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Aktualisiert: vor 10 Stunden 41 Minuten

Wenn den Fischen im Hafen die Luft ausgeht

16. September 2020 - 0:00

Im Hamburger Hafen schwimmen Fische manchmal stark atmend dicht unter der Wasseroberfläche. Dies ist ein Zeichen dafür, dass der Sauerstoff im Wasser knapp wird. Lebensbedrohlich wird es für die Tiere, wenn weniger als drei Milligramm Sauerstoff pro Liter vorhanden sind. Im Sommer 2014 wurde dieser Wert für mehrere Tage unterschritten. Die Zeitungen berichteten von einem Fischsterben, bei dem 100 Tonnen Fische verendet sein sollen.

Ein Grund dafür sind die hohen Temperaturen im Sommer, was durch den Klimawandel zusätzlich verstärkt werden kann: Je wärmer ein Wasserkörper ist, desto weniger Sauerstoff löst sich darin. Darüber hinaus bilden sich bei warmen Temperaturen verstärkt Algen in der Mittelelbe. Diese werden flussabwärts in die tiefere Tideelbe transportiert. Während Algen im flachen Wasser Sauerstoff produzieren, fehlt ihnen in der Tiefe dafür das Licht. Sie sterben ab und werden zersetzt. Dies entzieht dem Wasser besonders viel Sauerstoff.

Der Sauerstoffhaushalt gerät immer dann aus dem Gleichgewicht, wenn mehr Sauerstoff durch Atmung oder den Abbau organischer Substanz verbraucht wird, als durch Photosynthese oder durch die Luft eingetragen wird. Wie stark und zu welchen Anteilen hier Teilprozesse wirken, ist noch unklar. Weitgehend ungeklärt ist auch, welchen Einfluss die Sedimente am Grund des Flusses auf den Sauerstoffhaushalt haben. Am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) untersuche ich, wieviel Sauerstoff die Sedimente verbrauchen und welche Faktoren den Sauerstoffverbrauch steuern.

Bodenforscher Mathias Spieckermann sammelt im Hamburger Hafen Sedimentproben, um sie im Labor zu untersuchen.

Sedimente setzen sich aus mineralischen Bestandteilen und organischem Material wie zersetzten Pflanzen oder Algen zusammen. Der Sauerstoffverbrauch wird durch chemische und biologische Prozesse gesteuert. Mikroorganismen, die sich im Sediment befinden, verbrauchen bei der Zersetzung organischer Bestandteile Sauerstoff oder reichern das Porenwasser mit Stoffen an, die Sauerstoff verbrauchen. Wirbeln Schiffe, Bagger oder die Strömung das Sediment auf, so werden chemische Verbindungen freigesetzt, die den Sauerstoffverbrauch sprunghaft ansteigen lassen.

Um dies genauer zu untersuchen, führte ich verschiedene Experimente mit frischem Sediment im Labor durch: Ich bestimmte den Sauerstoffverbrauch und die chemischen und physikalischen Eigenschaften der Hafensedimente und untersuchte, wie sich die Konzentration verschiedener Stoffe nach sieben Tagen entwickelte: Aus der veränderten Konzentration von Ammonium, Nitrit, Nitrat, Sulfat, Eisen und Mangan im Wasser konnte ich ableiten, welchen Einfluss einzelne Prozesse auf den Sauerstoffverbrauch haben.

Die Proben werden mithilfe eines sogenannten Frahm-Lots aus dem Grund gezogen. Im Sedimentkern (rechts) sind die verschiedenen Ablagerungen deutlich zu erkennen.

Zwei Jahre lang nahm ich monatlich Proben im Hansahafen. Meine Laborversuche zeigen, dass die Sedimente unter bestimmten Bedingungen im Sommer bis zu fünf Mal mehr Sauerstoff verbrauchen als im Winter – vor allem in der Schicht bis in zwanzig Zentimeter Tiefe. Außerdem untersuchte ich die Sedimente von 21 verschiedenen Standorten zwischen Stover Strand im Osten und Wedel im Westen. In der Fahrrinne im Hafen verbrauchten die Sedimente am wenigsten Sauerstoff. Das liegt vor allem am hohen Sandanteil: An den Sandkörnern setzen sich kaum organische Bestandteile fest, die Sauerstoff verbrauchen können.

In meiner Arbeit konnte ich die Faktoren identifizieren, die den Sauerstoffverbrauch von Sedimenten steuern. Zudem konnte ich die beteiligten biochemischen Prozesse und deren Anteil am gesamten Sauerstoffverbrauch bestimmen. Mit Hilfe dieser Daten haben wir ein Prognosemodell entwickelt, das es uns ermöglicht, den Sauerstoffverbrauch von Sedimenten anhand eines Kennparameters zu modellieren. Dieser Ansatz hilft, zugrundeliegende Prozesse besser zu verstehen und bestehende Modelle zu verbessern

Foto: Christin Woodford

Fundierte Fakten zum Klimawandel

10. September 2020 - 0:00

Die Weltwirtschaft steht unter dem Schock der Corona-Pandemie. Die Frage nach einer intelligenten Krisenbewältigung treibt Menschen, Staaten und Führungskräfte um. Kontrovers wird diskutiert, was wir aus der Pandemie für den Klimaschutz lernen können und wie sich die für den Wiederaufbau der Wirtschaft vorgesehenen enormen Finanzmittel konsequent auch in Richtung Nachhaltigkeit und Klimaschutz lenken lassen.

Unerlässlich für diese Debatte ist eine fundierte Faktenlage zur globalen Erwärmung. Sechs namhafte Organisationen haben daher jetzt eine Faktensammlung zu dem heute in der Klimaforschung unumstrittenen Wissen veröffentlicht – von seinen naturwissenschaftlichen Grundlagen, den Folgen in Deutschland und auf der ganzen Welt bis hin zu den in Paris vereinbarten Zielen.

Sechs Organisationen aus der Klimaforschung und der wissenschaftsbasierten Klimakommunikation – Deutsches Klima-Konsortium, Deutsche Meteorologische Gesellschaft, Deutscher Wetterdienst, Extremwetterkongress Hamburg, Helmholtz-Klima-Initiative, klimafakten.de – haben die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel zusammengefasst. Das Faktenpapier mit vier Kapiteln belegt, dass die gegenwärtige globale Erwärmung von circa ein Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit eine Tatsache und menschliches Handeln der Hauptgrund ist. Der Klimawandel richtet bereits große Schäden an, wirksamer Klimaschutz ist dringlicher denn je. Für künftige Risiken müssen wir uns wappnen und uns an unvermeidbare Folgen anpassen. Die Menschheit hat es immer noch in der Hand, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad oder gar 1,5 Grad zu begrenzen, wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart, und damit das Risiko unkalkulierbarer Folgen erheblich zu verringern.

Trotz 30 Jahren internationaler Klimapolitik sammeln sich weiterhin immer mehr Treibhausgase in der Atmosphäre an und verstärken den Klimawandel – auch der Corona-Lockdown hat daran nichts geändert. Notwendig sind dauerhafte und tiefgreifende strukturelle Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft – vom Energiesystem über Landnutzung bis hin zur Infrastruktur, wie im Sonderbericht des Weltklimarats über 1,5 Grad Celsius globale Erwärmung dargelegt. Je später diese Veränderungen beginnen, desto schwieriger wird es, den Klimawandel zu bremsen und unumkehrbare Veränderungen zu vermeiden. Die massiven Finanzmittel, die zur Bewältigung der Corona-Krise investiert werden müssen, sind eine Chance, diese strukturellen Veränderungen jetzt einzuleiten.

↓ Hier Faktensammlung herunterladen (pdf)
 

Foto: DKK

„Das Observatorium könnte erstmalig den Urknall selbst ins Visier nehmen“

19. August 2020 - 10:00
Er gilt als Meilenstein im Hinblick auf eine deutsche Beteiligung am geplanten europäischen Einstein-Gravitationswellenobservatorium: Ein Verbund von neun deutschen Universitäten hat beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Mittel für ein Projekt zur Gravitationswellendetektion der dritten Generation eingeworben. Insgesamt drei der 14 Teilprojekte des Verbunds leiten Forschende des Exzellenzclusters Quantum Universe und des Centrums für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg.

Foto: MPI für Gravitationsphysik / NIKHEF

„Das Observatorium könnte erstmalig den Urknall selbst ins Visier nehmen“

19. August 2020 - 10:00
Er gilt als Meilenstein im Hinblick auf eine deutsche Beteiligung am geplanten europäischen Einstein-Gravitationswellenobservatorium: Ein Verbund von neun deutschen Universitäten hat beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Mittel für ein Projekt zur Gravitationswellendetektion der dritten Generation eingeworben. Insgesamt drei der 14 Teilprojekte des Verbunds leiten Forschende des Exzellenzclusters Quantum Universe und des Centrums für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg.

Foto: MPI für Gravitationsphysik / NIKHEF

Treibhausgase in der Tiefe speichern

27. Juli 2020 - 0:00

Um die Erderwärmung zu begrenzen, müssen in Zukunft Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernt werden – anders lassen sich die Klimaziele kaum mehr erreichen. Eine Methode wäre, Kohlendioxid dauerhaft unter der Erde zu speichern. Geophysiker Prof. Dr. Christian Hübscher findet jedoch immer wieder Störungen und Lecks in potenziell geeigneten Speicherstätten.

Die Europäische Union (EU) hat sich verpflichtet, ab 2050 klimaneutral zu sein. So möchte sie das im Pariser Klimaabkommen vereinbarte globale Klimaziel erreichen. Doch voraussichtlich werden sich nicht sämtliche Treibhausgase vermeiden lassen. Emissionen aus dem Flugverkehr, der Landwirtschaft oder aus energieintensiven Industrien bleiben laut Bundesumweltministerium sehr wahrscheinlich. Um das Ziel dennoch zu erreichen, muss die EU sogenannte negative Emissionen erzeugen. Dabei werden Abgasen oder der Luft gezielt Treibhausgase wie zum Beispiel Kohlendioxid (CO2) entzogen.

Dauerhaft im Untergrund speichern

Einige Maßnahmen stehen schon heute zur Verfügung, etwa die Technologie CCS. Die Abkürzung steht für „Carbon Capture and Storage“, die Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoff. Dies kann direkt in Kraftwerken oder Fabriken stattfinden oder mittels chemischer Prozesse direkt aus der Umgebungsluft heraus. Anschließend soll das CO2 in Gesteinsschichten tief unter der Erde gespeichert werden. 

In Deutschland gibt es seit 2012 ein Kohlendioxid-Speicherungsgesetz. Es regelt, was zukünftig erlaubt ist und was nicht. Das Gesetz beschränkt beispielsweise die jährliche Speichermenge im gesamten Bundesgebiet auf maximal vier Millionen Tonnen. Eine Länderklausel regelt außerdem, dass die Bundesländer über die Anwendung der Technologie weitgehend selbst entscheiden können. In Brandenburg gibt es bisher das deutschlandweit einzige wissenschaftliche Projekt zu Speichermöglichkeiten. Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben eigene Gesetze verabschiedet und damit die Speicherung von CO2 auf ihrem Gebiet ausgeschlossen.

Prof. Dr. Christian Hübscher ist trotzdem auch in diesen Gebieten unterwegs. Als Geophysiker forscht er am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. „Obwohl sich die norddeutschen Bundesländer gegen die Speicherung von CO2 entschieden haben, sollten wir den Untergrund trotzdem genau untersuchen“, sagt Hübscher. „Kommt das Thema wieder auf die Agenda, sind wir vorbereitet.“ Mit zwei neuen Studien legen Hübscher und sein Team jetzt Ergebnisse für Norddeutschland und die Nordsee-Region Skagerrak vor.

Eiszeit und Plattentektonik rütteln am Gestein

Für die Speicherung sind vor allem Schichten in 500 bis 4.000 Meter Tiefe geeignet wie etwa poröse Gesteine oder Schichten, die von Salzwasser durchzogen sind. Dies können ausgediente Öl- oder Gasfelder und Salzstöcke sein. Sie müssen allerdings nach oben hin streng abgedichtet sein, zum Beispiel durch eine Lage Tonstein. Solche Deckschichten untersucht Christian Hübscher mit seinem Team. 

Prof. Dr. Christian Hübscher

„In Norddeutschland sind mächtige geologische Prozesse am Werk, auch wenn wir davon normalerweise kaum etwas spüren. Dadurch können in diesen Schichten Störungen und Risse entstehen, die teilweise bis an die Oberfläche reichen“, sagt Hübscher. „Viele Prozesse laufen seit dem Ende der letzten Eiszeit und dauern bis heute an. Aktuell untersuchen wir jedoch erstmals auch den Einfluss der Plattentektonik.“

So bewegen sich die eurasische und die afrikanische Erdplatte aufeinander zu und das Atlantikbecken öffnet sich. Für Norddeutschland bedeutet dies zum Beispiel, dass der unterirdische und immer noch aktive Glückstadtgraben weite Teile Schleswig-Holsteins beeinflusst. „Wir konnten aktuell eine frische Bruchstelle im Osten des Grabens direkt über einem Salzstock nachweisen“, sagt Hübscher. „Entlang der Brüche können Flüssigkeiten und Gase aufsteigen. Durch solch ein Leck könnte hier gelagertes CO2 entweichen und wieder in die Atmosphäre gelangen.“ Bei der Auswahl geeigneter CO2-Speicher müssten solche Strukturen deshalb bekannt sein.

CO2 in den Meeresboden pressen?

Auch tief im Meeresboden könnte CO2 eingelagert werden: Zwischen Dänemark und Norwegen gilt eine Sandsteinschicht in ein bis zwei Kilometern Tiefe als geeignet. Diese Schichten hat Hübscher mit seinem Team von Bord des Forschungsschiffes „Alkor“ genau untersucht. Mit speziellen Messungen konnten sie nachweisen, dass dort an vielen kleinen Kratern im Meeresboden Gase austreten. Sie strömen durch Risse und Brüche im Gestein bis an die Oberfläche des Meeresgrundes. Würde dort CO2 eingelagert, könnte es entlang derselben Wege bis ins Meerwasser gelangen. „Alle infrage kommenden Lagerstätten sollten deshalb gezielt auf geologische Störungen in den Deckschichten untersucht werden“, sagt Hübscher. Seine Erfahrung dabei: Es kommt besonders darauf an, die passende Messmethode für jeden Untergrund zu finden. Denn nur wer ganz genau hinsieht, kann abschätzen, ob eine CO2-Endlagerung tatsächlich für viele Jahrhunderte sicher sein kann.

Foto: Jonas Preine/UHH

Dr. habil. Aike Beckmann verstorben

21. Juli 2020 - 0:00

Das CEN und die CEN School trauern um Dr. habil. Aike Beckmann. Als Dozent in der Meereskunde und im Studiengang für integrierte Klimasystemwissenschaften (ICSS) hat er über viele Jahre die Ausbildung von Studierenden und Doktoranden geprägt und wichtige Impulse gegeben. Anfang der vergangenen Woche ist er unerwartet verstorben.

Nach mehrjähriger Tätigkeit an der Universität in Helsinki, Finnland, kehrte Aike Beckmann nach Deutschland zurück und übernahm 2007 eine Vertretungsprofessur am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg. Mit Start des Exzellenzclusters für Klimaforschung CliSAP übernahm er außerdem als Dozent und Leiter des Prüfungsausschusses grundsätzliche akademische Aufgaben in der neu gegründeten „School of Integrated Climate System Sciences“ (SICSS). Er lehrte im internationalen Studiengang ICSS die notwendigen Grundlagen zur Einführung in die Klimawissenschaften, beriet die Studierenden akademisch und bereitete sie auf das Studium vor.

Dr. Beckmann leistete wichtige Beiträge für die Entwicklung des Curriculums der SICCS, baute den englischsprachigen Masterstudiengang von Anfang an mit auf und entwarf dabei Lehrmodule und die Prüfungsstruktur. Als strukturierter Denker hatte er die Qualitätssicherung immer im Blick, suchte beständig nach Verbesserungsmöglichkeiten und trieb die akademische Weiterentwicklung der Programme voran. Für viele Studierende aus dem In- und Ausland waren die von ihm gelehrten Anfangskurse in Mathematik und Physik sowie die Einführung in die Klimasystemwissenschaften eine essentielle Vorbereitung für das Studium.

Die Lehre lag Aike Beckmann sehr am Herzen. Ihm war es wichtig, die Studierenden der verschiedenen Fächer auf ein möglichst einheitliches Leistungsniveau zu bringen, um ihnen so den Weg in das neue Fach zu ebnen. Wir werden sein Engagement, seine klare Art und unbedingte Verlässlichkeit vermissen und in guter Erinnerung behalten.

Foto: UHH/CEN

Permafrost: Pflanzenwurzeln erhöhen Ausstoß von Treibhausgasen

20. Juli 2020 - 0:00

Wie viel Kohlenstoff wird freigesetzt, wenn Permafrostböden in der Arktis auftauen? Dies können Klimamodelle noch nicht sicher vorhersagen. Ein internationales Forschungsteam hat jetzt die Rolle von Pflanzenwurzeln untersucht. Diese geben sogenannte Exsudate an den Boden ab und beschleunigen damit das Wachstum von Mikroben und somit auch die Zersetzung des organischen Bodenmaterials. Dieser positive Feedback-Mechanismus wird als Priming-Effekt bezeichnet. Die Ergebnisse zeigen, dass bis zum Jahr 2100 allein dieser Effekt 40 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus den vom Permafrost beeinflussten Böden freisetzen kann. Professor Christian Beer vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg war an der Studie beteiligt.

Permafrost ist ein dauerhaft gefrorener Boden, in dem so viel Kohlenstoff gespeichert ist, wie in allen Pflanzen und in der Atmosphäre zusammen. Die Oberfläche des Permafrosts taut im Sommer auf, die Pflanzen wachsen und Organismen im Boden werden aktiv. Wenn solche Mikroorganismen atmen, setzen sie Treibhausgase frei. Bisher haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angenommen, dass durch die globale Erwärmung 50 bis 100 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus dem Permafrost bis zum Jahr 2100 entweichen könnten. Hinzu kommt jedoch, dass Pflanzenwurzeln den Mikroorganismen im Boden Zucker zuführen. Diesen nutzen die Mikroben, um mehr organische Bodensubstanz abzubauen. Die neue Studie zeigt, dass dieser Effekt die Emissionen zusätzlich erhöht.

„Wir kennen den Priming-Effekt seit den 1950er Jahren, aber wir wussten nicht, ob diese ökologische Wechselwirkung auf kleinstem Raum einen signifikanten Einfluss auf den globalen Kohlenstoffkreislauf hat", sagt Studienleiterin Dr. Frida Keuper vom französischen nationalen Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt, INRAE und der Universität Umeå in Schweden.

Das Forscherteam kombinierte Daten zur Pflanzenaktivität und zum Kohlenstoffgehalt des Bodens mit neuen Erkenntnissen zu Priming und Pflanzenwurzeln, um den Priming-Effekt in Permafrost-Ökosystemen und seinen Einfluss auf die Emissionen zu ermitteln.

Professor Christian Beer

„Wir haben berechnet, dass der Priming-Effekt die mikrobielle Atmung des Bodens um 12 Prozent erhöht“, sagt Prof. Christian Beer vom CEN. „Das bedeutet rund 40 Milliarden Tonnen Kohlenstoff mehr, als die bisherigen Berechnungen bis 2100 angeben. Eine enorme Menge.“ Soll die globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius begrenzt werden, entspricht dies 20 Prozent des gesamten verbleibenden Kohlenstoff-Budgets, das höchstens in die Atmosphäre gelangen darf.

"Die neuen Erkenntnisse zeigen, wie wichtig es ist, bei der Modellierung der globalen Treibhausgasemissionen auch ökologische Wechselwirkungen wie den Priming-Effekt zu berücksichtigen", sagt Dr. Birgit Wild, Assistenzprofessorin an der Universität Stockholm.

Foto: Ive van Krunkelsven

Klimaschutz – im Namen des Gesetzes

17. Juli 2020 - 0:00

Als erstes Bundesland überhaupt gab sich Hamburg 1997 ein Klimaschutzgesetz – und galt damit als fortschrittlich. Doch das Gesetz war in die Jahre gekommen, die Stadt wurde von mehreren Ländern und dem Bund überholt. Seit Februar hat die Hansestadt nun ein neues Gesetz. Was bringt die Neuauflage?

Mich interessiert, wie die Klimagesetze des Bundes und der Länder wirken. Als Jurist für Verwaltungsrecht habe ich deshalb auch das neue Hamburger Gesetz genau untersucht und im Exzellenzcluster für Klimaforschung der Universität Hamburg diskutiert. Was wird sich ändern? Was möchte die Politik erreichen – und steht das im Text? Wie stark sind die Ziele formuliert? Und können sie ihre Wirkung entfalten?

Experte für die Klimagesetze der Bundesländer: Martin Wickel. Foto: privat

Die wichtigste Neuerung sind konkrete Ziele, um Treibhausgase zu vermindern. Demnach soll der Ausstoß von Kohlendioxid, kurz CO2, stufenweise reduziert werden: bis zum Jahr 2030 um 55 Prozent und bis zum Jahr 2050 um 95 Prozent – bezogen auf den Ausstoß von 1990. Bisher waren die Zahlen nur im Hamburger Klimaplan festgeschrieben. Die nächste Regierung hätte die Ziele wieder kippen können.

Jetzt stehen die Ziele im Gesetz. Sie sind damit dauerhaft installiert und für den Senat, für die Verwaltung und die Gerichte bindend. Das heißt aber noch nicht, dass eine Bürgerin oder ein Verband im Jahr 2031 klagen könnten, sollte Hamburg die gesteckten Ziele nicht erreichen. Dazu müsste erst ein Klagerecht eingeführt werden. Das wird jedoch am ehesten auf europäischer Ebene geschehen.

Trotzdem entfalten die Vorgaben ihre Wirkung. Die gesamte Verwaltung soll den eigenen Betrieb bis 2030 klimaneutral gestalten. Verschiedene Bereiche wie etwa die Stadtentwicklung oder die Verkehrsplanung sind verpflichtet, sich in Zukunft stärker am Klimaschutz zu orientieren. Und auch die Gerichte werden dem mehr Gewicht geben. Ein Beispiel: Würde beschlossen, dass Gebäude in einem Gebiet nicht mehr mit fossilen Brennstoffen wie Öl oder Gas beheizt werden dürfen, dann wäre das zunächst ein tiefer Eingriff in das Eigentumsrecht. Dagegen könnten Eigentümerinnen klagen. Doch ein Richter wird in Zukunft den Klimaschutz stärker berücksichtigen, da dieser nun ebenfalls gesetzlich verankert ist.

Alle zwei Jahre muss der Senat die aktuellen CO2-Einsparungen bekannt geben. Alle vier Jahre wird der Klimaplan angepasst, sollten die Fortschritte nicht ausreichen. Darüber hinaus hat Hamburg den Klimaschutz neu in die Präambel der Verfassung aufgenommen. Hier steht jetzt: „Insbesondere nimmt die Freie und Hansestadt Hamburg ihre Verantwortung für die Begrenzung der Erderwärmung wahr“ – damit ist Klimaschutz Staatsziel.

Allerdings gibt es auch Lücken. Ich habe lange gesucht, doch Hamburg hat tatsächlich nur CO2 als klimawirksames Gas erwähnt. In anderen Gesetzen werden meist weitere Treibhausgase wie Methan genannt. Zurzeit überwiegen die CO2-Emissionen deutlich. Aber langfristig müssen auch die anderen Treibhausgase reduziert werden.

Im Ganzen zielt das Gesetz darauf ab, den Klimawandel zu vermindern. Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen hätten jedoch ausführlicher geregelt werden können. Denn Hamburg kann mit Hochwasser, steigenden Temperaturen, Starkregen oder Trockenheit rechnen – und muss sich darauf vorbereiten. Deshalb sollten Anpassungen im Gesetz gleichberechtigt verankert sein.

Insgesamt ist das Gesetz ein großer Gewinn. Doch nicht alles hat Hamburg selbst in der Hand. Es kann weder bestimmen, wie Autos betrieben werden noch die gesamte Stromproduktion in der Stadt umstellen. Ob es die geplanten 55 oder 95 Prozent wirklich erreicht, hängt zu einem großen Teil von Bundesgesetzen oder europäischen Richtlinien ab. Wenn auch dort die richtigen Entschlüsse für den Klimaschutz gefasst werden, bleibe ich optimistisch.

Foto: Pixabay/succo

Wie klimafreundlich ist das Corona-Konjunkturpaket?

14. Juli 2020 - 12:00
Zum kürzlich beschlossenen Konjunkturpaket der Bundesregierung gehören neben Kinderbonus und Mehrwertsteuer-Senkung auch Hilfen für Unternehmen in Milliardenhöhe. Ob diese Maßnahmen die Klimaschutzziele der Bundesrepublik unterstützen, hat die Wissenschaftsplattform Klimaschutz untersucht – ein Gremium, das die Bundesregierung bei der Umsetzung ihrer Klimaschutzziele unterstützt. Zum zehnköpfigen Lenkungsgremium gehören zwei Forschende der Universität Hamburg: Prof. Dr. Timo Busch (Sozialökonomie) und Prof. Dr. Anita Engels (Sozialwissenschaften).

Foto: UHH/ S. Engels

„Gewitter können sich vermehren“

8. Juli 2020 - 0:00
Gewitter erschaffen Kältezonen, die neue Gewitter erzeugen können. Computersimulation zeigen diesen Effekt, aber wie sieht er in der Natur aus? Ein Forschungsteam der Universität Hamburg und des Max-Planck-Instituts für Meteorologie ist dem echten Phänomen nun auf der Spur: mit 100 Messstationen in ganz Hamburg.

Foto: UHH/Ohme

Wissenschaft und Politik im Krisen-Modus

7. Juli 2020 - 0:00

Während der Coronavirus-Pandemie ist die Wissenschaft gefragt. Keine politische Entscheidung wird ohne die Einschätzung von Epidemiologen und Virologinnen getroffen. Manch einer reibt sich verdutzt die Augen. Warum finden Expertinnen nicht auch bei anderen Themen so viel Gehör? Denn obwohl die Klimaforschung seit Jahrzehnten darauf hinweist, dass vom Menschen verursachte Treibhausgase das Leben und Überleben von Mensch und Natur beeinflussen, sind bislang keine nennenswerten Kohlendioxid-Einsparungen zu beobachten. Im Gegenteil, in den vergangenen 25 Jahren hat der globale Ausstoß deutlich zugenommen.

Was sagt das über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik aus? Als Wissenschaftssoziologin gehe ich am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg solchen Fragen nach. Insbesondere untersuche ich, welche Rolle wissenschaftliches Wissen in politischen Entscheidungen und öffentlichen Debatten spielt.

Dabei arbeite ich mit einem soziologischen Modell, das die Gesellschaft je nach Funktion in verschiedene Bereiche unterteilt. Ein Bereich ist die Politik, ihre Aufgabe es ist, für alle bindende Entscheidungen zu treffen. Die Massenmedien sorgen qua Öffentlichkeit für eine gemeinsam geteilte Hintergrundrealität angesichts dieses differenzierten Gesellschaftszustands.  Die Wissenschaft schließlich gewinnt neue Erkenntnisse und ist der anerkannte Faktenlieferant unserer Zeit. Dies gilt, obwohl ihr Wissen gerade bei neuen und politiknahen Themen unsicher und der Sachstand wie im Corona-Fall unter den Forschenden anhaltend und kontrovers diskutiert wird.

Prof. Dr. Simone Rödder

 Alle Bereiche sind dabei aufeinander angewiesen. Vereinfacht gesagt, gäbe es ohne das Geld aus der Wirtschaft keine Wissenschaft und Politik, ohne die Entscheidungen der Politik keine Wirtschaft und keine Wissenschaft und ohne Ereignisse in allen gesellschaftlichen Bereichen keine Nachrichten für die Medien. Hinzu kommen Differenzen innerhalb der einzelnen Bereiche: „Die“ Wissenschaft oder „die“ Wirtschaft gibt es nicht. Nicht einmal innerhalb der einzelnen Disziplinen oder Branchen sind sich alle einig.

Was heißt das für Klimaschutzmaßnahmen wie die Einsparung von CO2? Dies könnte durch den Ausbau erneuerbarer Energien erreicht werden. Photovoltaikanlagen-Hersteller begrüßen diesen wahrscheinlich, während Bergbau-Unternehmen ihn ablehnen. Physikerinnen und Geologen befürworten vielleicht den Bau von Windrädern, Stauseen und Photovoltaikanlagen, Biologen mahnen die negativen Folgen für die Umwelt an und Sozialwissenschaftlerinnen erinnern an den möglichen Verlust von Arbeitsplätzen. Und manch ein Physiker stellt die Frage, ob CO2-Einsparungen nicht viel eher durch eine Rückkehr zur Kernenergie erreicht werden können.

Die Wissenschaft liefert also Argumente. Diese konkurrieren aber mit denen der anderen gesellschaftlichen Bereiche. Sie zu bewerten und danach zu entscheiden ist Aufgabe der Politik. Jede politische Entscheidung ist somit das Ergebnis eines Prozesses, in dem Argumente abgewogen werden.

Es gibt verschiedene Institutionen, die diese Prozesse unterstützen und bestimmten Bereichen mehr Gehör verschaffen. Für die Wirtschaft sind dies unterschiedliche Lobbyverbände. Für die Wissenschaft leistet zum Beispiel der Weltklimarat Lobbyarbeit. Er veröffentlicht regelmäßig Berichte, die den Stand der Klimaforschung zusammenfassen. Damit bietet er der Politik die wissenschaftlichen Grundlagen, um fundierte Entscheidungen zu treffen.

Doch während der Corona-Pandemie ist alles anders: Plötzlich findet die Wissenschaft auch ohne Lobbyarbeit Gehör. Dies liegt vor allem an der Dringlichkeit. Im Gegensatz zum Klimawandel wird Corona als unmittelbare und persönliche Bedrohung wahrgenommen. Was passiert, passiert direkt – und mitten in der Amtszeit der Verantwortlichen. Dagegen werden die meisten Menschen, die heute klimapolitische Entscheidungen treffen, deren massivste Auswirkungen wohl nicht mehr miterleben.

Foto: Gerd Altmann/pixabay

Wie klimawirksam ist die deutsche Energiewende?

3. Juli 2020 - 0:00
Das Großprojekt „Ariadne“ soll die Energiewende wissenschaftlich begleiten. Prof. Dr. Grischa Perino aus dem Fachbereich Sozialökonomie und dem Exzellenzcluster „Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS)“ wird in einem Teilprojekt den europäischen Emissionshandel und seine Auswirkungen auf die nationale Politik untersuchen. Dafür erhält er über drei Jahre eine Förderung von rund 330.000 Euro.

Foto: Sebastian Engels

Neuer Hochleistungsrechner für die Erdsystemforschung

23. Juni 2020 - 0:00

Das DKRZ und die Firma Atos haben einen neuen Vertrag über die Lieferung eines Supercomputers unterzeichnet. Der Computer verfünffacht die Rechenleistung des DKRZ im Vergleich zum aktuell betriebenen Hochleistungsrechner und läuft auf Basis der neuesten BullSequana XH2000-Technologie.  Davon profitiert auch die Forschung im CEN und CLICCS: Ab 2021 werden Klimamodellrechnungen auf den schnelleren Systemen laufen können.

Der leistungsfähige Supercomputer ermöglich detailliertere Simulationen und damit tiefere Einblicke in das Klimageschehen. Mit der deutlich erhöhten Rechenleistung können Forschende zukünftig regional höher aufgelöste Klima- und Erdsystemmodelle verwenden, mehr Prozesse in die Rechnungen mit einbeziehen, längere Zeiträume simulieren oder die natürliche Klimavariabilität mithilfe von Ensemblerechnungen genauer erfassen und damit Unsicherheiten reduzieren. Damit einher geht ein starker Zuwachs der Daten, die berechnet und dann gespeichert und ausgewertet werden.

Zur vollständigen Pressemitteilung

Foto: Atos

„Das Wasser kommt aus allen Richtungen“

17. Juni 2020 - 0:00
Dass der Meeresspiegel steigt und Sturmfluten künftig voraussichtlich höher auflaufen, sind nur zwei der vielen Herausforderungen, vor die der Klimawandel die deutsche Nordseeküste stellt. Das neue Forschungsprojekt „WAKOS – Wasser an den Küsten Ostfrieslands“ wird mit rund 2,3 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und sucht die besten Vorsorge- und Anpassungsstrategien für die Region. Das geht am besten zusammen mit den Menschen vor Ort, erklärt die Geographieprofessorin Beate Ratter von der Universität Hamburg.

Foto: Pixabay CC0

Klimapolitik ist auch Friedenspolitik

16. Juni 2020 - 0:00

Heute erscheint das Friedensgutachten 2020 und lenkt den Blick auf die Folgen des Klimawandels. Professorin Ursula Schröder vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) und Professor Jürgen Scheffran vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg haben daran mitgearbeitet und zeigen, warum mehr Klimaschutz die Welt sicherer macht.

Was ist eigentlich ein Friedensgutachten und wer erstellt es?

Ursula Schröder: Das Friedensgutachten erscheint jährlich seit 1987. Es ist ein gemeinsames Gutachten von vier deutschen Friedensforschungsinstituten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachgebieten untersuchen darin internationale Konflikte und Entwicklungen zu Fragen der Sicherheit aus Sicht der Friedenspolitik. Wir geben auch klare Empfehlungen für die Politik.

Sie haben das Kapitel zu Klima und Konflikten mit verfasst. Wurde das Thema zum ersten Mal so prominent im Gutachten aufgegriffen?

Ursula Schröder: Migration und Klimawandel wurden bereits in früheren Gutachten thematisiert. Doch in diesem Jahr ist „Friedenspolitik in Zeiten des Klimawandels“ ein Schwerpunkt des gesamten Gutachtens, das ist das erste Mal. Die Folgen des Klimawandels für die Gesellschaften sind heute besonders präsent, deshalb haben wir ihren Einfluss auf die Sicherheit und auf ein friedliches Zusammenleben ausführlich behandelt.

Während in den Medien vor Millionen von flüchtenden Menschen aufgrund von Klimaveränderungen gewarnt wird, wehrt sich die Wissenschaft gegen solche Pauschalisierungen. Wer hat Recht?

Jürgen Scheffran: Es gibt in der Wissenschaft Differenzen über die Zahl von Menschen, die durch Klimawandel vertrieben werden, von dutzenden bis zu hunderten von Millionen. Dies lässt sich heute nur grob schätzen und hängt von vielen Faktoren ab: Wie viele Menschen werden weltweit betroffen sein, welche Anpassungs- und Schutzmaßnahmen gibt es für sie, wie schwierig oder wie gefährlich wäre es auszuwandern – und welche Politik verfolgen die Herkunftsländer und welche die Zielländer?
Wenn Menschen allerdings stets nur von der größtmöglichen Bedrohung durch Migration ausgehen, werden Ängste erzeugt und Abwehrreaktionen hervorgerufen. Diese stehen dann oft einer Lösung im Wege, zum Beispiel durch eine vorbeugende Klima- und Migrationspolitik.

Im Gutachten steht, dass der Zusammenhang zwischen Klimawandel und bewaffneten Konflikten weder zwingend gegeben noch statistisch leicht nachzuweisen ist. Warum sind Sie trotzdem sicher, dass mehr Klimaschutz die Welt sicherer machen würde?

Ursula Schröder: Die Risiken des Klimawandels für Frieden und Sicherheit sind komplex und schwer einzuschätzen. Viele Studien zeigen aber deutlich, dass der Klimawandel zu Armut, Hunger und Krankheit beiträgt und sich damit negativ auf menschliche Sicherheit auswirkt. Wir fordern daher eine nachhaltige Klimapolitik, die auch die menschliche und ökologische Sicherheit ins Zentrum rückt. Doch dass der Klimawandel notwendigerweise zu mehr Gewalt und Krieg führt, ist stark vereinfacht und so nicht haltbar.

Kooperation ist auch Voraussetzung für eine Begrenzung des Klimawandels, während Konflikte das Ausmaß der Klimakrise verschärfen können. Wie lässt sich gegensteuern?

Jürgen Scheffran: Ohne Kooperation hätte die Menschheit es in der Geschichte nicht so weit gebracht. Doch angesichts der Klimakrise ist eine globale Zusammenarbeit nötiger denn je. Es zeigen sich Fortschritte, zum Beispiel in entsprechenden Vereinbarungen: von regionalen Wasserabkommen bis hin zum Pariser Klimavertrag, aber auch in lokalen Initiativen für eine Energie-, Agrar- oder Verkehrswende. Allerdings erfolgt der Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung nicht so schnell wie nötig. Widerstreitende Interessen und Konflikte, etwa zwischen Bauern und Nomaden in Afrika oder zwischen den Großmächten in der Arktis behindern die Kooperation. Klimapolitik und Friedenspolitik bedingen sich daher gegenseitig. 

Sie geben auch Empfehlungen zum Geoengineering, das sind Eingriffe in die Umwelt durch den Menschen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Welche sind das?

Ursula Schröder: Wir fordern rasche und drastische Verminderungen von Emissionen, denn eine Vermeidung des Klimawandels ist gleichzeitig vorbeugende Friedenspolitik und hat bei uns höchste Priorität. Technischen Lösungen in großem Stil stehen wir dann kritisch gegenüber, wenn sie nicht versuchen, die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren, sondern nur deren Effekte technisch begrenzen möchten.
Die deutsche Bundesregierung sollte aufgrund der immensen Risiken auf Forschung zur Manipulation der Sonneneinstrahlung verzichten und sich international für ein Moratorium einsetzen. Andere Verfahren des Geoengineerings sollten nach zwei Kriterien bewertet werden – dem Vorsorgeprinzip und der Schadensvermeidung im Sinne von “do-no-harm”.

Kann der Klimawandel auch positive Auswirkungen wie zum Beispiel weniger gewalttätige Konflikte mit sich bringen?

Jürgen Scheffran: Wie die Coronakrise zeigt, können große Herausforderungen enorme Energien freisetzen, um Probleme zu bewältigen. Dies gilt auch für den Klimawandel, der langfristig noch größere Risiken birgt und eine Mobilisierung gesellschaftlicher Kräfte erfordert, die an einem Strang ziehen. Statt zu warten, bis das Kind in den Klimabrunnen gefallen ist und dann ungeahnte Mittel ins Katastrophenmanagement zu stecken, sollten wir frühzeitig an der Transformation in eine kohlenstoffarme Gesellschaft arbeiten. Dazu braucht es eine nachhaltige Friedenssicherung, die auf Gewaltvermeidung, Abrüstung und Demilitarisierung setzt.

 

 
Vorstellung des Gutachtens und Diskussion im Livestream
mit Prof. Ursula Schröder, Jürgen Trittin u.a.
Dienstag, 16.06.2020, 18 Uhr
Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa

Das Friedensgutachten
https://friedensgutachten.de/

 

Foto: sunyu - unsplash

Gesteinsmehl bindet CO2 aus der Atmosphäre

11. Juni 2020 - 0:00

Der Klimawandel verändert die Erde erheblich und zwingt Mensch und Natur sich anzupassen. Um die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, muss der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) drastisch reduziert werden, denn das Gas reichert sich in der Atmosphäre an und erwärmt diese. Weil Politik und Gesellschaft den Ausstieg aus fossilen Energien viel zu langsam vorantreiben, steigt die Gefahr einer Klimakatastrophe. Deshalb müssen auch Methoden des Climate Engineering ausgelotet werden, mit denen der Mensch absichtlich in das Klimasystem eingreift. Einige solcher Maßnahmen sollen CO2 aus der Atmosphäre holen und dauerhaft speichern. So auch die beschleunigte Verwitterung.

Diese erforsche ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. Bestimmte Böden werden dabei mit zermahlenem Gestein bestreut. Regen setzt dann chemische Reaktionen in Gang: Das CO2 aus der Luft reagiert mit Wasser zu Kohlensäure. Diese Säure greift Minerale aus dem Gesteinsmehl an und dabei wird das CO2 zusammen mit Elementen wie Calcium, Magnesium und anderen gelöst. Dadurch ist das CO2 im Grundwasser gebunden und gelangt schließlich über die Flüsse langfristig in die Ozeane.

Dr. Thorben Amann

In Laborversuchen hat sich gezeigt, dass die Verwitterung sehr effizient sein kann. Wir haben die Effekte nun in einem Gewächshaus-Experiment mit knapp 90 Regentonnen untersucht, die mit einem Lehmboden gefüllt und vorwiegend bepflanzt waren. Um die Verwitterung anzukurbeln und mehr CO2 zu binden, verteilten wir ein Pulver aus größtenteils leicht löslichen Olivin-Mineralen auf dem Lehmboden fast aller Tonnen. Dabei bestreuten wir einige Tonnen mit groben und andere mit sehr fein gemahlenen Körnern. Bei gleicher Menge bieten die feineren Körner eine größere Oberfläche – somit sollte auch mehr Gestein verwittern.

Die Tonnen wurden regelmäßig beregnet. Da das gewählte Gesteinspulver eine vergleichsweise einfache chemische Zusammensetzung hat, ließen sich die chemischen Prozesse gut nachverfolgen: Den jeweiligen Verwitterungseffekt konnten wir am pH-Wert ablesen und daran, wieviel Magnesium und Silizium im Wasser der einzelnen Tonnen wiederzufinden war. So ließen sich die verschiedenen Varianten unseres Versuchs gut miteinander vergleichen.

Unser Experiment zeigt, dass Olivin zwar weniger CO2 bindet als bisher in der Theorie berechnet, doch insgesamt beobachteten wir einen deutlichen Effekt. Andere Gesteine wie etwa Basalt könnten aufgrund ihrer Zusammensetzung einen zusätzlichen positiven Effekt haben: Bei der Verwitterung werden Nährstoffe freigesetzt, die sich als natürlicher Dünger eignen. Das Gesteinspulver kann also ausgelaugte Böden aufwerten und Industriedünger ergänzen. Pflanzen wachsen dann besser und können damit mehr CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen. Abhängig vom Gestein können allerdings auch Schwermetalle wie Nickel und Chrom freigesetzt werden, die sich im Boden sammeln und in bestimmten Konzentrationen schädlich für die Gesundheit sein können. In unserem Experiment konnten wir in den Pflanzen aber keine schädlichen Konzentrationen von Spurenelementen nachweisen.

Die möglichen Nebenwirkungen erfordern weitere sorgfältige Experimente. Ob sich das Gesteinsmehl eignet, die globale Erwärmung zu mindern, müssen größere Feldversuche zum Beispiel auf Äckern und in Wäldern zeigen. Dabei sollte die Beschaffenheit des Bodens berücksichtigt werden. Idealerweise wird er jeweils so aufbereitet, dass optimale Bedingungen für die Verwitterung herrschen. Warmfeuchte Regionen in den Tropen oder Subtropen eignen sich besonders gut, da die hohen Temperaturen die CO2-Bindung beschleunigen. Letztlich ist auch entscheidend, welche Gesteinsarten Nachhaltigkeit und Effizienz am besten verbinden.

 

Foto: Artwork: Rita Erven, GEOMAR

FAQ zum neuartigen Coronavirus und dessen Auswirkungen auf die UHH

8. Juni 2020 - 11:00
Wie sieht das Sommersemester 2020 aus? Welche Vorgaben gelten für das Homeoffice? Und was müssen internationale Gäste beachten? Alle Antworten zu den wichtigsten Fragen bezüglich Corona finden Sie auf den folgenden Seiten. Die FAQ werden laufend aktualisiert. [Letzte Aktualisierung: 08.06.2020, 15:26 Uhr]

Foto: UHH/Schell

Zwei neue Emmy Noether-Gruppen an der Universität Hamburg

8. Juni 2020 - 0:00

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat Dr. William Foster und Dr. Helen Blank in das Emmy Noether-Programm aufgenommen. Sie werden an der Universität Hamburg bzw. am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Nachwuchsgruppen aufbauen und erhalten dafür voraussichtlich rund 1,6 bzw. 1,7 Millionen Euro.

Das Emmy Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft eröffnet besonders qualifizierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern die Möglichkeit, sich durch die eigenverantwortliche Leitung einer Nachwuchsgruppe über einen Zeitraum von sechs Jahren für eine Hochschulprofessur zu qualifizieren.

Dr. William Foster: „Ocean Life on the Brink: Quantifying the Collapse of Shallow Marine Ecosystems during the Permo-Triassic Climate Crisis“

Wie reagieren Meereslebewesen auf die Klimaerwärmung? Diese Frage ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus gerückt. Zum einen im Hinblick auf die Evolutionsforschung, zum anderen vor dem Hintergrund der Gefahr eines künftigen Massensterbens. Die Klimaerwärmung am Übergang zwischen Perm und Trias, die vor 252 Millionen Jahren stattfand und ein großes Artensterben auslöste, kann dabei helfen, die aktuelle Klimakrise und den Verlust an Biodiversität zu verstehen.

Um herauszufinden, welche Faktoren das Aussterben an der Grenze zwischen Erdaltertum und Erdmittelalter verursachten, wird die Emmy Noether-Gruppe neue, umfangreiche Daten sammeln. Mit deren Hilfe möchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen, wie Meereslebewesen auf extreme Klimaveränderungen reagieren. Ziel ist es, die Erkenntnisse politischen Entscheiderinnen und Entscheidern zu vermitteln, um das aktuelle Massensterben einzudämmen.

Die Emmy Noether-Gruppe von Dr. William Foster wird bei der Arbeitsgruppe „Geologie im Erdsystem“ vom Prof. Dr. Jörn Peckmann am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) angesiedelt. Sie wird voraussichtlich zum 1. Januar 2021 starten und über sechs Jahre mit insgesamt rund 1,6 Millionen Euro gefördert.

Dr. William J. Foster studierte Physische Geografie (MPhysGeog) an der University of Hull und promovierte an der University of Plymouth. Nach einem „Geo.X Postdoctoral Fellowship“ an der Universität Potsdam arbeitete er als Postdoktorand an der University of Texas (USA) und ist momentan Assistant Professor in Paläobiologie am University College Dublin (Irland).

Dr. Helen Blank: „Der Einfluss von Erwartungen auf die Wahrnehmung in menschlicher Kommunikation"

Ob wir einen Ausruf akustisch verstehen oder ein Gesicht erkennen, hängt auch davon ab, was wir zu hören oder sehen erwarten. Die Wahrnehmung ist also ein aktiver Prozess, bei dem eingehende sensorische Informationen im Hinblick auf Erwartungen interpretiert werden. Das übergeordnete Ziel der neuen Emmy Noether-Gruppe besteht darin, zu verstehen, wie das menschliche Gehirn diese Komponenten kombiniert, um zu kommunizieren.

Zu diesem Zweck werden Daten aus verschiedenen Verfahren zur Messung der Hirnaktivität, etwa der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) und der Elektroenzephalografie (EEG), analysiert. An ihnen kann man sehen, welche Hirnareale bei einem akustischen Signal (Sprache) oder bei einem visuellen Reiz (Gesicht) aktiv sind, wie stark die betreffenden Bereiche arbeiten und in welcher Reihenfolge sie bei der Verarbeitung eingeschaltet werden. Die Unterschiede in der Gewichtung von Erwartungen und sensorischen Signalen werden auch bei Personen getestet, bei denen zum Beispiel aufgrund einer Hörschädigung ein erhöhter Bedarf besteht, während der Kommunikation Erwartungen zu verwenden.

Die Emmy Noether-Gruppe von Dr. Helen Blank wird am Institut für Systemische Neurowissenschaften des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) angesiedelt. Sie wird voraussichtlich zum 1. Januar 2021 starten und über einen Zeitraum von sechs Jahren mit insgesamt rund 1,7 Millionen Euro gefördert.

Dr. Helen Blank studierte Psychologie an der Universität Münster. Nach ihrer Promotion am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig forschte sie als Postdoktorandin in der MRC Cognition and Brain Sciences Unit an der University of Cambridge. Im Anschluss an ein Marie Curie Fellowship in der Arbeitsgruppe „Affective neuroscience“ von Prof. Dr. Christian Büchel am UKE leitet sie dort momentan die Arbeitsgruppe „Multisensory Perception“.

Pressemitteilung als PDF

Foto: privat