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Aktualisiert: vor 7 Stunden 21 Minuten

Erst Corona, dann der Hurrikan

13. November 2020 - 11:32
Guatemala: Über 150 Tote durch Hurrikan Eta Am 3. November stieß der Hurrikan Eta auf die nicaraguanische Karibikküste. Mit Windgeschwindigkeiten von 240 Kilometer pro Stunde wurde Eta zwischenzeitig als Hurrikan der zweitstärksten Kategorie eingestuft. Während seines weiteren Verlaufs Richtung Nordwesten, schwächte er sich über Honduras und Guatemala zwar zum tropischen Wirbelsturm ab, hinterließ aber auch hier ein katastrophales Ausmaß an Zerstörung. Vielerorts kam es zu verheerenden Überschwemmungen und Erdrutschen. Infolgedessen kamen allein in Guatemala über 150 Menschen ums Leben. Zigtausende haben alles verloren. In den überfüllten Notunterkünften ist die Einhaltung von Infektionsschutzregeln kaum zu gewährleisten, sodass nicht zuletzt mit einem erneuten rasanten Anstieg von Covid19-Infektionen zu rechnen ist. Nicaragua: Repression gegen Helfer*innen statt Katastrophenhilfe Im aktuellen Lagebericht der INKOTA-Partnerorganisation Centro Humboldt heißt es: „Eta überfordert die Kapazitäten zur Katastrophenbewältigung in Nicaragua“. Centro Humboldt wirft der Regierung von Präsident Daniel Ortega vor, zu zaghaft und unzureichend reagiert zu haben. Die nicaraguanische Wochenzeitung Confidencial berichtet unterdessen, dass die von der nicaraguanischen Zivilgesellschaft selbst organisierte Sammlung von Lebensmitteln und Medikamenten für die Hurrikan-Opfer, von der Regierung massiv behindert wurde. So heißt es hier: „Das Ortega-Regime politisierte die Hilfe und verbot sozialen Organisationen sowie Unternehmen, den vom Hurrikan Eta Betroffenen Unterstützung zu bringen.“ Die im Oktober in Nicaragua verabschiedeten Gesetze haben die Handlungsspielräume der Zivilgesellschaft weiter eingeschränkt, wodurch eine neue Stufe der Repression erreicht scheint. Die Projektregionen der Partnerorganisationen von INKOTA liegen zwar nicht im direkten Einflussgebiet des Hurrikans. Aber unsere Partnerorganisation APADEIM im Nordwesten Nicaraguas berichtet, dass es auch hier zu starken, langanhaltenden Regenfällen kam. APADEIM befürchtet, dass ein Großteil der Ernten der Projektteilnehmenden verloren geht. Die Straßen in einigen Gemeinden sind seit mehreren Tagen unpassierbar. Eta ist bereits der 28. Tropensturm im Atlantik in der diesjährigen Hurrikansaison, die bereits jetzt verschiedene Rekorde aufgestellt hat. Die Zunahme der Anzahl und Intensität der Tropenstürme ist ein klarer Ausdruck des Klimawandels. Dass vor allem die Menschen im Globalen Süden die Konsequenzen zu tragen haben, verdeutlicht für INKOTA einmal mehr, dass wir uns dringend für Klimagerechtigkeit einsetzen müssen! Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Nicragaua Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Guatemala ZUm Corona-Newsticker
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Forderungen zur Bundestagswahl: Rohstoffwende umsetzen

2. November 2020 - 18:01
Die Krisen im Bereich Umwelt, Menschenrechte und Klima verschärfen sich und Deutschland verbraucht im globalen Maßstab weiterhin enorme Mengen an metallischen Rohstoffen. Gleichzeitig werden die Kosten für die durch den Abbau entstehenden sozialen und ökologischen Schäden in die Abbauländer externalisiert. Für den AK Rohstoffe ist ein Weiter-So der deutschen Rohstoffpolitik keine Option! Was wir brauchen ist eine politische Wende in unserem Umgang mit Rohstoffen: Eine Rohstoffwende!

Sie muss die absolute Reduktion nicht nur unseres fossilen, sondern auch unseres metallisch-mineralischen Rohstoffverbrauchs auf ein umwelt- und klimaverträgliches Maß beinhalten. Außerdem ist die konsequente und verbindliche Umsetzung höchster menschenrechtlicher und umweltbezogener Sorgfaltspflichten durch Unternehmen entlang ihrer Wertschöpfungskette ein Muss. 40 im AK Rohstoffe zusammengeschlossene Menschenrechts-, Umwelt- und Entwicklungsorganisationen fordern in einem neuen Positionspapier „Krisenverschärfendes Handeln stoppen – Rohstoffwende umsetzen“. Die konkreten Kernelemente im Sinne einer konsequenten Rohstoffwende innerhalb der deutschen Rohstoffpolitik müssen sein:

  • Senkung des absoluten Rohstoffverbrauchs auf ein nachhaltiges und global gerechtes Niveau
  • Kreislaufwirtschaft umsetzen: Stoffkreisläufe schließen und Rohstoffe einsparen
  • Verzicht auf Tiefseebergbau und andere Risikotechnologien
  • Ein gesetzlicher Rahmen zu unternehmerischen Sorgfaltspflichten
  • Ausweitung der EU-Konfliktmineralien-Verordnung
  • Global gerechte Handelspolitik
  • Schutz und Stärkung der Rechte Betroffener und speziell indigener Völker
Weitere Informationen: Jetzt das ganze Positionspapier lesen Zum Argumentarium „12 Argumente für eine Rohstoffwende“ Erfahren Sie mehr zum Themenbereich Ressourcen
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Gemeinsam gegen Giftexporte

28. Oktober 2020 - 14:43
Brokkoli und Weintrauben – so unterschiedlich sie sein mögen, eins haben beide gemeinsam: Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit weisen sie Rückstände des Pestizids Carbendazim auf.[1] Das ist in der EU verboten, weil es erbgutverändernd und fruchtbarkeitsschädigend ist. Sie fragen sich, warum es trotzdem auf unseren Tellern landet? Statt ihre hochgefährlichen Pestizide ganz aus dem Sortiment zu nehmen, verkaufen Chemiekonzerne wie Bayer und BASF sie einfach in Ländern wie Südafrika oder Brasilien.[2] Die Zulassungsbeschränkungen sind dort oft weniger streng. So können Bayer und BASF weiter Kasse machen. Den Preis dafür zahlen vor allem Bäuerinnen, Bauern und Plantagenarbeiter*innen im globalen Süden, die die gefährlichen Pestizide auf den Feldern versprühen. Dieses schamlose Geschäft muss ein Ende haben! Mit der Kampagne „Giftexporte stoppen!“ fordern wir deshalb die Bundesregierung auf, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das den Export von in der EU verbotenen Pestiziden untersagt. Und wir sind nicht allein: In der Schweiz und in Frankreich wurden ähnliche Gesetze bereits auf den Weg gebracht.[3] Sogar die EU-Kommission empfiehlt so ein Verbot.[4] Und immer mehr Organisationen schließen sich unserem Appell an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) an. Jetzt brauchen wir Ihre Unterstützung: Sammeln Sie mit uns so viele Unterschriften wie möglich gegen Giftexporte. Bestellen Sie jetzt unser Aktionspaket! Jetzt großes Aktionspaket bestellen Jetzt kleines Aktionspaket bestellen Tut mir leid, ich kann leider nicht mitmachen Wie wichtig es ist, dass Sie uns beim Unterschriften sammeln unterstützen, haben unsere letzten Kampagnen gezeigt: Sie sammeln mit Stift und Papier mehr Unterschriften, als wir im Internet zusammenkriegen. Unsere Stärke, das sind Sie! Genau deshalb setzen wir auch jetzt auf Ihre Mithilfe. Natürlich ist es in Corona-Zeiten gar nicht so einfach im persönlichen Kontakt Unterschriften zu sammeln. Aber legen Sie unsere Unterschriftenlisten doch einfach bei Ihrem Bioladen, Bäcker oder Weltladen aus und holen Sie diese nach ein paar Wochen wieder ab. Auch unsere Flyer und Aufkleber können Sie dazu legen und so helfen, die Kampagne zu verbreiten. Wenn Sie jetzt mithelfen, so viele Unterschriften wie möglich zu sammeln, dann können wir wie in Frankreich und der Schweiz auch in Deutschland die Giftexporte stoppen. Machen Sie mit, bestellen Sie jetzt Ihr Aktionspaket! Ja, ich möchte ein großes Aktionspaket Ja, ich möchte ein kleines Aktionspaket Sorry, ich muss dieses Mal passen Ich danke Ihnen für Ihr Engagement,

Lena Luig

Referentin für Welternährung und globale Landwirtschaft

PS: Sie wollen mehr über „Gefährliche Pestizide“ erfahren? Dann klinken Sie sich ein in unsere Online-Seminar-Reihe mit internationalen Gästen und spannenden Diskussionen. Jetzt anmelden.

[1] European Food Safety Authority: The 2018 European Union report on pesticide residues in food. 24. Februar 2020

[2] INKOTA-netzwerk und PAN Germany: Gefährliche Pestizide von Bayer und BASF. Ein globales Geschäft mit Doppelstandards. April 2020

[3] Wissenschaftliche Dienste des Bundestages: Export nicht zugelassener Pflanzenschutzmittel. Rechtliche Regelungen in Frankreich und Deutschland. März 2020

[4] Europäische Kommission: Chemicals Strategy for Sustainability. Towards a Toxic-Free Environment. Oktober 2020.
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El Salvador: Wichtiger Schritt zum Menschenrecht auf Wasser

27. Oktober 2020 - 12:20
Nur 60 Prozent der Menschen in El Salvador verfügen über einen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Nun hat eine große Mehrheit der Abgeordneten des salvadorianischen Parlaments in einer ersten Abstimmung für eine Änderung der Verfassung gestimmt, die das Recht auf Wasser als Grundrecht festschreibt. INKOTA unterstützt seit langem zivilgesellschaftliche Organisationen in El Salvador, die für eine gemeinnützige und öffentliche Wasserversorgung kämpfen. Eine dieser Organisationen ist die Menschenrechtsorganisation Fespad. Wir sprachen mit ihrem Direktor Saúl Baños über die Reform, ihre Beurteilung durch die salvadorianische Zivilgesellschaft und die bestehenden Gefahren im Kampf für eine nachhaltige Wasserpolitik.

Am 15. Oktober hat das Parlament in El Salvador beschlossen, das Menschenrecht auf Wasser in die Verfassung aufzunehmen. Was genau ist passiert?
77 der 84 Abgeordneten haben eine Reform der Artikel 2 und 69 der Verfassung beschlossen. In den Artikel 2 wurde ganz allgemein aufgenommen, dass jede Person ein Recht auf Wasser hat. Im Artikel 69 heißt es dann genauer: „Der Staat ist dazu verpflichtet, eine Politik umzusetzen, die sicherstellt, dass alle Einwohner Wasser haben, das gesund, ausreichend, zugänglich und erschwinglich ist und dass die Wasserquellen genutzt und erhalten werden. Wasser ist ein öffentliches Gut.“
In El Salvador wird eine Verfassungsreform allerdings erst gültig, wenn sie zuerst, was nun passiert ist, mit Zweidrittelmehrheit angenommen und in der folgenden Legislaturperiode mit absoluter Mehrheit ratifiziert wird.
Es geht nun also darum, dass das nächste Parlament, das 2021 gewählt wird, die Reform bis 2024 bestätigt. Schon zwei Mal, 2012 und 2015, wurde die Aufnahme des Menschenrechts auf Wasser vom Parlament beschlossen, doch beide Male wurde diese Reform nicht ratifiziert. Wir hoffen, dass sich die Abgeordneten bei diesem dritten Versuch nun an den Interessen der salvadorianischen Bevölkerung orientieren.

INKOTA unterstützt in El Salvador Fespad und zwei weitere Organisationen in einem Programm, das die Umsetzung ebendieses Menschenrechts auf Wasser zum Ziel hat. Wie denkt das Projektteam über diese Verfassungsreform?
Ein zentrales Ziel des Programms ist eine Gesetzgebung, die das Menschenrecht auf Wasser anerkennt und zu dessen Verwirklichung beiträgt. Wir haben dazu, auch im Rahmen des seit 2019 laufenden Programms, verschiedene Aktivitäten durchgeführt. Diese Reform ist also ganz im Sinn der Ziele des Programms und ein wichtiger Erfolg für uns – für das Programm und für alle weiteren Organisationen, die sich in El Salvador für eine nachhaltige Wassergesetzgebung einsetzen.

Rundum zufrieden also?
Die Reform ist gut und wichtig. Sie hätte allerdings noch weitreichender sein können. Folgende Punkte fehlen in der Reform: 1. Wer wird in Zukunft für das Management des Wassers zuständig sein: die öffentliche Hand oder private Unternehmen? 2. Die Festlegung, dass das Wasser gemeinnützig ist und mit ihm keine Geschäfte gemacht werden dürfen. 3. Dass Gesetze im Bereich Wasser nicht durch andere Gesetze ausgehebelt werden können. Und 4. Dass sämtliche Gesetze, die mit dem Thema Wasser zu tun haben, unter Beteiligung der Bevölkerung verabschiedet werden müssen.
Angesichts dieser Schwachstellen muss es nun eine Mobilisierung geben, damit all diese Punkte in einem Wassergesetz festgeschrieben werden, das die Punkte der Verfassungsänderung konkretisiert.
Unabhängig von einigen Schwachstellen ist die Reform ein großer Erfolg all jener, die in El Salvador seit Jahren für das Menschenrecht auf Wasser kämpfen. Und uns bietet es die Möglichkeit juristisch aktiv zu werden und Verfassungsklage einzureichen, wenn zum Beispiel versucht würde, das Wasser auf dem Gesetzeswege zu privatisieren.

Welche Gefahren stehen einer nachhaltigen Wasserpolitik in El Salvador nun am meisten entgegen?
Die Ratifizierung der Reform hängt vom Parlament ab, das am 28. Februar 2021 gewählt wird. Es geht darum, dass möglichst viele Abgeordnete gewählt werden, die das Menschenrecht auf Wasser unterstützen. Im schlimmsten Fall könnte es wieder so wie 2012 und 2015 kommen, als die Reform nicht ratifiziert wurde.
Die aktuelle Regierung hat sich nicht klar für das Menschenrecht auf Wasser ausgesprochen, doch die Wahlumfragen sehen eine große Zustimmung für die Regierungspartei Nuevas Ideas. Und dann gibt es noch weitere Akteure, vor allem aus der Wirtschaft, die eine Gesetzgebung zugunsten des Menschenrechts auf Wasser verhindern wollen. Einige Parteien und ihre Abgeordneten richten sich nach den Interessen dieser Sektoren.

Das Interview führte Michael Krämer am 23. Oktober.

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Durch den Kakao. Botanik, Kolonialismus, Gegenwart

22. Oktober 2020 - 18:23
  • Was? Online-Führung, Vortrag und Gespräch u.a. mit Gästen aus Ghana zu Botanik der Kakaopflanze und Vergangenheit und Gegenwart des Kakaoanbaus
  • Wann? Samstag, 14. November 2020, 14:30-16:00 Uhr
  • Wo? Von überall, denn die Veranstaltung findet online statt; jetzt anmelden 
Die Spurensuche beginnt bei der Botanik des Kakaos: Steffen Ramm stellt im Rahmen einer Online-Führung durch die Gewächshäuser des Botanischen Gartens Potsdam die Kakaopflanze vor und erläutert die Ursprünge des Kakaoanbaus. Im Anschluss daran begeben wir uns mit INKOTA-Referent Leonard Rupp auf eine Reise durch die Geschichte: Denn beim Konsum von Schokolade ist nur wenigen Menschen bewusst, dass damit eine lange Geschichte von Ausbeutung und Leid verbunden ist. Obwohl die Kakaobohne ursprünglich in Lateinamerika entdeckt wurde, wurde sie im Zuge des Kolonialismus nach Westafrika gebracht. Und die „Spuren“ des Kolonialismus sind in der globalen Kakao- und Schokoladenproduktion bis heute präsent… Von der aktuellen Situation im Kakaoanbau und den Problemen, mit denen Kakaobäuer*innen täglich konfrontiert sind, berichten Ismail Pomasi von der Kakao-Kooperative Cocoa Abrabopa aus Ghana und Sandra Kwabea Sarkwah von der INKOTA-Partnerorganisation SEND-Ghana. Im Anschluss wollen wir gemeinsam diskutieren, was geschehen muss, um die Ungerechtigkeit im globalen Schokoladengeschäft zu überwinden. Referent*innen:
  • Leonard Rupp, INKOTA-netzwerk
  • Steffen Ramm, Botanischer Garten Potsdam
  • Sandra Kwabea Sarkwah, SEND-Ghana
  • Pomasi Ismail, Cocoa Abrabopa (angefragt)
Moderation:
  • Karl Hildebrandt, Oikocredit
Bitte hier anmelden
Eine Veranstaltung des INKOTA-netzwerk in Kooperation mit dem Botanischen Garten Potsdam, dem Aktionsladen Eine Welt Potsdam und dem Oikocredit Förderkreis Nordost e.V. (Oikocredit Deutschland) Weitere Informationen: Lesen Sie jetzt „Studie: Kinderarbeit im Kakaoanbau“
Erfahren Sie mehr über die Kampagne „Make Chocolate Fair!“
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Gefördert durch Brot für die Welt aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes, den Katholischen Fonds, die Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit des Landes Berlin sowie durch Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

       

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Wenn die Nieren versagen

21. Oktober 2020 - 13:48
In El Salvador verursachen Pestizide vor allem in den Zuckerrohranbaugebieten schwere Krankheiten und viele Todesfälle Von Gloria Silvia Orellana Knapp zehntausend Menschen sind im zentralamerikanischen El Salvador in den vergangenen zehn Jahren an chronischer Niereninsuffizienz gestorben. Die Todesfälle hängen direkt mit der Ausweitung der Anbaufläche für Zuckerrohr zusammen, das Arbeiter*innen häufig ohne Schutzkleidung mit Pestiziden besprühen. Die Ermattung in Oscar Grande López‘ Stimme ist unüberhörbar. Und dies obwohl er kaum älter als dreißig Jahre ist. Von diesen hat ihm die chronische Niereninsuffizienz acht entrissen. Schon seit fünf Jahren ist er arbeitslos und kommt kaum noch aus seinem Haus im Weiler La Sambunbera im Landkreis San Luis Talpa in der Provinz La Paz, El Salvador. „Meine Nierenkrankheit haben sie im Jahr 2012 erkannt. Ich war knapp 25 Jahre alt, als ich große Schmerzen im Steißbein bekam und regelmäßig zur Untersuchung in den lokalen Gesundheitsposten musste“, erzählt Oscar Grande. Doch schon im Dezember 2015 wurde es so schlimm, dass er eine Dialyse benötigte. „Seitdem muss ich zwei Mal pro Woche ins Rosales-Krankenhaus nach San Salvador, wo ich jeden Montag und Donnerstag eine Dialyse bekomme.“ Jetzt den Südlink 193 "Gefährliche Pestizide: Für eine Landwirtschaft ohne Agrargifte" bestellen Der kleine Landkreis San Luis Talpa liegt gut siebzig Kilometer von der Hauptstadt San Salvador entfernt und ist traditionell vor allem durch Landwirtschaft und Viehzucht geprägt. Im vergangenen Jahrzehnt hat der Zuckerrohranbau enorm an Bedeutung gewonnen. In El Salvador mit seinen gut 21.000 Quadratkilometern Fläche und etwa 6,5 Millionen Einwohner*innen gibt es auf dem Land viel zu wenige Arbeitsplätze. Die männlichen Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten häufig als Hilfsarbeiter oder Tagelöhner in der Landwirtschaft. Häufig „im Zuckerrohr“, wo sie für die Aussaat, das Besprühen der Pflanzen mit Pestiziden und die Ernte zuständig sind. In den letzten Jahren ist die Anbaufläche stetig angewachsen, im vergangenen Jahr lag sie bereits bei etwa 120.000 Manzana (84.000 Hektar; Anm. der Red.), wobei auf nur gut 100 Unternehmen mehr als 40 Prozent des Zuckerrohrs entfallen. Noch stärker ist die Konzentration bei der Verarbeitung: Nur sechs Raffinerien kontrollieren den gesamten Markt, allein ein Drittel davon die  „Central Izalco“ der Familie Regalado. Oscar Grande gehört zu einer von zehntausenden Familien auf dem Land, die in prekären Verhältnissen leben und sich mit informellen Jobs durchschlagen. Der Lohn für einen ganzen Arbeitstag liegt bei nur fünf US-Dollar (umgerechnet etwa 4,30 Euro; Anm. der Red.), ohne Gesundheitsversorgung und ohne die Möglichkeit, in eine Rentenkasse einzuzahlen. Pestizide verursachen Niereninsuffizienz „Meine Krankheit kommt von den Pestiziden, die ich versprüht habe. Das tat ich, weil wir so arm sind, und weil ich ein wenig mehr verdienen wollte, habe ich sehr lange gearbeitet“, berichtet Oscar Grande. Täglich versprühte er auf sieben Hektar zehn Ladungen giftiger Pestizide aus einem Tank am Rücken, bis er eines Tages krank wurde: „Beinahe wäre ich gestorben. Zuerst bekam ich eine Bauchfelldialyse, aber dann hat sich der Katheter entzündet und ich musste operiert werden. Danach haben sie mit der Dialyse begonnen.“ Die „nicht-traditionelle chronische Nierenkrankheit“, wie sie in El Salvador genannt wird, ist für Oscar Grande eine höchst leidvolle Krankheit mit ungewissem Ausgang. Nicht nur aufgrund seiner Abhängigkeit von Medikamenten und der regelmäßigen Dialyse, sondern auch weil sie im Lauf der Jahre seine Familie zerstört hat. „Im Juni kam mein Vater ins Rosales-Krankenhaus und bekam eine Bauchfelldialyse. Nach zwei Durchgängen gab es Komplikationen und nach 19 Tagen im Krankenhaus war er tot. 2012 starb bereits mein Bruder Medardo an der Krankheit. Und meinem anderen Bruder Juan Francisco geht es genau wie mir, auch er hat die chronische Nierenkrankheit“, sagt Grande. Durch die Covid-19-Pandemie hat sich die Lage für ihn und viele andere, die auf Dialyse angewiesen sind, noch weiter verschlechtert. Die Krankenhäuser haben weniger Kapazitäten für all jene, die an chronischen Erkrankungen leiden. Lebenswichtige Medikamente wurden knapp und zeitweise fuhren auch keine Busse mehr in die Hauptstadt. Wie in ganz Lateinamerika hat auch in El Salvador die Armut binnen Kurzem enorm zugelegt. Vor allem auf dem Land verschlechterte sich die Ernährungssicherheit deutlich. Gut geht es hingegen den Besitzern der großen Zuckerrohrplantagen. Während kleine Landwirt*innen wegen des landesweit verhängten Notstands große Schwierigkeiten mit der Aussaat hatten, bereiten sich die Plantagenbesitzer auf eine gute Ernte vor, wie aus Daten der „Zuckervereinigung El Salvadors (Asociación Azucarera de El Salvador, AAES) hervorgeht. Um 15 Prozent soll die nächste Ernte im Vergleich zum Vorjahr auf 17 Millionen Quintales (über 830.000 Tonnen; Anm. der Redaktion) steigen“, so Julio Arroyo, geschäftsführender Direktor der AAES. Die chronische Niereninsuffizienz hat in den letzten zwanzig Jahren in ganz Zentralamerika immer schlimmere Ausmaße angenommen. In El Salvador wurde die Krankheit von der von 2009 bis 2019 regierenden FMLN (Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí) zu einem Thema des Gesundheitswesens, wie Eduardo Espinoza, damals Vizegesundheitsminister, erläutert. Verschiedenen Studien wurden erstellt und 2014/2015 in einer landesweiten Befragung Daten zu mehreren weit verbreiteten chronischen Krankheiten gesammelt.

Zehntausenden sind in El Salvador an chronischer Niereninsuffizienz erkrankt. Die Behandlung der Patient*innen hat sich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt. Private Kliniken bieten auch Dialyse und Nierentransplantationen an. Foto: Michael Krämer

Demnach befanden sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums mehr als 450.000 Menschen in El Salvador in einer der fünf Etappen der chronischen Niereninsuffizienz. Bei dieser Krankheit verlieren die Nieren nach und nach ihre Fähigkeit, das Blut zu filtern. Allein 26.000 Menschen befanden sich in Etappe fünf und waren auf eine Dialyse angewiesen. Im Jahr 2017 war El Salvador prozentual das Land mit den höchsten Zahlen an Dialysen und Nierentransplantationen in Zentralamerika, erklärt Eduardo Espinoza.
Um herauszufinden, wo die hohen Krankheitszahlen herkamen, führte die FMLN-Regierung in den Jahren 2010 bis 2012 eine große Studie mit 1.306 Familien aus den am stärksten betroffenen Regionen des Landes durch. Das kubanisch-salvadorianische Team fand unter anderem heraus, dass die Erkrankung in den meisten Fällen nicht auf die traditionellen Ursachen oder Vorerkrankungen zurückzuführen war. „Deshalb auch die Bezeichnung nicht-traditionelle chronische Nierenkrankheit. Nach und nach konnten wir alle wahrscheinlichen Ursachen ausschließen, bis alles darauf hindeutete, dass die Ursachen in Pestiziden und anderen Agrargiften zu suchen sind“, so Eduardo Espinoza. Innerhalb weniger Jahre verdoppelte das Gesundheitsministerium die Dialysekapazitäten in den Krankenhäusern des Landes. Von Beginn an standen starke wirtschaftliche Interessen einer angemessenen Strategie im Umgang mit der nicht-traditionellen chronischen Nierenkrankheit entgegen. Vor allem die Zuckeranbauer, die Unternehmen, welche mit Agrargiften handelten, und die Hersteller der Agrargifte stellten sich quer. „Schätzungsweise neun Millionen Menschen weltweit haben keinen Zugang zu den nötigen Therapien bei chronischer Niereninsuffizienz. Und Jahr für Jahr sind zwischen 11 und 15 Prozent zusätzlich von der Pandemie betroffen“, sagt Eduardo Espinoza. Auch für El Salvador sind die Zahlen verheerend. Nach Daten des Gesundheitsministeriums und der Sozialversicherung sind in den letzten zehn Jahren 9.900 Menschen an chronischer Niereninsuffizienz gestorben. Da sehr viele derer, die erkranken, aus sehr armen Verhältnissen stammen und nur eine geringe Schulbildung haben, können sie die Symptome nicht einordnen – so wird ihre Erkrankung häufig erst in einem zu späten Stadium festgestellt. Die Zahl der chronischen Nierenerkrankungen ist dort am höchsten, wo die großen Zuckerrohranbaugebiete sind. Es mangelt an Schutzkleidung Diesen engen Zusammenhang der Zunahme der chronischen Niereninsuffizienz und der Ausweitung der Anbaufläche für Zuckerrohr in El Salvador sehen auch verschiedene Nichtregierungsorganisationen, die das Verbot gefährlicher Agrargifte fordern. „Eigentlich gibt es in El Salvador Gesetze, welche die Anwendung verschiedener Agrargifte verbieten, doch sie werden nicht angewandt“, erklärt Luis González von der Umweltorganisation UNES. „Manche Agrargifte dürften eigentlich nur mit Spezialkleidung ausgebracht werden, wie wir sie jetzt in Zeiten der Coronapandemie beim medizinischen Personal in den Krankenhäusern sehen. Doch auf dem Land hat niemand solche Schutzanzüge.“ Das Landwirtschaftsministerium El Salvadors hat schon vor einigen Jahren den Einsatz einer ganzen Reihe von Agrargiften verboten. Doch weiterhin sind im Agrarhandel einige der giftigsten zu finden, die auch „das dreckige Dutzend“ genannt werden, darunter Glyphosat und Paraquat.

Jedes Jahr wird die Anbaufläche größer. Zuckerrohr in El Salvador bedeutet gute Gewinne für einige und Krankheit für Zehntausende.

„2013 hatten wir bereits einmal eine Mehrheit im Parlament für ein Verbot von 54 Pestiziden erreicht. Doch der damalige Präsident Mauricio Funes legte ein Veto dagegen ein“, erinnert sich Luis González. Vor etwa drei Jahren begann eine ganze Reihe von Organisationen, die im „Runden Tisch für Ernährungssouveränität“ zusammenarbeiten, eine neue Kampagne für das Verbot gefährlicher Pestizide. „Wir luden Wissenschaftler*innen aus anderen Ländern ein, die in der Kommission für Umweltschutz und Klimawandel des Parlaments über die Gefährlichkeit der Agrargifte informierten“, erzählt González. „Auch mit der Gesundheitsministerin und dem Landwirtschaftsminister gab es Treffen, die sich beide sehr interessiert zeigten. Was folgte, war eine starke Kampagne des Verbands der Zuckerrohrindustrie, die behauptete, dass mit so einem Verbot die Landwirtschaft zusammenbrechen würde und viele Arbeitsplätze verloren gingen.“ Dabei veröffentlichte auch die staatliche Ombudsstelle für Menschenrechte PDDH einen Bericht über den Zusammenhang von Agrargiften und Chronischer Niereninsuffizienz. „Für UNES und den Runden Tisch für Ernährungssouveränität, bei dem wir aktiv sind, ist das Thema Agrargifte in der aktuellen Konjunktur noch wichtiger geworden: In Zeiten von Covid-19 ist sauberes Wasser für die Hygiene und als Trinkwasser von besonderer Bedeutung. In vielen ländlichen Gemeinden ist das Wasser jedoch stark durch Agrargifte verunreinigt. Das darf nicht so bleiben. Auch deshalb haben wir den Kampf gegen die hochgefährlichen Pestizide nun wieder aufgenommen.“ Beim Zuckerrohr sind dies vor allem Paraquat und Glyphosat. Letzteres wird in großen Mengen aus Flugzeugen versprüht. Der Wind trägt das Agrargift auch in die direkt an die Zuckerrohrfelder grenzenden Gemeinden und kontaminiert dort das Grundwasser. Auch deshalb erkranken in den Anbauregionen nicht nur Männer, die auf den Zuckerrohrplantagen arbeiten, sondern auch viele Frauen und alte Menschen. Aus dem Spanischen von Michael Krämer. Gloria Silvia Orellana ist Journalistin bei der salvadorianischen Tageszeitung „Diario Co Latino“. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt Südlink 193 "Gefährliche Pestizide: Für eine Landwirtschaft ohne Agrargifte" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren
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Online-Workshop: Wie weiter mit der Rohstoffwende?

21. Oktober 2020 - 11:19
  • Was? Online-Workshop „Wie weiter mit der Rohstoffwende?“ für ein Fachpublikum, Bildungsmultiplikator*innen und Engagierte aus der Umwelt- und Klimabewegung
  • Wann? Dienstag, 10. November, 13.30-16.00 Uhr und Mittwoch, 11. November, 10.00-16.00 Uhr
  • Wo? Zoom, also von überall
Der Abbau metallischer Rohstoffe steht in Zusammenhang mit Menschrechtsverletzungen, verursacht unmittelbare Umweltschäden und trägt zum globalen Klimawandel bei. Ohne politisches Handeln wird sich die jährliche metallische Rohstoffförderung bis 2060 mehr als verdoppeln, so das Szenario des OECD Material Ressource Outlook von 2019. Führende Entwicklungs- und Umweltorganisationen fordern eine Rohstoffwende für Deutschland, denn die Bundesrepublik zählt weltweit zu den fünf größten Verbraucherinnen metallischer Rohstoffe. Eine Rohstoffwende bedeutet: Deutschland muss seinen Metallverbrauch absolut reduzieren. Aktuell mangelt es jedoch an politischen Zielen und Strategien. In dem Workshop werden wir das Themenfeld Rohstoffwende aus unterschiedlichen Fachperspektiven beleuchten. Dabei werden Potentiale, Herausforderungen und Hebel für eine Rohstoffwende am Beispiel der Sektoren Bauen und Wohnen, Digitalisierung und Energiewende identifiziert. Ziel ist die Entwicklung einer kohärenten Vision einer Rohstoffwende. Der Workshop unterteilt sich in drei Themenblöcke und richtet sich an ein interessiertes Fachpublikum, Engagierte aus der Umwelt- und Klimabewegung und Bildungsmultiplikator*innen. Der Workshop ist eine Veranstaltung des AK-Rohstoffe und wird organisiert von: BUND, Germanwatch, INKOTA und PowerShift. Dienstag, 10.11.2020, 13.30-16.00 Uhr, online
Bau- und Wohnwende: Hebel für die Rohstoffwende?
Referent*innen:
Ulrich Wischnath (Bauwende e.V.)
Margarete Over (Ifeu)
Birte Ewers (Wohnprojekt Konvisionär) Bitte hier anmelden Mittwoch, 11.11.2020, 10.00-12.30 Uhr, online
Rohstoffwende und Digitalisierung gemeinsam denken!
Referent*innen:
Stefan Ramesohl (Wuppertal Institut)
Eva Kern (Umweltcampus Birkenfeld), angefragt
Kerstin Fritzsche (IZT) Bitte hier anmelden Mittwoch, 11.11.2020, 13.30-16.00 Uhr, online
Wie Energie- und Rohstoffwende besser verzahnen?
Referenten:
Jens Günther (UBA)
Benjamin Best (Wuppertal Institut) Bitte hier anmelden Weitere Informationen: Erfahren Sie mehr zum Thema Ressourcengerechtigkeit Zum Argumentarium „12 Argumente für eine Rohstoffwende“
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Studie: Kinderarbeit im Kakaoanbau

20. Oktober 2020 - 10:41
Verbraucher*innen in Deutschland müssen davon ausgehen, dass in ihrer Schokoladentafel mit hoher Wahrscheinlichkeit ausbeuterische Kinderarbeit steckt. Davon müssen wir nach den Erkenntnissen einer gestern im Auftrag des US-Arbeitsministeriums veröffentlichten Studie ausgehen. Das Schlimme: Die Schokoladenindustrie weiß um den Missstand, hat aber trotz vielmaliger Versprechen viel zu wenig dagegen unternommen. „Die Schokoladenindustrie hat ihr Versprechen gebrochen“, fasst INKOTA-Referent Johannes Schorling zusammen. Um die Schokoladenindustrie auf die Einhaltung ihrer Versprechen zu verpflichten, brauchen wir in Deutschland endlich ein wirksames Lieferkettengesetz. Auf 1,5 Millionen schätzen die Forscher*innen des National Opinion Research Center (NORC) der Universität Chicago die Zahl der Kinder, die unter ausbeuterischen Bedingungen auf Kakaoplantagen in der Côte d'Ivoire und in Ghana arbeiten. Aus den beiden westafrikanischen Staaten stammen etwa 70 Prozent des Kakaos, der in deutschen Süßwaren verarbeitet wird. Damit geht rund jedes zweite Kind, das in den landwirtschaftlichen Regionen der Côte d'Ivoire und Ghanas lebt, ausbeuterischer Kinderarbeit nach.  Trotz Versprechen: keine Abnahme von Kinderarbeit Bereits 2001 hatten Schokoladenhersteller wie Mars und Nestlé im Harkin-Engel-Protokoll versprochen, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2005 zu beenden. Zuletzt hatte die Industrie eine Reduzierung der Kinderarbeit um 70 Prozent bis 2020 in Aussicht gestellt. Daraus geworden ist nichts, wie die neue Studie belegt. Die Kinderarbeit hat in den letzten 10 Jahren nicht abgenommen. Gestiegen ist sogar der Anteil der Kinder, die während der Arbeit gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sind - auf mittlerweile 24 Prozent.   „Menschenrechte nicht zum Nulltarif“ „Die Unternehmen haben zu wenig gegen Kinderarbeit getan und zu spät damit angefangen“, stellt Johannes Schorling, Referent für Wirtschaft und Menschenrechte bei INKOTA, fest. „Programme zur Bekämpfung der Kinderarbeit erreichen bisher nur einen kleinen Teil der Bauern, auch weil Unternehmen die hohen Kosten für solche Programme scheuen. Menschenrechte gibt es aber nicht zum Nulltarif. Unternehmen müssen bereit sein, die nötigen Kosten für die Vermeidung von Kinderarbeit zu tragen – dazu gehört auch die Zahlung eines existenzsichernden Kakaopreises.“ Armut bekämpfen, Kinderarbeit beseitigen Um die gravierende Lage nachhaltig zu verbessern, fordert INKOTA die Schokoladenhersteller deshalb auf, ihre Anstrengungen im Kampf gegen Kinderarbeit zu intensivieren. Unternehmen müssen bereit sein, die nötigen Kosten für die flächendeckende Einrichtung von Überwachungs- und Korrektursystemen gegen Kinderarbeit zu tragen. Außerdem müssen die Unternehmen bereit sein, existenzsichernde Kakaopreise zu zahlen, um die Armut der Kakaobauernfamilien zu beenden und dadurch eine der wichtigsten Ursachen für Kinderarbeit zu beseitigen. Lieferkettengesetz gegen gebrochene Versprechen Von der Bundesregierung fordert INKOTA ein wirksames Lieferkettengesetz, das Betroffenen von Menschenrechtsverletzungen ermöglicht, vor deutschen Gerichten auf Schadensersatz zu klagen. Die Verhandlungen über Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz wurden im Bundeskabinett zuletzt jedoch mehrmals vertagt, weil Wirtschaftsminister Peter Altmaier eine starke gesetzliche Regelung blockiert. „Die gebrochenen Versprechen der Schokoladenindustrie zeigen einmal mehr: Ohne klare gesetzliche Spielregeln kommen wir bei der Bekämpfung von Kinderarbeit nicht weiter“, so Johannes Schorling. Jetzt E-Mail an Wirtschaftsminister Altmaier schreiben   
Weiterführende Informationen: Zur NORC-Studie: „Assessing Progress in Reducing Child Labor in Cocoa Production in Cocoa Growing Areas of Côte d’Ivoire and Ghana“ Zum Online-Seminar: Schokolade ohne Kinderarbeit gibt es schon

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Veranstaltungsreihe "Immer auf dem Laufenden sein!"

14. Oktober 2020 - 14:48
Missstände in der globalen Modeindustrie In den Schaufenstern strahlen die neuen Sneaker, Shirts und co. - in den Produktionsstätten hingegen sieht es düster aus. Arbeitsrechte werden verletzt, die Gesundheit der Arbeiter*innen gefährdet und die Umwelt zerstört. Unsere Veranstaltungsreihe “Immer auf dem Laufenden sein!” (online und offline) gibt Einblicke in die Produktionsstätten von Schuhen und Textilien, beleuchtet die Missstände der globalen Fashion-Industrie und zeigt Alternativen und Handlungsmöglichkeiten auf. In sieben digitalen Veranstaltungen bekommt ihr Einblicke in verschiedene Themen rund um die Fashion-Industrie. Expert*innen berichten mit Vorträgen, Lesungen oder Filmmaterial über die Bedingungen in den Produktionsstätten. Unsere indischen Partnerorganisationen berichten von ihrer täglichen Arbeit, für die Rechte der Arbeiter*innen in Indien zu kämpfen und beleuchten die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Arbeiter*innen. Vorherrschende Machtverhältnisse in globalen Lieferketten werden durch einen erfahrbaren, körperlichen Einsatz kritisch reflektiert. Außerdem diskutieren wir mit euch Möglichkeiten, wie Menschenrechte, Sozial- und Umweltstandards in der Modeindustrie umgesetzt werden können - zum Beispiel durch gesetzliche Rahmenbedingungen oder Siegel. Zum Abschluss unserer Veranstaltungsreihe möchten wir offline gemeinsam aktiv werden und unsere Botschaften für eine faire und nachhaltige Fashion-Industrie auf Bannern sichtbar werden lassen. Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann melden Sie sich jetzt an (bitte für jede Veranstaltung einzeln). Hier finden Sie das gesamte Programm und die Links zur Anmeldung (werden laufend aktualisiert und hinzugefügt). Dienstag, 6.10.2020, 18-19:30 Uhr, online
Was deine Schuhe der Welt antun

Gespräch mit Tansy Hoskins Tansy Hoskins berichtet über ihr neues Buch “Foot Work: What Your Shoes Are Doing To The World” und ihre Recherchen in der Schuhindustrie. Mehr Infos Bitte hier anmelden
Samstag, 10.10.2020, 13-14:30 Uhr, online
Arbeiter*innen in der indischen Schuh- und Lederindustrie stärken!

Gespräch und Diskussion mit Sonia Wazed, Society for Labour and Development (SLD) und Pradeepan Ravi, Cividep Indische Arbeitsrechtsaktivist*innen berichten über die aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise auf die Arbeiter*innen, die Missstände in den Fabriken und von ihrer täglichen Arbeit für die Rechte der Arbeiter*innen zu kämpfen. Mehr Infos Bitte hier anmelden Dienstag, 20.10.2020, 18-19:30 Uhr, online
Gegen Moral Distancing hilft nur noch ein Lieferkettengesetz

Vortrag und Diskussion mit Johannes Schorling, INKOTA-netzwerk Wo stehen wir aktuell in Deutschland auf dem Weg zu einem Lieferkettengesetz und wie muss ein Lieferkettengesetz aussehen, um tatsächlich Wirkung zu entfalten? Mehr Infos Bitte hier anmelden Dienstag, 27.10.2020, 18-19:30, online
Welche Schuhe soll ich kaufen? Möglichkeiten und Grenzen von Siegeln und Zertifizierungen

Gespräch und Diskussion mit Rolf Heimann, hessnatur Stiftung  Wir bringen Licht in den Siegel-Dschungel und diskutieren, inwieweit Siegel und Zertifizierungen die vorherrschenden Probleme in der Lieferkette von Textilien und Schuhen verändern können. Mehr Infos Bitte hier anmelden Dienstag, 03.11.2020, 18-20 Uhr, online
Self-As-Other-Trainings: Textiles - Aktivismus durch Verkörperung und Bewegung?

Workshop mit Vivien Tauchmann Der Workshop lädt ein, Machtverhältnisse durch einen erfahrbaren, körperlichen Einsatz zu praktizieren und kritisch zu reflektieren, sowie performative Aktionsformen zu erproben. Mehr Infos Bitte hier anmelden 10.11.2020, 18-19:30 Uhr, online
Leute machen Kleider

Lesung und Gespräch mit Imke Müller-Hellmann Imke Müller-Hellmann macht sich auf die Suche nach den Menschen, die unsere Kleidung herstellen. Ihr Buch “Leute machen Kleider” ist eine Reise durch die globale Textilproduktion, voller Begegnungen und überraschender Einblicke in eine weltweit vernetzte, gigantische Industrie. Bitte hier anmelden Dienstag, 17.11.2020, 18-19:30 Uhr, online
Was steckt in unseren Schuhen? Investigative Recherchen in den Produktionsstätten von Schuhen

Gespräch mit Christian Jentzsch, Facts & Pictures Media Christian Jentzsch begibt sich auf seinen Recherchereisen hinter die schönen Fassaden der Fashion-Industrie. Er berichtet über seine aktuelle Recherche in der indischen Schuh- und Lederindustrie und beschreibt die Herausforderungen seiner Arbeit vor Ort. Bitte hier anmelden Samstag, 21.11.2020, 11-18 Uhr, offline
Politische Textilkunst

Workshop mit Sigrid Ellen Münzberg, SEKUNDÄR-SCHiCK  Wir designen und produzieren Banner aus gebrauchten Textilien mit denen ihr bei Demos oder Veranstaltungen eure Botschaften für eine faire und nachhaltige Fashion-Industrie verbreiten könnt. Mehr Infos Bitte hier anmelden Ansprechpartnerinnen bei Fragen: Helen Gimber und Lena Janda, cccprojekt[at]inkota.de Mehr Informationen: Erfahren Sie mehr über die Kampagne "Change your Shoes" Erfahren Sie mehr über die Kampagne für Saubere Kleidung Mehr Informationen zum Thema Lieferkettengesetz

Gefördert durch Brot für die Welt aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes, den Katholischen Fonds, die Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit des Landes Berlin, Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie durch die Europäische Union. Für den Inhalt ist allein das INKOTA-netzwerk e.V. verantwortlich; der Inhalt kann in keiner Weise als Standpunkt der Förderer angesehen werden.

 

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Online-Seminar: Schokolade ohne Kinderarbeit gibt es schon

14. Oktober 2020 - 11:57
  • Was? Online-Seminar „Fairer Handel und Menschenrechte. Schokolade ohne Kinderarbeit gibt es schon“
  • Wann? Dienstag, 27. Oktober, 20-22:00 Uhr
  • Wo? Zoom, also von überall, jetzt anmelden
Auf den Kakaoplantagen Westafrikas arbeiten rund zwei Millionen Kinder unter ausbeuterischen Bedingungen. Ursächlich hierfür ist vor allem die Armut der Kakaobauernfamilien. Aufgrund der niedrigen Kakaopreise verfügen sie noch immer nicht über ein existenzsicherndes Einkommen. Keiner der großen Schokoladenhersteller kann bisher ausschließen, dass in seinen Produkten Kinderarbeit steckt. Ein Lieferkettengesetz könnte dies ändern, indem es Unternehmen dazu verpflichtet, die Menschenrechte entlang der Lieferketten zu wahren. Doch wie genau wirkt ein Lieferkettengesetz im Kakaoanbau und welche Möglichkeiten bietet es für Produzent*innen im Globalen Süden? Über die Situation in den westafrikanischen Kakao-Anbaugebieten berichtet INKOTA-Referent Johannes Schorling. Im besonderen Fokus seines Vortrags stehen dabei auch die Kämpfe von Kakaobauernorganisationen (wie der INKOTA-Partnerorganisation SEND-Ghana) für existenzsichernde Kakaopreise sowie mehr politische Mitsprache. Im Anschluss folgt die Vorführung des Films „Decolonize Chocolate“. Die Dokumentation gibt Einblicke in das Start-Up fairafric, das seine Schokoladenproduktion vollständig nach Ghana verlagert hat und damit Pionierarbeit vor Ort leistet. Abschließend diskutieren Johannes Schorling und Ann-Kathrin Berek (fairafric) wie die Schieflage im globalen Handelsgefüge von Kakao durchbrochen werden kann und welches Engagement Schokoladenhersteller für eine gerechtere Wertschöpfung und Produktionsbedingungen in den Kakao-Anbauländern zeigen. Herzliche Einladung! Mit: Johannes Schorling, Kampagne "Make Chocolate fair!" beim INKOTA-netzwerk Ann-Kathrin Berek, fairafric Anmeldung: Anmeldung per Mail (mail@az3w.de), daraufhin erhalten Sie einen Zugangslink für das Online-Seminar. Gefördert von NUE, El-Puente-Stiftung und KED. Eine Aktion des Aktionszentrums Dritte Welt e.V. Weitere Informationen: Mehr zum Thema Lieferkettengesetz Erfahren Sie mehr über die Kampagne Make Chocolate Fair!
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Veranstaltungsreihe „Gefährliche Pestizide“

13. Oktober 2020 - 14:50
Weltweit sind vor allem Bauern und Bäuerinnen, Landarbeiter*innen und die ländliche Bevölkerung in Ländern des globalen Südens von den massiven Gesundheits- und Umweltschäden betroffen, die durch den Einsatz gefährlicher Pestizide verursacht werden. Teilweise sind die eingesetzten Pestizide sogar aufgrund ihrer Umwelt- und Gesundheitsrisiken in der Europäischen Union (EU) explizit verboten. Gleichzeitig machen Pestizidhersteller wie Bayer und BASF gerade außerhalb der EU Milliardenumsätze mit hochgefährlichen Pestiziden. Nach der Veröffentlichung der Studie „Gefährliche Pestizide von Bayer und BASF – ein globales Geschäft mit Doppelstandards“ laden INKOTA, MISEREOR und die Rosa-Luxemburg-Stiftung nun zu einer Online-Veranstaltungs-Reihe mit internationalen Expert*innen ein, bei der in drei Runden folgende Themen diskutiert werden sollen: Donnerstag, 29.10.2020, 17:30-19:30 Uhr, online
Sichere Anwendung von Pestiziden – ein Mythos?

Aus verschiedenen Perspektiven beleuchten wir, ob eine „sichere Anwendung“ von Pestiziden in Ländern des globalen Südens Realität ist, was die gesundheitlichen Risiken für die lokale Bevölkerung sind und welche Maßnahmen nötig sind, um Mensch und Umwelt zu schützen. Mit:
Adriana Montero, Instituto de Capacitación para el Desarrollo (INCADE, Bolivien)
Dr. Christian Schliemann-Radbruch, European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR)
Prof. Dr. Damián Verzeñassi, Instituto de Salud Socioambiental de la Facultad de Ciencias Médicas de la Universidad Nacional de Rosario sowie Universidad Nacional del Chaco Austral (Argentinien)
N.N., Bayer Cropscience Moderation: Sarah Schneider, MISEREOR Die Diskussion wird auf Deutsch und Spanisch stattfinden, eine Übersetzung in beide Sprachen wird zur Verfügung stehen. Bitte hier anmelden Donnerstag, 12.11.2020, 17:30-19:00 Uhr, online
Regulierung von Pestiziden – in Deutschland und global

Nach einer Einführung in die bisherige Regulierungspolitik von Pestiziden auf UN-Ebene, diskutieren wir gemeinsam, wie die Pestizidregulierung auf deutscher, europäischer und internationaler Ebene verbessert werden müsste, um die Gesundheit von Menschen im globalen Süden zu schützen. Mit:
Daniela Wannemacher, Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
Dr. Kirsten Tackmann, MdB, DIE LINKE, Obfrau im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
Susan Haffmans, Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany)
Uwe Kekeritz, MdB, Bündnis90/Die Grünen, Sprecher für Entwicklungspolitik Moderation: Lena Luig, INKOTA-netzwerk Bitte hier anmelden Mittwoch, 2.12.2020, 17:30-19:00 Uhr, online
Ausstieg aus synthetischen Pestiziden – ganz konkret

Zum Abschluss der Reihe diskutieren wir mit Expert*innen aus Nord und Süd, wie ein schrittweiser, kompletter Ausstieg aus dem Einsatz synthetischer Pestizide gelingen kann und was es dafür braucht. Mit:
Jan Wittenberg, Biobauer
Dr. Silke Bollmohr, Beraterin für ökotoxikologische Risikobewertung und Kommunikation
Dr. G. V. Ramanjaneyulu, Centre for Sustainable Agriculture, Indien Moderation: Jan Urhahn, Rosa-Luxemburg-Stiftung Die Diskussion wird auf Deutsch und Englisch stattfinden, eine Übersetzung in beide Sprachen wird zur Verfügung stehen. Bitte hier anmelden Weitere Informationen: Zur Studie „Gefährliche Pestizide von Bayer und BASF – ein globales Geschäft mit Doppelstandards“ Jetzt Appell „Giftexporte stoppen!“ unterzeichnen Erfahren Sie mehr zum Thema Gefährliche Pestizide  Erfahren Sie mehr über unsere Kampagnen zu Welternährung und Landwirtschaft!
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Welternährungstag: Hungernde unterstützen, nicht Konzerne!

12. Oktober 2020 - 15:39
150 Millionen hungernde Menschen mehr als heute. Das prognostizieren die Vereinten Nationen für das Jahr 2030. Dabei hatten die Staats- und Regierungschefs der Welt mit der Verabschiedung der globalen Nachhaltigkeitsziele, den SDGs, im Jahr 2015 beschlossen, den Hunger bis 2030 zu beenden. Doch seit 2014 steigt die Zahl der hungernden Menschen weltweit. 2019 zählte die Welt rund 690 Millionen Menschen, die an chronischem Hunger leiden - 10 Millionen mehr als im Vorjahr! Aufgrund der Corona-Pandemie hat sich die Ernährungssituation vor allem im globalen Süden noch weiter verschärft. Die Zahlen für 2020 lassen sich noch kaum vorhersagen. Um diese fatale Entwicklung aufzuhalten ist eine radikale Abkehr von der bisherigen Ernährungspolitik notwendig. Dies fordert INKOTA mit einem Bündnis von 46 Organisationen in einem Positionspapier, das wir anlässlich des Welternährungstags am 16. Oktober veröffentlich haben. Dazu gehört eine Abkehr von Ansätzen der Grünen Revolution und der Grünen Gentechnik sowie ein zügiger agrarökologischer Umbau der Ernährungssysteme. Erfolgreiche Methoden vor Ort müssen verstärkt und in der Strategie der Hungerbekämpfung ausgebaut werden. Zum Beispiel sollte die Politik die bäuerliche Verarbeitung und ihre ortsnahe Vermarktung sowie Gemeinschaftsverpflegung aus regionaler, agrarökologischer und fairer Produktion fördern. Konzernmacht begrenzen – Hunger bekämpfen Die Bundesregierung muss ihren Einfluss nutzen, damit die globalen Ernährungssysteme in Zukunft gerecht, agrarökologisch und demokratisch ausgerichtet werden. Dafür enthält das Positionspapier 11 Schritte mit 60 konkreten Empfehlungen. So muss der Einsatz neuer und alter Gentechnik in der Entwicklungszusammenarbeit ausgeschlossen, Landarbeiter*innen vor Ausbeutung besser geschützt und die Vereinnahmung der Politik durch Konzerne verhindert werden. Das Bündnis sieht die Gründe für die fehlenden Fortschritte bei der Hungerbekämpfung maßgeblich darin, dass sich die Politik an den Interessen großer Konzerne statt am Menschenrecht auf Nahrung ausrichtet. Landwirtschaft und Ernährung sollten nicht den konzerndominierten Märkten überlassen werden. Die enorme Macht von großen Konzernen ist nicht alternativlos. Die Bundesregierung hat es in der Hand, die Macht der Konzerne zurückzudrängen. Sie könnte etwa Patente auf Leben verbieten und eine rechtliche Grundlage schaffen, um übermächtige Konzerne zu entflechten. Zum „Positionspapier Welternährung 2030: 11 Schritte für eine Zukunft ohne Hunger“ Weitere Informationen: Zur Studie: „Falsche Versprechen - Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“Erfahren Sie mehr zum Thema Welternährung und Landwirtschaft



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Gegen Moral Distancing

6. Oktober 2020 - 10:05
In Zeiten von Corona ist ein Lieferkettengesetz dringlicher denn je Von Johannes Schorling Die Coronapandemie zeigt: Globale Lieferketten sind häufig fragil, und in Krisenzeiten trifft es die schwächsten Glieder am Anfang der Kette am härtesten. Nachdem die deutsche Wirtschaft beim Menschenrechtstest der Bundesregierung erneut durchgefallen ist, könnte es zum Durchbruch für das Lieferkettengesetz kommen. Doch es bleiben Widerstände und offene Fragen. Eine Lehre der letzten Monate lautet: Die soziale Ungleichheit geht auch in Coronazeiten nicht in Quarantäne. Die Pandemie hat viele Menschen in Deutschland hart getroffen. Noch dramatischer ist jedoch häufig die Lage in Ländern des globalen Südens, wo die Mehrheit der Menschen keinen Zugang zu sozialen Sicherungssystemen hat. So zeigen sich die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie am Anfang globaler Lieferketten besonders drastisch. Jetzt den Südlink 193 "Gefährliche Pestizide: Für eine Landwirtschaft ohne Agrargifte" bestellen In Ländern wie Bangladesch, Kambodscha, Indien und Myanmar verloren Millionen von Arbeiter*innen in der Bekleidungsindustrie durch die Schließung von Fabriken im März ihren Job und hatten so keinerlei Einkommen mehr. Unsere indische Partnerorganisation CIVIDEP berichtete von zehntausenden Wanderarbeiter*innen, die mittellos und ohne Bleibe in Bahnhöfen strandeten, als der Bus- und Bahnverkehr im ganzen Land eingestellt wurde und sie nicht mehr in ihre Dörfer zurückkehren konnten. Gleichzeitig stornierten europäische Modekonzerne Aufträge in Milliardenhöhe und verweigerten die Zahlung selbst für bereits produzierte oder in der Herstellung befindliche Ware. Diese Stornierungen wurden nach massiven Druck zwar teilweise zurückgenommen, doch noch immer fordern manche Unternehmen einen Preisnachlass oder verschieben die Bezahlung. Auch im Kakaoanbau in Westafrika sind die Folgen von Corona spürbar: Die Nachfrage nach Kakao auf dem Weltmarkt ist eingebrochen, der Kakaopreis zwischen Februar und Juni um rund 20 Prozent gefallen. Gleichzeitig haben die Kakaobauernfamilien höhere Kosten, weil die Lebensmittelpreise in Folge der Pandemie gestiegen sind. Dies und die Schließung der Schulen haben in der Elfenbeinküste laut der industrienahen International Cocoa Initiative (ICI) zu einem Anstieg der Kinderarbeit um 21 Prozent geführt. Die Coronapandemie zeigt damit auch die Schwächen der Globalisierung, wie sie derzeit dominiert. Durch die Verteilung von Produktionsschritten über den ganzen Globus aus Kostengründen und durch „Just-in-Time“-Produktion, um Lagerkapazitäten zu sparen, sind Lieferketten deutlich krisenanfälliger geworden. „Plötzlich wird insbesondere Firmen in der Pharma-, Textil- und Techindustrie bewusst, dass ihre Werkbänke in Asien nicht nur schön billig sind, sondern auch hässlich weit weg“, schreibt etwa die WirtschaftsWoche. Die Forderung nach „resilienten“ Lieferketten ist deshalb zurzeit in aller Munde: Lieferketten sollen verkürzt und weniger verwundbar werden. Unternehmen denken darüber nach, Produktionsschritte in ihre Heimatregionen zurückzuverlagern, und bessere Risikomanagement-Systeme aufzubauen. Durchbruch für das Lieferkettengesetz? Diese dürfen sich jedoch nicht nur auf Geschäftsrisiken beschränken, sondern müssen auch Menschenrechts- und Umweltrisiken einschließen. Es darf nicht sein, dass Unternehmen in Zeiten der Krise „Moral Distancing“ betreiben und keinerlei Rücksicht auf die Menschen am anderen Ende der globalen Wertschöpfung nehmen. Es ist Zeit für ein Lieferkettengesetz – nicht trotz, sondern gerade auch wegen Corona. Und tatsächlich: Nachdem das Lieferkettengesetz wegen der Krisenbewältigung zwischenzeitlich unter die Räder zu geraten drohte, hat die Debatte in den letzten Monaten neuen Aufwind bekommen. EU-Justizkommissar Didier Reynders hat angekündigt, im kommenden Jahr auf europäischer Ebene einen Vorschlag für eine Regulierung vorzulegen. Auch in der Union bröckelt der Widerstand: Erst machte CDU-Fraktionsvize Hermann Gröhe Druck für ein Lieferkettengesetz, dann sprach sich auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt für ein Gesetz noch in dieser Legislaturperiode aus. Im Juli präsentierten Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) schließlich die Ergebnisse der zweiten Unternehmensbefragung im Rahmen des Nationalen Aktionsplans für Wirtschaft und Menschenrechte (NAP). Nachdem die deutsche Wirtschaft schon beim ersten Menschenrechtstest krachend gescheitert war, fiel das Ergebnis auch in der zweiten Runde kaum besser aus: Nur 22 Prozent der großen deutschen Unternehmen, die sich überhaupt an der Befragung beteiligt haben, halten sich freiwillig an menschenrechtliche Standards. Und das, obwohl die Wirtschaftslobby im Vorfeld alles daran gesetzt hatte, die Anforderungen zu verwässern. Angesichts dieses blamablen Ergebnisses führt an einer gesetzgeberischen Verantwortung kein Weg mehr vorbei – so sieht es auch der Koalitionsvertrag vor. Und tatsächlich kündigten die Minister Heil und Müller an, im August Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz ins Kabinett zu bringen, damit das Gesetz noch in dieser Wahlperiode beschlossen werden kann. Jetzt den Südlink abonnieren Zu den stärksten Blockierern gehört neben den Arbeitgeberverbänden Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Bisher konnte sich Altmaier auf die Rückendeckung durch Angela Merkel verlassen. Doch Mitte Juli stellte sich die Bundeskanzlerin erstmals öffentlich hinter ein Lieferkettengesetz. Altmaier und die Wirtschaftsverbände spielen vor allem auf Zeit – und werden in den kommenden Monaten nichts unversucht lassen, ein Lieferkettengesetz so weit wie möglich zu verwässern, wenn nicht sogar noch ganz zu verhindern. Damit rückt die Frage nach den Details einer Gesetzgebung immer mehr in den Mittelpunkt. In einem öffentlich bekannt gewordenen Papier aus dem Arbeits- und dem Entwicklungsministerium heißt es zum Beispiel, dass die Beweislast bei Schadensersatzklagen ausschließlich bei den Kläger*innen liegen soll. Die Initiative Lieferkettengesetz kritisiert, dass es Betroffenen so kaum gelingen wird, Unternehmen eine Verletzung ihrer Sorgfaltspflichten nachzuweisen, da ihnen der Einblick in unternehmenseigene Vorgänge fehlt und sie diesen bei fehlenden Offenlegungsansprüchen auch nicht erlangen können. Die Initiative fordert deshalb eine Beweislastumkehr oder zumindest eine Beweiserleichterung. Nach dem Abschluss des NAP-Monitorings und der Unterstützung von Bundeskanzlerin Merkel steht also fest: Wir sind einen großen Schritt weitergekommen. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Johannes Schorling ist Referent für Wirtschaft und Menschenrechte bei INKOTA und Mitglied im Steuerungskreis der Initiative Lieferkettengesetz. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt Südlink 193 "Gefährliche Pestizide: Für eine Landwirtschaft ohne Agrargifte" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren
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Meilenstein: Höhere Preise für Kakaobauern

2. Oktober 2020 - 11:22
Gute Nachrichten für Kakaobauern und –bäuerinnen in Ghana und der Côte d’Ivoire: Ab dem 1. Oktober steigt der garantierte staatliche Mindestpreis für Kakao in der Côte d’Ivoire um 21 Prozent und in Ghana um 28 Prozent. In Ghana ist das die erste Preiserhöhung seit 2016. In der Côte d’Ivoire musste die Regierung 2017 zuletzt sogar die Ab-Hof-Preise, die unmittelbar auf den Kakaoplantagen für Kakaobohnen gezahlt werden, an ivorische Produzent*innen senken. Staaten trotzen Macht der Industrie Die jetzt verkündete Preiserhöhung um 28 Prozent wurde nur ermöglicht, weil sich die beiden größten kakaoproduzierenden Länder zusammengeschlossen haben. Sie fordern jetzt unabhängig vom Weltmarktpreis von der Kakao- und Schokoladenindustrie einen Preisaufschlag von 400 US-Dollar pro Tonne. Nach anfänglichem Widerstand hat sich die Industrie bereit erklärt, den Preisaufschlag zu zahlen. Ghana und die Côte d’Ivoire liefern 60 Prozent der weltweiten Kakaoernte. Bislang haben sich keine weiteren kakaoanbauenden Länder der ghanaisch-ivorischen Initiative angeschlossen. Kakaobehörden in der Pflicht Die INKOTA-Partnerorganisation SEND-Ghana setzt sich seit 2018 für eine faire Kakaopreispolitik in Ghana ein. Sandra Kwabea Sarkwah von der INKOTA-Partnerorganisation SEND-Ghana erklärt: „Wir begrüßen die Erhöhung des Ab-Hof-Preises als wichtigen Meilenstein. Nun muss die Kakaobehörde dafür sorgen, dass der neue Preis im vollem Umfang bei Bauern und Bäuerinnen ankommt. Immer wieder werden sie an den Verkaufsstellen betrogen, weil Waagen manipuliert sind.“ SEND-Ghana wird gemeinsam mit Kooperativen eine Informationskampagne starten, um Produzent*innen über die Preiserhöhungen und ihre Rechte zu informieren. Sandra Sarkwah weist außerdem darauf hin, dass bei steigenden Weltmarktpreisen auch der Ab-Hof-Preis weiter angehoben werden muss. Existenzsicherndes Einkommen noch in weiter Ferne Doch auch die Preiserhöhung schließt die Lücke zum existenzsichernden Einkommen nicht. Trotz einem stetig steigenden Anteil von zertifizierten Kakao, verfügt die Mehrheit der Kakaobauernfamilien nicht über ein existenzsicherndes Einkommen. Armut und Kinderarbeit gehören noch immer zum Alltag der knapp zwei Millionen Kakaobauernfamilien. Nach Berechnungen des INKOTA-netzwerks müsste der Ab-Hof-Kakaopreis bei über 3.000 US-Dollar pro Tonne und damit fast doppelt so hoch liegen, um Kakaobauernfamilien ein angemessenes Einkommen zu garantieren. „Jetzt ist es Zeit, dass auch die Schokoladenindustrie ihre Hausaufgaben macht. Faire Preise sind eine Grundvoraussetzung, um Menschenrechtsverletzungen in ihren Lieferketten zu begegnen,“ fordert Evelyn Bahn vom INKOTA-netzwerk. Weitere Informationen Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Ghana Erfahren Sie mehr zur Kampagne "Make Chocolate Fair!" Zum Infoblatt "Was ist ein fairer Kakaopreis?"
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Nicaragua: Neue Attacke gegen Zivilgesellschaft

1. Oktober 2020 - 14:40
In Nicaragua überschlagen sich die Ereignisse. Am 22. September brachte die Regierungspartei FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional) von Präsident Daniel Ortega eine Gesetzesinitiative ein, die die Regulierung sogenannter „ausländischer Agenten“ vorsieht. Sollte es zu einer Verabschiedung dieses Gesetzentwurfs kommen, sind gravierende Konsequenzen für INKOTAs Partnerorganisationen sowie die nicaraguanische Zivilgesellschaft im Allgemeinen zu befürchten: Eine verschärfte Kontrolle ihrer Arbeit durch die Regierung, eine weitere Einschränkung ihrer politischen Partizipations- und Handlungsspielräume sowie der Rechte auf Vereinigungs- und Meinungsfreiheit im Allgemeinen drohen. Zivilgesellschaft droht Totalüberwachung Denn das Gesetz sieht vor, dass sich Personen und Organisationen, die ausländische Finanzierung erhalten, im Innenministerium registrieren müssen. Finanzen und Aktivitäten würden dann vom Staat kontrolliert werden. Verstöße hätten strafrechtliche Sanktionen, Beschlagnahmung der Aktiva oder gar Entzug der Rechtspersönlichkeit zur Folge. Auch bei Einmischung in innenpolitische Fragen, Aktivitäten oder Angelegenheiten sei mit Sanktionen zu rechnen. Offiziell heißt es, das Gesetz solle eine Einmischung anderer Länder in die inneren Angelegenheiten Nicaraguas unterbinden. Haft für Protest und freie Meinungsäußerung Ein weiterer Gesetzentwurf der Anlass zur Sorge bietet, ist das am 28. September eingebrachte „Spezial-Gesetz über Cyber-Delikte“. Dieses sieht Haftstrafen von zwei bis vier Jahren für die Verbreitung „falscher“ oder „verzerrter“ Informationen im Internet vor, die Unruhe und Furcht in der Bevölkerung verursachen könnten. Neben der konkreten Bestrafung von als „Cyber-Delikt“ interpretierter Informationsarbeit und der Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit, wird befürchtet, dass dies eine weitere Selbstzensur von Zivilgesellschaft und Oppositionellen zur Folge haben wird. Des Weiteren ist ein „Gesetz zur lebenslänglichen Freiheitsstrafe“ geplant, das so vage formuliert ist, dass es sich wohl maßgeblich gegen Oppositionelle richtet. Soziale Proteste könnten nach dem Regierungsvorschlag dann zukünftig mit lebenslanger Haft bestraft werden. Repression gegen ehemaligen INKOTA-Partner Zivilgesellschaftliche Organisationen werden in Nicaragua zunehmend kriminalisiert und verfolgt. Ende September kam es unter anderem zu Vorfällen bei den renommierten Frauenorganisationen Movimiento María Elena Cuadra (ehemaliger INKOTA-Partner), La Corriente und Coordinadora de Mujeres Rurales en León, die einen Vorgeschmack auf die Durchsetzung der Gesetze geben: Die Organisationen wurden willkürlich und ohne Angaben von Gründen von der Polizei aufgesucht, ihre Büroräume teils umstellt oder der Zugang zu ihnen untersagt, ihre Mitglieder bedroht und zum Teil inhaftiert. Wir solidarisieren uns mit den von staatlicher Repression betroffenen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Menschen in Nicaragua und sprechen uns aus für eine Nicht-Verabschiedung der drei Gesetzesinitiativen! Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Nicaragua
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Online-Seminar: Gefährliche Pestizide und Nierenversagen in Zentralamerika

30. September 2020 - 13:31
  • Was? Online-Seminar mit Partner*innen aus dem globalen Süden
  • Wann? Donnerstag, 4. November, 18-19.30 Uhr
  • Wo? Überall, denn es ist ein Online-Seminar; jetzt anmelden
Seit 20 Jahren beobachten Expert*innen eine auffällige Häufung von chronischem Nierenversagen in den Zuckerrohranbaugebieten in Zentralamerika. Arbeiter*innen auf den Plantagen sind davon genauso betroffen wie die im Umfeld lebenden Familien. Über 20.000 Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren an chronischer Niereninsuffizienz in der Region gestorben. Hitzestress auf den Plantagen, Dehydrierung und Einsatz von Pestiziden werden für die Krankheit verantwortlich gemacht. Im Verdacht stehen die im Zuckerrohranbau vielfach eingesetzten Herbizide Paraquat und Glyphosat. Bei dieser Veranstaltung wollen wir von Partner*innen aus Zentralamerika erfahren, welche Ausmaße das Leiden an chronischer Niereninsuffizienz in den Zuckerrohranbaugebieten in El Salvador und Nicaragua inzwischen angenommen hat. Anschließend wollen wir gemeinsam diskutieren, welche politischen Maßnahmen auch von Deutschland aus ergriffen werden können, um die Gesundheit der Menschen in den zentralamerikanischen Zuckerrohranbaugebieten sicherzustellen – gerade in Zeiten von Corona ein brandaktuelles Thema. Referent*innen:
  • Ana Celia Tercero, Direktorin der Frauenorganisation APADEIM (Asociación para el Desarrollo Integral de la Mujer), El Viejo, Nicaragua
  • Adalberto Blanco, Mitarbeiter des Kooperativenverbands FECORACEN, El Salvador
  • Peter Clausing, Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany)
Moderation: Lena Luig, INKOTA-netzwerk Die Veranstaltung wird auf Deutsch und Spanisch stattfinden. Eine Übersetzung in beide Sprachen wird gewährleistet. Eine Anmeldung ist über das Anmeldeformular erforderlich. Eine gemeinsame Veranstaltung von INKOTA und der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Weitere Informationen: Jetzt Petition „Giftexporte stoppen!“ unterzeichnen Erfahren Sie mehr zu Welternährung und Landwirtschaft Erfahren Sie mehr zu unserer Arbeit in El Salvador Erfahren Sie mehr zu unserer Arbeit in Nicaragua
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Vietnam: Landrechtsaktivist*innen zum Tode verurteilt

29. September 2020 - 11:43
Zwei Bewohner*innen des südlich der Hauptstadt Hanoi gelegenen Dorfes Dong Tam sind zum Tode verurteilt worden. 27 weitere Personen erhielten mehrjährige Haftstrafen. Der Grund: Ihnen wird vorgeworfen, im Rahmen eines gewaltsamen Landkonfliktes den Tod dreier Polizist*innen verschuldet zu haben. Die genauen Umstände, wie die Polizist*innen zu Tode kamen, sind allerdings umstritten. Nach Angaben der Betroffenen waren die im Prozess vorgelegten Geständnisse unter Folter erpresst worden. Dieses grausame Urteil markiert den traurigen Höhepunkt eines langjährigen Landkonfliktes. Die Bewohner*innen des Dorfes Dong Tam wehren sich bereits seit langem gegen die in ihren Augen unrechtmäßige Enteignung ihres Landes. Am 9. Januar 2020 schließlich stürmten etwa 3.000 Polizist*innen das Dorf, um es für ein vom Militär geführtes Telekommunikationsunternehmen räumen zu lassen. Bei dem Zusammenstoß kam neben drei Polizist*innen auch der Dorfälteste ums Leben - der Vater der beiden nun zum Tode verurteilten Männer. Internationale Kritik an Gerichtsurteil Mehrere Menschenrechtsorganisationen, darunter Human Rights Watch und Amnesty International, verurteilten den Prozess als nicht rechtsstaatlich. Sie werfen der Regierung vor, angesichts zahlreicher Landkonflikte in Vietnam ein Exempel statuieren zu wollen, um Bauern und Bäuerinnen von Widerstandsaktionen gegen staatliche Willkür abzuschrecken. Das Urteil des nur sieben Tage dauernden Prozesses habe bereits im Vorfeld festgestanden, kritisieren die Organisationen. Zudem weisen sie darauf hin, dass die Angeklagten während ihrer Untersuchungshaft weder ihre Familien noch ihre Anwält*innen sehen durften. Darüber hinaus seien im Prozess verschiedene Zeug*innen der Verteidigung nicht angehört worden. Der Sprecher für Außen- und Sicherheitspolitik der EU sprach in einer Stellungnahme von ernsthaften Bedenken über die Bedingungen des Prozesses und bezeichnete die Urteile als grausam und unmenschlich. Auch wir von INKOTA sind vom Ausgang des Verfahrens tief getroffen. Seit Ende letzten Jahres unterstützen wir in Vietnam die Umsetzung eines Programms zur Sicherung von Landrechten – eine Arbeit, die angesichts der jüngsten Ereignisse von besonderer Relevanz ist. Unsere Partnerorganisationen informieren die Bäuerinnen und Bauern über bestehende Gesetze und unterstützen sie mittels Rechtsberatungen in der gewaltfreien Lösung von Landkonflikten. Mehr Informationen: Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Vietnam
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Online-Seminar zu Süd-Perspektiven auf eine Rohstoffwende

24. September 2020 - 10:45
  • Was: Online-Workshop: Für eine Rohstoffwende - Perspektiven aus dem Globalen Süden
  • Wann: 14. Oktober 2020, 16-18:00 Uhr (in englischer Sprache & digital)
  • Wo: Zoom
Die Rohstoffe, die die Konsumgesellschaften des globalen Nordens verbrauchen, werden hauptsächlich im globalen Süden gewonnen. Abbau, Nutzung und Verbrauch von metallischen Rohstoffen stehen in direkter Verbindung mit vielfältigen Menschenrechts- und Umweltproblemen - von denen primär der globale Süden betroffen ist. Allein mit mehr Effizienz oder neuen Technologien sind diese Probleme nicht lösbar. Die Länder des globalen Nordens konsumieren am meisten Rohstoffe. Sie haben deshalb eine besondere Verantwortung ihre Nachfrage nach Rohstoffen in absoluten Zahlen zu verringern, sowie mit Sorgfalt die Menschenrechte in den internationalen Lieferketten zu achten. Doch wie geht das? Um diese Frage zu nähern, möchte der AK Rohstoffe sein Konzept der Rohstoffwende vorstellen und kritisch diskutieren. Darüber hinaus werden Expert*innen aus Argentinien, DR Kongo und Kolumbien ihre Perspektiven zum Thema teilen und über ihren Kampf für eine rohstoffgerechte Welt berichten. Denn an vielen Orten unserer Welt wehren sich die Menschen gegen diese Ausbeutung und verdeutlichen ihre Vorstellungen von zukunftsfähigem Leben. Mit:Pia Marchegiani (Farn, Argentinien), Direktorin für Umwelt Politik bei der „Fundacion Ambiente y Recursos Naturales“ (FARN) in Argentinien. Sie arbeitet mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Indigenen Gemeinschaften. – Jacques Nzumbu Mwanga (CARF, DR Kongo), Mitglied bei Arrupe Centre for Research and Training (CARF) in der Demokratischen Republik Kongo. Seine Forschungsbereiche sind Governance und verantwortungsvolle Lieferketten für Kobalt, Strategische Mineralien- und Energiewende, Kleinbergbau Zertifikation, Rückverfolgbarkeit und Unterstützung für Kooperativen sowie Corperate Social Environmental Responsibility. – Andrés Ángel (AIDA, Kolumbien), wissenschaftlicher Berater für das „Freshwater Preservation Program“. Er ist Forscher in verschiedenen sozio-ökologischen Konflikten und territorialen Verteidigungsprozessen, vor allem im Zusammenhang mit Neo-Extraktivismus. Anmeldung: Voraussetzung für eine Teilnahme ist eine formlose Anmeldung per E-Mail mit Name an nicole.baerthlein@power-shift.de. Diese sollte bis zum Vortag des Online-Seminars erfolgen. Die Zusendung des Online-Zugangs erfolgt nach der Anmeldung. Veranstalter*innen: INKOTA, BUND, Germanwatch, Heinrich-Böll-Stiftung, PowerShift Weitere Informationen: Erfahren Sie mehr zum Themenbereich Ressourcengerechtigkeit Mehr Infos zum Thema Rohstoffpolitik Lesen Sie die Broschüre "12 Argumente für eine Rohstoffwende"
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Zu gefährlich für Mensch und Natur

23. September 2020 - 12:33
Integrierte Schädlingsbekämpfung könnte im Kakaoanbau eine Alternative zu giftigen Pestiziden sein Von Daniel Baumert und Raymond Owusu-Achiaw Gefährliche Pestizide sind aus Ghanas Kakaoanbau kaum wegzudenken. Einige dieser Pestizide, die zumeist aus Europa importiert werden, dürfen dort längst nicht mehr verwendet werden. Dabei gibt es umweltfreundliche Methoden der Schädlingsbekämpfung. Diese bieten immense langfristige Vorteile. Noch aber werden sie kaum angewandt. Bis zu 40 Prozent der globalen Kakaoernte fallen jährlich Schädlingsbefall zum Opfer. Verfaulende Bohnen, vertrocknende Bäume und Maden bereiten den Kakaobäuerinnen und -bauern weltweit Kopfzerbrechen. Auch wenn es Alternativen gibt, stehen synthetische Pestizide bei ihnen hoch im Kurs. So auch in Ghana. Seit 2001 subventioniert der ghanaische Staat den flächendeckenden Einsatz von Pestiziden. Viele der hierbei zur Anwendung kommenden Pestizide sind in Europa mittlerweile verboten oder nur noch in Gewächshäusern erlaubt. Sie töten nämlich nicht nur Schädlinge, sondern auch wichtige Blütenbestäuber. Langfristig scheint so das Produktivitätsversprechen in Gefahr. Jetzt den Südlink 193 "Gefährliche Pestizide: Für eine Landwirtschaft ohne Agrargifte" bestellen Ghana, einst der weltweit größte Produzent von Kakaobohnen, verlor in den 70er Jahren diese Position an seinen Nachbarn die Côte d’Ivoire. Auch aufgrund von Insekten- und Pilzbefall. Das staatliche Cocoa Disease and Pest Control Programme hat nicht nur zu stetigen Erntesteigerungen der letzten zwanzig Jahren geführt sondern auch die großflächige Anwendung von chemischen Pestiziden enorm gefördert. Ungefähr 85 Prozent der ghanaischen Kakaobäuerinnen und -bauern halten Pestizide für die effektivste Methode zur Sicherung ihrer Ernte vor Schädlingsbefall. Sie nehmen hierfür auch Risiken für die Umwelt und die menschliche Gesundheit in Kauf. Übelkeit, Schwindel und Juckreiz sind häufig auftretende Symptome, die aus dem Gebrauch der Pestizide resultieren. Ob beim Anmischen, bei der Entsorgung leerer Behälter, bei der Lagerung oder bei der Ausbringung selbst, Sicherheitsanweisungen sind nur schwer einzuhalten. Auch Kinder sind den hochgefährlichen Pestiziden immer ausgesetzt. So fand eine Studie des US-Arbeitsministeriums heraus, dass ein Viertel der verbotenerweise im Kakaoanbau arbeitenden Kinder in Kontakt mit Pestiziden kommt. Die Langzeitfolgen für die Umwelt und Gesundheit sind kaum abschätzbar.  Kritische Stimmen sind noch rar Von wenigen Umweltschützer*innen abgesehen wird die flächendeckende Pestizidanwendung in Ghana weithin akzeptiert. Ertragssteigerung steht für viele im Vordergrund. Zunehmend wird aber die entstehende Abhängigkeit zum Thema gemacht. Keines der zur Anwendung kommenden Pestizide wird in Ghana selbst hergestellt, weshalb es zu großen Preisschwankungen kommt, die auf den internationalen Pestizidmärkten entstehen. Darüber hinaus beginnen Gesundheitsexperten die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit – insbesondere für Schwangere und Neugeborene – öffentlich zu thematisieren. Gefragt nach Alternativen überraschen mehr als die Hälfte der Kakaobäuerinnen und -bauern mit fundiertem Wissen zu biologischer Landwirtschaft und integrierter Schädlingsbekämpfung. Letztere ist ein ganzheitlicher Ansatz, der im Kakaoanbau sich eine gute Luftzirkulation, Vermeidung von Staunässe, ausreichende Lichtdurchlässigkeit und eine regelmäßige Ernte zu Nutze macht. Gezielter Baumschnitt fördert die Widerstandsfähigkeit. So wird das Mikroklima innerhalb der Kakaoplantage maßgeblich beeinflusst. Ein umfassendes Konzept der integrierten Schädlingsbekämpfung beinhaltet auch das Züchten widerstandsfähiger Sorten und die Verwendung von Biopestiziden. Jetzt den Südlink abonnieren Doch nur eine absolute Minderheit wendet sie an. Die Umstellung birgt für viele Familien nicht kalkulierbare Risiken, erfordert wesentlich mehr Arbeitseinsatz und verlangt nach häufig auf lokalen Märkten nicht verfügbaren Biopestiziden. All dies ist allerdings eine Folge fehlender öffentlicher und privater Unterstützung. Während chemische Pestizide hochsubventioniert, von Entwicklungsorganisationen gefördert und fester Bestandteil privater Nachhaltigkeitsinitiativen sind, fristen alternative Methoden ein Nischendasein. Das muss sich ändern. Angefangen mit der Kakaopolitik vor Ort. Die Förderung chemischer Pestizide durch den Staat macht den Wechsel zu alternativen Schädlingsbekämpfungsmethoden fast unmöglich. Es fehlt an Anreizen, in neue, umweltverträgliche Methoden zu investieren. Auch die sogenannten Nachhaltigkeitsinitiativen der großen internationalen Kakao- und Schokoladenunternehmen müssen integrierte Schädlingsbekämpfung in ihre Trainingsprogramme mit aufnehmen. Denn auch sie tragen eine Verantwortung für die Umweltschäden und die gesundheitlichen Folgen der von ihnen bereitgestellten Pestizide. Anreize zum Wechsel von synthetischen Pestiziden zu integrierter Schädlingsbekämpfung könnten auch die Zertifizierungen schaffen. Die Listen der verbotenen Substanzen müssen an die Liste der hochgefährlichen Pestizide des Pestizid Aktions-Netzwerks angepasst werden und die Einhaltung regelmäßig überprüft werden. Als letztes müssen die Doppelstandards beseitigt werden, um zumindest die gefährlichsten Pestizide aus dem Verkehr zu ziehen. So kann ein schrittweiser Umstieg von synthetischen Pestiziden zu integrierter Schädlingsbekämpfung gelingen. Daniel Baumert arbeitet bei INKOTA als Referent an der Schnittstelle von Wirtschaft und Menschenrechten im Kakaosektor.
Raymond Owusu-Achiaw ist Experte für integrierte Schädlingsbekämpfung und Pestizide bei Conservation Alliance International in Ghana. Gefährliche Pestizide Die staatliche ghanaische Regulierungsbehörde COCOBOD veröffentlicht regelmäßig eine aktualisierte Liste der für den Kakaoanbau zugelassenen Wirkstoffe. Erst nach und nach wurden besonders giftige Wirkstoffe, wie DDT oder Lindan, entfernt. Neue Erkenntnisse in Bezug auf Umweltauswirkungen und Folgen für die menschliche Gesundheit hatten zu einem globalen Verbot geführt. Doch obwohl DDT bereits 2002 und Lindan 2007 in Ghana verboten wurden, finden sich die Rückstände der Giftstoffe bis heute. Glyphosat oder Neonikotinoide, die in Europa hoch umstritten beziehungsweise verboten sind, werden allerdings immer noch für die Anwendung im Kakaoanbau empfohlen. Auch schon längst verbotene Wirkstoffe kommen weiterhin zum Einsatz – mit enormen Risiken für alle, die im Kakaoanbau tätig sind. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt Südlink 193 "Gefährliche Pestizide: Für eine Landwirtschaft ohne Agrargifte" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren
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Gift auf dem Acker

23. September 2020 - 12:12
Wie der massive weltweite Pestizideinsatz vor allem den Menschen im globalen Süden schadet und was die Politik dagegen tun muss Von Lena Luig Millionen Menschen erleiden jedes Jahr eine Pestizidvergiftung, das Grundwasser wird verunreinigt, die Biodiversität immer weiter reduziert, resistente Unkräuter sprießen vielerorts aus dem Boden. All dies, weil bis heute gefährliche Pestizide auf den Äckern der Welt ausgebracht werden. Und weil große Agrarkonzerne nicht auf gute Geschäfte verzichten wollen, bleiben selbst hochgefährliche Agrargifte viel zu lange auf dem Markt. Dabei gibt es längst Alternativen. Seit Beginn der Coronakrise ist Gesundheit das politische Top-Thema. Durch Skandale wie die massenhafte Infizierung mit Covid-19 in Schlachtfabriken oder in Sammelunterkünften von migrantischen Erntehelfer*innen gibt es eine längst überfällige Debatte um das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz in der Agrar- und Ernährungsindustrie. Einer der Hauptfaktoren, der die Gesundheit von Bauern, Bäuerinnen und Arbeiter*innen in der Landwirtschaft auch in „normalen“ Zeiten extrem gefährdet, ist der Einsatz von Pestiziden. Jedoch wird kaum registriert, wie viele Menschen – vor allem im globalen Süden – jährlich durch den Einsatz von Pestiziden teils schwere Vergiftungen oder langfristige Gesundheitsschäden wie eine Krebserkrankung erleiden und nicht selten sogar daran sterben. Diese Zahlen wurden in globalem Maßstab seit den 1990er Jahren nicht mehr erfasst – ein großes Versäumnis der Regierungen, die die zuständigen UN-Organisationen nicht ausreichend finanzieren und stattdessen immer mehr auf die Daten von Konzernen angewiesen sind, die an globalen Gesundheitsstatistiken jedoch wenig Interesse haben. Jetzt den Südlink 193 "Gefährliche Pestizide: Für eine Landwirtschaft ohne Agrargifte" bestellen In den 1980er und 1990er Jahren schätzten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beziehungsweise die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), dass jährlich drei Millionen Menschen weltweit wegen einer akuten Pestizidvergiftung behandelt wurden und 25 Millionen Menschen weniger akute Vergiftungen erlitten (beides einschließlich Suizidversuchen). Aktuellere Zahlen gibt es nur für einzelne Länder, etwa für Brasilien: Dort wurden im Jahr 2017 laut dem brasilianischen Gesundheitsministerium 7.200 Pestizidvergiftungen offiziell registriert, wobei die Dunkelziffer laut Expert*innen vermutlich um ein Vielfaches höher liegt (siehe den Artikel Alan Tygel auf den Seiten 10 bis 12). Pestizideinsatz weltweit steigt Während laut Statistiken der UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation (FAO) 1990 weltweit rund 2,3 Millionen Tonnen Pestizide in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, waren es 2017 bereits 4,1 Millionen Tonnen, also beinahe die doppelte Menge. In Ländern wie Brasilien hat sich der Einsatz seit 1990 auf rund 377.000 Tonnen im Jahr 2017 sogar mehr als versiebenfacht. Auch in Deutschland hat sich die Menge der ausgebrachten Pestizide im gleichen Zeitraum von rund 31.000 auf 48.000 Tonnen erhöht. Besonders beim Anbau von Soja, Mais und Zuckerrohr werden immer mehr Herbizide wie Glyphosat eingesetzt, bei der industriellen Orangenproduktion kommen große Mengen Insektizide zum Einsatz und im Weinbau werden – auch in Südfrankreich – hektoliterweise Fungizide eingesetzt. Resistente Superunkräuter entstehen und führen dazu, dass immer neue Giftcocktails ausgebracht werden. Immerhin wurde der Einsatz einiger besonders gefährlicher Pestizide wie zum Beispiel das Unkrautvernichtungsmittel Paraquat inzwischen in vielen Ländern verboten. Doch während rund 50 Länder Paraquat mittlerweile die Genehmigung entzogen haben, ist der Wirkstoff in etwa 100 Ländern immer noch erlaubt, darunter in vielen Ländern des globalen Südens wie beispielsweise Südafrika oder auch El Salvador, wo das Mittel zusammen mit Glyphosat mit der massiven Häufung von Nierenerkrankungen in Verbindung gebracht wird (siehe den Artikel von Silvia Gloria Orellana auf den Seiten 16 bis 18). In Brasilien soll planmäßig Ende September 2020 endlich ein Verbot inkrafttreten. Und auch für das meistverkaufte Herbizid Glyphosat aus dem Hause Bayer-Monsanto, das die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ einstufte, wurde der Import beziehungsweise der Einsatz in den letzten fünf Jahren in 14 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas verboten oder zumindest eingeschränkt. Zwar hat etwa die EU in den letzten Jahren – vor allem nach der Verschärfung der Richtlinie über den Pestizideinsatz im Jahr 2009 – einige besonders gefährliche Mittel verboten. So ist das von Pestiziden ausgehende Risiko laut der EU-Kommission in den letzten fünf Jahren um 20 Prozent gesunken. Doch gleichzeitig sind die Zulassungsbehörden in vielen Ländern des globalen Südens weniger streng, personell unterbesetzt oder stehen – wie in den Agrobusiness-Hochburgen Brasilien und Argentinien – einer übermächtigen Agrarlobby gegenüber. Im globalen Süden verkaufen, was in der EU verboten ist So ist es keine Seltenheit, dass ein Wirkstoff, dessen Genehmigung in der EU nicht erteilt oder widerrufen wurde, in Afrika, Asien oder Lateinamerika noch in großem Umfang zum Einsatz kommt. Oft sind es sogar europäische Konzerne wie Bayer, BASF oder Syngenta, die im globalen Süden das verkaufen, was in der EU nicht (mehr) auf den Markt darf, und damit gigantische Umsätze machen. So ergaben Recherchen von Greenpeace Unearthed und Public Eye, dass Bayer, BASF, Corteva Agriscience (USA), FMC (USA) und Syngenta (Schweiz) 2018 mehr als ein Drittel ihrer Umsätze mit hochgefährlichen Pestiziden erwirtschaften – fast 60 Prozent davon in sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern. Als hochgefährlich gelten jene Pestizide, die in der regelmäßig aktualisierten Liste des global tätigen Pestizid Aktions-Netzwerks (PAN) erscheinen und sich an anerkannten Kriterien der akuten sowie langfristigen Toxizität für Mensch und Umwelt orientieren. Mit der neuen Studie „Gefährliche Pestizide von Bayer und BASF – ein globales Geschäft mit Doppelstandards“  hat INKOTA gemeinsam mit Misereor und der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie Partnerorganisationen aus Brasilien und Südafrika jüngst belegt, dass Bayer und BASF in Brasilien und Südafrika mindestens 28 Wirkstoffe vertreiben, die in der EU nicht genehmigt sind – ein Viertel davon ist sogar explizit verboten, darunter das Fungizid Propineb. Die aktive Substanz für das Bayer-Produkt Antracol ist laut der US-Umweltschutzbehörde wahrscheinlich krebserregend und seit 2018 in der EU verboten. Trotzdem wurden 2018 zwischen 1.000 und 2.500 Tonnen des Wirkstoffs aus Deutschland exportiert, und Bayer gab noch im Februar bekannt, massiv in die Produktionsanlage in Dormagen zu investieren, wo unter anderem Antracol hergestellt wird. Doch welche Folgen hat der Einsatz von teils hochgefährlichen Pestiziden für die Menschen im globalen Süden? Exemplarisch werden in der genannten Studie Auswirkungen auf indigene Gemeinschaften in Brasilien sowie Plantagenarbeiter*innen in Südafrika dokumentiert. So wurde etwa im Mai 2019 das Dorf Guyraroká der indigenen Gruppe der Guarani-Kaiowá im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul von einer Pestizidwolke vergiftet. In der Folge litten mehrere Kinder unter Asthma, trockenem Husten, Atemnot, Erbrechen, Schmerzen im Brustkorb sowie Magen- und Kopfschmerzen. Auf der anderen Seite des Atlantiks berichteten Arbeiter*innen einer südafrikanischen Zitrusfarm von einem Kollegen, der als Traktorfahrer durch eine Windböe die ausgebrachten Pestizide einatmete und aufgrund einer Lungenvergiftung wochenlang im Krankenhaus behandelt werden musste. Gerade in den Regionen des globalen Südens, wo im großen Maßstab Agrarprodukte industriell für den Weltmarkt angebaut werden, leiden die Arbeiter*innen und Landwirt*innen auf den Feldern sowie deren Familien und auch Anwohner*innen und indigene Gemeinschaften, die mit der landwirtschaftlichen Produktion eigentlich gar nichts zu tun haben. Das Risiko der Pestizidausbringung und -lagerung in Armutskontexten des globalen Südens ist in der Regel deutlich höher als für Menschen, die im globalen Norden in der Landwirtschaft arbeiten. Denn Bäuerinnen und Bauern in Afrika, Asien und Lateinamerika können sich die nötige Schutzausrüstung oft nicht leisten oder haben keinen Zugang dazu, und Arbeiter*innen wird das entsprechende Equipment häufig nicht vom Arbeitgeber gestellt. Auch kann das Tragen von Schutzkleidung im feucht-heißen Klima als zusätzliche Belastung empfunden werden. Zudem leben sowohl Landwirt*innen als auch Plantagenarbeiter*innen häufig so nah an den Feldern, dass Mindestabstände bei einem Sprüheinsatz gar nicht eingehalten werden können oder Pestizidkanister zum Teil – mangels eigener Lagerräume – in Wohnräumen aufbewahrt werden. Aus all diesen Gründen dürfen sich Pestizidhersteller wie Bayer und BASF nicht mit dem Argument aus der Affäre ziehen, ihre Produkte seien ungefährlich, solange eine „sichere Anwendung“ erfolgt. Diese „sichere Anwendung“ ist ein theoretisches Konstrukt der Agrarchemieindustrie und entspricht in vielen Ländern der Welt schlichtweg nicht der Realität. Zu der Problematik der direkten Ausbringung und Lagerung von Pestiziden kommt noch dazu, dass Pestizide häufig stark das Trinkwasser belasten: So wurde in einigen Regionen Brasiliens im Trinkwasser unter anderem der in der EU nicht genehmigte Bayer-Wirkstoff Carbendazim gefunden, der als erbgutverändernd und fruchtbarkeitsschädigend gilt. Studien argentinischer Ärzt*innen zeigen die langfristigen Folgen des Pestizideinsatzes für die Bevölkerung in den Anbaugebieten etwa von Soja: Dort besteht ein nachweislich höheres Risiko für Fehlgeburten, Kinder mit Gendefekten, Haut- und Atemwegserkrankungen, Schilddrüsenüberfunktion sowie – im Vergleich zum Landesdurchschnitt – eine 400 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken. Angesichts dieser dramatischen Erkenntnisse aus Ländern wie Brasilien, Argentinien und Südafrika erscheint die durchaus berechtigte Sorge westeuropäischer Verbraucher*innen vor den gesundheitlichen Schäden durch Pestizidrückstände in Lebensmitteln im Vergleich als Luxusproblem.

Monsanto ist schon seit Jahren umstritten. 2016 fand in Den Haag ein zivilgesellschaftlich organisiertes Tribunal gegen den Biotech-Konzern statt. Foto: CC BY-NC 2.0

Bienensterben und schlechte Klimabilanz Doch die dramatischen Folgen für die menschliche Gesundheit sind nicht das einzige Problem beim Pestizideinsatz, hinzu kommen massive ökologische Schäden. Zum einen ist die Herstellung von Pestiziden nicht gerade klimaneutral. Die Produktion ist zwar bei weitem nicht so energieintensiv wie etwa die Düngemittelproduktion nach dem Haber-Bosch-Verfahren. Dennoch sah man etwa bei Bayer, wie sich dessen Klimabilanz nach der Übernahme des US-Unternehmens Monsanto deutlich verschlechtert hat. So ist der Ausstoß von Treibhausgasen durch Bayer im Jahr nach der Monsanto-Übernahme um 50 Prozent gestiegen: Vor allem die Saatgut- und Pestizidproduktionsstätten von Monsanto verbrauchen enorm viel Energie. Doch neben dem Energieverbrauch in der Herstellung sowie negativen Auswirkungen auf Böden und Gewässer steht seit einiger Zeit ein kleines, nützliches Tier als Pestizid-Opfer im Zentrum der öffentlichen Debatte: die Biene. Immer mehr Studien dokumentieren die negativen Folgen des Einsatzes von Insektiziden auf Bestäuber. Vor allem die Gruppe der Neonikotinoide ist hier in Verruf geraten: Sie schädigen das Nervensystem der Bienen, welche dadurch unter anderem ihre Orientierung verlieren und schließlich sterben. Eine wissenschaftliche Metastudie von 2019 hat errechnet, dass die pestizid- und düngemittelintensive Landwirtschaft für 46,6 Prozent des Insektensterbens verantwortlich ist und prognostiziert einen Rückgang der Insektenmasse um 40 Prozent in den nächsten Jahrzehnten. Gleichzeitig schätzt der Weltbiodiversitätsrat (IPBES), dass die Bestäubungsleistung durch Insekten einem weltweiten Marktwert für die Landwirtschaft zwischen 200 und über 500 Milliarden Euro entspricht. Zwar werden in China bereits einige Obstplantagen aufwändig durch Arbeiter*innen per Hand bestäubt und japanische Forscher*innen experimentieren bereits mit einer Bestäubung über Seifenblasen. Doch weitere Bienen zu verlieren, wäre im globalen Maßstab zweifelsohne fatal für die Landwirtschaft. Daher sah sich etwa die EU gezwungen, auf die Bedrohung des Bienensterbens zu reagieren und verbot bislang drei Neonikotinoide für den Einsatz im Freiland – Imidacloprid (von Bayer) sowie Chlothianidin und Thiamethoxam (beide von Syngenta). Sie dürfen nur noch im Gewächshaus eingesetzt werden. Doch auch mit Blick auf die bienenschädlichen Mittel agieren die Pestizidkonzerne in der globalen Vermarktung mit Doppelstandards. Sowohl Imidacloprid als auch Thiamethoxam werden – neben anderen bienengiftigen Insektiziden – üblicherweise im Kakaoanbau in Westafrika eingesetzt – selbstverständlich nicht in Gewächshäusern, sondern unter freiem Himmel. Und auch jenseits der Neonikotinoide bringen Agrarchemiekonzerne im globalen Süden einige für Bienen hochgiftige Insektizide auf den Markt, die in der EU nicht genehmigt sind: So exportierte etwa die deutsche BASF laut Greenpeace-Recherchen 2018 90 Tonnen Fipronil nach Brasilien. Von diesem reicht bereits ein Gramm, um etwa 84 Millionen Bienen zu töten. Inputintensive Landwirtschaft bedroht Ernährungssouveränität Doch nur die gesundheitlichen und ökologischen Folgen des massiven Pestizideinsatzes rund um den Globus zu betrachten, reicht noch nicht aus. Die enormen Absatzsteigerungen gehen Hand in Hand mit einer Industrialisierung der Landwirtschaft, die wenn überhaupt Arbeitsplätze unter ausbeuterischen Bedingungen schafft und zunehmend auf die Produktion von besonders lukrativen Ackerfrüchten für den Export oder zur Herstellung von Tierfutter (Soja) oder Agrarkraftstoffen (Mais, Zuckerrohr) in Monokulturen setzt. Das gefährdet die Versorgung der Weltbevölkerung mit gesunden, vielfältigen Lebensmitteln, wie die steigenden Hungerzahlen in den letzten fünf Jahren sowie die wachsende Zahl mangelernährter Menschen zeigen. Außerdem bedroht diese Entwicklung bäuerliche Existenzen. So verschwinden allein in der EU jährlich 400.000 Bauernhöfe, weil sie dem Wachstumszwang nicht länger standhalten können. Und auch in vielen afrikanischen Ländern verhindert die Förderung einer vermeintlich produktivitätssteigernden Landwirtschaft, die einseitig auf den vermehrten Einsatz von chemischen Pestiziden und Düngemitteln setzt, die Umsetzung von Ernährungssouveränität und führt in vielen Fällen zur Verschuldung von Bäuerinnen und Bauern, wie eine aktuelle Studie zeigt. Jetzt den Südlink abonnieren Was auf politischer Ebene geschehen muss Der wichtigste Schritt, um die schlimmsten Auswirkungen von Pestiziden auf Mensch und Umwelt zu verringern, ist ein weltweites Verkaufs- und Einsatzverbot von hochgefährlichen Pestiziden. Auf dem Weg hin zu einem solchen globalen Ausstieg müssen jedoch so schnell wie möglich Doppelstandards in der weltweiten Pestizidvermarktung gesetzlich abgebaut werden, um vor allem die Menschen im globalen Süden zu schützen (siehe den untenstehenden Kasten). Darüber hinaus sollten Regierungen und internationale Institutionen an einem breiteren Ausstieg aus chemisch-synthetischen Pestiziden arbeiten. In der neuen Strategie „Vom Hof zum Teller“ der EU-Kommission wird als Teil des „Green New Deals“ etwa eine Verringerung des Pestizideinsatzes bis 2030 um 50 Prozent angekündigt. Das ist ein wichtiger Schritt, entscheidend ist jetzt ein Fahrplan zur Umsetzung ohne Schlupflöcher. Während es beim Ausstieg aus (hochgefährlichen) Pestiziden nicht ohne Verbote geht, braucht es gleichzeitig eine massive Förderung von Alternativen. Hier sollte das ganzheitliche Konzept der Agrarökologie an erster Stelle stehen (siehe den Artikel von Lena Bassermann auf den Seiten 8 bis 9). Denn mit Agrarökologie wird nicht nur versucht, chemische Pestizide durch biologische zu ersetzen, sondern den Betrieb durch eine an natürlichen Stoffkreisläufen orientierte Praxis vielseitiger und widerstandsfähiger zu gestalten und gleichzeitig die ökonomische und politische Stellung der Erzeuger*innen zu stärken. Außerdem ist es wichtig, die Bäuerinnen und Bauern in Nord und Süd bei dieser Transformation als zentrale Akteure einzubinden. Denn es lässt sich nicht bestreiten, dass die Landwirtschaft in vielen Regionen der Welt enorm abhängig vom Pestizideinsatz (geworden) ist. Ein vorschneller Ausstieg aus sämtlichen chemischen Pestiziden kann Landwirt*innen vor große (ökonomische) Probleme stellen. In bestimmten Kontexten kann es auch sein, dass ein kompletter Verzicht auf chemische Pestizide nicht möglich sein wird. In diesen Fällen sollte die oberste Priorität darauf liegen, hochgefährliche Pestizide durch weniger schädliche Pestizide zu ersetzen. Dies gilt auch etwa für die Heuschreckenplage in Ostafrika und Südasien (siehe den Artikel auf den Seiten 14 bis 15), wobei es dort bereits vielversprechende Untersuchungen zum Einsatz botanischer Pestizide gibt. Um agrarökologische Ansätze weiterzuentwickeln und in der Breite nutzbar zu machen, braucht es gezielte Fördergelder – statt Subventionen für Industriebetriebe – für Forschung und Umstellung, sowohl im globalen Norden wie im globalen Süden. Dabei muss stets das gesamte Ernährungssystem – vom Acker über die Verarbeitung bis hin zur Vermarktung und zum Konsum – in den Blick genommen werden und die Bedürfnisse der besonders verletzlichen Erzeuger*innen und Verbraucher*innen müssen besondere Beachtung finden. Nur so kann eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Transformation des Ernährungssystems funktionieren. 1 INKOTA/Misereor/Rosa-Luxemburg-Stiftung und andere (2020): Gefährliche Pestizide von Bayer und BASF – ein globales Geschäft mit Doppelstandards. Online unter: www.inkota.de/studie-bayer-basf 2 Brot für die Welt/FIAN Deutschland/Forum Umwelt und Entwicklung/INKOTA/Rosa-Luxemburg-Stiftung (2020): Falsche Versprechen: Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA). Online unter https://bit.ly/falsche-versprechen) Lena Luig ist Referentin für Landwirtschaft und Welternährung bei INKOTA. Die Kampagne Giftexporte stoppen! Doppelstandards im globalen Pestizidgeschäft und deren Folgen für Menschen im globalen Süden aufzuzeigen – diesem Ziel hat sich INKOTA seit der Bayer-Hauptversammlung 2019 verschrieben. Gemeinsam mit der brasilianischen Campanha Permanente Contra os Agrotóxicos haben wir bereits letztes Jahr diskutiert, was die deutsche und die brasilianische Regierung tun müssen, um diese Doppelstandards abzubauen und die Gesundheit der Menschen zu schützen. Im Juni dieses Jahres hat INKOTA schließlich gemeinsam mit PAN Germany einen Appell an die deutsche Bundesregierung gestartet, der ein gesetzliches Exportverbot für Pestizidwirkstoffe fordert, die in der EU aufgrund von Umwelt- und Gesundheitsrisiken nicht genehmigt sind. Die Bundesregierung soll sich dabei an der französischen Regierung ein Beispiel nehmen, die so ein Gesetz bereits verabschiedet hat. Gemeinsam wollen wir 10.000 Unterschriften sammeln, die wir im Frühsommer 2021 an die Bundesregierung übergeben wollen. In den kommenden Monaten werden wir mit Online-Seminaren mit spannenden Gästen über verschiedene Themen rund um den Pestizideinsatz und dessen Auswirkungen im globalen Süden informieren. Mit Lobbygesprächen und Protestaktionen werden wir den Druck auf die Bundesregierung erhöhen, damit sie sich neben einem Exportverbot auch für ein Aus für hochgefährliche Pestizide auf internationaler Ebene einsetzt. Helfen Sie uns dabei und unterschreiben Sie unter www.inkota.de/giftexporte-stoppen oder bestellen Sie im INKOTA-Shop (webshop.inkota.de) Unterschriftenlisten und weitere Kampagnenmaterialien. Jetzt weitere Artikel aus dem Südlink lesen Jetzt Südlink 193 "Gefährliche Pestizide: Für eine Landwirtschaft ohne Agrargifte" bestellen Jetzt den Südlink abonnieren
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