Sie sind hier

E+Z

Newsfeed E+Z abonnieren
Aktualisiert: vor 1 Stunde 15 Minuten

Unbezahlbare Behandlung

23. Juni 2021 - 11:08
Für Menschen in Entwicklungsländern sind die meisten Krebsmedikamente unerschwinglich

So schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die Medikamentenkosten für die Behandlung einer Frau mit Brustkrebs in Indien 18 500 Dollar und in Südafrika 33 900 Dollar betragen. Das entspricht in beiden Ländern jeweils ungefähr dem zehnfachen eines jährlichen Durchschnittseinkommens. Trotz höherer Preise in den USA fallen dort nur 1,7 Jahreseinkommen für die Behandlung an.

In ihrem Projekt „Unbezahlbar krank?“ analysiert die BUKO Pharma-Kampagne den Zugang zu verschiedenen Wirkstoffen in der Krebsversorgung im globalen Süden. Dort nehmen die Fallzahlen rasant zu und werden von hoher Mortalität begleitet. Jene steht in extremem Kontrast zum globalen Norden: Während in Ländern mit hohem Einkommen beispielsweise mehr als 80 Prozent der Kinder ihre Krebserkrankung mehr als fünf Jahre lang überleben, sind es in ärmeren Ländern weniger als 30 Prozent.

Beispiele vom afrikanischen Kontinent zeigen die Tragweite auf. Brustkrebs ist in Äthiopien die häufigste Krebsart und bedeutet für die Mehrheit der Betroffenen ein Todesurteil: Rund zwei Drittel der erkrankten Frauen sterben daran, während etwa in Deutschland zwei Drittel überleben. Selbst ältere Präparate wie Tamoxifen sind für viele Patientinnen in dem afrikanischen Land unbezahlbar.

In Tansania ist die Krebsbehandlung theoretisch kostenlos. In der Praxis entstehen für Patienten jedoch oft hohe Ausgaben, auch durch Medikamente. In den Krankenhäusern sind wichtige Präparate regelmäßig nicht vorrätig. In solchen Fällen werden Patienten an private Geschäfte verwiesen, um die fehlenden Medikamente zu kaufen. Dabei lebt schätzungsweise etwa die Hälfte der tansanischen Bevölkerung unterhalb der internationalen Armutsgrenze von 1,90 Dollar pro Tag. Mitunter sind in ärmeren Ländern Afrikas einzelne Krebsmedikamente sogar teurer als in Deutschland.

In vielen Staaten beginnt sich die Zivilgesellschaft jedoch zu wehren. Krebs-Aktivisten der Cancer Alliance etwa drängen in Südafrika im zivilgesellschaftlichen Bündnis „Fix the patent laws!“ auf besseren Zugang zu teuren Krebsmedikamenten. Die anbietenden Firmen aus dem globalen Norden, wie Roche oder Bayer, rechtfertigen hohe Preise gerne mit ihren hohen Entwicklungskosten. Ihre tatsächlichen Aufwendungen sind aber völlig intransparent, und Produktionskosten liegen meist niedrig. Sicher ist: Mit den Produkten werden weltweit Milliardenumsätze erzielt. Und die Pharmaindustrie gehört seit langem zu den lu­krativsten Branchen weltweit.

Link
BUKO Pharma-Kampagne, 2021: Unbezahlbar krank?
www.bukopharma.de/de/krebs

Kategorien: Ticker

Wie geistiges Eigentum bremst

23. Juni 2021 - 10:17
Wegen der Durchsetzung von Patenten in der Medizin sterben vor allem im globalen Süden täglich Menschen

Bis Anfang Mai wurden weltweit 1,1 Milliarden Covid-19-Impfstoffdosen verabreicht. 80 Prozent der Impfungen fanden in Ländern mit hohem oder oberem mittleren Einkommen statt und gerade einmal 0,3 Prozent in Ländern mit niedrigem Einkommen. Schon im Januar warnte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Ghebreyesus: „Die Welt befindet sich am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens – und der Preis werden Leben und Existenzen in den ärmsten Ländern sein.“

Die vorherrschende Knappheit von Impfstoffdosen ist kein unglücklicher Zufall, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen zum Schutz geistigen Eigentums (intellectual property – IP). Zu diesem zählen in der Medizin Know-how, Industriedesigns, Zelllinien und klinische Daten sowie Patente für Wirkstoffe.

In der Theorie belohnen Patente innovative Forschung, und Firmen mit einem zeitlich begrenzten Monopol sind also nur Mittel zum Zweck. In der Praxis führt das Patentsystem allerdings nicht nur zu fehlgeleiteter Forschung und hohen Preisen, sondern auch zu Scheininnovationen und künstlich verlängerter Marktdominanz (Stichwort: Evergreening). Patente sind weniger eine Triebfeder für Innovationen als eine für Gewinnmaximierung. Entsprechend verteidigt die Industrie die für sie vorteilhaften rechtlichen Rahmenbedingungen mit Zähnen und Klauen.

Geistiges Eigentum sei „das Blut des privaten Sektors“, stellte Pfizer-Chef Albert Bourla Ende vergangenes Jahr fest. Das gerade im medizinischen Feld und auch bei Covid-19 viel Fortschritt auf staatlich finanzierte Forschungsarbeit aufbaut und auf direkte finanzielle Förderung für Private zurückzuführen ist, man also maßgeblich am öffentlichen Tropf hängt, erwähnte er nicht. Ganz im Gegenteil prahlte die Pfizer-Spitze noch 2020 damit, keine staatliche Förderung in der Covid-19-Impfstoffentwicklung erhalten zu haben – verschwieg dabei aber, dass die Partner-Firma Biontech den weitaus größeren Anteil an der Entwicklung des gemeinsamen Präparats hatte und umfangreiche Finanzierung der deutschen Bundesregierung bekam. Die Firma Pfizer, die erst im März 2020 eine Kooperation mit dem deutschen Unternehmen eingegangen ist, hat kürzlich ihre Umsatzerwartung für den Covid-19-Impfstoff für 2021 auf 26 Milliarden Dollar erhöht.

Blockierter Produktionsausbau

Weltweit hat die Politik seit Beginn der Pandemie Milliarden Euro an private Akteure ausgeschüttet, als Forschungsgelder, Mittel zum Ausbau der Produktion und Abnahmegarantien für Impfdosen. Dabei hat sie allerdings fast ausnahmslos versäumt, den gerechten Zugang zur Covid-19-Impfung zu sichern, wie Fachleute kritisieren. Man muss die Spielregeln festlegen, und die Förderverträge wären der richtige Ort dafür gewesen. Stattdessen nutzten Hersteller wie Moderna oder Pfizer/Biontech ihre Marktmacht, um willkürliche Impfstoffpreise aufzurufen und den Ausbau von Produktionskapazitäten nach eigenem Gutdünken zu betreiben oder zu blockieren. Die Konsequenzen sind verheerend: Reiche Staaten und Verbünde wie die EU kauften den verknappten globalen Markt leer, der globale Süden bleibt auf der Strecke.

Mehrfach hatten Spitzenpolitiker wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel oder der französische Präsident Emmanuel Macron von Impfstoffen als einem „globalen öffentlichen Gut“ gesprochen. In der Realität war davon nicht viel zu sehen. Macron hat sich zwar US-Präsident Joe Biden angeschlossen, als dieser sich überraschend dafür aussprach, die Patentregeln befristet auszusetzen, schob aber bald hinterher, das eigentliche Problem werde so nicht gelöst.

Das Beharren des globalen Nordens auf geistigem Eigentum in der Pandemie ist derweil nicht nur moralisches Versagen, sondern auch aus eigennütziger Perspektive fehlgeleitet. Denn während Staaten wie die USA oder Kanada sich Unmengen von Impfstoffdosen gesichert hatten, wütete Sars-CoV-2 in Ländern wie Brasilien, den Philippinen und zuletzt besonders Indien weiter. Als Folge bildeten sich Mutationen, die sich wiederum global weiterverbreiteten.

Die Notsituation vieler Länder wird durch Impfstoffdiplomatie von Staaten, in denen Vakzine hergestellt werden, ausgenutzt – darunter Russland, China und Indien, aber auch die EU. Indien hat allerdings angesichts seiner eigenen katastrophalen Lage den Impfstoffexport mittlerweile ausgesetzt.

Die 2020 hastig ins Leben gerufenen globalen Mechanismen, um tödliche Nebeneffekte des Impfstoffnationalismus zumindest abzumildern, greifen wiederum wenig bis überhaupt nicht. Der globale Norden sieht weiterhin den sogenannten Access to Covid-19 Tools Accelerator (ACT-A) als Garant zur Beschleunigung der Entwicklung, Herstellung und gerechten Verteilung von Covid-19-Tests, Behandlungsmethoden und Impfstoffen. Doch zivilgesellschaftliche Akteure nehmen Anstoß daran und kritisieren vor allem das COVAX-Programm (Covid-19 Vaccines Global Access) von ACT-A, welches einen weltweit gerechten Zugang zu Impfstoffen sichern soll. Die Verteilung von Impfstoffen durch COVAX ist absolut unzureichend. Geplant war von Anfang an nur eine Abdeckung von 20 Prozent der Bevölkerung in Partnerländern – und es bleibt im Dunkeln, wann selbst dieses bescheidene Ziel erreicht werden kann.

Patentpool könnte helfen

Kernproblem sind die ungenügend genutzten Produktionskapazitäten. Der von der WHO letztes Frühjahr ins Leben gerufene Patentpool für Covid-19-Technologien (C-TAP) hätte Abhilfe schaffen können, lag aber monatelang brach. Die Gemeinschaft der 40 Länder, die sich zum Start offiziell dazu bekannt hat, erhielt lange keinen weiteren Zulauf. Die meisten Industrieländer und Big Pharma hatten das Konstrukt von Anfang an boykottiert, und so waren keine geistigen Eigentumsrechte für Covid-19-Impfstoffe oder Medikamente an den Pool übertragen worden. Es mutet da schon fast bizarr an, dass ein Jahr später die Debatte über den notwendigen Rechte- und Technologietransfer neu aufflammt, als hätte es C-TAP nie gegeben. Ob der geplante Versuch eines „Re-Starts“ von C-TAP, etwa mit zusätzlichen Mitgliedsstaaten, wirklich ein Schritt vorwärts sein wird, bleibt abzuwarten.

Frappierend ist die Lücke zwischen Notwendigkeit und Statusquo auch beim sogenannten „Patent Waiver“ (Patent-Aussetzung), den Indien und Südafrika im Oktober 2020 bei der Welthandelsorganisation (WTO) einbrachten (siehe Interview mit Achal Prabhala im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2021/06). Zeitweilig solle für alle Produkte, die zur Vorbeugung, Eindämmung und Behandlung von Covid-19 nötig sind, der Schutz geistigen Eigentums ausgesetzt werden.

Seit einem halben Jahr hängt der Waiver-Vorstoß in der WTO fest. Dabei wird er von 62 Ländern als Co-Sponsoren mitgetragen, insgesamt unterstützen über 100 WTO-Mitglieder das Vorhaben. Entsprechend alarmiert suggerieren die Gegner des Vorstoßes, fast ausschließlich Länder des globalen Nordens mit starker Pharma-Industrie (auch Deutschland), dass geistiges Eigentum keine Hürde in der Covid-19-Bekämpfung darstelle. Außerdem böten bereits bestehende WTO-Regeln die Möglichkeit, im Falle eines Gesundheitsnotstands Zwangslizenzen zu verhängen. Der Waiver sei also unnötig.

Die erste Behauptung trifft schlicht nicht zu, Gegenbeispiele sind zahlreich. Und die Erteilung von Zwangslizenzen ist so zeitraubend wie unzureichend. Vor allem ist das Argument aber heuchlerisch: Denn gerade jene Länder, die nun Zwangslizenzen als Ausweg propagieren, haben in der Vergangenheit in vielen Fällen versucht, dieses Mittel zu torpedieren. Mittlerweile hat sich die Argumentationstaktik dahin verlagert, dem globalen Süden im Ganzen abzusprechen, Covid-19-Impfstoffe überhaupt produzieren zu können. Abgesehen von der paternalistischen Natur solcher Behauptungen, sind sie einfach falsch.

Denn nicht nur in Indien gibt es eine leistungsstarke Impfstoffproduktion. Eine Umfrage der Vertreter Südafrikas und Indiens bei der WTO ergab, dass Länder des globalen Südens im Jahr zusätzlich eine Milliarde Impfdosen produzieren könnten – wenn sie denn das Recht dazu erhielten. Geradezu zynisch mutet es da an, wenn EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sich damit brüstet, die EU sei der größte Exporteur von Covid-19-Impfstoffen. Als wäre nicht genau die Abhängigkeit von Industrieländern des globalen Nordens das größte Problem für den Rest der Welt. Trotzdem sind zur Ausweitung der Produktion zusätzlich Technologietransfers wichtig, nicht nur wegen Covid-19, sondern auch im Hinblick auf zukünftige Pandemien. Das entspräche übrigens auch dem 17. UN-Ziel für nachhaltige Entwicklung (SDG – Sustai­nable Development Goals).

Erinnerung an HIV-Pandemie

Die aktuelle, festgefahrene Situation weckt ungute Erinnerungen. Als HIV/Aids in den 1980er Jahren als Krankheit erkannt wurde, zeigte die Pharmaindustrie zunächst wenig Interesse, Medikamente dagegen zu entwickeln. Die Folge: Fünf der ersten sechs Wirkstoffe wurden in den Labors von Universitäten oder staatlichen Forschungseinrichtungen entdeckt. Bis 1999 waren 58 Prozent der Studien zu HIV-Medikamenten staatlich gefördert, der Rest war kommerzielle oder Uni-Forschung ohne direkte staatliche Subventionen. Erst als 1996 klar wurde, dass eine Kombinationstherapie den Ausbruch von Aids wirksam verhindern kann, stieg die Pharmaindustrie in großem Maßstab ein. Dabei hatte sie die relativ kleine Gruppe von HIV-Positiven in Indus­trieländern im Auge und setzte die Preise für die Behandlung bei rund 10 000 Dollar pro Patient und Jahr fest. Gut 90 Prozent der Therapiebedürftigen lebte aber in ärmeren Ländern. Den allermeisten blieb zehn Jahre lang der Zugang zu einer lebensrettenden Behandlung verwehrt, erst der Patentpool für HIV-Medikamente brachte die Wende. Und auch er entstand erst, nachdem die  GeWTO 2001 Zwangslizenzen grundsätzlich erlaubt und somit die Verhandlungsposition der Industrie erheblich geschwächt hatte.

Die traumatischen Erfahrungen aus der HIV/Aids-Pandemie wiederholen sich heute jedoch nicht nur bei Covid-19 und anderen Infektionskrankheiten, wie etwa resistenter Tuberkulose. Auch in der Kontrolle nichtübertragbarer Krankheiten wie Krebs sorgen Rechte geistigen Eigentums dafür, dass gerechte Versorgung für viele Patienten außer Reichweite ist (siehe Kasten). Dass viele politisch Handelnde vor diesem Hintergrund auch in der Covid-19-Pandemie so tun, als seien Patente nicht Teil des Problems globaler Unterversorgung, sondern Teil der Lösung, ist befremdlich und absolut verantwortungslos.

Max Klein ist Politikwissenschaftler und Mitarbeiter der BUKO Pharma-Kampagne. Die nicht-staatliche Organisation setzt sich seit ihrer Gründung 1981 für das Menschenrecht auf Gesundheit ein.
info@bukopharma.de

Jörg Schaaber ist Soziologe und Gesundheitswissenschaftler und arbeitet ebenfalls für die BUKO Pharma-Kampagne.

Kategorien: Ticker

Malawi lehnt abgelaufenen Impfstoff ab

22. Juni 2021 - 15:19
Malawi vernichtet entgegen WHO-Rat Covid-19-Impfstoffe nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums

Der Impfstoff war Teil einer größeren Menge, die die Afrikanische Union (AU) von Südafrika gekauft hatte, weil dort die Impfung mit AstraZeneca aufgrund von Zweifeln an der Wirksamkeit gegen eine neue Variante ausgesetzt worden war. Allerdings war der Impfstoff nur noch bis zum 13. April, also wenige Wochen, haltbar.

Malawi verimpfte in dem verbliebenen Zeitfenster so viele Dosen, wie es konnte, und plante die restlichen zu vernichten. Die Regierung äußerte Zweifel an der Wirksamkeit abgelaufener Impfstoffe; sie trotzdem zu verwenden könne außerdem das Vertrauen der Menschen in die Impfkampagne beeinträchtigen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) riet Malawi dazu, die abgelaufenen Impfstoffe aufzubewahren, falls sie letztlich doch verwendet werden könnten. Die WHO-Afrika-Direktorin Matshidiso Moeti rief laut einem BBC-Bericht generell dazu auf, die Impfstoffe zu lagern, bis feststehe, ob sie auch über das Haltbarkeitsdatum hinaus verwendet werden können. Untersuchungen dazu liefen.

Die AU-Institution Africa Centres for Disease Control and Prevention (CDC) schloss sich der WHO an. Afrika-Direktor John Nkengasong sagte auf einer Pressekonferenz am 22. April, dass die Impfstoffe nach Herstellerangaben sogar noch neun Monate nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums verwendet werden könnten.

Malawi war anderer Meinung und vernichtete die abgelaufen Dosen. Präsident Lazarus Chakwera sagte Mitte Mai: „Ich habe es kategorisch abgelehnt, unsere Bürger mit abgelaufenem Impfstoff impfen zu lassen. Wenn er für die nördliche Hemisphäre nicht gut genug ist, ist er auch für die südliche Hemisphäre nicht gut genug.“

Gesundheitsminister Charles Mwansambo führte aus: „Jedes Fläschchen hat ein eindeutiges Haltbarkeitsdatum. Keinem Arzt würde verziehen, wenn etwas passieren würde, nachdem er wissentlich eine abgelaufene Dosis verwendet hätte.“

Auch der Leiter des Malawi Health Equity Network (MHEN), George Jobe, teilte diese Ansicht: „Die WHO und die Afrikanische Union müssen verstehen, dass Malawi seine Menschen vor Gesundheitsgefahren schützen muss.“ Abgelaufene Impfstoffe zu verwenden sei keine Option, selbst wenn Malawi die Impfstoffe komplett ausgehen.

Der Südsudan kündigte mit einer ähnlichen Argumentation ebenfalls an, bis zu 59 000 abgelaufene Covid-19-Impfstoffe zu vernichten.

Vor dem Hintergrund des Widerstands änderte die WHO ihre Position Mitte Mai und riet nun dazu, abgelaufene Dosen zu vernichten. Sie nannte explizit auch den AstraZeneca-Impftstoff Covishield.

Unterdessen leidet Malawi weiterhin unter Engpässen von Arzneimitteln aller Art und schaut sich nach neuen Impfstofflieferungen um. Die Situation im Land ist furchtbar, denn mehr als die Hälfte der 18,6 Millionen Einwohner sind arm und mehr als ein Fünftel sogar extrem arm. Das erschwert die Eindämmung von Infektionen zusätzlich.

Raphael Mweninguwe ist freier Journalist in Malawi
raphael.mweninguwe@hotmail.com

Kategorien: Ticker

Wachsende Abhängigkeit von Benins informellem Sektor

22. Juni 2021 - 14:57
Der Wirtschaftseinbruch trifft die Mittelschicht in Cotonou und Porto-Novo hart

Der Wirtschaftsabschwung ist allgegenwärtig. Hunderte von rostigen Lkws parken entlang der 35 Kilometer langen Schnellstraße Cotonou–Porto-Novo. Viele Fahrzeuge stehen zum Verkauf, denn ihre Besitzer können sie sich nicht mehr leisten und brauchen dringend Geld.

Einige große Lagerhallen liegen seit fast zwei Jahren still. Die Krise setzte ein, als das Nachbarland Nigeria seine Landesgrenzen schloss (siehe meinen Beitrag im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2020/05). Als Gründe nannte die nigerianische Regierung Schmuggel und Sicherheitsbedenken.

Die Grenzschließung traf besonders Unternehmen, die darauf spezialisiert waren, im Ausland hergestellte Waren nach Benin einzuführen und dann nach Nigeria zu exportieren – dazu zählten Reis, Weizenmehl, Speiseöl und Tomatenmark.

Geschäftsleute machen einen Großteil des Mittelstandes in Benin aus. Es wird gesagt, dass viele mit Bankkrediten in Verzug geraten seien. Die ehemals Wohlhabenden haben nun zu leiden. Neben Eigentümern gehören auch Top-Manager und hochrangige Regierungsbeamte zur Mittelklasse. Während Erstere von der aktuellen Krise betroffen sind, haben Letztere im Zuge der Staatsreformen Vergünstigungen und Privilegien verloren – und damit auch weitgehend ihre Möglichkeiten, über Bestechungsgelder an Schwarzgeld zu kommen. Lysiane Gnansounou, die einen guten Job im Finanzsektor hat, sagt, viele seien zu bescheideneren Lebensstilen und Konsumgewohnheiten gezwungen.

Wer zu Benins oberer Mittelschicht gehört, ist tatsächlich recht reich und und lebt in mehrstöckigen Häusern in ruhigen, sauberen und relativ sicheren Vierteln der beiden wichtigsten Städte Porto-Novo und Cotonou – und besitzt sie oft auch. Oft sind sie mit teuren italienischen Möbeln und Haushaltsgeräten aus Japan, China oder Südkorea ausgestattet. Weitere Statussymbole sind vollklimatisierte Toyota-Landrover oder auffällige Mercedes-Benz-Allradantriebe.

Natürlich hat die Corona-Pandemie auch Auswirkungen. Die typischen großen Wochenend-Partys sind selten geworden. Vor Corona haben wohlhabende Leute für Hochzeiten, Taufen oder Geburtstagspartys gerne tief in die Tasche gegriffen. Auch Beerdigungen und Voodoo-Rituale waren oft aufwendig.

Die Mittelschicht ist generell international ausgerichtet. Wer es sich leisten kann, reist nach Marokko oder Südafrika zu medizinischen Behandlungen, die unteren Schichten fahren in die Elfenbeinküste oder den Senegal. Auch Ferienreisen ins Ausland sind beliebt, wobei die Reichsten ihren Urlaub in Frankreich, Italien oder Spanien verbringen.

Wohlhabende Familien schicken ihre Kinder auf Privatschulen und Colleges, deren Kosten bisweilen umgerechnet mehr als 1500 Dollar pro Jahr und Kind betragen. Natürlich kann sich das auch nicht jeder leisten, der zur Mittelklasse zählt.

Vor ein paar Jahren veröffentlichte die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) zusammen mit anderen Organisationen einen Bericht, der besagt, dass Menschen in Afrika mit einem jährlichen Einkommen von etwa 4000 Euro als Mittelklasse gelten können. Das durchschnittliche Monatseinkommen in Benin hingegen lag vor Beginn der Pandemie bei nur 62 Euro.

Die Corona-Krise hat den wirtschaftlichen Abschwung, der mit der Schließung der nigerianischen Grenze begann, verstärkt. Mit sinkender Nachfrage wurden im formalen Sektor Stellen abgebaut. Der Anteil der Beniner, die komplett vom informellen Sektor abhängig sind – wo Einkommen niedrig sind und soziale Absicherung nicht existiert –, ist gestiegen. Die Behörden in Benin setzen ihre Hoffnung nun auf gute Baumwoll- und Cashew-Ernten im Jahr 2021. Das könnte der Beginn einer Erholung sein. Die Economist Intelligence Unit verkündete im April, sie erwarte 2021 ein Wachstum von 2,4 Prozent und im nächsten Jahr sogar 4,5 Prozent. Die Analysten aus London warnten jedoch, ein Impfstoffmangel könne die Erholung des westafrikanischen Landes verzögern.

Karim Okanla ist Mediendozent und freiberuflicher Autor in Benin.
karimokanla@yahoo.com

Kategorien: Ticker

Ein Mittelschicht-Lifestyle beginnt bei täglich zehn Dollar

22. Juni 2021 - 13:08
Die Mittelschicht wächst, vor allem in Entwicklungsländern

Was macht die Mittelschicht aus? Ist das vor allem eine wirtschaftliche Einordnung, oder geht die Definition darüber hinaus?
Wir müssen zwischen einer Definition und einem Maßstab unterscheiden. Die Mittelschicht wird als Gruppe von Menschen beschrieben, die, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, doch gleiche Merkmale haben. Menschen der Mittelschicht teilen Werte wie harte Arbeit, Sparsamkeit und Leistung sowie persönliche Verantwortung. Sie sind weit genug entfernt von der Armutslinie, um ihre Zufriedenheit und ihre Zukunft zu verbessern. Anders als arme Menschen, bei denen es um das tägliche Überleben geht und die kaum Möglichkeiten haben, und anders als reiche Menschen, die meist kaufen können, was sie wollen, trifft die Mittelschicht ihre Entscheidungen auf wirtschaftlicher Basis. Es geht nicht nur um materiellen Konsum, sondern auch darum, das Leben zu genießen, um Freizeit, Kunst, Schönheit. Diese Definition ist recht locker, daher braucht es eine Art Maßstab, um darüber zu sprechen, wie sich diese Gruppe entwickelt hat. Am gängigsten ist es, die Ausgaben zu erfassen. Wir messen lieber die Höhe der Ausgaben als das Einkommen, denn diese spiegeln den Lebensstandard realistischer wider. Studenten etwa verdienen wenig oder kein Geld, trotzdem sind sie unabhängig, nicht arm, und sie können sich Geld leihen und es ausgeben. Ausgaben sind also ein deutlich besserer Maßstab für materiellen Wohlstand als Einkommen. Anfangs setzten wir zur Erhebung der Mittelschicht ein Ausgabenspektrum von 10 bis 100 Dollar pro Person und Tag an, wozu wir die Kaufkraftparitäten (KKP) des Jahres 2005 zugrunde legten. Später änderte sich das Maß auf 11 bis 110 Dollar pro Person und Tag unter Verwendung des KKP-Dollars des Jahres 2011, was angesichts der Kaufkraft aber dasselbe ist. Man möchte ein konstantes Maß, damit Ausgaben über Zeiten und Länder hinweg vergleichbar bleiben.

Wieso dieses spezifische Spektrum?
Die Idee ist es, am untersten Ende anzusetzen, dort, wo den Menschen etwas Geld übrig bleibt für weitere Ausgaben, ohne dass sie gleich in Armut verfallen. Am oberen Ende müssen sie nicht mehr viel über ihre Ausgaben nachdenken. Dieses Geldspektrum – oder seine Entsprechung in lokalen Währungen – hat einen historischen Ursprung. Es taucht an verschiedenen Punkten der Geschichte und an verschiedenen Orten der Welt auf. Die erste Mittelschicht waren Bankangestellte im viktorianischen England, die Fabrikbesitzern während der industriellen Revolution den Kauf von Maschinen erleichtern sollten. Sie verdienten das Äquivalent von rund 10 KKP-Dollar von 2005 pro Tag und Kopf. Als das Vereinigte Königreich erstmals eine Einkommensteuer erhob, wollte es nur Menschen mit Mittelschichts-Lebensstandard und höher besteuern. Sie setzten das Mindesteinkommen, bei dem die Steuer erhoben wurde, auf den Gegenwert von 10 Dollar pro Person und Tag in 2005-KKP-Dollar fest. Genauso berücksichtigten lateinamerikanische Politiker Einkommen und Ausgabenniveaus, ab denen eine Person eine gute Chance hatte, die kommenden drei Jahre nicht in Armut zu fallen – es zeigte sich, dass das bei 10 Dollar pro Person und Tag in 2005-KKP-Dollar liegt. Die Armutsgrenze in den USA liegt ebenfalls in diesem Bereich. Auch in Indien hat eine nationale Kommission ein Maß für die Mittelschicht festgelegt – es kam der Gegenwert von 10 Dollar pro Kopf und Tag heraus. Die Zahl am unteren Ende sagt: „Du giltst nicht als arm, wenn du mindestens so viel Geld zur Verfügung hast.“ Ein Spektrum zu haben erlaubt uns auch, geographische Vergleiche über die Zeiten hinweg anzustellen. Wir können die Entwicklung der Mittelschicht vom 19. Jahrhundert bis heute nachvollziehen.

Im 19. Jahrhundert haben die Menschen andere Dinge gekauft als heute, und zwischen den Ländern variieren Preise enorm. Wie gehen Statistiker mit diesen Unterschieden um, wenn sie Vergleiche anstellen?
Für materiellen Wohlstand benötigt man – unter Berücksichtigung der Währungsunterschiede – weiterhin gleich viel Geld. Natürlich variiert das, was im Einkaufskorb landet, von Land zu Land. Aber letztlich geben alle Menschen Geld für Nahrung, Kleider, Wohnen und Transport aus. Sobald sie zur Mittelschicht gehören, erwägen sie Ausgaben für Urlaub und Unterhaltung. Aber das, was Menschen grundlegend brauchen, ist gleich geblieben. Bezüglich der Preisunterschiede über die Länder hinweg: Es gibt globale Studien, die Preise von Waren und Dienstleistungen vergleichen. Das International Comparison Program trägt Preise für eine Auswahl essenzieller Güter und Dienstleistungen zusammen. Aus diesen Daten wird ein Index gebildet, der Vergleiche ermöglicht.

2017 sagten Sie voraus, bis 2022 würden jedes Jahr 170 Millionen Menschen in die Mittelschicht aufsteigen. Halten Sie diese Einschätzung weiter für realistisch, trotz Pandemie?
Trotz Corona gehört mehr als die Hälfte der Menschen weltweit mindestens zur Mittelschicht. Die Wachstumsrate der Mittelschicht hat sich zeitweilig verändert. Aber ich denke, nach einer kurzen Bremse durch Corona wird der Wachstumstrend weitergehen und andauern – der Zuwachs der Mittelschicht wurde um zwei bis drei Jahre zurückgeworfen. Historisch ist das nicht viel Zeit. 1820 gehörte nur ein Prozent der Weltbevölkerung zur Mittelschicht, nun, 200 Jahre später, ist es die Mehrheit. Das ist eine enorme Entwicklung, die weitgehend dem technischen Fortschritt zu verdanken ist – und diese Entwicklung setzt sich rasant fort. Auch heute steigen immer noch jährlich hunderte Millionen Menschen in die Mittelschicht auf, vor allem in Asien und Südasien. Das bringt ihnen deutliche Vorteile in Bildung und Lebenserwartung. Sie arbeiten hart und können ihr Leben und das ihrer Familien verbessern. Durch Corona wird die Mittelschicht 2020 wohl etwas schrumpfen. Wir erwarten, dass 120 Millionen Menschen wieder aus der Mittelschicht herausrutschen – verglichen mit 2020 und 2019. Auch gehen wir davon aus, dass 2020 um die 170 Millionen weniger Menschen in die Mittelschicht aufgestiegen sind, als es ohne Corona der Fall gewesen wäre. Alles in allem liegt es also an Corona, dass 2020 etwa 300 Millionen Menschen, die eigentlich aufgestiegen wären, nun nicht der Mittelschicht angehören. Dieser Effekt wird aber schnell verpuffen. 2021 oder 2022 wird die Mittelschicht hoffentlich wieder so wachsen wie zuvor.

Welche politische Bedeutung hat das globale Wachstum der Mittelschicht?
Allgemein will die Mittelschicht, dass die Regierung ihr dient. Sie strebt nach Unabhängigkeit, nach Privatbesitz, maximiert persönliche Chancen und spart für die Zukunft. Die Mittelschicht favorisiert eine Regierung, die sich um Gesundheit und Bildung kümmert. Sie wünscht sich wirtschaftliche Sicherheit und drängt daher auf soziale Absicherungen wie Renten und Arbeitsrechte. Die Mittelschicht setzt sich für Frauenrechte ein; die ersten Suffragetten kamen aus der Mittelschicht. Außerdem präferiert sie Freihandel, da er dem Konsumenten mehr Auswahl ermöglicht. Der erste politische Sieg der Mittelschicht war die Aufhebung der Mais-Gesetze im England des 19. Jahrhunderts. Diese Gesetze verhängten Zölle auf importiertes Getreide. Das hielt die Preise hoch und begünstigte Grundbesitzer auf Kosten der Verbraucher. Die Mittelschicht kämpfte hart dafür, dass diese Gesetze aufgehoben wurden.

Welche Unterschiede zeigen sich innerhalb der Mittelschicht?
Derzeit zersplittert die Mittelschicht etwas. Die Pandemie hat die Kluft zwischen dem Teil der Mittelschicht verdeutlicht, der studiert hat und zu Hause arbeiten kann, und den Arbeitern, die nicht zu Hause bleiben können. Die Interessen beider Seiten beginnen auseinanderzudriften. Sie haben natürlich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. In den USA etwa zeigten sich bei den Arbeitern mehr Alkohol- und Drogenabhängigkeiten sowie Selbstmorde, sogenannte Tode aus Verzweiflung. In dieser kleinen Gruppe haben Erkrankungen und körperlicher Schmerz zugenommen, die psychische Gesundheit ist schlechter, die Lebenserwartung niedriger.

Stellt dies nicht den Begriff Mittelschicht als Beschreibung für alle, die unterschiedlich viel Geld zur Verfügung haben, in Frage?
Es kann sein, dass Studierte andere Interessen haben als diejenigen ohne Studium. Manche fordern daher, das Bildungsniveau solle der Maßstab zur Erhebung der Mittelschicht werden. Ich bevorzuge, die breitere Definition beizubehalten, aber einen neuen Weg zu finden, um die Lebensstile der verschiedenen Mittelschichtsegmente zu beschreiben. Vielleicht waren die abweichenden Erfahrungen temporär. Womöglich haben manche Menschen jetzt mehr Chancen in der digitalen Wirtschaft als andere, aber in 10 oder 15 Jahren haben alle diese Möglichkeiten. Das ist ein technologisches Phänomen. Neue Technologien dienen oft zunächst Einzelnen, ehe die ganze Gesellschaft davon profitiert. Als die Elektrizität eingeführt wurde, war das erst mal nur etwas für die Reichen – heute gehört sie zum Lebensstil der Mittelschicht.

Die Mittelschicht wächst in armen Ländern schneller als in reichen. Sorgt diese Ungleichheit für Unmut in der Mittelschicht in Industrieländern?
Es gibt eine gewisse Sättigung der Mittelschicht in entwickelten Ländern, was erklärt, warum diese dort langsamer wächst als in Ländern mit niedrigem Einkommen. Wächst die Mittelschicht an einem Ort, bringt das historisch auch der Mittelschicht andernorts neue Möglichkeiten. Der Marshall-Plan half der europäischen Mittelschicht, aber auch der in den USA. Von wachsenden Märkten profitieren alle. Das ist – im Gegensatz zur Politik – einer der großartigen Merkmale der Wirtschaft. In der Wirtschaft gilt: Wenn dein Nachbar gut dran ist, bist auch du gut dran. In der Politik hingegen kann es sein, dass es deinem Nachbarn gut geht, dir aber nicht. Die Politik ist im Gegensatz zur Wirtschaft mehr ein Nullsummenspiel. Die Hoffnung ist, dass das auch erkannt wird. Wenn du etwa in einem entwickelten Land lebst und dein Rentenfonds Anteile an Apple hält, profitierst du als indirekter Shareholder, wenn sich Apple-Produkte in China und Indien gut verkaufen. All die großen Marken sind groß, weil sie an Milliarden von Menschen in der globalen Mittelschicht verkaufen. Ich könnte problemlos darlegen, dass ein Großteil der Expansion im Wohnbereich, höherer Bildung, Finanzen, Versicherungen und in vielen anderen Dienstleistungen in der reichen Welt mit der Fähigkeit verbunden sind, auf dem Wohlstand aufzubauen, der durch den Handel mit Entwicklungsländern entstanden ist. Natürlich gibt es bei Handel und technologischer Entwicklung Übergangskosten. Es ist schwer zu sagen, wie lang der Übergang dauert und wie sich die Politik entwickelt. Das verweist auf den zentralen Punkt, dass es in einer sich schnell verändernden Welt überlebenswichtig ist, das Augenmerk auf Übergangskosten zu richten – und dazu zählt auch die Anpassung an neue Technologien.

Homi Kharas ist stellvertretender Direktor des Global Economy and Development Program der Brookings Institution in Washington, D. C.
hkharas@brookings.edu

Kategorien: Ticker

Unerlässliche Experten

21. Juni 2021 - 11:46
Apotheker ohne Grenzen leisten weltweit wichtige Arbeit bei Hilfseinsätzen und Projekten

Die Bedeutung von Apothekern wird zuweilen unterschätzt. Mit ihrer Pharmazie-Ausbildung können sie zwar keine Krankheitsdiagnosen stellen und Knochenbrüche operieren, aber die Arzneimitteltherapie gehört zu den wichtigsten Behandlungsmethoden für Patienten. Sie stellen Medikamente wie Antibiotika, Schmerzmittel oder Malariatabletten in Krisen- und Notsituationen nicht nur zuverlässig bereit, sondern geben auch die richtigen Einnahmehinweise an die Patienten. Der Kampf gegen Arzneimittelfälschungen, die Fortbildung von Gesundheitsfachkräften, die Therapieberatung von Ärzten und Kliniken sowie die Optimierung von Beschaffungslogistik und Lagerhaltung gehören zu den weiteren Aufgaben von Apothekern in solchen Einsätzen.

Die Apotheker arbeiten in ihren Einsätzen und Projekten eng mit Ärzten zusammen. Weltweit gibt es aber weniger Apotheker als Ärzte – und sie sind sehr ungleich verteilt: in Deutschland sind es 6,5 Apotheker pro 10 000 Einwohner, in Südafrika 2,7 und in der Demokratischen Republik Kongo 0,1. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO haben zwei Drittel aller Länder weniger als fünf Apotheker pro 10 000 Einwohner. Das führt dazu, dass ein wesentlicher Teil der Gesundheitsversorgung fehlt.

Hochspezialisiertes Wissen

Hilfsorganisationen wie Apotheker helfen (AH) und Apotheker ohne Grenzen (AoG) sind hochspezialisiert, so dass sie ihr pharmazeutisches Wissen umfassend anwenden können und dabei gezielt ärztliche Projekte und Einsätze unterstützen. Apotheker ohne Grenzen bieten dazu mehrtägige Einsatzschulungen für ehrenamtliche Mitglieder an, um sie später je nach Fachgebiet, Auslandserfahrung und Fremdsprachen in mehrwöchige Nothilfeeinsätze oder Entwicklungsprojekte zu schicken. Unterrichtet werden die Prinzipien der humanitären Hilfe ebenso wie Sicherheitsmaßnahmen und der Umgang mit dem Interagency Emergency Health Kit (IEHK). Das IEHK ist eine von Hilfsorganisationen und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelte, standardisierte Zusammenstellung von Medikamenten und zugehöriger Ausrüstung, die bei Katastrophen jeweils 10 000 Menschen für drei Monate versorgen soll.

Auch Nichtregierungsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, Brot für die Welt oder das Deutsche Institut für Ärztliche Mission schicken gezielt Apotheker in Einsatzgebiete, um dort bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Beispiele gibt es im Krankenhaus von Koyom im Tschad, in einer Zentralapotheke in Monrovia in Liberia oder in einer Krebsklinik im tansanischen Moshi.

Traumjob

„Ich habe die Stellenausschreibung gelesen, die sich wie die Synthese meines Lebens liest: Afrika, Französisch und Lehrtätigkeit“, sagt Monika Zimmer, die seit 2018 im Auftrag von Apotheker ohne Grenzen als ehrenamtliche Projektkoordinatorin für die Ecole Polyvalente Carolus Magnus (EPCM) in Bujumbura in Burundi tätig ist. Sie war früher schon nach Westafrika gereist, hatte Französisch in der Schule gelernt und ist jetzt Lehrerin an einer Fachschule. Zwei Mal war Zimmer schon an der einzigen Schule für Pharmazeutisch-Technische Assistenten (PTA) in Burundi. „Das Hauptproblem war, dass es in dem Labor keine Versorgung mit Chemikalien gab“, sagt Zimmer.

Ob Jodpulver, Kapselhüllen oder Einmalhandschuhe – neue, zuverlässige Beschaffungswege mussten gefunden werden. Weil sich Importe aus der DR Kongo als Fälschungen herausstellten, konnte Zimmer daraus gleich einen Workshop für den Abschlussjahrgang der burundischen Schule machen. „Alle PTAs wurden dort super ausgebildet und haben einen Job bekommen“, resümiert sie.

Bei Interviews mit Absolventen im Februar 2020 ergab sich für Zimmer ein positives Bild: Ange-Dorine gefällt die Arbeit im Großhandel gut, Gloria möchte später eine eigene Apotheke eröffnen, und Syntyche klärt gerne die Patienten über die richtige Anwendung der Arzneimittel auf. Die Ausbildung von PTAs in Burundi ist auch deshalb so wichtig, weil es dort nur sehr wenige Apotheker gibt.

Auf Begebenheiten vor Ort eingehen

Im Nachbarland Tansania unterstützt AoG die Apotheke in der Benediktinerabtei St. Bernard in Hanga. Koordinatorin Martina Gerhardt kam 2008 erstmals dorthin, weil sie für ein Tropeninstitut in Tansania forschte: „Damals war es eine kleine Gesundheitsstation, heute ist es ein Referral Health Center mit einem Operationssaal.“ Neben der finanziellen Unterstützung beim Arzneimitteleinkauf schult Gerhardt das fünfköpfige Apothekenpersonal bei der Lagerhaltung. Mit sogenannten BIN-Cards werden die Arzneimittel je nach Wirkstoff, Darreichungsform und Dosis inventarisiert, um den Bedarf der nachfolgenden Monate für Mittel gegen Malaria, Durchfall oder Wurmbefall zu errechnen. „Wir wollen keine europäischen Maßstäbe einführen, denn eine volldigitale Lagerhaltung würde bei häufigem Stromausfall gar nicht funktionieren“, sagt die ehrenamtliche AoG-Mitarbeiterin.

Wenn Martina Gerhardt nicht vor Ort ist, unterstützt sie die Kollegen per E-Mail und Videokonferenzen. Die halbjährlichen Besuche der Abtei seien dennoch wichtig, betont sie: „Aus der Ferne heißt es meist, dass alles gut läuft. Aber vor Ort können wir Probleme gemeinsam diskutieren und lösen.“ Gerhardt bespricht mit den Ärzten in Hanga auch die Therapien, um gute und preiswerte Medikamente für die Patienten einzusetzen.

Neben Entwicklungshilfeprojekten gehören auch Nothilfeeinsätze für Apotheker ohne Grenzen zum selbst definierten Arbeitsauftrag – wie nach dem Zyklon Idai, der im März 2019 an der Küste Mosambiks nahe Beira riesige Überflutungen verursachte. „Wir fragen uns bei Katastrophen immer zuerst, ob unsere Hilfe gebraucht wird und ob wir sie mit unseren Kapazitäten erbringen können“, sagt Andreas Portugal, der aus Deutschland den zweimonatigen Einsatz mit vier Teams à zwei Personen koordinierte.

„Wir hatten vorher keine Kontakte in Mosambik, haben dann aber sehr schnell einen geeigneten lokalen Partner gefunden“, sagt er. Die Hilfsorganisation Esmabama hatte in Estaquinha schon eine Apotheke, womit in der Zeltstadt Ihanjoou mehr als 2000 Patienten behandelt werden konnten. „Bei solchen Nothilfeeinsätzen stellt der Arzt nur die Diagnose, alles Weitere macht der Apotheker mit seinem Wissen“, sagt Portugal – von der Auswahl und Dosierung des Wirkstoffs bis zur Therapieberatung des Patienten. Nach Ende des Einsatzes wurden die restlichen Arzneimittel an Esmabama übergeben, da lokale Strukturen bestehen geblieben waren und kein eigenes Langzeitprojekt sinnvoll erschien.

Seit Beginn der globalen Corona-Pandemie können die Projekte von Hilfsorganisationen wie Apotheker ohne Grenzen meist nur aus der Ferne begleitet werden – per E-Mail, Video- oder Telefonkonferenz. Die Koordinatoren sagen, dass langjährige Kontakte zu lokalen Partnern helfen, die Projekte sachgerecht und vertrauensvoll weiterzuführen. Dabei müssen sogar oft noch zusätzliche Anstrengungen unternommen werden, um die Gesundheitszentren mit Seife, Desinfektionsmitteln oder Handschuhen auszustatten, damit Covid-19-Infektionen verhindert werden. Je nach staatlicher Information ist das wahre Ausmaß der Pandemie in jedem Land von außen kaum abzuschätzen – auch mit dieser zusätzlichen Unsicherheit müssen viele Projekte von Hilfsorganisationen wie AoG derzeit leben.

Christian Splett ist stellvertretender Pressesprecher des Deutschen Apothekerverbandes und ehrenamtliches Mitglied von Apotheker ohne Grenzen. Hier äußert er seine persönliche Meinung.
c.splett@abda.de

Kategorien: Ticker

#DalitLivesMatterNepal

21. Juni 2021 - 10:28
Onlinekampagnen für die Rechte der Dalits

Die Bewegung will gegen Unberührbarkeit selbst vorgehen und hebt auf dem Online-Forum alle Formen kastenbasierter Diskriminierung gegen Dalits hervor. Dazu zählen Belästigung, Entmenschlichung, Vergewaltigung und Mord (siehe Hauptartikel). Die Organisatoren der Initiative sind junge Menschen, die über soziale Medien ein großes Publikum erreichen können.

Das Engagement junger Menschen macht Hoffnung darauf, dass Nepal seinen Kurs ändert und Dalits künftig gleiche Rechte gewährt. Leider hat die Initiative weniger Schwung aufgenommen als 2020 die Black-Lives-Matter-Bewegung infolge von George Floyds Ermordung in Minneapolis durch die Polizei.

So oder so: Eine Online-Initiative allein reicht nicht. Die Regierung muss Verantwortung übernehmen, um alle Formen der kastenbasierten Diskriminierung zu verhindern – das bedeutet auch, jene zu verfolgen, die Dalits attackieren. Auch internationale Hilfsorganisationen spielen eine Rolle und sollten berichten, wenn sie etwa bei der Vergabe von Hilfsmitteln Diskriminierung miterleben.

Kategorien: Ticker

Nepal muss benachteiligter Gemeinschaften besser schützen

21. Juni 2021 - 10:06
Dalits in Nepal werden massiv diskriminiert, obwohl sie unter gesetzlichem Schutz stehen

Für ein mit 29 Millionen Menschen eher kleines Land ist Nepal ethnisch und sozial enorm vielfältig. Nach der letzten Volkszählung von 2011 hat es offiziell 126 ethnische Gruppen und soziale Kasten.

Im hinduistischen Kastensystem Nepals gibt es vier große soziale Schichten. Die Brahmanen stehen an oberster Stelle, die Sudra – auch Dalits oder Unberührbare genannt – ganz unten. Unabhängig davon besteht mehr als ein Drittel der Bevölkerung aus indigenen Völkern – Adibasi Janajatis –, zu denen 63 Ethnien gehören. Über die Jahrhunderte wurden nichthinduistische Indigene ins hinduistische Kastensystem aufgenommen, übernahmen aber nicht alle Praktiken. In Indien sieht es ähnlich aus.

Ethnische und kulturelle Vielfalt kann eine Stärke für ein Land sein – aber auch eine große Schwachstelle, sofern es Diskriminierung und Gewalt zwischen den Gruppen gibt. Leider fördert das nepalesische Kastensystem beides, insbesondere gegen Dalits.

Nepals erstes geschriebenes Gesetz, das Muluki Ain, trat 1854 in Kraft und basierte auf dem Kastensystem. Das neue Muluki Ain von 1963 verwendete eine kastenneutralere Sprache und erklärte manche Formen der Diskriminierung für unrechtmäßig. Außerdem hat Nepal die UN-Rassendiskriminierungskonvention verabschiedet, die 1969 in Kraft getreten ist. Damit hat sich das Land verpflichtet, kastenbasierte Diskriminierung zu beenden und gleiches Recht und Würde für alle zu garantieren.

Zudem verabschiedete Nepals Parlament im Mai 2011 das Kastenbasierte Diskriminierungs- und Unberührbarkeitsgesetz. Dieses verbietet explizit Diskriminierung aufgrund von Brauchtum, Tradition, Religion, Kultur, Ritualen, Herkunft, Kaste, Rasse, Abstammung, Beschäftigung oder Geschäftstätigkeit. Wie auch Bestimmungen des Zivil- und Strafgesetzbuches des Landes von 2017 verhängt es Strafen gegen kastenbasierte Diskriminierung. Auch die Verfassung von 2015 gewährt den Dalits grundlegende Rechte.

In der Realität halten kastenbasierte Diskriminierung und Gewalt jedoch an. Ein jahrhundertealtes Kastenbewusstsein bestimmt weiter Identität und Sozialstatus und durchdringt alle Bereiche der Gesellschaft. Selbst Amtsträger und gebildete Menschen halten an Vorurteilen fest und diskriminieren andere Kasten.

Ausgrenzung und Gewalt

Am stärksten werden die Dalits diskriminiert – eine Kategorie, zu der etwa 20 verschiedene Gruppen zählen. Dalits machen laut Volkszählung von 2011 etwa 13,6 Prozent der Bevölkerung Nepals aus, das sind rund 3,6 Millionen Menschen. Die Idee der „Unberührbarkeit“ kam vor Jahrhunderten auf, als privilegierte Schichten begannen, Ureinwohner mit „unsicheren Einkünften” als unrein zu betrachten.

Daraus entwickelte sich allgemeine Ächtung. Heute erleben Dalits physischen und psychischen Missbrauch in fast allen Lebensbereichen. Sie erleiden Armut, Landlosigkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung im öffentlichen und privaten Leben. Sie dürfen keine Gebetsstätten betreten, die sogenannten oberen Kasten akzeptieren kein Essen und kein Wasser, das Dalits berührt oder ihnen gereicht haben. Medizinisch ausgebildete Dalits bekommen schwer Jobs. Kastenübergreifende Ehen mit Dalits werden vehement abgelehnt.

Dalits werden oft angegriffen oder getötet. Besonders Dalit-Frauen sind gefährdet und oft Opfer von Menschenhandel und Sexsklaverei. 2007 kamen etwa 400 Dalit-Frauen von der Badi-Community in die Hauptstadt Kathmandu, um gegen die weitverbreitete Praxis zu demonstrieren, Mädchen aus ihrer Gemeinschaft zur Prostitution zu zwingen. Sie forderten auch bessere Wohngelegenheiten, Farmland und kostenlose Bildung für ihre Kinder. Ihre Bitten blieben unerhört.

Bis heute erfahren Dalits Diskriminierung und Gewalt. Die Ermordung von sechs jungen Dalits im Mai 2020 in Nepals Mittlerem Westen – deutlicher Ausdruck von Kastenhass – fand weltweite Beachtung. Der 21-jährige Nawaraj Bishwakarama und fünf seiner Freunde wurden getötet, als sie versuchten, Bishwakaramas 17-jährige Freundin aus einer höheren Kaste aus seinem Dorf in ihres zu bringen. Die Eltern des Mädchens lehnten eine Heirat ab, daher wollten die beiden sich absetzen. Berichten nach griffen Familie und Nachbarn des Mädchens die jungen Männer an und töteten sie.

Am selben Tag fand man in Westnepal das 13-jährige Dalit-Mädchen Angira Pasi an einem Baum erhängt auf. Tags zuvor soll der 25-jährige Birendra Bhar sie vergewaltigt haben. Statt das der Polizei zu melden, entschieden Anwohner und Gemeindevertreter, das Mädchen mit Bhar zu verheiraten. Da eine Vergewaltigung ein Stigma ist, stimmte Angiras Mutter dem Arrangement zu und schickte sie zu Bhars Familie.

Statt das Mädchen einzulassen, schlug Bhars Mutter es jedoch. Als es später tot aufgefunden wurde, wollte die Polizei Bhar zunächst nicht verklagen – erst nach öffentlichen Protesten gab sie nach.

Leider sind solche Ereignisse nicht selten. Im September 2020 wurde eine 12-jährige Dalit vergewaltigt und umgebracht. Im Juni 2018 wurde eine 21-jährige Dalit-Aktivistin von einer Gruppe vergewaltigt und ermordet. Ebenfalls 2018 wurde die Bezirksvertreterin Mana Sarki in ihrer Wohnung erschlagen. 2016 wurde der 18-jährige Ajit Mijar getötet, weil er ein Mädchen aus einer sogenannten höheren Kaste geheiratet hatte.

Seit 2011 wurden Medienberichten zufolge mehr als zwei Dutzend Dalits umgebracht, weil sie sich nicht an die Kastennormen gehalten hatten – oft durch kastenübergreifende Eheschließung. In nur einem Jahr registrierten Polizeibeamte 30 Verbrechen im Zusammenhang mit der Unberührbarkeit.

Verweigertes Recht

Diese Zahlen sind die Spitze des Eisbergs. Viele Vorfälle werden nicht gemeldet, weil sich die Dalits vor Repressalien fürchten und davor, selbst von den eigenen Leuten gemieden zu werden. Ein Schleier des Schweigens verdeckt die systematische Verweigerung von Rechten der zu Opfern gewordenen Dalits und ihrer Familien. Der Polizei wird unterstellt, sich bisweilen blind zu stellen, wenn es um Verbrechen gegen Dalits geht.

Der UN-Ausschuss gegen Rassendiskriminierung (Committee on the Elimination of Racial Discrimination – CERD) – eine Expertengruppe, die überwacht, wie die Mitgliedstaaten die UN-Rassendiskriminierungskonvention umsetzen – äußerte wiederholt Sorgen bezüglich kastenbasierter Diskriminierung in Nepal. Im Mai 2018 kritisierte er Nepal für die schlechte Umsetzung seiner Antidiskriminierungsgesetze. Laut dem Ausschuss werden Dalits weiter ausgeschlossen von Gebetsstätten, öffentlichen Räumen, öffentlicher Wasser- und Lebensmittelversorgung, Bildungseinrichtungen und Wohngebieten, in denen Angehörige anderer Kasten leben.

Der CERD forderte Nepal auf, sicherzustellen, dass die Polizei alle Beschwerden über rassistisch motivierte Diskriminierung erfasst. Die Fälle müssen gründlich untersucht, strafrechtlich verfolgt und sanktioniert werden. Auch forderten die UN-Experten, Nepal solle für eine angemessene Entschädigung der Opfer sorgen. Leider hat Nepal diesbezüglich kaum Fortschritte gemacht. Die Regierung versagt in ihrer Pflicht, Dalits zu schützen und die Verantwortlichkeit für kastenbasierte Verbrechen zu übernehmen. Dadurch erleben die Täter Straffreiheit, und die Dalits bleiben Diskriminierung und Gewalt weiterhin ausgesetzt.

Im Januar 2021 machte der UN-Menschenrechtsrat im Rahmen seiner regelmäßigen Überprüfung Vorschläge. Was daraus wird, bleibt abzuwarten. Gesellschaftliche Einstellungen ändern sich in der Regel langsamer, als neue Rechtsprinzipien in Kraft treten.

Rukamanee Maharjan ist Juradozentin an der Tribhuvan-Universität in Kathmandu.
rukamanee.maharjan@nlc.tu.edu.np

Kategorien: Ticker

E+Z/D+C 2021/07 – mo – now – Javier A. Cisterna Figueroa – Chile – foreign doctors

16. Juni 2021 - 15:24
Chile’s health system attracts waves of foreign doctors but many can’t find jobs

 

Of the current influx of foreign doctors, the vast majority are from Venezuela, which is gripped by a severe political and economic crisis. Most of the others come from Ecuador, Colombia, Cuba and other Latin American countries.

They come for a variety of reasons: to escape crises in their home countries, to build a better life for their families, or to earn higher incomes than they can at home. In some cases they fill jobs in remote parts of the country that have trouble attracting Chilean doctors.

Yet many foreign doctors complain of a difficult path to establishing themselves in Chile. They are particularly unhappy about a requirement to pass a certain national test before they can practice – even though many Latin American countries have agreements with Chile for mutual recognition of professional qualifications.

The test they must pass, called Eunacom (Examen Único Nacional de Conocimientos de Medicina), is a theoretical and practical exam in general medicine given to recent graduates of Chilean medical schools and to incoming foreign doctors. The aim is to ensure that those authorised to practice in Chile’s public health system meet the government’s high standards of competence. Long-practicing Chilean doctors who have passed the test once do not need to take it again.

The test is given twice a year, in July and December, and the results have shown consistent differences between Chilean recent graduates and foreign doctors. Of the 2,393 candidates who took the test in December 2020, for example, 2,129 were foreigners and 264 were Chileans. The results were startling: 96 % of Chileans passed, compared to only 64 % of foreign candidates.

The Chilean Association of Foreign Doctors says the fault lies with the test itself, not with the doctors. Eunacom is a general exam, appropriate for testing new graduates about a wide range of medical topics, but not appropriate for those who graduated years ago, says executive director Manuel Araneda. "Experienced doctors who come to Chile have since specialised," he says.

Moreover, foreign doctors complain about additional tests administered by specialised medical societies to applicants from abroad. They claim a lack of transparency and conflict of interest, saying in effect that Chilean medical specialists are trying to bar foreign competitors.

The Eunacom and specialised tests pose such hurdles that many foreign doctors spend years working in informal jobs while looking for a foothold in their fields.

One example is Mijail Solomonoff, a Venezuelan orthopaedic specialist and a member of the Andrés Bello Association of Venezuelan Doctors, a group that supports foreign doctors in Chile. He spent his first year in Chile navigating various barriers while working as a home-care provider. His current job is in a private clinic. Chile’s private-sector clinics supplement the care available under the country’s universal public health-care system.

Solomonoff believes foreign doctors deserve a warmer welcome in Chile. "We are professionals whose training cost the state nothing,” he says. “Chile should take advantage of our services. If it does not do so, many of us will go elsewhere or will look for jobs outside the public-sector system."

Javier A. Cisterna Figueroa is a Chilean journalist based in Concepción.
cisternafigueroa@gmail.com

Normal
0

21

false
false
false

ES-CL
X-NONE
X-NONE

/* Style Definitions */
table.MsoNormalTable
{mso-style-name:"Normale Tabelle";
mso-tstyle-rowband-size:0;
mso-tstyle-colband-size:0;
mso-style-noshow:yes;
mso-style-priority:99;
mso-style-parent:"";
mso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt;
mso-para-margin:0cm;
mso-pagination:widow-orphan;
font-size:12.0pt;
font-family:"Calibri",sans-serif;
mso-ascii-font-family:Calibri;
mso-ascii-theme-font:minor-latin;
mso-hansi-font-family:Calibri;
mso-hansi-theme-font:minor-latin;
mso-bidi-font-family:"Times New Roman";
mso-bidi-theme-font:minor-bidi;
mso-ansi-language:ES-CL;
mso-fareast-language:EN-US;}

Kategorien: Ticker

E+Z/D+C 2021/07 – op – José Siaba Serrate – greening the financial system

16. Juni 2021 - 14:28
For good reason, central banks are increasingly paying attention to climate risks

In 2008, the default of the investment bank Lehman Brothers destroyed trust within the financial sector and triggered the global “great recession”. If humankind fails to stop global heating, a climate default will cause harm that is several orders of magnitude greater. Expansionary monetary and fiscal policies can repair financial damage, but severe climate change would be irreversible. We are already witnessing droughts, floods, storms and heatwaves, and the macro-economic consequences can become devastating.

#or example, natural disasters might cause the default of systemically relevant corporations, causing chain reactions as happened with Lehman Brothers. Moreover, rising food prices after failed harvests could trigger inflation. Another worry is that formerly valuable assets may become obsolete. For example, investments in coal mines or oil fields might prove worthless if demand for fossil fuels drops dramatically.

Because of these and other risks, the climate crisis is set to hurt balance sheets, reduce economic output, shatter confidence and undermine financial stability. The good news is that central banks are increasingly aware of the risks. Their leaders know, moreover, that the risks will keep getting worse unless there is a global transformation to zero emissions. That must be achieved by 2050 at the latest if global heating is not to exceed 1.5 degrees Celsius above preindustrial levels.

Obviously, central banks have a role to play in making the promises of the Paris Climate Agreement come true. In December 2017, a group of eight central banks and financial-regulation authorities therefore established the Network for Greening the Financial System (NGFS). It has grown fast. In April 2021, it included 90 central banks and financial supervisors plus 13 observing institution.

Central Banks have mandates: usually, preventing inflation and keeping full employment. Now they understand that climate issues belong within their mandates. The challenge is to ensure that the financial system channels capital to environmentally sustainable businesses. In this setting, central banks and financial regulators should:

  1. insist on the disclosure of climate-relevant data,
  2. develop data standards and metrics and
  3. start running climate stress tests.

Moreover, they should adjust their credit operations, collateral utilisation and asset purchases.

Private-sector firms too are increasingly becoming aware of climate issues. Larry Fink, the chief executive of the asset-managing company Black Rock, prominently stated in early 2020 that higher market valuations will be the reward for companies that are “seen to embrace the climate transition and the opportunities it brings”. Indeed, sustainability-oriented funds outperformed market benchmarks last year.

In April this year, a new global platform was launched that unites over 160 leading financial-sector companies which together are responsible for assets worth more than $ 70 trillion. Insurance and reinsurance companies are expected to join soon. The platform is called the Glasgow Financial Alliance for Net Zero (GFANZ). Its mission is to commit the entire financial system to the net-zero goal. That will require:

Moreover, GFANZ is supposed to campaign for climate-friendly public policies. Indeed, governments must create the right policy environment. In order to bear much of the burden of the transition to sustainability, the private sector needs predictability. Governments must set the right incentives, for example by making polluters pay an appropriate price for carbon emissions.

In the Paris Agreement, all UN members have committed to related action at the national level. For the goals to be achieved, however, they will have to ramp up their pledges at the Glasgow climate summit in November (see D+C/E+Z Focus section on climate action). If that happens, financial-sector institutions should prove allies for net-zero strategies.

José Siaba Serrate is an economist at the University of Buenos Aires and the University of the Centre for Macroeconomic Study (UCEMA), a private university in Buenos Aires. He is also a member of the Argentine Council for International Relations (CARI).
josesiaba@hotmail.com

Kategorien: Ticker

E+Z/D+C 2021/07 – bl – Hans Dembowski – G7

14. Juni 2021 - 14:28
To claim world leadership, the G7 must do more than what its members agreed in Carbis Bay

The most pressing issue is the Covid-19 pandemic. Global action is urgently needed. In late May, the international monetary fund made a proposal G7 could – and should – have adopted. According to IMF, it would cost $ 50 billion to launch a program that would vaccinate 40 % of the population of every country by the end of this year and another 20 % until July 2022. The efforts would have included more than only vaccinating people. The proposal took into account issues like testing, treatment of patients and the general strengthening of healthcare.

Instead of raising ambitions that way, the G7 only pledged to make available 1 billion vaccine doses by the end of this year. That is a step in the right direction - but only a tiny one. Tedros Ghebreyesus, the head of the World Health Organization, reckons that 11 billion doses would be needed to vaccinate 70 % of the world population by the time the G7 meet again in Germany next year.

No, the G7 on its own cannot launch the kind of programme the IMF proposed. Quite obviously, various multilateral institutions and especially UN organisations must be involved. It is equally obvious that none of these agencies nor any major governments would have stood in the way. According to the IMF, the G7 would have had to bear 70 % of the costs, contributing $ 35 billion, of which, however, 22 billion have already been pledged. In view of trillions worth of domestic-level programs to keep national economies growing, these sums are very small.

The G7 needs to do more than convince itself that its members can cooperate. If it wants to lead the international community it must show how global problems can be solved and do its part to make that happen. The domestic TV audience is not all that matters. In fact, people around the world are watching prosperous nations opening up fast thanks to progressing vaccination campaigns, while Covid-19 remains a huge threat in other parts of the world.

The message the G7 sent to Africa, Asia and Latin America was basically: you folks will get our surplus vaccines once we are all safe. In the meantime, feel free to watch Europe’s national football teams compete for the European championship in stadiums attended once more by fans, though still not entirely packed due to some social distancing rules still being observed. The football fans concerned are probably vaccinated – but paramedics, nurses and doctors in sub-Saharan Africa are not, and typically they cannot even test whether their patients are Covid-19 positive or not.

In other fields of policymaking, the G7 announcements similarly fell short. Tiny steps in the right directions are not enough. Developing countries want to know how and when the G7 will live up to its decade-old pledge to mobilize an annual $ 100 billion in climate finance, including private-sector investments. That sum was supposed to flow last year, but experts estimate that only $ 70 billion to $ 80 billion were actually made available. How much will be disbursed this year? And will last year’s shortfall be compensated? Who is monitoring the matter?

G7 members will hear those questions at the next climate summit in Scotland in November. Spelling out answers now would have created goodwill. By comparison, the additional climate spending pledged in Cornwall is good – but definitely not good enough.

If the G7 wants to lead, it must not only keep its long-standing promises, but must also set an example in regard to scaling up ambitions. The announcement of a date by when the G7 will  stop using coal-fuelled power plants would have been welcome. Instead, the G7 only stated that support for coal-based projects in developing countries will end in the next two years. However, exceptions are to be made if projects include carbon capture and storage (CCS), a controversial technology that in the eyes of environmentalists’ should only be made minimum use of when carbon emissions are inevitable. CCS should not serve as a pretext for extending coal usage. On the other hand, $ 2 billion were pledged to help partner countries shift away from coal-fuelled electricity generation. That is better than nothing, but it clearly is not good enough.

In regard to international infrastructure development, the G7 intends to counter China’s Belt and Road Initiative. That is not a bad idea, especially if the G7 pays more attention to issues like environmental sustainability, social impact and good governance in general. In tangible terms, however, the G7 only agreed to establish a working group on the matter.

According to G7 rhetoric, one summit goal was to show the world that democracy matters. Criticising atrocious human rights abuses in China serves that purpose. But if the world’s most prosperous democratic nations really want to lead the international community, they must consider global challenges and offer convincing solutions.

Hans Dembowski is editor in chief of D+C/E+Z.
euz.editor@dandc.eu

Kategorien: Ticker

Unerfülltes Versprechen gut bezahlter, sicher Jobs

14. Juni 2021 - 12:58
Duncan Green von Oxfam erläutert, warum sich ökonomisches Denken derzeit ändert

Jahrzehntelang hat marktorthodoxes Denken die internationalen Finanzinstitutionen geprägt. Ist Wohlstand nach unten durchgesickert?
Es ist nicht viel unten angekommen, aber es ist kräftig nach oben umverteilt worden. Die Ungleichheit ist gewachsen und die ökologischen Schäden sind riesig. Die Ideologie des freien Marktes hat in reichen Ländern zur Finanzrealisierung geführt: früher diente die Finanzwirtschaft der Volkswirtschaft, heute ist es umgekehrt. Auch die Exportsektoren von Entwicklungs- und Schwellenländern dienen der Finanzwirtschaft. Eine kleine Oligarchie ist reicher geworden, den Armen hingegen geht es schlechter – und ihre Zahl ist gewachsen.

Sieht das nicht in Entwicklungs- und Schwellenländern anders aus? Die Kaufkraft ist vielfach gestiegen. Bangladesch ist ein Beispiel. Als ich vor vier Jahren in Dhaka war, machte mein Gastgeber mich darauf aufmerksam, dass in der Stadt niemand mehr barfuß war. Anfang der 1990er Jahre waren dort manche Menschen so arm, dass gelegentlich sogar Erwachsene nackt in der Öffentlichkeit auftauchten.
Ja, ein paar Brotkrumen sind vom Tisch gefallen, aber nur recht wenige. Wenn Länder Wachstumsraten wie Bangladesch haben, nimmt die Wirtschaftstätigkeit zu, und davon profitieren auch Arme. Das gilt ebenso für Indien und verschiedene andere Länder. Aber Flipflops sind kein Zeichen von stabilem Wohlstand. Viel zu viele Menschen hängen weiterhin vom informellen Sektor ab – nicht nur, aber besonders in Südasien und Afrika. Das Versprechen, Wirtschaftswachstum werde massenhaft sichere und gut bezahlte Jobs schaffen, hat sich nicht erfüllt.

Also gab es keinen echten Fortschritt im Kampf gegen die Armut?
In manchen ostasiatischen Staaten ist die Lage besser. Sie sind einem anderen marktwirtschaftlichen Paradigma gefolgt, das nicht mittels Deregulierung nur auf die Minimierung staatlicher Eingriffe fokussiert. Sie haben Industriepolitik betrieben, um bestimmte Branchen international wettbewerbsfähig zu machen und ihre Volkswirtschaften allmählich zu industrialisieren. Frühe Beispiele waren Südkorea und Taiwan, aber China und Vietnam machen das ähnlich. Die Fortschritte, die sie in der Armutsbekämpfung gemacht haben, sehen stabiler aus.

Unter welchen Bedingungen geschieht das?
Das ist schwer zu sagen; es gibt keine magische Formel. Klar ist, dass der Staat eine gewisse Autonomie haben muss, also nicht von Sonderinteressen dominiert werden darf. Auch die Privatwirtschaft ist wichtig. Wo große Ungleichheit herrscht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass mächtige Interessen sich den Staat unterwerfen. Die superreiche Elite kauft dann nach Belieben politische Entscheidungen.

Wer bildet die Mittelschicht, und welche Rolle spielt diese im Entwicklungsprozess?
In der internationalen Debatte bedeutet Mittelschichtzugehörigkeit, dass Menschen sich keine Sorgen darüber machen müssen, ob sie morgen etwas zu essen bekommen, und sich folglich um mehr als ihre unmittelbaren Bedürfnisse kümmern können. Die konventionelle Einschätzung ist, dass sie dann in der Politik mitreden wollen. Das stimmt aber nicht überall. Auf eine Art Mittelschichts-Gegenrevolution in China wird seit Jahrzehnten ergebnislos gewartet. Andererseits haben sich Südkorea und Taiwan tatsächlich demokratisiert. In Indien dagegen unterstützen sehr viele Mittelschichtsangehörige auf katastrophale Weise zunehmend autoritäres Regierungshandeln. Es gibt keinen Automatismus, der auf Wirtschaftswachstum das Entstehen einer fortschrittlichen Mittelschicht folgen ließe. Die große Frage ist, mit wem sich die Mittelschicht verbindet. In Brasilien war die Arbeiterpartei (PT) lange eine mächtige Allianz von der Mittelschicht mit den Armen. Vielleicht hat sie bei den Wahlen nächstes Jahr wieder Erfolg.

Was lässt Menschen der Armut entkommen?
Nötig sind Sozialpolitik plus Arbeitsplätze. Eine Lehre der Corona-Pandemie ist, dass es dort, wo es funktionierende Sicherungssysteme gab, vergleichsweise leicht fiel auf die Krankheit zu reagieren und die bestehenden Systeme auszuweiten. Vielleicht bauen Nationen ihre soziale Sicherung nun langfristig aus. Das wäre jedenfalls eine gute Konsequenz dieser schrecklichen Gesundheitskrise.

Was ist für nachhaltigen Mittelschichtswohlstand erforderlich?
Politische Stabilität und Rechtssicherheit sind wichtig. Darüber hinaus kommt es auf soziale Infrastrukturen an. Niemand sollte für Strom Schmiergeld zahlen müssen. Zugang zu Bildungs- und Gesundheitswesen ist unverzichtbar. Wer sehr reich ist, schickt seine Kinder auf die Harvard-Universität oder die London School of Economics. Diese Leute reisen auch für Arztbesuche ins Ausland – oder fürs Shopping. Mittelschichten können sich so etwas nicht leisten. Sie sind auf das angewiesen, was vor Ort erhältlich ist. Das macht sie potenziell tatsächlich zu wichtigen Akteuren für gesellschaftlichen Fortschritt – nur handeln sie halt nicht immer entsprechend.

Ist nationalstaatliche oder multilaterale Politik nötig, um Armut zu beenden?
Beides ist nötig. Die wichtigsten Instrumente für Armutsbekämpfung sind nationalstaatlich, und wirkungsvolles Regierungshandeln ist wesentlich. Andererseits brauchen wir multilaterale Politik für globale öffentliche Güter. Kein Einzelstaat kann das Klima allein schützen. Gesundheitsrisiken erfordern globales Handeln. Was Steuern angeht, muss der Wettlauf nach unten beendet werden. Es gibt für globale öffentliche Güter noch viele weitere Beispiele …

Der Internationale Währungsfonds (IWF) weicht seit einiger Zeit von der Doktrin freier Märkte ab. Er spricht sich für einen starken Staat und massive öffentliche Ausgaben aus. Ist dieser Wandel echt?
Wenn Sie sich anschauen, wie der IWF sich gegenüber einzelnen Partnerregierungen gibt, sehen Sie nicht viel Veränderung. Die Ermahnungen zu solider Haushaltsführung und so weiter bestehen fort. Aber im multilateralen Kontext hat sich der Fonds stark gewandelt. Aus meiner Sicht entspricht das der professionellen Debatte unter Ökonomen. Die Ideologie des freien Marktes ist offensichtlich gescheitert. Staatsausgaben und Haushaltsdefizite lösen ihr zufolge Inflation aus. Aber das ist nicht geschehen – und zwar weder heute noch nach der globalen Finanzkrise von 2008. Zudem sind, wie schon erwähnt, die vielen in Aussicht gestellten guten Arbeitsplätze ausgeblieben. Vor ein paar Wochen urteilte das Londoner Wirtschaftsmagazin Economist, das internationale Paradigma verändere sich derzeit zugunsten eines starken Staates. Ein Beleg dafür, dass sich tatsächlich etwas tut, ist das ungeheure Ausmaß, in dem Präsident Joe Biden die Staatsausgaben der USA steigern will.

Früher unterstützte der IWF meist die Politik des Weißen Hauses, diesmal änderte er jedoch sein Konzept lange vor Bidens Amtsantritt.
Die Geometrie der internationalen Politik ist hoch variabel. Früher dachten zivilgesellschaftliche Organisationen, sie wüssten, wer die Guten und wer die Bösen sind. Heute ist alles sehr verwirrend, weil immer wieder neue, ungewohnte Allianzen entstehen. In der Klimapolitik ergreifen plötzlich Städte die Initiative und dann Versicherungsunternehmen oder andere Großinvestoren. Inzwischen beschäftigen sich Zentralbanken und Gerichte mit Klimathemen. Für kluge Bündnispolitik müssen wir uns in Akteure mit völlig unterschiedlichen Hintergründen hineindenken und können uns nicht einfach nur mit Gleichgesinnten zusammentun.

Wie passen die Rechtspopulisten ins Bild? Einerseits wettern sie gegen Globalisierung und sagen unzufriedenen Menschen, sie würden betrogen. Andererseits nutzen sie, wenn sie in politische Ämter gewählt werden, die staatlichen Mittel nicht, um die Lebenslage ihrer Wähler zu verbessern. Regelmäßig dienen sie dagegen den Interessen einer superreichen Minderheit, die den Staat ablehnt, weil sie weder Steuern zahlen noch Umweltregeln oder Arbeitsnormen akzeptieren will. Rechtspopulisten leugnen den Klimawandel, sind sozialpolitisch eher unbedarft und scheinen mehr an Polarisierung als an Problemlösung interessiert zu sein. Multilaterale Organisationen wollen dagegen globale Probleme angehen.
Das Szenario ist sehr verwirrend. Es gibt in der Tat den Trend, dass arme Menschen mit geringer Bildung rechts wählen, während wohlhabende, hochgebildete Menschen Mitte-links-Parteien vorziehen. Marxisten fällt es schwer, das zu erklären. Ich teile aber Ihre Einschätzung nicht, dass die Superreichen den Staat ablehnen. Sie sind Opportunisten. Wenn sie in Krisen Rettungsschirme brauchen, lieben sie den Staat. Sie wollen von ihm in guten Zeiten nur nicht eingeschränkt werden. Sie lehnen den Staat nicht ab, sie wollen ihn sich unterwerfen und kontrollieren.

Duncan Green ist Senior Strategic Adviser von Oxfam Britain und Professor für entwicklungspolitische Praxis an der London School of Economics.
d.j.green@lse.ac.uk
twitter: @fp2p

Kategorien: Ticker

Rückblick auf die Apartheid

14. Juni 2021 - 11:14
Südafrikas Apartheid war ein grausames, rassistisches System

1948 gewann die Nationalpartei Wahlen, an denen nur Weiße teilnahmen. Sie vertrat die Interessen der Afrikaaner, der weißen Siedler überwiegend niederländischer Herkunft. Diese sahen das Ergebnis als Triumph über die südafrikanischen Briten. Die Nationalpartei bestand dann mit brutaler Effizienz auf Rassentrennung, worunter die schwarze Mehrheit zu leiden hatte.

Schwarzen waren viele Orte und öffentliche Einrichtungen verschlossen. In die Innenstädte durften sie nur, um zu arbeiten. Wo sie wohnen durften, war eng begrenzt. Die Versorgung ihrer Stadtteile war schlecht und ihr Zugang zur Justiz begrenzt. Gewerkschaften waren zwar nicht verboten, aber Apartheid-Gesetze schränkten sie so sehr ein, dass sie die Interessen schwarzer Belegschaften nicht wirkungsvoll vertreten konnten. Mischehen waren illegal.

Gold, Diamanten und andere Rohstoffe trieben die Wirtschaft an. Der Bergbau, der schwarze Arbeitskräfte ausbeutete, ließ das weiße Südafrika prosperieren. Allerdings wuchs der Widerstand im In- und Ausland.

1976 flammten Protest und Gewalt in Soweto bei Johannesburg auf und griffen bald auf das ganze Land über. In der Folge riefen zivilgesellschaftliche und kirchliche Gruppen weltweit zum Boykott südafrikanischer Produkte auf. 1986 beschloss sogar der US-Kongress Wirtschaftssanktionen. Derweil waren Befreiungsbewegungen in Nachbarländern – besonders in Mosambik, Angola und Simbabwe – zunehmend erfolgreich, sodass Südafrika zunehmend isoliert war. Sein Militär aus weißen Freiwilligen war sichtlich überfordert.

Derweil führte die Unterdrückung der Schwarzen im Inland zu immer deutlicherer internationaler Ächtung. Die Spitze der Nationalpartei begann – zunächst im Geheimen – Verhandlungen mit dem ANC (African National Congress). Präsident Frederik Willem de Klerk dachte, ein Abkommen mit dem ANC werde Sonderrechte und Privilegien für die Weißen sichern – und zwar besonders für die Afrikaaner.

Es kam aber anders. Der ANC wurde legalisiert, und die Versammlung für ein demokratisches Südafrika (Convention for a Democratic South Africa – CODESA) nahm 1990 die Arbeit auf. Viele Anti-Apartheids-Organisationen nahmen teil, aber die Hauptrollen spielten der ANC und die Nationalpartei. In langen und intensiven Debatten entstand eine liberale Verfassung, die Grundrechte für Individuen, aber nicht für Bevölkerungsgruppen vorsieht. Der ANC ist seit den ersten demokratischen Wahlen von 1994 an der Macht – mit gemischten Ergebnissen (siehe Haupttext).
 

Jakkie Cilliers ist der Gründer und ehemalige Exekutivdirektor des gemeinnützigen Institute for Security Studies mit Büros in Südafrika, Senegal, Äthiopien und Kenia.
jcilliers@issafrica.org

Kategorien: Ticker

Neues Narrativ ist nötig

14. Juni 2021 - 10:54
Südafrika braucht einen inklusionsorientierten neuen Gesellschaftsvertrag

Der African National Congress (ANC) regiert Südafrika seit der ersten demokratischen Wahl 1994. Damals siegte die Partei triumphal und beendete die schändliche Rassentrennung der Apartheid (siehe Kasten). Als das Kabinett des Freiheitskämpfers Nelson Mandela damals sein Amt antrat, schienen Ministerien geradezu menschenleer und viele Akten waren verschwunden. Zahlreiche Beamte schieden aus dem Staatsdienst aus, während andere sich ängstlich bedeckt hielten und Rache fürchteten. Belastende Akten hatten sie jedenfalls vernichtet.

Seither hat sich einiges getan. Die Regierung ist merklich an der Einbindung aller Bevölkerungsgruppen interessiert. Niemand zweifelt das Prinzip schwarzer Mehrheitsherrschaft an. Im Staatsdienst arbeiten vor allem Schwarze. Durch Rassismus entstandenes Misstrauen lebt aber fort, und die Behörden arbeiten weniger effizient als sie sollten. Identitätspolitik behindert nun in neuer Form Fortschritt und Wohlstandsmehrung.

Anfangs schienen die Dinge vielversprechend. Unter Mandela lehnte der ANC nach 1994 rassistisches Denken komplett ab. Erzbischof Desmond Tutu sprach von einer „Regenbogen-Nation“ und schuf so eine Grundlage für echte Versöhnungsbemühungen auf allen Seiten. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission dokumentierte unmissverständlich die Brutalität der Apartheid. Das trug zur Aufarbeitung der Vergangenheit bei. Südafrika schien sich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen.

Die Volkswirtschaft erlebte zwei Jahrzehnte lang rasantes Wachstum. Das spiegelte den Optimismus teils wider. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf stieg von 9100 Dollar 1993 auf 12 500 Dollar 2014 (siehe Grafik). Die Wirtschaftspolitik folgte von 1996 mit großem Erfolg dem Motto „Wachstum, Beschäftigung und Umverteilung“. Von 1999 an hielt Mandelas Nachfolger Thabo Mbeki daran fest. Die Regierung förderte Wachstum und machte Sozialpolitik zugunsten der Armen.

Das funktionierte nicht auf Dauer. Die Wirtschaftsleistung sank während der korrupten Präsidentschaft Jacob Zumas, eines Traditionalisten, der 2009 Staatschef wurde und 2014 in Wahlen bestätigt wurde. Es waren verlorene Jahre. 2019 betrug das Pro-Kopf-Einkommen nur noch 12 200 Dollar und – dank Covid-19 – 2020 sogar nur noch 11 100 Dollar. Das Schlagwort vom „verstrickten Staat“ (State capture) wird damit verbunden. Es steht für die Verquickung von Privatinteressen mit dem Regierungshandeln. Bis heute untersucht eine Justizkommission Korruptionsfälle.

Leider erstarkte in den Jahren des Niedergangs die Identitätspolitik. Die Partei Economic Freedom Fighters (EFF – ökonomische Freiheitskämpfer) gewinnt mit aggressiver anti-weißer und anti-indischer Propaganda viel Zuspruch. Ihr charismatischer Vorsitzender Julius Malema wirft dem ANC vor, dem „weißen Monopolkapital“ zu dienen. Weiße zögen hinter der ANC-Fassade immer noch die Strippen. Die EEF sind inzwischen die drittstärkste Partei im Parlament. Ihr umgekehrten Revanche-Rassismus vorzuwerfen, ist nicht übertrieben.

Umverteilung

Viele Menschen denken folglich, die weiße Minderheit führe in Südafrika heimlich immer noch Regie. So sehen das auch manche ANC-Mitglieder. Die Fakten sprechen allerdings dagegen. Das Steuersystem ist progressiv. Der Staat unterstützt arme Schwarze mit erheblichen Summen. Etwa 19 Millionen von 60 Millionen Südafrikanern bekommen Sozialleistungen, und das Staatshandeln ist konsequent auf „black empowerment“ (Befähigung der Schwarzen) ausgerichtet.

So gehören denn auch die Bildungsausgaben Südafrikas mit rund 6,5 Prozent der Wirtschaftsleistung zu den höchsten der Welt. Wasser-, Strom- und Sanitärinfrastruktur werden systematisch ausgebaut und schwarze Unternehmer großzügig gefördert. Privatfirmen werden ermutigt, im Interesse der schwarzen Mehrheit zu handeln – und Gesetze erzeugen entsprechenden Druck. Vielfältige Belege weit verbreiteter Korruption tragen aber dazu bei, dass viele annehmen, der ANC beute arme Schwarze aus.

In mancher Hinsicht – besonders, was Grundbesitz angeht – bleibt der Fortschritt zugunsten schwarzer Bürger sehr langsam. Ursächlich sind aber nicht irgendwelche Verschwörungen. Vielmehr ist die Verwaltung ineffizient, verschwenderisch und korrupt. ANC-Mitglieder auf Führungspositionen zu berufen, sollte schwarze Interessen stärken, aber das Ergebnis war leider auf der Ebene von Kommunen und Provinzen allzu oft behördlicher Stillstand. Manche staatlichen Dienstleistungen werden gar nicht erbracht.

Dafür gibt es aber auch noch andere Gründe. Vor allem schränkt ungenügendes Wirtschaftswachstum unsere Möglichkeiten ein. Südafrika braucht beschäftigungsintensives, hohes und anhaltendes Wachstum, um über die Jahrzehnte neue Chancen für alle zu schaffen. So können Ungleichheit und Verelendung überwunden werden. Damit die Aussichten der schwarzen Mehrheit besser werden, muss zusätzlicher Wohlstand entstehen. Mit dem Versuch, nur bestehenden Wohlstand umzuverteilen, führte Zuma das Land in eine Sackgasse.

2018 wurde Cyril Ramaphosa Zumas Nachfolger. Er spricht anders und verhält sich anders. Er hat den Niedergang gestoppt, es aber auch wegen Verschwendung, mangelnder Rechenschaftspflicht und genereller Konfusion im Staatsdienst bislang nicht vermocht, einen neuen Aufschwung auszulösen. Die Corona-Pandemie hat das Land zusätzlich hart getroffen. Ramaphosa spielte als ANC- und Gewerkschaftsfunktionär im Kampf gegen die Apartheid eine wichtige Rolle und ist später im Privatsektor zu einem der reichsten Bürger Südafrikas geworden.

Um voranzukommen, braucht Südafrika ein neues Narrativ. Es muss an die Vision der Regenbogen-Nation anknüpfen und im Blick auf Gegenwart und Zukunft Verbindendes und nicht Trennendes betonen. Hautfarbe und Wohlstand korrelieren in Südafrika, aber die Aufmerksamkeit muss darauf gerichtet werden, allen Chancen zu eröffnen. Rassistisches Denken hat zu den Krisen der Vergangenheit beigetragen. Wir dürfen darin nicht verharren.

Das heißt aber auch, dass die Aufarbeitung unserer Geschichte wichtig bleibt. Schmerzhafte Erinnerungen können auf hilfreiche Weise lehrreich sein. Ein neuer Gesellschaftsvertrag kann nur gelingen, wenn alle Parteien sich der Frage stellen, wie die Apartheid zustande kam, was sie bedeutete und wie sie endete. Die Lehre daraus ist, dass Hautfarbe keine Sonderrechte begründen darf.

Jakkie Cilliers ist der Gründer und ehemalige Exekutivdirektor des gemeinnützigen Institute for Security Studies mit Büros in Südafrika, Senegal, Äthiopien und Kenia.
jcilliers@issafrica.org

Kategorien: Ticker

Zusätzliche Verwendung

14. Juni 2021 - 10:05
Was es im Kampf gegen Covid-19 bedeutet, neue Einsatzmöglichkeiten für etablierte Medikamente zu finden

Ein neues Medikament zu entwickeln dauert rund 15 Jahre und kostet mindestens eine Milliarde Dollar. Die Medikamentenentwicklung verläuft in fünf Schritten:

  • Entdeckung des Präparats,
  • präklinische Testung,
  • klinische Testung in drei Phasen,
  • Zulassung durch eine internationale Aufsichtsbehörde wie die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) oder die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) und
  • Überwachung der Sicherheit nach der Markteinführung.

Durch Umwidmung können bis zu sieben Jahre Zeit und hunderte Millionen Dollar eingespart werden. Der erste Schritt wird komplett übersprungen. Gesundheitssysteme können von der Umwidmung generischer Medikamente profitieren. Denn sie sind nicht durch geistige Eigentumsrechte geschützt und somit deutlich günstiger. Zudem gibt es in vielen Entwicklungsländern Produktionsstätten für Generika, was sie von Importen unabhängiger macht.

Aspirin ist das Paradebeispiel für eine solche Umwidmung. Ursprünglich war es Ende des 19. Jahrhunderts vom deutschen Pharmaunternehmen Bayer als Medikament gegen Schmerzen und Fieber zugelassen. 

Später wurde aber Aspirin für viele andere Indikationen umgewidmet, darunter Blutgerinnsel, manche Krebsarten sowie  Entzündungen wie rheumatoide Arthritis. Der Wirkstoff von Aspirin is Acetylsalicylsäure. Er kann aus Pflanzen gewonnen werden und wurde seit Jahrtausenden von verschiedenen Kulturen in der traditionellen Medizin verwendet.

Branchenbeobachter warnen jedoch, Umwidmungsregulierungen gut auszuarbeiten, damit die Unternehmen keine übermäßigen Gewinne daraus erzielen. Andererseits profitieren spezialisierte Pharmaunternehmen, die sich auf innovative patentgeschützte Medikamente spezialisiert haben, wenn sie durch Umwidmung Markenprodukte für mehr als eine Anwendung verkaufen können.

Covid-19

Das neue Coronavirus hat zur schlimmsten Pandemie der Menschheitsgeschichte seit der Spanischen Grippe vor hundert Jahren geführt. In absoluten Zahlen ist die Corona-Pandemie sogar die schlimmste der Geschichte überhaupt. Bis zum 7. Mai 2021 wurden weltweit fast 160 Millionen Infektionen gezählt. Natürlich spiegeln diese Zahlen auch wider, dass die Weltbevölkerung auf inzwischen fast 7,8 Milliarden Menschen angewachsen ist – mindestens viermal mehr als zu Zeiten der Spanischen Grippe.

Bisher gibt es kein spezifisches Mittel gegen Covid-19, daher weckt die Umwidmung von Medikamenten Hoffnung. Etwa zwei Dutzend bereits existierender Medikamente werden derzeit als potenzielles Mittel gegen Covid-19 getestet. Für das Malaria-Mittel Hydroxychloroquine wurden bereits 321 Studien abgeschlossen und dokumentiert. Die entsprechenden Zahlen sind 85 für das antibakterielle Mittel Azithrmomicin, 52 für Favipiravir und 23 für Remdesivir – beides antivirale Mittel. Viele andere Medikamente wurden ebenfalls getestet. Bislang ist keines vollständig für die Covid-Behandlung zugelassen.

Dennoch hat die FDA eine Zulassung erteilt, Covid-19-Patienten unter bestimmten Umständen mit Remdesivir zu behandeln. Dieses Mittel heilt die Krankheit nicht, reduziert aber erwiesenermaßen die Dauer von Aufenthalten in Kliniken und auf Intensivstationen und die Notwendigkeit, Beatmungsgeräte einzusetzen. Es hat somit einen Wert im Sinne einer Notversorgung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält Remdesivir allerdings für nicht wirkungsvoll und warnt davor, das Mittel zu nutzen. Dennoch ist es gefragt – nicht zuletzt angesichts der aktuellen Corona-Welle in Indien.

Das Pharmaunternehmen Gilead Sciences hat Remdesivir ursprünglich zur Behandlung von Hepatitis C entwickelt. Später wurde es zur Ebola-Behandlung eingesetzt. Wirtschaftlich ist das Mittel durch die Umwidmung zu einem sehr viel wertvolleren Pharma-Produkt geworden. Laut Financial Times sind die Verkaufszahlen von Gilead im dritten Quartal 2020 um zwei Milliarden Dollar gestiegen. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, einen sehr hohen Preis zu verlangen – mehr als 3000 Dollar pro Behandlung. Es gibt jedoch an, das Mittel großzügig an Entwicklungsländer zu vergeben und diesen Produktionslizenzen zu gewähren. Derweil wird weiter diskutiert, wie wirksam das Mittel ist.

Vor der Covid-19-bezogenen Zulassung war Remdesivir ein Arzneimittel für seltene Krankheiten (orphan drug) und somit wirtschaftlich wenig attraktiv. In gewissem Umfang subventionieren die Industrienationen die Entwicklung von orphan drugs, wenn sie als notwendig erachtet werden.

Natürlich erfüllen sich nicht alle Hoffnungen. Als die Corona-Pandemie begann, glaubten viele auch an den Nutzen von Hydroxychloroquine. Berühmtester Befürworter war wohl der damalige US-Präsident Donald Trump, der zeitweilig alles daransetzte, Remdesivir in seinem Land zu horten. Gesundheitssysteme vieler Länder nutzten Hydroxychloroquine – bis die WHO es als nutzlos oder sogar gefährlich erklärte.

Fraglich bleibt, inwieweit Covid-19-Patienten dennoch weiterhin Hydroxychloroquine erhalten, was offenbar in diversen afrikanischen Ländern und vermutlich auch andernorts der Fall ist. Der Grund ist, dass Ärzte gerne Medikamente verschreiben, die sie für hilfreich halten. Regierungsempfehlungen und selbst Vorschriften werden vielerorts nicht stringent umgesetzt, besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Manche Antibiotika werden obsolet

Falsche Medikamentennutzung oder Überdosierung ist verheerend – nicht nur für den Einzelnen. Der wahllose Einsatz antimi­krobieller Arzneien ohne entsprechende Indikation verschärft ein weiteres immenses Gesundheitsproblem: Durch das Auftreten antibiotikaresistenter Stämme werden immer mehr wichtige Medikamente wirkungslos.

Heute sind die gefährlichsten Stämme gegen mindestens ein Antibiotikum resistent. Laut der WHO konnten 2018 fünf Prozent der Tuberkulose-Patienten nicht mit herkömmlichen TB-Medikamenten behandelt werden (siehe Roli Mahajan im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Papers 2020/03). Multiresistenzen sind auch bei Krebspatienten besorgniserregend. Eine weitere Herausforderung ist, dass Moskitos gegen Insektizide resistent werden mit der Folge, dass sich Malaria weiter ausbreitet.

Der – oft unnötige – Einsatz von Antibiotika bei Covid-19 wird die Nutzung der Arznei erhöhen, was wiederum das Auftreten von antimikrobiell resistenten (AMR) Stämmen wahrscheinlicher macht. Je häufiger ein antimikrobielles Medikament eingesetzt wird, desto eher treten resistente Stämme auf.

Ein Dauerthema, und besonders in Entwicklungsländern weit verbreitet, ist der unangemessene Einsatz von Medikamenten – etwa die Gabe des falschen Antibiotikums, Abbruch einer Behandlung, ehe der Patient geheilt ist, und Verunreinigung in den Produktionsstätten. Auch durch übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung in Industrienationen entwickeln sich immer mehr AMR-Stämme.

Neue antimikrobielle Medikamente sollten daher sparsam eingesetzt werden, damit ihre Heilkraft nicht schwindet. Das ist natürlich kontra-intuitiv; Ärzte setzen gerne Medikamente ein, die besonders gut wirken, und Patenthalter wollen den Umsatz maximieren, ehe Generika hergestellt werden.

Endloses Wettrennen

Die wissenschaftlich fundierte Gesundheitsversorgung ist gewissermaßen in einen nie endenden Wettlauf involviert. Die Herausforderung besteht darin, schneller wirksame Behandlungen zu finden, als es Mutationen gelingt, etablierte Behandlungsansätze hinfällig zu machen. Hier kann sich Arzneimittel-Umwidmung tatsächlich als hilfreich erweisen. Angesichts einer wachsenden Zahl an arzneimittel­resistenten Krankheitsvarianten wächst das Interesse an Umwidmung seit geraumer Zeit – schon bevor Covid-19 den Trend beschleunigte.

2020 startete die Trump-Regierung das Repurposed Generic Development Program in den USA, um das Testen in der präklinischen Phase, in klinischen Studien und in der Marktzulassung zu finanzieren und zu koordinieren. Man geht davon aus, dass die Umwidmung eines Medikaments etwa 200 Millionen Dollar kostet. Derzeit laufen Studien zu zwei generischen Mitteln. Sollte das Erfolge zeigen, wird dies das Interesse an Umwidmung weiter anfeuern.

Eine akademische Studie kritisiert, dass EU-Institutionen und Mitgliedregierungen das Potenzial von Umwidmung bisher nicht genug beachten. Pharmaunternehmen haben jetzt aber Interesse daran – auch in Indien, das in den vergangenen Jahrzehnten zur globalen Drehschreibe der Pharmaproduktion geworden ist. Die Pharmaindustrie war von Anfang an international ausgerichtet – Covid 19 hat das Interesse an ausländischen Märkten weiter verstärkt.

Krupali Patel ist Doktorandin am Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF).
pkrups78@gmail.com

Kategorien: Ticker

In den USA kämpfen Antirassisten an zwei Fronten

11. Juni 2021 - 13:17
Lehren aus der Geschichte rassistischen Denkens in den USA

Kendi räumt in seinem Vorwort zu dem 2016 erschienen Werk ein, dass die Arbeit von Geschichtswissenschaftlern immer von der Zeit geprägt wird, in der sie selbst leben. Er selbst schreibe in der Black-Lives-Matter-Ära. Erst 2020 sorgte dann der Tod von George Floyd durch Polizeigewalt in Minneapolis weltweite für Black-Lives-Matter-Demonstrationen. Leider töteten auch danach Polizisten immer wieder Schwarze.

Kendi unterscheidet zwischen individuellem und institutionellem Rassismus. Er betont, es gehe um viel mehr geht als um Hassgefühle. Institutioneller Rassismus bedeute, dass Angehörige einer bestimmten Gruppe gesellschaftlich benachteiligt würden – zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche oder im Bildungswesen.

Kendi zitiert amtliche Statistiken, die zeigen, dass institutioneller Rassismus in der Tat die USA prägt. So war von 2010 bis 2012 die Wahrscheinlichkeit, dass ein junger schwarzer Mann von der Polizei getötet wurde, 21 mal höher als für einen gleichaltrigen weißen Mann. Das Median-Vermögen weißer Haushalte lag um den Faktor 13 über dem schwarzer Haushalte. Der Anteil der Inhaftierten unter der schwarzen Bevölkerung war fünfmal größer als unter der weißen Bevölkerung.

Professor Kendi leitet an der Boston University das Center for Antiracist Research. Ihm zufolge kämpfen Antirassisten an zwei Fronten. Klar rassistisch agiere, wer Rassentrennung fordere. Weniger eindeutig, aber ebenfalls problematisch, sei die Haltung derer, die das Zusammenleben von Schwarz und Weiß für möglich halten, sofern sich Schwarze besser in die Gesellschaft integrierten. Damit werde den Schwarzen die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg gegeben, obwohl sie die Leidtragenden in einer unfairen Gesellschaft seien, deren grausame Sklaverei-Vergangenheit fortwirke.

Erschwerend kommt hinzu, wie Kendi ausführt, dass die geforderte Anpassung unmöglich ist. Wenn Schwarzen der Aufstieg gelinge, werde ihnen abgesprochen, dass sie ihre Bevölkerungsgruppe repräsentierten. Der Autor nennt Barack Obama als Beispiel dafür, wie erfolgreiche Schwarze seit langem als besondere Ausnahmen gewertet würden. Zugleich reagierten aber auch viele Weiße mit Aversionen auf erfolgreiche Schwarze. Niemand sei fehlerfrei, schreibt Kendi, weshalb auch niemand von Weißen Perfektion erwarte. Dagegen werde aber jede Schwäche eines schwarzen Individuums als Beleg mangelnder Integration ausgelegt, während Erfolge als untypisch abgetan würden. Diese Zwickmühle mache Integration unmöglich.

Ähnliche Erfahrungen machen ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen weltweit:

  • In allen westlichen Ländern gibt es die Tendenz, alle Muslime für islamistischen Terrorismus verantwortlich zu machen. Rechtsradikale Gewalttäter gelten dagegen als Einzeltäter, deren geistige Gesundheit infrage steht.
  • Systemische Ausgrenzung führt zu schlechteren Chancen in Bezug auf Beruf, Gesundheit und Wohnraum. Indigene in Lateinamerika oder Adivasis und Dalits in Indien erleben ebenso wie Schwarze in den USA, dass ihnen beispielsweise geringere Schulerfolge als persönliches Versagen vorgehalten werden, obwohl im Bildungswesen offensichtlich keine Chancengleichheit besteht.
  • Konservative Bürger weigern sich oft, über institutionellen Rassismus überhaupt zu sprechen, verweisen aber als Beleg dafür, dass sie selbst nicht rassistisch ticken, auf freundschaftliche Kontakte zu Angehörigen von Minderheiten.

Rassistisches Denken ist Kendi zufolge in der amerikanischen Geschichte immer den Interessen der reichen weißen Elite zugutegekommen. Heute lenke es beispielsweise von gesellschaftspolitisch wichtigen Themen wie dem allgemeinen Zugang zum Gesundheitswesen oder erschwinglicher Hochschulbildung ab. Antirassistische Politik könne auf diesen Feldern Fortschritte erreichen, die dann auch den Interessen der Mehrheit der weißen US-Bürger dienen würden.

Indessen warnt der Historiker vor allen Bestrebungen, die Debatte über Rassismus zu beenden. So sei die Vorstellung falsch gewesen, die USA hätten sich mit der Wahl eines schwarzen Präsidenten 2008 zu einer post-rassistischen Gesellschaft gemausert. Dass Obama ins Weiße Haus einzog, habe schließlich nichts an den Statistiken geändert, die institutionellen Rassismus belegen.

Freiheitsforderung von Sklavenhaltern

Kendis Studie ist umfassend. Sie führt aus, was heutiges rassistisches Denken in den USA mit den portugiesischen und spanischen Seefahrern zu tun hat, die im 15. Jahrhundert begannen, sich in fremde Kulturen einzumischen. Sie geht auf den Sklavenhandel im Kolonialzeitalter ein und hält fest, wie bizarr es ist, dass ausgerechnet Sklavenhalter die Freiheit Amerikas von der britischen Krone forderten. Thomas Jefferson, der Autor der Unabhängigkeitserklärung und einflussreiche dritte Präsident der USA, sprach sich sowohl gegen die Sklaverei als auch gegen ihre Abschaffung aus. Er besaß selber Sklaven – und eine von ihnen gebar seine Kinder.

Kendi erklärt, wie in den Südstaaten auch nach dem Bürgerkrieg Rassentrennung fortbestand. Die Sklaverei war zwar abgeschafft, aber die weiße Bevölkerung setzte ihre Vorherrschaft rücksichtslos durch. Verfassungszusätze, welche die Rechte der Schwarzen schützen sollten, wurden mittels bundestaatlicher Gesetze umgangen. Lynchmorde waren gang und gebe, wobei die Täter behaupteten, sie bestraften Verbrecher. Häufig warfen sie schwarzen Männern die Vergewaltigung weißer Frauen vor.  

Kendi erläutert auch, warum sich schwarze Intellektuelle wie W.E.B. Du Bois häufig für Anpassung aussprachen, und manche auch dabei blieben. Tatsächlich sei Rassentrennung selbst unter Wissenschaftlern erst inakzeptabel geworden, nachdem der Völkermord der Nazis gezeigt hatte, wohin die genetische Hierarchisierung von Menschen führen kann.  

Aus Kendis Sicht war der Voting Rights Act der 1960er Jahre die fortschrittlichste antirassistische Reform. Im Gegensatz zur übrigen Bürgerrechts-Gesetzgebung erzwang sie Ergebnisse, statt nur Intentionen zu benennen. Unter anderem brauchten die Südstaaten fortan für Wahlrechtsänderungen die Zustimmung der Bundesregierung. Allerdings entschied der Supreme Court 2013, das sei nicht mehr nötig – so dass mittlerweile Wahlgesetze wieder mit dem Ziel geändert werden, die Beteiligung der Schwarzen zu begrenzen.

2016 wurde Kendi’s „Stamped from the beginning“ mit dem National Book Award für Sachbücher ausgezeichnet. Im selben Jahr gewann Donald Trump die Präsidentschaftswahl. Kendi schreibt, er rechne nicht mit der baldigen Überwindung des Rassismus – aber langfristig werde es geschehen. Nötig seien Reformen, die Chancengleichheit für Schwarze schaffen.

 

Quelle
Kendi, I. X., 2016: Stamped from the beginning – The definitive history of racist ideas in America. New York, Nation Books.

Hans Dembowski ist chefredakteur von E+Z/D+C.
euz.editor@dandc.eu

Kategorien: Ticker

E+Z/D+C 2021/07 – mo – now – Farai Shawn Matiashe – Zambi – black soldier flies

11. Juni 2021 - 10:51
Innovative recyclers are turning larvae of black soldier flies into animal feed

Black soldier flies are harmless insects that are attracted to decomposing waste. They can be found in dumping grounds and urban landfills – but also in residential areas with uncollected garbage. Decomposing garbage is a health hazard for humans, not least because it offers a breeding ground for diseases such as cholera and typhoid.

A few Zimbabwean entrepreneurs see a business opportunity in both the decomposing waste and the black soldier flies. By carting away the garbage and putting it in specially-built cages for breeding black soldier flies, they have created an infrastructure for producing a new form of animal feed.

After collecting garbage, the entrepreneurs put it in net-bottomed cages, where it attracts male and female black soldier flies. After mating the flies lay eggs. These fall through holes in the netting into separate cages, where they hatch into maggots – the worm-like, juvenile form of the fly. The maggots are then harvested, mixed with plant-based feeds and sold as feed for fish and poultry.

This process has various benefits. It creates a cheap and protein-rich feed for farm animals, while also helping to solve the problem of uncollected urban waste. Also, removal of garbage from dump sites cuts down on methane and carbon dioxide emissions produced by decomposing waste. Both carbon dioxide and methane are greenhouse gases that worsen climate change.

One of Zimbabwe’s new black soldier fly entrepreneurs is Killian Ruzande, whose main business is raising fish at Eden Urban Farm in Waterfalls, on the outskirts of Harare. He began farming black soldier flies in April 2020 as a way to produce inexpensive feed for his fish-farming business.

“We use waste from garbage dumps nearby and also from our urban farm,” he says.  “We are recycling waste into a useful resource while also reducing greenhouse-gas emissions. Once we scale up our operation, we will be able to service the whole community.”

Among the first black soldier fly entrepreneurs in Zimbabwe is Josphat Nyika, based in Bindura, 88 kilometres northeast of Harare. He founded Zim Maggot Producers, a private limited company, in 2019 to sell maggot-based feeds to farmers in Zimbabwe, Malawi, Zambia and Botswana. The firm also sells mature maggots to farmers who use them for breeding black soldier flies.

Black soldier fly maggots are gaining acceptance as a supplemental animal feed, particularly as plant-based feeds such as soya and maize become more expensive, says Paul Zakariya, executive director of the Zimbabwe Farmers Union.

“The cost of feed for poultry farmers is a cause of concern,” he says. “We are now looking at promoting use of insect-based proteins to supplement other feeds. The key is to gather scientific evidence to guide the commercialising of this feed source.”

Farai Shawn Matiashe is a journalist in Mutare, Zimbabwe.
matiashefarai@gmail.com

 

Kategorien: Ticker

Für Kriminelle sind Arzneimittelfälschungen sehr lohnend

10. Juni 2021 - 16:38
Wegen gefälschter Arzneimittel sterben jährlich hunderttausende Menschen

Gefälschte Taschen, Uhren oder Schuhe sind ein Ärgernis für Hersteller, deren Produkte kopiert werden. Der Schaden für die Konsumenten ist jedoch gering. Anders sehe es beim Handel mit Arzneimittelfälschungen aus, deren Einnahme ein gesundheitliches Risiko für die Patienten berge. Im schlimmsten Fall könne die Einnahme von gefälschten Medikamenten sogar tödlich sein, warnt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development – OECD) und des Amtes der Europäischen Union für geistiges Eigentum (European Union Intellectual Property Office – EUIPO).

In der Anfang 2020 veröffentlichten Analyse haben die Autoren Ausmaß und Umfang der bislang wenig erforschten Arzneimittelfälschungen genauer unter die Lupe genommen. Doch was genau sind Arzneimittelfälschungen? Die Studie schließt sich einer gängigen Definition an. Demnach sind Arzneimittelfälschungen Medikamente, die falsche Angaben über ihre Zusammensetzung oder Herkunft machen. So können Inhaltsstoffe von den Angaben auf der Verpackung abweichen oder anders dosiert als angegeben sein. Im Gegensatz zu Generika wirken die gefälschten Medikamente also nicht unbedingt wie das Original. Generika sind legale Nachahmerpräparate, deren Wirkstoffe identisch mit einem Originalpräparat sind.

Laut den Autoren sterben jährlich zwischen 72 000 und 169 000 Kinder an Lungenentzündungen und über 100 000 Menschen an Malaria, weil sie mit gefälschten Medikamenten therapiert werden. Die Patienten sind größtenteils ahnungslos und erkennen die Produktfälschungen nicht.

Auch Umweltschäden durch die nicht fachgemäße Entsorgung von chemischen Substanzen oder soziale Schäden wie der Wegfall von Arbeitsplätzen in der Pharmaindustrie gehören der Studie zufolge zu den Auswirkungen der Fälschungen.

Die Autoren nennen unterschiedliche Ursachen für die Arzneimittelfälschungen. Zum einen sind die Gewinnmargen bei den gefälschten Medikamenten hoch. Der amerikanische Pharmaproduzent Pfizer rechnete beispielsweise aus, dass die Herstellung eines Kilogramms Heroin teurer und weniger gewinnbringend ist, als die Fälschung der gleichen Menge von Viagra. Fälschungen sind für kriminelle Organisationen also ein lukrativer Markt mit Wachstumspotenzial. Derzeit befinden sie sich laut OECD/EUIPO bereits auf Platz zehn der am häufigsten gefälschten Güter.

Eine weitere Ursache für die Attraktivität des Handels mit gefälschten Arzneien sind laut der Studie der wachsende Onlinehandel, der Kriminellen einen einfachen Zugang bietet, um gefälschte Arzneien an Zwischenhändler zu verkaufen. Gut gefälschte Verpackungen seien für die Konsumenten nur schwierig vom Original zu unterscheiden.

Als bedeutendste Ursprungsländer der Arzneimittelfälschungen nennt die OECD/EUIPO-Studie Indien und China, während Singapur und Hongkong als die wichtigsten Transitländer gelten. Von dort gelangen die Medikamente meist per Post und in eher kleineren Paketen nach Afrika, Europa oder in die USA. Der Versand in kleineren Mengen mache es für die Fahnder schwieriger die Pakete zu entdecken.

Die Autoren haben berechnet, dass die Fälscher allein 2016 mit ihren Produkten bereits über vier Milliarden US-Dollar im internationalen Handel umsetzen konnten. Dies schade vor allem Pharmakonzernen in den USA und Europa, die die größten Hersteller von Pharmaka sind. Für die gesamte Branche mache der Handel mit gefälschten Medikamenten aber immer noch einen marginalen Anteil von unter einem Prozent der importierten pharmazeutischen Produkte aus.

Internationale Organisationen wie Interpol versuchten bereits mit gezielten Aktionen, die kriminellen Organisationen aufzuspüren. Laut OECD/EUIPO wäre es zudem ein wichtiger Hebel, die Strafen für Fälscher zu erhöhen, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen. In den meisten Ländern werde der Handel mit Arzneimittelfälschungen wesentlich schwächer als der Drogenhandel geahndet.

Link
OECD/EUIPO, 2020: Trade in counterfeit pharmaceutical products.
https://doi.org/10.1787/a7c7e054-en

Linda Engel ist freie Journalistin.
lindaengel@gmx.de

Kategorien: Ticker

Weshalb Chancen im Februar 2020 ungenutzt blieben

8. Juni 2021 - 15:56
Vorschläge des unabhängigen Expertenpanels zur besseren Pandemieprävention und -bekämpfung

Laut WHO hatte COVAX, die internationale Initiative zur Versorgung armer Länder mit Covid-19-Impfstoffen, bis Ende Mai 70 Millionen Dosen bekommen – genug für etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung der betroffenen Länder. Mehrere Vorschläge des Independent Panel for Pandemic Preparedness and Response könnten Abhilfe schaffen:

  • Länder mit hohen Einkommen sollten COVAX mehr Impfdosen zusagen – 1 Milliarde zusätzlich bis zum 1. September 2021 und weitere 2 Milliarden bis Mitte 2022.
  • Entsprechend ihrer Finanzkraft sollten G7-Länder mindestens 60 Prozent der 19 Milliarden Dollar aufbringen, die für internationale Programme zur Bereitstellung von Impfstoffen, Diagnostika, Heilmitteln und der Stärkung von Gesundheitswesen nötig sind.
  • Ein internationales Abkommen über freiwillige Lizenzierung und Technologietransfer für Corona-Vakzine sollte abgeschlossen werden.

Sollte bis Ende Juli nicht entsprechend gehandelt werden, empfiehlt das Panel der WHO, geistige Eigentumsrechte auszusetzen. Es hatte den Auftrag, die weltweite Reaktion auf Covid-19 einzuschätzen und macht diese und andere Vorschläge in seinem im Mai veröffentlichten Bericht.

Zu den schlimmsten Pandemiefolgen zählen die Experten bis Ende April:

  • den Tod von 3 Millionen Menschen, einschließlich 17 000 Fachkräften im Gesundheitswesen,
  • die voraussichtliche Reduktion der weltweiten Wirtschaftsleistung um 10 Billionen Dollar bis Ende 2021 und
  • den Anstieg der Zahl extrem armer Menschen um 115 bis 125 Millionen.

Laut dem Expertenurteil hätte es nicht so schlimm kommen müssen, aber sowohl nationalstaatliche wie multilaterale Institutionen seien sehr schnell überfordert gewesen. Trotz der Erfahrung mit SARS und Ebola habe die Pandemie sie weitgehend unvorbereitet getroffen. Besonders verheerend sei gewesen, dass Nationalstaaten nicht sofort reagierten, als die WHO Ende Januar 2020 den internationalen Gesundheitsnotfall (Public Health Emergency of International Concern – PHEIC) ausrief. Das sei ihre höchste Warnstufe, aber die Nachricht sei vielfach nicht angekommen, denn die meisten Staaten setzten keine koordinierten Präventionsmaßnahmen in Gang. Die Verantwortlichen hätten weder die Gefahr erkannt noch gewusst, was sie tun sollten. Die abwartende Haltung habe den Februar 2020 zu einem Monat verpasster Chancen gemacht, schreibt das Panel, das die ehemalige neuseeländische Premierministerin Helen Clark und die ehemalige nigerianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf leiteten.

Später setzte Corona dann nationale Gesundheitssysteme unter riesigen Druck, während Lockdowns die Volkswirtschaften erheblich beeinträchtigten. Umsichtige Politik habe sich als wichtiger als die jeweilige Finanzkraft der betroffenen Länder erwiesen. Am schlimmsten habe die Krankheit gewütet, wo Regierungen Gegenmaßnahmen nicht koordinierten, mit entschlossenem Handeln zögerten, Wissenschaft abwerteten, das Ausmaß der Pandemie leugneten und Misstrauen nährten. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Gesundheitsversorgung vielfach als fragmentiert und – unter anderem wegen schlecht bezahlten Personals – als unterfinanziert erwies. Allzu viele Länder hatten ohnehin keine Epidemiepläne.

Das Panel hält indessen fest, Forschung und Entwicklung hätten schnell reagiert, sodass Vakzine schon nach wenigen Monaten bereitstanden. Auch habe das multilaterale System schnell neue Institutionen wie COVAX geschaffen. Allerdings funktionierten nicht alle gut. Insbesondere das Covid-19 Technology Access Pool (C-TAP) laufe bislang leer. Es wurde geschaffen, um geistiges Eigentum, Wissen und Daten auf die im Kampf gegen HIV/Aids, Hepatitis C und Tuberkulose bewährte Weise zu teilen.

Zur Vorbereitung auf künftige Pandemien muss aus Sicht des Panels das internationale System reformiert werden. Zu seinen Vorschlägen gehören:

  • klarere Leitungs- und Koordinationszuständigkeiten auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene,
  • Investitionen vor der nächsten Gesundheitskrise,
  • bessere Datenerfassung mit effektiverem Warnsystem und
  • eine im Vorfeld ausgehandelte Plattform für die Finanzierung und Bereitstellung aller relevanten medizinischen Güter.

Ausdrücklich empfiehlt das Panel die Schaffung eines Weltrats für Gesundheitsrisiken und eine Rahmenkonvention für Pandemien.

Link
The Independent Panel for Pandemic Preparedness & Response, 2021: Covid-19: Make it the Last Pandemic (verfügbar auf Englisch, Arabisch, Chinesisch, Französisch Russisch und Spanisch).
https://theindependentpanel.org/mainreport/

Hans Dembowski ist Chefredakteur von E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit /D+C Development and Cooperation.
euz.editor@dandc.eu

Kategorien: Ticker

bl-dem-free-jeffrey-moyo

31. Mai 2021 - 17:16
Our colleague Jeffrey Moyo has been arrested in Harare

 

Jeffrey also works for the New York Times and other media houses. The New York Times ran a long story on the matter, stating that he is being held in harsh conditions: https://www.nytimes.com/2021/05/28/world/africa/zimbabwe-jeffrey-moyo-arrest.html

 As far as we can tell, he has not committed any serious wrong doing. He is apparently being accused of having helped foreign journalists do research in Zimbabwe. We appeal to the country’s authorities to free our colleague immediately and to respect to the freedom of the press. Governments should not fear media coverage. It does not matter where the journalists come from, they should be free to serve the public.   

According to the New York Times, Jeffrey’s arrest “has come amid a crackdown on press freedom in the southern African country”. The newspaper also reportred: “The Committee to Protect Journalists, a New York-based advocacy group, said in a statement that Mr. Moyo’s arrest reflected a pattern of media repression in Zimbabwe.”

 

Normal
0

21

false
false
false

DE
X-NONE
X-NONE

/* Style Definitions */
table.MsoNormalTable
{mso-style-name:"Normale Tabelle";
mso-tstyle-rowband-size:0;
mso-tstyle-colband-size:0;
mso-style-noshow:yes;
mso-style-priority:99;
mso-style-parent:"";
mso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt;
mso-para-margin-top:0cm;
mso-para-margin-right:0cm;
mso-para-margin-bottom:8.0pt;
mso-para-margin-left:0cm;
line-height:107%;
mso-pagination:widow-orphan;
font-size:11.0pt;
font-family:"Calibri",sans-serif;
mso-ascii-font-family:Calibri;
mso-ascii-theme-font:minor-latin;
mso-hansi-font-family:Calibri;
mso-hansi-theme-font:minor-latin;
mso-fareast-language:EN-US;}

Kategorien: Ticker

Seiten