität Hamburg diskutiert. Was wird sich ändern? Was möchte die Politik erreichen – und steht das im Text? Wie stark sind die Ziele formuliert? Und können sie ihre Wirkung entfalten?

Experte für die Klimagesetze der Bundesländer: Martin Wickel. Foto: privat

Die wichtigste Neuerung sind konkrete Ziele, um Treibhausgase zu vermindern. Demnach soll der Ausstoß von Kohlendioxid, kurz CO2, stufenweise reduziert werden: bis zum Jahr 2030 um 55 Prozent und bis zum Jahr 2050 um 95 Prozent – bezogen auf den Ausstoß von 1990. Bisher waren die Zahlen nur im Hamburger Klimaplan festgeschrieben. Die nächste Regierung hätte die Ziele wieder kippen können.

Jetzt stehen die Ziele im Gesetz. Sie sind damit dauerhaft installiert und für den Senat, für die Verwaltung und die Gerichte bindend. Das heißt aber noch nicht, dass eine Bürgerin oder ein Verband im Jahr 2031 klagen könnten, sollte Hamburg die gesteckten Ziele nicht erreichen. Dazu müsste erst ein Klagerecht eingeführt werden. Das wird jedoch am ehesten auf europäischer Ebene geschehen.

Trotzdem entfalten die Vorgaben ihre Wirkung. Die gesamte Verwaltung soll den eigenen Betrieb bis 2030 klimaneutral gestalten. Verschiedene Bereiche wie etwa die Stadtentwicklung oder die Verkehrsplanung sind verpflichtet, sich in Zukunft stärker am Klimaschutz zu orientieren. Und auch die Gerichte werden dem mehr Gewicht geben. Ein Beispiel: Würde beschlossen, dass Gebäude in einem Gebiet nicht mehr mit fossilen Brennstoffen wie Öl oder Gas beheizt werden dürfen, dann wäre das zunächst ein tiefer Eingriff in das Eigentumsrecht. Dagegen könnten Eigentümerinnen klagen. Doch ein Richter wird in Zukunft den Klimaschutz stärker berücksichtigen, da dieser nun ebenfalls gesetzlich verankert ist.

Alle zwei Jahre muss der Senat die aktuellen CO2-Einsparungen bekannt geben. Alle vier Jahre wird der Klimaplan angepasst, sollten die Fortschritte nicht ausreichen. Darüber hinaus hat Hamburg den Klimaschutz neu in die Präambel der Verfassung aufgenommen. Hier steht jetzt: „Insbesondere nimmt die Freie und Hansestadt Hamburg ihre Verantwortung für die Begrenzung der Erderwärmung wahr“ – damit ist Klimaschutz Staatsziel.

Allerdings gibt es auch Lücken. Ich habe lange gesucht, doch Hamburg hat tatsächlich nur CO2 als klimawirksames Gas erwähnt. In anderen Gesetzen werden meist weitere Treibhausgase wie Methan genannt. Zurzeit überwiegen die CO2-Emissionen deutlich. Aber langfristig müssen auch die anderen Treibhausgase reduziert werden.

Im Ganzen zielt das Gesetz darauf ab, den Klimawandel zu vermindern. Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen hätten jedoch ausführlicher geregelt werden können. Denn Hamburg kann mit Hochwasser, steigenden Temperaturen, Starkregen oder Trockenheit rechnen – und muss sich darauf vorbereiten. Deshalb sollten Anpassungen im Gesetz gleichberechtigt verankert sein.

Insgesamt ist das Gesetz ein großer Gewinn. Doch nicht alles hat Hamburg selbst in der Hand. Es kann weder bestimmen, wie Autos betrieben werden noch die gesamte Stromproduktion in der Stadt umstellen. Ob es die geplanten 55 oder 95 Prozent wirklich erreicht, hängt zu einem großen Teil von Bundesgesetzen oder europäischen Richtlinien ab. Wenn auch dort die richtigen Entschlüsse für den Klimaschutz gefasst werden, bleibe ich optimistisch.

Foto: Pixabay/succo

Wie klimafreundlich ist das Corona-Konjunkturpaket?

14. Juli 2020 - 12:00
Zum kürzlich beschlossenen Konjunkturpaket der Bundesregierung gehören neben Kinderbonus und Mehrwertsteuer-Senkung auch Hilfen für Unternehmen in Milliardenhöhe. Ob diese Maßnahmen die Klimaschutzziele der Bundesrepublik unterstützen, hat die Wissenschaftsplattform Klimaschutz untersucht – ein Gremium, das die Bundesregierung bei der Umsetzung ihrer Klimaschutzziele unterstützt. Zum zehnköpfigen Lenkungsgremium gehören zwei Forschende der Universität Hamburg: Prof. Dr. Timo Busch (Sozialökonomie) und Prof. Dr. Anita Engels (Sozialwissenschaften).

Foto: UHH/ S. Engels

„Gewitter können sich vermehren“

8. Juli 2020 - 0:00
Gewitter erschaffen Kältezonen, die neue Gewitter erzeugen können. Computersimulation zeigen diesen Effekt, aber wie sieht er in der Natur aus? Ein Forschungsteam der Universität Hamburg und des Max-Planck-Instituts für Meteorologie ist dem echten Phänomen nun auf der Spur: mit 100 Messstationen in ganz Hamburg.

Foto: UHH/Ohme

Wissenschaft und Politik im Krisen-Modus

7. Juli 2020 - 0:00

Während der Coronavirus-Pandemie ist die Wissenschaft gefragt. Keine politische Entscheidung wird ohne die Einschätzung von Epidemiologen und Virologinnen getroffen. Manch einer reibt sich verdutzt die Augen. Warum finden Expertinnen nicht auch bei anderen Themen so viel Gehör? Denn obwohl die Klimaforschung seit Jahrzehnten darauf hinweist, dass vom Menschen verursachte Treibhausgase das Leben und Überleben von Mensch und Natur beeinflussen, sind bislang keine nennenswerten Kohlendioxid-Einsparungen zu beobachten. Im Gegenteil, in den vergangenen 25 Jahren hat der globale Ausstoß deutlich zugenommen.

Was sagt das über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik aus? Als Wissenschaftssoziologin gehe ich am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg solchen Fragen nach. Insbesondere untersuche ich, welche Rolle wissenschaftliches Wissen in politischen Entscheidungen und öffentlichen Debatten spielt.

Dabei arbeite ich mit einem soziologischen Modell, das die Gesellschaft je nach Funktion in verschiedene Bereiche unterteilt. Ein Bereich ist die Politik, ihre Aufgabe es ist, für alle bindende Entscheidungen zu treffen. Die Massenmedien sorgen qua Öffentlichkeit für eine gemeinsam geteilte Hintergrundrealität angesichts dieses differenzierten Gesellschaftszustands.  Die Wissenschaft schließlich gewinnt neue Erkenntnisse und ist der anerkannte Faktenlieferant unserer Zeit. Dies gilt, obwohl ihr Wissen gerade bei neuen und politiknahen Themen unsicher und der Sachstand wie im Corona-Fall unter den Forschenden anhaltend und kontrovers diskutiert wird.

Prof. Dr. Simone Rödder

 Alle Bereiche sind dabei aufeinander angewiesen. Vereinfacht gesagt, gäbe es ohne das Geld aus der Wirtschaft keine Wissenschaft und Politik, ohne die Entscheidungen der Politik keine Wirtschaft und keine Wissenschaft und ohne Ereignisse in allen gesellschaftlichen Bereichen keine Nachrichten für die Medien. Hinzu kommen Differenzen innerhalb der einzelnen Bereiche: „Die“ Wissenschaft oder „die“ Wirtschaft gibt es nicht. Nicht einmal innerhalb der einzelnen Disziplinen oder Branchen sind sich alle einig.

Was heißt das für Klimaschutzmaßnahmen wie die Einsparung von CO2? Dies könnte durch den Ausbau erneuerbarer Energien erreicht werden. Photovoltaikanlagen-Hersteller begrüßen diesen wahrscheinlich, während Bergbau-Unternehmen ihn ablehnen. Physikerinnen und Geologen befürworten vielleicht den Bau von Windrädern, Stauseen und Photovoltaikanlagen, Biologen mahnen die negativen Folgen für die Umwelt an und Sozialwissenschaftlerinnen erinnern an den möglichen Verlust von Arbeitsplätzen. Und manch ein Physiker stellt die Frage, ob CO2-Einsparungen nicht viel eher durch eine Rückkehr zur Kernenergie erreicht werden können.

Die Wissenschaft liefert also Argumente. Diese konkurrieren aber mit denen der anderen gesellschaftlichen Bereiche. Sie zu bewerten und danach zu entscheiden ist Aufgabe der Politik. Jede politische Entscheidung ist somit das Ergebnis eines Prozesses, in dem Argumente abgewogen werden.

Es gibt verschiedene Institutionen, die diese Prozesse unterstützen und bestimmten Bereichen mehr Gehör verschaffen. Für die Wirtschaft sind dies unterschiedliche Lobbyverbände. Für die Wissenschaft leistet zum Beispiel der Weltklimarat Lobbyarbeit. Er veröffentlicht regelmäßig Berichte, die den Stand der Klimaforschung zusammenfassen. Damit bietet er der Politik die wissenschaftlichen Grundlagen, um fundierte Entscheidungen zu treffen.

Doch während der Corona-Pandemie ist alles anders: Plötzlich findet die Wissenschaft auch ohne Lobbyarbeit Gehör. Dies liegt vor allem an der Dringlichkeit. Im Gegensatz zum Klimawandel wird Corona als unmittelbare und persönliche Bedrohung wahrgenommen. Was passiert, passiert direkt – und mitten in der Amtszeit der Verantwortlichen. Dagegen werden die meisten Menschen, die heute klimapolitische Entscheidungen treffen, deren massivste Auswirkungen wohl nicht mehr miterleben.

Foto: Gerd Altmann/pixabay

Wie klimawirksam ist die deutsche Energiewende?

3. Juli 2020 - 0:00
Das Großprojekt „Ariadne“ soll die Energiewende wissenschaftlich begleiten. Prof. Dr. Grischa Perino aus dem Fachbereich Sozialökonomie und dem Exzellenzcluster „Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS)“ wird in einem Teilprojekt den europäischen Emissionshandel und seine Auswirkungen auf die nationale Politik untersuchen. Dafür erhält er über drei Jahre eine Förderung von rund 330.000 Euro.

Foto: Sebastian Engels

Neuer Hochleistungsrechner für die Erdsystemforschung

23. Juni 2020 - 0:00

Das DKRZ und die Firma Atos haben einen neuen Vertrag über die Lieferung eines Supercomputers unterzeichnet. Der Computer verfünffacht die Rechenleistung des DKRZ im Vergleich zum aktuell betriebenen Hochleistungsrechner und läuft auf Basis der neuesten BullSequana XH2000-Technologie.  Davon profitiert auch die Forschung im CEN und CLICCS: Ab 2021 werden Klimamodellrechnungen auf den schnelleren Systemen laufen können.

Der leistungsfähige Supercomputer ermöglich detailliertere Simulationen und damit tiefere Einblicke in das Klimageschehen. Mit der deutlich erhöhten Rechenleistung können Forschende zukünftig regional höher aufgelöste Klima- und Erdsystemmodelle verwenden, mehr Prozesse in die Rechnungen mit einbeziehen, längere Zeiträume simulieren oder die natürliche Klimavariabilität mithilfe von Ensemblerechnungen genauer erfassen und damit Unsicherheiten reduzieren. Damit einher geht ein starker Zuwachs der Daten, die berechnet und dann gespeichert und ausgewertet werden.

Zur vollständigen Pressemitteilung

Foto: Atos

„Das Wasser kommt aus allen Richtungen“

17. Juni 2020 - 0:00
Dass der Meeresspiegel steigt und Sturmfluten künftig voraussichtlich höher auflaufen, sind nur zwei der vielen Herausforderungen, vor die der Klimawandel die deutsche Nordseeküste stellt. Das neue Forschungsprojekt „WAKOS – Wasser an den Küsten Ostfrieslands“ wird mit rund 2,3 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und sucht die besten Vorsorge- und Anpassungsstrategien für die Region. Das geht am besten zusammen mit den Menschen vor Ort, erklärt die Geographieprofessorin Beate Ratter von der Universität Hamburg.

Foto: Pixabay CC0

Klimapolitik ist auch Friedenspolitik

16. Juni 2020 - 0:00

Heute erscheint das Friedensgutachten 2020 und lenkt den Blick auf die Folgen des Klimawandels. Professorin Ursula Schröder vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) und Professor Jürgen Scheffran vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg haben daran mitgearbeitet und zeigen, warum mehr Klimaschutz die Welt sicherer macht.

Was ist eigentlich ein Friedensgutachten und wer erstellt es?

Ursula Schröder: Das Friedensgutachten erscheint jährlich seit 1987. Es ist ein gemeinsames Gutachten von vier deutschen Friedensforschungsinstituten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachgebieten untersuchen darin internationale Konflikte und Entwicklungen zu Fragen der Sicherheit aus Sicht der Friedenspolitik. Wir geben auch klare Empfehlungen für die Politik.

Sie haben das Kapitel zu Klima und Konflikten mit verfasst. Wurde das Thema zum ersten Mal so prominent im Gutachten aufgegriffen?

Ursula Schröder: Migration und Klimawandel wurden bereits in früheren Gutachten thematisiert. Doch in diesem Jahr ist „Friedenspolitik in Zeiten des Klimawandels“ ein Schwerpunkt des gesamten Gutachtens, das ist das erste Mal. Die Folgen des Klimawandels für die Gesellschaften sind heute besonders präsent, deshalb haben wir ihren Einfluss auf die Sicherheit und auf ein friedliches Zusammenleben ausführlich behandelt.

Während in den Medien vor Millionen von flüchtenden Menschen aufgrund von Klimaveränderungen gewarnt wird, wehrt sich die Wissenschaft gegen solche Pauschalisierungen. Wer hat Recht?

Jürgen Scheffran: Es gibt in der Wissenschaft Differenzen über die Zahl von Menschen, die durch Klimawandel vertrieben werden, von dutzenden bis zu hunderten von Millionen. Dies lässt sich heute nur grob schätzen und hängt von vielen Faktoren ab: Wie viele Menschen werden weltweit betroffen sein, welche Anpassungs- und Schutzmaßnahmen gibt es für sie, wie schwierig oder wie gefährlich wäre es auszuwandern – und welche Politik verfolgen die Herkunftsländer und welche die Zielländer?
Wenn Menschen allerdings stets nur von der größtmöglichen Bedrohung durch Migration ausgehen, werden Ängste erzeugt und Abwehrreaktionen hervorgerufen. Diese stehen dann oft einer Lösung im Wege, zum Beispiel durch eine vorbeugende Klima- und Migrationspolitik.

Im Gutachten steht, dass der Zusammenhang zwischen Klimawandel und bewaffneten Konflikten weder zwingend gegeben noch statistisch leicht nachzuweisen ist. Warum sind Sie trotzdem sicher, dass mehr Klimaschutz die Welt sicherer machen würde?

Ursula Schröder: Die Risiken des Klimawandels für Frieden und Sicherheit sind komplex und schwer einzuschätzen. Viele Studien zeigen aber deutlich, dass der Klimawandel zu Armut, Hunger und Krankheit beiträgt und sich damit negativ auf menschliche Sicherheit auswirkt. Wir fordern daher eine nachhaltige Klimapolitik, die auch die menschliche und ökologische Sicherheit ins Zentrum rückt. Doch dass der Klimawandel notwendigerweise zu mehr Gewalt und Krieg führt, ist stark vereinfacht und so nicht haltbar.

Kooperation ist auch Voraussetzung für eine Begrenzung des Klimawandels, während Konflikte das Ausmaß der Klimakrise verschärfen können. Wie lässt sich gegensteuern?

Jürgen Scheffran: Ohne Kooperation hätte die Menschheit es in der Geschichte nicht so weit gebracht. Doch angesichts der Klimakrise ist eine globale Zusammenarbeit nötiger denn je. Es zeigen sich Fortschritte, zum Beispiel in entsprechenden Vereinbarungen: von regionalen Wasserabkommen bis hin zum Pariser Klimavertrag, aber auch in lokalen Initiativen für eine Energie-, Agrar- oder Verkehrswende. Allerdings erfolgt der Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung nicht so schnell wie nötig. Widerstreitende Interessen und Konflikte, etwa zwischen Bauern und Nomaden in Afrika oder zwischen den Großmächten in der Arktis behindern die Kooperation. Klimapolitik und Friedenspolitik bedingen sich daher gegenseitig. 

Sie geben auch Empfehlungen zum Geoengineering, das sind Eingriffe in die Umwelt durch den Menschen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Welche sind das?

Ursula Schröder: Wir fordern rasche und drastische Verminderungen von Emissionen, denn eine Vermeidung des Klimawandels ist gleichzeitig vorbeugende Friedenspolitik und hat bei uns höchste Priorität. Technischen Lösungen in großem Stil stehen wir dann kritisch gegenüber, wenn sie nicht versuchen, die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren, sondern nur deren Effekte technisch begrenzen möchten.
Die deutsche Bundesregierung sollte aufgrund der immensen Risiken auf Forschung zur Manipulation der Sonneneinstrahlung verzichten und sich international für ein Moratorium einsetzen. Andere Verfahren des Geoengineerings sollten nach zwei Kriterien bewertet werden – dem Vorsorgeprinzip und der Schadensvermeidung im Sinne von “do-no-harm”.

Kann der Klimawandel auch positive Auswirkungen wie zum Beispiel weniger gewalttätige Konflikte mit sich bringen?

Jürgen Scheffran: Wie die Coronakrise zeigt, können große Herausforderungen enorme Energien freisetzen, um Probleme zu bewältigen. Dies gilt auch für den Klimawandel, der langfristig noch größere Risiken birgt und eine Mobilisierung gesellschaftlicher Kräfte erfordert, die an einem Strang ziehen. Statt zu warten, bis das Kind in den Klimabrunnen gefallen ist und dann ungeahnte Mittel ins Katastrophenmanagement zu stecken, sollten wir frühzeitig an der Transformation in eine kohlenstoffarme Gesellschaft arbeiten. Dazu braucht es eine nachhaltige Friedenssicherung, die auf Gewaltvermeidung, Abrüstung und Demilitarisierung setzt.

 

 
Vorstellung des Gutachtens und Diskussion im Livestream
mit Prof. Ursula Schröder, Jürgen Trittin u.a.
Dienstag, 16.06.2020, 18 Uhr
Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa

Das Friedensgutachten
https://friedensgutachten.de/

 

Foto: sunyu - unsplash

Gesteinsmehl bindet CO2 aus der Atmosphäre

11. Juni 2020 - 0:00

Der Klimawandel verändert die Erde erheblich und zwingt Mensch und Natur sich anzupassen. Um die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, muss der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) drastisch reduziert werden, denn das Gas reichert sich in der Atmosphäre an und erwärmt diese. Weil Politik und Gesellschaft den Ausstieg aus fossilen Energien viel zu langsam vorantreiben, steigt die Gefahr einer Klimakatastrophe. Deshalb müssen auch Methoden des Climate Engineering ausgelotet werden, mit denen der Mensch absichtlich in das Klimasystem eingreift. Einige solcher Maßnahmen sollen CO2 aus der Atmosphäre holen und dauerhaft speichern. So auch die beschleunigte Verwitterung.

Diese erforsche ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. Bestimmte Böden werden dabei mit zermahlenem Gestein bestreut. Regen setzt dann chemische Reaktionen in Gang: Das CO2 aus der Luft reagiert mit Wasser zu Kohlensäure. Diese Säure greift Minerale aus dem Gesteinsmehl an und dabei wird das CO2 zusammen mit Elementen wie Calcium, Magnesium und anderen gelöst. Dadurch ist das CO2 im Grundwasser gebunden und gelangt schließlich über die Flüsse langfristig in die Ozeane.

Dr. Thorben Amann

In Laborversuchen hat sich gezeigt, dass die Verwitterung sehr effizient sein kann. Wir haben die Effekte nun in einem Gewächshaus-Experiment mit knapp 90 Regentonnen untersucht, die mit einem Lehmboden gefüllt und vorwiegend bepflanzt waren. Um die Verwitterung anzukurbeln und mehr CO2 zu binden, verteilten wir ein Pulver aus größtenteils leicht löslichen Olivin-Mineralen auf dem Lehmboden fast aller Tonnen. Dabei bestreuten wir einige Tonnen mit groben und andere mit sehr fein gemahlenen Körnern. Bei gleicher Menge bieten die feineren Körner eine größere Oberfläche – somit sollte auch mehr Gestein verwittern.

Die Tonnen wurden regelmäßig beregnet. Da das gewählte Gesteinspulver eine vergleichsweise einfache chemische Zusammensetzung hat, ließen sich die chemischen Prozesse gut nachverfolgen: Den jeweiligen Verwitterungseffekt konnten wir am pH-Wert ablesen und daran, wieviel Magnesium und Silizium im Wasser der einzelnen Tonnen wiederzufinden war. So ließen sich die verschiedenen Varianten unseres Versuchs gut miteinander vergleichen.

Unser Experiment zeigt, dass Olivin zwar weniger CO2 bindet als bisher in der Theorie berechnet, doch insgesamt beobachteten wir einen deutlichen Effekt. Andere Gesteine wie etwa Basalt könnten aufgrund ihrer Zusammensetzung einen zusätzlichen positiven Effekt haben: Bei der Verwitterung werden Nährstoffe freigesetzt, die sich als natürlicher Dünger eignen. Das Gesteinspulver kann also ausgelaugte Böden aufwerten und Industriedünger ergänzen. Pflanzen wachsen dann besser und können damit mehr CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen. Abhängig vom Gestein können allerdings auch Schwermetalle wie Nickel und Chrom freigesetzt werden, die sich im Boden sammeln und in bestimmten Konzentrationen schädlich für die Gesundheit sein können. In unserem Experiment konnten wir in den Pflanzen aber keine schädlichen Konzentrationen von Spurenelementen nachweisen.

Die möglichen Nebenwirkungen erfordern weitere sorgfältige Experimente. Ob sich das Gesteinsmehl eignet, die globale Erwärmung zu mindern, müssen größere Feldversuche zum Beispiel auf Äckern und in Wäldern zeigen. Dabei sollte die Beschaffenheit des Bodens berücksichtigt werden. Idealerweise wird er jeweils so aufbereitet, dass optimale Bedingungen für die Verwitterung herrschen. Warmfeuchte Regionen in den Tropen oder Subtropen eignen sich besonders gut, da die hohen Temperaturen die CO2-Bindung beschleunigen. Letztlich ist auch entscheidend, welche Gesteinsarten Nachhaltigkeit und Effizienz am besten verbinden.

 

Foto: Artwork: Rita Erven, GEOMAR

FAQ zum neuartigen Coronavirus und dessen Auswirkungen auf die UHH

8. Juni 2020 - 11:00
Wie sieht das Sommersemester 2020 aus? Welche Vorgaben gelten für das Homeoffice? Und was müssen internationale Gäste beachten? Alle Antworten zu den wichtigsten Fragen bezüglich Corona finden Sie auf den folgenden Seiten. Die FAQ werden laufend aktualisiert. [Letzte Aktualisierung: 08.06.2020, 15:26 Uhr]

Foto: UHH/Schell

Zwei neue Emmy Noether-Gruppen an der Universität Hamburg

8. Juni 2020 - 0:00

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat Dr. William Foster und Dr. Helen Blank in das Emmy Noether-Programm aufgenommen. Sie werden an der Universität Hamburg bzw. am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Nachwuchsgruppen aufbauen und erhalten dafür voraussichtlich rund 1,6 bzw. 1,7 Millionen Euro.

Das Emmy Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft eröffnet besonders qualifizierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern die Möglichkeit, sich durch die eigenverantwortliche Leitung einer Nachwuchsgruppe über einen Zeitraum von sechs Jahren für eine Hochschulprofessur zu qualifizieren.

Dr. William Foster: „Ocean Life on the Brink: Quantifying the Collapse of Shallow Marine Ecosystems during the Permo-Triassic Climate Crisis“

Wie reagieren Meereslebewesen auf die Klimaerwärmung? Diese Frage ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus gerückt. Zum einen im Hinblick auf die Evolutionsforschung, zum anderen vor dem Hintergrund der Gefahr eines künftigen Massensterbens. Die Klimaerwärmung am Übergang zwischen Perm und Trias, die vor 252 Millionen Jahren stattfand und ein großes Artensterben auslöste, kann dabei helfen, die aktuelle Klimakrise und den Verlust an Biodiversität zu verstehen.

Um herauszufinden, welche Faktoren das Aussterben an der Grenze zwischen Erdaltertum und Erdmittelalter verursachten, wird die Emmy Noether-Gruppe neue, umfangreiche Daten sammeln. Mit deren Hilfe möchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen, wie Meereslebewesen auf extreme Klimaveränderungen reagieren. Ziel ist es, die Erkenntnisse politischen Entscheiderinnen und Entscheidern zu vermitteln, um das aktuelle Massensterben einzudämmen.

Die Emmy Noether-Gruppe von Dr. William Foster wird bei der Arbeitsgruppe „Geologie im Erdsystem“ vom Prof. Dr. Jörn Peckmann am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) angesiedelt. Sie wird voraussichtlich zum 1. Januar 2021 starten und über sechs Jahre mit insgesamt rund 1,6 Millionen Euro gefördert.

Dr. William J. Foster studierte Physische Geografie (MPhysGeog) an der University of Hull und promovierte an der University of Plymouth. Nach einem „Geo.X Postdoctoral Fellowship“ an der Universität Potsdam arbeitete er als Postdoktorand an der University of Texas (USA) und ist momentan Assistant Professor in Paläobiologie am University College Dublin (Irland).

Dr. Helen Blank: „Der Einfluss von Erwartungen auf die Wahrnehmung in menschlicher Kommunikation"

Ob wir einen Ausruf akustisch verstehen oder ein Gesicht erkennen, hängt auch davon ab, was wir zu hören oder sehen erwarten. Die Wahrnehmung ist also ein aktiver Prozess, bei dem eingehende sensorische Informationen im Hinblick auf Erwartungen interpretiert werden. Das übergeordnete Ziel der neuen Emmy Noether-Gruppe besteht darin, zu verstehen, wie das menschliche Gehirn diese Komponenten kombiniert, um zu kommunizieren.

Zu diesem Zweck werden Daten aus verschiedenen Verfahren zur Messung der Hirnaktivität, etwa der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) und der Elektroenzephalografie (EEG), analysiert. An ihnen kann man sehen, welche Hirnareale bei einem akustischen Signal (Sprache) oder bei einem visuellen Reiz (Gesicht) aktiv sind, wie stark die betreffenden Bereiche arbeiten und in welcher Reihenfolge sie bei der Verarbeitung eingeschaltet werden. Die Unterschiede in der Gewichtung von Erwartungen und sensorischen Signalen werden auch bei Personen getestet, bei denen zum Beispiel aufgrund einer Hörschädigung ein erhöhter Bedarf besteht, während der Kommunikation Erwartungen zu verwenden.

Die Emmy Noether-Gruppe von Dr. Helen Blank wird am Institut für Systemische Neurowissenschaften des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) angesiedelt. Sie wird voraussichtlich zum 1. Januar 2021 starten und über einen Zeitraum von sechs Jahren mit insgesamt rund 1,7 Millionen Euro gefördert.

Dr. Helen Blank studierte Psychologie an der Universität Münster. Nach ihrer Promotion am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig forschte sie als Postdoktorandin in der MRC Cognition and Brain Sciences Unit an der University of Cambridge. Im Anschluss an ein Marie Curie Fellowship in der Arbeitsgruppe „Affective neuroscience“ von Prof. Dr. Christian Büchel am UKE leitet sie dort momentan die Arbeitsgruppe „Multisensory Perception“.

Pressemitteilung als PDF

Foto: privat

Kollaps und Transformation

27. Mai 2020 - 0:00

Wie ein Brennglas bündelt die ­Corona-Krise die Verwundbarkeiten, Unsicherheiten und Instabilitäten der vernetzten Welt. Hier zeigen sich die Macht der Natur und die Ohnmacht der Menschen, ungeachtet der Erfolge von Wissenschaft und Technik. Auch wenn die disruptive Krise Kettenreaktionen und Konflikte mit sich bringt, ist Sicherheitspolitik keine geeignete Antwort. Wichtiger als nachträgliches Katastrophenmanagement sind vorbeugende Maßnahmen, die das Gesundheitswesen stärken und ein friedliches, solidarisches und nachhaltiges Verhältnis zwischen Menschheit und Natur schaffen, das in gesellschaftliche und ökolo­gische Kreisläufe eingebettet ist.

Die Welt im Stillstand. Straßen, Kaufhäuser und Flughäfen, Fußballstadien und Touristik­attraktionen sind verwaist, Schulen, Kindergärten und Fabriken wochenlang geschlossen. Viele Regierungen verkünden den Ausnahmezustand und Ausgangssperren, schließen Grenzen zwischen Bundesländern und zu befreundeten Staaten, zwingen Menschen, ihre Wohnung nicht zu verlassen und Abstand zu wahren. Einige reden von Krieg und mobilisieren das Militär. Das öffentliche Leben und die Volkswirtschaft werden »runtergefahren« und wieder »raufgefahren«, mit nahezu unbegrenzten staatlichen Mitteln. Über Wochen und Monate sterben weltweit zehntausende Menschen, Krankenhäuser sind überfüllt, ihr Personal am Limit. Alle Medien übertreffen sich mit Katastrophenberichten. Vor wenigen Wochen hätte dies wie ein Science-fiction-Szenarium gewirkt.

Um die Menschheit in die Knie zu zwingen, könnte es kaum einen kleineren Grund geben. Nur Nanometer groß ist der Übeltäter, ein Virus der Corona-Familie (Sars-CoV-2), das menschliche Zellen zu seiner eigenen Vermehrung umprogrammiert, so wie ein Computer-Virus die Software eines Rechners, und die Krankheit Covid-19 hervorruft. Die Menschheit ist nunmehr den Naturgesetzen einer Pandemie unterworfen, von der privaten bis zur globalen Ebene. Der Versuch, die Kontrolle zu erlangen, bringt Politik und Gesellschaft an den Rand des Kontrollverlusts bis zum gesellschaftlichen Zusammenbruch und Konflikten. Immer wieder ist das Mantra zu hören, dass danach nichts mehr sei, wie es war. Stimmt das oder beschleunigt die Corona-Krise nur, was zuvor bereits erkennbar war? Werden die Menschen in eine »neue Normalität« finden oder in ihr »altes Leben« zurückfallen?

Die Anfänge der Pandemie

Die Krise ist ohne den Anfang nicht zu verstehen. Die ersten Covid-19-Erkrankungen wurden zum Jahreswechsel 2019/2020 gemeldet, ausgehend von Wuhan in Zentralchina. Bald darauf kontaktierte ich einen Kollegen in Wuhan, mit dem ich seit fünf Jahren zusammenarbeite. Nachdem ich ihm im Januar besorgte E-Mails geschrieben hatte, schickte er mir im März besorgte E-Mails zurück, mit Empfehlungen wegen der rasanten Ausbreitung in Europa. Es war frühzeitig erkennbar, welche drakonischen Maßnahmen China ergriff, um die Ausbreitung unter Kontrolle zu halten, auf Kosten wirtschaftlicher Einbußen, die sich über globale Lieferketten weltweit auswirkten.

Im Januar schon war die globale Ausbreitung des Virus erkennbar, aufgrund von Medienberichten über Fälle in anderen Ländern durch Flugpassagiere. Angesichts der berichteten Fallzahlen ließ sich auf eine Verdopplung in wenigen Tagen schließen. Als die Eigenschaften des Corona-Virus bekannt wurden (lange Inkubationszeit, hohe Infektions- und Sterberate), war absehbar, dass sich die Seuche in der global vernetzten Welt nicht einfach eindämmen lässt und über viele Kontakt- und Transportwege rasch ausbreitet. Mitte April waren nach Daten der Johns Hopkins University weltweit von allen bestätigten und nicht mehr akuten Fällen am Ende etwa ein Fünftel gestorben, der Rest war genesen. Die Expertenangaben von unter einem Prozent Verstorbener basieren auf einer bislang vermuteten hohen Dunkelziffer nicht entdeckter Fälle. Selbst dann könnten bei einer Infektion großer Teile der Weltbevölkerung einige Millionen Menschen sterben, wobei die Folgen im Globalen Süden kaum abschätzbar und messbar wären.

Trotz der frühen Beobachtungen wurde die Epidemie in Europa und den USA noch bis Mitte Februar kaum ernst genommen, wodurch wertvolle Zeit verloren ging (etwa für die Produktion von Schutzmasken und Beatmungsgeräten). Das Pflege- und Gesundheitssystem war in den Jahrzehnten davor in vielen Ländern durch Privatisierung und Profitorientierung krank gespart worden. Die Einstellung änderte sich erst Anfang März, als die Infektionen auch in Europa und in den USA stark zunahmen und die Gesundheitssysteme zu überlasten drohten. Überstürzt wurden immer drastischere Maßnahmen ergriffen. Mit der Reduzierung zwischenmenschlicher Kontakte (social distancing) sollte die Ausbreitung abgeschwächt werden, ohne die Ausbreitung ganz einzudämmen. Der Preis war eine massive Reduzierung (Lockdown) des öffentlichen Lebens, mit der Gefahr eines gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kollapses. Die Hoffnungen ruhten nun auf einer aus Not geborenen Allianz von Staat und Wissenschaft.

Kipppunkte und Kettenreaktionen

Corona ist nur die jüngste in einer Kette sich zuspitzender Krisen. Seit Jahren beobachten wir neue Konflikt-, Gewalt- und Fluchtdynamiken sowie nationalistische, fundamentalistische und rechtsextreme Strömungen. Dabei spielten miteinander verbundene Ereignisse eine Rolle, u.a. Arabischer Frühling, Syrienkrieg, Flüchtlingskrise, Terroranschläge, Brexit und Trump-Wahl. Da die Welt zunehmend in den Krisenmodus rutschte, war mit einer weiteren Zuspitzung in den 2020er Jahren zu rechnen. Manches erinnert an die Situation vor hundert Jahren, als sich die Destabilisierung der kolonialen Weltordnung im Ersten Weltkrieg in einer Spirale der Gewalt entlud, gefolgt von weiteren Krisen, wie der Spanischen Grippe, der Weltwirtschaftskrise und dem Aufleben des Faschismus, der zum Zweiten Weltkrieg führte (Scheffran 2014; Menzel 2020). Daraus lässt sich für die heutigen Krisen der fossilen und neoliberalen Variante des globalisierten Kapitalismus vieles lernen.

Die Corona-Krise wird zum Krisenmultiplikator und expandiert durch ihre exponentielle Wachstumsdynamik wie in einer Kettenreaktion. Wenn eine Person mehr als eine andere ansteckt (gemessen durch die Reproduktionszahl), ist die Grenze der Kritikalität überschritten, wie bei einer nuklearen Kettenreaktion, bei Krebs oder beim Bevölkerungswachstum (Scheffran 2016). Während eine Nukle­ar­explosion in Bruchteilen von Sekunden endet, sobald die kritische Dichte unterschritten ist, verläuft die Pandemie über Monate oder gar Jahre. Die globalen Infektionsketten »infizieren« überdies globale Produktions-, Konsum- und Lieferketten, die den Wohlstand unserer Gesellschaft ausmachen.

Seit die Kettenreaktion außer Kon­trolle geraten ist, versuchen Wissenschaft und Politik, sie durch Verringerung der sozialen Kontakte unter die kritische Schwelle zu drücken. Damit werden soziale Netzwerke entkoppelt und wirtschaftliche Wachstumsprozesse unterkritisch, was zu Verlusten in Produktion und Konsum führt, Existenzen gefährdet, Bindungen, Organisationen und politische Einflussmöglichkeiten beeinträchtigt. Die Politik laviert auf dem schmalen Grat zwischen Extremen. Das Überschreiten von Kipppunkten droht in sich selbst verstärkende Risikokaskaden und Dominoeffekte abzudriften, die das System in den Zusammenbruch treiben.

Die Pandemie zeigt, wie eine kleine Ursache planetare Folgen haben kann, wenn Kipppunkte überschritten werden. Dies ist das Credo der Chaostheorie, symbolisiert durch den Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Sturm auslösen kann. Dies gilt im Grenzbereich zur Kritikalität, in dem dann selbst der berühmte kippende Sack Reis in China kein unbedeutendes Ereignis mehr darstellt. Entscheidend ist, was die Welt zuvor in diesen kritischen Zustand getrieben hat, in dem scheinbar kleine Ereignisse einen großen Unterschied machen. Vor hundert Jahren machten der Erste Weltkrieg und die weiteren Dynamiken die Spanische Grippe zur Katastrophe mit 25 bis 50 Millionen Toten, heute ist es die ungehemmte Globalisierung.

Es gilt also die Faktoren zu verstehen, die die Welt verwundbar machen. Hierzu gehören u.a. die Zahl und Dichte von Menschen und ihren Vernetzungen, die Beschleunigung der Prozesse, das auf Ausbeutung gebaute Mensch-Natur-Verhältnis, repräsentiert durch Klimawandel, Verluste von Arten, Ökosystemen, systemrelevanten Infrastrukturen für Wasser, Nahrung, Energie, Gesundheit, etc. durch Privatisierung und Rückzug des Staates (von Weizsäcker et al. 2005). Durch die systemische Corona-Krise werden im Zeitraffer Fehler zumindest temporär sichtbar: Menschen sterben, der Staat springt ein, es wird entschleunigt, entkoppelt und de-globalisiert, um Druck aus dem System zu nehmen – wie bei einem Reaktor kurz vor der Explosion (Scheffran 2016). Um Infektionsketten zu beenden, werden Lieferketten unterbrochen und Apps zur Verfolgung von Kontaktketten entwickelt.

Die Digitalisierung gilt als eine erzwungene Reaktion der Entkörperlichung, aber sie ist selbst ambivalent und erzeugt Effekte, die zu neuen Problemen führen. In digitalen Welten können exponentielle Kettenreaktionen schneller ablaufen und die Cyberwelt zum Einsturz bringen, durch Unfälle und Systemfehler, Schadprogramme und Viren, Herrschaft über digitale Medien oder autonome KI-Systeme, die sich gegen die Menschheit richten. Dann wäre nicht mehr die Flucht in digitale Welten eine Rettung, sondern die Flucht aus ihnen. Die Frage ist nur, ob die analoge materielle Um-Welt dann noch hinreichend bewohnbar ist.

Die Rache der Natur und die Grenzen des Anthropozäns

Die Ausbreitung des Virus basiert auf dem gleichen Prinzip exponentiellen Wachstums, das die Menschheit groß gemacht hat. Schon im 18. und 19. Jahrhundert gab es eine intensive Debatte über die Grenzen des Wachstums, angestoßen durch die Industrielle Revolution. Während für Adam Smith, den Apologeten des Kapitalismus, Natur- und Ressourcengrenzen durch den Markt reguliert wurden, erwartete Thomas Malthus aufgrund des exponentiellen Wachstums der Bevölkerung und begrenzter Naturressourcen (vor allem Nahrung) Hungersnöte, Armut, Kriege und andere Katastrophen. James Anderson hoffte auf die Verbesserung der Gesellschaft durch Innovationen, und Karl Marx kritisierte die Thesen von Malthus als reaktionäre Rechtfertigung von Armut, um sich den Ansichten von Anderson anzuschließen. Wie Marx war sich auch Friedrich Engels in seiner »Dialektik der Natur« (1896) bewusst, dass Sozialutopien respektvoll mit der Natur umgehen müssen: „Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solcher Siege rächt sie sich an uns. […] Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn.“

Für Charles Darwin war der Mensch ein aus der Natur kommendes Lebewesen, den biologischen Gesetzen von Selektion und Wachstum unterworfen. Knapp hundert Jahre später zeigte der Club of Rome die Grenzen des Wachstums auf, und die Brundtland-Kommission formulierte Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung. Diese Debatten hängen unmittelbar zusammen mit den heutigen Krisenerscheinungen und Wachstumsgrenzen im Anthro­pozän, dem menschgemachten Erdzeitalter. In diesem Sinne wäre die Corona-Krise eine »Rache der Natur« für die Naturvergessenheit der Gesellschaft in einer technisch konstruierten Zivilisation. Die Ausbreitung von Pandemien steigt mit der Zerstörung von Arten und Ökosystemen, wodurch es geringere genetische Vielfalt, natürliche Anpassung und Resilienz gegenüber schädlichen (Mikro-) Organismen gibt (Krumenacker und Schwägerl 2020). Durch das Eindringen des Menschen in Naturräume und den Kontakt mit Wildtieren bestehen mehr Möglichkeiten, dass Krankheitserreger von Tieren auf Menschen überspringen. Im Corona-Fall erfolgte die erste Übertragung vermutlich von einem Wildtier auf einem Markt in Wuhan, sei es nun die Fledermaus oder das vom Aussterben bedrohte Schuppentier. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dies geschah, und wurde in wissenschaftlichen Studien zuvor durchgespielt, so durch das Robert Koch-Institut 2013, ohne entsprechende Konsequenzen. Dauerte es bei der Pest im Mittelalter knapp drei Jahrzehnte, bis sie sich von Wuhan nach Europa ausgebreitet hatte, so schaffte Covid-19 dies in knapp zwei Monaten (Menzel 2020).

Sicherheit vs. Freiheit

Galten die Gefahren bei uns zunächst als gering, schaltete eine Allianz aus Wissenschaft und Politik unter dem Druck exponentiell wachsender Infektionszahlen ab Mitte März in den Krisenmodus und betrieb Katastrophenmanagement, um ganze Städte und Länder lahmzulegen. Ein Gesundheitsproblem wurde zum alles bestimmenden Sicherheitsproblem, in dem verschiedene Dimensionen zum Tragen kommen: menschliche, nationale, internationale und planetare Sicherheit. Angesichts dieser Versicherheitlichung war die Opferung der Grund- und Freiheitsrechte nicht weit. Kam die Autorisierung zunächst noch einstimmig durch das Parlament, erfolgten weitere Notstandsbestimmungen durch die Exekutive. In der Krise zeigen sich Dilemmata aufgrund von Sachzwängen durch spätes Handeln:

Soll die Gesundheit von Millionen aufs Spiel gesetzt werden oder ihre berufliche Existenz? Sollen jüngere und gesündere Menschen auf Freiheiten verzichten, um das Leben älterer und schwächerer Menschen zu schützen? Sollen nationale Alleingänge gewählt werden oder eine multilaterale Abstimmung? Soll der Zusammenbruch des Gesundheitssystems vermieden werden auf Kosten eines Wirtschafts-Crashs oder des Abbaus demokratischer Strukturen? Sollen Beschäftigte im Gesundheitswesen sich für die Allgemeinheit opfern? Sollen Risikogruppen zu ihrem »Schutz« isoliert werden, unter Beschränkung ihrer Freiheitsrechte? Sollen Kritiker auf Kritik am Ausnahmezustand verzichten oder zu Protesten aufrufen? Wie werden Bürger- und Freiheitsrechte nach der Erfahrung der Krise gesichert?


Neben einer abstrakten Güterabwägung zwischen Gesundheit und Wirtschaft, Sicherheit und Freiheit stellt sich die Frage, wem eine Entscheidung nützt und wem sie schadet. Die Vernachlässigung von Interessen führt zu Ungerechtigkeiten, wenn eine Maßnahme Akteuren Vorteile bringt, aber anderen Nachteile, z.B. wenn nur bestimmte Geschäfte offen bleiben oder Veranstaltungen stattfinden dürfen. Es ist auch ein Unterschied, ob Beschäftigte um ihre Jobs fürchten oder Unternehmer und Aktionäre um erwartete Gewinne.

Krise, Krieg und Frieden

Verbindungen zwischen Corona und Krieg wurden vielfach hergestellt. Kanzlerin Angela Merkel verglich die Situation mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sprach von einem Marshallplan nach der Krise. In den USA gab es Vergleiche mit Pearl Harbor und 9/11. Obwohl ein Virus eher eine diffuse Gefahr als ein bewusst handelnder Akteur ist, wird Sars-CoV-2 als bedrohlicher Feind der Menschheit angesehen, der mit allen Mitteln bekämpft werden muss. So wurde vom »Krieg gegen Corona« geredet, in dem alles an die »Front« geworfen werden muss, von der Wissenschaft über Geld bis zum Militär. In einigen Fällen wurden Notstandsgesetze aktiviert wie sonst nur im Krieg. Finanzminister Olaf Scholz sprach von seiner staatlichen Notfallhilfe als »Bazooka«, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer rief die Bundeswehr zur Hilfe und US-Präsident Trump die Nationalgarde.

Die Kriegserklärungen gegen Corona gehen am Problem vorbei und blieben bislang weitgehend Rhetorik, so wie Kanonen gegen Spatzen. Krieg und Militär sind eher Teil des Problems als der Lösung, denn Rüstung verbraucht enorme Ressourcen, die für ­präventiven Gesundheits- oder Umweltschutz nicht zur Verfügung stehen und für die Beschaffung benötigter Schutzmasken, Beatmungsgeräte und Medikamente ­fehlen. Dies gilt insbesondere für die Länder im Globalen Süden.

In der Vergangenheit brachen Seuchen nach Kriegen aus und wurden dadurch verschärft. Auch heute trifft die Corona-Ausbreitung am stärksten Menschen in Kriegsgebieten, wie in Nahost und Afrika, wo die Bevölkerung ihr hilflos ausgeliefert ist, oder in Flüchtlingslagern, wie im griechisch-türkischen Grenzgebiet. Ein Nebeneffekt der Corona-Krise waren Absagen militär- und sicherheitspolitischer Aktivitäten. Dies betraf u.a. das Frühjahrsmanöver Defender-Europe 20 oder die Konferenz zur Überprüfung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrages. Auch friedenspolitische Aktivitäten sind betroffen; die Ostermärsche fielen aufgrund der Kontaktsperren nahezu völlig aus bzw. wurden in virtuellen Foren abgehalten. Im Rahmen der Corona-Bekämpfung rief UN-Generalsekretär António Guterres zu einer weltweiten Waffenruhe auf, was der Ausgangspunkt für eine friedlichere Welt werden könnte.

Es kommt aber auch zu mehr Spannungen durch Corona. Angesichts nationaler Abschottung bleiben gemeinsame Aktionen der Europäischen Union auf der Strecke. Trump strich die Mittel für die Weltgesundheitsorganisation. Es entbrannte ein weltweiter Kampf um knappe Schutzmittel im Gesundheitswesen. In geopolitischen Machtkämpfen zwischen den USA und China wird auch die Corona-Krise instrumentalisiert, etwa durch Vorwürfe, den Virus absichtlich oder unabsichtlich freigesetzt zu haben. Viele Staaten im Globalen Süden haben wenig Resilienz, mit der Krise umzugehen, allein aufgrund der Bevölkerungsdichte und der schlechten Gesundheitsversorgung in Armenvierteln und auf dem Land.

Klima, Transformation und Solidarität

Damit die Corona-Krise nicht zur Vorlage für »normale Katastrophen« wird, sind Erfahrungen im Umgang mit komplexen System zu berücksichtigen. Hierzu gehören die Schaffung von Resilienz, Nachhaltigkeit und Solidarität, eine Entkopplung von Risikoverstärkern, der Ausbau regionaler Produktions- und Lebensweisen, die Entschleunigung der Dynamiken, die Bewahrung kritischer Infrastrukturen. Wissenschaft und Politik können Governance-Maßnahmen und Institutionen entwickeln, um die Früherkennung und Steuerungsfähigkeit gegen Herausforderungen der komplexen Welt zu stärken und Eskalation zu vermeiden. In diesem Sinne wäre die Krise eine Chance zur Transformation des Verhältnisses von Natur und Gesellschaft, die frühere Fehler vermeidet, aus der Krise lernt und weitere Katastrophen vermeidet. Dabei können auch positive Kipppunkte genutzt werden, um Problemlösungen in Gang zu setzen, im Sinne von Bewegungen wie »Fridays for Future«.

Auch wenn der Klimawandel durch die Corona-Krise zunächst in den Hintergrund gedrängt wird, können die Erfahrungen für die Klimakrise relevant sein. Diese hat einen längeren Zeithorizont, kann den Planeten tiefgreifend verändern und ebenfalls als Risikoverstärker Kettenreaktionen in Gang setzen. Dazu gehören auch Seuchen: „Schwerwiegend wäre auch die Ausbreitung der Seuchen in nördlichere Regionen der USA, was die Gesundheit oder gar das Leben von Millionen von US-Amerikanern bedrohen könnte.“ (Scheffran 2004, S. 187).

Zur Bekämpfung von Corona wurden Maßnahmen ergriffen, die als Nebeneffekt CO2-Emissionen senken, z.B. im Verkehr. Die Politik legte in der Corona-Krise ungeahnte Fähigkeiten im Krisenmanagement und Beschränkungen an den Tag, die in der Klimakrise verweigert wurden (z.B. Tempo 130, Flugbeschränkungen). Die jetzt eingesetzten enormen Finanzmittel fehlen später zur Bewältigung der Klimakrise. In beiden Fällen geht es um ein solidarisches Generationenverhältnis zwischen Alt und Jung, mit umgekehrten Vorzeichen (Schellnhuber 2020). Es wäre fatal, wenn die Bekämpfung von Corona auf Kosten des »Green New Deal« der EU ginge. Dabei könnten jetzt problemlos Synergien und Investitionen in die klimafreundliche und nachhaltige Transformation gehen. Anstatt in Rüstung sollten beträchtliche Mittel in Gesundheit und Umwelt fließen, auch weil eine Gefahrenvermeidung billiger und effizienter ist als die Gefahrenabwehr. Scheinbar lernen Politik und Gesellschaft erst aus Katastrophen. Nur wenn die Menschheit aus den Erfahrungen Konsequenzen zieht und Regeln für das Zusammenleben im gemeinsamen Haus der Erde findet, bieten sich Chancen für eine friedliche, solidarische und nachhaltige Welt.

Prof. Dr. Jürgen Scheffran ist Professor für Integrative Geographie und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit (CLISEC) am CEN und im Exzellenzcluster CLICCS der Universität Hamburg.

Der Beitrag ist im Magazin Wissenschaft und Frieden erschienen.

Literatur:
Krumenacker, T.; Schwägerl, C. (2020): „Mit der Vernichtung von Ökosystemen sind Pandemien wahrscheinlicher“ – Interview mit J. Settele und J. Spangenberg. Spektrum.de, 25.3.2020.
Menzel, U. (2020): Der Corona-Schock – Die Entzauberung der Globalisierung. Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 4/2020, S. 37-44.
Scheffran, J. (2004): Energiekonflikte und Klimakatastrophe – Die neue Bedrohung? PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Bd. 34, Nr. 2, S. 173-197.
Scheffran, J. (2014): Der unmögliche Krieg – Jan Bloch und die Mechanik des Ersten Weltkriegs. W&F 2/2014, S. 38-42.
Scheffran, J. (2016): Kettenreaktion außer Kontrolle – Vernetzte Technik und das Klima der Komplexität. Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 3/2016, S. 101-110.
Schellnhuber, H.J. (2020): „Niemand kann sich jetzt über einen positiven Klimaeffekt freuen“. Frankfurter Rundschau, 26.3.2020.
von Weizsäcker, E.U.; Young, O.R.; Finger, M.; Beisheim, M. (eds.) (2005): Limits To Privat­ization – How to Avoid Too Much of a Good Thing. A Report to the Club of Rome. London: Earthscan.

Foto: Ross Findon/unsplash

Klima, Krise, Kriege am Tschadsee

25. Mai 2020 - 0:00

In Nigeria will die Terrororganisation Boko Haram einen sogenannten „Islamischen Staat“ errichten. Seit mehr als zehn Jahren gibt es immer wieder Anschläge auf Kirchen, öffentliche Plätze und Bildungseinrichtungen. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Extremistinnen und Extremisten und dem Militär sind Alltag. Mittlerweile hat sich der Konflikt auch auf die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Niger ausgebreitet. Mehrere Millionen Menschen sind auf der Flucht. Darüber hinaus sind viele auf Lieferungen von Nahrungsmitteln durch Hilfsorganisationen angewiesen, denn die lokale Landwirtschaft ist beinahe vollkommen zum Erliegen gekommen.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass der Nordosten Nigerias und die Nachbarländer seit Jahren stark vom Klimawandel betroffen sind. Anhaltende Dürren und Hitzeperioden haben den Tschadsee und die mit ihm verbundenen Flüsse – die wichtigsten Wasserquellen in der Region – um 90 Prozent schrumpfen lassen.  

Am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) untersuche ich, inwiefern die anhaltende Trockenheit neben dem Terror ebenfalls eine Ursache für Flucht und Konflikte ist. 2019 bin ich deshalb für drei Monate in die Hauptstadt des Bundesstaates Borno gereist, der im Nordosten Nigerias liegt. Dort ist in der Stadt Maiduguri in den letzten Jahren das größte Flüchtlingscamp der Region entstanden, in dem derzeit rund 30.000 Menschen leben. Mit 300 von ihnen habe ich gesprochen.

Frederic Kamta arbeitet als Geograph am CEN. Bild: privat

Die meisten meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner waren Kleinbauern und Hirtinnen, die mit ihrem Vieh in der Nähe ihres Dorfs von Weide zu Weide ziehen. Sie berichten, dass es durch den Wassermangel und den Verlust von fruchtbarem Land zu zusätzlichen Konflikten gekommen ist. Hirten kämpfen untereinander um Wasser für ihre Tiere. Zusätzlich konkurrieren sie mit Ackerbäuerinnen um Land, das die einen als Weidegrund für ihre Tiere und die anderen zum Anbau von Obst, Getreide und Gemüse benötigen.

Auf der Suche nach Wasser und Land verlassen viele Menschen ihr Heimatdorf. Einige ziehen nur ein paar Dörfer weiter. Andere geben die Viehzucht oder den Ackerbau auf und gehen in eines der vielen Flüchtlingscamps in der Region. Sie hoffen, dort zumindest mit einem Mindestmaß an Wasser und Nahrung versorgt zu werden. Auf ihrer Flucht treffen sie auf Menschen anderer Ethnien und Religionen. Auch hier kommt es immer wieder zu Konflikten. Meine Gesprächspartnerinnen berichten mir, dass deren Ursachen zum Teil in jahrtausendealten Machtkämpfen, oft aber auch in der zunehmenden Konkurrenz um Ressourcen liegen. Einige Menschen schließen sich nach dem Verlust ihrer Lebensgrundlage Boko Haram an. Die Extremisten versprechen ihnen Hilfe, unter anderem in Form von Lebensmitteln und Unterkunft.

Die Interviews zeigen klar, dass die anhaltende Trockenheit Konflikte und Migrationsbewegungen verschärft. Meine Beobachtungen in Nigeria decken sich zudem mit den Forschungsergebnissen aus anderen Ländern des globalen Südens: Besonders dort, wo bereits Unruhen oder Kriege herrschen, multipliziert der Klimawandel die Risiken für Konflikte und stärkt Terrororganisationen.

Studien belegen, dass Maßnahmen zur Anpassung an das sich verändernde Klima die Sicherheit und die Stabilität erhöhen können. Bewässerungsanlagen, Bohrlöcher und Dämme etwa können Regenwasser speichern und bei Trockenheit wieder abgeben. Dies könnte die Wasserversorgung stabilisieren.

Doch neben Anpassungen ist ein starker weltweiter Klimaschutz unabdingbar. Denn vor allem die Länder des globalen Nordens verursachen einen Großteil der Klimaschäden, leiden aber bisher viel weniger darunter als die Länder des globalen Südens.

Foto: Frederic Kamta

CEN Vorstand erneut zum Leiter des Weltklimaforschungs-Programms gewählt

22. Mai 2020 - 0:00

Prof. Detlef Stammer ist heute erneut zum Leiter des World Climate Research Programmes (WCRP) gewählt worden. Seit Anfang 2019 sitzt der Hamburger Ozeanograph dem 17-köpfigen internationalen wissenschaftlichen Ausschuss des Weltklimaforschungs-Programms vor und wurde nun für zwei weitere Jahre im Amt bestätigt.

Die Entscheidung für den Direktor des CEN war eindeutig und eine ‚overwhelming confirmation to lead the WCRP for another two years‘ – so die Rückmeldung des für die Wahl zuständigen Joint Scientific Committee. Klarer Rückenwind also für Stammer und Vice-Chair Helen Cleugh von der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) in Australien, die ebenfalls wiedergewählt wurde. 

„In den vergangenen zwei Jahren haben wir das Weltklimaforschungsprogramm neu strukturiert und eine aktualisierte Forschungs-Agenda auf den Weg gebracht. So nehmen wir beispielsweise die regionale Klimaforschung und den Austausch zwischen Klimaforschung und Entscheidungsträgern stärker in den Fokus“, berichtet Detlef Stammer.

„Ich freue mich sehr über das ausgesprochene Vertrauen und darüber, dass wir den eingeschlagenen Weg nun weitergehen können. Die Umgestaltung des WCRP Forschungsprogramms hat von allen Beteiligten breite Unterstützung erfahren und wird das Programm neu beleben und auf die Zukunft ausrichten.“

Das World Climate Research Programme (WCRP) koordiniert als eine der führenden Initiativen die internationale Klimaforschung. Finanziert wird es von der World Meteorological Organization (WMO), der Intergovernmental Oceanographic Commission der UNESCO und dem International Science Council.

Prof. Detlef Stammer zum Leiter des WCRP gewählt (Meldung von Februar 2019)

Foto: UHH/ CEN

Wie kommt der Klimaschutz auf den Hof?

19. Mai 2020 - 0:00

Die Landwirtschaft muss klimafreundlicher werden. In Deutschland verlangen die Klimaziele der Bundesregierung, Treibhausgase im Stall und auf dem Acker bis zum Jahr 2050 um mehr als 30 Prozent zu reduzieren. Unklar ist jedoch, wie die Emissionen auf den Höfen überhaupt gemessen werden können. Eine Umfrage unter 254 Betrieben zeigt ein erstes Bild: Mehr als 60 Prozent möchten klimafreundlicher arbeiten, ihnen fehlen aber wichtige Informationen. Am CEN arbeitet ein Team deshalb an Konzepten für ein smartes Tool, das diese liefern könnte.

Dr. Kerstin Jantke vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg hat mit ihrem Team eine Online-Umfrage mit 254 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland durchgeführt. Darunter waren Bio-Höfe ebenso wie konventionelle Betriebe, Höfe mit Tierhaltung und solche mit Ackerflächen. Die Befragung ist nicht repräsentativ, gibt aber wertvolle Anhaltspunkte, wie ein Instrument zur Regulierung von Emissionen funktionieren könnte – und wie eher nicht.

„Grundsätzlich spielt der Klimawandel für Landwirtinnen und Landwirte eine wichtige Rolle. Mehr als die Hälfte erleben dessen Auswirkungen bereits hautnah“, sagt Umweltwissenschaftlerin Kerstin Jantke. Dabei sind gleich zwei Aspekte wichtig. Die Betriebe spüren die Klimaveränderungen direkt an ihren Erträgen. Gleichzeitig emittieren sie selbst Treibhausgase, die vor allem in den Ställen und bei der Düngung entstehen. Mehr als sieben Prozent der Emissionen gehen in Deutschland laut Umweltbundesamt auf die Landwirtschaft zurück. Weltweit sind es mehr als zehn Prozent.

Laut Umfrage wären 60 Prozent bereit, ihre Treibhausgase zu reduzieren, die Befragten fühlen sich jedoch insgesamt unzureichend informiert. Die meisten ihrer Informationen beziehen sie aus landwirtschaftlichen Magazinen. 40 Prozent der Höfe möchte die Emissionen dagegen nicht reduzieren. Sie haben zu wenig Zeit, befürchten finanzielle Einbußen, tun bereits was sie können oder finden das Thema nicht relevant.

Anerkennung der Bevölkerung fehlt

Nur wenige der befragten Personen haben bisher versucht, die Emissionen auf dem eigenen Hof abzuschätzen. Es ist auch vielen kaum bekannt, welche ihrer Entscheidungen viel und welche wenig Emissionen erzeugen. So kann zum Beispiel das Ausbringen von Kunstdünger je nach Witterung an einem Tag unverhältnismäßig viel zusätzliches Treibhausgas erzeugen, am nächsten jedoch kaum. Solche Zusammenhänge könnten spezielle Computerprogramme aufzeigen und daraus Empfehlungen ableiten. So würden sie in Zukunft zum Beispiel Termine zur Aussaat oder zur Ausbringung von Düngemittel vorschlagen, die den jeweils besten Kompromiss zwischen Ertrag und Emissionen bilden.

Ein Viertel der Befragten nutzt Computer für ihre Arbeit. Aber mehr als die Hälfte wären durchaus bereit, ein innovatives Tool anzuwenden, wenn sie einen finanziellen Ausgleich bekämen. Allgemein motivieren finanzielle Anreize wie Subventionen (70 Prozent) zu Klimaschutz ebenso wie ein potenzieller Marktvorteil, zum Beispiel durch ein entsprechendes Klima-Siegel (75 Prozent). Dagegen würde ein konkretes Emissions-Limit für den eigenen Hof die Hälfte der Befragten demotivieren.

Gleichzeitig scheint vielen die Wertschätzung durch die Bevölkerung zu fehlen. Denn neben der eigenen Überzeugung (75 Prozent) ist die positive Anerkennung durch die Öffentlichkeit (70 Prozent) ein Faktor mit hoher Motivation, den eigenen Betrieb klimafreundlicher zu gestalten.

Siegel, smartes Tool und Anreize

Das Team um Jantke nutzte diese Informationen, um ein Konzept für eine Treibhausgas-Erfassung auf den Höfen zu entwickeln. Bis 2050 müssen die Emissionen in der Landwirtschaft um mehr als 30 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 sinken. „Ohne staatliche Regulierungen ist das nicht zu schaffen“, sagt Jantke. Doch konkrete Verordnungen fehlen bisher. Käme ein entsprechendes Instrument, bleibt die Frage: Wie messen? Hier wird es kompliziert: Auf dem Feld und im Stall gibt es nicht nur eine Emissionsquelle. Jeder Boden und jedes Tier emittiert unterschiedlich und vieles ändert sich wiederum mit dem Wetter. Damit wird es beinahe unmöglich – oder unglaublich teuer – die Klimagase für jeden einzelnen Hof exakt zu messen.

Das Team schlägt deshalb ein Konzept vor, das spezielle wissenschaftliche Modelle aus der Klimaforschung nutzt, um die Emissionen zu berechnen. Werden diese mit Basisdaten der Höfe verknüpft, könnte auf kostspielige Messtechnik verzichtet werden. Ein solches Tool wäre von Mischbetrieben bis hin zu spezialisierten Pflanzen- oder Viehzuchtbetrieben in allen Bereichen anwendbar. „Zusammen mit finanziellen staatlichen Anreizen für weniger Emissionen und einem entsprechenden Siegel für die Produkte, das die Anstrengungen sichtbar macht, könnte der Klimaschutz auf den Höfen starten“, sagt Jantke.

Foto: Raphael Rychetsky/unsplash

Klimawandel und Fischbestände: CERES Abschlussbericht erschienen

15. Mai 2020 - 0:00

Welche Effekte hat der Klimawandel auf Fischbestände und die davon abhängigen Wirtschaftszweige? Im Projekt CERES (Climate change and European Aquatic RESources) untersuchten mehr als 150 Forschende Ursache und Wirkung und entwickelten Strategien und Instrumente für die Fischerei- und Aquakultur-Branche. Das Projekt wurde am CEN koordiniert und hat jetzt seinen Abschlussbericht veröffentlicht. Dieser konzentriert sich auf die kommerziell wichtigsten Fische und Schalentiere. Die Ergebnisse zeigen, dass europäische Fischerei- und Aquakultur-Unternehmen sowie die Entscheidungsträger in diesen Sektoren des „Blauen Wachstums“ besser in der Lage sind, sich auf den Klimawandel vorzubereiten und sich anzupassen, aber auch Chancen für die Zukunft zu erkennen.

Die Ergebnisse des Berichts umfassen:

Erkenntnisse zu den physikalischen, biogeochemischen und biologischen Auswirkungen des Klimawandels auf Fische und Schalentiere am Beispiel von 37 bedeutenden Fischerei- und Aquakulturarten Schätzungen der Rentabilität einer Vielzahl von Fischerei-Flotten (gemischte oder Ein-Arten-Fischerei für Grundfische und pelagische Arten) in fünf regionalen Meeren unter Verwendung von vier Klimawandel-Szenarien Zehn arten- und regionsspezifische typische Farmen und Berechnung der wirtschaftlichen Folgen von vier PESTEL-Szenarien des Klimawandels (politisch, wirtschaftlich, sozial, technologisch, ökologisch und rechtlich) Rankings zur Anfälligkeit des europäischen Aquakultursektors auf der Grundlage der physiologischen Toleranz von neun Schlüsselarten und nationaler Wirtschaftsdaten für 22 Länder Prognosen, wie sich der Klimawandel auf den weltweiten Fischmehl- und Fischölhandel auswirken wird Bottom-up- (von der Industrie vorangetriebene) und Top-down-Lösungen (Politik)

CERES Synthesebericht (PDF, 18MB)

Foto: CERES project

Rendezvouz auf See

14. Mai 2020 - 5:00
Die deutschen Forschungsschiffe SONNE und MARIA S. MERIAN übernehmen außerplanmäßig die Versorgung des Forschungsschiffs POLARSTERN in der Arktis. Andrea Gerriets von der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe erklärt, was bei diesem Einsatz zu beachten ist.

Foto: Gerriets privat

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