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E+Z/D+C 2021/05 – mo – nowadays – Mireille Kanyange – Burundi – women in security forces

9. April 2021 - 14:00
Women are starting to take leadership posts in Burundi’s police and military

In Burundi, those efforts are starting to show results. For the first time ever, women are taking prominent jobs in the country’s military and the police forces. They bring to these jobs their unique perspectives on preventing violence, promoting dialogue and protecting women during armed conflict.

For example, Generose Ngendanganya, 55, recently was appointed Principal Police Commissioner. She is the first woman to hold this post, whose rank is equivalent to that of Major General in the army.

Commissioner Ngendanganya joined the police force as a lieutenant nearly 30 years ago and rose through the ranks. Along the way, one of her jobs was to lead the department for the protection of minors. Part of her duties was to protect girls from themselves: when girls in the city of Bujumbura "dressed extravagantly", as she put it, her duty was to advise them to reconsider, for their own safety.

Her new job is wide-ranging. Among other matters, she must guard against corruption in the ranks of the police force itself. Applicants for travel documents, for example, have complained they were forced to pay bribes. "Everyone should be served without paying bribes,” she says. “Passports are now issued without delay. I personally handle emergency cases in an orderly manner.”

Another policewoman who has risen to prominence is Clotilde Poyongo, Burundi’s first female Judicial Police Officer. She processes human- and civil-rights complaints, particularly from women and children.  Queues of such applicants form outside her office every day, reporting attacks and other crimes that they have suffered . Typically, female plaintiffs seek her out rather than turning to male police officers.

Some of Officer Poyongo’s case load consists of referrals from a specialised gender unit within the Ministry of Security. This unit was created in recognition of the high incidence of violence against women and the different nature of crimes, such as rape, that are perpetrated against females.

Women are also making inroads in the military. The Burundian army is including women in peacekeeping missions to neighbouring countries. One example is Major Francine Ndayisaba, who has joined several peacekeeping operations. She says, though, that there are too few women in such roles.

That shortage is being addressed, says Colonel Floribert Biyereke, spokesman for Burundi’s National Defence Force.  He notes that the military has created a gender department and put a woman in charge of it. "If the office has been entrusted to a woman, it is precisely because women have specific needs that require specific treatment," he says.

Taken together, the new roles for women in the police and the military mean that "a giant step has been taken," says Jennet Kem, the UN’s representative in Burundi. 

She notes that women have suffered disproportionately from political violence in eastern Africa’s Great Lakes region, including from clashes between rebels and regular armies in Burundi. “We just need to consider the situation of women 20 years ago” to understand that progress has been made, she says.

Mireille Kanyange is a journalist for Radio Isanganiro in Burundi.
mika.kanyange@gmail.com

 

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Demokratie versus Kleptokratie

9. April 2021 - 13:52
Um international Demokratie zu fördern, sollten westliche Regierungen illegitime Finanzflüsse bekämpfen

Demokratien sind per definitionem pluralistisch. Wenn Regierungen sich Wählern verantwortlich fühlen, nehmen sie mit großer Wahrscheinlichkeit vielfältige Interessen in Betracht. Autokratische Herrscher dienen dagegen meist kleinen, oligarchischen Eliten. Sie behaupten zwar, „die“ Nation zu stärken, aber zählen nur zur Volksgemeinschaft, wer ihnen zujubelt.

Die Amtszeit von US-Präsident Donald Trump prägten Selbstbereicherung sowie Missachtung von Institutionen auf nationaler wie internationaler Ebene. Er tat nichts, um Demokratie zu fördern. Autoritäre Despoten fühlten sich ermutigt. Leider füllten keine anderen westlichen Politiker die Lücke, die Trump aufriss. Allerdings hat die EU auch eigene Demokratiedefizite, wie etwa rechtspopulistische Regierungen in Polen und Ungarn. US-Präsident Joe Biden will Demokratie wieder zum globalen Leitprinzip machen. Dafür braucht er Verbündete. Wohlklingende Rhetorik wird nicht reichen, denn wer anderen glaubwürdig gute Regierungsführung predigen will, muss selbst mit gutem Vorbild vorangehen. Um das zu tun, sollten westliche Staaten mit viel größerer Entschlossenheit illegitime Finanzflüsse bekämpfen. Das wäre sowohl innen- wie außenpolitisch klug.

Autokraten und Oligarchen spotten zwar gern über liberale Demokratien, aber sie brauchen Zugang zu westlichen Kapitalmärkten. Um sich sicher zu führen, wollen sie schließlich zumindest einen Teil ihres Reichtums in Anlagen investieren, deren Wert in Dollar, Euro, Yen und anderen international anerkannten Währungen gemessen wird. Sie profitieren von Geldwäsche, Steueroasen und dubiosen Transaktionen. Dem können westliche Staaten viel entgegensetzen, wenn sie nach Kräften Wirtschaftskriminalität bekämpfen, das Steuerrecht durchsetzen und Schlupflöcher schließen. Eine Folge wären höhere Staatseinnahmen, sodass ihnen mehr Mittel für das Gemeinwohl zur Verfügung stünden. Soziale Ungleichheit würde reduziert. Je überzeugender sie agieren, desto stärker wird das Vertrauen in Institutionen – zu Hause, aber auch jenseits der Grenzen. Zugleich würden sie Despoten und deren Cliquen das Leben schwerer machen.

Laut dem Center for American Progress, einem Think Tank in Washington, bedroht internationale Korruption in zunehmendem Maße westliche Demokratien. Ein kluges Strategiepapier aus diesem Hause trägt den Titel „Turning the tide on dirty money“. Die Autoren erkennen an, dass die internationale Korruptionsbekämpfung in den vergangenen Jahrzehnten Fortschritte gemacht hat, warnen aber, dass sich bedrohliche Trends noch schneller beschleunigt haben. Zugleich urteilen sie, die USA, die EU und das britische Königreich könnten durch entschlossenes und geschlossenes Handeln wirkungsvoll gegensteuern.

Das ist auch nötig. In Europa halten viele die Zukunft der Demokratie wieder für gesichert, weil Biden nun Präsident ist. Es gibt aber weiterhin Anlass zur großer Sorge. So urteilt Freedom House, ein weiterer Think Tank in Washington, im neuen Jahresbericht 2021 mit dem Titel „Democracy under siege“. Er besagt unter anderem, dass nur noch 20 Prozent der Menschheit in einem freien Land leben. So klein war die Quote seit 1995 nicht mehr. Außerdem leben 75 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, in denen sich die Lage 2020 verschlechtert hat. Dabei spielt natürlich eine große Rolle, dass Indien unter dem hindu-chauvinistischen Regierungschef Narendra Modi nur noch als „teilweise frei“ statt „frei“ gilt. Mit fast 1,4 Milliarden Menschen stellt das Land aber nur 18 Prozent, nicht 75 Prozent der Menschheit.

In Hongkong, Belarus und andernorts fordern Protestbewegungen (mehr) Demokratie. Manchmal haben sie Erfolg, aber allzu oft werden sie unterdrückt. Als deprimierend bezeichnet Freedom House auch andere Entwicklungen, wie beispielsweise den Bürgerkrieg in Äthiopien, wo Premierminister Abiy Ahmed mehr Demokratie zu versprechen schien, oder das Aufflackern des Gewaltkonflikts in Nagorny-Karabach. Autokraten, Kriegsherren und ihre Verbündeten sind auf illegitime Finanzflüsse angewiesen. Um die Demokratie im eigenen Land zu verteidigen und sie zugleich international zu fördern, sollten westliche Spitzenpolitiker der Kleptokratie entschlossen Grenzen setzen.

Links
Center for American Progress, 2021: Turning the tide on dirty money.
https://www.americanprogress.org/issues/security/reports/2021/02/26/495402/turning-tide-dirty-money/
Freedom House, 2021: Democracy under siege.
https://freedomhouse.org/report/freedom-world/2021/democracy-under-siege

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Gewalt von Lehrern verhindern

7. April 2021 - 14:21
Trainingsprogramm soll Gewalt von Lehrern als Erziehungsmethode eindämmen

Das Interaction Competencies for Children for Teachers (ICC-T) ist ein interaktiver Workshop, in dem folgende Methoden angewandt werden:

  • Vermittlung von Wissen: In der Lehrerausbildung wird in vielen Ländern die psychische Entwicklung von Kindern zu wenig thematisiert. Es fehlt an Wissen, dass Gewalt Kindern schaden kann. Viele Lehrer wollen nur das Beste für ihre Schüler, sind sich aber nicht bewusst, dass sie durch körperliche und ernie­drigende Bestrafung oft das Gegenteil erreichen. Außerdem fehlt oft das Wissen, dass es Alternativen gibt. Neues Wissen schafft die Voraussetzung, dass Lehrer zu anderen Methoden als dem Rohrstock greifen.
  • Praktische Übungen: Einige gewaltfreie Methoden waren den Lehrern schon vor dem Workshop bekannt, aber sie haben sie nie angewendet. Erst durch das praktische Üben bekamen die Lehrer den Mut und das Selbstvertrauen, diese später auch in ihrem Alltag anzuwenden.
  • Reflexion der eigenen Gewalterfahrungen: Viele Lehrer machen sich keine Gedanken, wie es sich für die Schüler anfühlt und was es auslöst, Gewalt zu erleben. Durch Selbstreflex­ion gelingt es, die Wirkung von Gewalt erlebbar zu machen und die Lehrer zum Umdenken zu bewegen.
     
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Schlimme Folgen von Schulgewalt

7. April 2021 - 11:48
Gewalt von Lehrern hat negative Auswirkungen auf die Psyche der Schüler und ihre

Trotz international festgehaltener Ziele zur Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder ist laut der globalen Initiative „End All Corporal Punishment“ physische Bestrafung zu Hause derzeit in 139 Ländern legal, in der Schule in 67 Ländern. Am höchsten sind die Zahlen in Südostasien und Afrika, wo physische Bestrafung in Schulen in vielen Staaten sowohl legal als auch gesellschaftlich akzeptiert ist.

Seit acht Jahren widmet sich ein Team um den Psychologen Tobias Hecker von der Universität Bielefeld der Erforschung und Prävention von Gewalt in der Erziehung von Kindern im östlichen Afrika, unter anderem in Tansania. Die Wissenschaftler haben in einer Studie Schüler, Eltern und Lehrer an tansanischen Grundschulen befragt. 96 Prozent der Lehrer berichteten, im vorangegangenen Monat der Befragung mindestens eine Form von körperlicher oder emotionaler Gewalt gegen Schüler angewandt zu haben.

Am häufigsten gaben sie an, Schülern mit Gewalt zu drohen. Jeder fünfte Lehrer tat dies mehr als 20 Mal im Monat. Sie gaben auch an, die Schüler häufig anzuschreien und sie mit einem Lineal, Stock oder Ähnlichem auf das Gesäß oder auf Arme, Beine oder Hände zu schlagen. Passend zu den Angaben der Lehrer, berichteten 95 Prozent der Schüler, einmal im Monat mindestens eine Art von Gewalt durch Lehrer erfahren zu haben.

Leistungsabfall bei Schülern

Die Studien der vergangenen Jahre konnten zeigen, dass die erlebte Gewalt in direktem Zusammenhang mit psychischen Problemen der Kinder steht. Je mehr Gewalt Kinder durch Lehrer und die Eltern erleben, desto eher zeigen sie emotionale Probleme (Depressionen oder sozialen Rückzug) und Verhaltensauffälligkeiten (Aggressivität oder Hyperaktivität). Durch die psychische Belastung können sich Schüler schlechter konzentrieren und den Stoff lernen.

Kinder, die Gewalt erleben, sind meist kognitiv weniger leistungsfähig. Dies zeigt sich etwa durch schlechtere Schulnoten. Während Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Kinder gesellschaftlich weniger Gehör finden, stoßen Erkenntnisse über die Folgen für die schulischen Leistungen auf großes Interesse sowohl von Lehrern als auch Eltern. Kinder vor Gewalt zu schützen ist nicht nur für ihre eigene gesunde Entwicklung dringend notwendig, sondern auch, um die Wirtschaft in einkommensschwachen Ländern wie Tansania nicht zusätzlich zu belasten. So untersuchte Plan International anhand einer Studie die wirtschaftlichen Folgen von Gewalt gegen Kinder am Beispiel von Indien: Die Kosten, die der Gesellschaft durch Schulabgänge aufgrund von Schulgewalt entstehen, wurden auf etwa 1,5 bis 7,5 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt.

Mit Blick auf die verheerenden Konsequenzen – emotional, kognitiv, aber auch wirtschaftlich und gesellschaftlich – stellt sich die Frage, warum Lehrer Schüler körperlich und seelisch bestrafen, um sie zu disziplinieren. Auch dieser Frage geht das Forschungsprojekt von Tobias Hecker nach und fand heraus, dass die Einstellung der Lehrer gegenüber Gewalt in der Erziehung dabei eine wichtige Rolle spielt.

Eine zustimmende und akzeptierende Haltung gegen Gewalt kann unter anderem durch eigene Erfahrungen in der Kindheit erklärt werden. Die Lehrer haben es ihrerseits oft nicht anders erlebt und sind in einem gesellschaftlichen Umfeld aufgewachsen, in dem körperliche Bestrafung als normal gilt. Ein Teilnehmer der Studie berichtet: „Darüber nachzudenken, wie ich die Prügel von meinen Lehrern erlebt habe, wie ich mich gefühlt habe und was ich gedacht habe, das hat etwas verändert. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich einen Schüler verprügele, dann kommen gleich meine Wut, meine Verzweiflung, mein Hass hoch, die ich empfunden habe, als mein Lehrer mich verprügelt hat.“

Es spielen aber auch konkrete Überzeugungen und Mythen zu physischer Bestrafung eine wichtige Rolle. Viele Lehrer glauben, dass andere Erziehungsstrategien weniger effektiv sind. Sie bringen körperliche Bestrafung mit dem Erlernen von Respekt und der Bildung des Charakters in Zusammenhang. Es herrscht auch die Auffassung, dass einige Kinder mit anderen Methoden nicht zu kontrollieren seien. Zudem sind Lehrer mit Klassen von bis zu 200 Schülern, mangelnden Unterrichtsmaterialien und einem Haushaltseinkommen von meist weniger als 220 Dollar monatlich (mit durchschnittlich 5 Personen pro Haushalt) großem Stress ausgesetzt. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass Stress zu höherer Aggressivität führt und dass Lehrer mit höherem Stress mehr Gewalt gegen Schüler anwenden.

Gewaltfreie Erziehung lernen

Das Forschungsteam von Hecker hat zusammen mit afrikanischen Wissenschaftlern ein Trainingsprogramm für Lehrer entwickelt, das bei den Ursachen für den Einsatz gewalttätiger Bestrafung ansetzt (siehe Kasten). Interaction Competencies for Children for Teachers (ICC-T) ist ein einwöchiger interaktiver Workshop für 20 bis 30 Teilnehmer. Dieser vermittelt Wissen über kindliche Entwicklung, Folgen von Gewalt und alternative Erziehungsmethoden (wie Verstärkungssysteme, logische Konsequenzen oder Partizipation). Die Teilnehmer werden in einem Teil des Programms aber auch dazu angeleitet, ihre eigenen Gewalterfahrungen aus der Kindheit – sowie ihre jetzige Rolle als Ausübende von Gewalt – zu reflektieren.

Das Besondere an ICC-T ist, dass es speziell für ressourcenschwache Kontexte entwickelt wurde. Die Teilnehmer werden dazu motiviert, den Workshop aktiv mitzugestalten und sich mit den anderen intensiv auszutauschen. Auch über den Workshop hin­aus sollen sich die Lehrer über soziale Medien ein Netzwerk zum Austausch aufbauen. Langfristig soll das die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmer im Alltag zu alten Gewohnheiten zurückkehren, senken. Außerdem sollen Kollegialität und Kommunikation zwischen den Lehrern gestärkt und damit die Arbeitsatmosphäre verbessert werden.

Bislang wurde ICC-T im Rahmen von drei Studien an 17 Schulen durchgeführt. Teilnehmende Schulen waren Grund- und Sekundarschulen aus urbanen und ländlichen Regionen in Tansania und Uganda. Das Interesse der Lehrer an dem Workshop war groß, die Teilnehmer überwiegend sehr motiviert. Die ersten beiden Studien, in denen das Programm an weiterführenden Schulen in Tansania und Uganda durchgeführt und auf seine Wirksamkeit hin überprüft wurde, lieferten vielversprechende Ergebnisse. Die teilnehmenden Lehrer berichteten, dass sich ihre Einstellungen zu Gewalt verändert habe, und gaben an, weniger physische und emotionale Gewalt gegenüber ihren Schülern anzuwenden. Ein Teilnehmer berichtet: „Ich habe vorher nie darüber nachgedacht, was meine Schüler dabei empfinden. Es fühlt sich für mich aber nicht gut an, wenn ich nun weiß, dass sie mich hassen, dass sie auf Rache sinnen, dass sie mich nur noch fürchten und nicht mehr achten. Der Gedanke ist schrecklich, und das ist nie und nimmer das, was ich wollte.“

Laura Hinze war für ihre Masterarbeit im Fach Psychologie an der Durchführung der Studie von Tobias Hecker beteiligt. Aktuell arbeitet sie als klinische Psychologin in einer psychiatrischen Akutklinik.
mail@laurahinze.de

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Wie die GIZ aus Erfahrung Lehren zieht

31. März 2021 - 10:01
GIZ veröffentlicht Evaluierungsbericht 2020

Der Bericht bietet auf der Basis der Auswertung von 215 Vorhaben interessante Einblicke in die Erfolge, aber auch die Grenzen der GIZ-Arbeit. Das Schwerpunktthema ist Governance. Mit diesem Schlagwort fasst die GIZ die Themenfelder gute Regierungsführung, Friedensentwicklung und Krisenprävention zusammen. Die einschlägigen Vorhaben werden im Schnitt als „insgesamt erfolgreich“ bewertet. Als besonders wirkungsvoll hätten sich Fach- und Organisationsberatung sowie Fortbildungsangebote erwiesen. Der Evaluierungsbericht räumt aber ein, „makropolitische Rahmenbedingungen eines Partnerlandes, etwa Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder Transparenz staatlichen Handelns“, seien damit kaum beeinflussbar.

Die GIZ hat beispielsweise Sambias Regierung dabei unterstützt, öffentliche Finanzen besser zu verwalten. Laut Evaluierungsbericht gibt es gute Ergebnisse bei der Arbeit der Steuerbehörde und der Qualität der Steuerprüfungen. Allerdings habe der Verfall des Weltmarktpreises für Kupfer, Sambias wichtigstes Exportgut, die Stabilisierung der Staatsverschuldung verhindert. Zudem sei die Transparenz der Finanzverwaltung weiterhin mangelhaft. Künftig sollten deshalb zivilgesellschaftliche Akteure und die Antikorruptionsstelle des sambischen Rechnungshofs stärker einbezogen werden, urteilen die Prüfer.

Die GIZ ist im Auftrag der Bundesregierung auch im Rechtsstaatsdialog mit China aktiv. In den Jahren 2015 bis 2018 beriet sie Gesetzgeber und bildete Justizpersonal fort. Der Evaluierungsbericht stellt fest, dass Gesetze im Zivil-, Arbeit-, Wettbewerbs- und Finanzrecht nun rechtsstaatlichen Prinzipien folgen, eine höhere Qualität richterlicher Urteile sei jedoch nicht zu erkennen. „Die aufgezeigten Schwächen spiegeln den politischen Kontext wider“, heißt es im Bericht.

Solche Erfahrungen bestätigen die alte Erkenntnis, dass für dauerhaften Wandel die Eigenverantwortung („Ownership“) der relevanten Akteure in den Partnerländern wesentlich ist. Bilaterale Institutionen wie die GIZ können zwar Grundlagen für Verbesserungen schaffen und positive Trends unterstützen, jedoch nicht die Entwicklung der Partnerländer steuern. Der Evaluierungsbericht empfiehlt, stärker auf Mehr-Ebenen-Ansätze zu setzen, auf mögliche Synergien zu achten und Vorhaben ausbaufähig anzulegen.

Das ist ein hoher Anspruch – und besonders dann schwer zu erfüllen, wenn schnell und flexibel reagiert werden muss. Dazu zwingen krisenhafte Entwicklungen die GIZ immer wieder. Der Bericht benennt fragile Staatlichkeit als riesiges Problem. Auch habe die Flüchtlingskrise die GIZ auf die Probe gestellt. Der Evaluierungsbericht lobt das GIZ-Personal unter anderem für „Flexibilität im Umgang mit den komplexen und restriktiven Bedingungen“.

Das Evaluierungssystem der GIZ wird im Lauf der Zeit immer wieder an neue Erfordernisse angepasst. Unter anderem prüft es nun, wie Vorstandssmitglied Hoven bei der Vorstellung des Berichts mitteilte, ob und in welchem Maß GIZ-Vorhaben der Erreichung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) dienen. Als sechstes grundsätzliches Prüfkriterium sei nämlich Kohärenz zu den fünf bisherigen (Relevanz, Effektivität, Effizienz, Bezug zu politischen Zielen und Nachhaltigkeit) hinzugekommen. Zunehmend steuere zudem die Unternehmenszentrale die Evaluierungstätigkeit, wohingegen in der Vergangenheit Projektverantwortliche selbst Studien in Auftrag gegeben hätten. Hoven zufolge werden nur unabhängige Experten mit Evaluierungen beauftragt, die nicht an Vorbereitung oder Ausführung der Vorhaben teilgenommen haben.

Martin Jäger, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), sagte, er kenne kein anderes Politikfeld, das die Ergebnisse seiner Arbeit „so akribisch prüft“. Der Haushalt seines Ministeriums habe sich von 2015 bis 2020 auf 12 Milliarden Euro verdoppelt.

Link
GIZ, 2021: Evaluierungsbericht 2020: Wissen nutzen. (12 MB)
https://www.giz.de/de/downloads/giz2020-evaluierungsbericht-2020.pdf

 

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E+Z/D+C 2021/05 – mo – now – Raphael Mweninguwe – Malawi – mothers groups

31. März 2021 - 9:35
Mother groups’ in Malawi’s schools help to prevent girls from dropping out

 

On top of this, about 20 % of Malawian girls under 18 experience rape or other sexual violence, the UN agency says in a report titled “Mother groups – underutilised resource in girls’ education in Malawi”. The agency aims to improve maternal and reproductive health worldwide.

To improve the odds that Malawi’s schoolgirls will stay the course, UNFPA and the Malawi Education Ministry sponsor “mother groups” – circles of about 10 adult female volunteers attached to schools, which advise girls to remain in class and help them to do so.

The mothers use a variety of methods. They explain the importance of education, serve as role models, and arrange referrals for reproductive health services. They counsel girls on how to resist pressures to drop out. Some girls face pressure from their own parents to quit school, especially if they are married and their husbands help to support their parents.

The mothers show girls how to care for themselves, including how to make sanitary pads out of scraps of cloth which can be washed and re-used. They also make such pads and give them to girls who forgot to bring their own, says Lloyd Mtalimanja, a programme coordinator at WaterAid Malawi. The NGO upgrades sanitation facilities in schools, including improving toilets and basins for washing hands.

Menstruation is a major factor in the drop-out rate. “When girls are menstruating they prefer to stay at home,” says Bright Sibale, Head of Centre for Development Management, a consulting firm. He carried out a study on child development, funded by World Relief Malawi, which finds that girls’ absence from school correlates strongly with their menstrual cycles.

“Most girls drop out because of bullying from boys, especially when they have their periods,” says Ellen Phiri, a teacher. “The mother groups help many girls to stay in school or to return if they have left. Many of those girls are doing better than before, and some are being selected for secondary school.”

Data on the success rate of mother groups in reducing dropout rates are incomplete. However, some local statistics point to a significant impact. According to Thokozire Livuza, a primary education advisor in the Mulanje district, the number of primary school pupils in the district’s Mombo Zone rose from nearly 11,900 in the 2017/18 academic year to nearly 14,400 in 2018/19. Most of that increase was due to the efforts of mother groups, she says in a Malawi News Agency article titled “Mother groups improving school attendance”.

Mother groups are active in about 350 Malawian primary schools. Those groups receive “supportive supervision” from the Education Ministry, as well as some of the funds that the ministry provides to schools. But the 350 schools represent only a fraction of Malawi’s 6,400 primary schools.

Fewer than half the 350 mother groups are active in schools that participate in the UNFPA’s Joint Programme on Girls’ Education, which aims to keep girls in school. “The mother groups work as volunteers; it is important to support them with training and funds,” Sibale says.

Raphael Mweninguwe is a freelance journalist based in Malawi.
raphael.mweninguwe@hotmail.com

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Flüchtlingslager auf Lesbos und Bhashan Char

30. März 2021 - 15:34
Dem EU-Beispiel folgend, verbannt Bangladesch Flüchtlinge auf eine abgelegene Insel

Rund 1 Million Rohingya-Flüchtlinge aus Myanmar leben in Bangladesch. Im Sommer 2017 entkamen sie Militärgewalt und genozidalen Pogromen. Die Regierung von Bangladesch erkennt sie zwar nicht als Flüchtlinge an, duldet sie aber aus humanitären Gründen.

Die Flüchtlinge hängen von humanitärer Hilfe ab. Ihre Lager an der Grenze zu Myanmar sind trostlos und armselig. Es gibt zwar beachtliche internationale Unterstützung, aber Bangladesch trägt die Hauptlast. Verhandlungen über Repatriierung mit Myanmar blieben bislang erfolglos, und der Militärputsch dort hat die Lage weiter verdüstert. Die Lager drohen zu permanenten Siedlungen zu werden.

Das will Bangladeschs Regierung nicht, weshalb sie einen harschen Plan umsetzt. Sie will rund 100 000 Flüchtlinge nach Bhashan Char schicken, eine neu aufgeschwemmte Insel etwa 60 Kilometer vor der Küste. Neubauten wurden dort errichtet, und etwa 10 000 Menschen wurden gegen ihren Willen bereits dorthin gebracht. Fachleute warnen, die Insel sei von Hochwasser und Zyklonen bedroht und könne sogar ganz im Meer versinken.

Der Regierung zufolge ist die Siedlung auf Bhashan Char etwas Besonderes, nicht zuletzt dank Moscheen, Schulen und freien Flächen. Wahr ist allerdings auch, dass sie die Flüchtlinge in einem kontrollierten Gebiet fern der Grenze haben will.

Internationale Menschenrechtsorganisationen lehnen diese Politik ab – und zwar nicht nur wegen der Umweltrisiken. Ebenso wichtig ist, dass die Flüchtlinge auf der Insel vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten sind und keinerlei Perspektiven haben. Betroffene empfinden Bhashan Char als Haftlager.

Es ist leicht, diese Politik zu beanstanden. Internationale Kritiker sollten aber bedenken, dass Bangladesch ein sehr dicht besiedeltes Land mit niedrigem mittleren Einkommen ist. Großenteils folgt es dem Beispiel der EU, die bekanntlich Flüchtlinge auf abgelegenen griechischen Inseln unterbringt, allerdings in provisorischen Camps. Auch Australien hält Flüchtlinge auf ähnliche Weise vom gesellschaftlichen Alltag fern.

Griechische Tragödie

Voriges Jahr ging das berüchtigte Flüchtlingslager Moria auf Lesbos in Flammen auf. Gebaut für nicht einmal 3000 Menschen, beherbergte es zeitweilig bis zu 20 000. Das Feuer machte mehr als 12 000 Schutzbedürftige obdachlos und vernichtete fast alles, was sie besaßen. EU-Stellen versprachen Besserung, aber mehr als die Hälfte der Betroffenen fand sich bald auf derselben Insel in einem neuen provisorischen Lager wieder.

Nicht nur zivilgesellschaftliche Organisationen äußern Entrüstung. Im Dezember sagte Gerd Müller, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der Passauer Neuen Presse, das neue Lager sei nicht besser, sondern schlechter als das alte. Er habe Moria 2018 besucht, und die Zustände seien schlimmer gewesen als alles, was er in Flüchtlingscamps im Südsudan und Nordirak gesehen habe.

Im Gegensatz zu Bangladesch ist die EU ein starker Akteur. Die Mitgliedsländer haben eine bessere Infrastruktur und höhere Lebensstandards. Zudem haben sie die Flüchtlingskonvention unterzeichnet, was Bangladesch nicht getan hat und entsprechend an deren Normen nicht gebunden ist.

Europäische Politiker betonen gerne die Menschenrechte. Ihre Glaubwürdigkeit wäre größer, würde Europa die Menschenrechte von Flüchtlingen beherzigen. Dass Deutschland rund 1500 Menschen aus Lesbos aufgenommen hat, ist gut – aber es reicht nicht. Rund 7000 stecken in dem neuen Lager auf Lesbos fest. Humanitäre Organisationen berichteten während der jüngsten Kältewellen abermals von katastrophalen Bedingungen. Viele weitere Flüchtlinge leiden auf anderen griechischen Inseln. Wenn die EU ein positives Beispiel konstatieren will, muss sie dafür sorgen, dass alle ausreichende Hilfe und echte Lebenschancen bekommen.

Ridwanul Hoque ist Jura-Professor an der University of Dhaka. Aktuell ist er IASH-Alwaleed Research Fellow an der Edinburgh University sowie Fellow an der Charles Darwin University in Australien.

Hans Dembowski ist Chefredakteur von E+Z/D+C.
euz.editor@dandc.eu

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Digitale Bildung würde den Frauen Pakistans helfen

26. März 2021 - 9:58
Warum den meisten Pakistanerinnen digitale Möglichkeiten verwehrt bleiben

In Pakistan sind die Hälfte aller Frauen Analphabetinnen (siehe Hauptartikel). Kein Wunder also, dass sie digitale Geräte nur sehr begrenzt nutzen. Telefonieren kann man ohne lesen oder schreiben zu müssen, aber SMS schreiben und viele andere einfache Smartphone-Anwendungen erfordern Alphabetisierung. Laut der Pakistan Social and Living Standards Measurement Survey 2018–2019 besitzen nur 26 Prozent der über zehnjährigen Pakistanerinnen ein Mobiltelefon, nur 13 Prozent gaben an, in den vergangenen drei Monaten im Internet gewesen zu sein. Gerade einmal sechs Prozent hatten in dieser Zeit PC, Laptop oder Tablet genutzt.

Leider bleiben den meisten Pakistanerinnen die Chancen der digitalen Welt versagt. Für viele Anwendungen sind sie digital zu unerfahren und nicht ausgerüstet. Die Folgen sind gar nicht abzusehen.

Weltweit verlassen sich Regierungen auf digitale Technologien, um Dienstleistungen besser bereitzustellen und Bürgern mehr Zugang zu staatlichen Einrichtungen zu geben. In Pakistan geht das an den Frauen vorbei. Das zentrale Ausweisdokument ist der computerisierte nationale Identitätsausweis (Computerized National Identity Card – CNIC). 24 Prozent aller erwachsenen Frauen haben einen solchen Ausweis offiziellen Daten zufolge nicht. Traditionelle Normen schränken viele Frauen in ihrer Mobilität ein, so dass sie nicht direkt auf die Ämter gehen können, die dieses Dokument ausstellen. Die zuständige Behörde, die National Database and Registration Authority (NADRA), bietet an, den CNIC online ausstellen oder verlängern zu lassen. Dazu muss eine Frau jedoch nicht nur einen Internetzugang haben und lesen und schreiben können. Sie muss auch wissen, wie man Online-Formulare ausfüllt und Bilder hochlädt. Obendrein ist die NADRA-Website auf Englisch. Links zu regionalen Sprachen oder der Landessprache Urdu bietet sie nicht.

Auch bei staatlichen Programmen zur Stärkung von Frauen besteht das gleiche Problem. Flaggschiff des pakistanischen Sozialsicherungsprogramms ist das „Ehsaas“-Programm. Es gewährt Frauen aus den ärmsten Haushalten kleine Kredite sowie unbedingte und bedingte Bargeldzuschüsse. Reichweite und Effizienz des Programms soll durch die Ehsaas-Website verbessert werden. Sie enthält Informationen über Programmstruktur, Antragsverfahren, Förderkriterien und vieles mehr – alles auf Englisch.

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Wie Analphabetismus die Unterdrückung pakistanischer Frauen

26. März 2021 - 9:37
Die Hälfte der Frauen in Pakistan kann in keiner Sprache lesen oder schreiben

Von den 220 Millionen Pakistanern sind 49 Prozent Frauen. Dass der Anteil so niedrig ist, liegt an einer geschlechtsspezifischen Diskriminierung. Die Sterblichkeit von weiblichen Säuglingen ist höher, weil viele von ihnen vernachlässigt werden, außerdem wird über selektive Abtreibung berichtet. Viele Familien bevorzugen Söhne, nicht zuletzt, weil diese sich im Alter um ihre Eltern kümmern. Mädchen sind eine finanzielle Belastung, auch weil für sie eine Aussteuer fällig wird, wenn sie in eine andere Familie einheiraten.

Das ist in ganz Südasien ähnlich, aber in Pakistan ist die Lage besonders hart. Die Ungleichheit ist dort laut Weltwirtschaftsforum am dritthöchsten. 2018 rangierte Pakistan auf dem Gender Gap Index (GGI) auf Platz 151 von 153 Ländern – in nur zwei Ländern sah es noch schlechter aus. Das GGI-Ranking basiert auf dem Ausmaß an Ungleichheit von Männern und Frauen hinsichtlich wirtschaftlicher Teilhabe, Bildungsstand, Gesundheitszustand und politischer Aktivität.

Die mangelhafte Bildung von Frauen resultiert aus dem niedrigen Status von Frauen und verhindert Fortschritt.

Laut einer Erhebung zur Messung des Sozial- und Lebensstandards (Pakistan Social and Living Standards Measurement Survey – PSLM) der pakistanischen Regierung zwischen 2018 und 2019 hat nur die Hälfte aller über zehnjährigen Mädchen und Frauen in Pakistan je eine Schule besucht. Es überrascht nicht, dass die Grundbildung von Frauen weiterhin unsäglich schlecht ist. Das hat viele negative Folgen. Es vermindert zum Beispiel ihre Chancen, sich digitale Fähigkeiten anzueignen (siehe Kasten).

Nur die Hälfte aller über zehnjährigen Pakistanerinnen kann lesen und schreiben. Bei der jüngeren Generation sieht es kaum besser aus. Laut PSLM können 64 Prozent der Frauen zwischen 15 und 24 lesen und schreiben. Diese höhere Rate illustriert Fortschritte im städtischen Raum und in der Provinz Punjab. In Belutschistan hingegen liegt die „Jugend-Alphabetisierungsrate“ von Frauen nur bei 32 Prozent, in Khyber Pakhtunkhwa und Sindh zwischen 50 und 55 Prozent.

Dieses niedrige Bildungsniveau verhindert die Teilhabe von Frauen im formellen Arbeitsmarkt. Wegen fehlender Bildung und Fertigkeiten finden viele Frauen keine lukrativen Jobs. Die meisten Frauen, die einer bezahlten Arbeit nachgehen, müssen sich somit mit informellen, schlecht bezahlten Jobs zufriedengeben. Auf dem Land arbeiten sie meist als Tagelöhnerinnen auf Farmen, in den Städten als Haushaltshilfen.

Das so verdiente Geld reicht nicht für den eigenen Lebensunterhalt und schon gar nicht, um eine Familie allein ernähren zu können. Niedrige Einkommen bedeuten zudem, dass sie kein Geld sparen oder Vermögen aufbauen können. Somit bleiben sie abhängig von männlichen Familienmitgliedern, die meist mehr verdienen – auch, weil sie besser ausgebildet und qualifiziert sind.

Die Abhängigkeit von Männern macht Frauen verwundbar. Gewalt gegen Frauen gibt es im öffentlichen wie im privaten Raum. Laut einer offiziellen Umfrage zu Demographie und Gesundheit (DHS) von 2017 bis 2018 haben 28 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren körperliche Gewalt in der Familie erfahren. Auf dem Land kam häusliche Gewalt häufiger vor als in den urbanen Gebieten; und – das ist kein Zufall – am häufigsten dort, wo die meisten Frauen Analphabetinnen waren. In Belutschistan etwa waren 48 Prozent der Teilnehmerinnen betroffen, in Khyber Pakhtunkhwa 43 Prozent.

Ein Grund: Ungebildete Frauen sind zu abhängig von ihren Familien, um Männer zu verlassen, die sie misshandeln. Auch haben viele ein traditionelles Rollenverständnis. Analphabetinnen kennen ihre Rechte meist nicht – und wenn doch, haben sie nicht die Mittel, vor Gericht zu gehen.

Viele pakistanische Gesetze benachteiligen Frauen. Aber Frauen haben auch Rechte. Ein muslimischer Ehevertrag (Nikah Nama), der die Rechte von Mann und Frau festlegt, muss von Braut und Bräutigam unterschrieben werden. Eine Standardklausel gibt der Frau das Recht, sich ohne Zustimmung des Mannes scheiden zu lassen. Gemäß der muslimischen Tradition hat der Mann dieses Recht immer. Die Frau hat es nur, wenn es explizit in den unterschriebenen Nikah Nama aufgenommen wurde.

Die meisten pakistanischen Frauen wissen das nicht. Die Wissenschaftlerinnen Erica Field und Kate Vyborny haben entsprechende Eheverträge untersucht. In einem noch unveröffentlichten Artikel ­schreiben sie, dass 75 Prozent aller Frauen in Peshawar, der Hauptstadt der Provinz Khyber Pakhtunkhwa, ihre Nikah Nama vor der Hochzeit nicht gelesen haben. Sie fanden heraus, dass in Punjab das Recht der Frau, sich scheiden zu lassen, in 35 Prozent der Nikah Namas gestrichen wurde. Analphabetismus und Unkenntnis ihrer Rechte führen ganz offensichtlich zu einem sich selbst erhaltenden Kreislauf.

Die Einschulungsrate von Mädchen zeigt, dass es mit der Alphabetisierung von Frauen nicht schnell vorangehen wird. Etwa 30 Prozent aller Kinder in Pakistan besuchen keine Schule. Mädchen gehen mit höherer Wahrscheinlichkeit gar nicht erst zur Schule oder brechen früher ab. Tatsächlich besuchen nur 51 Prozent aller Mädchen zwischen fünf und neun Jahren die Grundschule. Noch schlechter steht es um sekundäre und tertiäre Bildung. Jeder Versuch, das Leben pakistanischer Frauen substanziell zu verbessern, muss bei ihrer Alphabetisierung beginnen.

Sundus Saleemi hat kürzlich ihre Doktorarbeit an der Universität von Bonn über Alphabetisierung von Frauen eingereicht.
sundus.saleemi@gmail.com

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E+Z/D+C 2021/04 – bl – Ronald Ssegujja Ssekandi – covid presidents

25. März 2021 - 14:48
A second East-African president has suddenly died, and rumours abound about Covid-19 being the cause

On 17 March, Tanzania’s president, John Pombe Magufuli was officially pronounced dead. For two weeks, people had been speculating about his health and whereabouts. He was known for his outright denial of the threat of Covid-19. Many now suspect that he died of the disease, though the official explanation is a heart problem. For some time, he had not appeared in public life anymore.  

Last year, the same scenario affected Tanzania’s neighbouring country Burundi. President Pierre Nkurunziza suddenly died in June, and the government declared that the reason was cardiac arrest. However, the belief that coronavirus was the real reason is wide spread. Like Magufuli, the Burundian leader had played down the pandemic.

Under Magufuli, Tanzania defied global guidelines. It did not impose rules on wearing masks and social distancing. There was no lockdown moreover. In June, Magufuli declared Covid-19 defeated. His government stopped publishing infection data daily. People were thus left completely in the dark, because Magufuli’s government had made publishing unofficial statistics a criminal offence in 2015.

In spite of Magufuli’s pandemic denial, many Tanzanians are aware of the disease spreading. They do not have reliable data, but it is obvious that many people were falling sick. One does  not need an official death count to understand that Covid-19 is killing people.

The advice of Magufuli, a devout Catholic, was to pray. However, even the Catholic clergy has been telling the faithful for some time to take more worldly precautions, including using masks and keeping a distance from others.
 

The first signs are not promising

It now remains to be seen if the new president, Samia Suluhu Hassan, will change the country’s approach to the pandemic. The first signs are not promising. The official photo of her holding her first Cabinet meeting showed no one wearing a mask in a closed room.

Other East African countries have complied with global efforts against Covid19. From the onset, the governments in Rwanda, Uganda and Kenya put in place stringent conditions to curb the spread of the virus. When Magufuli was sworn in for a second term in December last year, Ugandan President Yoweri Museveni flew to Tanzania to attend the event. The photos were striking. The members of the Ugandan delegation wore masks while the Tanzanian counterparts did not.

Vaccination against Covid-19 is slowly kicking off in East Africa. So far, the governments of Tanzania and Burundi, however, have not shown an interest in vaccines, claiming that they do not have a Covid-19 crisis. Perhaps the death of a second East African president will make a difference. What is sure is that many people are losing faith in their governments – if they had any faith in them to begin with. Denying obvious realities simply does not inspire trust, but gives rise to rumours. Transparency might help.

Ronald Ssegujja Ssekandi is from Uganda and studies development management at Ruhr University Bochum. The masters’ programme is part of AGEP, the German Association of Post-Graduate Programmes with Special Relevance to Developing Countries. He is currently an intern with D+C/E+Z.
sekandiron@gmail.com

 

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Ein Studium im Ausland bringt Vorteile für alle Seiten

25. März 2021 - 12:05
Ausländische Absolventen deutscher Hochschulen bauen Brücken zwischen den Kulturen

Ein Auslandsstudium bringt Studierende nicht nur akademisch weiter. Es schafft auch gute Gelegenheiten, um:

  • sich selbst besser kennenzulernen,
  • die eigene Meinung in Frage zu stellen,
  • bisher unbekannte gesellschaftliche Realitäten zu entdecken,
  • neue Perspektiven einzunehmen und
  • neue Entscheidungen zu treffen.

Studierende aus Asien und Afrika finden Deutschland ziemlich aufregend. Einerseits profitieren sie von neuen Technologien, besserer Laborausstattung, modernen Lehrplänen und großen professionellen Netzwerken. Andererseits erleben sie eine aufgeschlossene Gesellschaft, die unabhängiges, kritisches Denken fördert und Menschen den Raum gibt, scheinbar unverrückbare Realitäten in Frage zu stellen. Pluralismus, religiöse Toleranz und individuelle Freiheit werden hier als selbstverständlich angesehen. Für den eigenen persönlichen und beruflichen Weg eröffnen sich neue Möglichkeiten. Das trifft selbstverständlich auf alle Studierenden zu, die ihre Heimatstadt fürs Studium verlassen. Aber die Auswirkungen sind für jemanden, der aus Afrika oder Asien nach Europa geht, größer.

Deutschland fungiert zudem als Drehkreuz, das internationale Studierende aus verschiedenen Regionen zusammenbringt. Oft bleiben diese Verbindungen auch nach dem Abschluss bestehen. Egal, ob die Absolventen nach Hause zurückkehren, in Deutschland bleiben oder in ein anderes Land weiterziehen – sie beeinflussen in jedem Fall die Entwicklung ihrer Heimatländer. Diese brauchen gut ausgebildete Menschen, die Verantwortung übernehmen und Wandel herbeiführen. Wer Erfahrungen und eine Ausbildung im Ausland mitbringt, eignet sich gut dafür. Doch selbst wer in Deutschland bleibt, ist mit Familie und Freunden in der Heimat in Kontakt, teilt seine Erfahrungen und inspiriert andere. Das gilt auch für Absolventen, die von deutschen Universitäten in ein anderes, oft anglofones Land wechseln.

Ich arbeite als Koordinatorin des internationalen Masterprogramms „Integrated Water Resources Management“ an der TH Köln. Es legt einen besonderen Schwerpunkt auf den Nahen Osten und Nordafrika, wo die Wasserversorgung schon immer eine große Herausforderung darstellte, wegen der Klimakrise aber immer schwieriger wird. Unsere Studierenden bringen unterschiedliche Abschlüsse mit, und wir legen viel Wert auf Interdisziplinarität und Multikulturalität. Die Teilnehmenden entwickeln sich professionell weiter und vertiefen ihr Verständnis der Themen im Austausch mit Kommilitonen. Dabei ist es faszinierend zu beobachten, wie sie sich zunehmend gegenüber anderen Sichtweisen öffnen. Nach dem Abschluss nehmen viele verantwortungsvolle Positionen ein, die meisten in ihrem Heimatland, manche im Auftrag einer deutschen Entwicklungshilfeorganisation. Andere bleiben hier und schließen eine Dissertation an oder arbeiten in einem deutschen Unternehmen.

In jedem Fall profitiert auch Deutschland. Die ausländischen Studierenden inspirieren ihre deutschen Kommilitonen. Sie schaffen Multikulturalität und können zur Integration von Einwanderern beitragen. Studierende aus Entwicklungsländern aufzunehmen und auszubilden ist eine langfristige Investition, die sich besonders in Zeiten auszahlt, in denen immer mehr Themen internationale, ja globale Zusammenarbeit erfordern. Deutschland braucht Leute in anderen Ländern, die Deutschland verstehen, und es braucht Leute in Deutschland, die andere Länder verstehen. Wer an einer ausländischen Uni studiert hat, ist prädestiniert dafür, Brücken zwischen den beiden Ländern zu bauen, die er gut kennt.

Deutschland nutzt diese Möglichkeiten bereits recht umfassend, könnte aber noch mehr tun. Ein leichterer Zugang zu Arbeits- und Aufenthaltserlaubnissen, auch für Angehörige, wäre für viele Ausländer eine Erleichterung. Das Arbeitsumfeld in Deutschland ist für Einwanderer auch nicht immer einfach. Je offener das aufnehmende Land ist, umso besser können Immigranten als Botschafter zwischen den Kulturen fungieren.

Sudeh Dehnavi ist Gründerin der ENRoot GmbH, eines Start-ups für Wissenstransfer, und Programmkoordinatorin am Institute for Technology and Resources Management in the Tropics and Subtropics der TH Köln.
sudeh.dehnavi@th-koeln.de

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Neues nützliches Werkzeug für das Homeschooling

25. März 2021 - 11:49
Ein von einem Schüler mitentwickelter WhatsApp-Bot unterstützt das Homeschooling in Simbabwe

Simbabwes Schulen wurden im März 2020 geschlossen, als das Land den ersten Todesfall verzeichnete. Damals verhängte die Regierung einen landesweites Lockdown, um die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie zu verlangsamen. Nachdem die Coronavirus-Fälle im Oktober eingedämmt waren, öffnete die Regierung die Schulen schrittweise wieder. Im Januar machte sie dies angesichts steigender Fallzahlen jedoch wieder rückgängig.

Einige Schulen haben seitdem als Alternative das Online-Lernen eingeführt. Doch nicht jeder Schüler ist in der Lage, am Unterricht auf digitalen Plattformen teilzunehmen. Die meisten Eltern können es sich nicht leisten, Internetdaten zu kaufen und viele Schüler haben keine Laptops. Ein Grund dafür ist, dass Simbabwe die schlimmste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten durchlebt. Hyperinflation verschärft die Armut.

In diesem Umfeld kam Hama auf die Idee einen WhatsApp-Bot zu entwickeln, der sowohl Schülern als auch Lehrern Unterrichtsmaterial digital zur Verfügung stellt. Ein Bot ist ein Computerprogramm, das sich wiederholende Aufgaben weitgehend automatisch ausführt. Beispiele für Bots sind Web-Crawler von Internet-Suchmaschinen. Sie besuchen automatisch Websites, folgen den vorhandenen Links und werten den Inhalt der Seiten aus.

Hama nahm an einem Wissenschaftswettbewerb teil und gewann 1000 Dollar an Fördergeld. Danach wandte der Schüler sich an die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), um Unterstützung zu erhalten. Die UNESCO stellte einen professionellen Entwickler ein, der Hama half, seinen Traum zu verwirklichen. Der Bot heißt „Dzidzo Paden|Imfundwe‘ndlini“, was soviel bedeutet wie „bequem zu Hause lernen“.

Im Chatbot finden sich Lehrmaterialien wie Muster-Prüfungsaufgaben und Bewertungsschemata. Dies hilft den Schülern, sich auf Prüfungen in der Primar- und Sekundarstufe vorzubereiten. Der Dienst ist einfach zu bedienen und kann nach Schätzung der UNESCO potenziell 5,2 Millionen WhatsApp-Nutzer in Simbabwe erreichen. WhatsApp ist die am meisten verbreitete Smartphone-Messaging-Plattform im Land. Einer ihrer Vorteile ist, dass sie nicht ständig eine Internetverbindung benötigt. Laut Hama ist der Chatbot besser zugänglich als normale Online-Kurse.

Der Schüler sagt, dass der Chatbot derzeit von über 25 000 Menschen in Simbabwe genutzt wird. Er hofft, dass die Zahl bis Ende des Jahres auf mindestens 100 000 ansteigt.

Der UNESCO-Regionaldirektor für das südliche Afrika, Hubert Gijzen, meint, dass die digitale Technologie eine einzigartige Möglichkeit bietet, Bildungs- und Wissenschaftsinformationen zu vermitteln. „Auf diese Weise können Informationen und Wissen viral gehen und sich schneller verbreiten, besonders wenn sich die Schüler auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten,“ sagt er.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks (UNICEF) haben seit Beginn der Pandemie hunderte Millionen Kinder und Jugendliche in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen den Zugang zu formaler Bildung verloren (siehe Claudia Isabel Rittel in unserem Covid-19-Tagebuch im E+Z/D+C e-Paper 2020/10).

Farai Shawn Matiashe ist Journalist und lebt in Mutare, Simbabwe.
matiashefarai@gmail.com
Twitter @ZuzeShawn

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Covid-19 bietet Chance, Afrikas Staatsfinanzen zu erneuern

24. März 2021 - 15:53
Wegen der Coronavirus-Pandemie braucht Subsahara-Afrika größeren Finanzspielraum

Wohlhabende Nationen setzen mit finanzieller Unterstützung für Privathaushalte und Unternehmen Maßstäbe. Viele afrikanische Länder reagieren ähnlich. Die Regierungen wissen, dass kleine und mittelständische Unternehmen sowie der informelle Sektor aktuell schwer zu kämpfen haben. Selbst das kleine westafrikanische Land Togo hat Transferzahlungen an Beschäftigte im informellen Sektor erhöht. Mehrere Staaten haben Firmen die Steuerlast reduziert oder ihnen zinsgünstige Kredite gegeben.

Afrikanische Regierungen verdienen Lob dafür, dass sie in der Not Bürgern und Kleinunternehmen helfen. Das stärkt den sozialen Zusammenhalt. Es wirft aber auch die Frage auf, woher das Geld kommt. Einige Länder südlich der Sahara sind hochverschuldet, und der Internationale Währungsfond (IWF) schätzt, dass in der Region bis 2023 eine Finanzierungslücke von 345 Milliarden Dollar aufklaffen wird.

Tatsächlich haben Afrikas Staaten nicht erst in der Pandemie begonnen, sich zu verschulden. Der IWF warnte vor ihrem Ausbruch, dass die Schuldenquote in vielen Ländern schon fast die Marke von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. Nun hängt die Wirtschaftspolitik vieler Länder wegen Covid-19 erst recht von multilateralen Finanzinstituten und bilateralen Geberinstitutionen ab. Neue Kredite steigern aber größere Schuldenlast.

Manche Fachleute warnen, Umschuldung werde nicht nur früher oder später nötig werden, sondern auch schwerer als früher auszuhandeln sein. Private Kreditgeber und Schwellenländer – besonders China – spielen nämlich mittlerweile eine relevante Rolle. Sie dürften sich gegen Schuldenerlass stemmen. Manche Beobachter warnen grundsätzlich vor Schuldenerlass, um nicht zur Korruption zu ermutigen (siehe Leny van Oijen und Christian Penda Ekoka im Schwerpunkt von E+Z/D+C e-Paper 2020/10).

Tatsächlich sind die Korruptionsprobleme in der Pandemie gewachsen. Südafrikas Rechnungshof hat Fehlverhalten im Zusammenhang mit Covid-19-Geldern beanstandet. In Nigeria schlagen zivilgesellschaftliche Organisationen Alarm und werfen staatlichen Stellen Veruntreuung vor. Es ist klar, dass derlei in vielen Ländern passiert – und zwar auch in wohlhabenden Weltregionen, nicht nur in Afrika.
 

Keine Sparpolitik

Gut ist aber, dass die Spitzenleute multilateraler Institutionen wie zum Beispiel IWF-Chefin Kristalina Georgieva derzeit Regierungen zur Kreditaufnahme ermutigen (siehe José Sabia Serrate im Schwerpunkt von E+Z/D+C e-Paper 2020/11). Die Notwendigkeit, Menschen zu schützen und stagnierende Volkswirtschaften zu stimulieren, ist offensichtlich. Obendrein muss dringend in Klimaschutz und-anpassung investiert werden. Folglich beharren die multilateralen Institutionen nicht mehr auf Sparpolitik.

Ein kluger Weg, die Finanzspielräume von Entwicklungsländern zu erweitern, wäre nun die Ausgabe neuer Sonderziehungsrechte (Special Drawing Rights – SDRs). Dabei geht es um eine geldwerte interne Verrechnungseinheit des IWF. Die G7 haben sich grundsätzlich dafür ausgesprochen. Besonders wirkungsvoll wäre dieser Schritt, wenn Industrieländer ihre neuen SDRs an Entwicklungsländer weiterreichen würden.

Afrikanische Regierungen müssen aber ihrerseits Hausaufgaben erledigen. Sie müssen Korruption bekämpfen und illegitime Finanzflüsse eindämmen. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Steuern progressiv sind und besonders die belasten, die mehr zahlen können.

Die Pandemie bietet also eine Chance, Afrikas Staatsfinanzen auf eine neue Basis zu stellen (siehe Dereje Alemayehu im Schwerpunkt von E+Z/D+C e-Paper 2020/11). Wir sollten sie nutzen.

Chimezie Anajama ist Soziologin und studiert an der Ruhr-Universität Bochum im Masterprogramm Development Management.
Twitter: @mschimezie

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Nepals große Bildungsunterschiede

24. März 2021 - 11:00
Ländliche und öffentliche Schulen in Nepal müssen mit städtischen und privaten Schulen Schritt halten

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Es ist 6 Uhr morgens in Daduwa, einem abgelegenen Dorf im Bezirk Ramechhap, und der 10-jährige Laxman arbeitet bereits hart. Jeden Morgen vor der Schule, die eine Stunde zu Fuß von seinem Haus entfernt ist, melkt Laxman die Kühe, sammelt Futter für die Tiere und Brennholz für seine Familie.

Laxman gehört zur armen und marginalisierten Thami-Gemeinschaft. Thami-Männer arbeiten normalerweise in Steinbrüchen und an Ziegelöfen, Frauen in Bauernhöfen und Haushalten. Kinder arbeiten routinemäßig mit. Dies gilt im größten Teil des ländlichen Nepals, wo Kinder ab fünf Jahren Hausarbeiten erledigen, sich um jüngere Geschwister kümmern und kochen – alles vor dem Schulunterricht.

Das wirkt sich auf die Bildung aus. Etwa ein Drittel der Bevölkerung Nepals sind Analphabeten, auf dem Land und bei den Älteren sind die Raten höher. Im UN Human Development Index 2019 belegte Nepal in Bezug auf Gesundheit, Bildung und Lebensstandard den 142. Platz von 189 Ländern.

Schulbesuch und Alphabetisierung haben sich in Nepal in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert. Laut einem Bericht von 2014 des Borgen-Projekts, einer gemeinnützigen Organisation zur Armutsbekämpfung, stieg der Grundschulbesuch von 1971 bis 2001 von 400 000 auf 3,9 Millionen Schüler und der Sekundarschulbesuch von 120 000 auf 1,5 Millionen Schüler. Die Alphabetisierungsrate verbesserte sich von 23 Prozent im Jahr 1981 auf 54 Prozent 2001.

Die positiven allgemeinen Trends verschleiern aber die großen Bildungsunterschiede innerhalb der Bevölkerung. Die Kluft befindet sich zwischen Kindern auf dem Land und in der Stadt, zwischen staatlichen und privaten Schulen sowie niedrigeren und höheren Kasten.

Land gegen Stadt

Die Bedingungen in Nepals ländlichen Schulen sind katastrophal. Laut Borgen-Projekt zeigen Studien, dass in staatlichen Schulen kaum gelernt wird. Zudem halten sie nur wenige Prüfungen ab und bieten keine Hilfe für Schüler mit Lernschwierigkeiten.

Die Ungleichheit zwischen städtischen und ländlichen Schulen wurde nach den Erdbeben in Nepal 2015 deutlich, bei denen fast 9000 Menschen getötet und mehr als 22 000 verletzt wurden. Die Erdbeben zerstörten über 35 000 Klassenzimmer in Schulen von einer Million Kindern.

Als Reaktion darauf baute die Regierung temporäre Lernzentren – provisorische Klassenzimmer aus Wellblech mit einigen Holzstützen – für die Zeit, in der die Schulgebäude repariert oder wieder aufgebaut wurden. Die Räume waren dunkel, zu heiß oder zu kalt und es regnete hinein. Lernen war fast unmöglich.

Die meisten städtischen Schulen sind inzwischen wieder aufgebaut, viele Schulen auf dem Land aber noch nicht. Letztere kämpfen generell mit schlechter Ausstattung und niedriger Lehrer-Schüler-Quote. Bei den Eltern und Gemeindevorstehern fehlt häufig das Wissen über die Zustände in den Schulen, es mangelt an Sachkenntnis der öffentlich bestellten Schulaufseher und schlechter allgemeiner Rechenschaftspflicht und Aufsicht.

Öffentliche gegen private Schulen

Ähnlich gegensätzlich ist die Ausbildungsqualität von öffentlichen und privaten Schulen. Öffentliche Schulen sind schlechter ausgestattet. Die Zahl der voll qualifizierten Lehrer an staatlichen Schulen ist weiterhin zu niedrig. Die ungleiche Bildungsqualität von öffentlichen und privaten Schulen zeigt sich deutlich in den sehr ungleichen Leistungen ihrer Schüler bei den nationalen Abschlussprüfungen (School Leaving Certificate).

Auch die Abbrecherquote ist an staatlichen Schulen höher. Obwohl sie staatlich finanziert werden, sind sie oft auf zusätzliche Unterstützung durch die Familien angewiesen. Eltern müssen in der Regel für Bücher und Lernmaterialien, Schuluniformen sowie Aufnahme- und Prüfungsgebühren aufkommen. Deshalb nehmen viele verarmte Eltern auf dem Land ihre Kinder aus der Schule – oder ermutigen sie, freiwillig die Schule zu verlassen und stattdessen Arbeit zu finden.

Schulen spiegeln auch die ethnische Spaltung Nepals wider: Benachteiligte Gruppen erhalten schlechte Dienstleistungen. Das Land ist in eine Vielzahl ethnischer Gruppen zersplittert, jede mit ihrer eigenen Kultur und Sprache. Außerdem ist es nach Klassen und Kasten geschichtet.

Nepal ist in hohem Maß politisch instabil und fragmentiert. Dies bestätigt ein Bericht von 2018 von World Education Services (WES), einer gemeinnützigen Gruppe, die Zeugnisbewertungen für internationale Studenten anbietet. „Die nepalesische Gesellschaft ist immer noch weitgehend landwirtschaftlich geprägt und stark stratifiziert, wobei die Hindu-Eliten der oberen Kaste eine multikulturelle Gesellschaft mit 125 ethnischen Gruppen/Kasten, die 123 Sprachen sprechen, dominieren“, heißt es im Bericht. „Nur 45 Prozent der Bevölkerung spricht die Landessprache Nepali als Muttersprache.“

Wer Nepals Bildungsprobleme lösen will, muss dieses breitere soziologische Bild berücksichtigen. Schlechte Schulbildung für Kinder auf dem Land, aus niedrigeren Kasten und an öffentlichen Schulen wird die Ungleichheiten sehr wahrscheinlich vertiefen und aufrechterhalten.

Geschlechterunterschiede sind eine weitere Herausforderung. Mädchen gehen in Nepal seltener zur Schule als Jungen, und junge Frauen haben weniger Zugang zu Berufsausbildung und höherer Bildung als junge Männer. Auch dies dürfte langfristige Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben.

Durch die Covid-19-Pandemie werden die Herausforderungen immer gewaltiger. Der wirtschaftliche Druck führt dazu, dass immer mehr Kinder die Schule abbrechen. Je ärmer die Eltern, umso eher müssen auch kleine Kinder zum Lebensunterhalt der Familie beitragen (siehe Kasten).

Die Arbeit von Childaid

Nichtregierungsorganisationen wie die in Deutschland ansässige Stiftung Childaid Network versuchen, die Bildungslücken in Nepal zu schließen. Childaid ist seit 2012 im Distrikt Ramechhap in Ost-Zentral-Nepal aktiv. Nach den Erdbeben 2015 unterstützte die Organisation den Wiederaufbau von Schulen in betroffenen Gebieten.

Childaids aktueller Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung von Lehrern und Beamten. Außerdem bauen wir Kapazitäten bei den Mitgliedern von Schulaufsichtsgremien auf und stellen Schülern Lernmaterialien zur Verfügung. In von Childaid gesponserten Programmen wird Grundschullehrern vermittelt, wie spielerische Lernansätze funktionieren. Außerdem lernen sie, wie sie lokal verfügbare Materialien als Lernhilfen einsetzen können. Grundschullehrer werden in der Leitung von Klassenräumen und in kindgerechten Unterrichtsmethoden geschult.

Gleichzeitig werden die Lehrer über Lücken im Bildungssystem aufgeklärt – und über ihre Handlungsmöglichkeiten. Lehrer können zum Beispiel das Bewusstsein von Eltern und Gemeindeleitern für die Bedeutung von Bildung stärken. Sie können helfen, Eltern zu motivieren, sich mehr in das Schulleben ihrer Kinder einzubringen. Die Idee ist, jedem Kind eine gute Bildung zu ermöglichen – unabhängig von Ethnie, Kaste, Geschlecht und geografischer Lage.

Links

Dilas, D. B., et al., 2018: Education in Nepal. In: World Education News & Reviews, World Education Services.
https://wenr.wes.org/wp-content/uploads/2018/04/Apr18_TrinesCP-1.png

Moore, C., 2014: Seven facts about education in Nepal. In: The Borgen Project.
https://borgenproject.org/facts-about-education-in-nepal/

Abishek Thapa ist Projektkoordinator in Nepal für die Childaid Network Foundation, eine Hilfsorganisation mit Sitz in Deutschland.
abishek.thapa@childaid.net
https://www.childaid.net/

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Wer nicht lesen kann, bleibt ausgegrenzt

23. März 2021 - 15:41
Lese- und Schreibkompetenzen sind wichtiger denn je zuvor

Über die Jahrtausende blieben die meisten Menschen Analphabeten. Wer lesen und schreiben konnte, erreichte oft einflussreiche Positionen. Das galt sogar für schriftgelehrte Sklaven, denn ihre Herren wussten, dass sie von deren Wissen abhingen und diese Leute nicht leicht zu ersetzen waren.

Eine weitere wichtige Innovation war im 15. Jahrhundert der Buchdruck.  Geschriebene Texte konnten nun schnell vervielfacht und weit verbreitet werden. Das fand großen Anklang. Die Bibel wurde übersetzt, und immer mehr Menschen lernten lesen und schreiben. Die Konsequenzen waren dramatisch, denn in den europäischen Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts spielten Fanatiker, die sich über die korrekte Auslegung der Heiligen Schrift stritten, eine große Rolle. Jedenfalls prägte Lesen zunehmend das Weltbild vieler Menschen.

Heute wissen wir, dass im 16. Jahrhundert die Kleine Eiszeit die Agrarproduktivität reduzierte. Jedenfalls schleppten sich die Konflikte dahin, ohne dass Gott Katholiken oder Protestanten den Sieg verliehen hätte. Derweil wurde die Militärtechnik besser, und das Interesse an rationalen statt spirituellen Erklärungen wuchs. Auf dieser Basis entstand später die Philosophie der Aufklärung, die wiederum zu Forderungen nach Demokratie und Menschenrechten führte. Zunehmende Alphabetisierung unterstützte diese Entwicklung.

Wer heute nicht lesen und schreiben kann, ist per definitionem ausgegrenzt. Die Betroffenen können:

  • wichtige und vielfältige Arbeitsaufgaben nicht übernehmen,
  • nur in begrenztem Maße am ökonomischen Leben und dem politischen Geschehen teilnehmen,
  • sich nicht selbständig Informationen über viele Dinge beschaffen,
  • Vertragstexte nicht prüfen und
  • keinen optimalen Gebrauch von den diversen digitalen Geräte machen, die selbst in abgelegenen Dörfern von Entwicklungsländern mittlerweile zum Alltag gehören.

Aus gutem Grund betont die internationale Staatengemeinschaft seit langem Alphabetisierung als Entwicklungsziel. Das vierte UN-Ziel für nachhaltige Entwicklung ist denn auch qualitativ hochwertige Bildung. Lesekompetenz ist die Grundlage für andere Kompetenzen wie Medienkompetenz, Computerkompetenz oder auch wissenschaftliches Denken. Sie ist für Geschlechtergerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit unabdingbar. Menschen, die Wissenslücken nicht eigenständig füllen können, können ihr Schicksal nicht in die eigene Hand nehmen.

Selbst in wohlhabenden Nationen gibt es funktionale Analphabeten. Sie erfassen vielleicht einzelne Sätze mit Mühe, verstehen aber den Kontext nicht. In Entwicklungsländern ist die Lage tendenziell schlimmer. Einschulungsraten sind vielfach noch zu niedrig, obwohl das in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich besser geworden ist. Die Schulqualität ist aber häufig noch unbefriedigend. Öffentliche Schulen müssen aber allen guten Unterricht bieten. Denn wenn Kinder zu mündigen Bürgern heranwachsen sollen, brauche sie gute Bildung.

Hans Dembowski ist Chefredakteur von E+Z/D+C.
euz.editor@dandc.eu

 

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Ökologisch modifizierter Human Development Index

23. März 2021 - 13:18
Der Human Development Index wurde um ökologische Komponenten erweitert, weil die Menschheit in Gefahr ist

Die COVID-19-Pandemie hält die Menschheit im Griff. Wenn wir unseren Einfluss auf – und unsere Beziehung zur – Natur nicht ändern, werden weitere globale Krisen eskalieren. Das besagt der Human-Development-„Bericht“ 2020 (HDR) des UNDP (UN Development Programme – UN-Entwicklungsprogramm). Der Titel lautet „The Next Frontier: Human Development and the Anthropocene“.

In der Tat ist der Druck, den wir Menschen auf den Planeten ausüben, so immens, dass Wissenschaftler von einem neuen geologischen Zeitalter sprechen: dem Anthropozän. Unsere Epoche wird so sehr von menschlichem Verhalten geprägt, dass es zum größten Einflussfaktor geworden ist – und sogar das Überleben der Menschheit gefährdet.

Besonders bedrohlich ist aus Sicht des UNDP die Klimakrise mit steigenden Temperaturen, vermehrten Unwettern und schmelzenden Gletschern. Zu den sozialen Folgen gehöre wachsende Ungleichheit. Nötig sei eine Neudefinition von Fortschritt. Sie müsse Treibhausgas-Emissionen und negative Konsumfolgen berücksichtigen. Entsprechend wurde für den neuen HDR der bekannte Human Development Index (HDI) weiterentwickelt. Der Planetary-Pressures Adjusted HDI (PHDI) erfasst nun auch den ökologischen Fußabdruck der bewerteten Länder.

Der HDI wurde 1990 erstmals errechnet. In ihn gehen neben Einkommensdaten auch Daten für Gesundheit und Bildung ein. Deshalb liefert er ein holistischeres Bild der Lebensqualität eines Landes als es das bloße Pro-Kopf-Einkommen tut. Die aktuellen Werte stehen im neuen HDR, der auch den neuen PHDI erstmals vorstellt.

Norwegen, im HDI auf Rang eins, fällt im PHDI wegen seiner von Ölförderung abhängigen Wirtschaft auf Rang 16. Australien fällt von Rang acht wegen Kohleförderung sogar auf Rang 80. Irland hingegen steigt von Rang zwei auf Rang eins.

Völlig überzeugt scheint das UNDP von dem Ranking allerdings nicht zu sein – die entsprechende Tabelle auf S. 241 ff ist im Report nicht leicht zu finden, und sie stellt auch nicht die Rangordnung des PHDI dar, sondern gibt lediglich an, wie sich der HDI-Wert ändert. Auf den letzten Seiten des Berichts, wo traditionell die wichtigsten Tabellen stehen, fehlt der PHDI komplett.

Wie der Bericht ausführt, hat noch kein Land auf der Welt eine hohe menschliche Entwicklung erreicht, ohne dabei den Planeten signifikant zu belasten. Nachhaltigkeit erfordere deshalb Umsteuerung – mit neuen Normen und Werten. Die Politik müsse neue Ziele setzen und für entsprechende Anreize sorgen. Es gelte, Entscheidungen zu treffen, die dem Wohl der Menschheit dienten, ohne planetarische Grenzen zu überschreiten.

Der HDR beanstandet dementsprechend Fehlentwicklungen. Fossile Brennstoffe würden beispielsweise weiterhin in vielen Ländern subventioniert, obwohl sie das Klima schädigen. Mit Berufung auf den Internationalen Währungsfonds (IWF) schreiben die UNDP-Autoren, die globalen CO2-Emissionen wären 2020 um 28 Prozent niedriger ausgefallen, wenn diese Subventionen 2015 komplett gestrichen worden wären. Zugleich wäre die Zahl der wegen Luftverschmutzung verstorbenen Menschen um 46 Prozent reduziert worden.

Wiederaufforstung und bessere Waldpflege allein könnten etwa ein Viertel zu den Maßnahmen beitragen, welche die Menschheit vor 2030 ergreifen müsse, um die globale Erwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius zu begrenzen, heißt es im HDR 2020. Auch das zeige, dass menschliches Wohl und ökologische Gesundheit systematisch miteinander verknüpft seien.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die ärmsten Menschen den Folgen des ökologischen Wandels in besonderem Maße ausgesetzt seien – sie andererseits zu dieser destruktiven Entwicklung am wenigsten beigetragen hätten. Deshalb sei es wichtig, Ungleichheiten sowohl innerhalb als auch zwischen Ländern abzubauen, die oft auf die Kolonialzeit zurückgingen. Echte menschliche Entwicklung müsse arme und benachteiligte Menschen in Politik und Gesellschaft besserstellen und befähigen, die Zukunft aktiv mitzugestalten.

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E+Z/D+C 2021/04 – mo – nowadays – Qaabata Boru – Kenya – Crime in Kakuma

23. März 2021 - 12:58
Refugees in Kakuma and other camps face daily threats to their personal safety

The sprawling Kakuma camp in northwest Kenya is a case in point. The camp and the neighbouring Kalobeyei Integrated Settlement is home to about 197,000 refugees and asylum-seekers from 19 countries, including South Sudan, Sudan, Somalia, the Democratic Republic of Congo, Burundi and Ethiopia.

In this cauldron of different nationalities and cultures, threats can come from both inside and outside the camp. Often the perpetrators are roving bands of non-refugees. “Insecurity is our major problem,” says Malwal Kiir, a refugee leader. “Night-time attackers loot homes, rape women and kill people.”

Major crime strikes the camp several times in a year. A significant factor is Kakuma’s location in a remote area close to poorly defended borders with Uganda, South Sudan and Ethiopia. Violence is often related to the smuggling of firearms from these countries into Kenya.

UNHCR, the UN Refugee Agency which manages the camp, has arranged for Kenya’s government to station policemen in the camp. That has helped somewhat, but has not stopped the crime wave.

Instead, refugees have been forced to become their own guards, particularly after sunset. Residents join together to patrol at night. Among other measures, they ensure that gates between subdivisions of the camp stay locked at night, to stop attackers from moving between the camp’s separate zones.

Similarly, shops and communal markets hire watchmen to protect their businesses. The night guards coordinate with each other and are armed with machetes, sticks and stones. Attackers however are usually armed with AK47 rifles.

In parts of the camp, guards beating drums at night provide warnings to fellow refugees patrolling their blocks that danger is at hand. At the same time, though, the drum-beating notifies thieves and vandals that their presence is known. In some cases these warnings scare the attackers away. But more often than not, looters respond with attacks against the refugee patrols.

Such battles have repeatedly led to refugees being injured or killed. In August 2020, for example, two refugees were ambushed by gunmen in their community. One refugee, a Somali teenager, was killed by gunshots. Another was seriously wounded.

In December 2020, a dispute between a local person from Turkana County in northwest Kenya and a group of refugees led to the death of a male refugee from South Sudan.

Unfortunately, Kakuma is not an exception. Refugee camps across Africa experience similar crime waves. For example, crime is also rampant in the Dadaab camp in eastern Kenya, which has over 210,000 registered refugees and asylum seekers.

The security situation in Dadaab is so severe that Kenya’s government wants to close the camp to protect national security. Although Kenya has policemen stationed there, the policemen are no more effective in Dadaab than their fellow officers are in Kakuma.

So in Dadaab, as in Kakuma and elsewhere, refugees are left to protect themselves against attackers as best they can.

 

Qaabata Boru is an Ethiopian journalist and former resident of the Kakuma refugee camp in Kenya. He is the founder and editor-in-chief of Kakuma News Reflector (Kanere), a refugee-led online newspaper.
kakuma.news@gmail.com
https://kanere.org/

 

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Kategorien: Ticker

Wirtschaft ganz neu denken

23. März 2021 - 12:17
Britischer Dasgupta-Bericht betrachtet die Natur als Wirtschaftsgut

Der im Februar erschienene Dasgupta-Bericht betrachtet die Natur als Vermögenswert, der gleichrangig ist mit produziertem Kapital (etwa Straßen, Gebäuden und Fabriken) und Humankapital (Gesundheit, Wissen und Fertigkeiten). Gleichzeitig erkennt er an, dass Natur mehr ist als ein Wirtschaftsgut: Sie habe einen immanenten Wert, der in ihrer bloßen Existenz liegt.

Die Biodiversität, also die Vielfalt an Lebensräumen und Lebensformen sowie die genetische Vielfalt innerhalb von Arten, mache die Natur produktiv, widerstands- und anpassungsfähig. Auch darin sehen die Verfasser des Berichts, der nach seinem Leitautor, dem britischen Ökonomen Partha Dasgupta, benannt ist, eine Parallele zur Finanzwelt: Vielfalt im Anlageportfolio verringere Risiken so, wie die Vielfalt der Natur Ökosysteme gegen Schocks wappne. Weniger Biodiversität sei schlecht für die Natur und die Menschheit.

Gemäß dieser ökonomischen Perspektive hat die Menschheit kollektiv das globale Portfolio natürlicher Vermögenswerte bislang schlecht verwaltet: Die Nachfrage übersteigt laut Dasgupta et al. das Angebot bei weitem. Während sich das produzierte Kapital pro Kopf zwischen 1992 und 2014 verdoppelt und das Humankapital um 13 Prozent zugenommen habe, sei das Naturkapital um 40 Prozent geschrumpft. Mit anderen Worten: Menschlicher Wohlstand ist auf Kosten der Natur gewachsen. Um ihn aufrechtzuerhalten, wären Schätzungen zufolge 1,6 Erden nötig.

Da aber nur ein Planet zur Verfügung steht, müssen Wirtschaftswachstum und Entwicklung nachhaltig gestaltet werden. Laut Dasgupta bedeutet das, anzuerkennen, „dass unser langfristiger Wohlstand davon abhängt, unsere Nachfrage nach Rohstoffen und Dienstleistungen der Natur in Einklang zu bringen mit ihren Möglichkeiten, diese bereitzustellen.“ Das sagte er bei der Veröffentlichung des Berichts, an dem er – zusammen mit weiteren Experten – seit 2019 im Auftrag der britischen Regierung gearbeitet hatte.

Arme Länder am stärksten betroffen

Der Rückgang der Biodiversität ist dramatisch (siehe Theresa Krinninger im E+Z/D+C e-Paper 2019/07, Monitor). Viele Ökosysteme, von tropischen Regenwäldern bis hin zu Korallenriffen, sind bereits unwiederbringlich zerstört; andere stehen kurz vor einem „Kipppunkt“, der dramatische Folgen für das Leben auf der Erde haben könnte. Arme Länder, die wirtschaftlich stärker von heimischen Naturdienstleistungen und -ressourcen abhängig sind als die Industrienationen, sind am stärksten betroffen, wie der Bericht betont.

Die Hauptgründe für die desolate Lage sehen die Autoren in einem Versagen von Märkten und Institutionen. Sie kritisieren, dass die Naturdienstleistungen und -ressourcen finanziell nichts kosten. Dadurch gebe es keinen Anreiz, in sie zu investieren. Problematisch sei auch, dass manche natürlichen Vermögensbestände mobil sind (Tiere), andere leise (Bäume) oder unsichtbar sind (wie das Leben im Boden). Zudem sei schwer nachzuverfolgen, was sich auf sie in welcher Weise auswirkt, was zu zahlreichen externen Effekten führe.

Diesem Marktversagen liegt dem Bericht zufolge ein grundsätzliches institutionelles Versagen zugrunde. Der Umgang mit den Externalitäten sei mangelhaft, und fast überall auf der Welt verschärften Staaten das Problem, indem sie mehr Geld für Naturausbeutung als für Naturschutz ausgeben und nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten nicht bevorzugen. Konservativen Schätzungen zufolge betragen die weltweiten Subventionen, die der Natur schaden, zwischen 4000 Milliarden und 6000 Milliarden Dollar pro Jahr.

Darüber hinaus fehle es an internationalen Vereinbarungen, um globale öffentliche Güter wie die Ozeane oder Regenwälder zu schützen. Eine Chance, das zu ändern, sehen die Autoren in der 15. UN-Biodiversitätskonferenz (COP15) im Oktober im chinesischen Kunming und in der 26. UN-Klimakonferenz (COP26) im November im schottischen Glasgow. Das Jahr 2021 gilt als ausschlaggebend dafür, ob dramatische Trends wie der Schwund der Biodiversität und das weitere Befeuern der Klimakrise gestoppt werden können oder nicht.

Die Menschheit als Teil der Natur sehen

Die Autoren halten es für nötig, das Verhältnis von Natur und Wirtschaft komplett neu zu denken. Die meisten Modelle für Wirtschaftswachstum und Entwicklung betrachteten die Natur als Quelle einer endlichen Zahl von Gütern und Dienstleistungen und zielten darauf ab, darzulegen, dass technologischer Fortschritt diese Endlichkeit prinzipiell überwinden könne. Die Menschheit wird in solchen Theoriemodellen als „außerhalb“ der Natur gesehen.

Im Gegensatz dazu schlagen Dasgupta et al. eine „Ökonomie der Biodiversität“ vor. Sie sieht den Menschen und seine Wirtschaftssysteme als Teil der Natur. Diesem Verständnis folgend, müssten die Menschen die volle Verantwortung für die Folgen jeglicher Interaktion mit der Natur übernehmen, von der Förderung von Rohstoffen bis zur Entsorgung von Abfall, und zu wahrhaft nachhaltigem Wirtschaftswachstum und Entwicklung kommen. Konkret erkennen die Autoren Handlungsbedarf auf drei Ebenen:

  • Die Menschheit muss dafür sorgen, dass sie nicht mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als auf Dauer bereitgestellt werden können. Dazu muss das Angebot an Naturgütern erhöht werden, beispielsweise durch eine Ausweitung von Schutzgebieten, höhere Investitionen in naturbasierte Lösungen und politische Maßnahmen, die Überkonsum und Überproduktion verhindern.
  • Wir sollten wirtschaftlichen Erfolg anders messen und zu einer inklusiven Definition von Wohlstand kommen, die den Wert von Investitionen in die Natur berücksichtigt. Die Erfassung von Naturkapital in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wäre ein wichtiger Schritt.
  • Für diese Veränderungen müssen wir unsere Institutionen und Systeme – vor allem in den Bereichen Finanzen und Bildung – umbauen, etwa indem öffentliche und private Gelder so umgeleitet werden, dass sie natürliche Vermögenswerte auf- und nicht abbauen. In der Bildung sollte die Natur einen hohen Stellenwert erhalten, unter anderem, damit Menschen bewusste Entscheidungen treffen und Wandel einfordern können.

Link
Dasgupta, P. et al., 2021: The economics of biodiversity – the Dasgupta review.
https://www.gov.uk/government/publications/final-report-the-economics-of-biodiversity-the-dasgupta-review

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IRC: Mehr Geld und Friedensverhandlungen für Jemen nötig

12. März 2021 - 14:36
Hilfsorganisationen im Jemen brauchen mehr Geld und fordern Friedensmaßnahmen

Im März 2015 begann im Jemen der Krieg. Eine von Saudi-Arabien angeführte und von den USA und europäischen Mächten unterstützte Militärallianz der jemenitischen Regierung bekämpft von Iran unterstützte schiitische Huthi-Rebellen (siehe Maysam Behravesh in E+Z/D+C e-Paper 2018/01). Trotz der Friedensbemühungen der UN ist in diesem Krieg kein Ende in Sicht.

Für die Bevölkerung ist das desaströs. Von den knapp 30 Millionen Einwohnern Jemens brauchen mittlerweile zwei Drittel humanitäre Hilfe. Mehr als der Hälfte droht der Hungertod. Die Mehrzahl der Kinder ist aufgrund von Mangelernährung unterentwickelt.

Die Wirtschaft kollabiert, und das Finanzsystem ist instabil. Die jemenitische Währung Rial hat allein 2020 über 25 Prozent ihres Außenwerts verloren, während die Lebensmittelpreise in die Höhe geschossen sind. Selbst der Staat zahlt Gehälter höchst selten aus. Es gibt zwar noch Nahrungsmittel, aber nur die wenigsten können sie sich leisten.

Geber stellen nicht genug Geld bereit

Die Abhängigkeit von Hilfsorganisationen ist kontinuierlich gewachsen. Derzeit unterstützen mehr als 208 Organisationen jeden Monat durchschnittlich 13 Millionen Menschen im ganzen Land, finanziert auch von öffentlichen Gebern wie Deutschlands Auswärtigem Amt oder dem Europäischen Amt für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (European Civil Protection and Humanitarian Aid Operations – ECHO). Bei der UN-Geberkonferenz am 1. März kamen aber nur 1,7 Milliarden Euro zusammen. Das war knapp die Hälfte der Summe, die nötig wäre. Im Vorfeld waren 3,3 Milliarden gefordert worden.

Die fehlenden 1,6 Milliarden Euro stehen symbolisch dafür, dass sich die reichsten Länder der Welt den drängendsten globalen Problemen immer weniger stellen. Ihre Finanzmittel retten Leben, auch wenn selbstverständlich mehr als Geld benötigt wird. Ohne Geld können Hilfsorganisationen wie das International Rescue Committee (IRC) aber nicht im nötigen Umfang arbeiten. Folglich werden Menschen sterben.

Nur erhöhter Druck der internationalen Staatengemeinschaft auf die Konfliktparteien kann Kriegsverbrechen und Straflosigkeit beenden und den Friedensprozess neu anstoßen. Der von der neuen US-Regierung angekündigte Kurswechsel bietet Grund zur Hoffnung: Unter Präsident Joe Biden wollen die USA:

  • die unter Vorgänger Donald Trump ausgesetzten Hilfsleistungen im von den Huthis kontrollierten Norden des Landes wieder verfügbar machen,
  • die Waffenverkäufe an Saudi-Arabien unterbrechen und
  • die Unterstützung für die Offensiv-operationen der von Riad geführten Koalition beenden.

Auch der von der Bundesregierung verlängerte Stopp von Rüstungsexporten nach Saudi-Arabien (bis Ende 2021) ist wichtig. Zugleich muss aber sichergestellt werden, dass deutsche Waffen nicht über Ägypten oder die Vereinigten Arabischen Emirate in den Jemen geraten oder dass sie dort im Zusammenhang mit europäischen Projekten eingesetzt werden.

Es ist gut, dass die US-Regierung nun darauf verzichtet, die Huthi-Bewegung als Terrororganisation einzustufen. Das hätte die Lieferung von kommerziellen und humanitären Gütern unmöglich gemacht. Solche Sanktionen hätten vor allem die Zivilbevölkerung getroffen.

Doch all diese Schritte sind bestenfalls der Anfang eines von der internationalen Gemeinschaft getragenen Engagements zur Lösung des Jemen-Konflikts. Die Übernahme des Vorsitzes im UN-Sicherheitsrat im März sollten die USA dazu nutzen, das Völkerrecht als Basis internationaler Beziehungen zu stärken und Akteure, die es verletzen, zur Rechenschaft zu ziehen.

Um eine weitere Zuspitzung der humanitären Krise zu verhindern, muss die Weltgemeinschaft jetzt:

  • ihre Finanzzusagen schnell erfüllen,
  • den Zugang von humanitärer Hilfe gewährleisten,
  • die richtigen Hilfsmittel ins Land bringen (inklusive Impfstoffen gegen Covid-19) und
  • einen permanenten Waffenstillstand aushandeln.

Tamuna Sabadze ist die Landesdirektorin des International Rescue Committee (IRC) im Jemen.
IRCDeutschland@Rescue.org

Kategorien: Ticker

Was alle über den Treibhauseffekt wissen müssen

10. März 2021 - 10:36
Naturwissenschaftliche Grundbildung hilft, Klimakrise und mögliche Lösungen zu verstehen

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development – OECD) definiert „scientific literacy“ als die Fähigkeit, sich auf wissenschaftliche Themen einzulassen und relevante Fragen als Staatsbürger zu reflektieren. Dazu gehört, nur das, was empirisch belegt ist, als valides Wissen zu akzeptieren. Theorien müssen kritischem Denken standhalten und den Fakten entsprechen.

Die Naturwissenschaft dient dazu, die Welt um uns zu verstehen. Die Ergebnisse sind oft konterintuitiv. Individuelle Menschen könnten den Klimawandel nicht erkennen, denn dieses Phänomen ist viel zu komplex. Dennoch kann der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change – IPCC) zweifelsfrei festhalten: „Die Erhitzung des Klimasystems ist wissenschaftlich eindeutig belegt.“ Dem IPCC gehören führende Akademiker an; ihre Aufgabe ist es, weltweit den Forschungsstand zu erfassen und bewerten.

Tatsächlich gibt es viele Belege für den Klimawandel. Weltweit steigen die Durchschnittstemperaturen, Polareis schmilzt et cetera. Wie Klimaforscher seit Jahrzehnten warnen, kommen extreme Wetterlagen häufiger vor – und verursachen zunehmend Schäden. Die Fakten entsprechen der Theorie.

Wege aus der Krise

Positiv ist indessen, dass die Wissenschaft auch nachhaltige und ausbaubare Lösungen anbietet. Die Weltgesellschaft kann fossile Energie mit erneuerbarer ersetzen. Der Wandel zu einem klimafreundlichen Lebensstil erfordert allerdings entschlossenes Handeln.

Aber warum begreifen nicht alle, wie dringend die Angelegenheit ist, und unterstützen entsprechende Maßnahmen? Ich sehe zwei große Hürden. Mächtige Energieunternehmen lehnen Reformen ab und haben Klimaleugnung immer wieder gefördert. Andererseits kommt ängstlichen Menschen Desinformation gut zupass, der zufolge alles in Ordnung ist oder sie selbst zumindest keine Verantwortung tragen.
 

Fehleinschätzungen in Australien und Deutschland

Ich lebe in Australien, habe aber lange in Bildungs- und Entwicklungsprojekten in Asien und Afrika gearbeitet. In meiner Heimat sagen viele fälschlich, Australiens Beitrag zur Klimakrise sei gering. 2019 urteilte aber ein Bericht von Climate Analytics: „Pro Kopf ist Australiens CO2-Verbrauch neunmal so groß wie der Chinas, viermal so groß wie der der USA und 37-mal so groß wie der Indiens.“ Die Studie ist bekannt, hatte aber kaum Einfluss auf die öffentliche Meinung oder die Regierungspolitik.

Ähnlich halten sich viele Deutsche für „Klimaweltmeister“. Tatsächlich haben aber, abgesehen von vier anderen EU-Ländern, alle einen niedrigeren CO2-Ausstoß pro Kopf.

Was ist zu tun? Angstmacherei funktioniert nicht. Wissenschaftskenntnisse können dagegen helfen, sowohl die Probleme als auch die möglichen Lösungen zu verstehen. Wer die wissenschaftlichen Grundlagen nicht kennt, fällt eher auf Lügenpropaganda herein.

Schulen sind wichtig, um „scientific literacy” zu fördern. Sie reichen aber offensichtlich nicht. Oft sind sie auch katastrophal unterfinanziert – besonders, aber nicht nur in Entwicklungsländern. Ich kenne Beispiele von hervorragendem naturwissenschaftlichen Unterricht in vielen Ländern. Für erfolgreiche Klimapolitik brauchen wir aber mehr als ein paar vorbildliche Leuchttürme. Wir brauchen Flutlicht überall.

Fortschritt ist auf vielen Ebenen nötig – individuell, lokal, nationalstaatlich und weltweit. Jedes Mitglied jeder Gemeinschaft sollte die Grundlagen der Klimawissenschaft kennen. Wir müssen auf evidenzbasierten Argumenten bestehen, Informationen kritisch prüfen und Verschwörungstheorien zurückweisen. Dafür ist kein Hochschulstudium nötig. Es gibt gute populärwissenschaftliche Publikationen. Zudem geben sich viele Wissenschaftler Mühe, ihre Einsichten einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. TED Talks (www.ted.com) sind Videos mit Untertiteln in vielen Sprachen, in denen Experten ihr Wissen teilen. Sie sind im Internet gratis abrufbar.

Carmel McNaught ist emeritierte Didaktik-Professorin der Chinese University of Hong Kong und Gastprofessorin der University of Johannesburg.
carmel.mcnaught@cuhk.edu.hk

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