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Aktualisiert: vor 13 Stunden 16 Minuten

Die Zukunft des Kabeljaus verstehen

7. Juli 2021 - 0:00

Die Fischerei legt Fangmengen des beliebten Speisefischs ein Jahr im Voraus fest. Langfristige Einflüsse wie veränderte Wassertemperaturen werden dabei bisher nicht berücksichtigt. In einem internationalen Projekt haben Forscherinnen und Forscher vom Centrum für Erdsystemwissenschaften und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg und vom Helmholtz-Zentrum Hereon jetzt ein Rechenmodell entwickelt, das die Zukunft des Kabeljaus erstmals ganze zehn Jahre im Voraus abschätzen kann – und dabei sowohl die Fischerei als auch das Klima berücksichtigt. Der Fischereiwirtschaft steht damit ein ganz neues Planungswerkzeug zur Verfügung. Die Studie ist bei Nature Communications Earth and Environment erschienen.

Die Zukunft der Kabeljau-Bestände in der Nordsee und in der Barentssee lässt sich künftig möglicherweise deutlich besser vorhersagen als bisher. Das ist das Ergebnis eines internationalen Forschungsprojektes unter der Leitung des Helmholtz-Zentrums Hereon. Dem Team ist es erstmals gelungen, die Entwicklung der Bestände für zehn Jahre im Voraus vorherzusagen und dabei sowohl die Veränderungen durch den Klimawandel als auch die Fischerei zu berücksichtigen. Traditionell geben Fischereiexpertinnen und -experten für etwa ein Jahr im Voraus Fangempfehlungen, auf deren Grundlage die Fischereiquoten international verhandelt und festgesetzt werden. Dazu wird zunächst die Größe der aktuellen Kabeljau-Bestände abgeschätzt und anschließend berechnet, wie viel Kabeljau im kommenden Jahr gefangen werden kann, um die Bestände optimal zu nutzen und nicht zu gefährden. Die klimatischen Veränderungen von Wassertemperatur, Zirkulation und Vermischung, die einen entscheidenden Einfluss auf die Vermehrung des Kabeljaus haben, gehen in diese Vorhersage nicht ein, so dass sich die Entwicklung der Bestände nur kurzfristig vorhersagen lässt.

Warme Nordsee macht Stress

Wie das Team um Klima-Modellierer Vimal Koul jetzt im Fachmagazin Nature Communications Earth and Environment schreibt, haben sie in ihren Berechnungen erstmals die Temperatur berücksichtigt. Für die Nordsee sagt die Klimavorhersage weiterhin Temperaturen auf hohem Niveau voraus, so dass sich die Kabeljau-Bestände kaum erholen oder frühere Größen erreichen werden. Insofern ist von gleichbleibend geringen Fangmengen auszugehen. Besser sieht es für die Barentssee aus: Hier lassen sich Bestände nachhaltig bewirtschaften.

Für die Forschenden bestand die Herausforderung darin, dass Klimamodelle nicht ausrechnen konnten, wie viel Fisch es künftig in den Meeren gibt. Sie lieferten lediglich Informationen über die zu erwartenden Temperaturen. „Wir mussten also zunächst ein Modell entwickeln, das die Temperatur zu den Fischmengen in Beziehung setzt“, sagt Erstautor der Studie Vimal Koul. Berücksichtigt wurde dabei unter anderem die Meerestemperatur im Nordatlantik. Anschließend konnten die Forscher ihr Vorhersagemodell laufen lassen. Das Modell startet mit den heutigen Bedingungen – den aktuellen Temperaturen und dem aktuellen Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre - und kann dann berechnen, wie sich die Situation mit steigenden Kohlendioxid-Konzentrationen verhält. Die künftigen Temperaturen, die es berechnet, werden dann in die zu erwartenden Fischmengen und Bestandsgrößen übersetzt. Um zu prüfen, wie zuverlässig das Modell arbeitet, wurde es zunächst mit realen Fischdaten von den 1960er-Jahren bis heute verglichen. Wie sich zeigte, war es in der Lage, für die Zehnjahreszeiträume seit den frühen 1960ern die Fischbestände korrekt abzuschätzen. Insofern können die Forscher um Vimal Koul davon ausgehen, dass auch der aktuelle Blick in die kommenden zehn Jahre stimmig ist.

Intensität der Fischerei berücksichtigt

Interessant an der Studie ist auch, dass das Team aus Forschenden der Klimamodellierung, Fischereibiologie und Ozeanographie vier verschiedene Fischerei-Szenarien berücksichtigt. Damit konnten das Team bestimmen, wie es den Kabeljau-Beständen gehen wird, wenn sie unterschiedlich stark befischt werden – von intensiv bis nachhaltig. Insofern sind die Ergebnisse der aktuellen Studie sehr praxisnah. „Die Zehnjahresschätzungen werden der Fischereiwirtschaft künftig dabei helfen, die Fangmengen besser zu planen – damit die Kabeljaubestände trotz veränderten Klimas nachhaltig und schonend befischt werden“, sagt Koul. Auch könnte die neue Zehnjahresvorhersage Fischereiunternehmen bei der Strategieplanung helfen, indem es eine sichere Grundlage für Investitionen in neue Schiffe oder Verarbeitungsanlagen schafft.

Zum Fachartikel:
Koul V, Sguotti C, Årthun M, Brune S, Düsterhus A, Bogstad B, Ottersen G, Baehr J, Schrum C (2021): Skilful prediction of cod stocks in the North and Barents Sea a decade in advance; Commun Earth Environ 2, 140

Foto: davidyoung11111/fotolia

Klimawandel als Strafe?

28. Juni 2021 - 0:00

Für den Klimawandel ist der Mensch verantwortlich. Internationalen Umfragen zufolge glauben dies immer mehr Menschen. Doch verlassen sie sich dabei auf wissenschaftliche Erklärungen? Diese zeigen mit großer Übereinstimmung: Menschen in bestimmten Regionen produzieren mit ihren Lebens- und Wirtschaftsweisen zu viele Treibhausgase. Gleichzeitig zerstören sie Treibhausgas-Senken wie zum Beispiel Moore und Wälder. Dadurch ändern sich die globale Durchschnittstemperatur und das Wetter. Rund um die Welt wird die Rolle des Menschen als Verursacher des Klimawandels allerdings unterschiedlich interpretiert, wie wir nun herausgefunden haben.

Inga Janina Sievert ist Ethnologin an der Universität Hamburg und forscht zu Umweltthemen mit Fokus auf Klimawandel.

Meine Kollegin Coral O’Brian und ich sind Ethnologinnen am Exzellenzcluster Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS) der Universität Hamburg. Gemeinsam haben wir untersucht, wie Menschen sich verändernde klimatische Bedingungen in ihrer Umgebung wahrnehmen und erklären. Dazu haben wir in Sammelbänden und Datenbanken nach sämtlichen, in den letzten 20 Jahren erschienenen ethnographischen Fallstudien mit Erklärungsmustern von Wetter und Klimawandel gesucht. So konnten wir Studien aus ländlichen Gegenden, beispielsweise in den Anden, oder Großstädten wie Bengaluru in Indien oder Lagos in Nigeria miteinander vergleichen und auch Fallstudien aus dem globalen Norden, wie den USA und Italien, miteinbeziehen.

Dabei haben wir festgestellt, dass Menschen weltweit häufig verschiedene Erklärungsmuster miteinander verbinden und wissenschaftliche Erklärungen mit lokalem Wissen vermischen. Auch wenn sie meist an einen menschengemachten Klimawandel glauben, identifizieren sie als Verursacher oft andere Menschen, als es in wissenschaftlichen Diskursen der Fall ist.

So etwa auf der philippinischen Insel Palawan. Dort werden Menschen für Überschwemmungen und Erdrutsche verantwortlich gemacht, weil sie durch illegale Abholzung des Regenwalds, Fischerei oder Bergbau Profit aus natürlichen Ressourcen schlagen wollen. Indem die Menschen moralisieren und sich selbst und andere beschuldigen, geben sie in ihrer Deutungswelt dem für sie wenig greifbaren wissenschaftlichen Diskurs einen Sinn. Möglich ist dies, weil beide Ansätze den Menschen als Verursacher der beobachteten Veränderungen betrachten.

Diese Art der Lokalisierung findet sich in ähnlicher Form in den verschiedensten Gegenden der Welt. Auch in North Carolina in den Vereinigten Staaten nennen Menschen als Ursache für den Klimawandel nicht global steigende CO2-Emissionen, sondern dass dortige Waldflächen zunehmend dem Bau von Straßen oder eines Walmart Einkaufszentrums weichen müssen.

Oder wenn beispielsweise in Ostafrika der Regen ausbleibt und sich Dürreperioden häufen, deuten die Massai dies als Strafe ihres Gottes Eng’ai für den zunehmenden Verfall ihrer traditionellen Lebensweise. Klimaveränderungen werden so in vielen Fällen als lokale Phänomene wahrgenommen, die Menschen für ihr Handeln belohnen oder bestrafen. Der Glaube der Menschen ist dabei zentral auch für ihr Verständnis und ihre Akzeptanz des wissenschaftlichen Diskurses zum Klimawandel.

Unsere Forschung zeigt: Es lohnt sich, zu überdenken, wie wir über Wissenschaft und den Klimawandel kommunizieren. Wenn die Wissenschaft und Menschen vor Ort ein Phänomen wie Wetter unterschiedlich einordnen, sollten wir uns fragen, ob wir nicht auch offener für diesen Unterschied sein müssen, um Menschen überhaupt zu erreichen.

Foto: UHH/Sievert

So funktioniert Klimamodellierung

22. Juni 2021 - 0:00

Klimaneutralität heißt das Ziel und die Debatten über den Weg dorthin sind in vollem Gange. Um es zu erreichen, sind tiefgreifende Veränderungen notwendig. Warum dies wichtig ist, zeigen Klimasimulationen. Ohne sie bleibt Klimapolitik blind. Wie Klimamodelle funktionieren und warum sie verlässlich sind, erklärt das Deutsche Klima-Konsortium auf der neuen Website www.klimasimulationen.de, die heute veröffentlicht wurde. Das CEN ist Mitglied im Wissenschaftsverband DKK.

Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden, so steht es im neuen Klimaschutzgesetz. Die EU will bis 2030 mindestens 55 Prozent weniger Treibhausgase emittieren, im Juli wird dafür ein ganzes Bündel von Maßnahmen beschlossen. Die Basis für diese politischen Entscheidungen und die Umsetzung wirksamer Maßnahmen beruhen auf den Erkenntnissen der Klimaforschung. „Klimamodelle zeigen ganz klar den Zusammenhang zwischen den Treibhausgas-emissionen durch die Menschheit und der Erwärmung der Erde", sagt Professor Mojib Latif als Initiator der neuen Website. „Uns ist als Forscherinnen und Forschern wichtig herauszustellen, dass unsere Projektionen zum Klimawandel nicht etwa auf Spekulationen, sondern auf naturwissen-schaftlichen Gesetzen beruhen. Deshalb ist jede Maßnahme zum Klimaschutz nur so viel wert, wie sie konkret zu einer schnellen Reduktion von Treibhausgasen beiträgt. Denn mit Physik lässt sich bekanntlich nicht verhandeln", so Latif weiter.

Wie werden Klimamodelle entwickelt und angewandt? Was können wir mit Hilfe von Klimamodellen sagen, was nicht? Diese und mehr Fragen beantwortet der erste Beitrag zum Thema auf der neuen Website des Deutschen Klima-Konsortiums. Drei ausgewiesene Experten für Klimasimulationen aus dem Wissenschaftsverband – Professor Mojib Latif, Professor Gerrit Lohmann und Dr. Johann Jungclaus – erklären in einfachen Worten die Grundprinzipien der Klimamodellierung.

Im August 2021 erscheint der neue Bericht des Weltklimarats IPCC. Darin spielen Klimamodelle eine entscheidende Rolle. Um deren Aussagekraft besser einordnen zu können, hat das Deutsche Klima-Konsortium diese Website gestartet. Kurz nach der Veröffentlichung des IPCC-Berichts wird ein zweiter Artikel konkret auf die neuen Ergebnisse eingehen.

Foto: Deutsches Klimakonsortium (DKK)

Den Schwingungen auf der Spur

16. Juni 2021 - 9:00
Zwei Wochen lang hat ein interdisziplinäres Forschungsteam Schwingungen auf dem DESY-Gelände am Campus Bahrenfeld gemessen, um neue Messtechniken mit Glasfaserkabeln zu erforschen. Physik-Experimente, Klimaforschung und Stadtentwicklung könnten davon profitieren – mitgeholfen hat auch ein ungewöhnliches Fahrzeug.

Foto: DESY/Marta Mayer

Klimaschutz schützt auch vor Armut und Vertreibung im globalen Süden

16. Juni 2021 - 0:00

Der Einsatz gegen den Klimawandel ist eines der zentralen Handlungsfelder im Kampf gegen die weltweite Armut und damit auch gegen mögliche Fluchtursachen der Zukunft. Das ist eine der zentralen Botschaften der von der Bundesregierung eingesetzten Fachkommission Fluchtursachen, die Bundesumweltministerin Svenja Schulze heute in einem Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener NGOs diskutiert.

Neben engagiertem Klimaschutz im eigenen Land ist dabei auch die solidarische Unterstützung der Entwicklungsländer im Kampf gegen den Klimawandel entscheidend. Schulze begrüßte daher die Ankündigung der Bundesregierung vom G7-Gipfel am Sonntag, die öffentliche deutsche Klimafinanzierung perspektivisch bis 2025 von vier auf sechs Milliarden Euro pro Jahr zu erhöhen als "wegweisend" und als "Ausdruck unserer Solidarität mit dem globalen Süden".

Klimaschutz zuallererst Schutz der Lebensgrundlagen der Ärmsten dieser Welt

Bundesumweltministerin Svenja Schulze: "Die Erderhitzung schadet nicht nur Eisbären und Polkappen oder sorgt für überhitzte Sommer und trockene Wälder in Deutschland. In weiten Teilen der Welt bedroht die Klimakrise zunehmend die Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Wenn Gletscher verschwinden, verschwinden auch die Flüsse, die Millionen Menschen ernähren. Was bliebe ihnen anderes übrig, als ihre Heimat zu verlassen? Klimaschutz ist darum zuallererst der Schutz der Lebensgrundlagen der Ärmsten dieser Welt. Deutschland kann helfen, indem es zuhause Ernst macht beim Klimaschutz und dabei Lösungen für die Welt entwickelt. Aber wir müssen auch den Entwicklungsländern helfen, selbst beim Klimaschutz voranzukommen und sich an den unvermeidbaren Klimawandel anzupassen. Darum ist es ein wichtiges Zeichen der Solidarität, dass Deutschland seine öffentliche Klimafinanzierung in den nächsten Jahren deutlich erhöhen wird. Wenn andere Industriestaaten uns dabei folgen, können wir das Vertrauen zwischen Nord und Süd aufbauen, das nötig ist, um die nächste Weltklimakonferenz in Glasgow zum Erfolg zu führen."

An dem Dialog nehmen UBA-Präsident Prof. Dr. Dirk Messner und Prof. Dr. Jürgen Scheffran vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg teil, die beide Mitglieder der Fachkommission Fluchtursachen waren. Außerdem mit dabei waren Vertreterinnen und Vertreter von sieben Nichtregierungsorganisationen, die sich mit den Themenbereichen Entwicklungspolitik und Klimawandel befassen: Brot für die Welt, Caritas International, DGB Bildungswerk, Friedrich-Ebert-Stiftung, International Organization for Migration, Klima-Allianz Deutschland und MISEREOR.

Bundesregierung zu Maßnahmen in fünf Handlungsfeldern aufgefordert

Dr. Dagmar Pruin, Präsidentin Brot für die Welt: "Schon jetzt leiden vor allem die ärmsten Bevölkerungsgruppen im Globalen Süden unter den Folgen der Klimakrise. Ihre Heimat, ihre Lebensgrundlagen sind akut bedroht. Wenn der Klimawandel fortschreitet, werden Hunger und Armut dramatisch zunehmen. In der Konsequenz werden immer mehr Menschen gezwungen sein, zu fliehen. Unsere größte Aufmerksamkeit gilt denen, die gar nicht aus eigener Kraft die Möglichkeit haben, sich den klimatischen Änderungen anzupassen oder vor den Auswirkungen des Klimawandels migrieren zu können. Die Verursacher der Klimakrise müssen daher Verantwortung übernehmen und den Klimawandel drastisch eindämmen und die Schutzlücke für die ärmsten Bevölkerungsgruppen schließen."

Die von der Bundesregierung 2019 eingesetzte Fachkommission Fluchtursachen hatte am 18. Mai 2021 ihren Abschlussbericht vorgelegt. Ihre Analyse: Verschiedene Treiber von Flucht und irregulärer Migration sind meist eng miteinander verwoben und lassen sich daher nicht isolieren. Sie unterscheidet zwischen "vorwiegend direkten Ursachen" (unter anderem Konflikte, Verfolgung, Wirtschaftliche Perspektivlosigkeit) und "vorwiegend indirekten Ursachen" (Umweltzerstörung/Klimawandel und demographischer Druck). Im Ergebnis wird die Bundesregierung aufgefordert, verschiedene Maßnahmen in fünf Handlungsfeldern zu ergreifen. Eines dieser Handlungsfelder ist mit "Den Klimawandel aufhalten und seine Auswirkungen solidarisch bewältigen" betitelt.

Foto: D.Doukhan/Pixabay

Klimaschutz: Vollständige Dekarbonisierung bis 2050 derzeit nicht plausibel

10. Juni 2021 - 0:00

Der Hamburger Exzellenzcluster Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS) legt heute eine neue, zentrale Studie vor. Darin prüfen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erstmals systematisch, inwieweit eine Klimazukunft mit Netto-Null Emissionen nicht nur möglich ist, sondern auch plausibel. Zum einen technisch-ökonomisch, vor allem aber mit Blick auf die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen. Fazit: Eine vollständige Dekarbonisierung bis 2050 ist derzeit nicht plausibel – der gesellschaftliche Wandel müsste erheblich ehrgeiziger ausfallen.

Die EU verschärft ihre Klimaziele, das Bundesverfassungsgericht verpflichtet Deutschland zu konkreterem Klimaschutz. Sind wir also bereits auf dem Weg in die klimaneutrale Zukunft? „Welche Klimazukünfte plausibel sind, ist nicht nur eine physikalische Frage, sondern aktuell vor allem eine gesellschaftliche”, sagt CLICCS Sprecher Prof. Detlef Stammer von der Universität Hamburg.
„Im ‚Hamburg Climate Futures Outlook‘ prüfen wir die Transformationskraft von gesellschaftlichen Prozessen – und haben dafür eine ganz neue Methode entwickelt. Die Ergebnisse verbinden wir mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und grenzen so schrittweise ein, was plausibel ist.“

Zu den untersuchten Schlüsselfaktoren, auch Treiber genannt, gehören die Klimapolitik der Vereinten Nationen, nationale Klimagesetze, Proteste und soziale Bewegungen, aber auch die mögliche Abkehr von Investitionen in eine fossile Wirtschaft oder die Berichterstattung in den Medien. Tatsächlich zeigt zurzeit keiner der zehn untersuchten Treiber eine ausreichende Dynamik für eine vollständige Dekarbonisierung bis 2050. Dies wäre aber Voraussetzung, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen.

Sechs der Treiber unterstützen das Netto-Null-Ziel

Sechs der Treiber weisen allerdings auf eine schrittweise Dekarbonisierung hin: „Die Mehrheit der von uns geprüften Faktoren unterstützt durchaus das Netto-Null-Ziel. So erhält etwa der Faktor Klimapolitik Rückenwind durch den Wiedereintritt der USA in das Pariser Abkommen“, erläutert Prof. Anita Engels, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Hamburg und CLICCS Co-Sprecherin. „Gleichzeitig wird es darauf ankommen, wie stark Klimaproteste nach COVID-19 den Druck auf die Regierungen aufrechterhalten können.“ Ein wirksamer Treiber ist auch das Zurückfahren von Investitionen in den fossilen Bereich, das sogenannte Divestment. Jedoch haben Unternehmen oft lange Investitionszyklen, so dass Effekte erst verspätet eintreten.

Die Autorinnen und Autoren stellten fest, dass derzeit weder Szenarien mit sehr hohen Emissionen noch mit sehr niedrigen Emissionen plausibel sind: „Studien zeigen, dass ein sehr hoher CO2-Ausstoß enormen wirtschaftlichen Schaden verursacht. Dazu kommt: Kohlereserven sind endlich und saubere Energie wird günstiger. Regierungen und Unternehmen sind daher gezwungen umzusteuern“, erläutert CLICCS Co-Sprecher Prof. Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Zugleich aber fehlt es an Technologien, um Kohlendioxid kurzfristig und in großem Stil aus der Luft zu entfernen – eine wesentliche Voraussetzung, um die Emissionen auf Netto-Null zu bringen. Dazu kommen neue Erkenntnisse zur Klimawirkung von CO2: „Übersetzt in globale Erwärmung bedeutet dies, dass eine Zunahme der globalen Oberflächentemperatur von weniger als rund 1,7 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 nach jetzigem Kenntnisstand nicht plausibel ist, ebenso wie eine von mehr als ca. 4,9 Grad.“

Der ‚Hamburg Climate Futures Outlook‘ schließt eine Lücke

Auch Studien wie der 1,5-Grad Bericht des Weltklimarates IPCC oder der ‚Emissions Gap Report‘ der Vereinten Nationen prüften, auf welchem Weg sich die Pariser Klimaziele erreichen lassen, legen den Fokus aber eher darauf, was technisch und praktisch notwendig ist. „Der Hamburg Climate Futures Outlook analysiert, welche gesellschaftlichen Treiber den Wandel ermöglichen und motivieren. Wir nutzen diesen neuen Analyserahmen, um die vorhandenen Daten mit Blick auf die notwendige Dekarbonisierung systematisch zu bewerten“, erläutert Prof. Engels.

Hier liegt die besondere Bedeutung der Studie. „Im ‚Hamburg Climate Futures Outlook‘ geht es nicht darum, was notwendig wäre, machbar oder wünschenswert. Wir analysieren, welche Klimazukunft plausibel ist – und welche eben nicht“, so Prof. Marotzke, der auch am kommenden IPCC-Bericht zentral mitwirkt. „Die gesellschaftliche Herausforderung ist sehr viel größer als viele sich das vorstellen“, zieht Prof. Stammer Bilanz. „Das Ergebnis ist daher auch ein Weckruf an Politik und Gesellschaft.“

Foto: CLICCS/Universität Hamburg

Hirten mit Handy sind schneller mobil, wenn Ressourcen knapp werden

1. Juni 2021 - 0:00

Hirtinnen und Hirten brauchen Wasser und Weideland für ihre Tiere. In Trockengebieten müssen sie ihren Standort immer wieder wechseln, weil sich diese Weidegründe im Jahresverlauf verschieben. Mobilität ist also Voraussetzung für den Lebensunterhalt. Doch was, wenn sich der Wassermangel durch den Klimawandel verschärft?

Ich interessiere mich besonders dafür, wie die Kommunikation per Handy die Mobilität beeinflusst. Denn Migration hat ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen und Auslöser. Am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg habe ich dies mit meinem Team an einer künstlichen Welt im Computer erforscht.

Dr. Miguel Rodriguez Lopez

Um die Bewegungen untersuchen zu können, haben wir am Rechner eine vereinfachte digitale Umgebung geschaffen. In dieser können sich die Hirten als so genannte „Agenten“ bewegen. Wir definieren die Umgebung selbst. Hat sie zum Beispiel Außengrenzen? Wo gibt es Ressourcen wie Wasser oder Weideland? Darüber hinaus statten wir die einzelnen Agenten mit unterschiedlichen Eigenschaften aus. Besitzen sie ein Mobiltelefon? Haben sie viele Freunde oder eine große Familie, mit denen sie kommunizieren? So können wir später vergleichen, welche Gruppe welches Wanderungsverhalten zeigt.

Gleichzeitig haben die Agenten Bedürfnisse – die wir ihnen einprogrammieren. Fehlt zum Beispiel Wasser für das Vieh, dann ziehen sie unter bestimmten Bedingungen weiter. In unserem Beispiel soll der Klimawandel die Lage in den Trockengebieten zusätzlich verschärfen. Wir verknappen also die fruchtbaren Weidegründe noch stärker.

Ähnlich wie mit GPS können wir in unserer virtuellen Landschaft die Position der Agenten verfolgen. Wir beobachten, wann sie starten und wovon das abhängt. In welche Richtung ziehen sie und wie weit?

Die Ergebnisse zeigen: Kommunikation spielt stets eine große Rolle. Besitzen sie Handys, bewegen sich die Agenten jedoch gleichzeitiger, schneller und stärker. Mehr Menschen brechen auf, sie überwinden größere Strecken, es kommen aber auch mehr zurück. Denn wenn sich viele auf den Weg gemacht haben, werden die Weidegründe auch am Zielort schnell knapp. So kehrt stets ein Drittel der Menschen an den Ausgangspunkt zurück.

Schon vor der Mobilfunk-Ära waren individuelle Entscheidungen von Kommunikation abhängig. Über persönliche Kontakte oder Briefe von bereits migrierten Verwandten erhielten Menschen wichtige Informationen. Doch die Neuigkeiten kamen damals nicht so prompt und gleichzeitig an. Trotzdem gilt: Egal ob mit Handy oder ohne, die Gesamtzahl der Migrierten ist am Ende etwa gleich.

Erstmals bilden wir hier mit einfachen Mitteln komplexe menschliche Verhaltensweisen ab – ein toller Fortschritt! Exakte Vorhersagen macht unser Modell nicht, denn in der Realität gibt es weitere unbekannte Faktoren. Doch wir können jetzt vergangene Migrationsbewegungen analysieren, die Muster und Gründe dahinter verstehen und so Lösungen für die Zukunft entwickeln.

Bewegungsfreiheit ist ein Menschenrecht – und Migration gab es schon immer. Dennoch sind viele Staaten skeptisch gegenüber mobilen Gruppen in ihrer Bevölkerung. Sie gelten als weniger berechenbar und schwer zu kontrollieren. So wächst weltweit die Tendenz, diese zu stigmatisieren. Tatsache ist aber: Mobilität eröffnet den Menschen Spielräume und macht sie resilienter. Das kann existenziell sein. Besonders in Regionen, die vom Klimawandel betroffen sind.

Foto: M.Gebhardt/Pixabay

Gesunde Ozeane für unsere Zukunft: Auftakt der Ozeandekade in Deutschland

28. Mai 2021 - 0:00

Menschliches Wohlbefinden, nachhaltige Entwicklung und wirtschaftliches Wachstum hängen von einem gesunden Ozean ab. Viele menschliche Aktivitäten an Land und auf See haben leider einen direkten oder indirekten negativen Einfluss auf den Ozean. Gleichzeitig stellt der Ozean eine wertvolle Quelle für viele Ressourcen dar und spielt eine wichtige Rolle im Klimawandel. Die von den Vereinten Nationen ausgerufene internationale Dekade der Ozeanforschung für nachhaltige Entwicklung von 2021 bis 2030 hat das Ziel, Lösungen für den Schutz und eine nachhaltige Nutzung des Ozeans zu erreichen und die Gesellschaft in diesen Prozess einzubinden.

Am Mittwoch, den 2. Juni 2021, stellt das Deutsche Ozeandekadenkomitee (ODK) die Dekade mit einem virtuellen Event vor, das ganz im Zeichen von Austausch zwischen Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft steht und zur Beteiligung einlädt. Die Veranstaltung folgt auf den internationalen Auftakt der UN-Dekade, die offiziell am 1. Juni 2021 mit einer internationalen High-Level-Konferenz beginnt.

„Nur wenn Politik und Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam nach Lösungen suchen, kann mehr Nachhaltigkeit, auch bei zum Teil unverzichtbarer Nutzung der Meere gelingen“, betont Gesine Meißner, Meeresbotschafterin, langjährige Abgeordnete im Europaparlament und Sprecherin des ODK. „Wir laden alle herzlich ein, an unserer Auftaktveranstaltung teilzunehmen und sich auszutauschen über die vielfältigen Möglichkeiten für ein starkes und wirkungsvolles Engagement für unsere Meere.“

„Wir wollen das Wissen aus Forschung und Gesellschaft zusammenbringen“, ergänzt Martin Visbeck, Ozeanograph am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und ebenfalls Sprecher des Dekadenkomitees. „Aus den vielfältigen Blickwinkeln entstehen innovative Ideen und Handlungsoptionen, die es uns ermöglichen, nachhaltiger mit den Meeren zu leben und den Zustand der Meere zu erhalten oder zu verbessern.“

PROGRAMM für den 2. Juni 2021: Online-Veranstaltung zur Ozeandekade in Deutschland

Eröffnung

9:00 – 9:30 Internationale und nationale Dimension

Begrüßung: Gesine Meißner (Mitglied des Europaparlaments a.D.) und Martin Visbeck (GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel)

Grußworte

• Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (Video)

• Bundesumweltministerin Svenja Schulze (Video)

• Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (Video)

• Carlos Ferreira Santos, deutscher Honorarkonsul der Kapverden

• Fiona-Elaine Straßer, All-Atlantic Ocean Youth Ambassador

 

Perspektive Wissenschaft

9:30 – 10:05 Talkrunde: Die Meeresforschung und die Ozeandekade

Moderatoren: Karin Lochte (Deutsche Allianz Meeresforschung) und Simon Jungblut (ICYMARE)

• Antje Boetius, Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung

• Ulrich Bathmann, Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

• Cora Hörstmann, Early Career Ocean Professional

• Katja Matthes, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

• Oliver Zielinski, Universität Oldenburg

 

Perspektive Wirtschaft

Video „Blue Economy“

10:05 – 10:50 Talkrunde: Nachhaltige maritime Wirtschaft

Moderatoren: Gesine Meißner (Mitglied des Europaparlaments a.D.) und Steffen Knodt (Gesellschaft für maritime Technik e.V.)

• Marcella Hansch, CEO everwave

• Timothy Glaz, Corporate Affairs, Werner & Mertz GmbH

• Ralf Starzmann, CEO Schottel Hydro

• Rudolf Bannasch, CEO Evologics

• Dominik Ewald, Co-Founder MonitorFish

 

Perspektive Gesellschaft

Video „Kommunikation über den Ozean“

10:50 – 11:30 Talkrunde: Wünsche, Erwartungen und Beiträge der Gesellschaft

Moderatoren: Werner Ekau (Zentrum für Marine Tropenforschung) und Heike Vesper (WWF Deutschland)

• Stefan Bülow, Deutsche Gesellschaft für Meeresforschung

• Nadja Ziebarth, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland

• Dorit Liebers-Helbig, Deutsches Meeresmuseum Ozeaneum

• Holger Kühnholdt, Zentrum für Marine Tropenforschung

• Nikolaus Gelpke, International Ocean Institute

 

Dekadenaktivitäten

Video „Schülerinitiativen“

11:30 – 12:10 Talkrunde: Wie kann man mitmachen? – Dekaden Programme

Moderatoren: Martin Visbeck (GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel) und Cora Hörstman (Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung)

• Angelika Brandt, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum, Frankfurt/M.

• Andreas Oschlies, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

• Toste Tanhua, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

• Anne-Marie Melster, ARTPORT_making waves

• Ute Wilhelmsen, Deutsche Allianz Meeresforschung

 

Das Ozeandekadenkomitee (ODK)

12:10 – 12:30 Fragerunde an die Mitglieder des ODK

Moderatorin: Gesine Meißner

Werner Ekau, Marcella Hansch, Cora Hörstmann, Simon Jungblut, Karin Kammann-Klippstein, Steffen Knodt, Karin Lochte, Hanieh Saeedi, Heike Vesper, Martin Visbeck

 

Interaktive Formate

13:00 - 16:30 get-together und Workshops in gather.town

Foto: Pixabay/ Stocksnap

Gewittern auf der Spur

19. Mai 2021 - 0:00
Wie entstehen Gewitter? Wieso schüttet es an einem Ort, ein Dorf weiter aber nicht? Und wie können solche lokalen Phänomene besser vorhergesagt werden? Mit einer großangelegten Messkampagne wollen rund ein Dutzend Forschungseinrichtungen Antworten auf diese Fragen finden. Koordiniert wird die Kampagne an der Universität Hamburg.

Foto: UHH/B.Kirsch

Den Herausforderungen der Klimakrise begegnen

18. Mai 2021 - 0:00

Die Nobelpreisträgerin Esther Duflo diskutiert im Livestream mit Forschenden aus aller Welt. Die öffentliche Veranstaltung bildet den Auftakt des vierten Global University Leaders Council Hamburg, zu dem alle zwei Jahre hochrangige Hochschulleitungen in Hamburg oder digital zusammenkommen.

Wie lassen sich Gesellschaften in eine nachhaltige Zukunft führen? Wie kann die Klimakrise bewältigt werden? Und welche Rolle spielen die Wissenschaft und die Hochschulen dabei? Fragen wie diese stehen im Mittelpunkt des diesjährigen Global University Leaders Council Hamburg (GUC).

Das digitale Council beginnt mit einem öffentlichen Pre-Event. Dabei spricht Nobelpreisträgerin Prof. Esther Duflo unter dem Titel „Good Economics for Warmer Times: How to address our climate change challenges” über Möglichkeiten, dem Klimawandel und seinen Folgen zu begegnen. Anschließend diskutiert sie mit Professor Detlef Stammer, Leiter des Weltklimaforschungs-Programms (WCRP) und Sprecher des Exzellenzclusters Climate, Climatic Change, and Society an der Universität Hamburg sowie Professor Peter‐André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Professorin Pam Fredman, Präsidentin der International Association of Universities und Professorin Mamokgethi Phakeng, Vice-Chancellor der südafrikanischen Universität Kapstadt. Moderiert wird die englischsprachige Veranstaltung von der ehemaligen Chefredakteurin DER SPIEGEL/ SPIEGEL ONLINE, Dr. Barbara Hans. Interessierte können den Livestream am 1. Juni 2021 um 16:30 verfolgen. Zuvor können englischsprachige Fragen eingereicht werden.

Das Global University Leaders Council Hamburg ist eine gemeinsame Initiative der Hochschulrektorenkonferenz, der Körber-Stiftung und der Universität Hamburg. Es findet in diesem Jahr vom 2. bis 4. Juni statt. Dabei wollen die Teilnehmenden auch Empfehlungen erarbeiten, wie das Engagement ihrer Hochschulen bezüglich der Klimakrise künftig aussehen kann. Internationale Strategiekonferenzen wie diese sind ein wichtiger Baustein des Konzepts „A Flagship University: Innovating and Cooperating for a Sustainable Future“ der Exzellenzuniversität Hamburg.

Foto: Bryce Vickmark

„Die Klimakrise verschlechtert die Lebensbedingungen vieler Menschen“

18. Mai 2021 - 0:00
Wie lassen sich die Ursachen von Flucht und Vertreibung mindern – und welchen Beitrag kann hierbei Deutschland leisten? Dies haben 24 Expertinnen und Experten im Auftrag der Bundesregierung untersucht, darunter Prof. Dr. Jürgen Scheffran von der Universität Hamburg.

Foto: G. Shahane/unsplash

Neue Juniorprofessorin für Methoden des maschinellen Lernens in der Geophysik

17. Mai 2021 - 0:00

Wir freuen uns sehr, ab Mitte Mai Frau Prof. Dr. Conny Hammer am Institut für Geophysik zu begrüßen. Frau Hammer hat an der Universität Potsdam promoviert und wechselt vom Schweizerischen Erdbebendienst, welcher an der ETH Zürich angesiedelt ist, zu uns nach Hamburg. In ihrer Forschung nutzt Frau Hammer Methoden das maschinellen Lernens, um Muster und Zusammenhänge in komplexen, natürlichen Geosystemen zu identifizieren. Frau Hammer möchte diese Methode u.a. im Bereich der Klimaforschung einsetzen, wobei z.B. der Zusammenhang von Klimaveränderungen mit Beben in Gletschern oder aber Bergstürzen in seismischen Daten aufgespürt werden sollen.

Foto: privat

FAQ zum Coronavirus und dessen Auswirkungen auf die UHH

14. Mai 2021 - 8:00
Wie finden momentan Prüfungen statt? Und welche Regeln gelten für das Arbeiten im Homeoffice? Alle Antworten zu den wichtigsten Fragen rund um die Corona-Pandemie und die geltenden Regelungen finden Sie in den FAQ, die laufend aktualisiert werden. [Letzte Aktualisierung: 14.05.2021, 17:53 Uhr]

Foto: UHH/Schell

PHYTOARK geht an den Start

3. Mai 2021 - 0:00

Der Klimawandel bedroht die Artenvielfalt in Meeren und Ozeanen und damit auch die Stabilität mariner Ökosysteme. Schon jetzt zeigt das Phytoplankton – photosynthetisch aktive Kleinstlebewesen an der Basis des ozeanischen Nahrungsnetzes – erste Veränderungen. Das am 1. Mai gestartete Forschungsnetzwerk PHYTOARK unter Leitung des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) will mit Hilfe neuester Methoden der Paläoökologie und Biodiversitätsforschung bis zu 8000 Jahre zurückschauen und durch natürliche Klimaschwankungen bedingte Veränderungen des Ostsee-Phytoplanktons rekonstruieren. Dieser Blick in die Vergangenheit soll helfen, zukünftige Klimawandelfolgen besser abzuschätzen.

„Wir stehen am Anfang eines faszinierenden Forschungsvorhabens, bei dem wir Spuren der Vergangenheit wie etwa sehr alte DNA nutzen, um möglichst belastbare Zukunftsszenarien zu entwickeln, und sogar Organismen wiederbeleben, die hunderte von Jahren im Ostseeschlamm geschlummert haben“, kommentiert Dr. Anke Kremp den Projektstart.

Die IOW-Expertin für Phytoplanktonökologie leitet das internationale PHYTOARK-Netzwerk, das für drei Jahre mit insgesamt rund 1 Mio. Euro von der Leibniz-Gemeinschaft im Rahmen des Leibniz-Wettbewerbs gefördert wird. Beteiligt sind neun weitere Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Finnland, Schweden und den USA, darunter als Hauptpartner das Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt sowie die Universitäten Hamburg und Konstanz.

Die Kernidee von PHYTOARK besteht darin, dass in den Sedimenten der Ostsee wie in einem Archiv Spuren der Vergangenheit eingelagert sind, deren Alter gut datierbar ist und die Rückschlüsse erlauben, welche Phytoplanktongemeinschaften zu verschiedenen Zeiten in dem Binnenmeer gelebt haben und welche Umweltbedingungen dabei jeweils herrschten. „In den rund 8.000 Jahren, in denen die Ostsee als Brackwassermeer existiert, gab es mehrere Wärmeperioden – natürliche Klimaschwankungen – mit Erwärmung in einer Größenordnung, die mit dem heutigen menschgemachten Klimawandel vergleichbar ist“, erläutert Kremp. „Wir wollen verstehen, wie das Phytoplankton auf diese Umweltveränderungen reagiert hat. Diese Informationen können dann in computergestützte Simulationen einfließen, die Aufschluss darüber geben, wie das Phytoplankton der Zukunft funktioniert“, so die IOW-Expertin.

Die daraus resultierenden Erkenntnisse sind wiederum zur Abschätzung der Klimawandelfolgen für das gesamte Ökosystem Ostsee äußerst wertvoll. „Denn wenn es an der Basis des Ostsee-Nahrungsnetzes Veränderungen gibt, setzen sich die Auswirkungen bis in höhere Ebenen – beispielsweise bei den Fischbeständen – fort“, erklärt Kremp. Daher ist auch die HELCOM (Helsinki-Kommission zum Schutz der Ostsee) in das PHYTOARK-Netzwerk eingebunden, um einen Bewertungsrahmen für Klimawandelfolgen mit zu entwickeln, der die Erkenntnisse zu klimabedingten Auswirkungen auf Phytoplanktondiversität und -funktion in der Vergangenheit berücksichtigt.

„Schon im April haben wir bei einer Expedition mit dem IOW-Forschungsschiff Elisabeth Mann Borgese Sedimentkerne aus der zentralen Ostsee und dem Finnischen Meerbusen gezogen, die wir als Archive der Vergangenheit auswerten wollen, sowie Wasserproben genommen, um Referenz-Werte für den heutigen Zustand zu gewinnen“, schildert Anke Kremp die bereits angelaufenen praktischen Vorarbeiten.

Um das Ostsee-Phytoplankton längst vergangener Zeiten samt dazugehöriger Umwelt-bedingungen zu rekonstruieren, setzt PHYTOARK auf einen neuartigen multidisziplinären Ansatz, der modernste Paläoumweltforschung und Biodiversitätsforschung sowie experimentelle Planktonökologie und Ökosystemmodellierung kombiniert. Aus den Sedimentproben soll sogenannte Umwelt-DNA extrahiert und analysiert werden, also die Erbinformation all der Organismen, deren Überreste  sich im Lauf der Jahrtausende in den verschiedenen Schichten abgelagert haben. „Wir können so sehr lange DNA-Zeitreihen erstellen, die Rückschlüsse erlauben, wie sich die Artenvielfalt und Funktion der Phytoplanktongemeinschaften verändert haben“, erläutert Kremp.

Außerdem will PHYTOARK durch Paläogenomik, der Rekonstruktion alten Erbgutes bestimmter Schlüsselarten, herausfinden, wie klimabedingte Umweltveränderungen zu evolutionären Anpassungen geführt haben. Besonders spannend seien, so Kremp, in diesem Zusammenhang die Untersuchungen an jahrhunderte- bis jahrtausendealten wiederbelebten Populationen: Phytoplankter bilden Ruhestadien, um Zeiten widriger Bedingungen zu überdauern. Diese können unter günstigen Bedingungen zu neuem Leben erweckt, physiologisch charakterisiert und mit heutigen Populationen verglichen werden. „Fast muss man an Jurassic Park denken, selbst wenn unsere Phytoplankter natürlich nicht aus der Dinosaurier-Zeit stammen“, sagt die Phytoplanktonökologin. Durch Analyse verschiedener organischer und anorganischer Sedimentbestandteile werden zusätzlich Rückschlüsse über frühere Salzgehalte, Sauerstoff- und Temperaturverhältnisse möglich und runden so die PHYTOARK-Rekonstruktion der der Ostsee-Vergangenheit ab.

„Mit den PHYTOARK-Partnern bringen wir erstmals all die Expertise in einem Netzwerk zusammen, die für eine derart ganzheitliche Erforschung von planktischer Vielfalt und Klimaveränderungen in der Ostsee-Vergangenheit nötig ist. Auch die konsequente Integration von Strategien, um unsere Erkenntnisse für die ökologische Bewertung der Ostsee-Zukunft zu nutzen, macht unseren Ansatz neu und vielversprechend“, kommentiert Anke Kremp abschließend.

Hamburger Klimabeirat: Vier CLICCS Wissenschaftler:innen berufen

30. April 2021 - 0:00

Ab sofort begleiten und unterstützen hochkarätige Wissenschaftler:innen den Hamburger Senat bei der Umsetzung des Hamburgischen Klimaschutzgesetzes und des Hamburger Klimaplans. Dafür hat der Senat einen Klimabeirat gebildet. Das unabhängige Gremium setzt sich aus 15 Mitgliedern verschiedener wissenschaftlicher Bereiche zusammen. Aus dem Exzellenzcluster Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS) sind Prof. Dr. Anita Engels, Prof. Dr. Daniela Jacob, Prof. Dr.-Ing. Jörg Knieling und Prof. Dr. Heinke Schlünzen mit dabei.

Prof. Dr. Anita Engels, Universität Hamburg: „Wie kann Klimaschutz so in den Stadtteilen und Quartieren verankert werden, dass davon positive Impulse für die Stadtteilentwicklung ausgehen? Insgesamt muss es beim Klimaschutz auf allen Ebenen darauf ankommen, eine möglichst breite aktive Trägerschaft in der Bevölkerung zu erreichen – dafür hat Hamburg viele Ansatzpunkte.“

Prof. Dr. Heinke Schlünzen, Universität Hamburg: "Hamburg hat mit dem Klimaplan gute Voraussetzungen, Emissionen zu mindern und Anpassungen an den Klimawandel vorzunehmen. Wir unterstützen den Senat mit den aktuellsten Forschungsergebnissen, unter anderem aus unserem Projekt Wasser von vier Seiten. So tragen wir dazu bei, Veränderungen durch den Klimawandel und die Klimaanpassung, die die Gesellschaft, die Stadt und das Umland betreffen, umfassend zu bewerten.“

Prof. Dr.-Ing. Jörg Knieling, HafenCity Universität: „Welche innovativen Strategien, Instrumente und Kooperationsformen können Hamburg helfen, Klimaschutz und Klimaanpassung voranzubringen? Wir als Klimabeirat versorgen den Senat mit den neuesten Forschungen, zum Beispiel aus den Bereichen Klima-Governance und urbaner Transformation. Damit unterstützen wir die Stadt dabei, ihre Klimaziele zu erreichen.“

Foto: Pixabay/ Lachalott

Terrassenfeldbau im Kleinformat schont Klima und Natur

30. April 2021 - 0:00
Die Geografin Katharina Heider forscht zu nachhaltiger Landwirtschaft im Mittelmeerraum und arbeitet mit satellitenbasierten Geo-Informations-Systemen (GIS).

Mein Blick wandert talwärts. Er bleibt an einem Labyrinth aus Obstbäumen hängen, die mit Gemüse- und Kräuterbeeten ein grünes Muster bilden. So vielfältig zeigt sich mancher Garten auf den Hügeln des Ricote-Tals in Südostspanien. Seit Jahrhunderten bewirtschaften Kleinbäuerinnen und -bauern hier Terrassenfelder mit ausgeklügelter Bewässerung. Die traditionellen Felder sind widerstandsfähig und artenreich – und eine klimafreundliche Alternative zur industriellen Landwirtschaft. Doch in vielen verlassenen Gärten ist das Grün gewichen.

Warum geben die Menschen das Land auf? Dem bin ich genauer nachgegangen. Am Centrum für Erdsystemwissenschaft und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg habe ich die Terrassenfelder zwischen 2016 und 2019 erforscht. Wie viele werden noch bewirtschaftet? Was sagen die Menschen vor Ort?

Im ersten Schritt lokalisierte ich die landwirtschaftlichen Terrassen auf Basis von Katasterdaten und eines laserbasierten digitalen Höhenmodells der Erdoberfläche. Je nachdem, wie eben die Oberfläche im Höhenmodell ist, konnte ich ableiten, wo sich terrassierte und wo sich felsige Flächen befinden.

Auf einer Katasterkarte von Ricote sind die verlassenen und die bewirtschafteten grünen Felder markiert.

Im zweiten Schritt verwendete ich Satellitenbilder, um die Nutzung der Terrassen zu ermitteln: Ich berechnete einen Vegetationsindex, der sichtbar macht, inwieweit die Flächen von Pflanzen bedeckt sind und wie gesund diese wirken. So konnte ich erkennen, welche Felder bewässert werden.

Im nächsten Schritt führte ich die lokalisierten Terrassen und ihre Nutzung zusammen und berechnete, wie groß die bewirtschaftete Fläche der Terrassenfelder ist. Das Resultat überrascht: Je größer die Flurstücke, desto seltener sind sie kultiviert. Im Jahr 2019 etwa wurden 76 Prozent der kleinen und nur 57 Prozent der großen Felder auf den Terrassen bewirtschaftet. Aber es gibt auch einen erfreulichen Trend: Von 2016 bis 2019 ist der Anteil der nicht bewirtschafteten Terrassen um etwa 16 Prozent gesunken. Das bedeutet aber auch: Zuletzt wurden rund 40 Prozent der Terrassen gar nicht kultiviert. Doch woran liegt das?

Prozentualer Anteil der kultivierten (grün) und nicht kultivierten (braun) landwirtschaftlichen Fläche nach Parzellengrößen im Ricote-Tal zwischen 2016 und 2019.

Als letzter Baustein meiner Arbeit geben Gespräche mit Expertinnen sowie Einheimischen hier Aufschluss: Klimawandel, Wasserknappheit und Bodendegradation durch intensive Bewirtschaftung sind die wichtigsten Umweltfaktoren für die Landaufgabe in der Region. Doch in den Gesprächen sind soziale und wirtschaftliche Gründe noch entscheidender. So haben die steilen Hänge und lokale Erbregeln, die das Land unter Geschwistern aufteilen, zur Zersplitterung der Flächen geführt. Die Einheimischen berichten zudem, dass die Landwirtschaft wegen hoher Arbeitsbelastung und niedriger Erntepreise für junge Menschen unattraktiv ist. Trotzdem fühlen sich auch die Nachkommen dem Land stark verbunden und möchten nicht verkaufen, auch wenn sie es nicht bewirtschaften. So fallen viele Flächen für den Feldbau weg.

Vielseitige Landwirtschaft statt Monokulturen: Auf einigen Parzellen werden Zitronen- und Olivenbäume, Gemüse und Kräuter auf engem Raum angebaut.

Meine Berechnungen zeigen allerdings auch, dass der Landbau auf kleineren Feldern gut zu funktionieren scheint. So erfuhr ich, dass Familien oft nicht vom Anbau allein leben und Preisschwankungen kompensieren können. Trotzdem ist die Konkurrenz zur industriellen Landwirtschaft allgegenwärtig. Auf Agrarbeihilfen kann Ricote jedoch nicht zählen, da die kleinen Felder nicht förderfähig sind. Um die Vielfalt und Widerstandskraft der Landschaft zu bewahren, wäre es aber wichtig, gerade Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu unterstützen.

Foto: UHH/CEN/K. Heider

Die Relevanz der Markstabilitätsreserve für die deutsche Energiewende

30. April 2021 - 0:00

Sie scheint nur ein technisches Detail zu sein, ist aber zentral für den Erfolg von Klimaschutzmaßnahmen auf nationaler Ebene: Die Marktstabilitätsreserve (MSR) im EU-Emissionshandel soll Nachfrageschocks abfedern, klimafreundliche Innovationsanreize setzen und Synergien schaffen zu anderen klima- und energiepolitischen Bemühungen. In der Realität bewirkt sie jedoch mithin das Gegenteil, zeigt eine neue Analyse von Ariadne-Experten der Universität Hamburg und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Damit Klimaschutzmaßnahmen in der deutschen Energiewende verlässlich greifen können, schlagen die Fachleute verschiedene Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Reform vor.

Durch die Marktstabilitätsreserve konnte der historische Überschuss an Emissionsrechten reduziert und damit das Vertrauen in den EU-Emissionshandel wiederhergestellt werden. Doch in der Vorausschau auf das künftige Marktgeschehen liegt die MSR oft daneben. Vom Stromsparen in den eigenen vier Wänden bis zum Kohleausstieg in Deutschland: Im Extremfall kann die MSR durch ihre mengenbasierte Angebotssteuerung auf solche Veränderungen nicht mit weniger, sondern mehr CO2-Emissionen reagieren und konterkariert so Klimaschutzbemühungen. Ein Paradox: Je ambitionierter und vorausschauender Klimapolitik parallel zum Emissionshandel gestaltet wird, desto stärker arbeitet die Markstabilitätsreserve dagegen.

Die Ariadne-Fachleute schlagen deshalb eine Ausrichtung der Stabilitätsreserve am Preis vor. Durch die Überführung der Marktstabilitätsreserve in eine Preisstabilitätsreserve (PSR) könnten der Emissionshandel verlässlich stabilisiert werden und seine Klima- und Kostenwirkung verbindlich festgelegt werden. Erst eine Preisstabilitätsreserve, so das Fazit der Autoren, ermöglicht die effektive Abstimmung nationaler Maßnahmen der Energiewende auf den EU-Emissionshandel und schafft Investitions- und Planungssicherheit für alle Akteure – von einzelnen Haushalten bis zum Bund. 

67 Tage an Bord der Sonne

23. April 2021 - 0:00

Studierende und Wissenschaftliche Mitarbeitende bloggen live vom Forschungsschiff SONNE. Seit dem 19. März befindet sie sich auf einer der längsten Expeditionen ihrer Geschichte. Ziel der Fahrt ist es, zahlreiche Messsysteme im Südatlantik zu bergen. Diese Systeme wurden vor der Corona-Pandemie am Meeresboden verankert und gesichert, um dort unter anderem Meeresströmungen, Temperatur, Salzgehalt, Sauerstoff und den Partikelfluss des Ozeans aufzuzeichnen. Da zahlreiche Forschungsfahrten im Südatlantik mit den Forschungsschiffen METEOR und MARIA S. MERIAN im Jahr 2020 und im Frühjahr 2021 wegen der Corona-Pandemie ausfallen mussten, gehen nach dem langen Einsatz die Energiereserven der Messsysteme zu Neige, es ist ein Lauf gegen die Zeit. Zum Expeditions-Blog

Foto: UHH/ Thomas Wasilewski

Wie Gesteinsschutt von gestern die Meere von morgen beeinflusst

21. April 2021 - 0:00

Manche Felsen sehen aus, als wären sie gestreift. Das „Streifendesign“ entsteht, wenn sich Gesteinspartikel in Schichten übereinander lagern. Verfestigen sich die Partikel nicht, bilden sich sogenannte Lockersedimente. Wind und Wasser tragen diese im Laufe der Zeit wieder ab und transportieren die Sedimente an teilweise weit entfernte Orte.

Für die Erdsystemforschung sind das wichtige Prozesse – denn das feine Gesteinsmaterial beeinflusst viele Ökosysteme. Die Sedimente tragen beispielsweise Nährstoffe mit sich oder beeinflussen, wieviel Wasser ein Boden speichern kann. Gelangt das abgetragene Gestein in die Ozeane, beeinflusst es die Chemie des Meerwassers. Bisher fehlte in der Forschung jedoch eine weltweite Gesteinskarte, die die unterschiedlichen Lockersedimente abbildet. Daher habe ich mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg an die Arbeit gemacht. Wir haben 126 Karten, die unterschiedliche Regionen der Erde mit ihren Lockersedimenten abbilden, zu einer globalen Karte vereint. Eine echte Herausforderung. Viele der Karten wurden uns von den nationalen geologischen Diensten zur Verfügung gestellt und lagen zum Großteil schon digital vor, doch einige Karten mussten zuerst digitalisiert werden. Eine weitere Schwierigkeit: Viele Karten waren in uns fremden Sprachen beschriftet – etwa Russisch und Chinesisch. Glücklicherweise halfen unsere vielen internationalen Kolleginnen und Kollegen bei der Übersetzung.

Janine Börker erforschte den Einfluss von Löss auf Ozeane.

Die so entstandene globale Karte besteht aus fast einer Million Bereichen und kann eine Art Raster bilden. Diesem Raster ordneten wir Klimadaten zu – etwa die Temperatur und Wasserabfluss an der Oberfläche – und führten verschiedene Berechnungen durch, welche nun zum Beispiel in Klimamodelle integriert werden können.

Auch für meine Doktorarbeit war die Karte Grundlage. Mit ihrer Hilfe berechnete ich, wie die über Flüsse ins Meer gelangenden Lockersedimente dort den Säuregrad des Wassers beeinflussen. In der Klimaforschung sind solche Berechnungen enorm wichtig, denn durch den steigenden Gehalt an Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre, nehmen auch die Meere mehr CO2 auf. Dort löst sich das Treibhausgas und wird zu Kohlensäure. So wird das Wasser allmählich saurer. Meereslebewesen wie Korallen, Muscheln und Schnecken, die ihre Schalen aus säureempfindlichem Kalk aufbauen, sind dadurch bedroht. Auch Fische und Fischlarven leiden unter der zunehmenden Versauerung.

Doch einige der ins Meer gelangenden Lockersedimente können dem Prozess der Versauerung entgegensteuern. So etwa Löss. Dieses hellgelb-graue, sehr feine Material kann bewirken, dass das Meerwasser mehr CO2 aufnehmen kann. Bisher wurde der Einfluss von Löss auf den Säuregehalt des Ozeans jedoch nicht genauer untersucht. Meine Berechnungen zeigen nun erstmals, dass Löss den pH-Wert des Meerwassers erhöhen kann. Der pH-Wert ist ein Maß für den sauren oder basischen Charakter einer wässrigen Lösung. Je höher er ist, desto weniger sauer ist die Flüssigkeit. Einfach gesagt: Mehr Löss gleich weniger Säure. Bei zukünftigen Berechnungen mit Ozean- und Klimamodellen sollten diese Prozesse berücksichtigt werden, könnte es jene Modelle doch verbessern.

Foto: UHH/ Thomas Wasilewski