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Aktualisiert: vor 6 Stunden 19 Minuten

Nicht Konsumentin, sondern Bürgerin

24. Februar 2021 - 14:00
Bewusster Konsum kommt immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an. Das ist begrüßenswert – aber wir dürfen dabei nicht stehenbleiben. Von Johannes Schorling Mit „bewusstem“ oder „kritischem“ Konsum die Welt verbessern – geht das überhaupt? Ja, aber nur in engen Grenzen. Ohne andere globale, politische Rahmenbedingungen entfalten die besten Initiativen für mehr Nachhaltigkeit nur begrenzte Wirkung. Vor allem wenn es um die Einhaltung der Menschenrechte, soziale Mindeststandards für die Arbeiter*innen im globalen Süden und den Schutz der Umwelt geht. Das soeben beschlossene Lieferkettengesetz ist ein erster kleiner Erfolg, um diese Ziele zu erreichen. Weitere müssen folgen. „Noch bevor du diesen Morgen dein Frühstück beendet hast, bist du auf die halbe Welt angewiesen“, lautet ein bekanntes Zitat des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King. Das Zitat bringt auf den Punkt, wie vernetzt unsere globale Wirtschaft heutzutage ist: Im Smartphone, dessen Wecker zum Aufstehen klingelt, stecken allerlei Rohstoffe, die in Deutschland gar nicht vorhanden sind – zum Beispiel Kobalt, für das mit einiger Wahrscheinlichkeit Menschen im informellen Kleinbergbau in der DR Kongo unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen geschuftet haben. Die Kleidung, die wir uns zum Frühstück anziehen, wurde wahrscheinlich von einer Näherin in Ländern wie Bangladesch oder Kambodscha zusammengenäht – weil die Löhne dort viel günstiger sind als hierzulande. Und die Hauptzutat für den Kakao auf dem Frühstückstisch kommt in den meisten Fällen aus Westafrika und wurde dort von Menschen geerntet, die deutlich unter dem Existenzminimum leben, weil der Weltmarktpreis für Kakao viel zu niedrig ist. So kann es nicht weitergehen Wie wir konsumieren, hat also weitreichende Folgen für Menschen in anderen Teilen der Welt – auch wenn uns das manchmal gar nicht bewusst ist. Deshalb ist es begrüßenswert, wenn sich immer mehr Menschen Gedanken über die Auswirkungen des eigenen Konsums machen. Denn fest steht: So, wie „wir“ bisher konsumieren, kann es nicht weitergehen (dass dieses „wir“ zugleich problematisch ist, weil Konsum sozial sehr ungleich verteilt ist, wird im weiteren Verlauf noch Thema sein). Jetzt den Südlink 195 "Kritischer Konsum: Was kann er erreichen - und was nicht?" bestellen Der sogenannte „Erdüberlastungstag“ markiert jedes Jahr den Zeitpunkt, an dem die Menschheit so viele natürliche Ressourcen verbraucht und so viel CO2 ausgestoßen hat, wie alle Ökosysteme im gesamten Jahr erneuern beziehungsweise aufnehmen können. Er fiel im Jahr 2020 auf den 22. August. Betrachtet man nur die deutsche Bevölkerung, war der Erdüberlastungstag im vergangenen Jahr sogar schon am 3. Mai. Im Klartext: Wir verbrauchen in Deutschland etwa dreimal so viele Ressourcen, wie der Planet verträgt. Damit leben wir nicht nur auf Kosten zukünftiger Generationen, sondern auch auf Kosten ärmerer Länder im globalen Süden, die zum Beispiel von den Folgen des Klimawandels besonders stark betroffen sind. Konsumkritik setzt bei unseren Entscheidungen als Verbraucher*innen an: Achten wir beim Kauf von Produkten nur auf den Preis? Oder spielt für uns auch eine Rolle, unter welchen Arbeitsbedingungen die Produkte hergestellt wurden und ob die Menschen, die daran beteiligt waren, einen fairen Lohn erhalten? Darf man heute noch Fleisch essen – auch wenn für Weideflächen und den Anbau von Futtermitteln im globalen Süden der Regenwald zerstört wird? Ist es vertretbar, mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen – obwohl der Flugverkehr für fünf Prozent der globalen Erwärmung verantwortlich ist? Neben dem „was?“ geht es bei Konsumkritik aber immer auch um das „wie viel?“: Nutzen wir Produkte so lange, bis sie nicht mehr funktionieren – oder muss es jedes Jahr ein neues Smartphone sein? Versuchen wir, Dinge zu reparieren – oder schmeißen wir die Hose sofort weg, wenn sie ein Loch hat? Ist es wirklich nötig, dass jeder ein eigenes Auto besitzt, oder lässt sich ein Auto nicht auch teilen und so viel effizienter nutzen – wenn wir nicht gleich ganz auf Bus, Bahn und Rad umsteigen können? Dass solche Fragen in den letzten Jahren immer mehr im gesellschaftlichen Mainstream ankommen, liegt nicht nur an der sich immer weiter zuspitzenden Klimakrise. Es ist auch ein Verdienst von sozialen Bewegungen wie etwa Fridays for Future. Bewusster Konsum kann aus mehreren Gründen einen Beitrag zu einer zukunftsfähigeren Wirtschaftsweise leisten. Erstens können Ansätze des kritischen Konsums in der Praxis einen Unterschied machen. Ein Beispiel dafür ist der Faire Handel. Bei aller berechtigten Kritik – siehe dazu mehr weiter unten – zeigt der Faire Handel, dass gleichberechtigtere Handelsbeziehungen mit dem globalen Süden, als dies im konventionellen Handel derzeit der Fall ist, möglich sind. Kleinproduzent*innen erhalten durch feste Prämien und garantierte Mindestpreise ein höheres Einkommen, und Produzentenorganisationen haben in allen Entscheidungsgremien des Fairtrade-Systems 50 Prozent der Stimmen. Das Fairhandelsunternehmen GEPA zahlt in der Kakao- und Schokoladenindustrie Preise, die hunderte von US-Dollar über dem liegen, was im konventionellen Handel gezahlt wird, und handelt diese nach dem Modell der partnerschaftlichen Preisfindung mit seinen Partner-Kooperativen aus. So sollen deren tatsächliche Produktionskosten und ein angemessener Gewinn berücksichtigt werden. War der Faire Handel lange Zeit ein Nischenphänomen, so ist er heute durch Fairtrade-Produkte im Discounter, Initiativen wie den Fairtrade-Town-Wettbewerb und Globales Lernen in den Schulen einer immer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Zweitens können Konsumentscheidungen im besten Fall eine Signalwirkung für Unternehmen und politische Entscheidungsträger*innen haben. Ein historisches Beispiel ist der Boykott-Aufruf von Greenpeace gegen den Shell-Konzern im Jahr 1995. Die Umweltorganisation protestierte damit gegen die geplante Versenkung der Ölplattform Brent Spar. Der Boykott-Aufruf fand ein breites Echo in den Medien und der Konzern knickte letztlich vor dem Protest ein. Wenige Jahre später konnte sogar ein generelles Versenkungsverbot für Ölplattformen erreicht werden. Ein neueres Beispiel ist die „Flygskam“, zu Deutsch „Flugscham“, die in Schweden bereits ein geflügeltes Wort ist. Immer mehr Schwed*innen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie den Flieger nehmen. Die Zahl der Inlandsflüge ging in Schweden 2019 im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent zurück – woran sicherlich auch die Klimabewegung und die Aktivistin Greta Thunberg ihren Anteil haben dürften. Drittens können Ansätze kritischen Konsums auch Keimzellen einer anderen Gesellschaft sein, wenn sie sich kollektiv als Projekte einer solidarischen Ökonomie organisieren. In der Solidarischen Landwirtschaft zum Beispiel wird schon jetzt mit Formen einer zukunftsfähigen Landwirtschaft experimentiert, bei der die Erzeugung regionaler Lebensmittel, der Erhalt der Biodiversität und die bedürfnisorientierte Produktion unabhängig von Marktmechanismen im Vordergrund stehen. Solche Projekte sind immer auch ein Stück weit gelebte Utopie, eine Art „Laboratorium“ dafür, wie die Welt von morgen aussehen könnte. Appelle an Konsumbewusstsein können also nicht schaden. Und wer die finanziellen Möglichkeiten dazu hat, sollte diese beim Einkauf auch beherzigen. Entscheidend ist die politische Regulierung Zum Problem wird es allerdings, wenn Menschen bei der Konsumkritik stehenbleiben. Immer wieder kann man bei Infoständen von INKOTA erleben, dass Besucher*innen sich nur dafür interessieren, welche Schokolade oder welche Kleidung sie denn „guten Gewissens“ kaufen können. Auch von politischer Seite werden die Konsument*innen gerne als zentrale Akteure des Wandels adressiert – zum Beispiel, wenn Entwicklungsminister Gerd Müller sich wünscht, dass „mehr Deutsche nachhaltig einkaufen“. Häufig ist in diesem Zusammenhang von der „Macht der Konsument*innen“ die Rede. In ihrer extremen Form geht dieses Konzept davon aus, dass wir durch unsere Kaufentscheidungen bestimmen, welche Produkte Unternehmen auf dem Markt anbieten. Wenn Konsument*innen aufhörten, Produkte zu kaufen, für die Menschen ausgebeutet werden oder die Umwelt zerstört wird, würden Unternehmen diese auch nicht mehr herstellen. Ein solcher Ansatz misst den Konsument*innen eine weitaus größere Macht bei, als sie tatsächlich haben. Ein Problem bei Konsumkritik ist nämlich, dass sie erst ganz am Ende der Wertschöpfung ansetzt. Die Sphäre der wirtschaftlichen Produktion bleibt außen vor – dabei gehören gerade die großen Industrie- und Energiekonzerne zu den größten Verursachern der Klimakrise. Allein 100 Unternehmen sind seit 1988 verantwortlich für über 70 Prozent der weltweiten industriellen CO2-Emissionen. Wenn Produkte, die aus ökologischer oder menschenrechtlicher Sicht bedenklich sind, erst gar nicht hergestellt werden dürften, würde der Konsum automatisch nachhaltiger. Statt Verbraucher*innen die Verantwortung zuzuschieben, wäre es also zielführender, die Wirtschaft so zu regulieren, dass Unternehmen von vornherein nicht zu Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung beitragen. Ein Schritt auf dem Weg dorthin könnte das Lieferkettengesetz werden, auf das sich die Bundesregierung im Februar endlich geeinigt hat. Es soll Unternehmen stärker als bisher auf die Einhaltung der Menschenrechte in ihren globalen Lieferketten verpflichten. Allerdings bleibt das Gesetz deutlich hinter den Forderungen der Zivilgesellschaft zurück – denn es soll nur für Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitenden gelten, für indirekte Zulieferer gilt nur eine abgestufte Sorgfaltspflicht, und eine zivilrechtliche Haftung für Unternehmen fehlt.  Ein weiteres Problem von Konsumkritik ist, dass die Forderung nach weniger Konsum in unserem derzeitigen kapitalistischen Wirtschaftssystem an enge Grenzen stößt. Dieses Wirtschaftssystem kann ohne Wachstum gar nicht funktionieren, hoher Konsum ist sogar erwünscht. Wenn wir alle gleichzeitig weniger konsumieren würden, wäre eine Wirtschaftskrise die Folge. Einen Hinweis darauf lieferte in der Vorweihnachtszeit Wirtschaftsminister Peter Altmaier, als er das Einkaufen zur „patriotischen Aufgabe“ erklärte. Die Idee von der „Macht der Konsument*innen“ überschätzt zudem den Einfluss, den wir als Verbraucher*innen tatsächlich auf Unternehmen haben. Souveräne Kaufentscheidungen zu treffen ist allein deshalb schon schwierig, weil den Verbraucher*innen dafür häufig die nötigen Informationen fehlen; globale Lieferketten sind häufig intransparent und die hinter den Produkten stehenden sozialen und ökologischen Probleme nicht ohne größeren Aufwand erkennbar. Nachhaltigkeitssiegel mit begrenzter Aussagekraft Um dieses Problem zu lösen und Verbraucher*innen Orientierung zu bieten, gibt es deshalb eine Reihe von Nachhaltigkeitssiegeln, die einen Konsum mit gutem Gewissen versprechen. Doch „nachhaltige“ Konsumalternativen halten häufig nicht, was sie versprechen. Die Begriffe „fair“ und „nachhaltig“ sind nicht staatlich geschützt, theoretisch kann jede*r diese für sich in Anspruch nehmen. Unternehmen haben in den letzten Jahren Nachhaltigkeit als neuen Verkaufsschlager entdeckt. Und so findet sich heute auf immer mehr Schokoladenprodukten ein Siegel von UTZ oder Rainforest Alliance, die vor zwei Jahren zur größten Zertifizierungsorganisation im Kakaosektor fusionierten. Doch deren Nachhaltigkeitssiegel, das hat INKOTA in den letzten Jahren wiederholt kritisiert, werden ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht. Denn von existenzsichernden Preisen für Kakaobäuerinnen und -bauern kann bei UTZ/Rainforest Alliance nicht die Rede sein. Bisher verfügt die Siegelinitiative nicht mal über garantierte Kakaomindestpreise. Jetzt den Südlink abonnieren Doch auch bei Fairtrade, das im Vergleich dazu eher als Vorzeigeinitiative gilt, kann von Fairness nur bedingt die Rede sein. Denn auch das Fairtrade-Siegel garantiert bisher keine existenzsichernden Preise, weshalb die Mehrheit der zertifizierten Bäuerinnen und Bauern nach wie vor unter der Armutsgrenze lebt. Fair gehandelte Produkte gibt es zudem nicht für alle Bereiche. Im Fokus stehen im Fairen Handel Agrarprodukte wie Kaffee, Kakao oder Bananen. Im Bereich Elektronik steckt die Diskussion um nachhaltige Alternativen hingegen noch in den Kinderschuhen. Das liegt auch an der Komplexität der Lieferketten und der Vielzahl an Komponenten und Materialien, die zum Beispiel für ein Smartphone benötigt werden. Auch der, wenn es um „nachhaltige Alternativen“ geht, gern bemühte Begriff „klimaneutral“ hält nicht immer, was er verspricht. Unternehmen oder auch Staaten betonen so ihren Beitrag zum Klimaschutz. Dabei bedeutet klimaneutral keineswegs, dass keine schädlichen CO2-Emissionen mehr ausgestoßen würden. Vielmehr werden entstehende Emissionen lediglich durch Ausgleichszahlungen für Klimaschutzmaßnahmen an anderer Stelle kompensiert. Doch an der Wirksamkeit vieler solcher Ausgleichsmaßnahmen gibt es erhebliche Zweifel. Zudem werden nötige Klimaschutzmaßnahmen dadurch häufig in den globalen Süden verlagert, während hierzulande die Verschmutzung munter weitergeht. Die Klimaschutzexpertin Eva Rechsteiner kommt deshalb zu dem Fazit: „Klimaneutralität gibt es nur auf dem Papier.“ Kritischer Konsum, so ein weiterer Einwand, ist auch eine soziale Frage. Denn faire und nachhaltige Produkte kosten mehr Geld. Wer in Deutschland Hartz4 bezieht, kann es sich schlichtweg nicht leisten, im Biosupermarkt einzukaufen. Es wäre deshalb verfehlt, die Nase über „die Unterschicht“ zu rümpfen, der vermeintlich das Konsumbewusstsein fehlt und die zum Discounter rennt, weil es dort die günstigsten Produkte gibt. Wenn alle Menschen die Möglichkeit haben sollen, bewusst zu konsumieren – dann müssen wir auch über höhere Löhne und Umverteilung sprechen. Tatsächlich sind es vor allem Menschen mit höherem Einkommen, die einen größeren ökologischen Fußabdruck haben, weil sie es sich leisten können, viel zu konsumieren und klimaschädliche Flugreisen zu unternehmen. Eine Oxfam-Studie kam 2015 zu dem Ergebnis, dass jemand aus dem reichsten Prozent der Weltbevölkerung 175 Mal so viele Emissionen verursacht wie jemand aus den ärmsten zehn Prozent. Diese Einwände bedeuten nicht, dass es egal wäre, was wir konsumieren. Eine solche Haltung nach dem Motto „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ wäre angesichts einer immer weiter voranschreitenden Klimakatastrophe geradezu zynisch. Es bedeutet jedoch, dass bewusster Konsum bestenfalls eine Ergänzung sein kann zu politischer Veränderung. Vor allem müssen wir die politischen und wirtschaftlichen Spielregeln ändern, die es zurzeit ermöglichen, dass Menschenrechte mit Füßen getreten werden und der Planet zerstört wird. Beim Einkauf auf Fairtrade-Produkte zu achten, ist also ein guter und wichtiger Schritt – aber damit Verbraucher*innen gar nicht erst vor die Wahl gestellt werden, ob sie Produkte kaufen, in denen Kinderarbeit steckt oder nicht, brauchen wir politische Lösungen wie etwa ein starkes Lieferkettengesetz. Auf das Flugzeug zu verzichten und stattdessen mit Bus und Bahn in den Urlaub fahren, ist ein guter und wichtiger Ansatz – aber damit das noch mehr Menschen tun, wäre es nötig, endlich alle Subventionen für den Flugverkehr abzuschaffen, eine hohe Kerosinsteuer zu erheben und massiv in den Ausbau des Bahnnetzes zu investieren. Damit das passiert, sind wir nicht nur als Verbraucher*innen gefragt – sondern vor allem als Bürger*innen. Johannes Schorling arbeitet bei INKOTA und ist Teil des Steuerungskreises der Initiative Lieferkettengesetz. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt den Südlink 195 "Kritischer Konsum: Was kann er erreichen - und was nicht?" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren Erfahren Sie mehr zum Lieferkettengesetz
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Südlink zum Thema kritischer Konsum erschienen

24. Februar 2021 - 13:43
Liebe Leser*innen, der Entwurf für ein Lieferkettengesetz, auf den sich das Bundeskabinett Mitte Februar geeinigt hat, ist ein großer Erfolg für INKOTA und viele weitere Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen, die sich mit einer mehrjährigen Kampagne dafür engagiert haben. Die Chancen stehen nun sehr gut, dass das Parlament noch vor der Bundestagswahl im kommenden September ein Gesetz verabschiedet, das Unternehmen zum Schutz der Menschenrechte in ihrer Lieferkette verpflichtet. Das ist ein Grund zu feiern, auch wenn der Entwurf einige Schwachstellen aufweist. So fehlt die zivilrechtliche Haftung, die es den Opfern von Verletzungen der Sorgfaltspflichten durch deutsche Unternehmen erlauben würde, vor deutschen Gerichten gegen diese zu klagen. Und auch soll das Gesetz nur für relativ große Unternehmen gelten. Mehr war gegen den hartnäckigen Widerstand der Unternehmenslobby momentan nicht zu erreichen. INKOTA und andere aber werden sich auch weiterhin für eine bessere politische Regulierung unternehmerischen Handelns einsetzen. Jetzt den Südlink 195 "Kritischer Konsum: Was kann er erreichen - und was nicht?" bestellen Genau dies benötigen wir: Klare Regeln und Gesetze zum weltweiten Schutz der Menschenrechte, für mehr ökologische Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftssystems und um eine Verbesserung der sozialen Lage von Millionen Arbeiter*innen im globalen Süden zu erreichen. Unternehmen hingegen wollen nur freiwillige Selbstverpflichtungen, die eher unverbindlich und schwer zu überprüfen sind. Oder aber sie versuchen, die Verantwortung auf die Verbraucher*innen abzuwälzen. Ganz so, als ob wir mit unserem individuellen Konsumverhalten entscheiden könnten, was produziert wird und unter welchen Bedingungen dies geschieht. Das schlechte Gewissen der Konsument*innen, um vom Fehlverhalten der Unternehmen abzulenken. Dabei ist es angesichts der beginnenden Klimakatastrophe und des millionenfachen Elends prekärer Arbeitsplätze in Nord und Süd durchaus richtig, wenn Konsument*innen sich genau überlegen, was sie kaufen und von wem. Wer es sich leisten kann, soll zu ökologisch und fair hergestellten Waren greifen. Auf zum Biomarkt und in den Eine-Welt-Laden! Jetzt den Südlink abonnieren „Bewusster“, „kritischer“ oder „ökologischer“ Konsum ist sinnvoll und wichtig. Dumm nur, dass er auch eine Frage des Einkommens ist – und es sich viele Menschen gar nicht leisten können, da mitzumachen. Ein Spannungsfeld, das auch Fridays for Future beschäftigt, so Quang Paasch, einer ihrer Sprecher in Deutschland im Südlink-Interview. Binnen kurzem entstand eine Bewegung, in der Millionen junger Menschen auf die Straße gingen, um gegen die fortschreitende Zerstörung des Klimas zu protestieren. Sie haben begonnen, ihr eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen und sich gegen Flugreisen und klimaschädliche Fleischproduktion ausgesprochen. Doch viele von ihnen sind dabei nicht stehengeblieben – und fordern eine radikale Transformation unserer Wirtschaft. Das klingt gut und interessant – wie so manches andere in diesem Südlink. Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen Michael Krämer Michael Krämer arbeitet bei INKOTA und ist Redakteur des Südlink-Magazins. Lesen Sie hier einige Artikel aus dem Südlink 195: Arndt von Massenbach: Lieferung unvollständig Johannes Schorling: Nicht Konsumentin, sondern Bürgerin Zum vollständigen Inhaltsverzeichnis Jetzt den Südlink 195 "Kritischer Konsum: Was kann er erreichen - und was nicht?" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren

Gefördert durch Brot für die Welt aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes, der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit des Landes Berlin, den Katholischen Fonds, der Stiftung Nord-Süd-Brücken, durch Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Für den Inhalt dieser Publikation ist alleine INKOTA verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt der Zuwendungsgeber wieder.

 

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Lieferung unvollständig

23. Februar 2021 - 11:33
Ohne zivilrechtliche Haftung fehlt dem Lieferkettengesetz der Biss. Von Arndt von Massenbach Viele hatten nicht mehr dran geglaubt: Nach monatelangem Streit der beteiligten Minister hat sich die Bundesregierung Mitte Februar auf einen Entwurf für ein Lieferkettengesetz geeinigt. Gerade rechtzeitig, um das Gesetz noch vor den Bundestagswahlen zu verabschieden. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie INKOTA fordern seit Jahren gesetzliche Regelungen, um Kinderarbeit auf Kakaoplantagen, Hungerlöhne für Näherinnen in Bangladesch und andere Menschenrechtsverletzungen in globalen Lieferketten wirksamer bekämpfen zu können. Auch Gewerkschaften, viele Ökonomen und zuletzt eine wachsende Zahl von Unternehmen hatten sich dafür ausgesprochen. Gut und überfällig also, dass das Lieferkettengesetz nun endlich kommt. Ein Erfolg des hartnäckigen Engagements von Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen. Erstmals werden Unternehmen gesetzlich auf den Schutz der Menschenrechte in ihren Lieferketten verpflichtet und müssen darüber berichten. Gut auch, dass eine Bundesbehörde die Unternehmensberichte prüft und Verstöße gegen die Sorgfaltspflichten mit Zwangs- und Bußgeldern und in schweren Fällen durch den Ausschluss von öffentlichen Aufträgen ahnden kann. Jetzt den Südlink 195 "Kritischer Konsum: Was kann er erreichen - und was nicht?" bestellen Doch der Kompromissvorschlag hat auch erhebliche Mängel. Auf Druck der Wirtschaftslobby hat Wirtschaftsminister Peter Altmaier alles darangesetzt, den ursprünglichen Entwurf von Arbeitsminister Hubertus Heil und Entwicklungsminister Gerd Müller zu verwässern. Zwar konnte Altmaier nicht durchsetzen, die Sorgfaltspflichten auf die erste Stufe der Lieferkette zu begrenzen. Bei mittelbaren Zulieferern müssen Unternehmen aber nun nur nach konkreten Hinweisen auf Menschenrechtsverletzungen aktiv werden. Zudem wird das Gesetz zunächst nur für circa 600 große Unternehmen mit mindestens 3.000 Mitarbeiter*innen gelten. Ab 2024 sind dann auch Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten betroffen. Gerade in Risikobranchen wie der Textilindustrie gibt es aber viele mittelständische Unternehmen, die so nicht erfasst werden. Das größte Manko aber ist die fehlende zivilrechtliche Haftung der Unternehmen bei Verletzung ihrer Sorgfaltsplichten. Opfer von Menschenrechtsverletzungen erhalten so weiterhin keine verbesserten Möglichkeiten, vor deutschen Gerichten Schadensersatzforderungen einzuklagen. Zwar können Betroffene sich leichter von NGOs und Gewerkschaften vor Gericht vertreten lassen. Maßgeblich ist aber das meist schwächere nationale Recht der Produktionsländer. Es bleibt also wohl dabei, dass Betroffene zwar klagen können, es aber fast nie tun. Der Bundestag wird das Gesetz kaum noch substanziell verbessern. Auf EU-Ebene hat der Gesetzgebungsprozess dagegen gerade erst begonnen. Ende Januar hat der Rechtsausschuss des Europaparlaments einen guten Vorschlag für ein europäisches Lieferkettengesetz beschlossen – zivilrechtliche Haftung inklusive. Arndt von Massenbach ist politischer Geschäftsführer von INKOTA. Jetzt den Südlink 195 "Kritischer Konsum: Was kann er erreichen - und was nicht?" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren Erfahren Sie mehr zum Lieferkettengesetz
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Vietnam: Gemeinsam gegen Pestizide

16. Februar 2021 - 14:55
Um Unkraut und Schädlinge zu bekämpfen, setzen Bäuerinnen und Bauern weltweit chemische Mittel ein. Das ist auch in Vietnam so. Zwar wurde dort das hoch umstrittene Herbizid Glyphosat – das auf deutschen Äckern nach wie vor verwendet wird – im Juni 2019 verboten. Doch der grundsätzliche Glaube an die Kraft der chemischen Keule ist auch in Vietnam weiter ungebrochen. Zu verführerisch klingt die Erzählung, dass ohne viel Arbeit Unkraut und Schädlinge beseitigt und der Ertrag vervielfacht werden können. Dabei gibt es längst ökologische Alternativen: „Um Schädlingen vorzubeugen, pflanzen wir geeignete Blumen um unsere Gemüsereihen herum, zum Beispiel Ringelblumen“, sagt Kleinbäuerin Quach Thi Yen. „Sie locken die Schädlinge von unserer Ernte weg und ziehen gleichzeitig die natürlichen Feinde der Schädlinge an.“ Ohne Pestizide für Pflanzen, Tiere und eigene Gesundheit Quach Thi Yen macht beim Projekt der INKOTA-Partnerorganisation DWC mit, das Teil der Solidaritätsaktion des Neuen Deutschlands ist. „Damit unser Obst, Gemüse und Getreide besser wächst, haben wir auch unseren eigenen Dünger hergestellt“, erzählt sie. „Wir haben Bananen, Papaya oder andere Gemüsesorten mit Zucker fermentiert – und eine nahrhafte Lösung mit reichlich Stickstoff und Kalium erzeugt. Das ist unser neuer Dünger!“ Der Arbeitsaufwand ist etwas höher als beim Einsatz chemischer Mittel. Das nehmen die Dorfbewohner*innen aber gern in Kauf, zum Schutz ihrer Gesundheit und des Lebensraums der Tiere und Pflanzen. Jetzt Appell "Giftexporte stoppen!" unterschreiben! Mit Agrarökologie gegen Pestizide Nichtregierungsorganisationen wie INKOTA setzen sich schon seit Jahren für ein weltweites Verbot gefährlicher Giftstoffe in der Landwirtschaft ein. Im Gegenzug unterstützt INKOTA Initiativen, die versuchen auf chemische Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel zu verzichten und nur noch rein biologischen Dünger zu verwenden. Dabei geht es auch darum, die Anbaumethoden vielseitiger und widerstandsfähiger zu gestalten, indem natürliche Stoffkreisläufe stärker berücksichtigt werden. Genau diesen agrarökologischen Ansatz verfolgen auch die Expert*innen von DWC in Vietnam. Selbstbestimmt zu einer Landwirtschaft ohne Pestizide Bei dem hier vorgestellten DWC-Projekt geht es zwar vor allem um lokale Mitbestimmung: In bis zu 20 einzelnen Kleinprojekten organisieren und verwalten die teilnehmenden Dorfgemeinschaften während der Projektlaufzeit eigene Projekte. Die Themen der Projekte bestimmen die Einwohner*innen selbst. Zu Beginn haben sie Vorschläge für die einzelnen Projekte gesammelt und ausdiskutiert, welche davon umgesetzt werden sollen. In der Gemeinde von Quach Thi Yen spielt das Thema Landwirtschaft allerdings in fast allen Projekten eine Rolle. Das hat einen einfachen Grund: Alle Projektteilnehmer*innen sind Kleinbäuerinnen oder Kleinbauern. Dem Prinzip des ökologischen Landbaus folgend wollen sie die eigene Landwirtschaft nachhaltiger machen. Die DWC-Expert*innen stehen ihnen dabei mit Rat und Tat zur Seite. Dorfgemeinschaft vereint gegen Pestizide Wie ernst es den Dorfbewohner*innen mit der Abkehr vom Gift auf ihren Feldern und Äckern ist, schildert die Vorsitzende der örtlichen Frauenunion. „Die Menschen hier bestellen die Felder oft gemeinsam“, erzählt Bui Kim Phuong. „Ich erinnere mich an eine Familie, die am Tag ihrer Ernte plötzlich allein auf dem Feld stand. Niemand wollte ihr zur Hand gehen, weil sie entgegen der gemeinsamen Abmachung zuvor Herbizide versprüht hatte. Die anderen Dorfbewohner*innen sind einfach wieder nach Hause gegangen – aus Angst um ihre eigene Gesundheit und weil sie ihre Böden und die gesamte Umwelt nicht länger strapazieren wollen.“ Dieser Artikel ist zuerst im Neuen Deutschland erschienen. Denn das Projekt mit unserem Partner DWC in Vietnam ist Teil von „Teilen macht satt” – unserer Spendenaktion mit dem Neuen Deutschland. Deutsche Chemiekonzerne wie Bayer und BASF exportieren Pestizide nach Afrika, Asien und Lateinamerika, die so gefährlich sind, dass sie in der EU verboten sind. Sorgen Sie jetzt dafür, dass die Bundesregierung ihrer Verantwortung nachkommt und handelt: Jetzt Appell "Giftexporte stoppen!" unterschreiben! Weitere Informationen: Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Vietnam Zum Projekt „Durch mehr Partizipation zu einem selbstbestimmten Leben“
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Das Lieferkettengesetz kommt

12. Februar 2021 - 9:04
Die gute Nachricht zuerst: Das Lieferkettengesetz kommt! Nach monatelangen Verhandlungen hat sich die Bundesregierung heute endlich auf einen Kompromiss geeinigt. Diese Einigung kommt buchstäblich in letzter Minute, damit das Gesetz noch vor der Bundestagswahl verabschiedet werden kann. Deutsche Unternehmen werden damit in Zukunft verpflichtet, in ihren globalen Lieferketten die Menschenrechte zu achten und Umweltzerstörung zu vermeiden. Eine Bundesbehörde soll kontrollieren, ob Unternehmen ihren Sorgfaltspflichten nachkommen, und kann bei Verstößen Bußgelder verhängen. Doch leider gibt es auch eine schlechte Nachricht: Mit seiner Blockadetaktik hat Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den ursprünglichen Vorschlag an entscheidenden Stellen verwässert. So soll das Lieferkettengesetz ab 2023 zunächst nur für Unternehmen ab 3.000 Mitarbeitenden gelten, ein Jahr später dann für alle Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitenden. Noch viel schlimmer: Die Bundesregierung verzichtet auf eine zivilrechtliche Haftung. Betroffene von Menschenrechtsverletzungen haben auch in Zukunft kaum eine Möglichkeit, Unternehmen hierzulande gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen. Aber NGOs und Gewerkschaften erhalten erweiterte Klagerechte und können Betroffene vor deutschen Gerichten vertreten. Dennoch fehlt so aus unserer Sicht der wichtigste Baustein für ein wirksames Lieferkettengesetz. Minister Altmaier und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigen damit, dass ihnen die Interessen der Wirtschaft wichtiger sind als der Schutz der Menschenrechte. Das ist enttäuschend! Und dennoch: Mit tausenden Unterschriften, zahlreichen Aktionen, Veranstaltungen und Gesprächen mit Politiker*innen haben wir alle zusammen im breiten Bündnis dafür gesorgt, das Lieferkettengesetz auf die politische Agenda zu setzen. Obwohl die Erfolgschancen anfangs wirklich schlecht standen. Wir haben nicht lockergelassen – bis am Ende auch Wirtschaftsminister Altmaier seine Total-Blockade gegen ein Gesetz aufgegeben hat. Das ist unser gemeinsamer Erfolg!

Und es zeigt: Hartnäckigkeit und ein langer Atem zahlen sich aus! Genau den wollen wir uns bewahren und brauchen dafür Ihre Unterstützung: Mit einer Fördermitgliedschaft sorgen Sie dafür, dass wir politisch und finanziell unabhängig agieren können. Durch ihre regelmäßige Unterstützung tragen Sie dazu bei, dass wir die Umsetzung des Lieferkettengesetzes auch in Zukunft kritisch begleiten können. Denn das wird nötig sein! Sichern Sie deshalb unsere Arbeit langfristig mit einer Fördermitgliedschaft. Schon mit 5 Euro im Monat helfen Sie uns enorm.

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Und der Kampf um das Lieferkettengesetz ist auch noch nicht vorbei: Ab März wird der Bundestag über das Lieferkettengesetz beraten. Selten passiert ein Gesetzesentwurf der Bundesregierung das Parlament ohne Änderungen. Für diese Zeit haben wir uns schon weitere Aktionen ausgedacht: Rund um Ostern werden wir möglichst viele Bundestagsabgeordnete in ihren Wahlkreisen ansprechen, damit sie dafür sorgen, dass das Lieferkettengesetz im Parlament nachgeschärft wird. Dieses Engagement braucht Ihre Unterstützung – sichern Sie es mit Ihrer Fördermitgliedschaft! Werden Sie jetzt Fördermitglied
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Mosambik: Die doppelte Katastrophe

8. Februar 2021 - 15:18
Es ist knapp zwei Jahre her, dass der Zyklon Idai in Mosambik immense Schäden verursacht hat. Insbesondere das Zentrum des Landes wurde von Idai schwer verwüstet. Nun durchleben viele Mosambikaner*innen ein schmerzhaftes Déjà-vu: Ende Januar fegte der tropische Wirbelsturm Eloise über das Land hinweg. Wieder sind die Schäden in der Hafenstadt Beira in der Provinz Sofala sowie in einigen Regionen der Nachbarprovinz Manica massiv. Über 175.000 Menschen sind direkt von den Auswirkungen des Sturms und der Überflutungen betroffen. Häuser, Schulen und Krankenstationen wurden beschädigt oder zerstört. Mehr als 140.000 Hektar Agrarland - eine Fläche halb so groß wie das Saarland - wurden überflutet. Projektregion von Zyklon getroffen In der betroffenen Provinz Manica setzt die INKOTA-Partnerorganisation UNAC ein Projekt zur Gewinnung und Bewahrung lokaler, traditioneller Saatgutsorten um. Bartolomeu Antonio, der Projektkoordinator, berichtet von großen Schäden in den Distrikten Sussundenga und Macate: „In beiden Distrikten hat Eloise viel Zerstörung angerichtet. Wir warten noch auf genaue Angaben zu den Schäden aus den Dörfern. Der Zugang zu Informationen ist gerade nicht einfach, denn einige Familien sind vor dem Unwetter in Notunterkünfte geflohen.“ Spenden Sie jetzt! Im Zentrum Zyklon, im Süden Dürre „Das Staubecken, das wir im letzten Jahr mit Hilfe von INKOTA wieder instand gesetzt haben, ist glücklicherweise nicht beschädigt worden“, erzählt Bartolomeu Antonio. „Aber auch in der Provinz Zambézia haben Sturmböen Schäden in den Projektgemeinden angerichtet, Gebäude wurden zerstört, dabei wurden auch Menschen verletzt.“ Und während Teile Zentralmosambiks unter Wasser stehen, herrscht im Süden des Landes eine lange Dürre. Bartolomeu Antonio sagt Hunger voraus: „Es hat viel zu wenig geregnet, weshalb den Bauern und Bäuerinnen das Wasser fehlt. Die Ernte ist in diesem Jahr gefährdet. Wir befürchten eine Zunahme von Hunger auf dem Land.“ Coronavirus: Die Infektionen nehmen stark zu Währenddessen trifft das Coronavirus das Land mit voller Wucht. Im letzten Jahr war das Infektionsgeschehen relativ ruhig - die Fallzahlen waren zeitweise sogar rückläufig. Doch nun steigen die Zahlen der Neuinfektionen sowie der Todesfälle exponentiell an. Zudem breitet sich die Infektion nun auch landesweit aus, während sie im letzten Jahr vor allem auf den Großraum Maputo beschränkt war. Die Zerstörungen durch Eloise verschärfen die bereits schwierige Lage. Das ohnehin extrem schwache Gesundheitswesen ist damit überfordert. Um zu verhindern, dass das Coronavirus sich weiter ausbreitet, wurden die Grenzen zum Nachbarland Südafrika im Januar wieder geschlossen - mit Ausnahmen für den Warenverkehr. Allerdings dürfte es schon zu spät sein, um die besonders ansteckenden Virusvarianten auszusperren. Ein weiterer Faktor, der die Aussicht trübt: Das Impfen hat in Mosambik noch nicht begonnen. Wir stehen mit UNAC und unseren anderen Partnerorganisationen in engem Austausch. Gemeinsam überlegen wir Schritt für Schritt, wie wir den Menschen in Mosambik weiterhin bestmöglich zur Seite stehen können. Sicher ist, dass unser gemeinsames Saatgut-Projekt für die kleinbäuerlichen Familien in dieser schwierigen Situation ein wichtiger Lichtblick ist. Helfen Sie uns dabei, die Menschen in Mosambik weiter zu stärken! Bitte spenden Sie unter dem Kennwort „Mosambik“ auf das unten angegebene INKOTA-Konto oder hier über unser Online-Spenden-Formular: Spenden Sie jetzt! Spendenkonto:
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IBAN: DE06 3506 0190 1555 0000 10
BIC: GENODED1DKD
Stichwort „Mosambik" Weitere Informationen: Jetzt Meldung „Corona in Mosambik“ lesen
Mehr zu unserer Arbeit in Mosambik


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Rohstoffhungrige Digitalisierung

27. Januar 2021 - 11:23
Das Zeitalter von Industrie 4.0 hat enorme Auswirkungen auf den Bergbau – und erfordert dringend eine Rohstoffwende Von Anna-Sophie Hobi und Lara Louisa Siever Die Digitalisierung macht’s möglich: Eine neue industrielle Revolution ist in vollem Gange. Für diese werden riesige Mengen spezifischer Rohstoffe benötigt, die unter menschenrechtlich, sozial und ökologisch unzulänglichen Bedingungen abgebaut werden. Ebenso verändert der Bergbau sich selbst. Betroffene Gemeinschaften werden zum Produktionsrisiko degradiert, ihre Rechte immer mehr verletzt. Eine Kehrtwende ist dringend geboten. Die Digitalwirtschaft ermöglicht mit High-Tech-Geräten, Internet und Smartphones eine virtuelle Vernetzung, einen weltweiten Informationszugang und bringt viele Menschen einander näher. Zugleich wurden und werden im Zuge der Digitalisierung intelligente Zukunftstechnologien entwickelt, die eine nachhaltigere und effizientere Lebensweise versprechen. Auch die Elektromobilität zählt zu diesen Versprechungen. Digitale Technologien brauchen aber Mikrochips, Kabel, Schaltungen und Batterien, die aus mineralischen Rohstoffen und Metallen wie Kobalt, Lithium, Kupfer, Gold und Seltenen Erden bestehen. Die digitale industrielle Revolution, auch als „Industrie 4.0“ bekannt, bringt daher eine große Herausforderung mit sich: eine enorme Nachfrage an Rohstoffen, die in den kommenden Jahren weiter explodieren wird. So soll der Bedarf an Kobalt zwischen 2013 und 2035 um das 23-Fache und der an Lithium gar um das 179-Fache ansteigen. Die beiden Metalle sind essenziell für Lithium-Ionen-Batterien, die zum Beispiel in Elektroautos verwendet werden. Gleichzeitig geht der Abbau von metallischen Rohstoffen oft mit prekären Arbeitsbedingungen, Menschenrechtsverletzungen und ökologischen Schäden einher. Umweltverschmutzung durch Bergbau zerstört vielerorts die Biodiversität und bedroht die Lebensgrundlagen der umliegenden Gemeinschaften. Kobalt beispielweise wird zu etwa 70 Prozent in der Demokratischen Republik Kongo abgebaut – mindestens ein Fünftel davon im Kleinbergbau. Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Neben den prekären Arbeitsbedingungen sowie Kinder- und Zwangsarbeit sind Kleinschürfer*innen weiteren erheblichen Risiken ausgesetzt: Im Vergleich zum industriellen Bergbau finden Kleinschürfer*innen schwieriger Abnehmer, sind stark von Zwischenhändler*innen und den gegebenen Preisen abhängig und müssen oft in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität arbeiten. Häufig werden sie von dort, wo sie tätig sind, vertrieben und auch sonst Opfer der Gewalt von Sicherheitskräfte und Milizen. Außerdem führen die fehlende Ausbildung der Kleinschürfer*innen und die mangelnde Sensibilisierung für Fragen des Umweltschutzes in vielen Fällen zu Land- und Wasserverschmutzung in der Umgebung des Kleinbergbaus.
Hinzu kommt die notorische Intransparenz und Korruptionsanfälligkeit des Sektors. Diese kulminierten in der Demokratischen Republik Kongo in dem Skandal rund um den dubiosen Geschäftsmann Dan Gertler und den Schweizer Bergbaukonzern Glencore. Gertler stand dem damaligen Präsidenten Joseph Kabila nahe und soll Glencore mithilfe von Bestechungsgeldern zu äußerst profitablen Kupfer- und Kobaltförderlizenzen verholfen haben – auf Kosten der kongolesischen Bevölkerung. Auch der Abbau von Lithium, dem sogenannten weißen Gold Südamerikas, geht nicht spurlos an der Umwelt und der Bevölkerung vorbei: Aufgrund des erhöhten Wasserverbrauchs durch den Lithiumabbau führen sinkende Grundwasserspiegel und das Austrocknen von Flussläufen zu einer prekären Wasserknappheit. Darunter leidet die lokale, oftmals indigene, Bevölkerung in den betroffenen Regionen, vor allem im Dreiländereck von Bolivien, Chile und Argentinien. Um den Rohstoffhunger unserer Zukunftstechnologien zu sättigen, dringt die Bergbauindustrie in immer neue sensible Gebiete ein, welche oftmals in entlegenen Regenwäldern und geschützten Naturlandschaften liegen. Sogar unerforschte Flecken der Erde, wie die Tiefsee oder die Arktis, ja sogar das Weltall, werden nicht vom Extraktivismus verschont werden. Die Folgen davon sind heute teilweise noch nicht absehbar. Die Fehlentwicklungen des digitalisierten Bergbaus Die Digitalisierung hat aber nicht nur einen beträchtlichen Einfluss auf das Ausmaß der Rohstoffgewinnung, sondern auch auf ihr industrielles Innenleben. Unter dem Vorwand „grüner“ zu werden, beziehungsweise vor allem kosten- und energieeffizienter mehr und schneller Rohstoffe aus der Erde holen zu wollen, befindet sich auch der industrielle Bergbau in einem tiefgreifenden technologischen Wandel. Digitale Datenanalyse und darauf basierende Technologien der künstlichen Intelligenz, das Internet der Dinge und automatisierte Prozesse kommen in vielen Bereichen der Rohstoffwertschöpfungsketten zum Einsatz. AngloAmerican, eines der weltweit größten Bergbauunternehmen, möchte den Bergbau durch sogenanntes FutureSmart Mining „perfektionieren“. Dabei geht es darum, Daten zu sammeln, diese auszuwerten und zur Optimierung der Produktion zu nutzen. Beispielsweise können vorausschauende Kontrollsysteme anstehende Wartungsarbeiten frühzeitig erkennen und automatisch Ersatzteile bestellen. Frühwarnsysteme, ferngesteuerte Maschinen und selbstfahrende Transportfahrzeuge sollen eine Mine sicherer machen und die Belegschaft schützen. Das klingt positiv: Digitalisierung innerhalb der Industrie als Beitrag zu mehr Sicherheit, Effizienz und einer gewissen Risikominimierung. Doch der Mensch macht Fehler und kostet als Arbeitskraft langfristig mehr als eine Maschine – ob Letztere nicht auch fehlerhaft funktioniert, ist allerdings fraglich. Daher gilt es, diese Entwicklung kritisch zu verfolgen und zu hinterfragen: Wie viele Arbeiter*innen werden aufgrund automatisierter intelligenter Prozesse durch Computer ersetzt? Werden Arbeiter*innen umgeschult, finden sich anderweitige Aufgaben für sie? Oder spitzt sich die Profitmaximierung und die Ausbeutung der Bodenschätze soweit zu, dass die lokale Bevölkerung nicht einmal mehr auf die wenigen Arbeitsplätze zählen kann – so prekär sie bisher auch sein mögen? Digitale Datenanalyse wird sogar für das Risikomanagement in den Bereichen Umwelt, Soziales und Menschenrechte verwendet, unter anderem im Umgang mit potenziell betroffenen Gemeinschaften. Unternehmerische Sorgfaltsprozesse und Entscheidungen basieren teils bereits auf „Big Data“ und computergestützten Einschätzungen von Risiken – für ein Bergbauvorhaben wird die Nachbarschaft, beziehungsweise eine angespannte Beziehung zu ihr, in erster Linie als ein Produktionsrisiko einkalkuliert. Doch was bedeutet das für die lokalen Gemeinschaften, wenn sie als Datenpunkte verstanden werden und die Beziehung zu ihnen automatisiert und universalisiert wird? Was bedeutet die wachsende Ungleichheit zwischen den Bergbaugiganten und der lokalen Bevölkerung für die Achtung der Menschenrechte und den Schutz der Umwelt? Solche Fragen kommen in einer einseitigen Betrachtung der Digitalisierung zu kurz. Daher braucht es ein kritisches Überdenken der Digitalisierung innerhalb des Bergbausektors, wie sie bisher umgesetzt wird. Wir brauchen eine Rohstoffwende Zum einen führen Digitalisierung und digitale Technologien zu einem höheren Bedarf an Rohstoffen – und damit verbunden größeren Eingriffen und Risiken für Umwelt und Menschenrechte. Zum anderen findet innerhalb der Industrie selbst eine Digitalisierung statt, um Effizienz und Produktion zu steigern – und um die Digitalisierung mit Rohstoffen zu versorgen, ohne allerdings dabei Arbeitsplätze zu schaffen. Während neue Technologien im Bergbau durchaus auch positive Effekte aufweisen, werden die Gefahren des digitalisierten Rohstoffabbaus kaum in den Blick genommen. Wenig Beachtung finden auch Fragen der Verfügbarkeit und Endlichkeit von Rohstoffen im Sinne planetarer Grenzen sowie Fragen nach ihrer verantwortungsvollen Beschaffung, Produktion und Nutzung. Jetzt den Südlink abonnieren Eine nachhaltige und global gerechte Digitalisierung, die die Klima-, Biodiversitäts- und Rohstoffkrisen nicht weiter verschärft, erfordert einen Paradigmenwechsel im Umgang mit den natürlichen Ressourcen unseres Planeten, eine echte Rohstoffwende.1 Erstens müssen dafür möglichst viele Erze im Boden bleiben – gerade im Bereich der Zukunftstechnologien muss der absolute Rohstoffverbrauch mitgedacht und verringert werden. Denn extraktive Expansion darf nicht unendlich und um jeden Preis vorangetrieben werden. Zweitens müssen menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten für Unternehmen auch im Rohstoffsektor verbindlich festgeschrieben werden.

Es muss sichergestellt werden, dass die Rohstoffe der Digitalisierung unter höchsten menschenrechtlichen, sozialen und ökologischen Standards abgebaut, genutzt, weiterverarbeitet und soweit wie möglich wiederverwertet werden. Mit der Umsetzung des in Deutschland debattierten Lieferkettengesetzes, der Konzernverantwortungsinitiative in der Schweiz und der angekündigten europäischen Sorgfaltspflichtenregulierung wären dafür notwendige Weichen gestellt.

Die Digitalisierung verändert den Rohstoffsektor und die Bergbauindustrie selbst. Sie birgt unterschiedlichste Chancen und Risiken, sowohl nach innen als auch nach außen. Wichtig ist, dass wir sie in Deutschland und Europa nicht weiter blind vorantreiben, überwiegend zu Lasten der umliegenden Gemeinschaften und Arbeiter*innen im globalen Süden. Gefragt ist eine Rohstoffwende, die die Digitalisierung mit dem Schutz von Menschenrechten und Umwelt vereinbart und das Gemeinwohl ins Zentrum stellt. 1 Warum es eine Rohstoffwende braucht und wie sie gestaltet werden sollte, können Sie im Argumentarium „12 Argumente für eine Rohstoffwende“ nachlesen (webshop.inkota.de/node/1606).  Anna-Sophie Hobi (Bild links) ist Doktorandin an der Norwegian University of Life Sciences und forscht zu Bergbau, Rohstoffen und erneuerbaren Energien.
Lara Louisa Siever (Bild rechts) ist Referentin für Ressourcengerechtigkeit und Rohstoffpolitik beim INKOTA-netzwerk. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren
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Kurzstellungnahme zum Vorschlag eines Lieferkettenregistergesetzes

20. Januar 2021 - 16:53
Kurzstellungnahme von Germanwatch, Greenpeace und INKOTA

Seit Monaten wird in Deutschland intensiv und kontrovers über ein Lieferkettengesetz diskutiert. Seit kurzem ist ein neuer Vorschlag in der Debatte – ein Gesetz über ein Lieferkettenregister.1 Erarbeitet und vorangetrieben wird dieser Vorschlag vom CDU-Bundestagsabgeordneten Thomas Heilmann, der dazu im Dezember 2020 auch eine nicht-öffentliche Anhörung zum Lieferkettenregister abhielt. Neben Einzelunternehmen und Wirtschaftsverbänden waren auch Nichtregierungsorganisationen wie Germanwatch, Greenpeace und INKOTA eingeladen, um den Vorschlag eines Lieferkettenregistergesetzes zu kommentieren. Nachdem die Debatte zum Lieferkettenregister nun öffentlich geführt wird und dieser Vorschlag auch dem EU-Justizkommissar Reynders unterbreitet wurde, legen Germanwatch, Greenpeace und INKOTA hiermit ihre zentralen Kritikpunkte am Lieferkettenregister auch noch einmal öffentlich dar und machen damit deutlich, dass sie den Vorstoß zu einem Registergesetz weder zielführend finden noch ihn unterstützen: 1. Der Vorschlag eines Lieferkettenregisters beinhaltet einen gänzlich anderen Ansatz als den, der seit Jahren im Zuge der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte entwickelt wurde und zu dem sich Deutschland verpflichtet hat und auf dem auch der Nationale Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte der Bundesregierung basiert. Denn nach den UN-Leitprinzipien kann ein Unternehmen die Verantwortung für die Achtung der Menschenrechte nicht einfach auslagern, vielmehr sollen die Unternehmen selbst Sorgfaltsprozesse implementieren. Eine wachsende Anzahl von Unternehmen tut das bereits und spricht sich gleichzeitig für ein Lieferkettengesetz aus.2 2. Der vorgeschlagene Ansatz setzt ausschließlich auf Zertifizierungen, die sich jedoch in der Praxis oft als nicht wirksam erwiesen haben, um Menschenrechte und Umweltstandards in globalen Lieferketten durchzusetzen. So waren beispielsweise der gebrochene Damm von Brumadinho (Brasilien) als auch die eingestürzte Textilfabrik von Rana Plaza (Bangladesch) TÜV-zertifiziert. Zahlreiche Studien zeigen die Schwachstellen von Audits und Zertifizierungen auf (z.B. „Fig leafs for fashion“)3. Deshalb ist ein alleiniger Fokus auf Zertifizierungen weder ausreichend noch zielführend. 3. Mit dem vorgeschlagenen Ansatz werden die Verantwortung und die ggf. damit verbundenen Kosten hauptsächlich auf die Zulieferer ausgelagert. Dies ist aus entwicklungspolitischer Perspektive sehr bedenklich. 4. Um das angedachte Lieferkettenregister aufzubauen, müssten laut Vorschlag das Entwicklungsministerium und die Außenhandelskammern zunächst einen enormen Bürokratieaufwand betreiben und würden damit zudem ein voraussichtlich recht starres und kostspieliges Konstrukt schaffen. 5. Der Vorschlag sieht keine Möglichkeit für Betroffene von Menschenrechtsverletzungen vor, Entschädigung einzuklagen. Die Erfahrungen aus anderen europäischen Staaten zeigen, dass durch eine zivilrechtliche Haftung einerseits Unternehmen keine Klagewelle droht, sie andererseits aber Sorgfaltsprozesse effektiver implementieren und sich die Rechtssicherheit für Unternehmen erhöht.4 Aufgrund der genannten Kritikpunkte am Lieferkettenregister halten wir diesen Vorschlag nicht für eine Alternative zu einer wirksamen gesetzlichen Regulierung menschenrechtlicher und ökologischer Sorgfaltspflichten von Unternehmen. Vielmehr drängen Germanwatch, Greenpeace und INKOTA gemeinsam mit mehr als 120 Organisationen der Initiative Lieferkettengesetz darauf, dass Deutschland zügig ein wirksames Lieferkettengesetz verabschiedet und damit einen wichtigen Impuls für eine wirksame EU-weite Regelung setzt. Kurzstellungnahme als PDF herunterladen Kontakte:
  • Cornelia Heydenreich, Germanwatch, T +49-30-2888356-4, heydenreich[at]germanwatch.org
  • Johannes Schorling, INKOTA, T +49-30-4208202-57, schorling[at]inkota.de
  • Viola Wohlgemuth, Greenpeace, T +49-40-30618-5261, viola.wohlgemuth[at]greenpeace.org
Weitere Informationen: Erfahren Sie mehr über die Initiative Lieferkettengesetz
Erfahren Sie mehr über unsere Kampagnen zu Wirtschaft und Menschenrechten  1 https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/menschenrechte-cdu-politiker-fordern-digitales-lieferkettenregister-fuer-den-eu-binnenmarkt/26777122.html?ticket=ST-4225243-wcHswZUBt6kReEF4fYh7-ap1; auf Englisch unter dem Titel „Proposal for key points of a law on the implementation of a digital supply chain register“, veröffentlicht auf der europäischen Medienplattform POLITICO: https://pro.politico.eu/editorial_documents/7fb3cfd8-7155-4065-977a-479d525272d7
2 https://www.business-humanrights.org/de/schwerpunkt-themen/mandatory-due-diligence/gesetz/
3 https://cleanclothes.org/file-repository/figleaf-for-fashion.pdf/view
4 https://lieferkettengesetz.de/wp-content/uploads/2020/09/Initiative-Lieferkettengesetz_Verh%C3%A4ltnism%C3%A4%C3%9Fig-und-zumutbar_Haftung-nach-dem-LieferkettenG.pdf; Ernst & Young Oy 2020: Judicial Analysis on the Corporate Responsibility Act, Publications of the Ministry of Economic Affairs and Employment. 2020:44, p. 39.: https://julkaisut.valtioneuvosto.fi/handle/10024/162411

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Eine verpasste Chance

19. Januar 2021 - 13:45
Der neue Zertifizierungsstandard der Rainforest Alliance liefert keine überzeugende Antwort auf das schwerwiegende Armutsproblem im Kakaoanbau. Von Johannes Schorling Die Rainforest Alliance hat nach langer Verzögerung einen neuen Zertifizierungsstandard für Kakao vorgelegt. Doch die Forderungen der Zivilgesellschaft wurden nicht erfüllt: Auch in Zukunft verzichtet die weltgrößte Siegelorganisation im Kakaosektor auf existenzsichernde Mindestpreise. Dagegen zeigt eine Initiative der Regierungen von Ghana und der Côte d’Ivoire Wirkung. Schokolade mit Nachhaltigkeitssiegeln ist aus den Supermarktregalen nicht mehr wegzudenken. Lag der Anteil zertifizierten Kakaos in Deutschland 2011 noch bei drei Prozent, sind es mittlerweile 72 Prozent. Das Siegel kommt vor allem von der Rainforest Alliance, der nach ihrer Fusion mit UTZ Certified mit Abstand größten Zertifizierungsorganisation im Kakaosektor. In Deutschland zertifiziert die Organisation mit dem grünen Frosch im Logo mittlerweile 55 Prozent des Kakaos. Zum Vergleich: Fairtrade, die größte Siegelinitiative des Fairen Handels, zertifiziert etwa zehn Prozent des Kakaos in deutschen Süßwaren. Der neue Zertifizierungsstandard, den die Rainforest Alliance nach der Fusion vor zwei Jahren ankündigte, wäre also eine gute Gelegenheit gewesen, die strukturellen Probleme im Kakaoanbau anzugehen. Denn die Mehrheit der Kakaobäuerinnen und -bauern in Westafrika lebt noch immer deutlich unter der Armutsgrenze. An diesem Problem hat die steigende Menge an zertifiziertem Kakao in den letzten Jahren wenig geändert – ein Hinweis darauf, dass die großen Nachhaltigkeitssiegel ihrem Namen bisher nicht gerecht werden. Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Bei Fairtrade hat immerhin ein Umdenken eingesetzt: Die Siegelinitiative hat ihren Mindestpreis für Kakao um 20 Prozent erhöht und erstmals einen Referenzpreis für existenzsichernde Einkommen berechnet. Das VOICE-Netzwerk kritisiert zwar, dass er deutlich zu niedrig kalkuliert wurde. Und er wird bisher auch noch nicht an die Erzeuger*innen gezahlt. Zumindest aber hat Fairtrade, auch wenn es dafür noch keinen klaren Zeitplan vorgelegt hat, erklärt, die Lücke zu existenzsichernden Preisen in den nächsten Jahren sukzessive zu schließen. Anders die Rainforest Alliance, von der fast alle großen Schokoladenhersteller nennenswerte Mengen an zertifiziertem Kakao beziehen. Unternehmen wie Nestlé, Mars oder Ferrero haben in den letzten Jahren Nachhaltigkeitsversprechen abgegeben, für deren Erfüllung sie auf die Rainforest Alliance angewiesen sind. Im Herbst 2019 forderte INKOTA deshalb mit der E-Mail-Aktion „Rainforest Alliance, sei kein Frosch!“, dass die Zertifizierungsorganisation existenzsichernde Mindestpreise in ihrem neuen Standard verankert. Nach mehrmaliger Verschiebung war es im Sommer 2020 endlich so weit. Doch das Fazit fällt aus zivilgesellschaftlicher Sicht bescheiden aus: Auch künftig verzichtet die Rainforest Alliance auf garantierte, geschweige denn existenzsichernde Mindestpreise. Damit bietet sie den Bäuerinnen und Bauern in Zeiten niedriger Weltmarktpreise auch künftig kein Sicherheitsnetz. Immerhin muss bei der Rainforest Alliance ab Juli 2022 erstmal eine Mindestprämie direkt an die Bäuerinnen und Bauern gezahlt werden. Mit 70 US-Dollar pro Tonne Kakao fällt diese angesichts der Größe der Herausforderungen im Kakaoanbau jedoch deutlich zu niedrig aus. Zum Vergleich: Fairtrade garantiert eine Prämie von 240 US-Dollar pro Tonne. Rainforest Alliance betont zwar, die Unternehmen zur Zahlung höherer Prämien ermutigen zu wollen. Nach den Erfahrungen mit den Grenzen freiwilliger Ansätze im Kakaosektor wäre es jedoch sinnvoller, von vornherein eine höhere Mindestprämie festzulegen. In Zukunft müssen die Schokoladenhersteller neben der Cash-Prämie künftig auch eine Investitionsprämie bezahlen. Wie hoch diese Prämie ausfällt, die den Kakaokooperativen für Investitionen in die Infrastruktur und verbesserte Anbaumethoden dienen soll, soll erst 2021 festgelegt werden. Trotz solcher kleinen Verbesserungen fällt das Fazit insgesamt enttäuschend aus. Die Rainforest Alliance hat eine wichtige Chance verpasst, die Lage der Kakaobäuerinnen und -bauern zu verbessern. Zugleich untergräbt sie die Bemühungen anderer Zertifizierer, die Lücke zu existenzsichernden Einkommen zu schließen. Denn solange es „billigere“ Nachhaltigkeitssiegel gibt, werden die Unternehmen nicht bereit sein, höhere Kakaopreise mitzutragen. Ein Anzeichen dafür ist, dass der Umsatz an Fairtrade-zertifiziertem Kakao in der Côte d’Ivoire um elf Prozent zurückgegangen ist, seit Fairtrade den Mindestpreis erhöht hat. Auch bei der Entscheidung von Nestlé, für seine KitKat-Riegel in Großbritannien in Zukunft keinen Fairtrade-Kakao mehr zu verwenden, sondern zur Rainforest Alliance zu wechseln, steht der Verdacht im Raum, dass die Preispolitik der Zertifizierer eine Rolle gespielt haben könnte.  Jetzt den Südlink abonnieren Insgesamt gibt die Schokoladenindustrie bei der Preisfrage weiterhin ein trauriges Bild ab: Zwar bekennen sich die großen Schokoladenhersteller mittlerweile zu existenzsichernden Einkommen als Ziel aller Nachhaltigkeitsinitiativen. Doch jenseits einzelner Pilotprojekte gibt es bisher keine ernsthaften Versuche, diese auch tatsächlich zu erreichen. Der Verweis der Unternehmen auf ihre Konkurrenzsituation greift zu kurz. In kaum einem anderen Sektor gibt es so viele Sektorinitiativen wie in der Kakao- und Schokoladenindustrie, die ein koordiniertes Handeln ermöglichen würden, wenn der Wille da wäre. Kakaoanbauländer trotzen der Macht der Industrie Für höhere Kakaopreise hat stattdessen eine neue Initiative der Regierungen von Ghana und der Côte d’Ivoire gesorgt. Die beiden wichtigsten Kakaoanbauländer produzieren zusammen rund 60 Prozent der weltweiten Ernte – und haben sich ihre strategische Position auf dem Weltmarkt zunutze gemacht. Seit der aktuellen Erntesaison verlangen beide Länder für ihren Kakao einen Preisaufschlag von 400 US-Dollar pro Tonne, das sogenannte „Living Income Differential“. Nach anfänglichem Widerstand hat sich die Industrie bereit erklärt, den Preisaufschlag zu zahlen. Und die Initiative zeigt Wirkung: Zum Oktober 2020 wurde der staatlich garantierte Kakaopreis in der Côte d‘Ivoire um 28 Prozent und in Ghana um 21 Prozent erhöht. Zivilgesellschaftliche Akteure in Ghana begrüßten diesen wichtigen Schritt und mahnten an, dass der neue Preis im vollen Umfang bei den Erzeuger*innen ankommen muss. Zwar wird die Lücke zu existenzsichernden Einkommen durch die Preiserhöhungen noch nicht geschlossen. Dennoch haben die Regierungen mit ihrer Initiative in der Preisfrage bisher mehr erreicht als alle großen Schokoladenhersteller und Zertifizierer zusammen. Johannes Schorling koordiniert bei INKOTA die Kampagne „Make Chocolate Fair!“. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren
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Umfrage: Deutsche wollen Exportstopp für verbotene Pestizide

18. Januar 2021 - 14:52
Deutsche Unternehmen exportierten chemische Pestizide, die so giftig sind, dass ihre Nutzung in der EU verboten ist. Um diese Doppelstandards im Pestizidhandel zu beenden, hat INKOTA im Juni 2020 mit dem Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany) die Kampagne „Giftexporte stoppen“ gestartet. Eine aktuelle Umfrage, die INKOTA beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag geben hat, zeigt nun: Eine große Mehrheit der Deutschen unterstützt die Forderungen der Kampagne nach einem Exportstopp für in der EU verbotene Pestizide. Große Mehrheit für Exportstopp per Verordnung Zwischen dem 15. und 18. Dezember befragte Forsa insgesamt 1.040 Personen zu ihrer Meinung zum Einsatz von in der EU verbotenen Pestiziden und der Forderung eines Exportstopps durch eine Verordnung der Bundesregierung. Die Ergebnisse der beiden Fragen lauten:

Der Einsatz der Pestizide, die in der EU verboten sind, sollte auch außerhalb der EU reduziert werden?
  • Ja: 89 Prozent
  • Nein: 9 Prozent
Die deutsche Bundesregierung sollte den Export solcher in der EU verbotenen Pestizide in Länder außerhalb der EU per Verordnung stoppen?
  • Ja: 80 Prozent
  • Nein: 14 Prozent

Jetzt Appell „Giftexporte stoppen! Gegen Doppelstandards im Pestizidhandel“ unterzeichnen Druck auf Klöckner wächst: Forderung nach Exportstopp wird immer lauter Im Vorfeld der Internationalen Grünen Woche Berlin wächst damit der Druck auf Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Gerade erst hat der Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit des Bundestages einen Antrag zum Exportverbot gefährlicher Pestizide diskutiert. Im Oktober und November 2020 verschickte INKOTA in großen Bündnissen zivilgesellschaftlicher Organisationen offene Briefe an Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner und Bundeswirtschaftsminister Altmaier sowie an die EU-Kommission mit derselben Forderung. 69 Mitglieder des Europäischen Parlaments stellten sich in einer gemeinsamen Erklärung im November hinter die Forderungen.   Exportstopp für Pestizide: Deutschland zögert, Frankreich geht voran Nun ist es endlich Zeit für Ministerin Klöckner zu handeln! „Per Verordnung hätte Landwirtschaftsministerin Klöckner schon jetzt die Möglichkeit, den Export von in der EU verbotenen Pestiziden in andere Länder zu untersagen“, so Lena Bassermann, INKOTA-Referentin für Welternährung und globale Landwirtschaft. „Doch statt sich ein Beispiel am Nachbarland Frankreich zu nehmen, sieht sie weiterhin tatenlos zu, wie deutsche Produkte im Ausland die Gesundheit von Menschen gefährden und der Umwelt schaden.“ Die rechtliche Möglichkeit des Exportstopps per Verordnung hat ein Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages schon im Frühjahr 2020 bestätigt. In Frankreich wurde dieser Schritt bereits getätigt, ab 2022 tritt dort ein gesetzlicher Ausfuhr-Bann in Kraft. Appell „Giftexporte stoppen!“ Unternehmen wie Bayer und BASF dürfen keine Gewinne mehr auf Kosten der Menschen und Umwelt im globalen Süden machen. Unterzeichnen Sie unseren Appell „Giftexporte stoppen!“, damit die Bundesregierung den Export von in der EU verbotenen Pestiziden untersagt und damit der Haltung der großen Mehrheit der Bevölkerung nachkommt: Jetzt Appell „Giftexporte stoppen! Gegen Doppelstandards im Pestizidhandel“ unterzeichnen Außerdem können Sie kostenlos Pakete mit Aktionsmaterialien bestellen, um zum Beispiel im Bioladen um die Ecke Unterschriftenlisten auszulegen: Jetzt großes Aktionspaket bestellen
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Jetzt Unterschriftenlisten bestellen Weitere Informationen: Aktuelle Meldung „Pestizide stoppen“
Erfahren Sie mehr zum Thema Gefährliche Pestizide
Erfahren Sie mehr über unsere Kampagnen zu Welternährung & Landwirtschaft
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Leuchtturm der Solidarität

14. Januar 2021 - 16:20
Vor 60 Jahren wurde der kongolesische Befreiungskämpfer Patrice Lumumba ermordet. Die Verantwortlichen in den USA, Belgien und der DR Kongo wurden bis heute nicht belangt. Von Georges Nzongola-Ntalaja Er ist einer der berühmtesten antikolonialen Freiheitskämpfer Afrikas des 20. Jahrhunderts. Patrice Lumumba war der erste Premierminister der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Das Vorhaben, für sein Land und Afrika auch wirtschaftliche Unabhängigkeit durchzusetzen, bezahlte er am 17. Januar 1961 mit dem Leben. Nun wurde in Belgien eine parlamentarische Untersuchungskommission zum belgischen Kolonialismus eingesetzt.  Sie soll auch den Mord an Patrice Lumumba untersuchen. Für einen Autodidakten ist sein sozialer und politischer Aufstieg bemerkenswert. Nur ein einziges wichtiges Zeugnis konnte Patrice Émery Lumumba vorweisen – nach einem Jahr technischer Ausbildung an der Postschule in Kinshasa (damals Léopoldville). Geboren 1925, durchlief er zwischen 1944 und 1957 eine erfolgreiche Karriere als Angestellter in der belgischen Kolonialverwaltung. Ab 1959 widmete er sich voll und ganz dem Kampf für die kongolesische Unabhängigkeit. Seine politische Lehrzeit war vielseitig. Lumumba hatte Führungspositionen in Berufsverbänden sowie Vereinigungen zur gegenseitigen Hilfe inne und veröffentlichte in Zeitungen und Zeitschriften Artikel über das aktuelle Geschehen und die Zukunft des Landes. Zudem arbeitete er zwischen September 1957 und Dezember 1959 in der Brasserie du Bas-Congo (Bracongo), einer der größten Brauereien in Kinshasa, als Buchhalter und Werbeleiter. Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Als großer Redner und politischer Stratege war Lumumba am 10. Oktober 1958 einer der Gründer und gewählter Interimspräsident der kongolesischen Nationalbewegung (MNC). Diese war die erste und einzige multiethnische politische Partei, die alle Regionen des Kongo vertrat. Nach seiner elektrisierenden Rede auf der Ersten Gesamtafrikanischen Konferenz im Dezember 1958 in Accra, Ghana, erlangte er schnell Bedeutung als nationaler und panafrikanischer Führer. Aus dem Gefängnis an den Runden Tisch Nach einem sehr erfolgreichen ersten Kongress der MNC in Kisangani im Oktober 1959 wurde Lumumba unter dem Vorwurf verhaftet, Unruhen geschürt zu haben. In Wirklichkeit waren diese jedoch von belgischen Kolonialbeamten provoziert worden. Lumumba wurde zu sechs Monaten Zwangsarbeit verurteilt und in das berüchtigte Untergrundgefängnis von Likasi (damals Jadotville) in der Provinz Katanga geschickt. Innerhalb weniger Tage nach seiner Inhaftierung kam er dank des einstimmigen Antrags kongolesischer Delegierter bei der Konferenz am Runden Tisch in Brüssel frei. Auf dieser Konferenz fanden zwischen dem 20. Januar und dem 20. Februar 1960 Unabhängigkeitsverhandlungen zwischen der belgischen Regierung und kongolesischen Führern statt. Gleich am ersten Tag machten die Kongolesen die Anwesenheit von Lumumba zu einer nicht verhandelbaren Forderung für den Fortgang der Gespräche. Die Dinge entwickelten sich sehr schnell, als der Runde Tisch sich auf die Unabhängigkeit für den 30. Juni 1960 einigte. Der Versuch, Lumumba als Regierungschef zu verhindern, scheiterte. Im Unterhaus des Parlaments gelang es ihm, eine politische Koalition mit mehreren anderen Parteien zu bilden, die ihn zum ersten demokratisch gewählten Premierminister und ersten Regierungschef des unabhängigen Kongo wählten. Dem Beispiel Belgiens folgend, bekam das afrikanische Land als unabhängiger Staat ein parlamentarisches Regierungssystem, mit Joseph Kasavubu als Präsidenten und Staatsoberhaupt. Die Beziehungen zwischen dem Kongo und Belgien verschlechterten sich von Beginn an. Bei der Unabhängigkeitszeremonie am 30. Juni 1960 hielt der belgische König Baudouin eine paternalistische und herablassende Rede, in der er unter anderem sagte, die Unabhängigkeit des Kongo sei der Höhepunkt des zivilisatorischen Werkes seines Ururonkels, König Leopold II. Obwohl er bei der Zeremonie nicht als Redner vorgesehen war, gab Premierminister Lumumba in seiner improvisierten Aussprache, die zu einem Klassiker der afrikanischen politischen Redekunst und zu einem wichtigen Bestandteil von Lumumbas Vermächtnis geworden ist, die öffentliche Meinung im Kongo wider. Er erklärte, dass die Unabhängigkeit kein Geschenk Belgiens sei, sondern das Ergebnis eines Kampfes, den die kongolesischen Männer und Frauen mit Blut und Tränen gewonnen haben. Er ging auf alle von König Leopold und den Belgiern im Kongo begangenen schweren Verbrechen ein und kam zu dem Schluss, dass die Kongolesen nun bereit seien, die enormen Ressourcen ihres Landes zu nutzen, um eine wohlhabende Nation in Afrika zu schaffen. Westliche Medien und Führer geißelten die Rede, erwähnten aber nicht die beleidigenden Worte des belgischen Königs. In diesen Kreisen wurde Lumumbas Rede zum Hauptbeweisstück für „geistige Instabilität“, „Emotionalismus“, „kommunistische Neigungen“ und weitere negativen Dinge herangezogen. All dies nur, weil er die Interessen der kongolesischen Bevölkerung über die Interessen westlicher Unternehmen und weißer Siedler gestellt hatte. Letztere hatten die Ressourcen des Kongo geplündert, ohne sich um die Beseitigung der Armut und die Verbesserung der Lebensbedingungen der einfachen Leute zu bemühen. Unter dem Druck westlicher Regierungen, insbesondere Belgiens, der USA, Großbritanniens und Frankreichs, benutzte Kasavubu einen obskuren Artikel in der provisorischen Verfassung, um Lumumba am 5. September 1960 aus dem Amt zu entlassen. Der Premierminister hatte zu dem Zeitpunkt die Mehrheit beider Parlamentskammern hinter sich, die die Entlassung ablehnten. Angesichts dieses Widerstands gegen eine illegale und unrechtmäßige Handlung vollendete Oberst Joseph-Désiré Mobutu, ein ehemaliger Helfer Lumumbas, aber auch ein Informant der belgischen und US-amerikanischen Geheimdienste, die von Kasavubu begonnene Aktion durch einen Staatsstreich am 14. September 1960. Die politische Eliminierung Lumumbas war nun erreicht. Seine Feinde befürchteten aufgrund der Popularität und politischen Fähigkeiten Lumumbas Rückkehr und waren davon überzeugt, dass er auch physisch eliminiert werden musste. Der Kalte Krieg fand auch in Afrika statt Am 27. November 1960, fünf Tage nachdem die UN-Generalversammlung die Aufnahme der Delegation seiner Regierung in das Weltgremium zugunsten der Delegation von Präsident Kasavubu abgelehnt hatte, beschloss Lumumba, Kinshasa zu verlassen. Er hatte dort seit dem Staatsstreich unter Hausarrest gelebt. Am 1. Dezember verhafteten ihn Mobutos Soldaten in Lodi, am linken Ufer des Sankuru-Flusses willkürlich und brachten ihn nach Kinshasa in die Militärgarnison Mbanza-Ngungu (damals Thysville). Am 17. Januar 1961 wurden Lumumba und seine beiden Schicksalsgenossen, der Jugendminister Maurice Mpolo und der Vizepräsident des Senats Joseph Okito, nach Lubumbashi (damals Elisabethville), der Hauptstadt der von Belgien regierten Sezessionsprovinz Katanga, überführt und von einem Exekutionskommando belgischer Soldaten und Polizisten in Katanga ermordet. Lumumbas Ermordung stand im globalen Kontext von nationalen Befreiungskämpfen und Kaltem Krieg. Jetzt den Südlink abonnieren Im Fall des Kongo ging es um mehr als um die Interessen der ehemaligen Kolonialmacht. Die Konterrevolution, deren Opfer Lumumba wurde, betraf den gesamten afrikanischen Subkontinent von Katanga bis zum Kap der Guten Hoffnung. Bergbauunternehmen und weiße Siedler zögerten, ihre politische Kontrolle und wirtschaftlichen Privilegien abzugeben. Solange sie konnten, behielten sie die Macht, indem sie die westlichen Staaten davon überzeugten, dass sie deren wirtschaftliche und strategische Interessen besser schützen könnten als afrikanische Befreiungsbewegungen. Darüber hinaus hatte Belgien den USA das Uranerz aus einer kongolesischen Mine zur Herstellung der ersten Atomwaffen angeboten. Folglich bezog Washington einen mehr oder weniger dauerhaften Anteil an den strategischen Mineralien des Kongo wie Uran, Kupfer, Kobalt (und nun auch Coltan und Seltene Erden). Während des Zweiten Weltkriegs hatten die USA, Großbritannien und Belgien erfolgreich verhindert, dass Deutschland Uran im Kongo erwarb. Als 1947 der Kalte Krieg begann, beschlossen Washington und die Mitglieder der NATO, ihren neuen Gegnern, der Sowjetunion und ihren Verbündeten, den Zugang zu den enormen natürlichen Reichtümern des Kongo zu verwehren. In der postkolonialen Zeit trauten die westlichen Verbündeten den afrikanischen Führern nicht zu, dass sie eine wirksame Kontrolle über ihre strategischen Rohstoffe sicherstellen würden, und befürchteten, dass diese in die Hände ihrer Feinde aus dem Kalten Krieg fallen könnten. In dieser Hinsicht wurde Patrice Lumumbas Entschlossenheit, eine echte Unabhängigkeit zu erlangen und die volle Kontrolle über die Ressourcen des Kongo zu erlangen, um sie zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung zu nutzen, als Bedrohung für die Sicherheit des Westens empfunden. Verantwortlich für die Ermordung Lumumbas sind unter anderem US-Präsident Dwight D. Eisenhower, König Baudouin I. von Belgien, Kongos Präsident Kasavubu, Militärchef Mobutu und der separatistische Politiker Moïse Tshombe. Keiner von ihnen wurde für dieses Verbrechen jemals zur Rechenschaft gezogen. Einzig Belgien erkannte die Verantwortung für den Tod Lumumbas an, nachdem eine Untersuchungskommission des belgischen Parlaments 2001 einen Bericht vorgelegt hatte. Erst im September 2020 wurde eine neue parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt, um die gesamte Geschichte der belgischen Herrschaft im Kongo seit dem sogenannten Kongo-Freistaat Leopolds II. zu untersuchen. Lumumbas Kampf für die Befreiung des Kongo vom Kolonialismus, die Bewahrung seiner nationalen Einheit und Souveränität sowie seine Rolle als Vorreiter bei der wirtschaftlichen Integration und Entwicklung Afrikas und als Leuchtturm der panafrikanischen Solidarität bleiben eine wichtige Inspirationsquelle für die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo (DRK). In ganz Afrika ist Lumumba weiterhin populär. Sein Vermächtnis bleibt in Straßennamen und anderen Formen der Erinnerung lebendig. Aus dem Englischen von Tobias Lambert. Georges Nzongola-Ntalaja ist Professor für Afrikanische und Globale Studien an der Universität von North Carolina in Chapel Hill. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren
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Falsche Versprechen

14. Januar 2021 - 14:24
Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) ist gescheitert. Es wird Zeit, dass ihre Finanziers dies einsehen und auf eine nachhaltige Landwirtschaft setzen. Von Lena Bassermann Die erste „Grüne Revolution“ seit den 1960er Jahren hat mit seiner einseitigen Fixierung auf chemische Dünger und Pestizide enorme ökologische Schäden angerichtet. Auch ein neuer Anlauf in 13 afrikanischen Ländern, die „Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“ (AGRA), ist gescheitert, so eine Studie von INKOTA und anderen Organisationen. Das Entwicklungshilfeministerium (BMZ) sollte seine Unterstützung der Allianz dringend beenden. Mit großen Versprechen war die „Allianz für eine Grüne Revolution für Afrika“ (AGRA) im Jahr 2006 gestartet. In 13 afrikanischen Ländern wollte die Agrarallianz die landwirtschaftlichen Erträge verdoppeln und damit auch die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern. Hunger und Armut sollte für rund 30 Millionen Menschen beendet werden – was nach Daten der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) allen bäuerlichen Haushalten in den 13 Ländern entspricht. Von Beginn an kritisierten zivilgesellschaftliche Organisationen und Wissenschaftler*innen in Nord und Süd den Ansatz von AGRA, der auf der Grundidee der sogenannten „neuen“ grünen Revolution beruht: Mit landwirtschaftlichen Inputs wie synthetischen Düngemitteln, Hybridsaatgut und chemischen Pestiziden sollen die Erträge von einer Ackerfrucht, meistens Mais, gesteigert und Kleinbäuerinnen und Kleinbauern damit in globale Wertschöpfungsketten integriert werden. Das wiederum soll ihr Einkommen verbessern. Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Es ist ein ausgezeichnetes Geschäft für große Unternehmen: Die Betriebsmittel liefern Konzerne wie Bayer und BASF oder der norwegische Düngemittelhersteller Yara an Agrarchemiehändlernetzwerke, die die Produkte der Agrarkonzerne in den 13 Mitgliedsländern vertreiben Rund 44.000 dieser Netzwerke hat AGRA nach eigenen Angaben bislang aufgebaut. Wenig überraschend ist, wer hinter AGRA steht: Neben finanzkräftigen Financiers wie der Rockefeller-Stiftung, die seit den 1960er Jahre bereits die erste Grüne Revolution in Indien und auf dem afrikanischen Kontinent vorangetrieben hatte, und der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die sich seit jeher für die Verbreitung des industriellen Agrarmodells stark macht, sind es Agrarunternehmen wie Yara. Aber auch Regierungen wie die von Norwegen, Kanada, den USA und Deutschland unterstützen als Geldgeber gemeinsam mit afrikanischen Regierungen die Umsetzung von AGRA. Die Fehler der ersten Grünen Revolution werden wiederholt Die negativen Auswirkungen der ersten Grünen Revolution für Menschen und Umwelt sind seit Jahrzehnten erforscht. Und noch immer steigen die Hungerzahlen, werden Böden ausgelaugt und sterben Tier- und Pflanzenarten aus. Produktionssteigerungen sind meist kurzfristig und beruhen häufig auf der Ausweitung von landwirtschaftlich genutzten Flächen bei gleichzeitiger Abholzung von Wäldern oder Trockenlegung von Mooren. Auch das ist schlecht für die Umwelt und befördert die Klimakrise. AGRA nimmt Einfluss auf auf nationale Saatgutgesetze und Düngeverordnungen, um in afrikanischen Staaten günstige Voraussetzungen für den Vertrieb von industriellem Saatgut und Düngemitteln vorzufinden. Und AGRA sitzt mit am Tisch, wenn über die Gestaltung der internationalen Politik entschieden wird. So übernehmen mehrere führende Vertreter von AGRA beim „Food Systems Summit“, dem Welternährungsgipfel der Vereinten Nationen voraussichtlich im September 2021, einflussreiche Rollen. Hier sollen wichtige Weichen für die Ausrichtung von Welternährungspolitiken der kommenden Jahre gestellt werden. Eine besorgniserregende Entscheidung und fragliche Kompetenzzuschreibung, hat doch AGRA in den 14 Jahren seit ihrer Gründung keinerlei öffentliche Rechenschaft darüber abgelegt, ob sie ihre Ziele erreicht haben und ob ihr Ansatz als Mittel zur Armutsbekämpfung wirkt. Dieses Schweigen hat INKOTA zum Anlass genommen in einem Bündnis mit zehn afrikanischen und deutschen Organisationen das Wirken von AGRA genauer zu untersuchen. Sie beauftragten Timothy Wise von der US-amerikanischen Tufts University, der eine umfassende Analyse der öffentlich verfügbaren FAO-Daten in den AGRA-Ländern durchführte. Die Ergebnisse sind verheerend.1 Statt die Erträge in den 13 AGRA-Ländern wie angekündigt zu verdoppeln stiegen diese in 14 Jahren um lediglich 18 Prozent – ein jährlicher Anstieg von durchschnittlich 1,5 Prozent, der noch unter dem der Zeit vor AGRA liegt, als die Steigerung in den zwölf Jahren davor im Schnitt der 13 Länder 17 Prozent betrug. Statt das Einkommen für 30 Millionen kleinbäuerliche Haushalte zu verdoppeln ist die Zahl der Hungernden in den AGRA-Ländern um 30 Millionen Menschen gestiegen – ein Anstieg von 30 Prozent gegenüber der Zeit vor AGRA. Jetzt den Südlink abonnieren Zudem erweist sich AGRAs eindimensionaler Fokus auf Ertragssteigerungen als großer Nachteil für kleinbäuerliche Erzeuger*innen. Für sie steigt zum Beispiel das Verschuldungsrisiko. So konnten in Tansania und Sambia viele an AGRA-Projekten teilnehmende Bauern schon nach der ersten Ernte die Kredite für Saatgut und Dünger nicht zurückzahlen. Außerdem wird ihre Wahlfreiheit eingeschränkt. Bei AGRA-Projekten in Kenia dürfen die kleinbäuerlichen Erzeuger*innen nicht selbst entscheiden, welches Maissaatgut sie verwenden und welche Düngemittel und Pestizide sie nutzen wollen. Eine Entmündigung der Bauern und Bäuerinnen zugunsten der beteiligten Agrarkonzerne. AGRA reagierte zunächst gar nicht auf die Vorwürfe der Studie – und veröffentlichte erst nach verschiedenen Medienanfragen ein verschnupftes Statement. Die Untersuchung sei nicht wissenschaftlich, AGRA sei sehr erfolgreich, man habe viel gelernt über die Jahre. Gleichzeitig hat sich AGRA mit einer Beschwerde an den Universitätsbeirat der TUFTS University gewandt. Doch eigene Ergebnisse bleibt AGRA bis heute schuldig, es fehlen auch weiterhin Zahlen über die Wirkung der Allianz. Mehrere afrikanische Organisationen haben sich in Folge der Studie mit einem offenen Brief an Andrew Cox, den strategischen Leiter der Agrarallianz, gewandt und mit konkreten Fragen zu Ertragssteigerungen und Erfolgen in der Hungerbekämpfung gefragt. Auch seine Antwort enttäuscht: keine Zahlen, keine Evaluierung. Offener auf die Kritik reagierte das deutsche Entwicklungsministerium. Es möchte nun die Projekte prüfen und die Hinweise aus der Studie aufnehmen. Bislang, so die Reaktion, waren die Probleme nicht bekannt. Wir sind gespannt auf die Prüfung. Das Fazit der Studie jedenfalls ist eindeutig: Die politische und finanzielle Zusammenarbeit mit AGRA sollte beendet werden. 1 INKOTA u.a. (Hg.): Falsche Versprechen. Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika. Download unter webshop.inkota.de/node/1612. Lena Bassermann ist Referentin für Landwirtschaft und Welternährung bei INKOTA. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren
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Covid-19-Studie: Indische Schuh- und Lederarbeiter*innen in dramatischer Lage

12. Januar 2021 - 17:31
Extreme Einkommensverluste, fristlose Kündigungen, keine sozialen Sicherungssysteme – im Zuge der Covid-19-Pandemie bangen Arbeiter*innen der indischen Schuh- und Lederproduktion um die Sicherung ihrer täglichen Lebensgrundlagen. Das belegt die neue Studie „Wenn aus zu wenig fast nichts wird“, an der die indischen INKOTA-Partnerorganisationen Cividep und SLD mitgewirkt haben. Die Arbeiter*innen als schwächstes Glied der globalen Lieferkette leiden unter den Folgen der Pandemie am stärksten. Deshalb muss die deutsche Schuhindustrie endlich ihrer menschenrechtlichen Verantwortung gerecht werden und darf ihre Profite nicht länger auf Kosten der Arbeiter*innen machen. Indische Arbeiter*innen in Not Arbeiter*innen in der indischen Schuh- und Lederproduktion leiden aufgrund der Covid-19-Pandemie unter extremen Einkommensverlusten. Mehr als ein Drittel der Befragten erhielt während der intensiven Ausgangssperre drei Monate lang keinen Lohn. Die meisten von ihnen lebten in dieser Zeit in einem Haushalt ohne Einkommen. Auch nach dem Lockdown war eine Rückkehr an den Arbeitsplatz in vielen Fällen nicht möglich. Fast vierzig Prozent aller Befragten konnten ihre Beschäftigung nicht wiederaufnehmen, in zwei Dritteln der Fälle wurde ihnen gekündigt. Zugang zu sozialen Sicherungssystemen ungenügend Die Not der Arbeiter*innen wird durch die mangelhaften und schwer zugänglichen sozialen Sicherungssysteme in Indien verschärft. Mehr als die Hälfte der Befragten nahm während der Ausgangssperre Schulden auf, um Grundbedürfnisse wie Essen, Miete, Medizin oder die Stromrechnung zu bezahlen. Die staatlichen Sicherungs- und Nothilfesysteme erreichten die Arbeiter*innen nur sehr eingeschränkt. Arbeitsrechte weiter eingeschränkt Doch anstatt diesen Verhältnissen etwas entgegenzusetzen, werden die Rechte der Arbeiter*innen in Indien im Zuge der Covid-19-Krise weiter drastisch beschnitten. Im Zuge der Pandemie haben Regierungen verschiedener Bundesstaaten, darunter insbesondere das nordindische Uttar Pradesh, ihre Arbeitsschutzgesetzgebung nahezu vollständig ausgehebelt, um Unternehmen zu entlasten und die Standortattraktivität für ausländische Firmen zu erhöhen. Strukturelle Missstände als Ursache für die Not der Arbeiter*innen Die materielle Armut, schwache Interessenvertretung und besondere Verwundbarkeit der Arbeiter*innen der Schuh- und Lederproduktion während der Pandemie sind auf Missstände zurückzuführen, die seit Jahren bestehen, so die Ergebnisse der Studie. Nie war deutlicher, dass mangelnde Umsetzung der Menschenrechte bei der Arbeit und die niedrigen Löhne die Arbeiter*innen im Krisenfall unmittelbar in existenzielle Not stürzen und Gesellschaften destabilisieren. Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen Die Schuhindustrie in Deutschland importierte im letzten Jahr 18,5 Millionen Paar Schuhe aus Indien. Deutschland ist damit das drittgrößte Abnahmeland von Schuhen aus Indien. Die durch die Corona-Pandemie verursachte Wirtschaftskrise trifft alle Akteure der globalen Lieferkette von Schuhen, jedoch die Schwächsten besonders hart. Die Risiken und Kosten der Krise dürfen nicht noch massiver auf die Arbeiter*innen in Indien abgewälzt werden! Unternehmen dürfen nicht ausnutzen, dass die indische Regierung den Arbeiter*innen weder ausreichend Schutz noch die international geltenden Arbeitsrechte gewährt. Unternehmen in Deutschland müssen endlich Verantwortung für ihre Lieferketten übernehmen und ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht gerecht werden. Geschäftspraktiken, die Ungleichheit ausnutzen und verstärken, dürfen sich nicht mehr lohnen. Dazu müssen die Wirtschaft, aber auch die politischen Entscheidungsträger ambitioniert und aktiv beitragen, zum Beispiel in Form eines wirksamen Lieferkettengesetz. Für die Studie „Wenn aus zu wenig fast nichts wird“ haben die indischen Organisationen SLD und Cividep im Sommer 2020 115 Arbeiter*innen aus indischen Schuhfabriken und Gerbereien in den Bundesstaaten Uttar Pradesh und Tamil Nadu befragt. Studie Factsheet Weitere Informationen: Erfahren Sie mehr über die Initiative Lieferkettengesetz Erfahren Sie mehr über die INKOTA-Arbeit in Indien Zum INKOTA Corona News-Ticker

Gefördert sowie durch Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie durch Brot für die Welt aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes. Für den Inhalt dieser Publikation sind allein die Herausgebenden verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt des Zuwendungsgebers wieder.

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Vorreiter für Fairness – GEPA, Fairafric und Tony's Chocolonely im Vergleich

12. Januar 2021 - 12:53
Armut und ausbeuterische Kinderarbeit sind im Kakaoanbau in Westafrika noch immer weit verbreitet. Denn der Großteil der Akteure in der Schokoladenindustrie verweigert bisher die Debatte um faire Kakaopreise und ergreift keine ausreichenden Maßnahmen gegen Kinderarbeit. Dabei zeigen einige Unternehmen, dass es auch anders gehen kann. Das neue Infoblatt „Vorreiter für Fairness“ der INKOTA-Kampagne Make Chocolate Fair! hat einige dieser Vorreiter genauer unter die Lupe genommen: das Fairhandelsunternehmen GEPA, den niederländischen Schokoladenhersteller Tony’s Chocolonely und das Start-Up Fairafric. Obwohl Schokoladenunternehmen in den letzten Jahren viele Nachhaltigkeitsprogramme gestartet haben, hat sich an den Problemen im Kakaosektor nur wenig geändert. In Westafrika, wo der meiste Kakao angebaut wird, lebt die Mehrheit der Kakaobäuerinnen und -bauern unter der Armutsgrenze. Ausbeuterische Kinderarbeit hat in den letzten Jahren zugenommen und die Zerstörung von Regenwäldern schreitet weiter voran, wie das Kakao-Barometer 2020 gezeigt hat. Doch einige Unternehmen haben sich vorgenommen, etwas daran ändern. Die GEPA versucht als größte europäische Importorganisation für fair gehandelte Waren, über die Standards von Fairtrade hinauszugehen. Das Unternehmen Tony’s Chocolonely aus den Niederlanden hat sich vorgenommen, kinderarbeitsfreie Schokolade zu produzieren – und zwar für den Massenmarkt. Und das Münchner Start-Up-Unternehmen Fairafric versucht, durch die Verlagerung der Schokoladenproduktion nach Ghana neue Wege zu gehen. Das neue Infoblatt vergleicht diese drei Unternehmen miteinander:
  • Wo liegen die Stärken und Schwächen der verschiedenen Ansätze?
  • Wer zahlt welche Kakaopreise?
  • Wie überzeugend sind die Maßnahmen gegen Kinderarbeit?
  • Spielt auch der ökologische Anbau von Kakao eine Rolle?
  Die Kernbotschaft: Alle drei Unternehmen gehen als Vorreiter in der Schokoladenindustrie voran – ob durch höhere Preise, zusätzliche Prämien oder die Verlagerung der Wertschöpfung in die Kakaoanbauländer. Damit zeigen sie, dass Unternehmen sehr wohl Handlungsspielräume haben, um die Probleme im Kakaoanbau anzugehen – auch in der Preisfrage. Deshalb sieht INKOTA auch die großen Schokoladenhersteller in der Pflicht, diesen Spielraum zu nutzen, um Kakaopreise und -prämien zu steigern und ihre Investitionen in Nachhaltigkeit zu erhöhen. Jetzt Infoblatt lesen Weitere Informationen: Mehr erfahren über unsere Arbeit in der Côte d’Ivoire Mehr erfahren über unsere Arbeit in Ghana Mehr erfahren über die Kampagne "Make Chocolate Fair!"

Gefördert durch Brot für die Welt aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes, den Katholischen Fonds, die Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit des Landes Berlin sowie durch Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

 

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Leben und Sterben auf Wikipedia

6. Januar 2021 - 17:21
Das Beispiel der ermordeten brasilianischen Politikerin Marielle Franco zeigt die Mechanismen der Ungleichheit auf der Online-Enzyklopädie auf. Von Adele Godoy Vrana Vor fast drei Jahren wurde die Schwarze, queere Politikerin und Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco in Brasilien ermordet. Noch immer ist unklar, wer dahinter steckt. Leider war es erst ihre Ermordung, die Marielle Franco schließlich relevant genug machte, um im Online-Lexikon Wikipedia aufgenommen zu werden. Anderen (Schwarzen) Frauen aus dem globalen Süden ergeht es ähnlich. Am 14. März 2018 wachte ich in Kalifornien mit schockierenden Nachrichten auf. Freund*innen, Beiträge in den sozialen Medien und Presseartikel erzählten davon, dass Marielle Franco, eine junge brasilianische Politikerin und Menschenrechtsaktivistin, ermordet worden war. Ich kannte Marielle nicht persönlich, wahrscheinlich weil ich seit acht Jahren im Ausland lebte. Aber das Wenige, das ich über sie wusste, reichte aus, um zu verstehen, dass sie einzigartig und etwas Besonderes war. Geboren in einer Favela in Rio de Janeiro, stellte Marielle eine statistische Ausnahme dar. Schwarze Frauen sind in Brasilien am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen und beziehen weit niedrigere Löhne als jede andere demografische Gruppe – 2019 knapp 45 Prozent dessen, was weiße Männer verdienen. Marielle erwarb ihren Master-Abschluss in öffentlicher Verwaltung, wurde zu einer scharfen Kritikerin der Polizeibrutalität in den Favelas. Bei den Kommunalwahlen 2016 wurde sie als eine der Politiker*innen mit den meisten Wähler*innenstimmen in den Stadtrat von Rio de Janeiro gewählt. Ihre Leistungen sind nicht alltäglich in einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung Schwarz oder PoC ist, diese aber nur ein Viertel aller Studierenden stellen. Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Marielles Tod trug zu einem weiteren beunruhigenden Trend in Brasilien bei. Während die Morde an weißen Frauen seit 2003 deutlich zurückgegangen sind, haben die Morde an Schwarzen Frauen um mehr als 50 Prozent zugenommen. Als Schwarze Brasilianerin weiß ich, dass der tragische Tod einer Schwarzen Frau aus dem globalen Süden nicht jeden Tag zu einer nationalen und sogar globalen Nachricht wird. Ich war schockiert, traurig und sehr daran interessiert, mehr über Marielle und ihr Leben zu erfahren. Mein natürlicher Ausgangspunkt war das portugiesische Wikipedia. Als ich nach ihrem Namen suchte, tauchte sofort ihr Artikel auf. Ich war ziemlich überrascht, diesen in so guter Qualität zu finden, und erstaunt, dass er ein schönes, frei lizenziertes Bild enthielt. Denn dies ist bei Schwarzen Frauen nicht immer der Fall, insbesondere wenn sie aus dem globalen Süden kommen. Trotz des schrecklichen Grundes, der mich an jenem Morgen zu ihrem Artikel führte, hatte ich das Gefühl, dass sich die Dinge auf Wikipedia und in der Welt zum Besseren änderten. Ich war froh zu sehen, dass das Leben und die bemerkenswerten Taten dieser Schwarzen, queeren Frau, Mutter, jungen Politikerin und Menschenrechtsaktivistin, die so aussah wie ich, bereits auf Wikipedia sichtbar und anerkannt waren. Als Lebende nicht relevant genug Was ich in diesem Moment nicht wusste: Marielles Artikel hatte noch am Tag zuvor auf Wikipedia überhaupt nicht existiert. Nachdem jemand versucht hatte, 2017 einen Eintrag über sie zu anzulegen, wurde dieser von den ehrenamtlichen Redakteuren des portugiesischen Wikipedia gelöscht. In der Diskussion um die Löschung im Juni 2017 sprach sich nur ein Redakteur namens Joalpe dafür aus, Marielles Wikipedia-Artikel auf der Website am Leben zu erhalten. Seine Stimme reichte nicht aus. Eine Gruppe von sechs Redakteuren entschied, dass Marielle Franco keinen Artikel auf der Seite verdiente, weil sie die Wikipedia-Kriterien für „Bekanntheit“ nicht erfüllte. Dies ist eine der Richtlinien, die Freiwilligen bei der Entscheidung helfen, wer zu Wikipedia gehört und wer nicht. Sie stimmten dafür, den Artikel zu streichen und Marielles Leben und Vermächtnis auf einer der meistbesuchten Webseiten in Brasilien unsichtbar zu machen. Nach Ansicht dieser Gruppe von Redakteuren waren Marielles Leben, ihr Werk und alles, was sie als Lokalpolitikerin, Aktivistin und lebendes Symbol der Hoffnung für Tausende in Rio de Janeiro außergewöhnlich machte, nicht relevant genug. Erst nachdem sie am 14. März getötet wurde, konnte Joalpe erfolgreich für die Wiederaufnahme des Artikels plädieren, und am 15. März konnte ich über das Leben und den Tod dieser bemerkenswerten Frau lesen. „Bevor sie auf der Straße hingerichtet wurde, wurde Marielle Franco auf der portugiesischen Wikipedia-Seite hingerichtet. Ich glaube fest daran, dass diese Dinge miteinander verflochten sind.“ So beschreibt Joalpe, der Wikipedianer, der dafür kämpfte, Marielles Artikel noch vor ihrer brutalen Ermordung am Leben zu erhalten, den frustrierenden und traurigen Verlauf von Marielles Artikel.
Diese Geschichte ist vielen von uns, die Inhalte über marginalisierte Gemeinschaften in Wikipedia aufnehmen, nur allzu vertraut. Regelmäßig ist es nötig, mit der Bekanntheit bestimmter Frauen zu argumentieren, um die Löschung ihrer Artikel auf Wikipedia zu verhindern. Die Relevanzkriterien von Wikipedia wurden ursprünglich aufgestellt, um Leute daran zu hindern, Wikipedia zu benutzen, um für Ihre Garagenband oder den kleinen Laden eines Freundes zu werben. Standards dafür zu haben, welche Art von Inhalt in eine Enzyklopädie gehört, ist absolut vernünftig. In der Praxis jedoch verlangen diese Kriterien „bedeutende Berichterstattung“ in „zuverlässigen Quellen“, die von der jeweiligen „Person unabhängig sind“. Obwohl Wikipedia Neutralität anstrebt, sind die meisten ihrer Freiwilligen immer noch weiße Männer aus dem globalen Norden – nur eine*r von zehn Redakteur*innen ist weiblich –, die ihr Verständnis der Welt mitbringen, wenn sie Wikipedia herausgeben. Und da Frauen aus dem globalen Süden tendenziell zu den Personen gehören, die in unseren Geschichtsbüchern, wissenschaftlichen Zeitschriften und Mainstream-Nachrichtenquellen am häufigsten außen vor bleiben, werden Frauen wie Marielle viel eher als unbedeutend angesehen als zum Beispiel ein weißer männlicher Politiker aus den USA. Bis sie sterben. Danach gibt es manchmal zusätzliche Quellen, die eine Person, so wie Marielle, bekannt genug macht, aber nicht immer. Als Delta Meghwal, eine Dalit-Frau aus Indien, im Jahr 2016 ermordet wurde, beschlossen die englischen Wikipedianer, sie in Wikipedia zu erwähnen. Aber nicht, indem sie einen Artikel über sie als Person verfassten. Über Delta findet sich nur etwas in dem Artikel mit dem Titel „Vergewaltigungsfall Delta Meghwal“. Mit anderen Worten: Für viele Schwarze und PoC-Frauen aus dem globalen Süden sind Vergewaltigung oder Tod das, was uns bekannt macht, aber nicht unser Leben oder unsere Arbeit. Einem lokalen Nachrichtensender zufolge hatte der portugiesische Artikel von Marielle am Tag nach ihrer Ermordung etwa 70.000 Seitenaufrufe. Ich war einer der vielen Menschen, die sich Wikipedia anvertraut haben, damit mir die Enzyklopädie mehr über diese unglaubliche Frau erzählt, die allen Widrigkeiten getrotzt hat, die normalerweise das Leben Schwarzer Frauen in Brasilien bestimmen. Doch erst durch die internationale Berichterstattung und den Aufschrei über ihren Tod, wurde ihr Artikel auch in 16 anderen Sprachen auf Wikipedia veröffentlicht. Geschichten, die erzählt werden müssen Die Welt ist voll von erstaunlichen Frauen wie Marielle, deren Leben und Beiträge wichtig und bedeutungsvoll sind, und ihre Geschichten verdienen es, erzählt zu werden. Ich brauche und verdiene es, andere Schwarze Frauen wie mich in der Online-Enzyklopädie der Welt zu sehen. Vor allem sollten wir dort auftauchen, solange wir noch leben, und nicht erst, nachdem uns etwas Schreckliches passiert ist. Jetzt den Südlink abonnieren Am 15. November 2020 wachte ich in Kalifornien auf und erfuhr in Windeseile von den Kommunalwahlen in Brasilien und den Morddrohungen gegen Marielles Freundin, die Schwarze feministische Kongressabgeordnete Talíria Petrone. Sie musste aus Rio de Janeiro fliehen. Zweieinhalb Jahre sind seit der brutalen Ermordung Marielles vergangen. Wir wissen immer noch nicht, wer hinter dem Mord an Marielle stand und warum. Aber wir arbeiten weiter an einer Welt, in der Frauen nicht bedroht oder getötet werden müssen, um in den Nachrichten und auf Wikipedia erwähnt zu werden. Unsere Arbeit ist ein Tribut an Marielle und andere bemerkenswerte Frauen, die es wie sie verdienen, im Leben und nicht nur im Tod gesehen und gefeiert zu werden.
Da wir jedes Jahr im März die #VisibleWikiWomen-Kampagne durchführen, um Bilder von bemerkenswerten Frauen in Wikipedia zu veröffentlichen, bleibt Marielles Geschichte eine schmerzliche Erinnerung daran, wie viel noch zu tun bleibt, um die Sichtbarkeit von Frauen online zu erhöhen. Initiativen wie #VisibleWikiWomen, Whose Knowledge? werden weiterhin dringend benötigt. Marielles Wikipedia-Artikel hätte eine Hommage an ihr außergewöhnliches Leben zu Lebzeiten sein sollen. Jetzt ist er eine postmortale Hommage an alles, was sie getan hat, und an alles, für das sie stand. Möge ihr Kampf uns weiterhin inspirieren, wenn wir uns dafür einsetzen, die Stimmen, das Wissen und das Leben der Marginalisierten online und überall auf der Welt in den Mittelpunkt zu stellen. Aus dem Englischen von Tobias Lambert. Eine frühere Version des Artikels erschien auf dem Portal https://whoseknowledge.org. Adele Godoy Vrana ist Mitgründerin und Co-Direktorin der Initiative „Whose Knowledge?“, die sich dafür einsetzt, die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen im Internet zu vergrößern. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt den Südlink 194 "Digitalisierung: Was passieren muss, damit niemand zurückbleibt" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren
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Infoblatt Welternährung 19: Agroforstwirtschaft

6. Januar 2021 - 13:24
Agrofortsysteme sind eine umweltschonende Alternative zur industriellen Landwirtschaft – mit großem Potential, um die Klimakrise, Hunger und ländliche Armut zu überwinden. Doch was genau ein Agroforstsystem ist, wissen die wenigsten Menschen. Dabei ist bekannt, dass Agroforstsysteme beispielweise in Spanien schon vor 4.500 Jahren genutzt wurden. Und derzeit betreiben rund 1,2 Milliarden Menschen Agroforstwirtschaft auf einer Fläche so groß wie die USA. Nachhaltige Alternative Agroforstwirtschaft Das neue INKOTA-Infoblatt Welternährung 19: Agroforstwirtschaft beleuchtet einerseits die lange Geschichte und Tradition von Agroforstwirtschaft in Europa und im globalen Süden und zeigt auf, warum Agroforstsysteme bedroht sind. Andererseits wird beschrieben, wie diese dazu beitragen kann, Ökosysteme widerstandsfähiger zu machen und wie INKOTA-Projektpartner*innen in der Praxis von Agroforstsystemen profitieren. Es wird also gezeigt, warum seit den 1970er Jahren auch internationale Institutionen, wie die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), auf Agroforstwirtschaft als nachhaltige Alternativen zu chemie-intensiven Praktiken setzen. Das Papier ist das 19. INKOTA-Infoblatt der Reihe Welternährung. Die leicht verständlichen zweiseitigen Infoblätter beantworten jeweils die wichtigsten Fragen zu verschiedenen Themen aus dem Bereich Hunger, Ernährung und globale Landwirtschaft. Darüber hinaus enthalten sie Hinweise auf weiterführende Literatur, interessante Internetlinks und weitere INKOTA-Materialien. Jetzt das ganze Infoblatt lesen Weitere Informationen: Erfahren Sie mehr über den Arbeitsbereich Welternährung & Landwirtschaft Erfahren Sie mehr über das Thema Agrarökologie INKOTA-Projekte in denen Agroforstwirtschaft eine Rolle spielt:
  • Guatemala: Zuverlässige Ernte und gesundes Essen
  • Nicaragua: Schritt für Schritt der Armut entrinnen
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Zentralamerika: mit Agrarökologie dem Klimawandel trotzen

5. Januar 2021 - 12:01
Wer die bittere Realität des Klimawandels sehen möchte, braucht den Blick nur auf Zentralamerika zu richten. 45 Extremwetterereignisse, 164 Todesopfer pro Jahr und jährliche Schäden in Höhe von 223 Millionen US-Dollar - das ist die Bilanz der Jahre 1998 bis 2017 in Nicaragua. Damit steht das Land im globalen Klima-Risiko-Index der am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffenen Länder an sechster Stelle. Guatemala folgt knapp dahinter auf Rang 14. Mehr Extremwetterereignisse durch Klimawandel Auch die Projektgemeinden der Partnerorganisationen INKOTAs in Guatemala und Nicaragua sind von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Immer wieder werden sie von Extremwetterereignissen wie tropischen Wirbelstürmen, Dürren, Starkregen oder Überschwemmungen heimgesucht. Dadurch werden große Teile der Ernten von Kleinbauernfamilien zerstört und bestehende Probleme wie Hunger und Armut verschärft. Antworten auf den Klimawandel und die damit einhergehenden Herausforderungen zu finden, ist deshalb in den vergangenen Jahren immer mehr ins Zentrum der Projektarbeit INKOTAs und unserer Partnerorganisationen gerückt. Agrarökologie schafft Perspektiven Viele unserer Partnerorganisationen in Zentralamerika setzen auf Agrarökologie um dem Klimawandel zu trotzen. Dabei geht es vor allem darum, mit umweltfreundlichen Anbaumethoden und unterschiedlichen Pflanzensorten geschlossene Kreisläufe und Synergien zu erzeugen:
  • Der Abfall der einen Pflanze bildet die Grundlage für eine andere
  • Dadurch, dass auf synthetische Düngemittel und Pestizide verzichtet wird, schont diese Anbaumethode die Böden, fördert die Artenvielfalt und reduziert die CO2-Emissionen
  • Auf äußerst kleinen Flächen werden Getreide, Gemüse, Obst und Kräuter nebeneinander angebaut. So entwickelt sich ein kleines, aufeinander abgestimmtes Ökosystem
Die positiven Nebeneffekte einer solchen Methode: der vielfältigere Anbau führt zu einer gesünderen Ernährung und kann bei Extremwetterereignissen Ernteverluste leichter auffangen, da nicht alle Anbaukulturen gleichermaßen von ihnen betroffen sind. Diverserer Anbau, bessere Böden Die Anbaukulturen zu diversifizieren ist für die Projektleiterin Flor Martínez von unserer Partnerorganisation ODESAR in Nicaragua ein zentraler Schritt bei der agrarökologischen Umgestaltung landwirtschaftlicher Parzellen: „Wenn wir diversifizieren, dann bauen wir statt einer einzigen Anbaukultur verschiedene Pflanzen an. Dadurch fügen wir dem Boden verschiedenste Nährstoffe zu. Indem wir Bäume pflanzen, verhindern wir außerdem die Erosion, da die Intensität des Regens abgeschwächt und weniger Boden weggespült wird. Dadurch bleibt der Boden nährstoffreich und wir haben ertragreichere Ernten.“

Marco López aus der Gemeinde Azancor zeigt uns seine Wurmkompostierung, mit der er die Bodenfruchtbarkeit seiner Gemüsebeete verbessert.

Chemikalienfrei dank Agrarökologie Ein weiterer wichtiger Erfolg ist, dass Familien die an agrarökologisch orientierten Projekten teilnehmen, kaum noch chemische Düngemittel benutzen. Stattdessen stellen sie ihren eigenen organischen Dünger her. „Auch verbrennen die Familien kein Unkraut und keine Ernterückstände mehr, bevor sie ihre Felder bestellen“, stellt Flor Martínez fest. „Insgesamt hat ein starker Wandel hin zu mehr Umweltbewusstsein stattgefunden. Dazu zählt auch, dass wir einheimisches Saatgut verwenden, das den lokalen Bedingungen besser angepasst ist und kaum Agrochemikalien benötigt.“ Dadurch werden die Kleinbauernfamilien auch unabhängiger vom Markt und den internationalen Agrarunternehmen. „So beinhaltet Agrarökologie eine Vielzahl an Techniken, die es uns ermöglichen trotz des Klimawandels unsere Nahrungsmittel zu produzieren“, fasst Flor Martínez zusammen. Auch in Guatemala erfolgreich Auch in Guatemala konnte durch agrarökologische Projekte viel erreicht werden. Die Landpastorale von San Marcos, INKOTAs Partnerorganisation, fördert eine Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion und die Anwendung von agrarökologischen Methoden und alternative, angepasste Technologien. Statt wie traditionell ausschließlich Mais und Bohnen anzubauen, pflanzen die am Projekt teilnehmenden Kleinbauernfamilien jetzt auch eine Vielzahl an Gemüse-, Kräuter- und Obstsorten an. Häusliches Abwasser wird durch ein einfaches Kohlefiltersystem geklärt und kann dadurch für die Bewässerung des Gemüses wiederverwendet werden.

Mitglieder des von INKOTA unterstützten Agrarökologischen Produzent*innen-Netzwerks PPAS waschen ihr Bio-Gemüse, bevor sie es auf dem Wochenmarkt in Tojchoc Grande verkaufen.

Kleine Veränderungen, riesiger Unterschied Projektleiter Rony Aguilar zeigt sich durchweg begeistert von dem Projekt: „Viele kleine Veränderungen machen einen riesen Unterschied. Agrarökologie ist ein ganzheitlicher Ansatz. Es geht uns nicht nur um Landwirtschaft, sondern Gesundheits- und Hygieneaspekte müssen unbedingt mitgedacht werden.“ So bauen die Kleinbauernfamilien im Rahmen des Projekts Heilkräuter an und verarbeiten sie zu Salben, Tee, Hustensäften und Tinkturen. Gewächshäuser gegen den Klimawandel In den Projektgemeinden im Landkreis Sipakapa im guatemaltekischen Hochland werden derzeit Tunnelgewächshäuser errichtet. „Das ist gleich in dreifacher Hinsicht eine äußerst wirksame Maßnahme“, so Rony Aguilar. „Auf der einen Seite reicht dadurch eine Tröpfchenbewässerung aus und die knappen Wasserressourcen werden optimal genutzt. Auf der anderen Seite werden die Pflanzen vor zu starken Regenfällen und Hagel geschützt, was im Hinblick auf die sich verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels besonders wichtig ist. Drittens können bei den konstant warmen Temperaturen im Gewächshaus Gemüsesorten angebaut werden, die unter freiem Himmel keine Chance hätten. Dadurch wird die Ernährung der Familien sinnvoll ergänzt.“ Agrarökologie: kleinbäuerliche Alternative zu agroindustrieller Landwirtschaft Der agrarökologische Ansatz der INKOTA-Partnerorganisationen ist ein Gegenentwurf zur agroindustriellen Landwirtschaft der großen Agrarkonzerne und stärkt explizit Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Die Beispiele aus Zentralamerika zeigen: Wenn Kleinbauernfamilien Agrarökologie umsetzen, dann können sie ihrer misslichen Lage – geprägt von Armut, wenig Land, wenig Wasser und Klimaextremen – entkommen. Ohne die schlechte Hilfe der Agrarkonzerne. Weitere Informationen: Mehr zum Thema Agrarökologie Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Guatemala Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Nicaragua
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„Grüne Woche“ digital – Seien Sie dabei!

4. Januar 2021 - 15:59
Die Internationale Grüne Woche Berlin ist die international wichtigste Messe für Ernährungswirtschaft, Landwirtschaft und Gartenbau – und seit einigen Jahren der Grund für ein breites Bündnis gegen die Agrarindustrie, gegen Massentierhaltung und für eine Agrarwende zu protestieren. Im Januar 2021 wird die große Agrarmesse pandemiebedingt nur für einen internen Branchentreff öffnen. Wir werden dennoch unseren Protest zum Ausdruck bringen und uns mit vier kritischen Online-Veranstaltungen an den Diskussionen rund um die Grüne Woche beteiligen - unter anderem an der Alternativen Grünen Woche der Heinrich-Böll-Stiftung. Dienstag, 12. Januar 2021, 18.00-19.30 Uhr: online
„Gefährliche Doppelstandards – In der EU verboten, für den Export erlaubt: Pestizide aus Deutschland gehen in die Welt“ Um die bestehenden Doppelstandards im Pestizidhandel, wie wir sie beenden können und welche Hürden dabei zu überwinden sind, geht es in dieser Veranstaltung. Vertreter*innen der Zivilgesellschaft und der Politik kommen hierbei zur Debatte. Die Online-Diskussion wird veranstaltet von INKOTA, dem Pestizid Aktions-Netzwerk, PowerShift und der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Mit:
  • Jan Urhahn, Rosa-Luxemburg-Stiftung
  • Silke Bollmohr, ökotoxikologische Beraterin
  • Christian Schliemann-Radbruch, European Center for Constitutional and Human Rights
  • N.N., Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
  • Bettina Müller, PowerShift
  • Peter Clausing, Pestizid Aktions-Netzwerk
Moderation: Christine Chemnitz, Heinrich-Böll-Stiftung Mehr Infos Bitte hier anmelden Mittwoch, 13. Januar 2021, 18.00–19.30 Uhr: online
„Noch zehn Jahre bis 2030: Wo stehen wir bei der Hungerbekämpfung?“
Die Weltgemeinschaft hat sich verpflichtet, bis 2030 die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu erreichen. Doch wie kann in nur zehn Jahren eine radikale Kehrtwende für mehr Gesundheit, Nachhaltigkeit und Demokratie in unserem Ernährungs- und Landwirtschaftssystem herbeigeführt werden? Das diskutieren wir unter anderem mit Vertreter*innen der Bundesregierung. Das zivilgesellschaftliche Positionspapier „Welternährung 2030“, in dem INKOTA 11 Schritte für eine Welt ohne Hunger benennt, dient dabei als Diskussionsgrundlage. Die Diskussion zum Thema Welternährung wird das vierte Jahr in Folge von INKOTA, Brot für die Welt, Misereor und Oxfam veranstaltet. Mit:
  • Lena Bassermann, INKOTA
  • Sofia Monsalve, FIAN International
  • Dr. Susanne Schlaack, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
  • Martina Metz, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (angefragt)
  • Barbara Unmüßig, Heinrich-Böll-Stiftung
Moderation Christine Chemnitz, Heinrich-Böll-Stiftung Mehr Infos Bitte hier anmelden Samstag, 16. Januar 2021, 15.30-19.00 Uhr: online
„Soup’n’Talk“ mit INKOTA
Traditionell findet zum Aufwärmen und Informieren nach der „Wir haben es satt!“-Demonstration der „Soup’n’Talk“ statt, an dem auch INKOTA teilnimmt. Mit dem Pestizid Aktions-Netzwerk stellen wir die Kampagne „Giftexporte stoppen!“ vor. Auch den „Soup’n’Talk“ verlagern wir in den virtuellen Raum. So können Sie die 5-minütigen Beiträge zahlreicher Initiativen aus dem Feld Landwirtschaft & Ernährung gemütlich vom Sofa aus verfolgen. Mehr Infos Bitte hier anmelden Mittwoch, 20. Januar 2021, 17.00–18.00 Uhr: online
„Das Recht auf Nahrung umsetzen! – Mit Agrarökologie, klimaresilienter Landwirtschaft und One-Health“, Fachpodium beim Global Forum for Food and Agriculture
Was sind die Potentiale von Agrarökologie und klimaresilienter Landwirtschaft bei der Umsetzung des Rechts auf Nahrung für alle Menschen? Die Frage möchten wir aus verschiedenen globalen Perspektiven beantworten. Unter anderem wird eine Fischerin berichten, welche Auswirkungen Covid-19 auf ihr Fischer*innen-Kollektiv in Südafrika hatte. INKOTA ist Mitveranstalter dieses Fachpodiums, das im Rahmen des großen Agrarministertreffens stattfindet, zu dem das Landwirtschaftsministerium im Januar lädt. Thema des Treffens sind globale Krisen wie Covid-19 und der Klimawandel.  Mit:
  • Hilda Adams, Mamre small-scale fishers)
  • Michael Fakrhi, UN Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung
  • Sofia Monsalve, FIAN International
  • Prof. Andrea Winkler, TU München
  • Theresa Adams, Action Aid
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Vietnam: Gleichberechtigung von Frauen in kleinen Schritten

16. Dezember 2020 - 17:17
Als Quach Thi Yen ihr erstes selbst verdientes Geld in den Händen hält, strahlt sie übers ganze Gesicht: „Mein Mann und seine Familie sehen mich nun mit anderen Augen!“ Zu verdanken habe sie das dem kleinen Gemüsebeet vor ihrem Haus, rund 90 Kilometer nördlich der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. Dort hat sie in den vergangenen Monaten Kohlrabi, Tomaten, Gurken, Kohl und süßen Senf angebaut und nun erstmals zu Geld gemacht. „Ich habe immer geglaubt, der Mann sei die Säule eines Haushalts. Derjenige, der den Lebensunterhalt für die ganze Familie verdienen muss. Und dass die Frau nur den Haushalt erledigt und sich um die Kinder kümmert.“ Fast entschuldigend fügt sie hinzu „Alle meine Familienmitglieder denken so. Seit meiner Kindheit wurde mir das so beigebracht.“ Fortschritte trotz traditioneller Rollenbilder Tatsächlich sind traditionelle Rollenbilder in Vietnam noch immer weit verbreitet, obwohl das Land in den vergangenen Jahren durchaus Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter gemacht hat. In den Bereichen Schulbildung und Gesundheit hat sich die Kluft zu den Männern zum Beispiel deutlich verringert. Auch die Einkommensunterschiede konnten merklich angeglichen werden, sieht man vom informellen Sektor einmal ab. Mehr und mehr Frauen übernehmen Führungspositionen und besetzten politische Ämter. Aber die an sie gerichteten Erwartungen hinsichtlich ihrer Rolle als fürsorgliche Mutter und Ehefrau können sie dabei nur selten abstreifen. Arbeit und Haushalt: Doppelte Belastung für Frauen Das berichtet auch Bui Kim Phuong, Vorsitzende der Frauenunion im Distrikt Dong Hy: „Als ich mit 31 Jahren Vize-Vorsitzende wurde, haben mir viele nicht zugetraut, dass ich das kann. Heute bin ich 45 Jahre alt und habe diese Probleme nicht mehr. Als Frau ist der Job aber viel härter, weil ich mich neben den vielen Verpflichtungen auch noch um Kinder und Haushalt kümmern muss.“ Wenn ihre männlichen Kollegen ihren Feierabend genießen, hetzt sie nach Hause. Sie kocht, macht den Haushalt und bringt die Kinder ins Bett. Für Freizeit hat sie keine Zeit. Es heißt, Frauen würden in Vietnam bis zu 40 Prozent mehr arbeiten als Männer. Es ist vor allem diese Doppelbelastung, die Frauen in besonderem Maße diskriminiert. Sie verhindert eine gleichberechtigte Teilhabe an Diskussions- und Entscheidungsprozessen, sowohl im politischen wie auch im privaten. „Wir leben immer noch in einem Patriarchat“ Dieser Meinung ist auch Diep Thi Dan, die wie Yen im Dorf Cau Luu lebt. „Wir leben noch immer in einem Patriarchat. Über die großen Fragen entscheiden die Männer.“ Und etwas entrüstet fügt sie hinzu: „In manchen Familien wissen die Frauen nicht einmal, wieviel durch den Verkauf ihrer Waren verdient wurde!“ Ihre Situation sei speziell. Ihr Mann ist das ganze Jahr als Wanderarbeiter unterwegs und kaum zuhause, sodass er viele Entscheidungen ihr überlasse. Aber die Regel sei das nicht. Frauen: durch eigenes Einkommen zu mehr Unabhängigkeit Das zu ändern, ist ein Ziel der INKOTA-Partnerorganisation DWC. Sie setzt sich dafür ein, die gesellschaftliche Stellung von Frauen zu verbessern. Indem sie Frauen wie Yen eigene Einkommensmöglichkeiten eröffnet, hilft sie ihnen unabhängiger und selbstbewusster zu werden. Das wiederum ist eine wichtige Voraussetzung, damit sich Frauen aktiv an Entscheidungsprozessen innerhalb ihrer Gemeinden beteiligen. Im Dorf Cau Luu sind die ersten Erfolge bereits spürbar. So meint Diep Thi Dan: „Die Frauen in unserem Dorf sind mutiger geworden seit sie an dem Projekt teilnehmen. Früher haben sie sich nicht getraut sich in Versammlungen zu äußern. Jetzt ist das anders. Dieser Artikel ist zuerst im Neuen Deutschland erschienen. Denn unser Projekt mit unserem Partner DWC in Vietnam ist Teil von „Teilen macht satt”  – unserer Spendenaktion mit dem Neuen Deutschland. Weitere Informationen: Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Vietnam Zum Projekt „Durch mehr Partizipation zu einem selbstbestimmten Leben“
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24 gute Taten Adventskalender mit INKOTA

16. Dezember 2020 - 15:15
INKOTA verwirklicht eine von 24 guten Taten. Es gibt ihn tatsächlich: den sinnstiftenden Adventskalender mit guten Taten statt Schokolade oder Krimskrams. Und einige unserer Unterstützer*innen kennen ihn bereits: INKOTA ist auch in diesem Jahr wieder mit einem Projekt Teil des 24guteTaten-Adventskalenders! Das Prinzip des Kalenders ist einfach: Hinter den Türchen sind 24 gute Taten aus den Bereichen Umwelt, Gesundheit, Ernährung und Bildung versteckt. An einem Tag schützt man so beispielsweise ein Stück Regenwald, an einem anderen Tag bekommt ein Schulkind eine gesunde Mahlzeit. Durch das Öffnen des Türchens sieht man täglich, was der gespendete Betrag konkret bewirkt. Die Kalender sind ab einer Spende von 24 Euro erhältlich. In der Adventszeit kann man sich auf www.24guteTaten.de genauer über die Projekte informieren. Der Kalender soll zeigen, dass auch eine kleine Spende viel bewirken kann und bietet eine sinnvolle Alternative zum weihnachtlichen Konsum. Die 24 Projekte für den Kalender werden jedes Jahr neu ausgewählt. 166 Organisationen haben sich allein dieses Jahr für den Kalender beworben. Erstmals ist der Kalender 2020 auch in Kanada erhältlich. Wir freuen uns, auch dort eine der teilnehmenden Organisationen zu sein. Diesmal sind wir mit unserem Projekt in Guatemala beim 24guteTaten-Kalender vertreten. Vorbeischauen lohnt sich! Jetzt INKOTA-Projekt im 24guteTaten-Kalender anschauen Weitere Informationen: Unterstützen Sie unsere Aktion „Ohne Land kein Leben!“ Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Guatemala
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