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Aktualisiert: vor 4 Minuten 53 Sekunden

Wie klimawirksam ist die deutsche Energiewende?

3. Juli 2020 - 0:00
Das Großprojekt „Ariadne“ soll die Energiewende wissenschaftlich begleiten. Prof. Dr. Grischa Perino aus dem Fachbereich Sozialökonomie und dem Exzellenzcluster „Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS)“ wird in einem Teilprojekt den europäischen Emissionshandel und seine Auswirkungen auf die nationale Politik untersuchen. Dafür erhält er über drei Jahre eine Förderung von rund 330.000 Euro.

Foto: Sebastian Engels

Neuer Hochleistungsrechner für die Erdsystemforschung

23. Juni 2020 - 0:00

Das DKRZ und die Firma Atos haben einen neuen Vertrag über die Lieferung eines Supercomputers unterzeichnet. Der Computer verfünffacht die Rechenleistung des DKRZ im Vergleich zum aktuell betriebenen Hochleistungsrechner und läuft auf Basis der neuesten BullSequana XH2000-Technologie.  Davon profitiert auch die Forschung im CEN und CLICCS: Ab 2021 werden Klimamodellrechnungen auf den schnelleren Systemen laufen können.

Der leistungsfähige Supercomputer ermöglich detailliertere Simulationen und damit tiefere Einblicke in das Klimageschehen. Mit der deutlich erhöhten Rechenleistung können Forschende zukünftig regional höher aufgelöste Klima- und Erdsystemmodelle verwenden, mehr Prozesse in die Rechnungen mit einbeziehen, längere Zeiträume simulieren oder die natürliche Klimavariabilität mithilfe von Ensemblerechnungen genauer erfassen und damit Unsicherheiten reduzieren. Damit einher geht ein starker Zuwachs der Daten, die berechnet und dann gespeichert und ausgewertet werden.

Zur vollständigen Pressemitteilung

Foto: Atos

„Das Wasser kommt aus allen Richtungen“

17. Juni 2020 - 0:00
Dass der Meeresspiegel steigt und Sturmfluten künftig voraussichtlich höher auflaufen, sind nur zwei der vielen Herausforderungen, vor die der Klimawandel die deutsche Nordseeküste stellt. Das neue Forschungsprojekt „WAKOS – Wasser an den Küsten Ostfrieslands“ wird mit rund 2,3 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und sucht die besten Vorsorge- und Anpassungsstrategien für die Region. Das geht am besten zusammen mit den Menschen vor Ort, erklärt die Geographieprofessorin Beate Ratter von der Universität Hamburg.

Foto: Pixabay CC0

Klimapolitik ist auch Friedenspolitik

16. Juni 2020 - 0:00

Heute erscheint das Friedensgutachten 2020 und lenkt den Blick auf die Folgen des Klimawandels. Professorin Ursula Schröder vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) und Professor Jürgen Scheffran vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg haben daran mitgearbeitet und zeigen, warum mehr Klimaschutz die Welt sicherer macht.

Was ist eigentlich ein Friedensgutachten und wer erstellt es?

Ursula Schröder: Das Friedensgutachten erscheint jährlich seit 1987. Es ist ein gemeinsames Gutachten von vier deutschen Friedensforschungsinstituten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachgebieten untersuchen darin internationale Konflikte und Entwicklungen zu Fragen der Sicherheit aus Sicht der Friedenspolitik. Wir geben auch klare Empfehlungen für die Politik.

Sie haben das Kapitel zu Klima und Konflikten mit verfasst. Wurde das Thema zum ersten Mal so prominent im Gutachten aufgegriffen?

Ursula Schröder: Migration und Klimawandel wurden bereits in früheren Gutachten thematisiert. Doch in diesem Jahr ist „Friedenspolitik in Zeiten des Klimawandels“ ein Schwerpunkt des gesamten Gutachtens, das ist das erste Mal. Die Folgen des Klimawandels für die Gesellschaften sind heute besonders präsent, deshalb haben wir ihren Einfluss auf die Sicherheit und auf ein friedliches Zusammenleben ausführlich behandelt.

Während in den Medien vor Millionen von flüchtenden Menschen aufgrund von Klimaveränderungen gewarnt wird, wehrt sich die Wissenschaft gegen solche Pauschalisierungen. Wer hat Recht?

Jürgen Scheffran: Es gibt in der Wissenschaft Differenzen über die Zahl von Menschen, die durch Klimawandel vertrieben werden, von dutzenden bis zu hunderten von Millionen. Dies lässt sich heute nur grob schätzen und hängt von vielen Faktoren ab: Wie viele Menschen werden weltweit betroffen sein, welche Anpassungs- und Schutzmaßnahmen gibt es für sie, wie schwierig oder wie gefährlich wäre es auszuwandern – und welche Politik verfolgen die Herkunftsländer und welche die Zielländer?
Wenn Menschen allerdings stets nur von der größtmöglichen Bedrohung durch Migration ausgehen, werden Ängste erzeugt und Abwehrreaktionen hervorgerufen. Diese stehen dann oft einer Lösung im Wege, zum Beispiel durch eine vorbeugende Klima- und Migrationspolitik.

Im Gutachten steht, dass der Zusammenhang zwischen Klimawandel und bewaffneten Konflikten weder zwingend gegeben noch statistisch leicht nachzuweisen ist. Warum sind Sie trotzdem sicher, dass mehr Klimaschutz die Welt sicherer machen würde?

Ursula Schröder: Die Risiken des Klimawandels für Frieden und Sicherheit sind komplex und schwer einzuschätzen. Viele Studien zeigen aber deutlich, dass der Klimawandel zu Armut, Hunger und Krankheit beiträgt und sich damit negativ auf menschliche Sicherheit auswirkt. Wir fordern daher eine nachhaltige Klimapolitik, die auch die menschliche und ökologische Sicherheit ins Zentrum rückt. Doch dass der Klimawandel notwendigerweise zu mehr Gewalt und Krieg führt, ist stark vereinfacht und so nicht haltbar.

Kooperation ist auch Voraussetzung für eine Begrenzung des Klimawandels, während Konflikte das Ausmaß der Klimakrise verschärfen können. Wie lässt sich gegensteuern?

Jürgen Scheffran: Ohne Kooperation hätte die Menschheit es in der Geschichte nicht so weit gebracht. Doch angesichts der Klimakrise ist eine globale Zusammenarbeit nötiger denn je. Es zeigen sich Fortschritte, zum Beispiel in entsprechenden Vereinbarungen: von regionalen Wasserabkommen bis hin zum Pariser Klimavertrag, aber auch in lokalen Initiativen für eine Energie-, Agrar- oder Verkehrswende. Allerdings erfolgt der Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung nicht so schnell wie nötig. Widerstreitende Interessen und Konflikte, etwa zwischen Bauern und Nomaden in Afrika oder zwischen den Großmächten in der Arktis behindern die Kooperation. Klimapolitik und Friedenspolitik bedingen sich daher gegenseitig. 

Sie geben auch Empfehlungen zum Geoengineering, das sind Eingriffe in die Umwelt durch den Menschen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Welche sind das?

Ursula Schröder: Wir fordern rasche und drastische Verminderungen von Emissionen, denn eine Vermeidung des Klimawandels ist gleichzeitig vorbeugende Friedenspolitik und hat bei uns höchste Priorität. Technischen Lösungen in großem Stil stehen wir dann kritisch gegenüber, wenn sie nicht versuchen, die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren, sondern nur deren Effekte technisch begrenzen möchten.
Die deutsche Bundesregierung sollte aufgrund der immensen Risiken auf Forschung zur Manipulation der Sonneneinstrahlung verzichten und sich international für ein Moratorium einsetzen. Andere Verfahren des Geoengineerings sollten nach zwei Kriterien bewertet werden – dem Vorsorgeprinzip und der Schadensvermeidung im Sinne von “do-no-harm”.

Kann der Klimawandel auch positive Auswirkungen wie zum Beispiel weniger gewalttätige Konflikte mit sich bringen?

Jürgen Scheffran: Wie die Coronakrise zeigt, können große Herausforderungen enorme Energien freisetzen, um Probleme zu bewältigen. Dies gilt auch für den Klimawandel, der langfristig noch größere Risiken birgt und eine Mobilisierung gesellschaftlicher Kräfte erfordert, die an einem Strang ziehen. Statt zu warten, bis das Kind in den Klimabrunnen gefallen ist und dann ungeahnte Mittel ins Katastrophenmanagement zu stecken, sollten wir frühzeitig an der Transformation in eine kohlenstoffarme Gesellschaft arbeiten. Dazu braucht es eine nachhaltige Friedenssicherung, die auf Gewaltvermeidung, Abrüstung und Demilitarisierung setzt.

 

 
Vorstellung des Gutachtens und Diskussion im Livestream
mit Prof. Ursula Schröder, Jürgen Trittin u.a.
Dienstag, 16.06.2020, 18 Uhr
Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa

Das Friedensgutachten
https://friedensgutachten.de/

 

Foto: sunyu - unsplash

Gesteinsmehl bindet CO2 aus der Atmosphäre

11. Juni 2020 - 0:00

Der Klimawandel verändert die Erde erheblich und zwingt Mensch und Natur sich anzupassen. Um die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, muss der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) drastisch reduziert werden, denn das Gas reichert sich in der Atmosphäre an und erwärmt diese. Weil Politik und Gesellschaft den Ausstieg aus fossilen Energien viel zu langsam vorantreiben, steigt die Gefahr einer Klimakatastrophe. Deshalb müssen auch Methoden des Climate Engineering ausgelotet werden, mit denen der Mensch absichtlich in das Klimasystem eingreift. Einige solcher Maßnahmen sollen CO2 aus der Atmosphäre holen und dauerhaft speichern. So auch die beschleunigte Verwitterung.

Diese erforsche ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. Bestimmte Böden werden dabei mit zermahlenem Gestein bestreut. Regen setzt dann chemische Reaktionen in Gang: Das CO2 aus der Luft reagiert mit Wasser zu Kohlensäure. Diese Säure greift Minerale aus dem Gesteinsmehl an und dabei wird das CO2 zusammen mit Elementen wie Calcium, Magnesium und anderen gelöst. Dadurch ist das CO2 im Grundwasser gebunden und gelangt schließlich über die Flüsse langfristig in die Ozeane.

Dr. Thorben Amann

In Laborversuchen hat sich gezeigt, dass die Verwitterung sehr effizient sein kann. Wir haben die Effekte nun in einem Gewächshaus-Experiment mit knapp 90 Regentonnen untersucht, die mit einem Lehmboden gefüllt und vorwiegend bepflanzt waren. Um die Verwitterung anzukurbeln und mehr CO2 zu binden, verteilten wir ein Pulver aus größtenteils leicht löslichen Olivin-Mineralen auf dem Lehmboden fast aller Tonnen. Dabei bestreuten wir einige Tonnen mit groben und andere mit sehr fein gemahlenen Körnern. Bei gleicher Menge bieten die feineren Körner eine größere Oberfläche – somit sollte auch mehr Gestein verwittern.

Die Tonnen wurden regelmäßig beregnet. Da das gewählte Gesteinspulver eine vergleichsweise einfache chemische Zusammensetzung hat, ließen sich die chemischen Prozesse gut nachverfolgen: Den jeweiligen Verwitterungseffekt konnten wir am pH-Wert ablesen und daran, wieviel Magnesium und Silizium im Wasser der einzelnen Tonnen wiederzufinden war. So ließen sich die verschiedenen Varianten unseres Versuchs gut miteinander vergleichen.

Unser Experiment zeigt, dass Olivin zwar weniger CO2 bindet als bisher in der Theorie berechnet, doch insgesamt beobachteten wir einen deutlichen Effekt. Andere Gesteine wie etwa Basalt könnten aufgrund ihrer Zusammensetzung einen zusätzlichen positiven Effekt haben: Bei der Verwitterung werden Nährstoffe freigesetzt, die sich als natürlicher Dünger eignen. Das Gesteinspulver kann also ausgelaugte Böden aufwerten und Industriedünger ergänzen. Pflanzen wachsen dann besser und können damit mehr CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen. Abhängig vom Gestein können allerdings auch Schwermetalle wie Nickel und Chrom freigesetzt werden, die sich im Boden sammeln und in bestimmten Konzentrationen schädlich für die Gesundheit sein können. In unserem Experiment konnten wir in den Pflanzen aber keine schädlichen Konzentrationen von Spurenelementen nachweisen.

Die möglichen Nebenwirkungen erfordern weitere sorgfältige Experimente. Ob sich das Gesteinsmehl eignet, die globale Erwärmung zu mindern, müssen größere Feldversuche zum Beispiel auf Äckern und in Wäldern zeigen. Dabei sollte die Beschaffenheit des Bodens berücksichtigt werden. Idealerweise wird er jeweils so aufbereitet, dass optimale Bedingungen für die Verwitterung herrschen. Warmfeuchte Regionen in den Tropen oder Subtropen eignen sich besonders gut, da die hohen Temperaturen die CO2-Bindung beschleunigen. Letztlich ist auch entscheidend, welche Gesteinsarten Nachhaltigkeit und Effizienz am besten verbinden.

 

Foto: Artwork: Rita Erven, GEOMAR

FAQ zum neuartigen Coronavirus und dessen Auswirkungen auf die UHH

8. Juni 2020 - 11:00
Wie sieht das Sommersemester 2020 aus? Welche Vorgaben gelten für das Homeoffice? Und was müssen internationale Gäste beachten? Alle Antworten zu den wichtigsten Fragen bezüglich Corona finden Sie auf den folgenden Seiten. Die FAQ werden laufend aktualisiert. [Letzte Aktualisierung: 08.06.2020, 15:26 Uhr]

Foto: UHH/Schell

Zwei neue Emmy Noether-Gruppen an der Universität Hamburg

8. Juni 2020 - 0:00

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat Dr. William Foster und Dr. Helen Blank in das Emmy Noether-Programm aufgenommen. Sie werden an der Universität Hamburg bzw. am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Nachwuchsgruppen aufbauen und erhalten dafür voraussichtlich rund 1,6 bzw. 1,7 Millionen Euro.

Das Emmy Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft eröffnet besonders qualifizierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern die Möglichkeit, sich durch die eigenverantwortliche Leitung einer Nachwuchsgruppe über einen Zeitraum von sechs Jahren für eine Hochschulprofessur zu qualifizieren.

Dr. William Foster: „Ocean Life on the Brink: Quantifying the Collapse of Shallow Marine Ecosystems during the Permo-Triassic Climate Crisis“

Wie reagieren Meereslebewesen auf die Klimaerwärmung? Diese Frage ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus gerückt. Zum einen im Hinblick auf die Evolutionsforschung, zum anderen vor dem Hintergrund der Gefahr eines künftigen Massensterbens. Die Klimaerwärmung am Übergang zwischen Perm und Trias, die vor 252 Millionen Jahren stattfand und ein großes Artensterben auslöste, kann dabei helfen, die aktuelle Klimakrise und den Verlust an Biodiversität zu verstehen.

Um herauszufinden, welche Faktoren das Aussterben an der Grenze zwischen Erdaltertum und Erdmittelalter verursachten, wird die Emmy Noether-Gruppe neue, umfangreiche Daten sammeln. Mit deren Hilfe möchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen, wie Meereslebewesen auf extreme Klimaveränderungen reagieren. Ziel ist es, die Erkenntnisse politischen Entscheiderinnen und Entscheidern zu vermitteln, um das aktuelle Massensterben einzudämmen.

Die Emmy Noether-Gruppe von Dr. William Foster wird bei der Arbeitsgruppe „Geologie im Erdsystem“ vom Prof. Dr. Jörn Peckmann am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) angesiedelt. Sie wird voraussichtlich zum 1. Januar 2021 starten und über sechs Jahre mit insgesamt rund 1,6 Millionen Euro gefördert.

Dr. William J. Foster studierte Physische Geografie (MPhysGeog) an der University of Hull und promovierte an der University of Plymouth. Nach einem „Geo.X Postdoctoral Fellowship“ an der Universität Potsdam arbeitete er als Postdoktorand an der University of Texas (USA) und ist momentan Assistant Professor in Paläobiologie am University College Dublin (Irland).

Dr. Helen Blank: „Der Einfluss von Erwartungen auf die Wahrnehmung in menschlicher Kommunikation"

Ob wir einen Ausruf akustisch verstehen oder ein Gesicht erkennen, hängt auch davon ab, was wir zu hören oder sehen erwarten. Die Wahrnehmung ist also ein aktiver Prozess, bei dem eingehende sensorische Informationen im Hinblick auf Erwartungen interpretiert werden. Das übergeordnete Ziel der neuen Emmy Noether-Gruppe besteht darin, zu verstehen, wie das menschliche Gehirn diese Komponenten kombiniert, um zu kommunizieren.

Zu diesem Zweck werden Daten aus verschiedenen Verfahren zur Messung der Hirnaktivität, etwa der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) und der Elektroenzephalografie (EEG), analysiert. An ihnen kann man sehen, welche Hirnareale bei einem akustischen Signal (Sprache) oder bei einem visuellen Reiz (Gesicht) aktiv sind, wie stark die betreffenden Bereiche arbeiten und in welcher Reihenfolge sie bei der Verarbeitung eingeschaltet werden. Die Unterschiede in der Gewichtung von Erwartungen und sensorischen Signalen werden auch bei Personen getestet, bei denen zum Beispiel aufgrund einer Hörschädigung ein erhöhter Bedarf besteht, während der Kommunikation Erwartungen zu verwenden.

Die Emmy Noether-Gruppe von Dr. Helen Blank wird am Institut für Systemische Neurowissenschaften des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) angesiedelt. Sie wird voraussichtlich zum 1. Januar 2021 starten und über einen Zeitraum von sechs Jahren mit insgesamt rund 1,7 Millionen Euro gefördert.

Dr. Helen Blank studierte Psychologie an der Universität Münster. Nach ihrer Promotion am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig forschte sie als Postdoktorandin in der MRC Cognition and Brain Sciences Unit an der University of Cambridge. Im Anschluss an ein Marie Curie Fellowship in der Arbeitsgruppe „Affective neuroscience“ von Prof. Dr. Christian Büchel am UKE leitet sie dort momentan die Arbeitsgruppe „Multisensory Perception“.

Pressemitteilung als PDF

Foto: privat

Kollaps und Transformation

27. Mai 2020 - 0:00

Wie ein Brennglas bündelt die ­Corona-Krise die Verwundbarkeiten, Unsicherheiten und Instabilitäten der vernetzten Welt. Hier zeigen sich die Macht der Natur und die Ohnmacht der Menschen, ungeachtet der Erfolge von Wissenschaft und Technik. Auch wenn die disruptive Krise Kettenreaktionen und Konflikte mit sich bringt, ist Sicherheitspolitik keine geeignete Antwort. Wichtiger als nachträgliches Katastrophenmanagement sind vorbeugende Maßnahmen, die das Gesundheitswesen stärken und ein friedliches, solidarisches und nachhaltiges Verhältnis zwischen Menschheit und Natur schaffen, das in gesellschaftliche und ökolo­gische Kreisläufe eingebettet ist.

Die Welt im Stillstand. Straßen, Kaufhäuser und Flughäfen, Fußballstadien und Touristik­attraktionen sind verwaist, Schulen, Kindergärten und Fabriken wochenlang geschlossen. Viele Regierungen verkünden den Ausnahmezustand und Ausgangssperren, schließen Grenzen zwischen Bundesländern und zu befreundeten Staaten, zwingen Menschen, ihre Wohnung nicht zu verlassen und Abstand zu wahren. Einige reden von Krieg und mobilisieren das Militär. Das öffentliche Leben und die Volkswirtschaft werden »runtergefahren« und wieder »raufgefahren«, mit nahezu unbegrenzten staatlichen Mitteln. Über Wochen und Monate sterben weltweit zehntausende Menschen, Krankenhäuser sind überfüllt, ihr Personal am Limit. Alle Medien übertreffen sich mit Katastrophenberichten. Vor wenigen Wochen hätte dies wie ein Science-fiction-Szenarium gewirkt.

Um die Menschheit in die Knie zu zwingen, könnte es kaum einen kleineren Grund geben. Nur Nanometer groß ist der Übeltäter, ein Virus der Corona-Familie (Sars-CoV-2), das menschliche Zellen zu seiner eigenen Vermehrung umprogrammiert, so wie ein Computer-Virus die Software eines Rechners, und die Krankheit Covid-19 hervorruft. Die Menschheit ist nunmehr den Naturgesetzen einer Pandemie unterworfen, von der privaten bis zur globalen Ebene. Der Versuch, die Kontrolle zu erlangen, bringt Politik und Gesellschaft an den Rand des Kontrollverlusts bis zum gesellschaftlichen Zusammenbruch und Konflikten. Immer wieder ist das Mantra zu hören, dass danach nichts mehr sei, wie es war. Stimmt das oder beschleunigt die Corona-Krise nur, was zuvor bereits erkennbar war? Werden die Menschen in eine »neue Normalität« finden oder in ihr »altes Leben« zurückfallen?

Die Anfänge der Pandemie

Die Krise ist ohne den Anfang nicht zu verstehen. Die ersten Covid-19-Erkrankungen wurden zum Jahreswechsel 2019/2020 gemeldet, ausgehend von Wuhan in Zentralchina. Bald darauf kontaktierte ich einen Kollegen in Wuhan, mit dem ich seit fünf Jahren zusammenarbeite. Nachdem ich ihm im Januar besorgte E-Mails geschrieben hatte, schickte er mir im März besorgte E-Mails zurück, mit Empfehlungen wegen der rasanten Ausbreitung in Europa. Es war frühzeitig erkennbar, welche drakonischen Maßnahmen China ergriff, um die Ausbreitung unter Kontrolle zu halten, auf Kosten wirtschaftlicher Einbußen, die sich über globale Lieferketten weltweit auswirkten.

Im Januar schon war die globale Ausbreitung des Virus erkennbar, aufgrund von Medienberichten über Fälle in anderen Ländern durch Flugpassagiere. Angesichts der berichteten Fallzahlen ließ sich auf eine Verdopplung in wenigen Tagen schließen. Als die Eigenschaften des Corona-Virus bekannt wurden (lange Inkubationszeit, hohe Infektions- und Sterberate), war absehbar, dass sich die Seuche in der global vernetzten Welt nicht einfach eindämmen lässt und über viele Kontakt- und Transportwege rasch ausbreitet. Mitte April waren nach Daten der Johns Hopkins University weltweit von allen bestätigten und nicht mehr akuten Fällen am Ende etwa ein Fünftel gestorben, der Rest war genesen. Die Expertenangaben von unter einem Prozent Verstorbener basieren auf einer bislang vermuteten hohen Dunkelziffer nicht entdeckter Fälle. Selbst dann könnten bei einer Infektion großer Teile der Weltbevölkerung einige Millionen Menschen sterben, wobei die Folgen im Globalen Süden kaum abschätzbar und messbar wären.

Trotz der frühen Beobachtungen wurde die Epidemie in Europa und den USA noch bis Mitte Februar kaum ernst genommen, wodurch wertvolle Zeit verloren ging (etwa für die Produktion von Schutzmasken und Beatmungsgeräten). Das Pflege- und Gesundheitssystem war in den Jahrzehnten davor in vielen Ländern durch Privatisierung und Profitorientierung krank gespart worden. Die Einstellung änderte sich erst Anfang März, als die Infektionen auch in Europa und in den USA stark zunahmen und die Gesundheitssysteme zu überlasten drohten. Überstürzt wurden immer drastischere Maßnahmen ergriffen. Mit der Reduzierung zwischenmenschlicher Kontakte (social distancing) sollte die Ausbreitung abgeschwächt werden, ohne die Ausbreitung ganz einzudämmen. Der Preis war eine massive Reduzierung (Lockdown) des öffentlichen Lebens, mit der Gefahr eines gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kollapses. Die Hoffnungen ruhten nun auf einer aus Not geborenen Allianz von Staat und Wissenschaft.

Kipppunkte und Kettenreaktionen

Corona ist nur die jüngste in einer Kette sich zuspitzender Krisen. Seit Jahren beobachten wir neue Konflikt-, Gewalt- und Fluchtdynamiken sowie nationalistische, fundamentalistische und rechtsextreme Strömungen. Dabei spielten miteinander verbundene Ereignisse eine Rolle, u.a. Arabischer Frühling, Syrienkrieg, Flüchtlingskrise, Terroranschläge, Brexit und Trump-Wahl. Da die Welt zunehmend in den Krisenmodus rutschte, war mit einer weiteren Zuspitzung in den 2020er Jahren zu rechnen. Manches erinnert an die Situation vor hundert Jahren, als sich die Destabilisierung der kolonialen Weltordnung im Ersten Weltkrieg in einer Spirale der Gewalt entlud, gefolgt von weiteren Krisen, wie der Spanischen Grippe, der Weltwirtschaftskrise und dem Aufleben des Faschismus, der zum Zweiten Weltkrieg führte (Scheffran 2014; Menzel 2020). Daraus lässt sich für die heutigen Krisen der fossilen und neoliberalen Variante des globalisierten Kapitalismus vieles lernen.

Die Corona-Krise wird zum Krisenmultiplikator und expandiert durch ihre exponentielle Wachstumsdynamik wie in einer Kettenreaktion. Wenn eine Person mehr als eine andere ansteckt (gemessen durch die Reproduktionszahl), ist die Grenze der Kritikalität überschritten, wie bei einer nuklearen Kettenreaktion, bei Krebs oder beim Bevölkerungswachstum (Scheffran 2016). Während eine Nukle­ar­explosion in Bruchteilen von Sekunden endet, sobald die kritische Dichte unterschritten ist, verläuft die Pandemie über Monate oder gar Jahre. Die globalen Infektionsketten »infizieren« überdies globale Produktions-, Konsum- und Lieferketten, die den Wohlstand unserer Gesellschaft ausmachen.

Seit die Kettenreaktion außer Kon­trolle geraten ist, versuchen Wissenschaft und Politik, sie durch Verringerung der sozialen Kontakte unter die kritische Schwelle zu drücken. Damit werden soziale Netzwerke entkoppelt und wirtschaftliche Wachstumsprozesse unterkritisch, was zu Verlusten in Produktion und Konsum führt, Existenzen gefährdet, Bindungen, Organisationen und politische Einflussmöglichkeiten beeinträchtigt. Die Politik laviert auf dem schmalen Grat zwischen Extremen. Das Überschreiten von Kipppunkten droht in sich selbst verstärkende Risikokaskaden und Dominoeffekte abzudriften, die das System in den Zusammenbruch treiben.

Die Pandemie zeigt, wie eine kleine Ursache planetare Folgen haben kann, wenn Kipppunkte überschritten werden. Dies ist das Credo der Chaostheorie, symbolisiert durch den Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Sturm auslösen kann. Dies gilt im Grenzbereich zur Kritikalität, in dem dann selbst der berühmte kippende Sack Reis in China kein unbedeutendes Ereignis mehr darstellt. Entscheidend ist, was die Welt zuvor in diesen kritischen Zustand getrieben hat, in dem scheinbar kleine Ereignisse einen großen Unterschied machen. Vor hundert Jahren machten der Erste Weltkrieg und die weiteren Dynamiken die Spanische Grippe zur Katastrophe mit 25 bis 50 Millionen Toten, heute ist es die ungehemmte Globalisierung.

Es gilt also die Faktoren zu verstehen, die die Welt verwundbar machen. Hierzu gehören u.a. die Zahl und Dichte von Menschen und ihren Vernetzungen, die Beschleunigung der Prozesse, das auf Ausbeutung gebaute Mensch-Natur-Verhältnis, repräsentiert durch Klimawandel, Verluste von Arten, Ökosystemen, systemrelevanten Infrastrukturen für Wasser, Nahrung, Energie, Gesundheit, etc. durch Privatisierung und Rückzug des Staates (von Weizsäcker et al. 2005). Durch die systemische Corona-Krise werden im Zeitraffer Fehler zumindest temporär sichtbar: Menschen sterben, der Staat springt ein, es wird entschleunigt, entkoppelt und de-globalisiert, um Druck aus dem System zu nehmen – wie bei einem Reaktor kurz vor der Explosion (Scheffran 2016). Um Infektionsketten zu beenden, werden Lieferketten unterbrochen und Apps zur Verfolgung von Kontaktketten entwickelt.

Die Digitalisierung gilt als eine erzwungene Reaktion der Entkörperlichung, aber sie ist selbst ambivalent und erzeugt Effekte, die zu neuen Problemen führen. In digitalen Welten können exponentielle Kettenreaktionen schneller ablaufen und die Cyberwelt zum Einsturz bringen, durch Unfälle und Systemfehler, Schadprogramme und Viren, Herrschaft über digitale Medien oder autonome KI-Systeme, die sich gegen die Menschheit richten. Dann wäre nicht mehr die Flucht in digitale Welten eine Rettung, sondern die Flucht aus ihnen. Die Frage ist nur, ob die analoge materielle Um-Welt dann noch hinreichend bewohnbar ist.

Die Rache der Natur und die Grenzen des Anthropozäns

Die Ausbreitung des Virus basiert auf dem gleichen Prinzip exponentiellen Wachstums, das die Menschheit groß gemacht hat. Schon im 18. und 19. Jahrhundert gab es eine intensive Debatte über die Grenzen des Wachstums, angestoßen durch die Industrielle Revolution. Während für Adam Smith, den Apologeten des Kapitalismus, Natur- und Ressourcengrenzen durch den Markt reguliert wurden, erwartete Thomas Malthus aufgrund des exponentiellen Wachstums der Bevölkerung und begrenzter Naturressourcen (vor allem Nahrung) Hungersnöte, Armut, Kriege und andere Katastrophen. James Anderson hoffte auf die Verbesserung der Gesellschaft durch Innovationen, und Karl Marx kritisierte die Thesen von Malthus als reaktionäre Rechtfertigung von Armut, um sich den Ansichten von Anderson anzuschließen. Wie Marx war sich auch Friedrich Engels in seiner »Dialektik der Natur« (1896) bewusst, dass Sozialutopien respektvoll mit der Natur umgehen müssen: „Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solcher Siege rächt sie sich an uns. […] Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn.“

Für Charles Darwin war der Mensch ein aus der Natur kommendes Lebewesen, den biologischen Gesetzen von Selektion und Wachstum unterworfen. Knapp hundert Jahre später zeigte der Club of Rome die Grenzen des Wachstums auf, und die Brundtland-Kommission formulierte Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung. Diese Debatten hängen unmittelbar zusammen mit den heutigen Krisenerscheinungen und Wachstumsgrenzen im Anthro­pozän, dem menschgemachten Erdzeitalter. In diesem Sinne wäre die Corona-Krise eine »Rache der Natur« für die Naturvergessenheit der Gesellschaft in einer technisch konstruierten Zivilisation. Die Ausbreitung von Pandemien steigt mit der Zerstörung von Arten und Ökosystemen, wodurch es geringere genetische Vielfalt, natürliche Anpassung und Resilienz gegenüber schädlichen (Mikro-) Organismen gibt (Krumenacker und Schwägerl 2020). Durch das Eindringen des Menschen in Naturräume und den Kontakt mit Wildtieren bestehen mehr Möglichkeiten, dass Krankheitserreger von Tieren auf Menschen überspringen. Im Corona-Fall erfolgte die erste Übertragung vermutlich von einem Wildtier auf einem Markt in Wuhan, sei es nun die Fledermaus oder das vom Aussterben bedrohte Schuppentier. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dies geschah, und wurde in wissenschaftlichen Studien zuvor durchgespielt, so durch das Robert Koch-Institut 2013, ohne entsprechende Konsequenzen. Dauerte es bei der Pest im Mittelalter knapp drei Jahrzehnte, bis sie sich von Wuhan nach Europa ausgebreitet hatte, so schaffte Covid-19 dies in knapp zwei Monaten (Menzel 2020).

Sicherheit vs. Freiheit

Galten die Gefahren bei uns zunächst als gering, schaltete eine Allianz aus Wissenschaft und Politik unter dem Druck exponentiell wachsender Infektionszahlen ab Mitte März in den Krisenmodus und betrieb Katastrophenmanagement, um ganze Städte und Länder lahmzulegen. Ein Gesundheitsproblem wurde zum alles bestimmenden Sicherheitsproblem, in dem verschiedene Dimensionen zum Tragen kommen: menschliche, nationale, internationale und planetare Sicherheit. Angesichts dieser Versicherheitlichung war die Opferung der Grund- und Freiheitsrechte nicht weit. Kam die Autorisierung zunächst noch einstimmig durch das Parlament, erfolgten weitere Notstandsbestimmungen durch die Exekutive. In der Krise zeigen sich Dilemmata aufgrund von Sachzwängen durch spätes Handeln:

Soll die Gesundheit von Millionen aufs Spiel gesetzt werden oder ihre berufliche Existenz? Sollen jüngere und gesündere Menschen auf Freiheiten verzichten, um das Leben älterer und schwächerer Menschen zu schützen? Sollen nationale Alleingänge gewählt werden oder eine multilaterale Abstimmung? Soll der Zusammenbruch des Gesundheitssystems vermieden werden auf Kosten eines Wirtschafts-Crashs oder des Abbaus demokratischer Strukturen? Sollen Beschäftigte im Gesundheitswesen sich für die Allgemeinheit opfern? Sollen Risikogruppen zu ihrem »Schutz« isoliert werden, unter Beschränkung ihrer Freiheitsrechte? Sollen Kritiker auf Kritik am Ausnahmezustand verzichten oder zu Protesten aufrufen? Wie werden Bürger- und Freiheitsrechte nach der Erfahrung der Krise gesichert?


Neben einer abstrakten Güterabwägung zwischen Gesundheit und Wirtschaft, Sicherheit und Freiheit stellt sich die Frage, wem eine Entscheidung nützt und wem sie schadet. Die Vernachlässigung von Interessen führt zu Ungerechtigkeiten, wenn eine Maßnahme Akteuren Vorteile bringt, aber anderen Nachteile, z.B. wenn nur bestimmte Geschäfte offen bleiben oder Veranstaltungen stattfinden dürfen. Es ist auch ein Unterschied, ob Beschäftigte um ihre Jobs fürchten oder Unternehmer und Aktionäre um erwartete Gewinne.

Krise, Krieg und Frieden

Verbindungen zwischen Corona und Krieg wurden vielfach hergestellt. Kanzlerin Angela Merkel verglich die Situation mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sprach von einem Marshallplan nach der Krise. In den USA gab es Vergleiche mit Pearl Harbor und 9/11. Obwohl ein Virus eher eine diffuse Gefahr als ein bewusst handelnder Akteur ist, wird Sars-CoV-2 als bedrohlicher Feind der Menschheit angesehen, der mit allen Mitteln bekämpft werden muss. So wurde vom »Krieg gegen Corona« geredet, in dem alles an die »Front« geworfen werden muss, von der Wissenschaft über Geld bis zum Militär. In einigen Fällen wurden Notstandsgesetze aktiviert wie sonst nur im Krieg. Finanzminister Olaf Scholz sprach von seiner staatlichen Notfallhilfe als »Bazooka«, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer rief die Bundeswehr zur Hilfe und US-Präsident Trump die Nationalgarde.

Die Kriegserklärungen gegen Corona gehen am Problem vorbei und blieben bislang weitgehend Rhetorik, so wie Kanonen gegen Spatzen. Krieg und Militär sind eher Teil des Problems als der Lösung, denn Rüstung verbraucht enorme Ressourcen, die für ­präventiven Gesundheits- oder Umweltschutz nicht zur Verfügung stehen und für die Beschaffung benötigter Schutzmasken, Beatmungsgeräte und Medikamente ­fehlen. Dies gilt insbesondere für die Länder im Globalen Süden.

In der Vergangenheit brachen Seuchen nach Kriegen aus und wurden dadurch verschärft. Auch heute trifft die Corona-Ausbreitung am stärksten Menschen in Kriegsgebieten, wie in Nahost und Afrika, wo die Bevölkerung ihr hilflos ausgeliefert ist, oder in Flüchtlingslagern, wie im griechisch-türkischen Grenzgebiet. Ein Nebeneffekt der Corona-Krise waren Absagen militär- und sicherheitspolitischer Aktivitäten. Dies betraf u.a. das Frühjahrsmanöver Defender-Europe 20 oder die Konferenz zur Überprüfung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrages. Auch friedenspolitische Aktivitäten sind betroffen; die Ostermärsche fielen aufgrund der Kontaktsperren nahezu völlig aus bzw. wurden in virtuellen Foren abgehalten. Im Rahmen der Corona-Bekämpfung rief UN-Generalsekretär António Guterres zu einer weltweiten Waffenruhe auf, was der Ausgangspunkt für eine friedlichere Welt werden könnte.

Es kommt aber auch zu mehr Spannungen durch Corona. Angesichts nationaler Abschottung bleiben gemeinsame Aktionen der Europäischen Union auf der Strecke. Trump strich die Mittel für die Weltgesundheitsorganisation. Es entbrannte ein weltweiter Kampf um knappe Schutzmittel im Gesundheitswesen. In geopolitischen Machtkämpfen zwischen den USA und China wird auch die Corona-Krise instrumentalisiert, etwa durch Vorwürfe, den Virus absichtlich oder unabsichtlich freigesetzt zu haben. Viele Staaten im Globalen Süden haben wenig Resilienz, mit der Krise umzugehen, allein aufgrund der Bevölkerungsdichte und der schlechten Gesundheitsversorgung in Armenvierteln und auf dem Land.

Klima, Transformation und Solidarität

Damit die Corona-Krise nicht zur Vorlage für »normale Katastrophen« wird, sind Erfahrungen im Umgang mit komplexen System zu berücksichtigen. Hierzu gehören die Schaffung von Resilienz, Nachhaltigkeit und Solidarität, eine Entkopplung von Risikoverstärkern, der Ausbau regionaler Produktions- und Lebensweisen, die Entschleunigung der Dynamiken, die Bewahrung kritischer Infrastrukturen. Wissenschaft und Politik können Governance-Maßnahmen und Institutionen entwickeln, um die Früherkennung und Steuerungsfähigkeit gegen Herausforderungen der komplexen Welt zu stärken und Eskalation zu vermeiden. In diesem Sinne wäre die Krise eine Chance zur Transformation des Verhältnisses von Natur und Gesellschaft, die frühere Fehler vermeidet, aus der Krise lernt und weitere Katastrophen vermeidet. Dabei können auch positive Kipppunkte genutzt werden, um Problemlösungen in Gang zu setzen, im Sinne von Bewegungen wie »Fridays for Future«.

Auch wenn der Klimawandel durch die Corona-Krise zunächst in den Hintergrund gedrängt wird, können die Erfahrungen für die Klimakrise relevant sein. Diese hat einen längeren Zeithorizont, kann den Planeten tiefgreifend verändern und ebenfalls als Risikoverstärker Kettenreaktionen in Gang setzen. Dazu gehören auch Seuchen: „Schwerwiegend wäre auch die Ausbreitung der Seuchen in nördlichere Regionen der USA, was die Gesundheit oder gar das Leben von Millionen von US-Amerikanern bedrohen könnte.“ (Scheffran 2004, S. 187).

Zur Bekämpfung von Corona wurden Maßnahmen ergriffen, die als Nebeneffekt CO2-Emissionen senken, z.B. im Verkehr. Die Politik legte in der Corona-Krise ungeahnte Fähigkeiten im Krisenmanagement und Beschränkungen an den Tag, die in der Klimakrise verweigert wurden (z.B. Tempo 130, Flugbeschränkungen). Die jetzt eingesetzten enormen Finanzmittel fehlen später zur Bewältigung der Klimakrise. In beiden Fällen geht es um ein solidarisches Generationenverhältnis zwischen Alt und Jung, mit umgekehrten Vorzeichen (Schellnhuber 2020). Es wäre fatal, wenn die Bekämpfung von Corona auf Kosten des »Green New Deal« der EU ginge. Dabei könnten jetzt problemlos Synergien und Investitionen in die klimafreundliche und nachhaltige Transformation gehen. Anstatt in Rüstung sollten beträchtliche Mittel in Gesundheit und Umwelt fließen, auch weil eine Gefahrenvermeidung billiger und effizienter ist als die Gefahrenabwehr. Scheinbar lernen Politik und Gesellschaft erst aus Katastrophen. Nur wenn die Menschheit aus den Erfahrungen Konsequenzen zieht und Regeln für das Zusammenleben im gemeinsamen Haus der Erde findet, bieten sich Chancen für eine friedliche, solidarische und nachhaltige Welt.

Prof. Dr. Jürgen Scheffran ist Professor für Integrative Geographie und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit (CLISEC) am CEN und im Exzellenzcluster CLICCS der Universität Hamburg.

Der Beitrag ist im Magazin Wissenschaft und Frieden erschienen.

Literatur:
Krumenacker, T.; Schwägerl, C. (2020): „Mit der Vernichtung von Ökosystemen sind Pandemien wahrscheinlicher“ – Interview mit J. Settele und J. Spangenberg. Spektrum.de, 25.3.2020.
Menzel, U. (2020): Der Corona-Schock – Die Entzauberung der Globalisierung. Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 4/2020, S. 37-44.
Scheffran, J. (2004): Energiekonflikte und Klimakatastrophe – Die neue Bedrohung? PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Bd. 34, Nr. 2, S. 173-197.
Scheffran, J. (2014): Der unmögliche Krieg – Jan Bloch und die Mechanik des Ersten Weltkriegs. W&F 2/2014, S. 38-42.
Scheffran, J. (2016): Kettenreaktion außer Kontrolle – Vernetzte Technik und das Klima der Komplexität. Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 3/2016, S. 101-110.
Schellnhuber, H.J. (2020): „Niemand kann sich jetzt über einen positiven Klimaeffekt freuen“. Frankfurter Rundschau, 26.3.2020.
von Weizsäcker, E.U.; Young, O.R.; Finger, M.; Beisheim, M. (eds.) (2005): Limits To Privat­ization – How to Avoid Too Much of a Good Thing. A Report to the Club of Rome. London: Earthscan.

Foto: Ross Findon/unsplash

Klima, Krise, Kriege am Tschadsee

25. Mai 2020 - 0:00

In Nigeria will die Terrororganisation Boko Haram einen sogenannten „Islamischen Staat“ errichten. Seit mehr als zehn Jahren gibt es immer wieder Anschläge auf Kirchen, öffentliche Plätze und Bildungseinrichtungen. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Extremistinnen und Extremisten und dem Militär sind Alltag. Mittlerweile hat sich der Konflikt auch auf die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Niger ausgebreitet. Mehrere Millionen Menschen sind auf der Flucht. Darüber hinaus sind viele auf Lieferungen von Nahrungsmitteln durch Hilfsorganisationen angewiesen, denn die lokale Landwirtschaft ist beinahe vollkommen zum Erliegen gekommen.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass der Nordosten Nigerias und die Nachbarländer seit Jahren stark vom Klimawandel betroffen sind. Anhaltende Dürren und Hitzeperioden haben den Tschadsee und die mit ihm verbundenen Flüsse – die wichtigsten Wasserquellen in der Region – um 90 Prozent schrumpfen lassen.  

Am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) untersuche ich, inwiefern die anhaltende Trockenheit neben dem Terror ebenfalls eine Ursache für Flucht und Konflikte ist. 2019 bin ich deshalb für drei Monate in die Hauptstadt des Bundesstaates Borno gereist, der im Nordosten Nigerias liegt. Dort ist in der Stadt Maiduguri in den letzten Jahren das größte Flüchtlingscamp der Region entstanden, in dem derzeit rund 30.000 Menschen leben. Mit 300 von ihnen habe ich gesprochen.

Frederic Kamta arbeitet als Geograph am CEN. Bild: privat

Die meisten meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner waren Kleinbauern und Hirtinnen, die mit ihrem Vieh in der Nähe ihres Dorfs von Weide zu Weide ziehen. Sie berichten, dass es durch den Wassermangel und den Verlust von fruchtbarem Land zu zusätzlichen Konflikten gekommen ist. Hirten kämpfen untereinander um Wasser für ihre Tiere. Zusätzlich konkurrieren sie mit Ackerbäuerinnen um Land, das die einen als Weidegrund für ihre Tiere und die anderen zum Anbau von Obst, Getreide und Gemüse benötigen.

Auf der Suche nach Wasser und Land verlassen viele Menschen ihr Heimatdorf. Einige ziehen nur ein paar Dörfer weiter. Andere geben die Viehzucht oder den Ackerbau auf und gehen in eines der vielen Flüchtlingscamps in der Region. Sie hoffen, dort zumindest mit einem Mindestmaß an Wasser und Nahrung versorgt zu werden. Auf ihrer Flucht treffen sie auf Menschen anderer Ethnien und Religionen. Auch hier kommt es immer wieder zu Konflikten. Meine Gesprächspartnerinnen berichten mir, dass deren Ursachen zum Teil in jahrtausendealten Machtkämpfen, oft aber auch in der zunehmenden Konkurrenz um Ressourcen liegen. Einige Menschen schließen sich nach dem Verlust ihrer Lebensgrundlage Boko Haram an. Die Extremisten versprechen ihnen Hilfe, unter anderem in Form von Lebensmitteln und Unterkunft.

Die Interviews zeigen klar, dass die anhaltende Trockenheit Konflikte und Migrationsbewegungen verschärft. Meine Beobachtungen in Nigeria decken sich zudem mit den Forschungsergebnissen aus anderen Ländern des globalen Südens: Besonders dort, wo bereits Unruhen oder Kriege herrschen, multipliziert der Klimawandel die Risiken für Konflikte und stärkt Terrororganisationen.

Studien belegen, dass Maßnahmen zur Anpassung an das sich verändernde Klima die Sicherheit und die Stabilität erhöhen können. Bewässerungsanlagen, Bohrlöcher und Dämme etwa können Regenwasser speichern und bei Trockenheit wieder abgeben. Dies könnte die Wasserversorgung stabilisieren.

Doch neben Anpassungen ist ein starker weltweiter Klimaschutz unabdingbar. Denn vor allem die Länder des globalen Nordens verursachen einen Großteil der Klimaschäden, leiden aber bisher viel weniger darunter als die Länder des globalen Südens.

Foto: Frederic Kamta

CEN Vorstand erneut zum Leiter des Weltklimaforschungs-Programms gewählt

22. Mai 2020 - 0:00

Prof. Detlef Stammer ist heute erneut zum Leiter des World Climate Research Programmes (WCRP) gewählt worden. Seit Anfang 2019 sitzt der Hamburger Ozeanograph dem 17-köpfigen internationalen wissenschaftlichen Ausschuss des Weltklimaforschungs-Programms vor und wurde nun für zwei weitere Jahre im Amt bestätigt.

Die Entscheidung für den Direktor des CEN war eindeutig und eine ‚overwhelming confirmation to lead the WCRP for another two years‘ – so die Rückmeldung des für die Wahl zuständigen Joint Scientific Committee. Klarer Rückenwind also für Stammer und Vice-Chair Helen Cleugh von der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) in Australien, die ebenfalls wiedergewählt wurde. 

„In den vergangenen zwei Jahren haben wir das Weltklimaforschungsprogramm neu strukturiert und eine aktualisierte Forschungs-Agenda auf den Weg gebracht. So nehmen wir beispielsweise die regionale Klimaforschung und den Austausch zwischen Klimaforschung und Entscheidungsträgern stärker in den Fokus“, berichtet Detlef Stammer.

„Ich freue mich sehr über das ausgesprochene Vertrauen und darüber, dass wir den eingeschlagenen Weg nun weitergehen können. Die Umgestaltung des WCRP Forschungsprogramms hat von allen Beteiligten breite Unterstützung erfahren und wird das Programm neu beleben und auf die Zukunft ausrichten.“

Das World Climate Research Programme (WCRP) koordiniert als eine der führenden Initiativen die internationale Klimaforschung. Finanziert wird es von der World Meteorological Organization (WMO), der Intergovernmental Oceanographic Commission der UNESCO und dem International Science Council.

Prof. Detlef Stammer zum Leiter des WCRP gewählt (Meldung von Februar 2019)

Foto: UHH/ CEN

Wie kommt der Klimaschutz auf den Hof?

19. Mai 2020 - 0:00

Die Landwirtschaft muss klimafreundlicher werden. In Deutschland verlangen die Klimaziele der Bundesregierung, Treibhausgase im Stall und auf dem Acker bis zum Jahr 2050 um mehr als 30 Prozent zu reduzieren. Unklar ist jedoch, wie die Emissionen auf den Höfen überhaupt gemessen werden können. Eine Umfrage unter 254 Betrieben zeigt ein erstes Bild: Mehr als 60 Prozent möchten klimafreundlicher arbeiten, ihnen fehlen aber wichtige Informationen. Am CEN arbeitet ein Team deshalb an Konzepten für ein smartes Tool, das diese liefern könnte.

Dr. Kerstin Jantke vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg hat mit ihrem Team eine Online-Umfrage mit 254 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland durchgeführt. Darunter waren Bio-Höfe ebenso wie konventionelle Betriebe, Höfe mit Tierhaltung und solche mit Ackerflächen. Die Befragung ist nicht repräsentativ, gibt aber wertvolle Anhaltspunkte, wie ein Instrument zur Regulierung von Emissionen funktionieren könnte – und wie eher nicht.

„Grundsätzlich spielt der Klimawandel für Landwirtinnen und Landwirte eine wichtige Rolle. Mehr als die Hälfte erleben dessen Auswirkungen bereits hautnah“, sagt Umweltwissenschaftlerin Kerstin Jantke. Dabei sind gleich zwei Aspekte wichtig. Die Betriebe spüren die Klimaveränderungen direkt an ihren Erträgen. Gleichzeitig emittieren sie selbst Treibhausgase, die vor allem in den Ställen und bei der Düngung entstehen. Mehr als sieben Prozent der Emissionen gehen in Deutschland laut Umweltbundesamt auf die Landwirtschaft zurück. Weltweit sind es mehr als zehn Prozent.

Laut Umfrage wären 60 Prozent bereit, ihre Treibhausgase zu reduzieren, die Befragten fühlen sich jedoch insgesamt unzureichend informiert. Die meisten ihrer Informationen beziehen sie aus landwirtschaftlichen Magazinen. 40 Prozent der Höfe möchte die Emissionen dagegen nicht reduzieren. Sie haben zu wenig Zeit, befürchten finanzielle Einbußen, tun bereits was sie können oder finden das Thema nicht relevant.

Anerkennung der Bevölkerung fehlt

Nur wenige der befragten Personen haben bisher versucht, die Emissionen auf dem eigenen Hof abzuschätzen. Es ist auch vielen kaum bekannt, welche ihrer Entscheidungen viel und welche wenig Emissionen erzeugen. So kann zum Beispiel das Ausbringen von Kunstdünger je nach Witterung an einem Tag unverhältnismäßig viel zusätzliches Treibhausgas erzeugen, am nächsten jedoch kaum. Solche Zusammenhänge könnten spezielle Computerprogramme aufzeigen und daraus Empfehlungen ableiten. So würden sie in Zukunft zum Beispiel Termine zur Aussaat oder zur Ausbringung von Düngemittel vorschlagen, die den jeweils besten Kompromiss zwischen Ertrag und Emissionen bilden.

Ein Viertel der Befragten nutzt Computer für ihre Arbeit. Aber mehr als die Hälfte wären durchaus bereit, ein innovatives Tool anzuwenden, wenn sie einen finanziellen Ausgleich bekämen. Allgemein motivieren finanzielle Anreize wie Subventionen (70 Prozent) zu Klimaschutz ebenso wie ein potenzieller Marktvorteil, zum Beispiel durch ein entsprechendes Klima-Siegel (75 Prozent). Dagegen würde ein konkretes Emissions-Limit für den eigenen Hof die Hälfte der Befragten demotivieren.

Gleichzeitig scheint vielen die Wertschätzung durch die Bevölkerung zu fehlen. Denn neben der eigenen Überzeugung (75 Prozent) ist die positive Anerkennung durch die Öffentlichkeit (70 Prozent) ein Faktor mit hoher Motivation, den eigenen Betrieb klimafreundlicher zu gestalten.

Siegel, smartes Tool und Anreize

Das Team um Jantke nutzte diese Informationen, um ein Konzept für eine Treibhausgas-Erfassung auf den Höfen zu entwickeln. Bis 2050 müssen die Emissionen in der Landwirtschaft um mehr als 30 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 sinken. „Ohne staatliche Regulierungen ist das nicht zu schaffen“, sagt Jantke. Doch konkrete Verordnungen fehlen bisher. Käme ein entsprechendes Instrument, bleibt die Frage: Wie messen? Hier wird es kompliziert: Auf dem Feld und im Stall gibt es nicht nur eine Emissionsquelle. Jeder Boden und jedes Tier emittiert unterschiedlich und vieles ändert sich wiederum mit dem Wetter. Damit wird es beinahe unmöglich – oder unglaublich teuer – die Klimagase für jeden einzelnen Hof exakt zu messen.

Das Team schlägt deshalb ein Konzept vor, das spezielle wissenschaftliche Modelle aus der Klimaforschung nutzt, um die Emissionen zu berechnen. Werden diese mit Basisdaten der Höfe verknüpft, könnte auf kostspielige Messtechnik verzichtet werden. Ein solches Tool wäre von Mischbetrieben bis hin zu spezialisierten Pflanzen- oder Viehzuchtbetrieben in allen Bereichen anwendbar. „Zusammen mit finanziellen staatlichen Anreizen für weniger Emissionen und einem entsprechenden Siegel für die Produkte, das die Anstrengungen sichtbar macht, könnte der Klimaschutz auf den Höfen starten“, sagt Jantke.

Foto: Raphael Rychetsky/unsplash

Klimawandel und Fischbestände: CERES Abschlussbericht erschienen

15. Mai 2020 - 0:00

Welche Effekte hat der Klimawandel auf Fischbestände und die davon abhängigen Wirtschaftszweige? Im Projekt CERES (Climate change and European Aquatic RESources) untersuchten mehr als 150 Forschende Ursache und Wirkung und entwickelten Strategien und Instrumente für die Fischerei- und Aquakultur-Branche. Das Projekt wurde am CEN koordiniert und hat jetzt seinen Abschlussbericht veröffentlicht. Dieser konzentriert sich auf die kommerziell wichtigsten Fische und Schalentiere. Die Ergebnisse zeigen, dass europäische Fischerei- und Aquakultur-Unternehmen sowie die Entscheidungsträger in diesen Sektoren des „Blauen Wachstums“ besser in der Lage sind, sich auf den Klimawandel vorzubereiten und sich anzupassen, aber auch Chancen für die Zukunft zu erkennen.

Die Ergebnisse des Berichts umfassen:

Erkenntnisse zu den physikalischen, biogeochemischen und biologischen Auswirkungen des Klimawandels auf Fische und Schalentiere am Beispiel von 37 bedeutenden Fischerei- und Aquakulturarten Schätzungen der Rentabilität einer Vielzahl von Fischerei-Flotten (gemischte oder Ein-Arten-Fischerei für Grundfische und pelagische Arten) in fünf regionalen Meeren unter Verwendung von vier Klimawandel-Szenarien Zehn arten- und regionsspezifische typische Farmen und Berechnung der wirtschaftlichen Folgen von vier PESTEL-Szenarien des Klimawandels (politisch, wirtschaftlich, sozial, technologisch, ökologisch und rechtlich) Rankings zur Anfälligkeit des europäischen Aquakultursektors auf der Grundlage der physiologischen Toleranz von neun Schlüsselarten und nationaler Wirtschaftsdaten für 22 Länder Prognosen, wie sich der Klimawandel auf den weltweiten Fischmehl- und Fischölhandel auswirken wird Bottom-up- (von der Industrie vorangetriebene) und Top-down-Lösungen (Politik)

CERES Synthesebericht (PDF, 18MB)

Foto: CERES project

Rendezvouz auf See

14. Mai 2020 - 5:00
Die deutschen Forschungsschiffe SONNE und MARIA S. MERIAN übernehmen außerplanmäßig die Versorgung des Forschungsschiffs POLARSTERN in der Arktis. Andrea Gerriets von der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe erklärt, was bei diesem Einsatz zu beachten ist.

Foto: Gerriets privat

Deutsche Forschungsschiffe übernehmen Versorgung des Forschungsschiffs POLARSTERN

13. Mai 2020 - 12:36
Rund 100 Forschende und Besatzungsmitglieder des Forschungsschiffs POLARSTERN können seit Anfang März nicht wie geplant nach Hause zurück kehren. Es befindet sich auf einer einjährigen Expedition im Arktischen Ozean und sollte in dieser Zeit mithilfe von Eisbrechern und Flugzeugen erreicht werden. Da viele Häfen und Flughäfen der Region wegen der Corona-Pandemie gesperrt sind, unterstützt die Universität Hamburg nun eine Versorgung der POLARSTERN von Deutschland aus und sendet die Forschungsschiffe SONNE und MARIA S. MERIAN in die Arktis.

Foto: T. Klein, G. Ruhland (MARUM)

Trockene Moorgebiete können Waldbrände verstärken und Erwärmung beschleunigen

13. Mai 2020 - 0:00

59 internationale Wissenschaftler zeigen jetzt, dass in borealen Wäldern und Moorgebieten durch den Klimawandel Waldbrände verstärkt und die globale Erwärmung weiter beschleunigt werden kann. Lars Kutzbach vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg war an der Studie beteiligt.

Manuel Helbig und Mike Waddington von der McMaster's Universität in Kanada sammelten Beobachtungsdaten aus Ländern des borealen Lebensraums. Wie genau diese Ökosysteme Wasser an die Atmosphäre verlieren, wurde soeben in der Zeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht. Die Studie zeigt detailliert die großen Unterschiede zwischen Wäldern und Moorgebieten: Wenn das Klima sich erwärmt, regulieren sie ihren Wasseraustausch mit der Atmosphäre jeweils ganz anders. Diese Unterschiede können wiederum das Tempo der Erderwärmung selbst beschleunigen.

Die meisten globalen Klimamodelle gehen heute davon aus, dass das die borealen Lebensräume ausschließlich aus Wald bestehen, ein Versäumnis, das die Vorhersagen stark beeinträchtigen könnte, sagt Helbig. „Wir müssen das spezifische Verhalten von Moorgebieten berücksichtigen, wenn wir das boreale Klima, die Niederschläge, die Wasserverfügbarkeit und den gesamten Kohlenstoffkreislauf verstehen wollen“, sagt er. „Moorgebiete sind wichtig für die Speicherung von Kohlenstoff und sie sind verwundbar“, sagt er.

Wenn sich das Klima erwärmt, wird die Luft trockener und kann mehr Wasser aufnehmen. Als Reaktion auf das Austrocknen der Luft halten Wälder – die weltweit den größten Teil der borealen Ökosysteme ausmachen – ihrerseits mehr Wasser zurück. Ihre Bäume, Sträucher und Gräser sind Gefäßpflanzen, die typischerweise Kohlendioxid aufnehmen und durch mikroskopische Poren in ihren Blättern Wasser und Sauerstoff abgeben. Bei wärmerem und trockenerem Wetter schließen sich diese Poren jedoch und verlangsamen den Austausch, um Wasser zu sparen.

Zusammen mit den Seen bilden die schwammigen Moore und Flachmoore, die Torfmoore, den Rest der borealen Landschaft. Diese Gebiete speichern riesige Mengen an Wasser und Kohlenstoff in Schichten aus lebenden und toten Moosen. Sie bilden auch eine natürliche Feuerschneise zwischen den Waldabschnitten, solange sie feucht bleiben.

Torfmoose sind allerdings keine Gefäßpflanzen, deshalb trocknen sie bei fortschreitender Erwärmung schneller aus. Anders als Bäume und Sträucher haben sie keinen aktiven Mechanismus, um sich vor Wasserverlusten an die Atmosphäre zu schützen. Durch Dehydrierung werden ihre dichten Kohlenstoffspeicher schneller zersetzt. So können sie von schützenden Feuerschneisen zu Feuerbrücken werden, wie frühere Forschungsergebnisse zeigen.

Trockenere Torfgebiete bedeuten größere und stärkere Brände, die riesige Mengen Kohlenstoff in die Atmosphäre freisetzen können, was wiederum die globale Erwärmung beschleunigt, sagt Helbig. „Es ist entscheidend, den beschleunigten Wasserverlust von Torfgebieten in einem sich erwärmenden Klima zu berücksichtigen. Nur dann können wir ermitteln, was mit der borealen Landschaft in den nächsten 100 bis 200 Jahren geschehen wird.“

Fachartikel:
Helbig et al (2020): Increasing contribution of peatlands to boreal evapotranspiration in a warming climate; Nature climate change, https://www.nature.com/articles/s41558-020-0763-7

Kontakt:
Prof. Dr. Lars Kutzbach
Professor für Böden im Klimasystem
CEN – Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit
CLICCS –  Exzellenzcluster für Klimaforschung
Tel.: +49 40 42838-2021
E-Mail: lars.kutzbach@uni-hamburg.de

Foto: Manuel Helbig

Nordpol im Sommer bald ohne Eis

20. April 2020 - 0:00

Der Arktische Ozean wird mit hoher Wahrscheinlichkeit noch vor 2050 in manchen Sommern eisfrei sein, mit schwerwiegenden Folgen für die Natur. In wie vielen Jahren dies passiert, hängt entscheidend vom Klimaschutz ab. Das zeigt eine internationale Studie die Prof. Dr. Dirk Notz von der Universität Hamburg koordinierte und an der 21 Institute beteiligt waren.

Das Forschungsteam hat aktuelle Ergebnisse von 40 verschiedenen Klimamodellen analysiert. Mit diesen Modellen wurden einerseits Simulationen durchgeführt, die von wenig Klimaschutz und ungebremsten Kohlendioxid-Emissionen in der Zukunft ausgehen. Wie erwartet, zeigen diese Simulationen einen beschleunigten Verlust von Meereis im Sommer. Doch laut Studie verschwindet das Meereis auch, wenn der CO2-Ausstoß in Zukunft rasch reduziert wird.

„Wenn wir die Emissionen weltweit schnell und deutlich reduzieren und so das Zwei-Grad-Ziel erreichen, wird das Arktiseis trotzdem noch vor 2050 im Sommer immer wieder einmal weitestgehend abschmelzen. Das hat uns überrascht“, sagt Leitautor Prof. Dr. Dirk Notz vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg.

Die Menschen haben in der Hand, wie oft die Arktis im Sommer eisfrei sein wird

Zurzeit ist der Nordpol das ganze Jahr über von Meereis bedeckt. Jeden Sommer schrumpft die Eisfläche, im Winter wächst sie wieder an. Im Zuge der globalen Erderwärmung hat das Meereis in den letzten Jahrzehnten bereits rapide an Fläche verloren. Für die Natur sind die Folgen problematisch: Die Meereisdecke ist Jagdrevier und unverzichtbarer Lebensraum zum Beispiel für Eisbären und Robben. Gleichzeitig spielt das Meereis eine wichtige Rolle im Klimasystem, weil seine helle Oberfläche das Sonnenlicht reflektiert und so die Arktis kühlt.

Wie viele Sommer in Zukunft eisfrei sein werden, hängt wesentlich von der Höhe der künftigen CO2-Emissionen ab, dies zeigt die Studie ebenfalls. Während bei starkem Klimaschutz eisfreie Jahre nur gelegentlich auftreten, werden sie bei höheren Emissionen normal sein. Der Mensch hat also in der Hand, wie oft das Meereis am Nordpol im arktischen Sommer komplett verloren geht.

Technische Daten: Den Modellläufen der Studie liegen die so genannten SSP-Szenarien (Shared Socioeconomic Pathways) zugrunde, die auch im kommenden sechsten Bericht des Weltklimarats IPCC verwendet werden. Starker Klimaschutz mit geringen Emissionen entspricht dabei den Szenarien SSP1-1.9 und SSP1-2.6, schwacher Klimaschutz entspricht dem Szenario SSP5-8.5. Verwendet wurde die jüngste Generation von Klimamodellen CMIP6 (Coupled Model Intercomparison Project Phase 6).

Foto: Dirk Notz

Johanna Matzat und Jan Wohland erhalten Wladimir Köppen Preis

15. April 2020 - 0:00

Gleich zwei exzellente Doktorarbeiten wurden mit dem Wladimir Köppen Preis 2019 des Exzellenzclusters CLICCS ausgezeichnet. Dr. Johanna Matzat erhält den Preis für ihre soziologische Analyse des Heizens in Passivhäusern und Smart Homes. Dr. Jan Wohland hat die Jury mit seiner Arbeit zu den Auswirkungen von Klimawandel und Windschwankungen auf erneuerbare Energien überzeugt. Beide liefern Analysen und Lösungshinweise, um die emissionsarme Energienutzung weiter zu entwickeln.

Klimafreundlich heizen

Johanna Matzat hat an der Universität Hamburg promoviert und im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersucht, wie sich alltägliche Routinen in privaten Haushalten energieärmer gestalten lassen. Im Zuge der Energiewende soll Deutschland bis 2050 in diesem Bereich eines der effizientesten Länder der Welt werden. Wie kann diese Wende gelingen? Dafür muss nicht nur die Energieversorgung umgestaltet werden, sondern auch das alltägliche Leben wird sich ändern müssen – denn rund ein Viertel der in Deutschland genutzten Energie entfällt auf Privathaushalte.

Einen Bereich des alltäglichen Lebens hat die Soziologin für ihre Doktorarbeit genauer untersucht: Das Heizen in Privathaushalten – denn das Heizen verbraucht dort rund ein Drittel der im Haus genutzten Energie und setzt somit große Mengen CO2 frei. Anders in sogenannten Smart Homes oder Passivhäusern. Dort wird durch computergesteuerte Technik oder eine energieeffiziente Bauweise viel eingespart. Für ihre Studie hat Johanna Matzat Hamburgerinnen und Hamburger interviewt, die in einem Passivhaus oder Smart Home wohnen. Außerdem hat sie Expertinnen und Experten aus der Bau- und Energiebranche befragt und Beobachtungen bei Energieunternehmen und Informationsveranstaltungen durchgeführt. Ihre wichtigsten Ergebnisse: Viele Menschen scheuen sich vor diesen Neuerungen, da sie die über Jahre erlernten Heiz- und Lüftungsroutinen aufgeben müssten. So besteht Sorge, die Kontrolle abzugeben oder abhängig zu sein von neuer Technik.

Durch ihre Interviews hat Johanna Matzat herausgefunden, dass sich das ändert, sobald die Menschen in solchen Häusern leben und mit den neuen Heizformen vertraut sind. Wer anfangs skeptisch war, ist meist schon nach kurzer Zeit von der Bauweise oder der neu installierten smarten Technik überzeugt. Ein weiterer Vorteil von Passivhäusern: Sie werden häufig genossenschaftlich gebaut und verfügen über Gemeinschaftsflächen. So profitieren Menschen mit niedrigem Einkommen von günstigen Mieten und niedrigen Energiekosten. Die Politik könnte mit der Förderung von Passivhäusern also gleich zwei Ziele erreichen: weniger Emissionen und günstige Wohnungen.

Windkraft effizient nutzen

Jan Wohland ist in seiner Dissertation mehreren Fragen zu erneuerbaren Energien nachgegangen. Der an der Universität Köln promovierte Klimaphysiker hat in einem ersten Schritt geprüft, wie das Windaufkommen und die schwankenden Kosten für den Betrieb des deutschen Stromnetzes zusammenhängen. Weht im Norden ein starker Wind, gelangt das Stromnetz an seine Belastungsgrenze. Folglich kann es den Strom nicht mehr bundesweit verteilen. Um das Netz zu stabilisieren, wird kein weiterer Windstrom eingespeist. Stattdessen produzieren Kraftwerke im Süden die fehlenden Strommengen. Das kostet zusätzlich. Zwischen 2014 und 2015 gab eine Kostensteigerung von mehreren hundert Millionen Euro, die Jan Wohland auf große Unterschiede im Windaufkommen zurückführen kann. Lassen sich diese Kosten vermeiden? Vorerst nicht, errechnete Wohland anhand von Winddaten. Seine Analyse zeigt: Das Windaufkommen schwankt von Jahr zu Jahr beträchtlich. Die dadurch entstehenden Kosten sollten also von vornherein in die Planungen mit einbezogen werden.

Wird ein Windpark geplant, ist außerdem das unterschiedliche Windaufkommen über mehrere Jahrzehnte zu berücksichtigen. Denn Windgeschwindigkeiten schwanken nicht nur von Jahr zu Jahr sondern auch zwischen den Jahrzehnten. Von daher sollten verlässliche Daten für einen Zeitraum von mindestens 50 Jahren analysiert und daraus flächendeckende Statistiken erstellt werden. Und genau hier könnte eine Fehlerquelle liegen, denn verlässliche Daten gibt es nur für die vergangenen 40 Jahre. Daten und Statistiken für die Zeit vor 1980 sind aufgrund ungenauer Messmethoden nur eingeschränkt geeignet. Expertinnen und Experten sollten Langzeitanalysen also kritisch prüfen, bevor sie für die Planung von Windparks eingesetzt werden.

Gleichzeitig zeigen Klimamodelle, dass der Wind über Europa am Ende des 21. Jahrhunderts sehr wahrscheinlich gleichmäßiger wehen wird als heute. Wohland hat errechnet, dass dies für das Stromsystem sogar nachteilig wäre, da viele Länder zeitgleich zu wenig, beziehungsweise zu viel Windenergie erzeugen würden. Für die Windlücken müssten bis zu sieben Prozent zusätzlicher Energie, zum Beispiel mit Gaskraftwerken, produziert werden. Weht viel Wind, könnte die überschüssige Energie hingegen sogenannte Direct Air Capture (DAC)-Anlagen betreiben. Diese entziehen der Atmosphäre CO2 und erzeugen so „negative“ Emissionen. Wird der Wind schwächer, schalten sie sich aus. Durch gut verteilte DAC-Anlagen könnte so verhindert werden, dass Stromsysteme in Starkwindzeiten überlastet sind. Bisher existieren solche Anlagen allerdings nur im Testbetrieb – denn die Fragen der sicheren CO2-Lagerung und der öffentlichen Akzeptanz sind noch nicht geklärt. Doch das im Klimaabkommen von Paris vereinbarte Zwei-Grad-Ziel lässt sich realistisch nur erreichen, wenn wir „negative“ Emissionen produzieren.

Die Preisträger für 2019

Die Dissertationen von Johanna Matzat und Jan Wohland sind gleichwertig herausragend. Beide Arbeiten weisen ein hohes Maß an Genauigkeit, sorgfältig ausgewählter Methoden und exzellent dargestellter Analysen auf. Das gemeinsame Oberthema ist die Energiewende, wobei Johanna Matzat das Thema aus sozialwissenschaftlicher und Jan Wohland aus naturwissenschaftlicher Sicht beleuchtet. Die Jury sieht hierin eine ausgezeichnete Gelegenheit, mit dem Preis die interdisziplinäre Sichtweise auf ein sehr aktuelles Thema zu würdigen, für die auch CLICCS steht – und die der Ausschreibung des Wladimir Köppen Preises durch das Exzellenzcluster gerecht wird.

In den vergangenen Jahren ist der Preis in feierlichem Rahmen an die Preisträgerinnen und Preisträger überreicht worden. Aufgrund der Corona-Pandemie erhalten Johanna Matzat und Jan Wohland den Preis dieses Jahr auf postalischem Wege. Beide sind für 2021 zur feierlichen Preisverleihung nach hamburg eingeladen. 

Der Wladimir Köppen Preis

Der Wladimir Köppen Preis ist mit insgesamt 5.000 Euro dotiert und wird vom Exzellenzcluster „Climate, Climatic Change, and Society“ (CLICCS) der Universität Hamburg ausgelobt. Er wird 2019 zum zehnten Mal verliehen und würdigt herausragende Dissertationen von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern.

Foto: private (left), ETH Zürich (right)

Corona-Maßnahmen treffen auch deutsche Forschungsschiffe

7. April 2020 - 10:00

Die Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe an der Universität Hamburg, CEN organisiert den Betrieb der "METEOR", "Maria S. MERIAN" und „SONNE“. Sie ist für die wissenschaftlich-technische, logistische und finanzielle Vorbereitung, Abwicklung und Betreuung der Schiffsbetriebe verantwortlich.

Zu den Folgen der Corona-Pandemie gehört, dass nicht alle Expeditionen auf deutschen Forschungsschiffen wie geplant fortgesetzt werden oder beginnen können. Das hat viele Gründe: Reiserestriktionen wurden in den letzten Wochen in Deutschland wie international immer weiter ausgedehnt, zahlreiche Flüge wurden gestrichen, Quarantäneauflagen erlassen, Forschungseinrichtungen mussten Dienstreisen einschränken und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter größtenteils ins Home-Office schicken. Dadurch sind Crew-Wechsel auf mehrmonatigen Forschungsexpeditionen enorm kompliziert geworden, da Austausch-Personal vorab unter Quarantäne gestellt und mehrfach getestet werden muss, damit die Corona-Infektion nicht an Bord gelangen kann.

Die deutschen Forschungsschiffe sind daher entweder bereits in einen deutschen Hafen zurückgekehrt oder auf der Rückfahrt nach Deutschland. Die Deutsche Allianz Meeresforschung bietet zusammen mit ihren Mitgliedseinrichtungen einen Überblick. 

Foto: UHH/CEN/T. Wasilewski

Ist die Coronakrise vergleichbar mit der Klimakrise?

3. April 2020 - 0:00

Prof. Dr. Anita Engels ist Sozialwissenschaftlerin und Co-Sprecherin des Exzellenzclusters für Klimaforschung CLICCS. Hier greift sie den aktuell häufig diskutierten Vergleich zwischen der Corona- und der Klimakrise auf:

Ist die Coronakrise vergleichbar mit der Klimakrise?

Der Vergleich ist nicht hilfreich. Die Menschen empfinden die Krisen sehr unterschiedlich und nehmen sie unterschiedlich wahr. Daraus ergeben sich auch unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten. Die Coronakrise ist mit ihrem Katastrophenpotenzial ganz direkt und unmittelbar für sehr viele Menschen wahrnehmbar. Das Risiko, an der Infektion zu sterben, ist statistisch betrachtet zwar an das Lebensalter gekoppelt, ist aber geographisch nicht begrenzt und kann im Prinzip in den nächsten wenigen Wochen alle betreffen. Bei der Bekämpfung der Krise kommt es vor allem auf Reaktionsgeschwindigkeit an. Die Auswirkungen der Klimakrise werden trotz der wahrnehmbaren Extremwettereignisse immer noch in der Zukunft vermutet und unterscheiden sich sehr stark nach Regionen. Im Klimaschutz kommt es zudem vor allem auf den langfristigen Strukturwandel von Wirtschaft und Gesellschaft an. Die Coronakrise wird daher in einem akuten Krisenmodus bearbeitet, während die Klimakrise einen langfristigen Vorsorgemodus erfordert.

Ist es sinnvoll, die jetzt ergriffenen Maßnahmen auch für den Klimaschutz zu fordern?

Der derzeitige Krisenmodus der Politik ist auf den Klimaschutz nicht übertragbar. Die Dringlichkeit der Coronakrise ermöglicht vor allem zwei neue Maßnahmen: die drastische Einschränkung der individuellen Freiheitsrechte und die Bereitstellung umfangreicher Staatshilfen zur Krisenbewältigung. Die Legitimität von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit ist nicht auf Dauer zu erwarten. Die Einschränkungen werden von der Bevölkerung nur zeitlich begrenzt hingenommen und auch nur, weil das Katastrophenpotenzial ganz direkt und unmittelbar wahrgenommen werden kann. Da das Klimaproblem anders strukturiert ist, kann z.B. eine Begrenzung der individuellen Bewegungsfreiheit aus Klimaschutzgründen nicht auf Legitimation durch die Wählerschaft hoffen. Die derzeitige Bereitstellung von Staatshilfen wird allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit die Diskussion um die langfristige Finanzierung des Klimaschutzes neu entfachen, denn der gegenwärtige Krisenmodus zeigt, dass staatliche Investitions- und Stützprogramme durchaus möglich sind, wenn es den politischen Willen dazu gibt. Wenn die Coronakrise überwunden ist, wird es daher insgesamt um eine Neuverhandlung der langfristigen staatlichen Ausgaben gehen.

Wird der Klimaschutz von der Coronakrise profitieren?

Das ist vollkommen offen. Es ist zynisch, die Emissionseinsparungen, die durch die Coronakrise zwangsweise zustande kommen werden, als Erfolg im Klimaschutz zu verbuchen. Aber auch sachlich betrachtet stehen die kurzfristigen Einsparungen in keinem systematischen Verhältnis zu den langfristigen Klimazielen. Für den Klimaschutz ist ein langfristiger Strukturwandel erforderlich. Ob im Anschluss an die Coronakrise die Emissionen wieder nach oben schnellen oder ein langfristiger Abwärtstrend erreicht werden kann, hängt von den politischen Reaktionen ab. Im Moment sprechen viele Anzeichen dafür, dass Klimaschutz eher als Widerspruch zur Notwendigkeit der schnellen wirtschaftlichen Erholung gesehen wird.

Was könnte man jetzt tun?

Der Umgang mit der Coronakrise kann durchaus als Weichenstellung für den Klimaschutz gestaltet werden. Die Staatshilfen für die Wirtschaft können an Konzepte für den langfristigen Klimaschutz auch auf Unternehmensebene gekoppelt werden. Unterstützung für Selbstständige im Dienstleistungs- und Gaststättengewerbe könnte zur Einführung von CO2-Management-Instrumenten und zur Entwicklung neuer klimafreundlicher Geschäftsmodelle genutzt werden. Die durch die Krise freigesetzten Kreativitäts- und Solidaritätsschübe könnten zum Aufbau einer neuen Dienstleistungsindustrie im Bereich des Klimaschutzes genutzt werden. Die Corona- und die Klimakrise sollten also nicht gegeneinander ausgespielt werden.

 

Foto: UHH/ CEN/ Ausserhofer

Mehr Konflikte durch klimabedingte Katastrophen in gefährdeten Ländern

2. April 2020 - 0:00

Nach einer klimabedingten Katastrophe steigt das Risiko für einen bewaffneten Konflikt – aber nur in speziell gefährdeten Ländern. Dies haben Forscher rund um Tobias Ide von der Universität Melbourne jetzt ermittelt. Zu den Katastrophen gehören Stürme, Überschwemmungen und Dürren, deren Häufigkeit und Intensität aufgrund des Klimawandels in Zukunft zunehmen könnte. Ide und Co-Autor Michael Brzsoka führten Teile ihrer Forschung am Exzellenzcluster CliSAP der Universität Hamburg und am CEN durch.

„Buschfeuer in Australien werden keinen Bürgerkrieg auslösen, da der Staat demokratisch organisiert ist und in der Lage, Hilfe zu leisten“, sagte Tobias Ide. „Wenn es aber zu Dürrephasen in Nigeria oder Stürmen in Pakistan kommt, wo es eine große marginalisierte Bevölkerung und wenig staatliche Präsenz gibt, könnte sich das Bild durchaus ändern.“

Wird eine sich erwärmende Welt mehr bewaffnete Konflikte hervorbringen?

Die Studie wurde jetzt im Fachjournal Global Environmental Change veröffentlicht und liefert eine wichtige Grundlage für politische Gremien wie den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN). Dieser soll für Millionen von Menschen, die schon heute unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden, die Risiken abmildern und in Anpassungsmaßnahmen investieren.

„Die Frage 'Wird eine sich erwärmende Welt auch eine Welt mit mehr gewalttätigen und bewaffneten Konflikten sein?' ist für politische Entscheidungsträger und Zivilgesellschaften auf der ganzen Welt sehr real“, sagte Dr. Ide. „Der Klimawandel verschärft angespannte soziale und politische Situationen noch weiter, so dass Katastrophen aufgrund des Klimawandels wie ein 'Bedrohungsmultiplikator' für gewaltsame Konflikte wirken können.“

„Nur Länder mit einer großen Bevölkerung und einem relativ niedrigen wirtschaftlichen Entwicklungsstand, in denen ethnische Gruppen politisch ausgegrenzt werden, sind anfällig für diesen Zusammenhang zwischen Katastrophe und Konflikt. Maßnahmen, die Gesellschaften integrativer und wohlhabender machen, sind daher immer eine Möglichkeit, die Sicherheit in einer sich erwärmenden Welt zu erhöhen.“

Wie die Folgen des Klimawandels auf bewaffnete Konflikte wirken wurde bisher kontrovers diskutiert. Dr. Ide und seine Kollegen zeigen jetzt in ihrer Studie, dass klimabedingte Katastrophen die Risiken bewaffneter Konflikte erhöhen. „Fast einem Drittel aller Konflikte in den letzten zehn Jahren in gefährdeten Ländern ist innerhalb von sieben Tagen vor Ausbruch des Konflikts eine klimabedingte Katastrophe vorausgegangen“, sagt Co-Autor Carl-Friedrich Schleussner von Climate Analytics. „Dies bedeutet jedoch nicht, dass Katastrophen Konflikte verursachen, sondern vielmehr, dass das Auftreten von Katastrophen das Risiko eines Ausbruchs erhöht.“

Tobias Ide ergänzt: „Wenn wir uns ansehen, was in Mali geschah, als im Juni 2009 eine schwere Dürre herrschte, stellen wir fest, dass die militante Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) die aus der Dürre resultierende Schwäche des Staates und die Verzweiflung der Bevölkerung vor Ort ausnutzte, um Kämpfer zu rekrutieren und ihr Einsatzgebiet zu erweitern. Die Philippinen waren ein weiteres Land, in dem wiederkehrende Katastrophen die Regierungsstrukturen in umkämpften Regionen schwächten und damit einen Raum für Rebellengruppen öffneten.“

In den meisten Fällen war die günstige Gelegenheit ausschlaggebend für den Ausbruch von bewaffneter Gewalt. Die Gewalt ging dabei in der Regel nicht von der geschädigten Bevölkerung aus. Vielmehr nutzten Rebellen die vorübergehende Schwäche des Staates nach einer Katastrophe aus, um anzugreifen. Co-Autor Michael Brzoska, Professor an der Universität Hamburg, sagt: „Das für mich überraschendste Ergebnis unserer Studie war, dass bewaffnete Konflikte weniger häufig durch Groll über die Auswirkungen der Katastrophen als durch die Gelegenheiten zur Gewaltausübung angefacht wurden.“

In der Studie wurden verschiedene Forschungsmethoden erstmals kombiniert. „Zum ersten Mal haben wir statistische Analysen auf globaler Ebene mit Fallstudienbewertungen zusammengeführt, die es uns ermöglichen, die Robustheit unserer Ergebnisse zu beurteilen und die individuellen Umstände jedes einzelnen Falles zu vergleichen", sagte Co-Autor Jonathan Donges vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Fachartikel: Ide T, Brzoska M, Donges J F, Schleussner C-F (2020): Multi-method evidence for when and how climate-related disasters contribute to armed conflict risk, Global Environmental Change

Prof. Michael Brzoska

 

 

 

Foto: UHH/CEN/F.Brisc

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