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Aktualisiert: vor 9 Stunden 39 Minuten

Hautfarbe und Wohlstand entkoppeln

14. Juli 2021 - 11:59
Rassismus besteht fort, weil unterdrückte Gruppen von Machtpositionen ferngehalten werden

Systemischer Rassismus bewirkt, dass bestimmte Menschen, zum Beispiel mit dunkler Hautfarbe, ärmer sind als andere, schlechtere Bildungschancen und Jobmöglichkeiten haben, schwerer eine Wohnung finden oder vor Gericht benachteiligt sind. Im schlimmsten Fall erfahren sie Gewalt, bis hin zu tödlicher Gewalt – sogar von denjenigen, deren Aufgabe ihr Schutz ist: Polizisten. Beispiele dafür gibt es nicht nur in den USA, wo einige schockierende Fälle die Black-Lives-Matter-Bewegung groß gemacht haben.

Doch so weit muss es gar nicht gehen. Auf dem Schulhof wegen äußerer Merkmale herabgewürdigt zu werden, auf der Straße beleidigende Ausdrücke zu hören oder im Geschäft, im Fitnessstudio oder im Bus abfällig behandelt zu werden – all das kann das Selbstwertgefühl mindern. Wer stets wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wird, verhält sich irgendwann auch so.

Dass institutioneller Rassismus fortbesteht, liegt unter anderem daran, dass unterdrückte Gruppen von Machtpositionen ferngehalten werden. Dazu müssen sie noch nicht einmal in der Minderheit sein: Im südafrikanischen Apartheidsregime herrschte die weiße Minderheit, und in vielen asiatischen Ländern haben heutige Eliten hellere Haut als die Mehrheit der Menschen. Es ist Teil der Diskriminierung, dass die Interessen der Betroffenen nicht angemessen berücksichtigt werden – und sich somit nichts ändert.

Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Dafür bilden Gesetze eine wichtige Grundlage: Recht muss für alle gleich gelten. Quotenregelungen bei Arbeits- oder Studienplätzen (auf US-Englisch „affirmative action“) können helfen, eklatante Missverhältnisse auszugleichen. Allerdings können sie auch Ressentiments bei denen wecken, die nicht davon profitieren.

Es ist Aufgabe von Politik, Justiz und Gesellschaft, Chancengerechtigkeit herzustellen und Hautfarbe von Wohlstand zu entkoppeln. Die breiteste gesamtgesellschaftliche Akzeptanz erfahren dabei in der Regel Maßnahmen, die nicht nur diskriminierten Gruppen zugutekommen, sondern allen benachteiligten Menschen. Am besten funktionieren universelle Sozialleistungen, die im Prinzip alle bekommen können, die darauf angewiesen sind. Individuell spielt für den Bezug Herkunft, Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit oder Geschlecht also keine Rolle. Benachteiligte Gruppen profitieren aber besonders, weil in ihnen der Anteil der Bezugsberechtigten überdurchschnittlich groß ist.

Rassistische Vorstellungen sind oft tief verwurzelt, auch bei Menschen, die sich selbst nicht als Rassisten sehen. Hier gilt es ebenfalls anzusetzen: durch Aufklärung und Sensibilisierung, durch Vorbilder und Erfahrungen, die jede und jeder machen kann. Die meisten Vorbehalte gegenüber Schwarzen in Deutschland gibt es dort, wo die wenigsten leben. Doch auch wenn sich die Gesellschaft öffnet, wird es vermutlich immer Rassisten geben. Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass sie nicht an den entscheidenden Hebeln sitzen, keine Macht über andere ausüben und keine Waffen tragen. Das ist kein „umgekehrter Rassismus“ – sondern Menschenschutz.

Katja Dombrowski ist Redakteurin von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit /D+C Development and Cooperation.
euz.editor@dandc.eu

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Steuern statt wohltätige Spenden

14. Juli 2021 - 10:40
Gemeinwohlorientierte Politik erfordert breit angelegte Debatten und verantwortliche Regierungsführung

Wie die beiden ihr Leben leben, ist ihre Privatsache, und wie sie ihr Geld ausgeben, ebenfalls. Sie beanspruchen, das Gemeinwohl zu fördern – aber wie sie es definieren, ist  abermals Privatsache. 2019 machte die Gates-Stiftung Spenden im Gesamtwert von 5 Milliarden Dollar. Sie unterstützt Dinge wie Impfungen, erneuerbare Energie und Geschlechtergleichstellung. Letzteres liegt allerdings Melinda mehr am Herzen als Bill. Medienberichten zufolge interessiert er sich für Technik und sie sich für Gesellschaftspolitik.

In gewissem Maß verdienen Reiche Lob für wohltätiges Handeln. Groß angelegte Philanthropie spiegelt allerdings oligarchische Machtverhältnisse wider. Scheinbar selbstloses Handeln kann durchaus umstrittene Technologien fördern. Die Gates-Stiftung findet denn auch genetisch manipulierte Lebensmittel in ihrer Agrarförderung okay. Superreichen Unternehmern schlägt zudem Misstrauen entgegen. Die Verschwörungstheorie, der zufolge die Gates-Stiftung bei Impfungen zu Überwachungszwecken Mikrochips in Menschen injizieren lässt, ist selbstverständlich Unfug – aber sie zeigt, dass nicht alle den guten Absichten von Milliardären trauen.

Gates hat sein gewaltiges Vermögen auch nicht einfach in freier marktwirtschaftlicher Konkurrenz erworben. Kunden kauften die Software der von ihm gegründeten Firma Microsoft in den 1980er Jahren nicht, weil sie besonders gut war. Wer sich für Microsoft entschied, wusste, dass die eigene Computerausstattung mit anderen kompatibel sein würde. Der Erfolg beruhte auf einem Netzwerkeffekt. Die Nische, in der das Unternehmen gedieh, entstand, als Wettbewerbshüter die Marktmacht von IBM begrenzten. In den 1990er-Jahren richteten sich Kartellverfahren dann gegen Microsoft selbst. Staatliche Regulierer verhinderten, dass Gates sich das Internet mit monopolistischer Macht unterwarf.

Superreichen Eliten darf weder die Definition des Gemeinwohls noch seine Finanzierung überlassen werden. Nötig sind breite öffentliche Debatten und verantwortliche Regierungsführung. Neben Unternehmensinteressen verdienen auch soziale und ökologische Themen Beachtung. Steuern dienen der Finanzierung öffentlicher Güter – von Straßen über Schulen und Krankenhäuser bis hin zur Justiz. Staatliche Umverteilung verhindert zudem inakzeptable Armut. Eine gerechte Gesellschaftsordnung beruht nicht auf der Wohltätigkeit der finanziell Stärksten. Sie erfordert einen Gesellschaftsvertrag, der alle nach ihren Kräften ihren Anteil leisten lässt. Wir leben nicht mehr in der feudalen Ära, in der vermutet wurde, die Reichsten und Stärksten könnten über alles am besten entscheiden.

Allerdings hat die internationale Staatengemeinschaft in den vergangenen Jahrzehnten bestimmte Großunternehmen Steuerschlupflöcher nutzen und manche Investoren extrem reich werden lassen. Wir haben eine globale Ordnung für den Handel, aber nicht für das Steuerwesen. Es ist deshalb gut, dass Regierungen bei der gemeinsamen Arbeit an einer internationalen Mindestbesteuerung von Konzernen vorankommen.

Im Juli stimmten die Finanzminister der 20 größten Volkswirtschaften (G20) in Venedig ein Konzept ab, das von 130 Regierungen unterstützt wird. Die globale Koordination von Steuerpolitik widerspricht übrigens nicht nationaler Souveränität. Sie macht sie langfristig möglich. Um wechselseitige Unterbietung zu beenden und überall ausreichende Staatseinnahmen sicherzustellen, muss allerdings noch viel passieren – und in Zeiten der rasant eskalierenden Klimakrise wirkt jeglicher Fortschritt arg langsam. Die Richtung stimmt aber.

PS.: Ungleichheit ist mittlerweile extrem. Manche Milliardäre machen mit Philanthropie ihren Wohlstand sichtbar; andere protzen ohne große Gemeinwohlansprüche mit privater Raumfahrt. Das Motto der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) ist, niemanden zurückzulassen. Die Erfüllung des Wunsches weniger extrem reicher Menschen, mal kurz im All Schwerelosigkeit zu erleben, steht nicht auf der SDG-Agenda.

Hans Dembowski ist Chefredakteur von E+Z/D+C.
euz.editor@dandc.eu

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Vom schüchternen Mädchen zum Gesicht einer Bewegung

13. Juli 2021 - 10:13
„The Hate U Give“ ist ein unterhaltsamer Film über Rassismus in der heutigen Gesellschaft

Der Spielfilm „The Hate U Give“ basiert auf dem gleichnamigen Debütroman der US-amerikanischen Autorin Angie Thomas, der 2017 erschien und auf einer wahren Begebenheit beruht. Im Jahr 2009 erschossen Polizeibeamte einen unbewaffneten schwarzen Mann namens Oscar Grant in Oakland, Kalifornien. Anders als ihre Klassenkameraden sah Thomas Grant nicht als Verbrecher, sondern als Unschuldigen, der auch ihr Nachbar hätte sein können.

Starr Carter, die Hauptfigur, spricht in einer Art, die von den „weißen Medien“ als angemessen angesehen wird, während sie gleichzeitig einen beeindruckenden Bericht über Polizeibrutalität liefert. Thomas’ Werke fallen in die Kategorie „Post-Blackness-Literatur“, da sie das Bewusstsein verbreitet, dass Schwarze in Amerika immer noch diskriminiert werden. Manche Kritiker meinen, „The Hate U Give“ habe einen autobiografischen Touch, da Thomas selbst – genau wie Starr – zwischen den sehr unterschiedlichen Welten ihres „weißen“ Colleges und ihres Wohnviertels hin- und herwechseln musste.

Eines Tages lässt sich Starr nach einer Party von ihrem Kindheitsfreund Khalil Harris nach Hause fahren, als sie von der Polizei angehalten werden. Der Beamte bittet Khalil auszusteigen. Als sich Khalil ins Fenster lehnt, um nach Starr zu sehen, und nach einer Haarbürste greift, erschießt der Polizist Khalil. Er hielt die Bürste für eine Waffe.

Khalils Geschichte ist überall in den Nachrichten, aber Starrs Identität als Zeugin wird geheim gehalten. Es belastet sie sehr, dass sie nichts gegen die Gerüchte sagen kann, die Khalil als Drogendealer mit Bandenverbindungen darstellen. In einem anonymen Interview verteidigt sie Khalil. Dort erwähnt sich auch die King Lords, eine Drogendealer-Gang, die mit Gewalt Starrs Wohngegend kontrolliert und die Anwohner bedroht.

Daraufhin bedroht die Bande Starr und ihre Familie. Sie müssen schließlich bei Starrs Onkel Carlos einziehen, der Polizist ist. Carlos erklärt Starr, dass er in Khalils Fall nichts tun könne, da er als Schwarzer bei der Polizei seinen guten Ruf bewahren müsse. Er versucht Starr davon zu überzeugen, dass es wichtiger sei, seine Familie zu beschützen, als seine Meinung zu sagen.

Nachdem ein Gericht den Polizisten, der für Khalils Tod verantwortlich ist, freispricht, beginnen die Menschen aus Starrs und Khalils Viertel Garden Heights unter dem Motto „Gerechtigkeit für Khalil“ zu demonstrieren. Starr beschließt, sich während der Proteste öffentlich als Zeugin von Khalils Tod zu erkennen zu geben.

Das führt jedoch zu Spannungen mit ihren Schulfreunden. Hailey Grant, eine von Starrs besten Freundinnen, verteidigt den Polizisten, der Khalil erschossen hat, sogar. Sie argumentiert, er habe richtig reagiert, wenn er die Bürste für eine Waffe gehalten habe. Hailey beschuldigt Khalil, den Beamten provoziert zu haben, und glaubt den Medien mehr als Starr.

Schließlich wird Starr zum Gesicht der Proteste gegen Polizeigewalt in Garden Heights. Sie wird überall in den Nachrichten als das Mädchen dargestellt, das wollte, dass Khalil als der fürsorgliche Junge in Erinnerung bleibt, der er war, und nicht als Krimineller. Bei den Protesten schwört sie, Khalils Namen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Die Demonstranten bleiben friedlich, aber Mitglieder der King Lords mischen sich unter die Leute und werfen Sprengsätze auf das Geschäft von Starrs Vater Maverick. Starr und ihr Halbbruder Seven werden in dem brennenden Gebäude eingesperrt. Die zwei entkommen, aber Mavericks Geschäft ist fast komplett zerstört.

Als die Proteste zu Ende gehen, fangen die Anwohner von Garden Heights an, sich gegen King zu wehren. Der Bandenchef landet schließlich im Gefängnis. Starr verspricht, die Erinnerung an Khalil lebendig zu halten und weiterhin gegen Polizeigewalt und Rassismus zu kämpfen.

Starr wird sehr gut von Amandla Stenberg porträtiert, einer amerikanischen Sängerin und Schauspielerin. Es gefällt mir besonders, wie sie von einem schüchternen Mädchen zum Gesicht der Protestbewegung wird. Khalils Tod macht ihr klar, wie präsent das Problem Rassismus in der heutigen Gesellschaft immer noch ist, sogar bei Menschen, deren Aufgabe es ist, die Bürger zu beschützen. Im Laufe des Films entwickelt sie sich für viele der anderen Charaktere zum Zeichen der Hoffnung.

Starrs Rolle ist sehr inspirierend, da sie zeigt, wie wichtig es ist, seine Stimme zu nutzen und die Dinge anzusprechen, die einen bewegen. „The Hate U Give“ macht deutlich, dass eine Einzelne etwas erreichen kann, wenn sie genug Unterstützung von den Menschen um sie herum bekommt. Starr kann in vielerlei Hinsicht als Vorbild dienen, aber am beeindruckendsten ist es, dass sie ihre eigene Sicherheit aufs Spiel setzt, um dafür zu sorgen, dass Khalil nicht umsonst gestorben ist.

„The Hate U Give“ behandelt wichtige Themen wie die Privilegien von Weißen, Rassismus und Diskriminierung. Ich finde es wichtig, Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass Schwarze in den USA immer noch als Verbrecher hingestellt werden. Thomas wollte junge Menschen dazu auffordern, ihre Meinung zu sagen – was ihr sehr gut gelungen ist.

Mir gefällt, dass die Geschichte auf wahren Geschehnissen aufgebaut ist und wie die Autorin anderen Opfern von Polizeigewalt durch ihre Protagonistin eine Stimme gibt. Die Tatsache, dass Fälle wie der von Khalil im echten Leben passieren, ist beängstigend – aber wichtig zu wissen. Darüber hinaus ist der Film sehr gut gemacht, und besonders die Darstellung der Demonstrationen ist sehr realistisch. Ein paar Szenen sind jedoch etwas brutal, weshalb ich es gut finde, dass der Film erst ab 12 Jahren freigegeben ist.

Film
The Hate U Give, 2018, USA, Regisseur: George Tillman, Jr.

Sinikka Dombrowski ist Schülerin.
euz.editor@dandc.eu

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Wieso ein heller Teint mit hohem Sozialstatus verbunden wird

13. Juli 2021 - 9:56
Das Geschäft mit aufhellenden Cremes basiert auf rassistischen Schönheitsidealen

Insbesondere Frauen kaufen weltweit Kosmetikprodukte, um ihre Haut heller erscheinen zu lassen. Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization – WHO) rechnete in einer 2019 veröffentlichen Studie damit, dass der globale Umsatz von aufhellenden Cremes bis 2024 bei 31,2 Milliarden Dollar liegen wird. Der multinationale Kosmetikhersteller Unilever macht mit solchen Produkten allein in Indien mehr als 500 Millionen Dollar Umsatz im Jahr.

Doch es gibt Anzeichen dafür, dass die Nachfrage abnimmt. So nannte Unilever seine bereits seit 45 Jahren verkaufte Creme „Fair & Lovely“ um. Sie ist eines der beliebtesten Schönheitsprodukte in Südasien. Nun heißt sie „Glow & Lovely“. Gleichzeitig stellte der Pharmariese Johnson & Johnson den Verkauf von zwei seiner Aufhellungscremes in Asien ganz ein.

Kosmetikhersteller scheinen sich vermehrt von aufhellenden Produkten zu distanzieren. Das könnte an den immer bekannter werdenden Informationen über Gesundheits- und Umweltrisiken der Aufheller liegen. Aber auch das globale Engagement von Aktivisten gegen rassistische Stereotype könnte ein Grund sein.

Einige der Aufheller werden mit schädlichen Chemikalien wie Quecksilber und Bleichmitteln hergestellt. Zu den gesundheitlichen Folgen zählen laut WHO Nierenschäden, Hautausschläge, Hautverfärbungen und Narbenbildung. Das in manchen Weißmachern enthaltene Quecksilber kann auch ins Abwasser und in die Nahrungskette gelangen – so kann zum Beispiel Fisch damit belastet sein. Neben Cremes sind auch Pillen und Spritzen beliebt.

Unilever gibt an, keine schädlichen Chemikalien für die Cremes zu verwenden. Stattdessen nutze es Vitamin B3, Glycerin und Sonnenschutzmittel. Mit dem neuen Namen nennt Unilever sein Produkt auch nicht mehr Hautaufheller. Es sei dafür da, „Ausstrahlung und Glanz zu verbessern“, indem es den Hautton betone und die Hautstruktur glätte. Doch in älteren Werbeanzeigen stellte Unilever einen Zusammenhang zwischen heller Haut und Schönheit her, wobei Vorurteile gegenüber Menschen mit dunklerer Hautfarbe instrumentalisiert und verstärkt wurden.

Ursprünge des „Colourism“

In Südasien werden diese historisch verwurzelten Vorurteile als „Colourism“ bezeichnet. Die Moguln, die vom 16. bis 19. Jahrhundert weite Teile Südasiens beherrschten, hatten eine hellere Hautfarbe als indigene Völker. Und schon vor Ankunft der Moguln hatten die hochrangigen Kasten – besonders die Brahmanen – eine hellere Hautfarbe als die unterste Kaste der Dalits. Europäische Kolonisten vertieften diese Kluft weiter. Hellere Haut wird in Südasien mit Status, sozialer Akzeptanz, wirtschaftlichen Chancen und Selbstwertgefühl in Verbindung gebracht.

Auch in Afrika machen Unternehmen ein gutes Geschäft mit hautaufhellenden Produkten. „Hellere Haut bedeutet häufig einen schnelleren und einfacheren Zugang zu besser bezahlten Jobs, insbesondere im Vertrieb und Marketing“, schreibt Vicky Colbert vom Borgen Project, einer US-Nichtregierungsorganisation.

Die Produktnachfrage in Afrika hat einen ähnlichen Ursprung wie in Südasien: eine hierarchische Gesellschaftsordnung, die von ihren Opfern verinnerlicht wurde. Der Sklavenhandel und die Kolonialherrschaft führten zu Ungleichheiten in Status, Reichtum und Schönheit. Laut Colbert ist „das bestehende strukturelle Glaubenssystem ein Erbe rassistischer Ansichten, die weiße Europäer als überlegen positionieren“. Schönheitsideale werden zudem vermutlich durch Fotos von prominenten Schwarzen in den USA verstärkt. So ist der Teint von Stars wie Beyoncé eher hell.

Doch Schönheitsstandards können sich ändern. „Schwarz bin ich und schön“, heißt es im Hohelied im Alten Testament. Eine junge Frau feiert ihre Schwärze und fragt: „Wozu denn sollte ich wie eine Verschleierte sein?“ Dass schwarze Haut schön ist, ist also ein uraltes Verständnis. Und langsam kommt es auch wieder zurück in Regionen, in denen Frauen immer noch versuchen, ihre Schwärze zu verbergen.

Mahwish Gul ist Beraterin mit dem Schwerpunkt Entwicklungsmanagement. Sie lebt in Nairobi.
mahwish.gul@gmail.com

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E+Z/D+C 2021/08 – mo – nowadays – Derrick Silimina – Zambia – dietary diversity

12. Juli 2021 - 11:27
Bio-fortified crops can improve both nutrition and economic growth in Zambia

HarvestPlus, a non-governmental organisation (NGO) that develops bio-fortified crops, aims to change that – in Zambia and around the world. In Zambia, it works with the Zambia Agriculture Research Institute (ZARI) and others such as seed companies to add micronutrients to local crops.

Bio-fortifying crops can include genetic modification but also covers other, conventional methods for improving crops’ nutritional quality, such as selective breeding. In Zambia, HarvestPlus focuses on strengthening maize, beans, cassava and sweet potatoes with vitamin A – an essential nutrient for promoting growth, ensuring good vision and maintaining the immune system.

“What we are trying to do at HarvestPlus is to solve the micro-nutrient deficiency problem that we see at household level,” says HarvestPlus senior research associate David Samazaka. “We want people to have better nutrition. We also want them to have increased household income by growing crops not just for their own consumption but also for sale to others.”

Two-thirds of Zambia’s population lives in rural areas and relies on agriculture for income. Yet despite this population emphasis, and despite the country’s abundant fertile land and good rainfall, agriculture accounts for only 20 % of Zambia’s gross domestic product. With bio-fortified crops and better yields, agriculture could become a far more important source of economic growth.

As part of this effort, HarvestPlus researchers developed orange maize, fortified with vitamin A. Zambians have embraced orange maize for both its taste and health-promoting properties. “Once you start using orange maize, you will not go wrong in terms of its nutritional value,” says agricultural expert Amos Tembo.

Farmers are happy with the new variety of maize as well. Zambia’s six different varieties of vitamin A-fortified orange maize achieve yields similar to those of white-maize varieties. “Since, I started planting seeds that are enriched with more nutrients, my crop yield has improved every farming season,” says Anita Siabana, a farmer in the Chibombo district of the Central Province.

Other parts of the agribusiness value chain – including seed companies and food manufacturers – also praise bio-fortified crops. “We market bio-fortified seeds for maize and for beans,” says Bwalya Mwansa, a sales executive for seed company Afriseed. “We have strong demand from farmers in Zambia as well as Botswana and Angola. We see a need to increase our seed production to meet the demand.” 

Kamano Seed Company, which produces and trades seeds for legumes, cereals and vegetables, also does a thriving business in HarvestPlus’ orange maize seeds. “From the time we started working with HarvestPlus, we have found their bio-fortified seeds to be well received by small scale farmers across the country,” says Nokutula Mulonga, the company’s sales manager.

Beyond improving nutrition and helping farmers, bio-fortification can boost Zambia’s agribusiness potential, according to participants in a recent industry exposition. This includes the country’s seed production, farming, crop marketing and agricultural research sectors. The key is continuous innovation, says Samuel Banda, business development manager for Advanta Seeds, a multinational seeds company.

Derrick Silimina is a freelance journalist based in Lusaka. He focuses on Zambian agriculture and sustainability issues.
derricksilimina@gmail.com

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Zwei afrikanische Nachbarn bemühen sich um Frieden

12. Juli 2021 - 11:05
Nach sechs Jahren Konflikt normalisieren sich die Beziehungen zwischen Ruanda und Burundi

Außer den Dissidenten flohen auch weitere zehntausende Burundier vor Gewalt und Unruhe in die Nachbarländer. Viele gingen nach Ruanda, doch kehrten nun Ende 2020 mehr als 7000 burundische Flüchtlinge aus Ruanda zurück heim, mehr als 11 000 weitere sind zur Repatriierung registriert. Dies machte ein von der UN vermitteltes Abkommen zwischen Burundi und Ruanda möglich.

Nun wünschen sich die Präsidenten beider Länder gute Beziehungen. Burundis Präsident Évariste Ndayishimiye betont: „Wir sprechen dieselbe Sprache.“ Ruandas Präsident Paul Kagame sagt: „Wir wollen mit den Burundiern in Frieden leben.“ Beide Regierungen unterdrücken jedoch seit jeher Andersdenkende. So sind die inländischen Spannungen nun fast größer als die zwischen den Ländern. Im Mai nahm eine Delegation aus Ruanda an einem Treffen des UN Standing Advisory Committee on Security Questions in Central Africa teil, das in Bujumbura stattfand – was auf eine weitere Verbesserung der Beziehungen hinweist.

Aber der Fortschritt ist nicht gerad­linig; es kommt weiterhin immer wieder zu Unstimmigkeiten, etwa über den Grenzverlauf. In der Nacht des 23. Mai 2021 wurden in Ruanda zwei Menschen getötet, was zu einem Streit darüber führte, wer sie waren. Laut Ruanda waren es Burundier in Militär­uniform, die Medikamente, Gewehre und andere militärische Ausrüstung mitbrachten. Burundis Militärsprecher Colonel Floribert Biyereke verneinte, dass Burundier ruandischen Boden betreten hätten, da Patrouillen die Grenze bewachten, um das zu verhindern.

Angesichts der langen friedvollen Geschichte und ihrer demografischen Ähnlichkeiten waren die Feindschaften der sechs Jahre zwischen den Ländern ungewöhnlich. Ihre politischen Beziehungen gehen bis ins 15. Jahrhundert zurück, als das Königreich Ruanda gegründet wurde.

Beide Länder sind etwa gleich groß, haben sprachliche und ethnische Ähnlichkeiten und sind direkte territoriale Fortbestände afrikanischer Staaten, die es schon vor der Kolonialzeit gab. Heute gibt es viele Ehen zwischen Burundiern und Ruandern. Der grenzüberschreitende Handel floriert – auch wenn er durch gelegentliche Vorwürfe des Schmuggels von Waren nach Ruanda getrübt wird.

Darüber hinaus sind beide Länder durch ein Netz von bilateralen und regio­nalen Abkommen verbunden und die Gouverneure ihrer Grenzprovinzen treffen sich regelmäßig. Beide Länder gehören zur Wirtschaftsgemeinschaft der Länder der Großen Seen, zur Ostafrikanischen Gemeinschaft, zum Gemeinsamen Markt für das Östliche und Südliche Afrika und zur Wirtschaftsgemeinschaft der zentralafrikanischen Staaten. Auch sind beide Mitglieder der Afrikanischen Union und der UN, die diverse Kanäle zur Beilegung von Streitigkeiten bieten. Da Burundis Präsident Ndayishimiye im Vergleich zu seinem Vorgänger sehr versöhnlich ist, lassen sich künftige Streits womöglich ohne neue Feindseligkeiten lösen.

Weit problematischer ist die Dauerpräsenz bewaffneter Gruppen in der Region um die Großen Seen Ostafrikas: Burundi, Ruanda, die Demokratische Republik Kongo, Kenia, Malawi, Tansania und Uganda. Sie wirken destabilisierend. Gemeinsame Sicherheitsvereinbarungen sind deshalb essenziell, um die Region zu beruhigen.

Mireille Kanyange arbeitet als Journalistin für Radio Isanganiro in Burundi.
mika.kanyange@gmail.com

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Konsum nach westlichem Vorbild ist nicht nachhaltig

12. Juli 2021 - 10:34
Warum andere Weltregionen westliche Konsum-Muster nicht nachahmen sollten

Der Autor Peter N. Stearns (2006) spricht von einer Konsumgesellschaft, wenn „viele Menschen ihre Lebensziele teilweise darauf ausrichten, Güter zu erwerben, die sie offensichtlich weder für den Lebensunterhalt noch zur traditionellen Lebensführung benötigen”. Shoppen wird dann extrem wichtig, und die Menschen gründen ihr Identitätsgefühl auf die endlos vielen neuen Dinge, die sie erwerben. Stearns zufolge hat das 20. Jahrhundert Menschen zu Konsumenten gemacht.

Der konsumistische Lebensstil ist durch permanentes Kaufen von Dingen geprägt, die genutzt und weggeworfen werden. Die Nachfrage nach Dingen sei artifiziell, da es nicht um Grundbedürfnisse gehe, betont Stearns. Werbung, Gruppenzwang und die bloße Erhältlichkeit von Konsumgütern erzeugen einen unstillbaren Hunger nach immer mehr. Im Europa und Nordamerika des 20. Jahrhunderts gelang es Privatunternehmen, ihre Produktions- und Distributionskapazitäten so auszuweiten, dass ihre größte Herausforderung nun darin besteht, neue Konsumnachfragen zu schaffen, um diese Kapazitäten voll auszunutzen.

Das Problem: Konsum ist nicht nachhaltig für die Umwelt. Die Ressourcen unseres Planeten sind nicht nur begrenzt, sondern bereits überstrapaziert. Dennoch schießen in urbanen Gebieten in Entwicklungs- und Schwellenländern immer mehr Shopping Malls wie Pilze aus dem Boden.

Eine aktuelle Veröffentlichung (UNEP, 2021a) verdeutlicht das: Die Menschheit verbraucht jährlich die Ressourcen von 1,6 Planeten. Der rasante Raubbau an der Natur bedeutet, dass unser Planet sich nicht mehr regenerieren kann; Naturschutz allein kann das Kollabieren von Ökosystemen und Artenvielfalt nicht verhindern. Es ist zu erwarten, dass alles noch schlimmer kommt. Dem aktuellen Trend nach braucht die Menschheit bis 2030 das Äquivalent von zwei Erden, um dieses Konsummuster beizubehalten. Würde der durchschnittliche Erdbewohner so viel konsumieren wie der Durchschnittsdeutsche, bräuchte unsere Spezies dem unabhängigen Global Footprint Network zufolge sogar drei Planeten.

Dreifach-Krise

Die internationale Gemeinschaft steuert auf eine dreifache Umweltkrise zu. Klimawandel, der Verlust von Artenvielfalt und Verschmutzung machen unseren Planeten unbewohnbar, konstatiert ein weiterer Bericht (UNEP, 2021b). Alle drei Trends sind gefährlich – und sie verstärken einander.

  • Die Klimaverpflichtungen, die Regierungen bisher eingegangen sind, kommen nicht annähernd an das heran, was es braucht, damit die Durchschnittstemperatur um weniger als 1,5 Grad Celsius ansteigt. Forscher warnen, dass die Probleme unkontrollierbar werden, wenn diese Grenze überschritten wird. Bisher sind die Temperaturen um etwa ein Grad gestiegen, die Ökosysteme leiden zweifellos bereits darunter.
  • Die Menschheit ist Zeuge eines großen Artensterbens. Von etwa acht Millionen Pflanzen- und Tierspezies wird in den kommenden Jahren wohl eine Million aussterben. Geringere Artenvielfalt schwächt die Ökosysteme; der Klimawandel wird sie heftiger treffen, und sie können weniger dazu beitragen, diesen unter Kontrolle zu halten.
  • Verschmutzung verstärkt diese Trends. Neben Klimagasen sind auch diverse andere Chemikalien ein Problem (siehe Schwerpunkt im D+C/E+Z e-Paper 2021/03).

Ursache für diese dreifache globale Krise ist nichtnachhaltiger Konsum. Die Modeindustrie verursacht bis zu zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Sie trägt dazu bei, dass jährlich mehr als 150 Millionen Bäume gefällt werden, und verbraucht 93 Milliarden Kubikmeter Wasser – etwa vier Prozent des jährlichen Frischwasserverbrauchs. Das Färben und Behandeln von Kleidern trägt zu 20 Prozent der industriellen Wasserverschmutzung weltweit bei (siehe Olga Speranskaya im Fokus des D+C/E+Z e-Paper 2021/03). Mehr als ein Drittel des Mikroplastiks in den Weltmeeren wird aus Kunstfasern herausgewaschen.

Die Modeindustrie ist somit einer der größten Umweltzerstörer. Sie lebt eine Kultur der Überproduktion und des Massenkonsums. „Fast fashion“ ist sogar dazu gedacht, nur wenige Male getragen zu werden – mehr als die Hälfte davon wird innerhalb eines Jahres weggeworfen. Laut der Ellen McArthur Stiftung, die privatwirtschaftliche Großunternehmen vernetzt, verbrennt oder entsorgt die Menschheit pro Sekunde einen Müllwagen voll Kleidung. Ein Viertel aller Textilien wird schon während der Herstellung weggeworfen. Der Verbrauch von Kleidung hat sich in den letzten 15 Jahren laut dem unabhängigen World Resources Institute verdoppelt. Die Pro-Kopf-Nachfrage ist in entwickelten Ländern weiter sehr hoch, die Mittelklassen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas holen langsam auf.

Das Konsumverhalten wirkt sich auch massiv auf den Lebensmittelsektor aus. Da immer mehr Menschen mehr Geld haben, steigt die Nachfrage nach eiweißreicher Kost wie Fleisch, Fisch und Milch um ein Vielfaches. Laut Branchen-Experten wird derzeit weltweit jedes Jahr etwa 1,4 Prozent mehr Fleisch verbraucht. Um diese Waren zu erzeugen, werden immer mehr Land, Wasser, Dünger, Pestizide und Antibiotika gebraucht. Eine Konsequenz ist die Zerstörung von Wäldern, um Platz für Weiden zu schaffen, die weder CO2 speichern noch vielen Arten Lebensraum bieten.

Ohnehin wird bis 2050 die wachsende Weltbevölkerung 60 Prozent mehr Essen brauchen als bislang produziert wird. Pflanzliche Ernährung ist deutlich weniger aufwändig. Würden landwirtschaftliche Produkte nicht mehr als Tierfutter verwendet, hätten vier Milliarden mehr Menschen ausreichend zu essen, errechneten Forscher der Universität von Minnesota. Andererseits verderben 30 Prozent der erzeugten Lebensmittel vor dem Verzehr – innerhalb der Versorgungskette oder nach der Vermarktung.

Die Nachfrage nach Energie wird bis 2050 zwischen 50 und 70 Prozent steigen, wobei fossile Brennstoffe rund 80 Prozent des gesamten Primärenergieverbrauchs ausmachen. Dieser Anstieg wird vor allem auf den erwarteten Verbrauch in Entwicklungsländern zurückgeführt, die bislang weitgehend von fossilen Energieträgern abhängig sind.

Elektroschrott

Auch technische Geräte machen Pro­bleme. Heutzutage nutzen Massen von Menschen Fernseher, Mobiltelefone, Computer und weiteres, für deren Produktion Energie und Rohstoffe verbraucht werden. Elektroschrott wird kaum recycelt, ein inakzeptabel großer Anteil davon wird in Entwicklungsländern von informellen Arbeitskräften unter gefährlichen Bedingungen verarbeitet.

Laut dem von der UN unterstützten Global-E-Waste-Monitor 2020 wurden 2019 weltweit rekordverdächtige 53,6 Millionen Tonnen Elektroschrott erzeugt – fast ein Viertel mehr als fünf Jahre zuvor. Der gesamte E-Müll beläuft sich mittlerweile auf 7,3 Kilo pro Erdenbürger. Weniger als 20 Prozent werden gesammelt und recycelt. Bis 2035 wird sich der E-Müll vermutlich verdoppeln. Das ist ein Umweltproblem - und ein Gesundheitsrisiko.

Unser Konsumverhalten steht nicht im Einklang mit natürlichen Ressourcen. Menschliches Handeln hat laut Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) drei Viertel des Erdbodens und mehr als die Hälfte der Ozeane verändert. Haupttreiber sind intensive Landwirtschaft, Überfischung, Energieproduktion und Gewinnung von Rohstoffen. Die IPBES versorgt die internationale Gemeinschaft mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen – ähnlich wie der Weltklimarat (IPCC).

Unsere auf unendliches Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsmodelle sind mit den endlichen Ressourcen unserer Erde nicht vereinbar. Partha Dasgupta war Hauptautor eines aktuellen Berichtes dazu, wie die Natur in ökonomische Modellierungen einbezogen werden könnte (siehe Katja Dombrowski im Monitor des D+C/E+Z e-Paper 2021/04). Wirtschaftliches Denken muss dringend planetare Grenzen berücksichtigen. Sonst zerstören wir weiter die Basis der menschlichen Existenz – die Natur. Die Natur braucht uns nicht, wir aber brauchen sie. Wir müssen anfangen, mit der Natur in Harmonie zu leben – und wir haben keine Zeit zu verlieren.

References

Stearns, P. N., 2006: Consumerism in world history. Abingdon, Oxfordshire, Routledge.
UNEP, 2021a: Ecosystem restoration for people, nature and climate.
https://wedocs.unep.org/bitstream/handle/20.500.11822/36251/ERPNC.pdf
UNEP, 2021b: Making peace with nature.
https://wedocs.unep.org/xmlui/bitstream/handle/20.500.11822/34948/MPN.pdf

Mahwish Gul ist Entwicklungsberaterin und lebt in Nairobi. Sofern nicht anders angegeben, basiert dieser Artikel auf Informationen der UN und der UNEP. Die beiden wichtigsten UNEP-Quellen sind angegeben.
mahwish.gul@gmail.com

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Aufstrebende digtale Mächte

9. Juli 2021 - 14:32
Digitale Technologie verändert globale Machtverhältnisse

Es gibt verschiedene digitale Möglichkeiten, Schaden anzurichten. Beispielsweise können Websites, Server und Netzwerke mit externen Kontaktaufnahmen so überfordert werden, dass sie die gewohnten Leistungen nicht mehr liefern können (Distribu­ted Denial of Service – DDOS). Möglich sind auch falsche Alarmmeldungen bei Polizei, Feuerwehr und Notärzten (Swatting) oder Angriffe mit virenbehafteter Software. Die Folgen können katastrophal sein und sowohl Zivilisten als auch militärische Einheiten betreffen, warnen Jason Chumtong und Christina Stolte in der jüngsten Ausgabe der KAS-Zeitschrift Auslandsinformationen.

Den Ausführungen zufolge bauen manche Länder ihre Cyber-Kapazitäten besonders stark aus. Beispiele sind laut Autorenpaar Venezuela, Iran und Russland. Westliche Regierungen müssten sich darauf einstellen, dass nicht alle zu den traditionellen Großmächten gehören, sondern dass auch vergleichsweise kleine Staaten mitmischen.

Venezuela sei zwar von tiefer politischer Spaltung und humanitären Krisen (Nahrungsmittelknappheit, Hyperinflation und Armut) betroffen, habe aber dennoch ein erstaunlich großes digitales Subver­sionspotenzial. Dem KAS-Aufsatz zufolge belegt ein bekannt gewordenes internes Papier aus Venezuelas Innenministerium über die Schaffung einer „Trollarmee für die bolivarische Revolution“, wie sich die Regierung auf digitale Kriegsführung vorbereitet. Tatsächlich seien militärisch organisierte Truppen im Internet aktiv, um die demokratische Opposition zu stören und Fehlinformation zu verbreiten. Zu diesem Zwecke würden Tausende von Seiten in sozialen Medien betrieben. Während der Proteste gegen Präsident Maduro hätten 2019 automatisierte Programme („Bots“) für etwa 80 Prozent der Stellungnahmen zugunsten des Regimes gesorgt. Verschiedene Länder hätten seinerzeit Sanktionen gegen Venezuela beschlossen – und wären dann zu Zielscheiben von Desinformationskampagnen geworden.

Chumtong und Stolte schreiben, die Islamische Republik Iran habe schon früh mit der Gründung des Supreme Council for Cyber Space 2012 begonnen, einschlägige Kapazitäten aufzubauen. Das Land sei selbst Opfer eines virtuellen Angriffs geworden, aber schon 2013 hätten dann dem Regime nahestehende Hacker ernsthafte wirtschaftliche Schäden in den USA verursacht. Sie hätten sich des Twitter-Accounts der Nachrichtenagentur AP bemächtigt und Falschmeldungen über das Weiße Haus verbreitet. In der Folge sei der Dow-Jones-Aktien­index um 150 Punkte eingebrochen.

Überraschend aktiv ist aus Sicht von Chumtong und Stolte auch Russland im Cyberraum. Sie nennen mehrere Beispiele wie etwa digitale Angriffe auf estnische Behörden 2007 oder den Deutschen Bundestag 2015. In der Ukraine sei die Energieinfrastruktur attackiert worden und in den USA staatliche Institutionen. Die Fäden hätten russische Geheimdienste gezogen. Relevant gewesen sei die „Fancy Bear“ genannte Hackergruppe. Russische Social-Media-Aktivitäten hätten zudem Einfluss auf das Brexit-Referendum 2016, auf die Präsidentschaftswahl der USA im selben Jahr und auf das katalanische Unabhängigkeitsreferendum 2017 genommen.

Wie im Aufsatz erläutert, ist es schwierig und zeitaufwendig, die Standorte der Angreifenden festzustellen. Wer Vorwürfe erhebe, löse obendrein oft nur Leugnung und Streit aus. Die Öffentlichkeit nehme Cyber-Aggressionen kaum zur Kenntnis, obwohl sie zunehmend auf nationaler und internationaler Ebene die Meinungsbildung beeinflussen. Chumtong und Stolte raten deshalb Regierungen, Abwehrkapazitäten aufzubauen.

Quelle
Chumtong, J., und Stolte, C., 2021: Digitale Technologie als neue Machtressource.
https://www.kas.de/de/web/auslandsinformationen/artikel/detail/-/content/digitale-technologie-als-neue-machtressource
Rishikesh Thapa
ist Praktikant in der Redaktion von E+Z/D+C.

official.anthro58@gmail.com

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Woran man die nepalesische Mittelschicht erkennt

8. Juli 2021 - 12:21
Nepals langsames Wirtschaftswachstum bremst die Entwicklung der Mittelschicht

In Nepal wächst der Lebensstandard. Angesichts der langen Armutsgeschichte des Landes, des jahrzehntelangen Kampfs für Demokratie und des verheerenden Erdbebens von 2015 ist diese Entwicklung der vergangenen Jahre sehr zu begrüßen.

Nach Angaben der Weltbank zählt Nepal mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 1090 US-Dollar im Jahr 2019 nun zu den Ländern mit sogenanntem „niedrigem mittlerem“ Einkommen. Als einkommensschwach gelten Länder mit einem Pro-Kopf-Einkommen unter 1030 US-Dollar.

Vor zehn Jahren definierte die Asiatische Entwicklungsbank alle Personen als Mittelschichtsangehörige, die über eine Kaufkraft von zwei bis 20 US-Dollar am Tag verfügen – und wies darauf hin, dass die Mittelschicht in Nepal wächst. Der nationale „Living Standard Survey“ Nepals und die Weltbank kamen 2016 zu ähnlichen Ergebnissen.

Dieses Wachstum der Mittelschicht spiegelt einige bedeutende Entwicklungen wider:

  • eine Bevölkerungsverschiebung vom Land in die Städte,
  • ein höheres Bildungsniveau,
  • einen Trend von Arbeiter- und Dienstleistungsberufen hin zu mehr Angestelltenberufen und
  • einen Anstieg der Rücküberweisungen von Nepalis aus dem Ausland.

Allein die Rücküberweisungen sorgten für 27 Prozent des Armutsrückgangs in den untersuchten Jahren; Lohnanstiege in Wirtschaftsbereichen mit hoher Wertschöpfung für weitere 52 Prozent.

Dennoch bleibt Nepal eines der ärmsten Länder Asiens mit vergleichsweise geringem Wirtschaftswachstum, wie der Weltbankbericht „Climbing higher: Toward a middle-income Nepal“ 2017 feststellt. Nepals Pro-Kopf-Einkommen liegt hinter dem der anderen Volkswirtschaften der Region zurück, weshalb fraglich ist, ob der Aufwärtstrend weitergehen wird. Covid-19 hat die Wirtschaft, die bereits Anzeichen von Stagnation aufwies, hart getroffen.

Private Haushalte haben bei sinkendem Bruttoinlandsprodukts-Wachstum geringere Gestaltungsmöglichkeiten und ein erhöhtes Armutsrisiko. Dafür gibt es bereits einige Anzeichen: Der mehrdimensionale Armutsindex der Regierung, der neben dem Einkommen auch die Faktoren Gesundheit, Ernährung, Bildungschancen und Lebensstandard berücksichtigt, ermittelte 2018 eine Armutsquote von 28,6 Prozent.

Die Mittelschicht erkennen

Nepals Mittelschicht wurde noch nicht erforscht, und es existieren keine verlässlichen Einkommensstatistiken. Es gibt aber Erfahrungsberichte, also nichtwissenschaftliche Hinweise oder Belege, auf die sich gestützt werden kann. Die nepalesische Mittelschicht lässt sich am einfachsten durch das definieren, was sie nicht ist. Sie ist wohlhabender als die Subsistenzbauern und die Arbeiter ohne eigenen Landbesitz. Zugleich ist sie ärmer als die Oberschicht, die zumeist Vermögen geerbt hat und mit den einstigen Herrscherklassen verbunden ist.

Auch die Ausgaben geben Hinweise: Mittelschichts-Nepalis erwirtschaften für gewöhnlich ein stabiles, angemessenes Einkommen aus einem Angestelltenverhältnis oder einem kleinen Unternehmen. Zwar können sie sich die teuren, englischsprachigen Privatschulen, die von der Oberschicht besucht werden, meist nicht leisten, wohl aber eine andere gute Ausbildung für ihre Kinder.

Die Mittelschicht lässt sich in zwei Untergruppen unterteilen. Die erste setzt sich aus Händlern, Unternehmern und Verwaltungsangestellten zusammen, die dem Bildungsbürgertum entstammen. Die zweite umfasst Menschen aus eher bescheidenen Verhältnissen, die dank guter Bildung zu Fach- und Führungskräften aufgestiegen sind. Auch die Art der Fortbewegung sagt etwas über die Mittelschicht aus. So nutzen Menschen aus der unteren Mittelschicht eher Fortbewegungsmittel wie Fahrräder oder Motorroller, Angehörige der oberen Mittelschicht hingegen Autos.

Viele Mitglieder der Mittelschicht besitzen ein kleines Haus oder andere Vermögenswerte wie Schmuck, einige auch Land. Auch der Gebrauch von bestimmten Konsumgütern wie Smartphones kann ein Hinweis sein. Häufig legen sie in gewissem Maß ein Konsumverhalten an den Tag, das den eigenen Status zur Schau stellen soll.

Zugleich hält die Mittelschicht aber auch an traditionellen Praktiken fest, von denen einige eher rückwärtsgewandt sind. Wenn zum Beispiel das traditionelle Hartalika-Teej-Fest gefeiert wird – ein hinduistisches Fest an jenem Tag, an dem Lord Shiva die Liebeserklärung der Göttin Parvati annahm –, waschen verheiratete Frauen traditionell die Füße ihrer Ehemänner und trinken vom Wasser des Fußbades. Auch tragen Mittelschichtsfamilien wohl dazu bei, konservative Traditionen wie die Diskriminierung von Witwen zu bewahren.

Gesamtgesellschaftlich gesehen, treibt die Mittelschicht die Wirtschaft an, indem sie Unternehmen gründet. Außerdem sind die englischsprechenden Mittelschichtsangehörigen meist internationaler eingestellt als viele Menschen mit niedrigem Einkommen, die nur die lokalen Sprachen beherrschen.

Die Mittelschicht war maßgeblich an Nepals Aufstieg aus Armut und Diktatur beteiligt. Sie hat die Industrialisierung, Urbanisierung und Modernisierung der Wirtschaft vorangetrieben. Nach der Wiedereinführung der Demokratie in den 1990er Jahren gründete sie unter anderem Tausende von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich für eine fairere und gerechtere Gesellschaft einsetzen, auf die Rechenschaftspflicht der Regierung pochen und eine sozialgerechte Entwicklung vorantreiben.

Heute sind Spaziergänge durch die meisten nepalesischen Städte sehr reizvoll, und das ist vor allem der Mittelschicht zu verdanken. Restaurants mit bunten Schildern säumen die Straßen, und die Vielfalt an Boutiquen und Läden wächst stetig. Sie haben nicht nur das Bild der Hauptstadt Kathmandu und anderer Großstädte verändert, sondern auch die Ambitionen ihrer Bewohner. Es gibt immer noch viel Armut in Nepal, aber die wachsende und aktive Mittelschicht zeigt, dass ein Aufstieg möglich ist (siehe Kasten).

Rukamanee Maharjan ist Juradozentin an der Tribhuvan-Universität in Kathmandu.
rukumaharjan@gmail.com

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Mittelschichtsmythos entspricht nicht der Wirklichkeit

29. Juni 2021 - 10:33
Afrika hat keine homogene, fortschrittliche und schnell wachsende Mittelschicht

Die Mittelschichten des globalen Südens erlangten vor allem dadurch Aufmerksamkeit, dass das Wirtschaftswachstum in Entwicklungsländern die dortige Sozialstruktur veränderte. In Ost- und Südostasien (und besonders in China) entkamen mit zunehmender Industrialisierung immer mehr Menschen schnell der Armut. Um als Mittelschicht zu gelten, reichte allerdings schon ein prekäres Mindesteinkommen. Dabei wird gern übersehen, dass die unteren Gruppen dieser so weit gefassten Mittelschicht keineswegs in stabilen Verhältnissen leben. Raphael Kaplinsky von der britischen Open University meinte 2014 spöttisch, alle, die nicht Hunger litten, gehörten wohl nunmehr zur Mittelschicht.

In Entwicklungsdebatten wurde diese weitgefasste Mittelschicht dennoch zum Hoffnungsträger. Experten, darunter Weltbank-Chefökonom Martin Ravallion und Nancy Birdsall vom Center for Global Development, hielten sie auf nationalstaatlicher Ebene für Motoren wirtschaftlicher, sozialer und politischer Entwicklung. Entsprechend forderten verschiedene Stimmen – wie etwa der Thinktank Brookings Institution in Washington –, die wachsenden Mittelschichten müssten gestärkt werden. Beispielhaft war diesbezüglich der Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD – Organisation for Economic Co-operation and Development) zu den globalen Entwicklungsperspektiven 2012. Auch die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB – African Development Bank) und die UN Economic Commission for Africa teilten die Euphorie.

Wunschdenken

Die großen Erwartungen entpuppten sich allerdings als Wunschdenken, das positive Merkmale bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen betonte und den Gesamtkontext eher vernachlässigte. Die Wirklichkeit sieht anders aus als die Mythen von der großen, kohärenten und progressiven Mittelschicht:

  • Diese Bevölkerungsgruppen sind mancherorts kleiner als gern angenommen. So urteilte der Londoner Economist schon Ende 2015, dass Afrikaner hauptsächlich reich oder arm seien, aber nicht der Mittelschicht angehörten. Auch wachsen die Mittelschichten nicht mehr stark – und das nicht erst seit der Covid-19-Pandemie. Diverse Studien legen nahe, dass nicht die Mitte afrikanischer Gesellschaften am schnellsten wächst, sondern dass die Schere zwischen unteren und oberen Gruppen sich weiter öffnet – wobei beide größer werden.
  • Entgegen der verbreiteten Annahme tragen Mittelschichten auch nicht zwangsläufig zur wirtschaftlichen Entwicklung afrikanischer Gesellschaften bei. Sie verfolgen selbstverständlich Einzelinteressen, aber dass sie darüber hinaus volkswirtschaftliches Wachstum antreiben, ist nicht belegt.
  • Leider ist auch nicht festzustellen, dass mit zunehmender Kaufkraft mancher Bevölkerungsgruppen in Afrika auch die Demokratie erstarkt wäre. Das gilt nur für bestimmte Zeiten in wenigen Ländern wie etwa Ghana. Es gibt indessen auch Gegenbeispiele wie Äthiopien und Tansania. Die Erfahrung lehrt, dass Mittelschichten sich loyal zum Staat verhalten, wenn sie von Regierungspolitik profitieren – egal, wie demokratisch oder autoritär diese sein mag. Tatsächlich ergab eine Afrobarometer-Umfrage 2012 in zahlreichen Ländern Afrikas, dass Angehörige der Mittelschichten den vergleichsweise weniger Gebildeten nicht zutrauen, bei Wahlen verantwortungsvoll abzustimmen. Mit steigendem Bildungsgrad tendierten Befragte dazu, das Wahlrecht für alle abzulehnen. Ein solch exklusives Verständnis von Teilhabe läuft bestenfalls auf „Demokratisierung“ für eine Elite hinaus.

Blinde Flecken

Welche Merkmale machen denn nun eigentlich die Mittelschicht aus? Der Begriff ist nicht klar definiert. Zahlenspielereien mit Blick auf Einkommensdaten sind auf problematische Weise unterkomplex. Es gilt, weitere wichtige Merkmale zu bedenken – wie etwa Beruf, Bildung, sozialer Status, Lebensstil und kulturelle Normen. Sie alle sind für politische Orientierung und gesellschaftliche Einflussnahme relevant.

Forschungsarbeiten in verschiedenen Ländern (Ghana, Kenia, Mosambik und Südafrika) zeigen, dass es nicht sinnvoll ist, verallgemeinernd von einer „afrikanischen Mittelschicht“ zu sprechen. Identitätsvorstellungen prägen Verhalten, beruhen aber nicht nur auf Hierarchien und Einkommen. Verwandtschaft (häufig sind Großfamilien noch zumindest teilweise intakt), städtisch-urbanen Beziehungsgeflechte, Religion, regionale Herkunft, Sprache und Ethnizität sind allesamt wichtig. Auch Gender ist eine bedeutsame Kategorie – zumal angesichts vieler von Frauen geführter Haushalte. Die Zusammensetzung eines Haushalts entspricht tatsächlich oft nicht westlichen Vorstellungen von der Kleinfamilie.

Es ist keine Besonderheit westlicher Konsumgesellschaften, dass sich von Beruf, Einkommen und sozialer Position persönliche Ansichten nicht automatisch ablesen lassen. Auch in Afrika positionieren sich Menschen sehr unterschiedlich.

Wichtig ist obendrein, welche Bedeutung jeweils die informelle Ökonomie und klientelistische Beziehungen haben. Viele Angehörige der breit definierten Mittelschicht haben keinen stabilen Wohlstand erreicht. Soziale Sicherung gibt es für viele jenseits der Großfamilie immer noch nicht. Verwandtschaftsbeziehungen stehen aber unter hohem Druck – unter anderem wegen der Gegensätze zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Generationen.

Der Entwicklungssoziologe Dieter Neubert von der Universität Bayreuth schlug bereits 2015 vor, die Unterteilung in unterschiedliche Milieus und das Konzept der „kleinen Lebenswelten“ („Mikromilieus“) zu nutzen, um politische Prozesse – nicht nur in Afrika – genauer zu analysieren. So können soziokulturelle Faktoren erfasst werden, die politische Präferenzen und Positionierungen stark beeinflussen.

Genau hinsehen

Insgesamt lassen sich folgende Befunde festhalten:

  • Wer Mittelschichten in Afrika oder anderswo analysieren möchte, darf nicht nur unterschiedliche Einkommenshöhen berücksichtigen. Forschende müssen auch die oben genannten soziokulturellen Unterschiede einbeziehen.
  • Es wird zwar vielfach kritisiert, dass Mittelschicht meist nur mit ökonomischen Kriterien definiert wird, aber es gibt bislang keine bessere Begriffsbestimmung, die für die Analyse von Ungleichheit, Sozialstruktur und Differenzierungsprozessen mehr leisten würde.
  • Die Aussage, Mittelschichten seien tendenziell fortschrittlich und demokratisch orientiert, suggeriert eine konzeptionelle Klarheit, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Wir müssen viel genauer hinschauen.

Ungeachtet dieser begründeten Einwände bleibt es aber weiterhin sinnvoll, sich mit Afrikas Mittelschichten auseinanderzusetzen. Deren eigentliche Größe und Substanz muss sowohl in wirtschaftlicher wie auch politischer Hinsicht genauer untersucht werden. Dabei wäre es durchaus sinnvoll, sich von der Klassentheorie inspirieren zu lassen. Sie achtet auf den Besitz von Produktionsmitteln, wodurch deutlich wird, wer ökonomisch von wem abhängt. Das würde dazu beitragen, den Mittelschichtsbegriff zu entmythologisieren.

Quellen

OECD – Perspectives on global development 2012: Social cohesion in a shifting world.
https://www.oecd.org/development/pgd/perspectivesonglobaldevelopment2012socialcohesioninashiftingworld.htm

Neubert, D., 2015: Die Fallen der „Rumsfeld Utopie“. Das widersprüchliche Verhältnis zwischen Mittelschichten, Zivilgesellschaft und Demokratie. In: Hauck, G., Lentz, I., Wienold, H., (Hrsg.), 2015: Entwicklung, Gewalt, Gedächtnis. Münster, Westfälisches Dampfboot 2015, S. 128-141.

Henning Melber ist ehem. Forschungsdirektor des Nordic Africa Institute und emeritierter Direktor der Dag Hammarskjöld-Stiftung, beide in Uppsala, und außerordentlicher Professor an der University of Pretoria und der University of the Free State in Bloemfontein.
henning.melber@nai.uu.se

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E+Z/D+C 2021/08 – mo – now – Javier A. Cisterna Figueroa – Easter Island – music school

28. Juni 2021 - 10:15
Malawi says ‘no’ to WHO advice to hold on to expired Covid-19 vaccines

And she succeeded: After earning her music degree in mainland Chile at the age of 17 and continuing her training in the United States and Germany, Teave established herself as one of the most outstanding Latin American pianists of her generation.

But something was missing. Even at the best moments of her career in Europe, she thought of home. “I felt the weight of the island,” she recalls. “There were no pianos there. I thought, ‘What about the future of the island’s talented children?’ ”

Two decades after leaving the island, Teave followed that impulse. In 2012 she returned and opened a music school with the help of donors and friends. For the first time, Easter Island had pianos and instruction for musically talented kids. The new school was called Toki Rapa Nui. The word “Toki”, of Japanese origin, means “time of opportunity”, and “Rapa Nui” is the name for Easter Island in the indigenous Polynesian language.

The move back to Easter Island was the fulfilment of a dream, but also a huge cultural change. After years as an international pianist, Teave returned to one of the most isolated inhabited spots on Earth. Easter Island, with about 7,750 residents, is a volcanic island in the South Pacific ocean, 3,700 kilometres west of Chile. It is a 5.5 hour flight from Santiago on the mainland.

Easter Island is mainly known for nearly 900 monumental statues called moai – carved human figures with oversized heads created during the 13th–16th centuries. It became a UNESCO World Heritage Site in 1995, with much of its territory protected within the Rapa Nui National Park.

The island, which was annexed by Chile in 1888, lives mainly from tourism. Many of its young people, lacking opportunities on the island, go to the mainland for education and careers.

As a result, the native Rapa Nui culture is struggling to survive. It is this risk that Teave decided to address. By moving to the mainland at an early age, “I skipped a lot of stages in my adolescence,” she recalls. She hopes her music school will enable its approximately 100 students to develop their talents while remaining in their own culture.

Running the school – which in the meantime has become an NGO with additional activities in environmental protection – demands Teave’s full attention. Concerts and travel abroad are largely off the agenda.  Yet an international audience still beckons: Teave’s first album, “Rapa Nui Odyssey”, released this year, earned a high rating on the US’s Billboard charts. The documentary film “Song of Rapa Nui”, which tells Teave’s story, received an Emmy nomination.

All income from the album and documentary go to the music school, Teave says. Despite having traveled the world, she has never doubted that Rapa Nui is her true place on earth.

Javier A. Cisterna Figueroa is a Chilean journalist based in Concepción.
cisternafigueroa@gmail.com
 

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Erderwärmung und Biodiversitätsverlust verstärken sich

28. Juni 2021 - 10:04
Fragile Lebensräume in den Bergen der Hindukusch-Himalaja-Region werden immer prekärer

Das Bewusstsein für die Bedeutung der biologischen Vielfalt ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Neue Erkenntnisse zeigen, dass der Klimawandel in Verbindung mit ihrem Schwund neue Infektionskrankheiten wahrscheinlicher macht. Globale Erhitzung und Verlust von Biodiversität sind Folgen menschlichen Handels, wobei beide Trends sich wechselseitig verstärken. Wenn die Menschheit natürliche Lebensräume und Ökosysteme erhalten will, hat Klimaschutz höchste Priorität.

Wissenschaftler beschreiben dramatische Zukunftsszenarien. 2019 warnte der Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services), rund eine Million Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht. Der IPBES ist das Äquivalent des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change). Beide veröffentlichen regelmäßig globale Gutachten mit dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Nach Angaben des Sekretariats der UN-Biodiversitätskonvention in Montreal beruhen 40 Prozent der Weltwirtschaft auf biologischen Ressourcen. Diese decken zudem 80 Prozent der Bedürfnisse der Armen ab. Der Verlust der biologischen Vielfalt gefährdet das Wohlergehen der Menschen, was auch die aktuelle Studie von Partha Dasgupta von der Cambridge-Universität über die wirtschaftliche Relevanz der Biodiversität belegt (siehe Katja Dombrowski im Monitor des E+Z/D+C e-Paper 2021/04).

Aus Unkenntnis wird Biodiversität nicht angemessen geschützt. Geringe mediale Aufmerksamkeit lässt die Öffentlichkeit weitgehend uninformiert.

Ohnehin ist selbst das Expertenwissen begrenzt, denn auch bislang unerforschte Arten sterben aus. Es mangelt zudem an leicht zugänglichen, globalen Datenbanken. Für erfolgreichen Artenschutz müssen Wissenschaftler die Verbreitung, das Vorkommen und den Zustand von Spezies verstehen. Der IPBES bestätigt die Probleme und stellt klar, dass die Wissenslücken groß sind. Es ist höchste Zeit, die Öffentlichkeit stärker zu sensibilisieren und auf allen Ebenen die Grundlagen für kompetente Entscheidungsfindung sicherzustellen.

Das International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD) widmet sich in der Region Hindukusch und Himalaja diesen Aufgaben. Es sammelt und veröffentlicht Daten als assoziiertes Mitglied der Global Biodiversity Information Facility (GBIF), die einschlägige Informationen sammelt und frei zugänglich macht. Kooperation mit weiteren internationalen Partnern ist selbstverständlich.

ICIMOD ist eine einzigartige zwischenstaatliche Institution mit acht Mitgliedsländern: Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, China, Indien, Myanmar, Nepal und Pakistan. Es geht darum, das Leben und die Lebensgrundlagen von Menschen in unserer Gebirgsregion durch Schutz von Umwelt und Kultur zu verbessern. Geteiltes Wissen macht Menschen resilienter, weil sie neue Chancen nutzen und sich auf Veränderungen vorbereiten können.

Die Klimakrise verändert die Bergwelt. Gletscher schwinden. Sturzfluten werden häufiger, aber Wasser steht nicht mehr wie gewohnt zur Verfügung (siehe Syed Muhammad Abubakar im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2020/06). Ökosysteme sind bedroht, Landwirtschaft und Viehhaltung werden schwieriger, und Wildtiere geraten zunehmend unter Druck. Natürliche Lebensräume zu erhalten kann dazu beitragen, diese Umweltveränderungen einzudämmen und zum Beispiel das Risiko von Erdrutschen zu verringern.

Das ICIMOD arbeitet daran, Entwicklungen und Wechselwirkungen zu verstehen, um relevante Informationen zu liefern und tragfähige Lösungen zu finden. So tragen wir dazu bei, dass künftige Generationen eine lebenswerte Umwelt haben können. Fest steht jedoch: Wenn die internationale Gemeinschaft die Klimakrise nicht in den Griff bekommt, wird das alles vergeblich sein.

Lily Shrestha ist Wissenschaftlerin am International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD), einer zwischenstaatlichen Organisation mit Sitz in Kathmandu.
media@icimod.org
https://www.icimod.org/

Bandana Shakya ist ebenfalls Wissenschaftlerin am ICIMOD.

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Arm und reich

28. Juni 2021 - 9:42
Einkommensunterschiede behindern das Wachstum der Mittelschicht in Afrika

In den letzten Jahrzehnten sind die meisten neuen Arbeitsplätze in Afrika im informellen Sektor entstanden, wo die Einkommen niedrig und prekär sind. Der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge machten sie im Jahr 2016 86 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse aus (72 Prozent bei nichtlandwirtschaftlichen Beschäftigungen). Der informelle Sektor bietet den Arbeitnehmern nur begrenzten oder häufiger keinen sozialen Schutz.

Einige Afrikaner trifft das nicht. In den letzten Jahren ist die Zahl der „high net-worth individuals“ (HNWIs) – Personen mit einem investierbaren Vermögen von mindestens einer Million Dollar – in Afrika sprunghaft angestiegen. Daten des Beratungsunternehmens Gapgemini zufolge, das den „World Wealth Report“ herausgibt, ist ihre Zahl von 95 000 im Jahr 2008 auf 177 000 im Jahr 2019 gestiegen. Der Lebensstil dieser „Afrokapitalisten“ ist mit dem der Reichen im Globalen Norden vergleichbar.

Zudem gibt es noch eine relativ kleine Gruppe an Fach- und Führungskräften, die von ihrer guten Bildung und einem starken Anstieg ausländischer Direktinvestitionen profitiert haben. Letztere haben sich in Afrika zwischen 1990 und 2017 vervierfacht, was zu einer hohen Fachkräftenachfrage geführt hat. Diese wurde durch Geldflüsse internationaler privater Kapitalgeber und offizieller Entwicklungshilfeprogramme noch verstärkt. So ist eine afrikanische Manager-Elite herangewachsen, welche die obere Mittelschicht vergrößert.

Doch beide Gruppen – die Superreichen und die Wohlhabenden – sind Minderheiten. Die Existenz von Dollar-Milliardären wie dem nigerianischen Industriellen Aliko Dangote oder wohlhabenden Managern sollte nicht als Beleg für die Etablierung einer breiten Mittelschicht gelten. Die relativ wenigen Erfolgsgeschichten stehen in scharfem Kontrast zur Menge der Afrikaner, die im informellen Sektor beschäftigt ist.

Link
Capgemini: World Wealth Report
https://worldwealthreport.com/

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Warum Afrika keine stabile Mittelschicht hat

28. Juni 2021 - 9:26
Afrikanische Länder brauchen grundlegende Reformen, damit die Mittelschicht wachsen kann

Seit Jahrhunderten schon gilt die Mittelschicht als Pfeiler politischer Stabilität. Menschen, die „weder arm noch reich“ sind, befolgen zumeist gesellschaftliche Regeln und Gesetze, trachten nicht nach fremdem Eigentum und ziehen Staatsführer aus ihren eigenen Reihen heran. Ökonomen sehen eine wachsende Mittelschicht daher als Indikator für sozialen Fortschritt, dynamische Marktwirtschaft und Strukturwandel.

Allerdings sind Definition und Berechnung der Mittelschicht problematisch. In Afrika wird dies durch schlechte Datenqualität noch erschwert. Noch ist man uneins, welche Indikatoren die „Mittelschicht“ am besten definieren.

Internationale Entwicklungsorganisationen definieren Haushalte als arm, die weniger als 1,90 Dollar pro Person und Tag verdienen. Jene, die 11 bis 110 Dollar verdienen, bilden die Mittelschicht, und die dazwischen gelten als „armutsgefährdet“ (die Dollar-Angaben beziehen sich auf die Kaufkraftparität von 2011). Die weltweite Armutsgrenze liegt mit 1,90 Dollar jedoch viel zu niedrig, und der Schwellenwert für Mittelschichtseinkommen diskriminiert die Menschen des globalen Südens. Die meisten von ihnen befinden sich am unteren Ende der Skala, und ihnen fehlt die soziale Absicherung, die anderswo existiert.

Dennoch werden diese Indikatoren weiterhin verwendet, weshalb Größe und Wachstum der afrikanischen Mittelschichten überschätzt werden.

Beispielsweise kam 2011 eine wegweisende Studie der Afrikanischen Entwicklungsbank – „The middle of the pyramid“ („Die Mitte der Pyramide“) – zu dem Schluss: „Das Wirtschaftswachstum der letzten zwei Jahrzehnte hat dazu beigetragen, die Armut in Afrika zu senken und hat die Mittelschicht vergrößert.“ Der Studie zufolge ist die afrikanische Mittelschicht zwischen 1980 und 2010 von 126 Millionen auf 350 Millionen – oder von 27 Prozent auf 34 Prozent der Bevölkerung – angewachsen. Dabei zählen alle Haushalte dazu, deren Pro-Kopf-Einkommen zwischen zwei und 20 Dollar am Tag liegt.

Solche Zahlen sind schwer zu glauben. Es ist unwahrscheinlich, dass die afrikanische Mittelschicht während und nach den jahrzehntelangen Strukturanpassungsprogrammen, durch die das Realeinkommen pro Kopf in vielen afrikanischen Ländern sank, so stark gewachsen ist. Der Effekt ist höchstwahrscheinlich vor allem auf die Haushalte am unteren Ende der Einkommensskala zurückzuführen, die über ein Pro-Kopf-Einkommen von zwei bis vier Dollar am Tag verfügen. Nimmt man diese Gruppe aus der Berechnung heraus, schrumpft die Mittelschicht auf 13,4 Prozent der Bevölkerung.

In ihrer Studie räumt die Afrikanische Entwicklungsbank diese Instabilität ein. „Etwa 60 Prozent der afrikanischen Mittelschicht, rund 180 Millionen Menschen, befinden sich nah an der Armutsgrenze“, schreiben die Autoren. „Sie können ständig aufgrund eines unvorhergesehenen Ereignisses in die Armut zurückfallen.“

Kein aufstrebendes Afrika

Nichtsdestotrotz hielt sich bis zur Pandemie das Bild einer wachsenden afrikanischen Mittelschicht in einem „aufstrebenden Afrika“, in welchem bessere Regierungsführung und hohe Rohstoffpreise weiterhin zu nachhaltigem Wirtschaftswachstum im mittleren bis hohen einstelligen Bereich führen werden und die Einkommen steigen. Das ist im Wesentlichen ein PR-Bild, das Afrika in gutem Licht darstellen soll. Fakt ist, dass in Afrika die soziale und wirtschaftliche Grundlage für eine florierende Mittelschicht fehlt.

Als sich in Ost- und Südostasien die Mittelschichten entwickelten, schritt zugleich die Industrialisierung voran, etablierten sich stabile Arbeitsverhältnisse und soziale Absicherung. In Afrika haben die meisten Länder, auch die mit hohem Wirtschaftswachstum, einen solchen Wandel noch nicht erlebt. „Transformation ist ein langfristiger Prozess“, stellt das African Center for Economic Transformation in seinem Bericht „Growth with depth“ („Wachstum mit Tiefe“) von 2014 fest. „Dafür braucht es konstruktive Beziehungen zwischen Staat und Privatsektor.“

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt steht im Widerspruch zum euphemistischen Szenario einer florierenden Mittelschicht. Der Kontinent ist immer noch von prekären Beschäftigungsverhältnissen und sehr geringer sozialer Absicherung geprägt. Das machte auch der Ausbruch von Covid-19 deutlich: Die meisten Afrikaner lebten weder in den entsprechenden Verhältnissen, noch hatten sie die nötige Einkommenssicherheit, um die Lockdowns einigermaßen sicher und gut zu überstehen.

Der „Lockdown Readiness Index“ des UN World Institute for Development Economics Research führt fünf Indikatoren an, die aufzeigen, inwieweit Länder auf einen Lockdown vorbereitet sind:

  • Zugang zu sicherem Trinkwasser;
  • sanitäre Grundversorgung;;
  • zuverlässiger Zugang zu Energie;
  • Informations- oder Kommunikationsmöglichkeiten und
  • eine Beschäftigung, die dauerhaft ausreichendes Einkommen generiert.

Daten aus 30 afrikanischen Ländern zeigten für das Jahr 2019, dass nur 6,8 Prozent der Haushalte insgesamt und 12,2 Prozent der städtischen Haushalte alle Voraussetzungen erfüllten.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine Umfrage des Partnership for Evidence-Based Response to Covid-19 (PERC) vom Februar 2021. In den 19 erfassten afrikanischen Ländern hatten mehr als drei Viertel der Haushalte aufgrund der Pandemie ihr Einkommen teilweise oder ganz verloren, in Uganda sogar 93 Prozent. Aufgrund fehlender sozialer Absicherung gefährdet dies die Ernährungssicherheit vieler Haushalte.

Warum werden trotzdem so viele afrikanische Haushalte in offiziellen Statistiken als „Mittelschicht“ geführt? Ein wesentlicher Grund sind die Rücküberweisungen von Verwandten, die im Ausland arbeiten. Diese kurbeln den Konsum derjenigen an, die zu Hause im informellen Sektor tätig sind. Im Senegal etwa machen Rücküberweisungen zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Sie reduzieren zwar die Armut, tragen aber nicht unbedingt dazu bei, die wirtschaftliche Ungleichheit zu verringern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es in Afrika keine aufstrebende Mittelschicht gibt, sondern ein verzerrtes Wirtschaftswachstum, von dem hauptsächlich die Oberschicht profitiert (siehe Kasten). Die afrikanischen Länder brauchen ein Entwicklungsmodell, das formelle Beschäftigungsverhältnisse und eine gewisse Einkommenssicherheit für alle schafft. Erst dann kann sich eine starke Mittelschicht herausbilden.

Ndongo Samba Sylla ist Forschungs- und Programmmanager bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
n.sylla@rosalux.sn

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Die Grundlagen von breitem Wohlstand

25. Juni 2021 - 10:09
Mittelschichten sind für soziale und politische Entwicklung eines Landes von großer Bedeutung

Mittelschichten sind tragende Säulen sozialer Sicherungssysteme, auf denen allerdings auch die Stabilität des eigenen Lebensstandards beruht. Gesetzliche Krankenversicherung und Rente sorgen dafür, dass pflegebedürftige Angehörige nicht ganze Familien wieder in die Armut reißen. Staatliche Schulen und Hochschulen machen Bildung erschwinglich. Wichtig ist auch öffentliche Infrastruktur wie zuverlässige Wasser- und Stromversorgung oder Verkehrs- und Telekommunikationsnetze bis hin zu Kulturangeboten wie Stadtbüchereien. Sozialwohnungsbau half zudem bei der Sanierung von Elendsvierteln.

Ohne Wirtschaftswachstum wäre all das nicht möglich, aber breiter Wohlstand in Europa und Nordamerika beruht nicht nur auf hohen Expansionsraten der Vergangenheit. Mittelschichten sind entstanden und gewachsen, weil Politiker gesellschaftliche Konflikte entschärften. Ein frühes Vorbild war die Sozialpolitik Otto von Bismarcks Ende des 19. Jahrhunderts im deutschen Kaiserreich. Langfristig verwandelten gesellschaftspolitische Reformen die deutsche Arbeiterbewegung vom Antagonisten des Staates zur Interessensvertretung innerhalb der Verfassungsordnung. Wer regulär beschäftig ist, gehört heute zur Mittelschicht. Das gilt ähnlich für andere hochentwickelte Länder.

Weltweit ist die Zahl der Menschen, die über den morgigen Tag hinaus denken können, weil ihnen kein akuter Hunger droht, seit Jahrzehnten gestiegen. Vor 50 Jahren war grob ein Drittel der Weltbevölkerung in diesem Sinne arm, heute ist es etwas mehr als ein Zehntel. Derweil hat sich die Weltbevölkerung von rund 3 Milliarden sich auf fast 8 Milliarden mehr als verdoppelt.

Höhere Kaufkraft hat in vielen Ländern – besonders in Städten – Lebensgewohnheiten verändert. Folglich sprechen Experten vom Wachstum der Mittelschichten. Manche versprechen sich davon zwei Dinge:

  • Aufstrebende Mittelschichten sollen eigenen Wohlstand mehren und damit neue volkswirtschaftliche Chancen schaffen.
  • Sie sollen Mitsprache fordern und mithin Demokratisierung vorantreiben und Demokratien stabilisieren.

Theoretisch ist das plausibel, aber in der Praxis läuft es nicht automatisch so. Zwei Dinge werde gern übersehen:

  • Außer Kaufkraft erfordert der Lebensstil von Mittelschichten diverse Institutionen. Im informellen Sektor entsteht, selbst wenn die Bezahlung ein bisschen besser wird, kein breiter, abgesicherter Wohlstand.
  • Selbstloses Engagement für Demokratie kommt in Mittelschichten vor. Die Bereitschaft, sich in bestehenden Verhältnissen zu arrangieren, ist aber meist größer – zumal, wenn es der eigenen Familie gut geht.

Die globale Umweltkrise zeigt obendrein, dass sich das westliche Modell nicht weltweit kopieren lässt. International fehlt es an Vorbildern für nachhaltige Konsumgewohnheiten, mit denen sich Armut global überwinden ließe. Der Handlungsbedarf in reichen Nationen ist entsprechend groß, wenn die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs – Sustainable Develoment Goals) erreicht werden sollen.

Sabine Balk ist Redakteurin von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit /D+C Development and Cooperation.
euz.editor@dandc.eu

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Zurück auf Kurs

24. Juni 2021 - 16:19
Tansania geht mit einem umfassenden Programm gegen Analphabetismus bei Erwachsenen vor

In Tansania können 22,4 Prozent der Menschen über 15 Jahren nicht lesen und schreiben. Das Land hat sich zum Ziel gesetzt, diese Rate auf null zu reduzieren. Dafür hat die Regierung eine umfassende Strategie entwickelt, die „National Adult Literacy and Mass Education Rolling Strategy 2020/21 to 2024/25“.

Geplant sind unter anderem Alphabetisierungskurse im ganzen Land, eine Monitoring-Datenbank, um die Fortschritte zu messen, und die Einrichtung von Fördertöpfen für Lernmaterialien. Der Staat zahlt auch für Lehrerfortbildungen und Forschung.

Mit seiner derzeitigen Analphabetenrate hinkt Tansania dem Erreichen des UN-Ziels 4.6 für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goal – SDG) weit hinterher, das Analphabetismus bei Jugendlichen und Erwachsenen bis 2030 ganz abschaffen will.

Knappe Ressourcen haben dazu geführt, dass Lehrer schlecht ausgebildet sind, Lehrkräfte fehlen, die Klassen überfüllt sind und es an Lehr- und Lernmaterialien mangelt. In manchen Klassenräumen, die für 45 Schüler ausgelegt sind, sitzen 100. Hohe Abbruchquoten, die vor allem auf diese Bedingungen zurückzuführen sind, sorgen auch dafür, dass Analphabetismus noch immer verbreitet ist.

Das Analphabetismus-Problem ist besonders deprimierend, da Tansania schon einmal auf einem guten Weg war. Als das Land 1961 unabhängig wurde, machte der erste Präsident, Julius Nyerere, die Alphabetisierung von Erwachsenen und Kindern zur Top-Priorität. Innerhalb von 30 Jahren sank die Analphabetenrate von geschätzten 70 Prozent auf 14,5 Prozent der Bevölkerung. Die UNESCO erkannte dies als Erfolg an.

Seit den frühen 1990er Jahren hat sich die Entwicklung aber umgedreht. Die aktuelle Rate von 22,4 Prozent bedeutet, dass 5,5 Millionen Tansanier über 15 Jahre nicht lesen und schreiben können.

Viele Vorteile

Die Alphabetisierungsrate anzuheben – und auch Erwachsene weiterzubilden, die zwar lesen und schreiben können, aber ihre Kompetenzen verbessern wollen – wird sich laut James Mdoe vom Bildungsministerium auf vielerlei Weise auszahlen. Beispielsweise würden sich dadurch die Möglichkeiten der Tansanier verbessern, „Herausforderungen in der Umwelt zu identifizieren, zu verstehen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um sie anzugehen“.

Wer als Jugendlicher oder Erwachsener nicht lesen, schreiben oder rechnen kann, ist wirtschaftlich benachteiligt, wie der Regierungsbeamte betont. Lesen und schreiben zu können befähige die Menschen außerdem dazu, komplexere Tätigkeiten auszuführen, mehr Verantwortung zu übernehmen, Probleme besser zu verstehen und Lösungen zu entwickeln. Kurz gesagt, sei eine gebildete Gesellschaft „die Grundlage für nachhaltige Entwicklung“, sagt Mdoe.

Das Ziel zu erreichen wird einiges kosten. Auf den Bildungsbereich entfallen 15 Prozent des tansanischen Staatshaushalts und 3,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach Angaben der Regierung werden die Alphabetisierungsprogramme diesmal, anders als in der Vergangenheit, nicht von ausländischen Gebern, sondern überwiegend aus nationalen Mitteln bezahlt.

Abgesehen von der Finanzierung müssten für das Projekt Beteiligte auf allen Ebenen zusammenarbeiten, betont Mdoe. Experten würden gebraucht, um die Rekrutierung und Ausbildung von Lehrern zu organisieren, Forschung über Alphabetisierungsmethoden für Erwachsene zu steuern und Innovationen in der Weiterbildung voranzutreiben. Andere Projektmitarbeiter würden dafür sorgen, die Klassen mit Multimedia-Technik auszustatten, junge Frauen mit den Bildungsangeboten zu erreichen und die Gestaltung der Tests zu verbessern, die die Fortschritte messen.

Einige Elemente der Alphabetisierungsoffensive sind hingegen vergleichsweise einfach und direkt umzusetzen. Dazu gehört die Verteilung von Radiogeräten in ländlichen Gebieten, um lebenslanges Lernen zu unterstützen, und die Ausgabe von Lesematerial – inklusive lokaler Zeitungen –, um Lesegewohnheiten zu stärken.

Lawrence Kilimwiko ist freier Journalist in Daressalam.
lkilimwiko@yahoo.com

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Brasiliens Herausforderungen im Gesundheitswesen

24. Juni 2021 - 15:50
Brasiliens Gesundheitssystem leidet nicht nur unter dem Coronavirus, auch chronische Krankheiten nehmen zu

Der schleppende Start des Covid-19-Impfprogramms hat von anderen großen Herausforderungen abgelenkt, vor denen das brasilianische Gesundheitssystem, bekannt als SUS (Sistema Único de Saúde), steht. Chronische Krankheiten wie Krebs, Herzkrankheiten, Diabetes und Atemwegsbeschwerden sind unter den 212 Millionen Brasilianern auf dem Vormarsch. Laut einer nationalen Gesundheitsstudie waren solche nicht übertragbaren Krankheiten im Jahr 2013 für 72 Prozent der Todesfälle verantwortlich.

Die Welle der nicht übertragbaren Krankheiten macht Brasilien zu einem der größten Medikamentenkonsumenten der Welt. Neben Medikamenten, die speziell zur Bekämpfung chronischer Krankheiten gedacht sind, wie etwa Blutdruckmittel, gehören Entzündungshemmer, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel und abschwellende Nasensprays zu den Bestsellern, so der brasilianische Bundesapothekerverband.

Medikamente, traditionell auch Impfungen, werden in Brasilien gut angenommen – auch wenn diese Akzeptanz im Fall der Covid-19-Impfstoffe schwächer wird, auch wegen Präsident Jair Bolsonaros Haltung. Ein Großteil der Skepsis ist auf falsche Informationen zurückzuführen, die in den Medien kursieren, sagt Adriana Teixeira, Doktorandin für Kommunikation an der Päpstlichen Katholischen Universität von São Paulo. Zum Beispiel glauben einige indigene Gruppen fälschlicherweise, dass Covid-Impfstoffe die DNA verändern, sagt sie.

Doch nicht nur beim Coronavirus macht sich die Impfmüdigkeit breit. 2015 war das letzte Jahr, in dem Brasilien sein Impfziel (95 Prozent) gegen Polio erreicht hat. Seitdem ist die Zahl laut der brasilianischen Immunisierungsgesellschaft, einer Fachgruppe, auf unter 90 Prozent gefallen. Die Ursachen liegen nicht nur in der Impfzurückhaltung, sondern auch in der Art und Weise, wie Impfkampagnen organisiert und kommuniziert wurden, sagt die Gruppe.

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Überlastetes System

24. Juni 2021 - 15:34
Brasiliens Gesundheitssystem schafft es kaum, in seinen ärmsten Regionen einen einheitlichen Service anzubieten

Noch vor rund 10 Jahren war Brasilien weltweit führend in der Bevölkerungsimmunisierung gegen ein tödliches Virus. Auf dem Höhepunkt der H1N1-Pandemie (Schweinegrippe) im Jahr 2010 impfte Brasilien mehr als 100 Millionen Menschen, davon 80 Millionen in nur drei Monaten. Brasilien impfte mehr Menschen als jedes andere Land, so Brasil de Fato („Die Wirklichkeit von Brasilien“), eine linksgerichtete Online-Zeitung.

Heute ist Brasilien – wie viele andere Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen – ein Impfnachzügler mit langsamem und nicht stringentem Covid-19-Impfprogramm. Präsident Jair Bolsonaros bekannte Corona-Skepsis trug zur niedrigen Impfrate bei. Seit Beginn der Pandemie verzeichnete Brasilien 11,2 Millionen Coronavirus-Fälle und mehr als 280 000 Todesfälle, so Giuliano Russo von der Queen Mary University of London und Mário Scheffer von der Universidade de São Paulo in einem Ende März veröffentlichten Artikel des Queen Mary Global Policy Institute.

Brasilien hat nach wie vor alle Ressourcen, die es weltweit führend in H1N1-Impfmaßnahmen gemacht haben. Sein einheitliches Gesundheitssystem (Sistema Único de Saúde – SUS) erreicht alle Ecken des Landes und ist für Patienten kostenlos. Das Nationale Impfprogramm, die Impfabteilung der SUS, hat Erfahrung mit landesweiten Impfkampagnen. Wissenschaftler und Labore können Impfstoffe in großen Mengen entwickeln und produzieren.

Daher „sollte sich Brasilien bei der Einführung des Covid-19-Impfstoffs von anderen Ländern mit mittlerem Einkommen unterscheiden“, meinen Russo und Scheffer. Stattdessen haben sich „neue, infektiösere Covid-19-Varianten in 17 der 27 brasilianischen Bundesstaaten etabliert und bedrohen vor allem die gefährdetsten indigenen Bundesstaaten Brasiliens. Sie bringen das nationale Gesundheitswesen an den Rand des Zusammenbruchs.“

Die Einführung des Covid-19-Impfstoffs ist einer der wenigen Bereiche, in dem Brasiliens öffentliches Gesundheitssystem es nicht schafft, seine Bürger mit nötigen Medikamente oder Impfstoffen zu versorgen. Größtenteils überwacht das SUS die Verteilung zahlreicher Medikamenten über sein riesiges Netzwerk, das die meisten Teile Brasiliens erreicht. Es ist aber, dort wo es am meisten gebraucht wird, in den städtischen Slums und indigenen Gemeinden, am schwächsten.

Um die Covid-19-Impfraten zu erhöhen, hat das Gesundheitsministerium Gemeindezentren in oder in der Nähe der Armenviertel, der sogenannten Favelas, eingerichtet. Diese Zentren sind essenziell, um gefährdete Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Einige Favela-Interessengruppen wollen aber, dass das Gesundheitsministerium mehr tut. Im Februar starteten mehrere Gruppen in Rio de Janeiro die Kampagne „Vacina Pra Favela, Já!“ („Impfstoffe für Favelas, jetzt!“) und forderten die Behörden auf, Favela-Bewohner vorrangig zu impfen.

Für viele Favela-Bewohner sind weniger die fehlenden Impfstoffe, sondern die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen das Problem. Viele arbeiten trotz Infektionsrisiko weiter. „Jeden Tag wache ich um 5 Uhr morgens auf und habe kein sauberes Wasser zum Waschen“, sagt Bewohnerin Dona Maria de Lourdes, die als Hausangestellte arbeitet. „Ich steige in einen überfüllten Bus, und es gibt nirgendwo soziale Distanz. Aber was kann ich tun? Entweder ich arbeite weiter und sterbe an dieser Krankheit oder ich verhungere.“

Ein weites Netzwerk

Das SUS ist zwar für die Versorgung mit Medikamenten und Impfstoffen zuständig, kann aber nicht direkt bestimmen, wer vorrangigen Zugang bekommt. Das Gesundheitsministerium kauft die Medikamente zentral ein und verteilt sie an die Bundesstaaten, die zusammen mit den Gemeinden für die Lieferung an Einzelpersonen verantwortlich sind.
Zudem ist das SUS für alle Gesundheitsthemen über Covid-19 hinaus verantwortlich. Es betreibt – gemessen an der Zahl der Leistungsempfänger, der Fläche und der Größe des Netzwerks – das größte staatliche Gesundheitssystem der Welt. Jährlich werden mehr als 2,8 Milliarden Konsultationen durchgeführt, wobei die Leistungen von einfachen ambulanten Eingriffen bis hin zu komplexen Organtransplantationen reichen.

Bei einem Unterfangen dieser Größe gibt es zwangsläufig Probleme bei der Leistungserbringung. Verarmte Bevölkerungsgruppen und indigene Gruppen haben einen durchschnittlich schlechteren Zugang, wie aktuell bei den Covid-19-Impfung zu sehen ist.

Das SUS will die Leistungen für benachteiligte Gebiete verbessern. Beispielsweise können bis zu 15 Prozent der an die Bundesstaaten und Gemeinden überwiesenen Mittel genutzt werden, um SUS-Einrichtungen als Verteilungs- und Impfzentren in unterversorgten Gebieten umzuwidmen.

Das SUS finanziert auch die Verteilung von Medikamenten zur Bekämpfung anderer wichtiger Krankheiten in benachteiligten Gebieten. Zum Beispiel versorgt ein spezielles Programm HIV/Aids- und Virushepatitis-Patienten mit kostenlosen Medikamenten an allen Servicestellen des Gesundheitssystems. Es wird durch eine Sonderzuweisung von umgerechnet 34 Millionen Euro unterstützt und garantiert eine fristgerechte Lieferung der Medikamente.

Behandlungen für Krankheiten, die in Favelas häufig vorkommen, werden auch durch das SUS gedeckt. Dazu gehören Durchfall, Cholera, Hepatitis A und Typhus. Zusammen verursachten diese Krankheiten 87 Prozent der Krankenhausaufenthalte in Brasilien zwischen 2007 und 2015, so TabNet, die Datenanalyseabteilung des SUS. Hinzu kommt eine steigende Belastung durch chronische, nicht übertragbare Krankheiten (siehe Kasten).

Den Kritikern des SUS gehen diese Bemühungen nicht weit genug. Sie beschuldigen das SUS der Korruption und der schlechten Verwaltung. Einige dieser Vorwürfe liegen schon länger zurück; die Regierung des ehemaligen Präsidenten Michel Miguel Elias Temer Lulia fror deswegen die Gesundheitsausgaben ein. Im Januar 2019 kürzte der brasilianische Kongress das nationale Gesundheitsbudget erheblich. Weitere Kürzungen könnten folgen.

Die Befürworter sehen das SUS jedoch trotz einiger Leistungsschwächen als Hoffnungsträger für Menschen, die sich sonst keine medizinische Grundversorgung leisten könnten. Kely Alexandra, die drei Jahrzehnte lang als Krankenschwester gearbeitet hat, sagt: „Jeder Brasilianer spricht schlecht über das SUS, aber jeder braucht es. Die Menschen werden gegen viele Krankheiten geimpft. Das System kümmert sich um die Brasilianer, und die sollten dafür kämpfen.“

Thuany Rodrigues ist eine brasilianische Journalistin.
thuanyrodriigues@gmail.com

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E+Z/D+C 2021/08 – mo – now – Farai Shawn Matiashe – Zambi – dried mangoes

23. Juni 2021 - 11:43
Sun-drying mangoes solves a market-access problem for smallholder farmers

When weather variations and/or pandemic-related travel restrictions result in mountains of unsold fruit, farmers can sell the excess to the processing plant. It dries and packages the fruit, and sells the packages to supermarkets at much higher prices than fresh mangoes.

The plant, which opened in November 2020, is operated by Agricultural Business Centre (ABC), a social enterprise. It was built with financial support from donors, including the German aid group Welthungerhilfe. In addition to dried mangoes, the plant produces sunflower oil and peanut butter. 

Selling excess mangoes to ABC was a lifesaver for farmers during the 2019/2020 season. They had a bountiful yield, but with coronavirus travel restrictions in place they could not get their produce to markets in Bulawayo, a city 300 kilometresm to the south.

Dried mangoes, however, could be stored and sold later, when travel restrictions were relaxed. In addition to rescuing the unsold crop, this process smoothed out farmers’ revenue stream, as dried fruit can be sold year-round.

In most parts of Zimbabwe, the mango season starts during the rainy season in November and can continue until March. With dried mangoes, the fruit can be sold even in winter. “Most of my customers are in Bulawayo,” says farmer Foreman Zombe. “If it had not been for ABC, I would be counting my losses from the recent season.”

He adds, “I did not even have to organise transport as they came to my orchards and collected the mangoes.”

At the plant, fruit is laid out on racks to dry in the sun, covered with nets to keep flies away. The plant is starting to use electrical dehydrators on cloudy days, although this raises processing costs.

About 50 farmers supply fresh mangoes to the plant. “We hope to expand that number,” says ABC general manager Vernon Mushoriwa. “We are also considering adding processing centres in other locations. Demand for dried mangoes is high from supermarkets around the country.”

Eventually the company may also export dried fruit to other countries. “Zimtrade, Zimbabwe’s trade development agency, is building connections in export markets for our dried mangoes,” Mushoriwa says. “We are in discussions with buyers in Germany and elsewhere.”

Further reading
Ndhlovu, L., 2021: “When the world gives you rain, Zimbabwe growers make dried mangoes”. In: BusinessDay, February 2021.
https://www.businesslive.co.za/bd/world/africa/2021-02-15-when-the-world-gives-you-rain-zimbabwe-growers-make-dried-mangoes/

Farai Shawn Matiashe is a journalist in Mutare, Zimbabwe.
matiashefarai@gmail.com

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Gewinn und Mitarbeiterzufriedenheit in Einklang

23. Juni 2021 - 11:24
Coliba ist ein junges Unternehmen, das sich auf das Recycling von Kunststoffabfällen in Abidjan spezialisiert hat

Inwiefern ist Plastikmüll ein Problem in ­Ihrem Land?
Die Elfenbeinküste recycelt nur etwa drei Prozent des verwendeten Plastiks. Im Ballungsraum Abidjan mit mehr als fünf Millionen Einwohnern fallen täglich 290 Tonnen Plastikmüll an und landet fast komplett in der Umwelt. Er ist überall, auch im Ozean. Bisher wird das Problem kaum angegangen. Doch auch in Afrika wächst trotz vieler anderer Probleme langsam das Bewusstsein für Umweltschutz. Wir sehen die Chance, gute Arbeitsplätze für Menschen benachteiligter Gemeinschaften zu schaffen.

Was macht Ihr Unternehmen?
Wir haben eine App entwickelt, die Haushalte und kleine Unternehmen mit unseren Abfallsammlern verbindet. Für das Sammeln des Plastikmülls erhalten die Haushalte Punkte, die sie wiederum für Grundnahrungsmittel eintauschen können. Die informellen Sammler werden bezahlt. Jährlich kommen wir auf 1500 Tonnen. In unserer  Recycling-Anlage wandeln wir das gesammelte PET in hochwertige Plastik-Flakes um, die wieder für die Kunststoffherstellung genutzt werden. Der afrikanische Markt ist noch klein, also verkaufen wir die Flakes an europäische Kunden. Wir schützen nicht nur die Umwelt, sondern schaffen auch Arbeitsplätze. Derzeit haben wir 35 Vollzeitmitarbeiter, inklusive  Management und Personal der Recycling-Anlage. 75 Prozent unserer Mitarbeiter sind Frauen. Außerdem bieten wir mehr als 100, meist weiblichen Abfallsammlern Arbeit. Für viele Menschen hier ist informelles Abfallsammeln die Lebensgrundlage. Wir glauben, dass ein Unternehmen sich um seine Mitarbeiter kümmern muss, deshalb tun wir unser Bestes, um Gewinn und Mitarbeiterwohl in Einklang zu bringen.

Schreibt Coliba schwarze Zahlen? Und wo sehen Sie Ihr Unternehmen in fünf Jahren?
Bis 2023 wollen wir schwarze Zahlen schreiben. Unser Gesamtumsatz liegt derzeit unter einer Million Euro pro Jahr. Um ein Recycling-Unternehmen profitabel zu machen, werden riesige Mengen an Kunststoff benötigt. Wir investieren in Müllsammlung und eine neue Recycling-Anlage, um in vier Jahren 15 000 Tonnen verarbeiten zu können. Dann wollen wir 350 Festangestellte und 6000 informelle Abfallsammler beschäftigen. Darüber hinaus planen wir, unser Geschäft auf andere westafrikanische Länder wie Senegal oder Nigeria auszudehnen.

Kunststoff-Recycling ist schwierig. Da verschiedene Kunststoffarten immer wieder gemischt werden, sinkt im Laufe der Zeit die Qualität. Wie gehen Sie damit um?
Richtig, die Qualität von recyceltem Kunststoff hängt hauptsächlich von guter Sortierung ab. Deshalb sammeln wir direkt an der Quelle. Außerdem schulen wir informelle Sammler darin, Müll besser zu trennen. Mit optischen Sortiermaschinen könnten wir einen Großteil dieses Problems lösen. Wir konzentrieren uns auf PET-, HDPE-, PP- und PE-Kunststoffe, da diese recyclebar und weniger giftig sind.

Wie schützen Sie Mitarbeiter und Müllsammler vor Gift und Hygienemängeln?
Die Sicherheit unserer Mitarbeiter ist sehr wichtig. Wir kennen die Risiken, deshalb stellen wir Schutzausrüstung wie Handschuhe und Masken sowie Seife zur Verfügung. Das ist Standard in unserer Recycling-Anlage und gilt auch für die Müllsammler. In der Corona-Pandemie ist das noch wichtiger geworden. Wir hätten es uns nicht leisten können zu schließen, und Home Office ist für Abfallsammler und im Recycling keine Option. Nur zehn unserer Mitarbeiter können von zu Hause arbeiten. Darauf haben wir auch bestanden. Die Pandemie hat uns aber ein Stück weit gebremst. Viele Restaurants und Hotels, die Plastikmüll produzieren, waren geschlossen. Gleichzeitig bekamen wir weniger Abfall aus Haushalten und Privatunternehmen, weil die Leute zögerten, Fremde in ihre privaten Räume zu lassen.

Genesis Ehimegbe ist Mitgründer und Geschäftsführer von Coliba. Das Unternehmen wird von Greentec unterstützt, einem Frankfurter Investmentfonds, der sich auf umweltfreundliche Unternehmen in Entwicklungsländern spezialisiert hat.
genesis@coliba.ci
Twitter: ehi_genesis / ColibaCIV

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