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Aktualisiert: vor 11 Stunden 39 Minuten

Covid-19 bekämpfen – Pharma- Gesundheitssysteme in Afrika stärken

20. Juli 2021 - 14:00

von Irene Knoke

Um der Covid-19-Pandemie global Einhalt zu gebieten, muss die EU auch Afrikas Gesundheitssystem stärken.

Die Corona-Pandemie hat auf erschreckende Weise offengelegt, wie verwundbar die Abhängigkeit von globalen Wertschöpfungsketten im Krisenfall macht. Das galt für Europa zu Beginn der Krise bei medizinischen Produkte wie Masken. Und das gilt im weiteren Verlauf für viele Länder in Afrika vor allem für die Impfstoffe. Während im Frühjahr 2021 die Impfkampagnen in Europa und der westlichen Welt deutlich an Fahrt aufgenommen haben und die Hoffnung auf Normalität zunimmt, ist in Afrika noch immer nur ein verschwindend kleiner Teil der Menschen gegen Covid-19 geimpft. Gegenwärtig, da die Delta-Variante auch nach Afrika schwappt, ist dort gerade mal ein Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft.

Von den 66 Millionen Dosen, die im Rahmen des COVAX-Programms der WHO den afrikanischen Ländern bis Ende Mai zur Verfügung gestellt werden sollten, wurden nur 19 Millionen Dosen Impfstoff geliefert. Inklusive weiterer Spenden oder bilateraler Vereinbarungen wurden bislang insgesamt 49 Mio. Dosen bereitgestellt – für eine Gesamtbevölkerung von rund 1,3 Mrd. Menschen. Und der Wunsch, bei uns die vierte oder fünfte Welle mittels einer dritten Impfung abfedern zu können, bedeutet für Afrika, dass die Verfügbarkeit noch weiter sinkt und selbst das bescheidene Ziel einer Impfquote von 20% bis Jahresende unerreichbar wird. Selbst wenn sich das Impftempo verfünffachen würde, wären bis Jahresende gerade einmal 18% überhaupt nur einmal geimpft.  

COVAX sammelt mehr Geld ein als erwartet

So mag es eine positive Nachricht sein, dass auf einer internationalen Geberkonferenz für die Impfinitiative COVAX mit 1,9 Mrd. Euro mehr Geld eingesammelt werden konnte als erwartet. Mit ständig neu auftretenden Virusvarianten mag das auch der offensichtlich langsam einsetzenden Erkenntnis geschuldet sein, dass die Covid-19-Pandemie global nur bekämpft werden kann, wenn wir sie überall besiegen. Impfnationalismus hilft hier niemandem. Doch wird auch so lediglich etwa 30% der erwachsenen Bevölkerung in armen Ländern mit Impfschutz über die Initiative ausgestattet werden. 

Vor dem Hintergrund der großen Versorgungsengpässe wurde die Forderung nach einem Aussetzen des Patentschutzes auf die ohnehin überwiegend mit öffentlichen Mitteln finanzierten Impfstoffe gegen Covid-19 immer lauter – ein Ruf, dem sich schließlich sogar die USA angeschlossen hatten. „Nicht umsetzbar“, riefen gleich unisono die Pharmakonzerne und auch die Regierungen der Länder, in denen sie beheimatet sind, wie etwa Deutschland. Bis heute ist die EU die größte Blockiererin dieses Ansinnens. Die Argumente sind vielfältig: Die Herstellung sei zu komplex, Anreize für zukünftige Forschung gingen verloren und Renditen für getätigte Forschungs- und Entwicklungsausgaben müssten gesichert werden. 

Technologietransfer und Patentfreigaben – wir brauchen beides 

In einem haben die Kritiker*innen recht: Allein die Patente freizugeben würde nicht genügen. Ein umfassender Technologietransfer, um auch die Produktionskapazitäten vor Ort zu stärken, wäre notwendig. Das könnte der Vorschlag für eine Verzichtserklärung auf die Patente (Waiver), wie er ursprünglich von Indien und Südafrika bei der Welthandelsorganisation eingereicht wurde, nach sich ziehen. So könnte die Produktion von Impfstoffen und Medizinprodukten auf viel mehr Hersteller weltweit schneller, günstiger und bedarfsorientiert ausgebaut werden. 

Eigene Herstellungskapazitäten in Afrika aufzubauen, ist zwingend, will man auf die nächste Pandemie besser vorbereitet sein. Denn Afrika importiert heute 99 % seiner Impfstoffe und 94 % seiner Medikamente. Genau hier setzt auch eine weitere europäische Initiative an: Mit einem Betrag von 1 Mrd. Euro aus dem EU-Haushalt und europäischen Entwicklungsbanken (aufgestockt durch weitere Beiträge der EU-Mitgliedstaaten) will sie im Rahmen von Team Europe die Herstellung von und den Zugang zu Impfstoffen, Medikamenten und Gesundheitstechnologien in Afrika verbessern.

Forschungskapazitäten ausbauen

Ein Teil der Initiative beinhaltet die Entwicklung einer eigenen Pharma-, Biotech- und Medizintechnikindustrie. So soll der Kontinent beim Aufbau seiner eigenen Herstellungs- und Produktionskapazitäten unterstützt werden, um regionale Produktionszentren auf dem gesamten Kontinent zu entwickeln und so die wichtigsten Medizinprodukte selbst herstellen zu können. Erste Projekte und Investitionen in lokale Pharma- und Biotech-Unternehmen wurden bereits in Südafrika, Senegal, Ruanda, Ägypten und Marokko in Angriff genommen. In enger Zusammenarbeit mit der AU und den Afrikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention soll darüber hinaus der Technologietransfer unterstützt werden.

Wenn außerdem die Versprechen für die Entwicklung von technologischen Fähigkeiten, afrikanischen Forschungskapazitäten, Bildung und digitale Lösungen umgesetzt werden, könnte diese Initiative einen wichtigen Beitrag für die Stärkung der Pharma- und Gesundheitssysteme in Afrika leisten. Nicht nachzuvollziehen ist vor diesem Hintergrund, warum sich die EU so sehr gegen die Aussetzung der Patente auf Impfstoffe, Medikamente und medizinische Güter in der aktuellen Pandemiesituation wehrt. Denn diese Verzichtserklärung (Waiver) würde den so dringend benötigten Technologietransfer für den Ausbau von Produktionsstätten in Afrika befördern und könnte Tausende Leben retten. 

 

Titelfoto: © Nahom Tesfaye UNICEF via Flickr

 

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Digitale Entwicklungszusammenarbeit in Afrika

4. Juni 2021 - 12:51

Eine Veranstaltung der ev. Akademie im Rheinland und SÜDWIND

von Nina Kleemeyer

Am Freitag, den 21.05.2021 fand eine Veranstaltung zum Thema „Digitales Afrika – wo befindet sich der Kontinent, wenn es um digitale Vernetzung geht?“ statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom SÜDWIND Institut in Zusammenarbeit mit der evangelischen Akademie im Rheinland. Nina Kleemeyer hat die Veranstaltung für uns zusammengefasst.

Zu Beginn führte Pedro Morazán (Institut SÜDWIND) kurz ins Thema ein und stellte die digitale Kluft in Afrika und weltweit dar. Anhand des Digitalisierungsindex Network Readiness Index (NRI) werden die digitalen Nord-Süd-Disparitäten deutlich. Obwohl Afrika heute in Bezug auf den Internetzugang als die am schnellsten wachsende Region weltweit gilt, liegen afrikanische Länder im Bereich Digitalisierung noch immer weit zurück. Die weltweite Ausbreitung der digitalen Wirtschaft schafft dagegen auch neue Möglichkeiten für die Transformation und für die Aufwertung von Wertschöpfungsketten in den afrikanischen Ländern.

Allerdings wächst die digitale Kluft auch in Afrika. Die Volkswirtschaften Zentralafrikas machen auch aufgrund struktureller Beschränkungen nur langsam Fortschritte bei der Schaffung digitaler Arbeitsplätze: Weniger als 48 von 100 Menschen haben Zugang zu Elektrizität und der Anteil der Mobiltelefonanschlüsse (66,9 %) liegt zehn Prozentpunkte unter dem afrikanischen Durchschnitt. Nur 9 von 100 Menschen in Zentralafrika benutzen einen Computer. Hierfür sind auch die hohen Kosten für den Anschluss und für Verträge verantwortlich. Die Internetdurchdringung liegt bei nur 26 % verglichen mit dem Durchschnitt von 35 % für Afrika. Vor diesem Hintergrund sei es wichtig zu eruieren, ob und wie digitale Möglichkeiten zu einer Verbesserung der Verhältnisse führen können und ob eine digitale Partnerschaft zwischen der EU und Afrika die Anforderungen (auch bezüglich der Finanzierungen) erfüllt. Dies bezieht Investitionen für die Finanzierung der Infrastruktur ebenso ein, wie die Verbindung der Digitalwirtschaft mit weiteren wichtigen Vorhaben im Bereich Klimaschutz und Energieversorgung.

Fünf Bereiche der Digitalstrategie

In seinem Beitrag zum Thema: „Digitale Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit in Afrika“ hebt Philipp Kruschel (GIZ) ebenfalls den großen Nachholbedarf und die Potentiale von Digitalisierung hervor und gibt einen Einblick in die Digitalstrategie des BMZ und aktuelle Vorhaben der GIZ in diesem Bereich. Er erläutert die Ziele für die fünf Bereiche der Digitalstrategie: Arbeit und Wirtschaft, lokale Innovationen, Sicherstellung der Chancengleichheit im digitalen Raum, Unterstützung von guter Regierungsführung mit digitalen Technologien und Daten für die Entwicklung, wie z.B. Städteplanung und Information der Bürger*innen. Die Verbindung dieser fünf Bereiche zeigt die Potentiale, die sich durch die Digitalisierung für Entwicklung, mehr Handel und bessere Chancen ergeben.

Dazu wird im Auftrag des BMZ ein Projekt umgesetzt, bei dem 32 Digitalzentren weltweit errichtet werden sollen, 24 davon in Afrika. Sie dienen als Innovations-Knotenpunkte für digitale Lösungen, um gemeinsam mit lokalen Stakeholdern Chancen und Risiken des jeweiligen Landes für eine digitale Zukunft zu unterstützen. Daneben soll ein digilab digitale Innovationen voranbringen, damit der digitale Wandel zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele beitragen kann. Die Themenpalette ist breit, neben verbesserte Bildungsmöglichkeiten und digitalen Klima- und Umweltschutzmaßnahmen geht es hier aktuell auch um die Folgenbekämpfung der COVID-19-Pandemie. Der D4D Hub ist eine Kooperation mit weiteren EU-Mitgliedstaaten und dient als digitaler Brückenschlag zwischen Afrika und den Partnerländern, um die African European Innovation Bridge (AEDIB) weiter auszubauen.

Abschließend referiert Fred Eric Essam (IdentAfrika) zum Thema „Digitalisierung: Eine afrikanische Perspektive“. Die von ihm 2004 gegründete setzt sich für Bildung, den Ausbau von Infrastruktur sowie Gesundheits- und Frauenförderung auf dem afrikanischen Kontinent ein. Vor allem die Tatsache, dass es für die große Menge an jungen Menschen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen, trotz guter Ausbildung deutlich zu wenige Arbeitsplätze gibt, oder allenfalls in der Landwirtschaft und im informellen Sektor, sei ein großes Problem. Hinzu kommen die Menschen, die aufgrund der Corona-Pandemie und des Lockdown ihre Arbeitsplätze verloren haben.

Digitalisierung als “Game Changer”

Auch er verweist auf die digitalen Disparitäten innerhalb Afrikas: bereits 98 % der Kenianer*innen sind an das Internet angebunden, während es in Burundi nur 5,3 % sind. Die Digitalisierung könne aber auch als „Game Changer“ fungieren, um Jobs zu schaffen, qualitative Bildungsangebote und mehr Austausch, nicht nur innerhalb der Städte, sondern auch in ländlichen Gebieten, zu fördern. Das setzt aber einen flächengreifenden digitalen sowie infrastrukturellen Ausbau voraus. Schlüsselthemen der Diskussion und Fragen aus dem Publikum beschäftigten sich mit dem geopolitischen Diskurs zwischen China und Afrika, den geplanten Kürzungen der Bundesregierung bezüglich der Entwicklungspolitik und den energetischen Vorrausetzungen der Digitalisierung in Afrika.

Bei der Beurteilung der digitalen Kluft zwischen Arm und Reich und zwischen ruralen und urbanen Gebieten in Afrika geht es um mehr als nur um den Zugang zum Internet. Es geht auch darum, wie die Nutzer*innen mit dem Zugang umgehen und welche Möglichkeiten sich ergeben. Werden die Menschen den Internetzugang nur als Konsument*innen von sozialen Netzwerken oder Computerspielen nutzen? Das Ziel der Digitalisierung sollte nicht (nur) ein höherer Konsum sein, sondern auch die Widerstandsfähigkeit der Zivilgesellschaften unterstützen, was einen klaren regulatorischen Rahmen und eine aufgeklärte Bevölkerung erfordert.

Titelfoto: © AdobeStock

 

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Frauenrechte sind Menschenrechte – Weltweit

17. Mai 2021 - 8:12

Alte Gefahren – Neue Herausforderungen für Afrika

von Prof. Christa Randzio- Plath

Das Internationale Jahr der Frau 1975 und das Internationale Jahrzehnt der Frau 1975 – 1985 wurden von den UN beschlossen. Internationale Frauenpolitik war immer auch Rechtspolitik und Friedenspolitik. Erstmals wurde in der UN- Menschenrechtserklärung deutlich gemacht, dass Rechte und Würde der Menschen nicht mehr an Männern festgemacht werden konnten, sondern auch Frauen zustanden.  Mein Buch „Frauenrechte sind Menschenrechte weltweit“ bilanziert internationale progressive Gleichstellungspolitik.

In den 1970er Jahren erfanden sich die Vereinten Nationen (UN) neu. Die Weltkonferenzen, angefangen mit der Umweltkonferenz von Stockholm 1972 sollten einen Beitrag zur Aufwertung und demokratischen Legitimation internationaler Politikkooperation und Politikkoordination werden. Die Partizipation der Zivilgesellschaft war erstmals ausdrücklich erwünscht. Neuland betraten die UN auch mit den Weltfrauenkonferenzen. Niemals zuvor mussten alle UN-Regierungen in Berichten konkret über Erfolge und Rückstände in der Durchsetzung der Gleichstellung von Frau und Mann berichten. Niemals zuvor sahen sich Regierungen mit Zigtausenden von Berichten, Stellungnahmen und Konferenzen von zivilgesellschaftlichen Akteurinnen aus der Frauenbewegung konfrontiert. Die 1. Weltfrauenkonferenz von Mexiko gelang, obwohl es große Differenzen zwischen den Frauen im globalen Norden und globalen Süden gab. Es bestand der Verdacht, dass Nord-Frauen den Feminismus in afrikanische Hütten tragen wollten. Süd-Frauen sahen die koloniale Verantwortung des globalen Nordens für Armut und Hunger in den Ländern des Südens. Alle Frauen einigten sich dann auf weitere internationale Zusammenarbeit. Sie prägten das Motto: Gleichberechtigung, Entwicklung, Frieden. Daraus leiteten die Frauen weltweit auf den nächsten Weltfrauenkonferenzen Ansprüche an die Regierungen ab. Die drei Ziele wurden als miteinander verbunden verstanden, weil eine Zielerfüllung auch die anderen Ziele stärkt: Frieden allein ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts, sind weder Gleichberechtigung noch Entwicklung erreichbar. Die Gleichberechtigung wiederum ist wichtig für Frieden und Entwicklung, weil sich bestehende Ungleichheiten auf allen Ebenen verstärken und damit Spannungen verschärfen können.

Internationale Frauenpolitik wurde zu einem Anker der Emanzipation und Selbstbestimmung der Frauen, denn die gleichen Rechte und die Würde der Frau wurden seit Gründung der UN anerkannt und weiterentwickelt. Vor allem die UN- Frauenrechtskonvention 1979 war kühn und bahnbrechend, weil sie einseitig jegliche Diskriminierung der Frauen verbot und erkannte, dass die strukturelle Benachteiligung der Frau Wurzel des Diskriminierungsübels war. Deshalb setzte sie auf die Bekämpfung von Geschlechterstereotypen und Rollenzuordnungen und verneinte die Herstellung von Vergleichbarkeit und den Mann als Maßstab für die Herstellung von Gleichheit.

20 Jahre nach der 1. Weltfrauenkonferenz – 1995 – wurde die Pekinger Aktionsplattform von den UN-Mitgliedsstaaten verabschiedet und schaffte so auch für die Regierungen einen Bezugsrahmen für mehr Gleichstellung in den nationalen Gesetzgebungen. Die Bilanz zu 25 Jahren Peking-Aktionsplattform fielen trotz aller Fortschritte bescheiden aus. Der Gender Gap ist nach wie vor nirgends überwunden. Die Foren Generation Equality 2021 wollen die Vision der Peking-Agenda bewahren, ausbauen, generationsübergreifend voranbringen und Regierungen zu proaktivem Handeln zwingen.

Die Afrikanische Union hat immer eine wichtige Rolle gespielt, auch für die Zusammenarbeit mit der Europäischen Union. Hier gibt es Fortschritte. 2020 verabschiedete die Europäische Union eine neue Ausrichtung der Strategie mit Afrika. Es soll endlich zu einer echten Partnerschaft auf Augenhöhe kommen, die bereits auf der Lissabon-Konferenz 2004 beschlossen worden ist. Die Europäische Kommission beschloss zudem einen Genderaktionsplan III, der bis 2025 die Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Politiken der Europäischen Union durchsetzen will. Auch die auswärtige Politik der Europäischen Union muss sich hieran halten. Das führt dazu, dass 85 % der neuen Mittel in den Programmen der Europäischen Union für Geschlechtergleichstellung einzusetzen sind. Vor allem sollen Aktionen gefördert werden, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen bekämpfen.  

 „Den realisierten Frauenrechten für eine gleiche Zukunft steht entgegen, dass tief verwurzelte negative, traditionelle und kulturelle Praktiken und negative soziale Normen weiterhin dazu beitragen Frauen und Mädchen zu benachteiligen,“ stellt die Konferenz der Afrikanischen Staaten 2020 in ihrer Bewertung der Umsetzung der Peking-Aktionsplattform fest. Von großer Bedeutung sind dabei die Beseitigung von Genderstereotypen, transformative Geschlechterregeln und die Abschaffung diskriminierender Gesetze. Die Afrikanischen Staaten bekennen sich ausdrücklich zur positiven Rolle von Frauen bei der Prävention und Lösung von Konflikten und fordern eine bessere Durchsetzung der UN-Sicherheitsrat-Resolution 1325. Die politische Erklärung der afrikanischen Staaten hält fest, dass die Umsetzung der Peking- Erklärung und Aktionsplattform durchaus erfolgreich war. Sie betont die Fortschritte in Mädchenbildung und gesetzlichen Verankerungen von Frauenrechten, den Rückgang von Müttersterblichkeit und HIV/AIDS, die verstärkten Anstrengungen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen.

Nachholbedarf gibt es beim Zugang zu Entscheidungsstrukturen und der wirtschaftlichen Diskriminierung der Frauen, weil die Mehrheit der Frauen in Afrika im informellen Sektor tätig ist. In Fortsetzung des Maputo- Protokolls, der Agenda 2063 der afrikanischen Staaten soll die panafrikanische Freihandelszone AfCFTA afrikanischen Frauen die finanzielle und wirtschaftliche Eingliederung erleichtern. 

Für alle afrikanischen Staaten werden Umsetzungsfortschritte gegen Diskriminierung gefordert. Diskriminierende Gesetze, Geschlechterstereotypen und soziale Normen, die aus kulturellen Gründen Menschenrechte nicht beachten, sollen abgeschafft werden. Die Afrikanischen Staaten verpflichten sich zur Ausrottung von Diskriminierung und Gewalt und wollen gleichstellungspolitische Organisationen stärken. Hoffnung machen das Post-Cotonou -Abkommen, das bis in den Herbst 2021 verschoben worden ist, sowie die EU-AU- Partnerschaft. Beide haben sich bisher als zahnlose Tiger in Sachen Gleichstellung erwiesen. Die Betonung von Menschenrechten führt zu einer Aufwertung der Genderaspekte in allen Politikbereichen. Das gilt auch für die Strategie der AU für die Gleichstellung der Geschlechter und die Afrikanische Charta der Rechte der Frau in Afrika.

Prof. Christa Randzio- Plath ist Vorsitzende Marie-Schlei-Verein und ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments

Titelfoto: Arne Hoel / World Bank via Flickr.com

 

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Afrika: Kinderarbeit in der Landwirtschaft bleibt ein großes Problem

11. Mai 2021 - 5:13

von Dr. Heidi Feldt

Bis 2025 soll Kinderarbeit in all ihren Formen beendet sein – darauf hat sich die internationale Gemeinschaft geeinigt. Viel Zeit bleibt nicht und 2021 sollte diesem Ziel noch einmal einen kräftigen Schub verleihen. Das Jahr 2021 ist das Jahr zur Bekämpfung der Kinderarbeit der Vereinten Nationen. Aber in der Pandemie geht der Blick häufig nicht über den Tellerrad hinaus und so erfährt auch das internationale Jahr gegen Kinderarbeit kaum die Aufmerksamkeit, die es verdient. Denn die Zahlen sind nach wie vor alarmierend und – da ist sie wieder die Pandemie – es gibt Anzeichen, dass sie infolge von gestiegener Armut, Arbeitslosigkeit und Schulschließungen in vielen Ländern weiter steigen wird.

Nach Schätzungen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind weltweit immer noch 152 Millionen Mädchen und Jungen von Kinderarbeit betroffen. Über 108 Millionen davon sind in der Landwirtschaft tätig. Um Kinderarbeit zu beseitigen, bedarf es daher explizit eines Durchbruchs im Agrarsektor. Die FAO als Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen will dabei eine wichtige Rolle spielen. Am Welttag gegen Kinderarbeit 2020 hat der Generaldirektor der FAO das FAO- Framework on Ending Child Labour in Agriculture (Rahmenwerk zur Beendigung von Kinderarbeit in der Landwirtschaft) veröffentlicht, mit dem Ziel, ein gemeinsames Verständnis von Kinderarbeit in der Landwirtschaft zu schaffen, die Verantwortung der landwirtschaftlichen Akteure im Hinblick auf die Beseitigung von Kinderarbeit zu erhöhen und mögliche Ansatzpunkte und Projekte der FAO gegen Kinderarbeit  zu identifizieren.

SÜDWIND hat im Auftrag der FAO die Situation von Kinderarbeit in der Elfenbeinküste, Uganda, Vietnam und der Türkei unter die Lupe genommen, um mögliche Projektansätze für die FAO in den Ländern zu identifizieren. Dabei wurden unterschiedliche landwirtschaftliche Sektoren und Kontexte untersucht wie der Anbau von Grundnahrungsmitteln, die Kakaoproduktion oder Viehzucht. In allen Ländern gibt es Kinderarbeit in Betrieben, in Steinbrüchen und Bergbau, im Dienstleistungssektor, aber vor allem in der Landwirtschaft. Allein in diesen vier Ländern gibt es mehr als 5.000.000 Kinder in Kinderarbeit, der größte Teil davon in den beiden afrikanischen Ländern.

Uganda: “Wenn du essen willst, musst du arbeiten

Während die Situation von Kinderarbeiter*innen in der Kakaoproduktion einigermaßen gut untersucht ist, gibt es nur wenige Informationen zur Arbeit von Kindern in Uganda. Laut dem National Child Labour Survey 2012 waren in Uganda insgesamt etwa 2.048.000 Mädchen und Jungen im Alter von 5 bis 17 Jahren von Kinderarbeit betroffen, das entspricht 14 Prozent aller Kinder im Land. Fast neun von zehn Kindern, die Kinderarbeit leisten, leben in ländlichen Gebieten. Die Sektoren, in denen Kinderarbeit am häufigsten vorkommt, sind die familienbasierte Landwirtschaft, die Tee- und Kaffeeproduktion sowie die Viehzucht. Sie sind dabei vielfältigen Belastungen und Gefahren ausgesetzt.

Die Situation von Waisenkindern ist besonders gravierend. Laut der letzten Erhebung zur Kinderarbeit (2012) waren fast 16 Prozent der ugandischen Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren Teil- oder Vollwaisen – das sind 1.240.000 Kinder. Traditionell verfügten die Gemeinden über familienbasierte Betreuungsstrukturen zur Unterstützung solcher Kinder, die sind jedoch durch die steigende Zahl der verwaisten Kinder überfordert. Viele Waisenkinder werden daher in den Haushalten von Vormündern oder Verwandten betreut, die ihnen aber nur unzureichend Schutz geben können. Sie müssen daher arbeiten, um zum Einkommen der Vormünder und ihrer Geschwister beizutragen.

Côte d’Ivoire: Kinderarbeit in der Kakaoproduktion

Die zugrundeliegenden Ursachen für Kinderarbeit sind fast immer dieselben: i) Armut, ii) schwacher institutioneller und rechtlicher Rahmen, iii) wirtschaftliche Instabilitäten und iv) Umweltschäden.

So hat im Fall der Kakaoproduktion in der Elfenbeinküste die Instabilität der internationalen Preise ernsthafte Auswirkungen auf die Situation von Kinderarbeit. Der Anstieg der Produktionsmengen hat nicht ausgereicht, um den Einkommensbedarf der ernährungsunsicheren Haushalte zu decken. Die Folge ist Kinderarbeit. Aber auch in Fällen von Preissteigerungen wird eine höhere Beschäftigung von Kinderarbeit beobachtet, da Familien die Möglichkeiten nutzen, ihr dringend benötigtes Einkommen zu erhöhen.

Laut Zahlen aus dem Jahr 2016 müssen über ein Viertel der Kinder in der Elfenbeinküste Arbeiten verrichten, die nicht ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechen. Dabei arbeiten die meisten Kinder in der Kakaoproduktion. Der Bericht der Universität Chicago stellt fest, dass Kinder von anderen landwirtschaftlichen Tätigkeiten zur Kakaoproduktion übergegangen sind, wahrscheinlich aufgrund der wachsenden Bedeutung des Kakaoanbaus.

Der Ansatz der FAO

Gemäß dem FAO-Rahmenwerk zur Kinderarbeit ist die Reduzierung der ländlichen Armut der Ausgangspunkt für erfolgreiche Strategien gegen Kinderarbeit und steht im Mittelpunkt des FAO-Mandats. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Gesamtsituation der Haushalte und die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität können die Einkommenssicherheit der Familien verbessern und die Abhängigkeit von zusätzlicher Arbeit oder Einkommen, das von Kindern bereitgestellt wird, verringern. Durch die enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Landwirtschaftsministerien kann die FAO darauf hinwirken, dass die Abschaffung von Kinderarbeit in der Landwirtschaft in die nationale Agrarpolitik integriert wird.

Die FAO will in den vier Ländern ihre Projekte auf Auswirkungen auf Kinderarbeit untersuchen. Aber der Haupthebel muss sein, die Einkommenssituation von kleinbäuerlichen Haushalten real zu verbessern. Dies ist nur über eine angemessene Preisgestaltung möglich und den Zusammenwirkungen von Landwirtschaftspolitik, internationalen Organisationen und dem Privatsektor.

Dr. Heidi Feldt ist Beraterin für entwicklungs- und umweltpolitische Prozesse. Ein Arbeitsschwerpunkt ist die Umsetzung von Kinderrechten.

Titelfoto: ©RECAIbrahim Habi for FAO

 

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Europas Fangflotte auf Nachhaltigkeitskurs? – Stimmen aus Westafrika

23. April 2021 - 6:42

von Annika Becher

Obwohl die europäische Fischereipolitik längst kein neues Thema mehr in der entwicklungspolitischen Debatte darstellt, gewinnt sie wieder an Aufmerksamkeit, nachdem letztes Jahr das Fischereiabkommen zwischen der EU und dem Senegal erneuert wurde. Das Abkommen, das für die nächsten fünf Jahre gilt, erlaubt es insgesamt 45 europäischen Schiffen 10.000 Tonnen Thunfisch und 1.750 Tonnen Seehecht pro Jahr zu fischen. Dafür wird dem Senegal eine Entschädigung von rund 15 Millionen Euro gezahlt. Ziel des Abkommens ist es außerdem „eine nachhaltige Fischereipolitik und eine verantwortungsvolle Nutzung der Fischereiressourcen in dem Gebiet zu fördern“, wie es in einem Dokument des Europäischen Parlaments heißt. Und auch in einem Artikel des Magazins für globale Entwicklung Welt-Sichten wird Heino Fock, Fischereiexperte vom Thünen-Institut in Bremerhaven, mit den Worten zitiert, die Höchstfangmengen für Europas Flotte seien stark reduziert worden und somit die Überfischung vor den Küsten Gambias, Mauretaniens und des Senegals nicht mehr existent.

Kritische Stimmen aus Westafrika

Doch es bleibt fraglich, wie realistisch diese Aussage eingeschätzt werden kann und wie nachhaltig der Kurs der Europäischen Union tatsächlich ist. Insbesondere aus Senegal ist Kritik zu vernehmen. Mikaila Issa, Mitarbeiter von Greenpeace Afrika in der Abteilung Medien und Kommunikation für Westafrika, stellt in seinem Artikel die Verbindung zu Fluchtbewegungen von Afrika nach Europa her.

Issa bezieht sich dabei explizit auf das eingangs erwähnte Fischereiabkommen zwischen der EU und dem Senegal. Das Problem sei das schlechte Management der Fischbestände, denn genaue Daten fehlten und es sei nicht bekannt, wie hoch die nutzbare Fischmenge tatsächlich sei. Auf dieser mangelnden Grundlage würden trotzdem Abkommen unterzeichnet und Fischereilizenzen an die europäische Flotte vergeben. Doch genau das sei die Hauptursache für die starke Überfischung in den Gewässern vor Westafrika und eine Ursache der Migrationsbewegungen nach Europa.

So berichtet Abdou Karim Sall, ein Kleinfischer aus Joal-Fadiouth im Senegal, dessen Lebensgrundlage der Fischfang bildete, über den Wettbewerb mit der EU (und Russland und China). Dies sei ein Wettbewerb, den man nur schwer gewinnen könne, wenn man mit Industriebooten konkurriere, die so groß sind, dass sie in einer Woche so viel fangen können wie senegalesische Kleinfischer*innen in einem Jahr. Das Ergebnis dieses Wettbewerbs sind somit schlechte Fangquoten, magere Ausbeuten und teils sogar leere Netze für die senegalesischen Kleinfischer*innen.

Aufgrund der entstehenden ökonomischen Not träumen einige junge Senegales*innen von einem besseren Leben in Europa. Sie nehmen oft gefährliche Wege über den Atlantik auf, um die Küsten Europas zu erreichen, zumeist die Kanarischen Inseln. Laut der Spanischen Kommission für Flüchtlingshilfe (CEAR) kamen im November 2020 durchschnittlich 400 Menschen pro Tag auf den Kanaren an, 10 Mal so viele wie noch im Vorjahr. Viele Menschen erreichen jedoch die Inseln gar nicht erst, zu gefährlich ist die Route über den Atlantik. Für die, die es schaffen, droht die Abschiebung zurück ins Heimatland. Denn Asyl wird in der EU nur gewährt aufgrund von Krieg, Folter und Verfolgung. Arbeitslosigkeit oder Ressourcenknappheit hingegen werden nicht berücksichtigt.

Kleinfischerei vs. Industriefischerei

Der Fischerei-Sektor und die Rolle der Europäischen Union (neben China und Russland) trägt mit zu dieser Ressourcenknappheit bei. Trotz der Abkommen, die eigentlich dem nachhaltigen Fischfang verpflichtet sein sollten und fragile Fischbestände schützen müssten, kommt es neben den senegalesischen Gewässern auch in Gambia, Mauretanien, Guinea-Bissau, der Elfenbeinküste, Liberia und Kap Verde zur Überfischung. Eine Studie des African Leadership Centre (UK) und Ecotrust (Kanada) hat herausgefunden, dass die Fischarten, die von EU-Schiffen gefangen werden, in unterschiedlichem Ausmaß überfischt bis vollständig ausgebeutet sind. In Gambia zum Beispiel sind 55 % der gefangenen Arten überfischt, in Guinea-Bissau sogar 21 % vollständig ausgebeutet. Andere Studien gehen sogar davon aus, dass die EU-Staaten nur 23 % des Fangs deklarieren und damit offizielle Fangquoten umgehen.

Klare Forderungen an afrikanische Regierungen und EU

Greenpeace Afrika erhebt klare Forderungen an die senegalesische Regierung und Europäische Union. Dazu gehören eine umfassende und transparente Bewertung der Ergebnisse des vorherigen Abkommens, die Aktualisierung der wissenschaftlichen Daten zu den Fischbeständen und absolute Transparenz bei der Teilung dieser Informationen mit den Interessengruppen der Fischerei. Insbesondere die Überprüfung der Fischbestände sei unausweichlich, denn nur wenn es einen Produktionsüberschuss gibt, könne die europäische Flotte diesen auch nutzen. Diese Meinung vertritt auch WWF-Expertin Antonia Leroy, die im eingangs erwähnten Artikel von Welt-Sichten zitiert wird. Heino Fock ist darüber hinaus der Meinung, dass die EU die Kontrollbehörden der westafrikanischen Länder unterstützen solle. Dem spricht auch Abdou Karim Sall zu, denn es fehle an unabhängigen Kontrolleuren und der Küstenwache mangele es an Geld und Ausstattung, um dem illegalen Fischfang ein Ende zu setzen.

Ein tiefgreifender Nachhaltigkeitskurs der Europäischen Flotte wäre wünschenswert und würde allen Beteiligten Vorteile bieten. Denn ohne die Abkommen ginge es auch nicht, dann würde vermutlich Anarchie herrschen und noch mehr Schiffe würden zum Fischen kommen, sagt auch Sall. Doch es ist wichtig, vermehrt auf die Stimmen aus Westafrika zu hören, um die Missstände in der Fischerei zu erkennen und um ihnen und den damit verbundenen Folgen entgegenwirken zu können.

Titelfoto: Carsten ten Brink via Flickr.com

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