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Aktualisiert: vor 2 Stunden 34 Minuten

Ein Teil des Problems

29. Juni 2020 - 9:42
Über Rassismus und was wir als internationale NGO dagegen tun können © Becky Davis/Oxfam

Das Handy-Video vom Tod des Afroamerikaners George Floyd schockiert, macht wütend und fassungslos: 8 Minuten und 46 Sekunden lang presst der weiße Polizist Derek Chauvin sein Knie in den Nacken des am Boden liegenden Mannes. Er ignoriert seine wiederholten, verzweifelten Hilferufe „I can’t breathe“ und lässt auch dann nicht von ihm ab, als Floyd das Bewusstsein verliert. Weltweit gehen seither Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus zu protestieren. Auch in Deutschland, wo nicht-Weiße Menschen ebenfalls regelmäßig rassistisch motivierte Diskriminierung und Gewalt erleben.

Oxfam fühlt sich dieser Bewegung solidarisch verbunden. Wer wie wir für Demokratie und Menschenwürde einsteht, bezieht damit Position gegen Rassismus und Machtmissbrauch, für gleiche Rechte, Teilhabe und ein respektvolles Miteinander. Doch was heißt das eigentlich? Angesichts der Brutalität eines Derek Chauvin oder der 208 Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Deutschland, die die Amadeu Antonio Stiftung seit 1990 dokumentiert hat, ist es leicht, sich zu empören. Diese Empörung ist richtig, aber sie vermittelt Weißen Menschen wie mir auch das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. So laufe ich Gefahr, der heiklen Frage auszuweichen, was Rassismus mit mir selbst zu tun haben könnte.

Rassismus ist die Norm, nicht die Abweichung

Rassismus ist in unseren Gesellschaften tief verankert und beschädigt unser Zusammenleben auch dort, wo viele es nicht vermuten. Nicht nur, wenn ein Weißer Polizist einen Afroamerikaner erstickt, wenn Hetzjagden auf nicht-Weiße Menschen stattfinden oder das N-Wort fällt. Diese Taten sind nicht kontextlos. Vielmehr steck Rassismus „in der Art und Weise, wie wir sprechen gelernt haben, in unseren Kinderbüchern, Schulbüchern, in der Werbung. Es gibt eigentlich keine Räume, in denen Rassismus nicht wirkt. Es ist ein bisschen wie Smog, den wir täglich einatmen. Rassismus ist quasi die Norm und nicht die Abweichung“, erklärt die Antirassismus-Trainerin und Autorin Tupoka Ogette in einem Interview mit dem Spiegel. Rassismus legitimiert gewaltsam erzeugte Macht- und Ungleichheitsverhältnisse, von denen Weiße Menschen profitieren, auch dann, wenn sie mit Black Lives Matter demonstrieren. Dieser unangenehmen Wahrheit muss ich mich stellen, um mich ehrlich mit Rassismus auseinanderzusetzen.

Das gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für eine Entwicklungsorganisation wie Oxfam, gegründet 1942 in Großbritannien, einer ehemaligen Kolonialmacht. Eine Organisation, die weltweit tätig ist, aber doch wesentlich geprägt von Menschen und Geldern aus dem Globalen Norden. Wir vergessen allzu leicht, dass die sogenannte Entwicklungszusammenarbeit einer kolonialen Tradition entstammt, verbunden mit der Vorstellung einer Zivilisierungsmission und dem westlichen Entwicklungsmodell als Norm, wie der Historiker Hubertus Büschel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk aufzeigt. Dieser koloniale Blick degradiert Menschen zu Hilfsempfänger*innen und verstärkt rassistische Stereotype.

Natürlich gibt es einen himmelweiten Unterschied zwischen einem rassistisch motivierten Mord und der Verstärkung stereotyper Vorstellungen über Menschen im Globalen Süden. Und dennoch: Wir müssen uns immer wieder fragen, welche Rolle wir innerhalb der nicht zuletzt durch den Kolonialismus hervorgerufenen globalen Ungleichheitsverhältnisse spielen und wie wir uns verändern müssen, um sie irgendwann zu überwinden.

Raus aus der Komfortzone!

Wie können wir beispielsweise unseren Partnerorganisationen im Globalen Süden tatsächlich auf Augenhöhe begegnen? Es ist ein schwer auflösbares Dilemma: Als Weiße deutsche Frau besitze ich materielle Werte und Privilegien, die einen gleichberechtigten Austausch mit einer Bäuerin in Burundi, aber auch mit der Direktorin einer Frauenrechtsorganisation in Mali erschweren. Auch im Verhältnis zwischen Globalem Norden und Globalem Süden im Oxfam-Verbund spielen historisch bedingte Abhängigkeitsverhältnisse und Stereotype eine Rolle. Wenn darüber gestritten wird, wer inhaltlich die Richtung vorgibt, welche Stimmen gehört werden und wer letztendlich entscheidet, schwingt stets auch die koloniale Geschichte mit.

Es ist wichtig, diese Widersprüche, in denen wir uns als internationale Entwicklungsorganisation bewegen, zu benennen und offensiv mit ihnen umzugehen. Rassismus in der Welt zu bekämpfen, heißt immer auch, vor der eigenen Haustür zu kehren. Das ist unangenehm und gerade deshalb so wichtig. Denn nur jenseits der Komfortzone findet nachhaltige Veränderung statt.

Und die fordert die Zivilgesellschaft im Globalen Süden inzwischen lautstark ein. Die Organisation NoWhiteSaviors etwa hat es sich zur Aufgabe gemacht, die traditionellen Machtstrukturen zwischen dem Globalen Norden und dem afrikanischen Kontinent anzuprangern. Und über 140 Non-Profit-Organisationen aus dem Globalen Süden forderten im März in einem offenen Brief Oxfam und andere internationale Hilfsorganisationen auf, die lokale Zivilgesellschaft zu unterstützen statt eigene Strukturen in diesen Ländern aufzubauen und in Konkurrenz zu ihnen zu treten.

Unsere Rolle als internationale NGO

Oxfam hat sich diesen Aufgaben im Rahmen unseres Strategie-Prozesses für die Zeit bis 2030 gestellt. Bei der Konferenz „Re-Thinking Oxfam in Africa“ haben wir uns vergangenes Jahr mehrere Tage mit Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen des Globalen Südens getroffen, um ihre Kritik zu hören und gemeinsam zu überlegen, welchen Weg wir als global agierende internationale NGO einschlagen sollten.

Als ein Ergebnis werden wir uns in Zukunft noch stärker darauf konzentrieren, unsere Stimme gegen Ungleichheit zu erheben. Ein weiterer Schritt ist, dass wir uns im Laufe der kommenden zwei Jahre aus vielen Ländern zurückziehen werden, insbesondere aus solchen, in denen die lokale Zivilgesellschaft in der vergangenen Zeit stark geworden ist und zu signifikanten Fortschritten beigetragen hat. Starke lokale Akteure des Globalen Südens können die Interessen der dort lebenden Menschen am besten vertreten und ihre Rechte einfordern. Als internationale Organisation lassen wir ihnen den Vortritt. Gefragt sind wir dort, wo Menschen auf externe Unterstützung angewiesen sind, um in Würde leben zu können.

Dabei haben wir die Aufgabe und Verantwortung, immer wieder aufs Neue Anspruch und Wirklichkeit unserer Arbeit miteinander abzugleichen. Das gilt auch für die Art und Weise, wie wir über diese Arbeit sprechen, schreiben oder sie bebildern. Bei Oxfam bemühen wir uns, die Menschen, mit denen wir im Globalen Süden zusammenarbeiten, würdevoll darzustellen, selbsttätig, mit persönlicher Geschichte, eigener Haltung und individuellen Interessen. Was selbstverständlich sein sollte, ist nicht immer so einfach, wie es klingt. Denn wir berichten nicht selten über Situationen, in denen es wenig Raum für Selbsttätigkeit und Eigenmächtigkeit gibt. Und doch müssen wir uns immer wieder fragen: Würden wir diesen Menschen so abbilden, wenn er*sie Weiß wäre?

Es sind diese Alltagsfragen, denen wir uns stellen müssen, wenn Rassismus irgendwann einmal auf dem Müllhaufen der Geschichte landen soll. Es braucht die großen Bekenntnisse, die Appelle, die Demonstrationen, die ganz praktische Solidarität. Aber eben auch die kleinen Schritte und die Ehrlichkeit mit sich selbst, ein Teil des Problems zu sein.

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Niedrige Corona-Infektionszahlen in Afrika – ein Grund zur Entwarnung?

24. Juni 2020 - 8:36
In Afrika werden immer mehr Corona-Infizierte gemeldet – allerdings vergleichsweise deutlich weniger als in anderen Regionen der Erde. Was steckt dahinter? © Tavonga Chikwaya / Oxfam

Die Zahl der Menschen, die mit dem neuartigen Corona-Virus infiziert sind, ist auf fast 10 Millionen angewachsen, fast eine halbe Million Tote sind weltweit zu beklagen. Nach Europa und den USA erreichen uns jetzt erschreckende Bilder aus Brasilien, Mexiko und Peru. Dagegen sind gegen Ende Juni die Zahlen in Afrika mit ungefähr 350.000 registrierten Infizierten und 9.000 Toten vergleichsweise niedrig. Bedeutet das Entwarnung für den afrikanischen Kontinent?

Zur Erklärung der vergleichsweise niedrigen Zahlen gibt es unterschiedliche Gründe und verschiedene Theorien. So wird in vielen afrikanischen Ländern viel weniger auf das Virus getestet als in anderen Regionen der Welt. Während in Deutschland Mitte Juni 60.000 Tests auf eine Million Einwohner kamen, waren es im Sudan nur 9 und in Burundi 32. Fehlende Testkapazitäten, häufig auch fehlender politischer Wille, führen in vielen Ländern dazu, dass Zahlen noch unzuverlässiger sind als in Europa oder den USA.

Dies ist jedoch nicht überall der Fall: In Mauritius wurden schon über 10% der Gesamtbevölkerung getestet, und auch in Dschibuti, Marokko, Botswana und anderen afrikanischen Ländern sind die Test-Raten recht hoch – die Fallzahlen aber dennoch vergleichsweise niedrig.

Sind afrikanische Länder besser vorbereitet?

Eine weitere Erklärung: Viele afrikanische Länder sind auf den Umgang mit Epidemien vorbereitet. Vor allem die Ebola-Ausbrüche der letzten Jahre haben das Bewusstsein bei Regierungen und in der Bevölkerung geschärft, es wurden effektive Kontrollen und Hygienemaßnahmen eingeführt, die jetzt leicht reaktiviert werden konnten. Dazu gehört, dass Fallmanagementsysteme und Richtlinien zum Umgang mit übertragbaren Krankheiten bereits vorhanden und eingeübt sind, die jetzt zügig auf Covid-19 angepasst werden konnten. In vielen Ländern gibt es bereits „rapid-response-teams“ und Menschen, die darin ausgebildet sind, Kontaktketten nachzuverfolgen. 

Zudem haben die meisten Staaten Afrikas schon Anfang März ihre Grenzen geschlossen, internationale Flüge gestrichen und Quarantäne-Maßnahmen verhängt. Zu dem Zeitpunkt war die Pandemie in Europa schon weit verbreitet - die Zahl der Infizierten in den meisten afrikanischen Ländern war aber noch sehr gering. Die senegalesische Regierung hatte bereits im Januar 2020 damit begonnen, Maßnahmen gegen den Ausbruch der Pandemie zu ergreifen, als gerade die ersten internationalen Warnungen ausgesprochen wurden. In Ghana wurde später das kostengünstige „Pool testing“ eingeführt und Tests mit Drohnen in abgelegene Regionen gebracht. Reagieren manche afrikanische Regierungen vielleicht sogar besser auf die Pandemie?

Keine Entwarnung – im Gegenteil

Für Besorgnis sorgen hingegen Zahlen aus Ländern wie Südafrika, Ägypten und Nigeria, wo Zehntausende infiziert und tausende Menschen gestorben sind und die Infektionszahlen in den letzten Tagen rasant nach oben geschnellt sind.

Unabhängig von der Frage der Infektionszahlen hat die Pandemie jedoch schon jetzt zu massiven Problemen geführt: Auf einem Kontinent, auf dem mehr als zwei Drittel der Stadtbevölkerung im informellen Sektor arbeitet, bedeuten fehlende Einkommensmöglichkeiten in kürzester Zeit Armut und Hunger. Allein in Westafrika könnte die Zahl der Menschen, die von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bedroht sind, von 17 auf 50 Millionen Menschen steigen.

Ostafrika ist sogar von drei Krisen gleichzeitig bedroht: Neben den Folgen der Corona-Pandemie leidet die Region seit Monaten unter Heuschreckenschwärmen und Überflutungen – eine tödliche Mischung, die nach Aussagen der Oxfam Regionaldirektorin Lydia Zigomo „Hunger, Armut und Leid über Millionen schutzbedürftige Menschen zu bringen droht.“

Angesichts fehlender sozialer Sicherungssysteme besteht die Gefahr, dass es in Afrika weitaus mehr Tote durch Hunger geben wird als durch das Virus selbst. Weltweit wird befürchtet, dass 40 Millionen Menschen aufgrund der Corona-Pandemie sterben könnten, wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen werden, um dies zu verhindern. Die internationale Arbeitsorganisation ILO schätzt, dass 200 Millionen Menschen arbeitslos werden könnten.

Unter diesen Bedingungen sind dauerhafte Ausgangsbeschränkungen kaum durchzuhalten, was wiederum das Risiko erhöht, dass das Virus sich ausbreiten könnte. Angesichts der großen Herausforderungen durch die Folgen der Pandemie haben afrikanische Intellektuelle und Schriftsteller*innen ihre Regierungen in einem offenen Brief dazu aufgefordert, die Interessen ihrer Bürger*innen in den Mittelpunkt der Anstrengungen zur Eindämmung und Überwindung der Krise zu stellen.

Das Schlimmste verhindern

Es gibt also leider keine Entwarnung für Afrika, und die Anstrengungen afrikanischer Regierungen müssen dringend unterstützt und ergänzt werden. Hierfür ist ein umfassender Schuldenerlass ein unabdingbarer und längst überfälliger Schritt. Da, wo Regierungen die Betroffenen nicht erreichen, müssen die Menschen mit Hilfsangeboten unterstützt werden, um die massive Ausweitung von Armut und Hunger zu vermeiden. Oxfam trägt dazu mit ganz konkreten Maßnahmen bei: Von Präventions- und Hygienekampagnen zu COVID-19 über  die Verteilung von Geld und Hygienesets bis zur Ausgabe von kostenlosen Mahlzeiten an Wanderarbeiter*innen. Mehr zu unseren Forderungen und Maßnahmen finden Sie hier.

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Was sich jetzt ändern muss: 5 Punkte für eine wirksame Entwicklungszusammenarbeit nach der Corona-Krise

8. Juni 2020 - 12:19
Jede Krise ist auch eine Gelegenheit, Dinge anders zu machen. Die Corona-Pandemie sollte ein Weckruf sein, den Kampf gegen Ungleichheit, Geschlechtergerechtigkeit und die Bewältigung der Klimakrise ins Zentrum der Entwicklungszusammenarbeit zu rücken.

Obwohl es vielerorts erste Lockerungen der Corona-Maßnahmen gab, werden uns die Auswirkungen der Corona-Krise noch lange begleiten. Es ist wichtig, dass wir uns nicht nur darüber Gedanken machen, wie wir die Folgen der Pandemie in Deutschland und Europa bewältigen. Wir brauchen auch eine Neugestaltung der Entwicklungszusammenarbeit, um auf künftige Krisen auch im globalen Süden besser vorbereitet zu sein.

Oxfams neuer Bericht „Whatever it takes“ zeigt, wie Entwicklungszusammenarbeit während und nach der Corona-Krise aussehen sollte, um Armut und Ungleichheit wirksam zu bekämpfen.

 

1. Schulden erlassen statt Kredite vergeben

Eine Reihe von Ländern im Globalen Süden hatte bereits vor der Corona-Pandemie Probleme ihre Schulden zurückzuzahlen. Anfang 2020 gaben 46 Länder durchschnittlich viermal mehr für die Rückzahlung von Schulden aus, als für die öffentliche Gesundheitsversorgung. In Ghana ist der Schuldendienst elfmal höher als das Gesundheitsbudget der Regierung. Gleichzeitig werden Entwicklungsgelder immer häufiger als Kredite zur Verfügung gestellt. Statt Darlehen sollten Länder im Globalen Süden jedoch vor allem Mittel erhalten, die sie nicht zurückzahlen müssen. Zusätzlich ist es wichtig, Schulden umfassend zu erlassen, damit ärmeren Ländern Mittel zur Verfügung stehen, um die Folgen der Corona-Krise zu bewältigen.
Hier können Sie unsere Petition dazu unterzeichnen.

 

2. Mit Investitionen in Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung Ungleichheit bekämpfen

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden ärmere Menschen am härtesten treffen und die extreme Ungleichheit weiter verschärfen. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gilt: Einkommen und Bildung der Eltern bestimmen, wie gravierend die Negativfolgen der wochenlangen Schulschließungen für Schüler*innen sein werden. Starke öffentliche Bildungs- und Gesundheitssysteme sowie soziale Sicherung, also Unterstützung zum Beispiel im Falle von Arbeitslosigkeit, bekämpfen jedoch erwiesenermaßen Ungleichheit. Daher sind Investitionen in Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung besonders wichtig, um die Folgen der Corona-Krise abzumildern.

 

3. Entwicklungszusammenarbeit feministisch gestalten

Durch die Pandemie werden bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern sichtbarer. Zum Beispiel arbeiten Frauen weitaus häufiger im informellen Sektor und haben daher seltener eine soziale Absicherung. Auch leisten sie den größten Teil der unbezahlten Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit, die angesichts der Corona-Krise exponentiell zugenommen hat. Gleichzeitig liegen die Entwicklungsausgaben für Programme, die dezidiert auf die Gleichstellung der Geschlechter abzielen, in Deutschland bei nur rund einem Prozent. Insbesondere Frauenrechtsorganisationen sind von grundlegender Bedeutung für Veränderungen. Trotzdem macht deren Unterstützung nur einen verschwindend geringen Teil der Entwicklungszusammenarbeit aus und sollte daher besonders gestärkt werden.

Um Entwicklungszusammenarbeit wirklich feministisch zu gestalten, ist es wichtig, über die bloße Förderung von Frauen hinauszugehen. Stattdessen sollte Geschlechtergerechtigkeit im Mittelpunkt aller zukünftigen Programme stehen, mit dem Ziel, Machtverhältnisse grundlegend zu verändern. Andere Diskriminierungsformen, zum Beispiel Alter, sexuelle Orientierung, Religion und Menschen, die von Rassismus betroffen sind, müssen dabei explizit mitgedacht werden.

 

4. Die Klimakrise nicht vergessen

Die Corona-Krise darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns gerade mitten in einer weiteren Krise befinden, der Klimakrise. Die Pandemie kann eine Chance sein, endlich eine nachhaltige und klimafreundliche Wirtschaft zu unterstützen, ausgerichtet am Ziel, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5°C zu begrenzen. Mittel im Kampf gegen die Klimakrise müssen dabei zusätzlich zu Entwicklungsgeldern bereitgestellt werden. Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie sich durch Krisen Ungleichheiten verschärfen können. Unser Erfolg in der Bewältigung der Klimakrise muss sich daran messen lassen, wie gut wir es schaffen, die am stärksten gefährdeten Menschen zu schützen.

 

5. Entwicklungszusammenarbeit nicht als Wohltätigkeit verstehen

Entwicklungszusammenarbeit beruht nicht auf der Wohltätigkeit der Geberländer, sondern ist eine internationale Verpflichtung. Gerade deshalb muss der Trend einer Entwicklungszusammenarbeit, die sich auf nationale Interessen konzentriert, umgekehrt werden.

In der Corona-Krise müssen wir einen Grundstein für ein System legen, das nicht auf der Bereitschaft der Länder im Globalen Norden zum „Geben“ beruht. Vielmehr gründet es sich auf einem internationalen Mechanismus der Verteilungsgerechtigkeit zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden. Gerechtigkeit und nicht Wohltätigkeit muss im Mittelpunkt stehen.

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Systemrelevante Ausbeutung

14. Mai 2020 - 12:54
Die Corona-Pandemie verdeutlicht die Schwäche unseres Ernährungssystems: Während die Lebensmittelbranche offensichtlich systemrelevant ist und gut an der Krise verdient, sind die Arbeiter*innen in den globalen Lieferketten besonders gefährdet. © Roanna Rahman/Oxfam India

Systemrelevante Jobs werden in der Corona-Krise in Deutschland mit einem Bonus belohnt – statt einer angemessenen Bezahlung. Das ist zynisch. Schließlich ist seit Langem klar: Pflegekräfte und Mitarbeiter*innen in Supermärkten werden schlecht bezahlt, arbeiten unter ständigem Stress und im Moment auch noch unter hohem Risiko.  

Dieser permanente Druck setzt sich entlang der gesamten Lebensmittel-Lieferkette fort. Oberste Prämisse dabei: Unser Essen muss billig sein, nicht preiswert. Denn sein Preis darf genau nicht seinem Wert entsprechen – es muss in erster Linie profitabel sein. Von dieser Ungleichheit sind vor allem Menschen betroffen, die dafür sorgen, dass Ananas, Bananen, Kaffee & Co. überhaupt in unseren Supermarktregalen landen.

Kein Lohn, kein Wasser, keine Hygiene

Kurz nach Ausrufung der Schutzmaßnahmen wegen der Corona-Pandemie erreichten Oxfam beunruhigende Nachrichten aus allen Kontinenten, die bislang wenig Resonanz gefunden haben. Die Teepflücker*innen in Assam in Indien durften zwei Wochen lang nicht arbeiten und viele erhielten entgegen der Regierungsanordnung keinerlei Lohn. Da sie über keinerlei Ersparnisse verfügen, zog das Hunger nach sich.

Nach einer von Oxfam erstellten Untersuchung fehlt es in den meisten Siedlungen der Arbeiter*innen auf den Teeplantagen an grundlegenden hygienischen Bedingungen und sauberem Trinkwasser. Da erscheint die Aufforderung zum regelmäßigen Händewaschen fast zynisch. Oxfam hat zusammen mit der internationalen Landarbeitergewerkschaft IUF die beiden größten deutschen Teehandelsunternehmen, Ostfriesische Teegesellschaft und Teekanne, auf die Situation hingewiesen.

Vorerkrankungen durch Pestizideinsatz auf Weinplantagen Die COVID-19 Pandemie beleuchtet sehr klar die strukturellen Ungleichheiten in Südafrika. Die meisten Maßnahmen der Regierung beziehen die Besonderheiten der Lebens- und Arbeitssituationen von Farmarbeiterinnen nicht in ihre Überlegungen ein. Oxfams Partnerinnenorganisation Women on Farms Project

Mangelnde Hygiene und fehlende Gesundheitsversorgung auf den Exportfarmen für Wein und Obst sind die größten Probleme. Dies ist besonders bedrohlich, weil viele Arbeiter*innen durch den massiven Pestizideinsatz auf Südafrikas Weinplantagen an Vorerkrankungen wie Asthma oder Allergien leiden.

Nicht anders sieht das in Ecuador aus, dem größten Bananenlieferanten für den deutschen Markt. „Bananenarbeiter sind durch den langjährigen Pestizideinsatz und etwaigen damit verbundenen Beeinträchtigungen, besonders der Atemwege und der Lunge, womöglich stärker gefährdet als andere Personen, was den Krankheitsverlauf nach einer Infektion betrifft,“ analysiert Prof. Hans-Petter Hutter, Arbeitsmediziner von der Universität Wien. „Ihr Immunsystem ist möglicherweise dauerhaft etwas geschwächt. Die Bananenarbeiter können als Risikogruppe bezeichnet werden.“ 

Forderung nach besserem Schutz der Arbeiter gegen Covid-19

Erhöhte Vorsorgemaßnahmen auf den Plantagen wären nun nötig. Doch dafür fehlt angesichts des enormen Preisdrucks, den u.a. deutsche Supermärkte erzeugen, häufig das Geld. Zudem steckt das besonders heftig von Corona getroffene Ecuador ökonomisch in einer fundamentalen Krise. Die Bananenarbeiter-Gewerkschaft ASTAC fordert deshalb: „Die Bananen produzierenden Länder sollten gemeinsam einen gerechteren Handel für unsere Bananen mit einem Zugewinn für die Beschäftigten einfordern. Darüber hinaus schlagen wir den Käufern der ecuadorianischen Bananen, insbesondere den europäischen und nordamerikanischen Supermärkten, die Zahlung eines zusätzlichen Entgeltes vor, um einen besseren Schutz der Arbeiter gegen Covid-19 zu finanzieren.“

Inzwischen ist in Südafrika die Hauptsaison beendet – Europa produziert nun langsam eigenes Obst –  und die zahlreichen Tagelöhner*innen, in ihrer großen Mehrheit Frauen, wurden wie üblich nach der Ernte entlassen. Und in zahllosen von Women on Farms Project dokumentierten Fällen erhalten sie nicht einmal ihre eigenen Beiträge, die sie in das karge Arbeitslosensystem UIF gezahlt haben. Dessen Büros sind für den Publikumsverkehr geschlossen, schriftliche Anträge bleiben unbeantwortet. Elend und Hunger sind in die Häuser der Frauen eingezogen, von denen viele alleinerziehende Mütter sind. 

Billiglöhne unter krassen Arbeitsbedingungen

Auch in Deutschland galt zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen: je billiger, desto besser. Auf der einen Seite wurden die Außen- und Binnengrenzen der EU geschlossen, auf der anderen Seite wurden Sonderflüge für Wanderarbeiter*innen für die Spargelernte durchgesetzt. Etwa 60 Prozent der Arbeitskräfte in der deutschen Landwirtschaft kommen aus dem Ausland. Denn kaum ein*e Deutsche*r will für solche Billiglöhne unter diesen krassen Arbeitsbedingungen schuften.

Anstatt diese zu ändern, werden Migrant*innen eingeflogen, bekanntlich auch mit der Konsequenz diverser Corona-Fälle in Arbeiterbehausungen oder auf Schlachthöfen. Die Sonderangebote im Supermarkt haben ihren Preis. Und hier zeigt sich deutlich: Die Lebensmittelbranche ist offensichtlich systemrelevant, doch nicht nur in den Läden von Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl oder Rewe, sondern auch – und gerade – in der Produktion. Nur wollen politisch und wirtschaftlich Verantwortliche dies nicht honorieren.

Schwäche unseres Ernährungssystems

„Die COVID-10 Pandemie zeigt die Schwäche unseres Ernährungssystems, das dadurch charakterisiert ist, dass menschenwürdige Arbeitsbedingungen für den Großteil der weltweit in der Landwirtschaft Arbeitenden fehlen“, schreibt die internationale Landarbeitergewerkschaft IUF. Dabei gibt es zu wenige Strukturen, die dieses Unrecht aufgreifen könnten. „Gewerkschaftsrechte werden häufig eingeschränkt oder unterdrückt; wenige Arbeiter*innen in der Landwirtschaft sind von Tarifverträgen abgedeckt. Nur fünf Prozent der Arbeiter*innen haben Zugang zu Arbeitsinspektionen oder einem rechtlichen Schutz ihrer Gesundheit und Sicherheit bei der Arbeit.“

Oxfam hat alle großen deutschen Supermarktketten auf die extreme Situation von Beschäftigten in ihren Lieferketten des globalen Südens hingewiesen und Präventivmaßnahmen angeregt. Einzelne Unternehmen haben darauf positiv reagiert, andere nicht. Hier zeigt sich das Problem freiwilliger Regelungen.

Forderung nach Lieferkettengesetz aktueller denn je

Nicht anders sieht es bei der Entwicklung unternehmensinterner Regelungen zu menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten aus. Wir konnten sehen, dass Lidl hier kürzlich relevante Fortschritte gemacht hat – nach gut einem Jahrzehnt von Protesten, Verbraucher*innen-Kritik, Informationen von Menschenrechtsverletzungen bei seinen Lieferanten von Ananas  oder Bananen und einem intensiven Austausch mit Oxfam-Fachleuten. Doch blickt man etwa in die veröffentlichten Dokumente der Konzern-Schwester Kaufland (Teil der Schwarz-Gruppe, der größten Supermarktkette Europas), findet man hier keine der bei Lidl erreichten Fortschritte.

Daher ist die Forderung nach einem verbindlichen Lieferkettengesetz, wie es vor der Corona-Krise auch in der Bundesregierung diskutiert worden ist, immer noch aktuell. Wer eine Flasche Wein aus Südafrika, eine Banane aus Ecuador oder ein Päckchen Tee aus Assam hier anbietet, muss die Verantwortung für die Einhaltung grundlegender Menschenrechte bei der Produktion dieser Nahrungsmittel verbindlich übernehmen. Hierzu gab es vor Corona einen wachsenden Konsens. Gerade jetzt, wo die Beschäftigten in den globalen Lieferketten besonders gefährdet sind, sind ihre Rechte nicht weniger schützenswert als vorher.

Helfen Sie mit und unterstützten Sie unsere Forderung nach einem Lieferkettengesetz!

Jetzt Petition unterzeichnen

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Was im Ernährungssystem falsch läuft

11. Mai 2020 - 11:55
Das Agrar- und Ernährungssystem ist nicht nur ausser Stande, alle Menschen gut zu ernähren, es verursacht auch grosse Umwelt- und Klimaschäden. Statt den Hunger zu bekämpfen, ist das Ernährungssystem von Profit, Ausbeutung und Marktkonzentration geleitet. Dafür steht symptomatisch die industrielle Massentierhaltung, und auch, dass keine Abkehr von der «grünen Revolution» aus den 1960er-Jahren stattgefunden hat. Die Abhängigkeit des globalen Südens vom Welthandel ist immer noch eklatant, genauso wie die soziale Ungleichheit. Die Bekämpfung des Hungers setzt zwingend eine soziale und ökologische Transformation des Ernährungssystems voraus. Diese kann nur mit Agrarökologie gelingen. © Pablo Tosco/Oxfam

Nur noch zehn Jahre bis 2030: Dann soll die Vision einer nachhaltigen Welt ohne Hunger wahr werden. So lautete das Versprechen der Staats- und Regierungschefs, als sie 2015 die globalen Nachhaltigkeitsziele verabschiedeten. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Es deutet im Moment nichts darauf hin, dass dieses Ziel erreicht wird. Denn der Hunger geht nicht zurück, im Gegenteil. Für die letzten drei Jahre weist die Statistik wieder eine steigende Zahl Hungernder aus. 821 Millionen Menschen leiden an Hunger, fast so viele wie im Jahr 2010.(1) Sie sind chronisch unterernährt. Wer «nur» einige Monate hungert, wird von der Statistik nicht erfasst. Bezogen auf die Weltbevölkerung ist der Anteil der hungernden Menschen in den letzten dreizehn Jahren (2005 bis 2018) nur um 3,7 Prozent auf 10,8 Prozent gesunken. Als «moderat ernährungsunsicher» gelten jene Menschen, die nicht genug zu essen haben und/oder sich nicht ausgewogen ernähren können. Letzteres trifft für insgesamt über zwei Milliarden Menschen oder 26,4 Prozent der Weltbevölkerung zu. Genug und gut essen: Jeder vierte Mensch weltweit kann das nicht! Das Risiko, unter Ernährungsunsicherheit zu leiden, ist bei Frauen zehn Prozent höher als bei Männern. Der Anteil von Frauen an den hungernden Menschen weltweit beträgt derzeit 51 Prozent.(2)

Das gegenwärtigen Agrar- und Ernährungssystem ist also nicht in der Lage, für eine gute Ernährung aller Menschen zu sorgen. Das belegen auch viele wissenschaftliche Studien.(3) Was läuft falsch in unserem Ernährungssystem? Im Folgenden werden Zahlen und Fakten erläutert, die Schlaglichter auf aktuelle Probleme und Trends werfen.

Der Welternährungsmythos

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) behauptet: «Bis 2050 wächst die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen. Um ausreichend Ernährung für alle zu sichern, muss die landwirtschaftliche Produktion um 70 Prozent gesteigert werden.» (4) Ähnliches hört man oft. Die FAO hat der Interpretation dieses Wertes entschieden widersprochen. Denn die Vorhersage basiert nicht nur auf der Nachfrage nach Lebensmitteln, sondern auch nach Futtermitteln, Agrarkraft- und -rohstoffen für andere industrielle Nutzungen und, daraus abgeleitet, der prognostizierten Steigerung der Weltagrarproduktion. Zudem hält sie den Indikator «landwirtschaftliche Produktion» sogar für «wenig aussagekräftig», wenn es um eine sichere Ernährung für alle geht. Die zugrunde liegende Berechnung wurde zudem aktualisiert und auf fünfzig Prozent korrigiert.(5)

Die FAO-Voraussage beruht auf der Annahme, dass es beim «Business as usual» bleibt. Das muss und sollte jedoch nicht sein, auch aus Umwelt- und Klimaschutzgründen nicht.(6) Die Konkurrenz zwischen «Teller, Tank und Trog» kann erheblich beschränkt werden, indem die industrielle Fleischproduktion gesenkt wird, weniger Lebensmittel verschwendet werden und die Agrarkraftstoffproduktion nicht mehr staatlicher Förderung unterliegt.(7) Der «70-Prozent»- Welternährungsmythos führt aber noch aus einem anderen Grund in die Irre. Er suggeriert, dass eine höhere Produktion weniger Hunger bedeutet. Menschen hungern jedoch, weil sie extrem arm sind und sich keine Lebensmittel leisten können. Sozial ausgegrenzte und marginalisierte Gruppen tragen ein besonders hohes Hungerrisiko.(8) Jenen, die den Welternährungsmythos bemühen, geht es in erster Linie um die Profite von Agrarkonzernen und weniger um bessere Lebensbedingungen für Hungerleidende.

Nicht haltbar ist auch die Behauptung, die EU müsse die Welt ernähren. Tatsache ist, dass die EU insgesamt mehr Agrarprodukte importiert als exportiert(9), wobei die Differenz in den letzten Jahren abgenommen hat. Bei Mais und Sorghum ist die EU Nettoimporteur, bei Weizen und Gerste Nettoexporteur. Bemerkenswert ist, dass sie in der Nahrungsmittelkrise 2007/2008 netto mehr als zehn Millionen Tonnen Getreide importiert hat. Die rasant steigenden Preise für Lebensmittel hatten von Asien über Afrika bis in die Karibik zu Hungerrevolten geführt. Die weltweiten Lagerbestände von Weizen und Mais waren damals sehr niedrig. Die EU verschärfte als drittgrösster Weizenexporteur die Krise, indem sie weniger Weizen exportierte, aber mehr importierte. Gleichzeitig importierte sie netto besonders viel Mais, und zwar nicht nur in den Krisenjahren 2007/2008, sondern auch 2012/2013 und 2013/2014, als die Lagerbestände immer noch tief waren. Die starke Abhängigkeit vom Weltmarkt beziehungsweise von wenigen Exportländern hat sich in der Krise als fatal für die Länder des globalen Südens erwiesen.

Grosse Abhängigkeit von wenigen Exportländern

In den 1980er und 1990er-Jahren bestand ein permanentes Überangebot an Agrarprodukten, das die Preise auf dem Weltmarkt drückte. Agrarsubventionen in Milliardenhöhe heizten die landwirtschaftliche Produktion in den Industrieländern massiv an. Wegen der niedrigen Agrarpreise (Agrarkrise) gab es keinen Anreiz, in die einheimische Nahrungsmittelproduktion zu investieren. Weder die Regierungen im globalen Süden noch die Geldgeber aus dem

Norden förderten die kleinbäuerliche Landwirtschaft. Gleichzeitig machte die Liberalisierung und Deregulierung ihrer Landwirtschaft – forciert durch die marktradikale Politik des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der WTO («Washington-Konsens») sowie durch vielzählige WTOplus-Freihandelsabkommen – viele Länder des globalen Südens von Nahrungsmittelimporten abhängig. In den 1970er-Jahren war der afrikanische Kontinent noch Nettoexporteur von Nahrungsmitteln, 2010 jedoch Nettoimporteur mit einem Defizit von 22 Milliarden US-Dollar.(10) Lokale Ernährungssysteme wurden zerstört und kleinbäuerliche Produzenten durch Billigimporte vom Markt verdrängt.

Der Anteil des Getreides, das international gehandelt wird, ist stetig gestiegen. Er beträgt gegenwärtig bei Weizen 23, bei Mais 15 und bei Reis 9 Prozent.(11) Wie gross der Anteil grenzüberschreitenden Handels zwischen Unternehmen ist, die zum gleichen Konzern gehören, ist unbekannt. Er wird allgemein auf ein Drittel geschätzt, kann aber deutlich darüber liegen.(12) So stellen Exporte und Importe von (in- und ausländischen) international tätigen Konzernen über siebzig Prozent des gesamten Warenhandels der USA dar.(13) Nur wenige Länder produzieren in grossem Umfang für den Weltagrarmarkt. Bei Weizen und Reis entfallen 72 Prozent auf die jeweils fünf grössten Exportländer. Bei Mais beläuft sich der Anteil der vier grössten Exportländer sogar auf 88 Prozent. Führen diese (14) Hauptexportländer Exportverbote ein, fördern massiv die Herstellung von Agrosprit oder erleiden erhebliche Ernteverluste, kann dies dramatische Auswirkungen auf die Weltmarktpreise haben, wie die Nahrungsmittelkrise 2007/2008 gezeigt hat. Betroffen waren insbesondere jene Länder des globalen Südens, die sehr stark vom Weltmarkt abhängig waren. Mehrere fördern deswegen nun stärker die einheimische Nahrungsmittelproduktion, allerdings allzu häufig zulasten der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, der Umwelt und der Tiere.

Förderung der industriellen Landwirtschaft und der «grünen Revolution»

In den letzten fünfzig Jahren wurden immer mehr Reis-, Weizen- und Mais-Hochertragssorten eingesetzt. Ihr Anteil stieg von 1961 bis 2013 von 66 auf 79 Prozent der gesamten Getreidefläche. Im gleichen Zeitraum sank die Anbaufläche von Gerste, Hafer, Roggen, Hirse und Sorghum von 33 auf 19 Prozent.(14) Auch in Afrika ist der Anbau sehr robuster, nährstoffhaltiger Getreidesorten wie (Finger-)Hirse und Sorghum infolge der Expansion von Mais zurückgegangen.(15) Der Grund dafür: Regierungen in Nord und Süd förderten die «grüne Revolution», um die landwirtschaftliche Produktion zu erhöhen. In erster Linie wurden Getreidesorten gezüchtet und gentechnisch veränderte Sorten entwickelt, die die Produktivität erhöhen können, wenn Mineraldünger und Pestizide eingesetzt werden. Das ist ganz im Interesse von Agrarkonzernen wie Bayer, die weltweit mit dem Verkauf von kommerziellem Saatgut und Pestiziden Profite machen. Mit neuen Gentechnikverfahren wie «Gene Drives» sollen wildlebende Organismen verändert und manche sogar ausgerottet werden.(16) Regierungen schützen Konzernprofite zudem durch Saatgutpatente und strikte Saatgutsetze wie das Internationale Übereinkommen zum Schutz von Pflanzenzüchtungen aus dem Jahr 1991 (UPOV91) zulasten (klein)bäuerlicher Produzenten. Diese sind davon abhängig, Saatgut mit anderen Betrieben zu tauschen, damit zu handeln und wiederzuverwenden.(17)

Im Zuge der «grünen Revolution» stiegen die Erträge und die Getreideproduktion insgesamt, aber nicht überall. Eine umfassende Studie über die weltweite Ertragsentwicklung von 1961 bis 2008 zeigt, dass bei 24 bis 39 Prozent der Mais-, Reis-, Weizen- und Sojaanbauflächen die Erträge nicht stiegen, nach anfänglichem Anstieg stagnierten oder zusammenbrachen.(18) Auch nehmen Resistenzen bei Unkräutern immer mehr zu. Je mehr Herbizide eingesetzt werden, desto mehr Resistenzen entstehen.(19) Reichen die Erträge nicht aus, um die hohen Produktionskosten als Folge teurer Betriebsmittel und Maschinen zu decken, droht eine ausweglose Verschuldungsspirale. Durch die Klimakrise steigt für kleinbäuerliche Produzenten zusätzlich das Risiko von Ernteausfällen und Tierverlusten, fortschreitender Bodendegradierung und Wasserknappheit. Besonders gefährdet sind marginalisierte kleinbäuerliche Produzenten, die ohnehin in grosser Armut leben. Sehr verwundbar sind auch jene, die sich auf Rat von Regierungen, Konzernen oder Stiftungen auf einzelne Hauptprodukte oder Wertschöpfungsketten spezialisieren und (vermehrt) Hybridsaatgutsorten einsetzen, die anfälliger sind bei Dürre und Hitze und nicht an ihre Lebensumstände angepasst.(20) Auch unter dem Deckmantel einer «klimasmarten Landwirtschaft» wird die «grüne Revolution» gefördert.

Die «grüne Revolution» fördert die landwirtschafliche Uniformität beim Saatgut und im Anbau und verdrängt kleinbäuerliche Betriebe. So erklärt Bayer denn auch: Eine «grüne Revolution wird man nicht mit Kleinbauern machen».(21) Verdrängt werden sie auch durch die industrielle Massentierhaltung.(22) Ist ihre Existenzgrundlage zerstört, finden sie in vielen Ländern kein anderes existenzsicherndes Auskommen. Die Folgen für die Umwelt, die Tiere und die Gesundheit sind gravierend: Grundwasserspiegel sinken, die biologische Vielfalt und die Sortenvielfalt werden dezimiert, Tiere misshandelt, Tierrassen sterben aus, Böden degradieren oder sind überdüngt. In Afrika hat sich seit Mitte des 1990er-Jahre die Bodenqualität bei bereits 65 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Böden verschlechtert, 72 Prozent davon in Trockengebieten. Degradiert sind auch 31 Prozent des von Pastoralisten genutzten Dauergrünlandes.(23) Ihre Existenz ist ohnehin durch die kommerzielle Landwirtschaft stark gefährdet. Durch den Einsatz hochgiftiger Pestizide ist die Gesundheit der kleinbäuerlichen Produzenten und Arbeiterinnen und Arbeiter in Plantagen stark beeinträchtigt. Um die 200 000 Menschen sterben jährlich an akuten Pestizidvergiftungen.(24) Trotzdem dominiert die Denkweise der «grünen Revolution» nach wie vor die internationale Agrarforschung und das Handeln der Politik, auch in der Entwicklungszusammenarbeit.

Agrobusiness-Förderung statt Menschenrechte

Ende der 1990er-Jahre begann in der Entwicklungszusammenarbeit die Kooperation mit dem Agrobusiness und verstärkte sich nach der Explosion der Nahrungsmittelpreise 2007/2008. Agrarunternehmen betrachteten die Geldgeber als willfährige Steigbügelhalter, um neue Märkte zu erschliessen und gute Kontakte mit Regierungsbehörden in Entwicklungsländern zu etablieren. Die auf dem Weltwirtschaftsforum 2011 verabschiedete «Neue Vision für die Landwirtschaft»

gab den Impuls zur Gründung der Investitionsplattform «GROW Africa» sowie öffentlich-private Partnerschaften (PPP) wie die «Neue Allianz für Ernährungssicherheit» der G8 und die «German Food Partnership» des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Bayer und BASF gehörten zu den ersten, die von dieser strategischen Partnerschaft mit dem BMZ profitierten.(25) In mehreren afrikanischen Ländern werden – über die «Neue Allianz für Ernährungssicherheit», die »Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“ (AGRA) und der Weltbank – Wachstumskorridore gefördert. Dieses Konzept sieht vor, dass grosse Gebiete, meist mehrere hunderttausend Hektaren, für die grossflächige industrielle Landwirtschaft bereitgestellt werden. Allein in fünf Ländern – Tansania, Malawi, Burkina Faso, Mosambik, Ghana – belief sich die Fläche dieser Wachstumskorridore in der Startphase der Projekte auf insgesamt 1,26 Millionen Hektaren.(26)

Dabei sind die Ergebnisse der Kooperationen mit Unternehmen ernüchternd, wie offizielle Evaluierungen zeigen.(27) Menschenrechtliche Risiken werden nicht systematisch überprüft und in extremer Armut lebende Bevölkerungsschichten nicht gefördert. Die Interessen der Unternehmen bestimmen die Projektinhalte, -standorte und Zielgruppen. Von einem positiven Beitrag der Kooperationsprojekte zu inklusivem Wirtschaftswachstum und Armutsverminderung Effekten kann nicht per se ausgegangen werden. Die ökologische Nachhaltigkeit spielt praktisch keine Rolle. Anstatt die Kooperationen infrage zu stellen, werden sie noch ausgeweitet. Mit dem Globalvorhaben «grüne Innovationszentren in der Agrar-und Ernährungswirtschaft», dem Leuchtturmprojekt von Entwicklungsminister Gerhard Müller, werden weiterhin Ansätze der «grünen Revolution» gefördert.(28) Die Förderung privater Unternehmensinvestitionen wird zur neuen Priorität erhoben. Geldgeber inklusive BMZ wollen nun auch noch Unternehmensinvestitionen mit Entwicklungsgeldern in Milliardenhöhe mobilisieren.(29) So sollen bis 2020 im Rahmen des europäischen Investitionsplans 3,35 Milliarden Euro Entwicklungsgelder dafür ausgegeben werden. Dies ist fehlinvestiertes Geld, das den Unternehmen, aber nicht den Menschen hilft, die unter Armut und Hunger leiden. Es befördert die soziale Ungleichheit im Ernährungssystem.

Ungleiche Landverteilung und zunehmende Landkonflikte

Die soziale Ungleichheit zeigt sich besonders eklatant bei den Landbesitzverhältnissen. Das Land ist sehr ungleich verteilt und wird immer knapper. Wo postkoloniale und patriarchale Strukturen bestehen und das exportorientierte Agrobusiness die Landwirtschaft dominiert, ist die Landverteilung besonders ungerecht. In Lateinamerika verfügt ein Prozent von supergrossen Betrieben über genauso viel Land wie die restlichen 99 Prozent. Die Konzentration des Landbesitzes ist dort höher als vor den Landreformen in den1960er-Jahren. Kleine Familienbetriebe, die 80 Prozent der Agrarbetriebe ausmachen, verfügen nur über 13 Prozent des produktiven Landes. Frauen besitzen weniger Land als Männer.(30) In Südafrika befanden sich nach dem Ende der Apartheid über 86 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Hand einer weissen Minderheit. In Kenia besitzen Schätzungen zufolge drei mächtige Familien mehr als 400 tausend Hektar, während über elf Millionen Menschen im ländlichen Raum weniger als einen Hektar besitzen.(31) In Sachen Landkonzentration steuern wir wieder auf feudale Verhältnisse zu.(32) Trotzdem wird kaum über eine Umverteilung oder Landreformen diskutiert. Mit der seit 2008 zunehmenden Vertreibung von Menschen von ihrem Land («Landgrabbing») ist der Schutz bestehender Landrechte auf politischer Ebene in den Vordergrund getreten.

Denn die Nahrungsmittelkrise im Jahr 2008 hat dazu geführt, dass Investoren umfangreiche Landflächen pachteten oder kauften. 59 Prozent des Landes waren vorher in der Hand von Gemeinden oder des Staates.(33) Heute ist nur ein Fünftel des Landes, das ländliche und indigene Gemeinden in Ländern des globalen Südens bewirtschaften, rechtlich vor Landraub durch Regierungen und Unternehmen geschützt.(34) Dabei bildet es die Lebensgrundlage von 2,5 Milliarden Menschen. Eine FAO-Studie bestätigt, dass grossflächiger Landerwerb durch Investoren den Gemeinden schadet.(35) Er beinhaltet häufig grosszügige Wasserrechte («Watergrabbing») und geht mit grossflächiger, industrieller Landwirtschaft (Anbau von Zuckerrohr, Soja, Palmöl usw.) einher. Konzerne machen Wasser immer mehr zum Luxusgut für Menschen.(36) Menschen, die das Land nutzen, werden vertrieben, darunter Pastoralisten, kleinbäuerliche Produzenten und Indigene. Das eigene Land zu verteidigen, ist lebensgefährlich. Im Jahr 2018 wurden jede Woche mehr als drei Menschen ermordet, weil sie ihr Land verteidigen oder die Umwelt schützen wollten.(37) Unzählige werden verfolgt und kriminalisiert. Besonders gefährlich erweist sich Widerstand gegen vermeintliche «Entwicklungsprojekte» von Bergbaukonzernen, des Agrobusiness und von Konzernkonsortien im Wasser- und Staudammbereich.

Marktmacht, Ausbeutung und Diskriminierung im Ernährungssystem

Bäuerliche Produzentinnen und Produzenten sowie auf Plantagen Arbeitende werden im globalen Süden systematisch diskriminiert, sei es durch ungerechte Landgesetze, Saatgutpatente, ruinöse Abnahmepreise und Hungerlöhne oder durch Unterdrückung von Gewerkschaften, oligopolistische, vom Agrobusiness dominierte Märkte, korrupte Eliten, Polizeigewalt oder Unrechtsjustiz.(38) Frauen sind besonders betroffen, weil patriarchale Strukturen ihre Teilhabe erschweren oder gar unterbinden. Auch Migrantinnen und Migranten können sich kaum organisieren und geniessen meistens keinerlei Rechtsschutz. Armut und Hunger hängen eng zusammen: Wer extrem arm ist und wenig Geld verdient, hat häufig nicht genug zu essen. Einer Oxfam-Studie zufolge haben 56 Prozent der befragten Arbeiterinnen und Arbeiter in indischen Assam-Teeplantagen nicht ausreichend Nahrung, mehr als ein Viertel leidet unter Hunger.(39) Die grösste Gruppe von Hungernden stellen kleinbäuerliche Produzenten dar. Ihre Einnahmen aus dem Verkauf der Ernte reichen nicht, um das ganze Jahr Lebensmittel für die Familie zu kaufen, und sie können ihr Getreide häufig nicht lagern, um Hungermonate zu überbrücken. Die exportorientierte Agrarpolitik und die Billigexporte der Industrie- und Schwellenländer (Billigfleisch aus Massentierhaltung usw.), der forcierte Abbau von Schutzzöllen durch unfaire Handelsabkommen, die politisch geförderte Überschussproduktion und die Machtungleichgewichte im Ernährungssystem verhindern, dass sie faire, kostendeckende Preise für ihre Lebensmittel erhalten, sofern sie überhaupt einen Absatzmarkt finden.

Einige wenige globale Konzerne und finanzkräftige Kapitalanleger bestimmen die Agrarmärkte und die grossen Trends beim Nahrungsmittelkonsum. Hunderte «agrarbasierte Investmentfonds» verwalten etliche Milliarden Dollar an Vermögen. Im Jahr 2019 wurde das 6-fache der weltweiten Weizenproduktion an den US-Börsen gehandelt. An der Chicagoer Terminbörse stieg der Anteil der reinen Spekulation am Weizenhandel von 12 Prozent Mitte der 1990er-Jahre auf 74 Prozent Ende 2019.(40) Investmentfirmen wie BlackRock sind an Konzernen entlang der ganzen Lieferkette beteiligt. Mit dem Instrument der Konzernklagerechte («Investor State Dispute Settlement») werden Regierungen eingeschüchtert und unter Druck gesetzt, während Betroffene von Menschenrechtsverstössen sich rechtlich nicht gegen die Konzerne wehren können. Konzerne wie BASF nutzen Steueroasen und Steuertricks, wodurch dem Staat Steuern in Milliardenhöhe für eine gemeinwohlorientierte (Agrar-)Politik und eine Ernährungswende fehlen.(41) Seit den 1980er-Jahren kommt es vermehrt zu Fusionen und Übernahmen. Durch die Finanzierung von Megafusionen entstehen immer grössere Banken und Konzerne. Weniger, dafür mächtigere Konzerne bedeuten mehr Profite für unersättliche Investoren.

Bauern und Bäuerinnen sowie Arbeiterinnen und Arbeiter sind als schwächste Glieder in der Lieferkette am stärksten von der Marktkonzentration im Agrar- und Ernährungssektor betroffen und weitestgehend machtlos und schutzlos der Marktmacht der Konzerne ausgeliefert. Die Schere zwischen ihren Anteilen an den Verkaufserlösen und jenen der Konzerne klafft immer weiter auseinander. Zwischen 1995 und 2011 ist der Anteil der Supermärkte am Endverbraucherpreis um 11,5 Prozent gestiegen, während jener der bäuerlichen Produzenten um 13,9 Prozent gesunken ist.(42) In Ecuador ist aufgrund des brutalen Preiskampfs der Supermärkte die Zahl der Bananen produzierenden Familienbetriebe innerhalb von nur vier Jahren (2015 bis 2018) um 60 Prozent zurückgegangen.(43) Der Markt gewährleistet keine Fairness im Lebensmittelhandel. Die Regierungen unternehmen nichts oder viel zu wenig gegen den Verkauf von Lebensmitteln zu Dumpingpreisen, sowohl national als auch international.

Fazit

Enge politische Verflechtungen zwischen dem Agrobusiness, der Politik und staatlichen Institutionen behindern nicht nur die Abkehr von der «grünen Revolution» und der industriellen Tierhaltung, sondern untergraben auch die notwendige Transformation des Ernährungssystems. Gleichzeitig wird in vielen Ländern die Zivilgesellschaft immer stärker zensiert, eingeschüchtert und entmutigt. Nur vier Prozent der Weltbevölkerung genießen uneingeschränkte zivilgesellschaftliche Freiheiten und können für ihre Rechte eintreten.(44) Wichtige politische Reformen werden blockiert oder auf die lange Bank geschoben.

Zivilgesellschaftliche Organisationen und soziale Bewegungen setzen sich für den ganzheitlichen Ansatz der Agrarökologie als Gegenmodell zur industriellen Landwirtschaft und zum konzerndominierten Ernährungssystem ein. Im Zeitraum von Anfang 2014 bis September 2018 entfielen weniger als zehn Prozent der landwirtschaftlichen Mittelzusagen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) auf agrarökologierelevante Vorhaben.(45) Die Agrarökologie systematisch und kohärent zu fördern, bedeutet mehr Vielfalt über und unter der Erde, lokale Lösungen durch lokale Akteure, die Kontrolle der bäuerlichen Produzentinnen und Produzenten über ihre natürlichen Lebensgrundlagen, eine ortsnahe Versorgung mit gesunden Lebensmitteln durch Vermarktungsnetzwerke, Bottom-up-Prozesse und die gleichberechtigte Mitbestimmung von Frauen und Männern. All dies müsste mit einer Umverteilung von Agrarsubventionen und fairen Handelsabkommen einhergehen. Ebenso müssten die Gentechnik inklusive «Gene Drives», der Einsatz von Reserveantibiotika in der industriellen Tierhaltung sowie Patente auf Pflanzen, Pflanzenteile und DNA-Sequenzen verboten werden.

Allzu häufig werden die Plantagenarbeiterinnen und -arbeiter vergessen, wenn es um die Bekämpfung des Hungers geht. Ihre Rechte müssen besser geschützt werden, auch im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit. Existenzsichernde Löhne, die Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen und verbindliche Regeln für Unternehmen zur Einhaltung von Menschenrechten im Ausland sind erforderlich. Obwohl immer noch patriarchale Systeme Frauen diskriminieren, wird die wichtige Arbeit von Frauenorganisationen zu wenig unterstützt. Ein solidarisches Miteinander von Frauen und Männern basiert auf gleichen Rechten, einem gewaltfreien Umgang miteinander und gleichen Entwicklungschancen. Nur wenn die soziale Ungleichheit reduziert wird, sind nachhaltige Fortschritte im Bereich der Hungerbekämpfung möglich.

Anmerkungen und Literaturhinweise

Anmerkungen
1 FAO, 2019.
2 E-Mail-Austausch mit der Statistik-Abteilung der FAO im Oktober 2019.
3 IPES, 2016.
4 Siehe BMEL: Video: Handel und Welternährung.
5 Die prognostizierte Steigerung wurde im Jahr 2012 auf 60 Prozent für den Zeitraum 2005/07 bis 2050 beziffert. Siehe FAO, 2012.
6 Die zwanzig weltweit grössten Fleisch- und Milchkonzerne verursachen mit 932 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr mehr Emissionen als Deutschland. Die Top fünf verursachen mehr Treibhausgase als die Energieriesen ExxonMobil oder BP. Siehe IATP, HBS, Grain, 2017. 7 Wenn die Lebensmittelverschwendung beziehungsweise die Lebensmittelverluste und die Nachfrage nach Futtermitteln für die Fleischproduktion reduziert würden, wäre bis 2050 nur ein Anstieg von 40 Prozent erforderlich. Siehe FAO, 2017.
8 FAO, 2019.
9 EUROSTAT, 2002–2018.
10 IPES, 2016.
11 Eigene Berechnungen nach Zahlen der USDA.
12 UNCTAD, 2016.
13 Stöllinger, 2018.
14 Der Eisengehalt ist bei Hirse viermal höher als bei Reis und der Zinkgehalt bei Hafer viermal höher als bei Weizen. Siehe Defries et al., 2015.
15 National Research Council, 1996.
16 Moldenhauer et al., 2019.
17 Oxfam, 2019bc.
18 IPES, 2016.
19 Montague, 2018.
20 Oxfam, CTDT (2016)
21 Wiggerthale, 2013.
22 Die Produktion von Billigfleisch ist nur mit grossen Mengen Antibiotika möglich. Beim Menschen entstehen lebensgefährliche Antibiotika-Resistenzen.
23 FAO, 2015.
24 OHCHR, 2017.
25 Wiggerthale, 2019.
26 Wiggerthale, 2015a.
27 DEval, 2017. DEval, 2018.
28 Oxfam, 2016a. Oxfam, 2014.
29 Oxfam, 2019c. ODI, 2019.
30 Oxfam, 2016b.
31 Weltbank, 2014.
32 Herre, 2014.
33 Giger et al., 2019.
34 Oxfam, ILC, RRI, 2016.
35 FAO, 2014.
36 Wiggerthale, 2015b.
37 Global Witness, 2019.
38 Siehe internationaler Expertenbericht zu Mordfall Berta Cáceres.
39 45 Prozent der befragten Arbeiterinnen und Arbeiter leiden unter Krankheiten wie Gelbsucht, Cholera und Typhus, da sie verunreinigtes Wasser trinken müssen. 40 Eigene Berechnungen.
41 Grüne/EFA, 2016.
42 Oxfam, 2018. Siehe Oxfam, 2019a.
43 Oxfam, 2020.
44 Brot für die Welt (2019))
45 Unveröffentlichte Information des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Literaturhinweise
Brot für die Welt (2019): Atlas der Zivilgesellschaft.
Defries Ruth et al.: Global nutrition. Metrics for land-scarce agriculture. In: Science, Juli 2015.
DEval: Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft im Agrarsektor in der deutschen technischen Zusammenarbeit. Bonn, 2018.
DEval: Evaluierung des Developp.de-Programms. Bonn, 2017.
EUROSTAT: EU-28 exports, imports and trade balance of agricultural products. 2002–2018.
FAO: The State of Food Security and Nutrition in the World. Rom, 2019.
FAO: The future of food and agriculture. Trends and challenges. Rom, 2017.
FAO: Status of the Worlds Soil Resources. Hauptbericht, Kapitel 9. Regional Assessment of Soil Changes in Africa South of the Sahara. Rom, 2015.
FAO: Impacts of Foreign Agricultural Investment on Developing Countries: Evidence from Case Studies. FAO Commodity and Trade Policy Research Working Paper No. 47. Rom, 2014.
FAO: World Agriculture Towards 2030/50. The 2012 Revision. Rom, 2012.
Giger Markus et al.: Impacts of large-scale land acquisitions on common-pool resources: Evidence from the Land Matrix. In: The Commons in a Global World: Global Connections and Local Responses. London, 2019.
Global Witness: Enemies of the State? How governments and businesses silence land and environmental defenders. 2019.
Grüne/EFA: Studie zur Steuervermeidung von BASF. Pressemitteilung vom 7.11.2016.
Herre Roman: Land umverteilen. In: Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 2014.
IATP, HBS, Grain: Factsheet «Die XXL-Klimabilanz der Fleisch- und Milchgiganten». 2017.
IPES: From Uniformity to Diversity. 2016.
Moldenhauer Heike et al.: Zukunft oder Zeitbombe? Wiesbaden, 2019.
Montague Brendan: Herbicide use increases weed resistance – and costs, new study finds. 19. März 2018. National Research Council: Lost crops of Africa. 1996.
ODI: Blended finance in the poorest countries: the need for a better approach. London, 2019.
OHCHR: Pesticides are “global human rights concern”, say UN experts urging new treaty. GENEVA, 7 March 2017. Oxfam: Billigpreise deutscher Supermärkte verdrängen kleinbäuerliche Bananenproduzenten in Ecuador. Pressemitteilung vom 3. Februar 2020.
Oxfam (2019a): Schwarzer Tee, weisse Weste? Pressemitteilung vom 10. Oktober 2019.
Oxfam (2019b): Mit Agrarökologie gegen Hunger. Pressemitteilung vom 15. Juli 2019.
Oxfam (2019c): Faith is not enough. Oxford.
Oxfam: Ripe for Change. Ending Human Suffering in Supermarket Supply Chains. Oxford. 2018.
Oxfam (2016a): Böcke zu Gärtnern. Wie die aktuelle Kooperation mit Agrarkonzernen eine nachhaltige Landwirtschaft verhindert. Berlin.
Oxfam (2016b): Unearthed: Land, power, and inequality in Latin America. Oxford.
Oxfam, CTDT (2016): Our Seeds: Lessons from the Drought.
Oxfam: Gefährliche Partnerschaft. Wie die Bundesregierung unter dem Etikett der Armutsbekämpfung die Wirtschaftsinteressen von Agrarkonzernen befördert. Berlin, 2014.
Oxfam, ILC, RRI: Common Ground: Securing land rights and safeguarding the earth. Oxford, 2016.
Stöllinger Roman: Steigende Marktmacht multinationaler Unternehmen – Fluch oder Segen für Aufholprozesse? In: Kurswechsel, Heft Nr. 1, 2018.
UNCTAD: World Investment Report 2016 Investor Nationality: Policy Challenges. United Nations. Genf, 2016. Wiggerthale Marita: Viel heisse Luft um Politik für die Armen mithilfe der Wirtschaft. Oxfam-Blogartikel, 2019. Wiggerthale Marita: Internationaler Expertenbericht zu Mordfall Berta Cáceres. Oxfam-Blogartikel, 2018.
Wiggerthale Marita: Verkehrte Welt. Hilfe für Agrobusiness. In: Konzernmacht grenzenlos. Die G7 und die weltweite Ernährung. 2015a.
Wiggerthale Marita: Konzerne machen Wasser zum Luxusgut. Oxfam-Blogartikel. 2015b.
Wiggerthale Marita: Bayer, BASF und Co. kassieren Entwicklungshilfegelder – unglaublich! Oxfam-Blog-Artikel, 2013. Weltbank: Agricultural Land Redistribution and Land Administration in Sub-Saharan Africa. Case Studies of Recent Reforms. Washington D.C., 2014.

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Sie werden ihr Leben für Lebensmittel riskieren

28. April 2020 - 9:06
Die Corona-Pandemie bedroht besonders Menschen, die bereits jetzt am Existenzminimum leben: Rund eine halbe Milliarde Menschen könnten in Armut stürzen. Die Zahl der akut Hungernden könnte sich bis Ende des Jahres verdoppeln. Und die Zahl der Menschen, die von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bedroht sind, könnte in Westafrika allein zwischen Juni und August von 17 Millionen auf 50 Millionen Menschen steigen. Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale erklärt, was getan werden muss, um die betroffenen Menschen zu schützen. © Pablo Tosco/Oxfam

Das gab’s noch nie. Eine Pandemie, die überall auf der Welt grassiert. Grundrechte, die ohnegleichen beschnitten werden. Eine Wirtschaft, die allerorten erschüttert wird. Fast 2,7 Milliarden Menschen bzw. 81 Prozent der Arbeitnehmer*innen weltweit sind in irgendeiner Form von Sperren betroffen. Besonders hart trifft es die zwei Milliarden Menschen, die im informellen Sektor arbeiten.

Bilder aus Indien haben dies deutlich vor Augen geführt. Wer nur das am Tag verdiente Geld hat, um sich Lebensmittel kaufen zu können, steht mit leeren Händen da, verliert von einen auf den anderen Tag 100 Prozent seines Einkommens. Mehr als ein Viertel der Arbeit in der Landwirtschaft wird von Migrant*innen geleistet. Sie können kaum von ihrer Arbeit leben, setzen ihre Gesundheit aufs Spiel und haben keinerlei Sicherheit.

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Covid19 sind enorm. Sie könnten rund eine halbe Milliarde Menschen in Armut stürzen. Das Forschungsinstitut IFPRI prognostiziert, dass die extreme Armut weltweit um 20 Prozent zunehmen könnte, wenn die Regierungen nicht gegensteuern.

Besonders betroffen werde Subsahara-Afrika sein. Nach Angaben der Weltbank gab es das letzte Mal vor 25 Jahren eine wirtschaftliche Rezession in dieser Region. Die Landwirtschaft spielt dort als Wirtschaftssektor noch eine bedeutende Rolle. Der Anteil am Bruttoinlandprodukt beträgt beispielsweise in Burkina Faso 28 Prozent, in Burundi 29 Prozent und in Äthiopien 31 Prozent. Armut hat ein ländliches Gesicht, ungefähr 80 Prozent der Armen leben im ländlichen Raum. Menschen, die in Armut leben, haben keine Lobby. Dabei sind sie diejenigen, die am meisten von Krisen betroffen sind. Auch weil sie mehrfach benachteiligt sind. Ob in punkto Bildung, Gesundheitsfürsorge, Agrarberatung und Landrechte oder Straßenanbindung, Energie-, Wasser- und Internetversorgung.

Vor Ort funktionieren Lebensmittelmärkte häufig nicht mehr

Weniger als wenig Essen heißt hungern. Millionen Menschen sind von staatlichen Lebensmittelprogrammen und städtischen Essensausgaben abhängig. Sie reichen jedoch nicht aus, um die große Nachfrage zu bedienen, so die Weltgesundheitsorganisation.

In Nigerias Hauptstadt Lagos kämpfen Menschen erbittert um Lebensmittel­lieferungen, weil sie kein Essen zuhause haben. Einige gehen leer aus. Lokale Märkte wurden vielfach geschlossen ohne Alternativen sicherzustellen. Lebensmittel können dort weder gekauft noch verkauft werden. Dabei sind informelle Lebensmittelmärkte zentral für die Lebensmittelversorgung und für die Einkommen von informellen Händler*innen und kleinbäuerlichen Produzent*innen. Straßenverbindungen zu wichtigen Märkten wurden gekappt. Händler*innen kommen gar nicht oder weniger ins Dorf. Bäuerliche Produzent*innen bleiben auf ihren Lebensmitteln sitzen.

Besonders dramatisch ist die Situation bei verderblichem Gemüse. Das „Center for Sustainable Agriculture“ in Indien berichtet, dass die Einnahmen der Gemüseproduzent*innen im Vergleich zu 2019 um die Hälfte eingebrochen sind. Auch im Senegal und in Mali können Bauern und Bäuerinnen ihr Gemüse nicht verkaufen. In Ostafrika ist die Lieferkette für Reis unterbrochen. In den nächsten Wochen wird es einen Mangel an Reis geben, erklärt das Reisimportunternehmen Sunrice. Lebensmittel-LKW-Fahrer sind eigentlich von den Corona bedingten Beschränkungen ausgenommen, aber viele sorgen sich um ihre Sicherheit oder haben Angst vor Bußgeldern und Verhaftungen. Dennoch ist zu lesen, dass es bislang keine „bedeutsamen Unterbrechungen“ von Lebensmittelversorgungsketten gebe.

Nahrungsmittelkrise oder Ernährungskrise?

Wenn man die FAO fragt, ob es eine Nahrungsmittelkrise gibt, lautet die Antwort „Nein, noch nicht“. IFPRI analysiert, dass alle Voraussetzungen für eine globale Ernährungskrise gegeben sind und spricht bereits von einer Ernährungskrise. Das Welternährungsprogramm warnt vor einer Hunger-Pandemie. Fest steht, die Lage ist ernst.

Bereits jetzt reichen staatliche Lebensmittellieferungen nicht aus und Millionen Menschen haben kein Geld, um sich Lebensmittel leisten zu können. Folglich ist es richtig, von einer Ernährungskrise zu sprechen. Das Welternährungsprogramm schätzt, dass die Zahl der akut Hungernden sich bis Ende 2020 verdoppeln könnte. Laut der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) könnte die Zahl der Menschen, die von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bedroht sind, zwischen Juni und August 2020 von 17 Millionen auf 50 Millionen Menschen steigen. Betroffen sind all jene, die ohnehin am Rande der Existenz leben, wenig Geld verdienen und keinen finanziellen Puffer haben: Marktverkäufer*innen, Tagelöhner*innen, Plantagen­arbeiter*innen, Migrant*innen, kleinbäuerliche Produzent*innen und nomadische Viehzüchter*innen.

Die Menschen sind verzweifelt, wenn sie wie in Kenia durch die staatlichen Beschränkungen keinen Zugang zu Lebensmitteln haben. Sie werden ihr Leben für Lebensmittel riskieren. In Südafrika patrouilliert inzwischen das Militär, um zu verhindern, dass hungrige Menschen den „Lockdown“ durchbrechen! Wenn die Ausgangs- und Versammlungsbeschränkungen nicht wären, gäbe es vielleicht auch Proteste. Bilder aus dem Jahr 2008 kommen mir in den Sinn. Doch die Situation heute ist nicht mit der damaligen Nahrungsmittelkrise zu vergleichen.

Corona-Krise nicht mit Nahrungsmittelkrise 2008 vergleichbar

Ich habe in den letzten Wochen an mehreren Webinaren teilgenommen und die Entwicklung eng verfolgt. In der Welternährungsszene besteht Einigkeit darüber, dass die Situation heute nicht mit der Nahrungsmittelkrise 2008 vergleichbar ist. Damals explodierten die Nahrungsmittelpreise, international und in vielen Ländern des globalen Südens. Die Gründe: Ernteausfälle, Agrosprit, hohe Ölpreise und exzessive Nahrungsmittelspekulation. Exportverbote und Panikkäufe verschärften die Lage.

Heute gibt es genug Lebensmittel für alle, aber sie erreichen die Menschen nicht oder sie haben kein Geld, um sich Lebensmittel kaufen zu können. Es ist also eine „Zugangskrise“, während in 2008 die Lagerbestände sehr niedrig waren. Aktuell haben die Lagerbestände einen Anteil von 30 Prozent am weltweiten Getreideverbrauch, während im Jahr 2008 der Anteil 17 Prozent betrug und damit unterhalb der kritischen Grenze von 20 Prozent lag.

Inwieweit die Produktion durch Covid19 betroffen sein wird, lässt sich aktuell schwer beurteilen. Insgesamt werden gute Ernten vorhergesagt. Ältere, kleinbäuerliche Produzenten können im Krankheitsfall womöglich ihre Feldarbeit nicht verrichten. Im Unterschied zu 2008 werden bisher nur in wenigen Ländern Exportbeschränkungen bei Getreide verhängt. Damals war dies in 25 Ländern der Fall. Bei Weizen könnten allerdings Mitte/Ende Mai die Exportquoten in Russland ausgeschöpft sein, so dass dann ein Stopp von Exporten die Weizenpreise erhöhen könnte. Russland ist der größte Exporteur von Weizen. Auch bei Reis gab es zwischenzeitlich Exportbeschränkungen, die Vietnam eingeführt hatte.

Die Preisschwankungen haben bei Reis und Weizen entsprechend zugenommen. Sie bilden den Nährboden für die exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln. Von einer Preisexplosion wie im Jahr 2008 sind wir aktuell noch weit entfernt. Arme Länder, die auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind, müssen aber bereits jetzt mehr Haushaltsmittel für diese aufwenden, weil der Dollar aufgewertet hat. Die internationalen Handelsgeschäfte mit Getreide werden in Dollar abgewickelt.

Steigende Lebensmittelpreise und fallende Erzeugerpreise

In mehreren Ländern sind die Lebensmittelpreise bereits gestiegen. Zwischen Februar und März 2020 stiegen die Preise für einige Grundnahrungsmittel in Äthiopiens Hauptstadt um 50-100 Prozent. In Westafrika sind in den meisten Märkten höhere Getreidepreise zu verzeichnen. In Ghana sind sie um 20-33 Prozent gestiegen, zum Beispiel bei Reis und Hirse. In Burkina Faso ist in wenigen Tagen der Preis für einen 100-Kilogramm-Sack Hirse von 16.000 auf 19.000 CFA gestiegen und die Kosten für einen Liter Speiseöl haben sich verdoppelt. In Mali sind die Preise bei Hirse und Mais gestiegen.

Auch in der Ebola-Krise im Jahr 2014 war es zu einem dramatischen Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln gekommen. Ein Ende des Preisanstiegs ist noch nicht in Sicht. Die Weltbank prognostiziert, dass in Subsahara-Afrika die Agrarproduktion um bis zu sieben Prozent und die Nahrungsmittelimporte um bis zu 25 Prozent zurückgehen werden.

Wie kritisch die Situation bereits heute ist, wird auch an den Maßnahmen mehrerer Länder deutlich. Anfang April haben nach Angaben der FAO sechs Länder Obergrenzen für Lebensmittelpreise eingeführt, nämlich Gambia, Honduras, El Salvador, Madagaskar und Ruanda. Sechs Länder gehen gegen überteuerte Lebensmittelpreise vor. Dazu zählen Bolivien, Kolumbien, Ekuador, Madagaskar, Mosambik und Südafrika. Indonesien und Philippinen haben Lebensmittel rationiert. Äthiopien hat preisstabilisierende Maßnahmen eingeführt. Nigeria hat Getreide aus der Reserve auf den Markt gebracht. Mauretanien hat die Zölle für Lebensmittel gesenkt. Kambodscha hat Lebensmittelexporte ausgesetzt.

Auf der anderen Seite prognostiziert die FAO, dass die Erzeugerpreise fallen werden und eine Agrarkrise droht. Aus Togo wird bereits berichtet, dass kleinbäuerliche Produzenten*innen für einen 50 kg Sack Avocados 33 Prozent weniger als üblich bekommen. Die Händler verweisen auf ihre höheren Transportkosten wegen der Covid19-Restriktionen. In Ghana ist der Preis für einen 100kg Sack Cashewnüsse um 40-50 Prozent gefallen.

Was ist jetzt zu tun?

Die Corona-Krise verschärft die soziale Ungleichheit. Die lokalen Märkte, die für die Ernährungssicherung eine zentrale Rolle spielen, werden geschlossen, während Supermarktketten geöffnet bleiben. Bäuerliche Produzenten bleiben auf ihren Lebensmitteln sitzen, während Unternehmen immer noch – wenn auch eingeschränkt – ihre Lebensmittel transportieren können. Die Lebensmittelpreise steigen, während gleichzeitig die Erzeugerpreise fallen. Höhere Margen werden von einigen Händler*innen bzw. Konzernen abgeschöpft werden. Die Preisschwankungen nehmen zu und bereiten den Nährboden für die exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln. Die Corona-Krise offenbart die bestehenden Ungerechtigkeiten in der industriellen Landwirt­schaft und im konzerndominierten Ernährungssystem. Auch diese Ernährungskrise wird von Regierungen nicht gut gemanagt. Dabei ist das Wissen über die Ungleichheit gestiegen, das jetzt für zielgerichtete Maßnahmen genutzt werden könnte. Der UN-Welternährungsausschuss (CFS) wurde 2009 reformiert, auch um sich in Krisenzeiten zukünftig besser koordinieren zu können. Die nächste Sitzung im Oktober sollte sich deshalb der Corona-Krise widmen.

Was ist jetzt zu tun? Danielle Resnick von IFPRI plädiert dafür, informelle Lebensmittelhändler*innen zu unterstützen, statt zu verfolgen. Informelle Lebensmittelmärkte sollten unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen und größeren Abständen rund um die Uhr offen sein dürfen. Das gleiche gilt für Wasserstellen für die Tiere. Staatliche Stellen sollten möglichst Lebensmittel von bäuerlichen Produzenten aufkaufen, um sie gezielt an bedürftige Menschen abgeben zu können.

Bei allen Maßnahmen müssen soziale und ökologische Wirkungen im Sinne des „built back better“ berücksichtigt werden, um die soziale Ungleichheit zu reduzieren und die Umwelt zu schützen. Dies gilt für staatliche Hilfen, Stabilisierungsprogramme und Regeln für Wirtschaftsakteure inkl. Einhaltung von Arbeitsrechten. Lasst uns nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war das Problem, fordert die Zivilgesellschaft weltweit. Maßnahmen zur sozialen Sicherung und zum Schutz besonders gefährdeter Menschen sind dringend erforderlich. Arbeiter*innen sollten menschenwürdige Arbeitsbedingungen ermöglicht und nicht hochgefährlichen Pestiziden ausgesetzt werden. Um die lokale und regionale Lebensmittelver­sorgung nachhaltig zu stärken, sollten gezielt agrarökologische Ansätze von kleinbäuerlichen Produzenten gefördert werden. Denn die Krisenanfälligkeit des Ernährungssystems wird bedingt durch die Klimakrise weiter zunehmen. Die größte Bewährungsprobe steht uns allen noch bevor.

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Bayer auf Irrwegen

24. April 2020 - 11:40
Gewinnträchtiges Saatgut, Patente, die die Marktmacht sichern und Profite mit hochgiftigen Pestiziden, die für Gesundheitsprobleme, Umweltschäden und Artensterben sorgen: Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale darüber, dass Bayer aktuell nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist.

Die Hiobsbotschaften nehmen kein Ende. Der Bayer-Kurs ist seit der Ankündigung der Fusion mit Monsanto im Mai 2016 um fast 40 Prozent gefallen, während der DAX zeitgleich um ungefähr 20 Prozent gestiegen ist. Die Klagewelle nimmt kein Ende. Im Februar hat eine US-Jury Bayer (und BASF) im Rechtsstreit zu millionen­schwerem Schadenersatz verurteilt. Nicht etwa wegen Glyphosat (Roundup), sondern wegen dem Unkrautver­nichter Dicamba.

Tausende Glyphosat-Klagen kommen jeden Monat dazu, so Bloomberg. Waren es im September 2019 noch 18.400, so lag die Zahl Ende Oktober 2019 bereits bei 42.700. Jetzt liege die Zahl „deutlich höher“, berichten Klägeranwälte. Rückendeckung erhielten die Kläger durch die Untersuchung der Internationalen Agentur für Krebsforschung, die Glyphosat im Juli 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hatte. Analysten zufolge könnte die Beilegung der Klagen Bayer bis zu 20 Milliarden US-Dollar kosten. Bayer erklärte nun, dass die Corona-Krise die Klagebeilegung verzögern würde. Klägeranwälte in den USA widersprechen. Bayer hätte Anwaltskanzleien angekündigt, bereits verhandelte Entschädigungssummen nicht zahlen zu wollen. Der Konzern ist nach der Monsanto-Übernahme der größte Anbieter von Glyphosat. Weitestgehend unbeachtet blieb eine Schiedsklage, die Bayer im September 2019 von BASF erhielt. BASF macht Schadenersatzansprüche aus den 2017 und 2018 unterschriebenen Kaufverträgen geltend. Der Grund: Bayer habe bestimmte Kostenpositionen nicht hinreichend offengelegt und den veräußerten Geschäftsbereichen teilweise falsch zugerechnet.

Hohes Gesundheitsrisiko durch hochgiftige Pestizide im globalen Süden

Hätten arme Menschen im globalen Süden die gleichen Klagemöglichkeiten wie in den USA, müssten Bayer und andere Agrarkonzerne erhebliche Entschädigungssummen zahlen. Dass Pestizide krank machen, ein höheres Krebsrisiko mit sich bringen oder zum Tode führen, ist mehrfach belegt.

So zeigt die Studie der in Wien ansässigen Organisation „ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt“ ein drastisch erhöhtes Krebsrisiko durch Pestizide im konventionellen Anbau von ecuadorianischen Bananen. Die entsprechenden Werte waren bei Arbeiter/innen deutlich erhöht, teils um bis zu 155 Prozent. In Argentinien hat ein Ärztenetzwerk („Red de Médicos de Pueblos Fumigados“) belegt, das in den letzten zehn Jahren bei Kindern die Krebsfälle um das Dreifache gestiegen sind sowie Fehlgeburten bzw. Missbildungen von Säuglingen um 400 Prozent. Geschätzt sterben 200.000 Menschen jährlich an akuten Pestizidvergiftungen, davon 99 Prozent im Globalen Süden.

Bayer, BASF & Co. sind Spitzenreiter im globalen Geschäft mit hochgiftigen Pestiziden. Bei Bayer liegt der Anteil bei 36,7 Prozent. Die meisten hochgiftigen Pestizide kommen im Mais- und Sojaanbau zum Einsatz. Verkauft werden auch solche Pestizide, die in der EU oder woanders verboten sind. Von den 229 registrierten Pestiziden in Bolivien sind 105 in anderen Ländern verboten und 75 in der EU nicht zugelassen. In Südafrika werden 67 Pestizide eingesetzt, die in der EU verboten sind. 20 von ihnen kommen auch im Wein- und Obstanbau zum Einsatz. Die Bürgerrechts­organisation „Women on Farms Project“ initiierte 2019 eine Kampagne, die von Oxfam unterstützt wurde. Ihr Ziel: Ein Verbot von hochgiftigen Pestiziden. Im Zeitraum 1986 bis 2016 sind Südafrikas Pestizidimporte um 536 Prozent (wertmäßig) gestiegen, während in ganz Afrika der Importanstieg 213 Prozent betrug. Südafrika spielt denn auch eine Schlüsselrolle in Bayers Afrika-Strategie. Auch seine Umsätze in Afrika werden mehrheitlich in dem Land erzielt.

Bayers Marktmacht und Strategie im Pestizid- und Saatgutbereich

Bayer Crop Science erzielte 2019 knapp 70 Prozent seiner Umsätze in Nord- und Südamerika, davon 44 Prozent in Nordamerika und 25 Prozent in Südamerika. Die Region Europa/Mittlerer Osten/Afrika kommt nur noch auf einen Anteil von 21 Prozent und der asiatisch-pazifische Raum auf neun Prozent. Beim Capital Markets Day in London 2018 kündigte Bayer an, noch mehr (hochgiftige) Pestizide in Nord- und Südamerika verkaufen zu wollen. „Nur“ 50 Prozent seiner Pestizidumsätze werden nach Angaben von Bayer dort erzielt. Bei Saatgut betrage der Fußabdruck hingegen 90 Prozent (ca. 161 Millionen Hektar).

Dabei ist Bayer/Monsanto in Südamerika bereits marktdominierend. In Argentinien liegt sein Marktanteil bei 18,4 Prozent, bei Totalherbiziden und selektiven Herbiziden im Sojaanbau sogar 37 Prozent. Insgesamt macht Bayer die Hälfte seines Pestizid-Umsatzes mit Herbiziden. Auch bei Insektiziden, die in Argentinien im Maisanbau angewendet werden, hat Bayer einen Marktanteil von 35 Prozent. In Indonesien ist Bayer bei Pestiziden nach Syngenta der zweitgrößte Anbieter mit einem Marktanteil von 16 Prozent. In der Region Europa/Mittlerer Osten/Afrika und im asiatisch-pazifische Raum will Bayer die Profite im Saatgutbereich deutlich erhöhen. In der EU hat Bayer/Monsanto jedoch bereits einen Anteil von 16 Prozent am EU-Maissaatgutmarkt. Als führender Anbieter von Reissaatgut dominiert Bayer auch den indischen Reismarkt mit einem Anteil von 40-45 Prozent. In Indonesien hat Bayer/Monsanto hingegen einen Anteil von fünf Prozent am Maissaatgutmarkt.

Bayers Monopolrechte bzw. Patente auf Leben

Im Saatgutbereich entfallen 75 Prozent von Bayers Umsätze auf Mais und Soja, die in großen Teilen als Futtermittel eingesetzt werden. Gemüse und Hauptnahrungsmittel wie Reis und Weizen generieren nur 10 Prozent bzw. 15 Prozent der Saatgutumsätze. Ganz zu schweigen von vernachlässigten und wenig genutzten Pflanzen, die im Portfolio von Bayer & Co. nicht zu finden sind, obwohl sie einen sehr hohen Nährwert haben. Bayers Beitrag zur Bereitstellung von Saatgut für eine gesunde Ernährung ist somit sehr begrenzt.

Erstaunlich ist, dass Bayer kaum Weizensaatgut verkauft – in der EU gar nicht, obwohl es weltweit am meisten angebaut wird. Wahrscheinlich ist es weniger lukrativ. Hybridweizen ist noch nicht marktfähig und es gibt keinen gentechnisch veränderten Weizen. Nach der Preisexplosion bei Weizen hatte Monsanto 2009 das auf Weizen spezialisierte US-Unternehmen Westbred aufgekauft, das nun zu Bayer gehört. Das Hybridweizenprogramm musste Bayer im Zuge der Fusion an BASF abgeben. Die Forschung zu Hybridweizen, der bäuerliche Produzenten abhängig machen würde, läuft auf Hochtouren. Patente können den Zugang von Züchter*innen bzw. Bauern und Bäuerinnen zu lebenswichtigem Saatgut versperren. Studien haben vielfach gezeigt, dass kleinbäuerliche Produzenten im Globalen Süden davon abhängig sind, Saatgut von ihrem Betrieb auszutauschen, damit zu handeln und wiederzuverwenden. Bäuerliche Saatgutsysteme stellen dort 80 Prozent des Saatguts für den Lebensmittelanbau zur Verfügung.

Bayer, BASF & Co. werden weiter marktbeherrschend bleiben, wenn Patente auf Pflanzen und Tiere nicht gestoppt und ihre Monopolrechte aufgehoben werden. Bayer/Monsanto hat im Zeitraum 2018 bis 2019 die meisten Patente auf konventionelle Züchtungen bei der Weltpatentorganisation (WIPO) angemeldet. Bei Pestiziden bestehen weltweit nur noch auf 18 Prozent der aktiven Wirkstoffe Patente. Der Grund: Die Entwicklungskosten für ein neues Pestizids sind deutlich höher als für eine neue (GVO-)Sorte. Als Liam Condon beim Capital Markets Day 2018 eine Frage von JPMorgan zu Patenten bei Pestiziden erhielt, antwortete er ausweichend. Ihm lägen keine exakten Statistiken zu Patenten bei Pestiziden vor.

Bayers Geschäftsmodell ist nicht zukunftsfähig

Bayer macht Profite mit hochgiftigen Pestiziden, die für massive Gesundheitsprobleme, Umweltschäden und Artensterben verantwortlich sind. Unzählige Arbeiter*innen in Plantagen und Menschen in umliegenden Gemeinden leider unter Asthma, Hautverätzungen und zunehmenden Krebsfällen. Alles spricht dafür, dass wir uns mitten in einer Biodiversitäts-Krise befinden. Diese ist nicht nur, aber auch auf den massiven Einsatz von Pestiziden zurückzuführen.

Dreiviertel der angebauten Lebensmittel sind in irgendeiner Form von Bestäubern wie Bienen abhängig. Der Biologieprofessor Goulson von der Sussex Universität bestätigt, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass Pestizide Bestäuber schädigen. Der Lobbyverband Croplife tut aber nach wie vor so, als ob dies mit Bayer, BASF & Co. nichts zu tun hat. Es gibt auch keine Pläne, hochgiftige Pestizide zu reduzieren, allen Hochglanzbroschüren und Nachhaltigkeitsgerede zum Trotz. Der UN-Sonderberichterstatter für toxische Substanzen, Baskut Tuncak, bringt es auf den Punkt: „Der weit verbreitete Einsatz von hochgiftigen Pestiziden in der Landwirtschaft hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun…Sie sind nicht nachhaltig, können nicht sicher eingesetzt werden und hätten längst auslaufen sollen“.

Nachhaltigkeit beinhaltet auch, dass alle Menschen genug zu essen und sich gesund ernähren können. Auch hier ist Bayer auf dem Irrweg. Der Konzern trägt dazu bei, die Saatgutvielfalt zu dezimieren, indem er sich auf einige wenige gewinnträchtige Sorten konzentriert. Patente – und das entsprechende intensive Lobbying - sichern seine Gewinne und zementieren seine Marktmacht. Robuste und nahrhafte traditionelle Pflanzensorten werden durch die Hybridsorten von Bayer & Co. verdrängt. Kleinbäuerliche Produzenten, die Hybridsorten einsetzen, sind verstärkt klimabedingten Risiken ausgesetzt. Bayer ist aktuell nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

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Lidl macht einen Sprung nach vorn in Sachen Menschenrechte

23. April 2020 - 0:01
Warum Lidls neuste Menschenrechtspolitik einen echten Fortschritt bedeutet und warum das in Zeiten von Corona so wichtig ist – aber eben nicht genug © Oxfam

Letzte Woche hat Lidl seine neue Menschenrechtspolitik veröffentlicht und damit gezeigt: Es geht, Supermärkte können ihre Geschäftspolitik ändern und stärker auf die Rechte der Menschen ausrichten, die überall auf der Welt Lebensmittel herstellen und häufig dabei ausgebeutet werden. Und das ist wichtig, besonders in Zeiten von Corona: Supermärkte sind nicht nur zentral, wenn es um die Versorgung der Menschen hier mit Lebensmitteln oder das Wohl ihrer Mitarbeiter*innen geht. Sondern sie haben auch die Macht und die Verantwortung für das Wohl derjenigen zu sorgen, die auf Tee-, Wein- oder Bananenplantagen für Hungerlöhne und unter massivem Einsatz von gesundheitsschädlichen Pestiziden täglich bis zu 12 Stunden schuften. Und nun unter der Covid-19-Epidemie in besonderem Maße schutzbedürftig sind, weil sie kein Home Office machen können oder ihre Gesundheit beispielsweise durch den Einsatz giftiger Pestizide ohnehin gefährdet ist.

© Bekky Lonsdale/Oxfam

Oxfam hat seit Jahren in verschiedenen Fallstudien zu Lebensmittelprodukten wie Tee und tropischen Früchten wie Bananen und Ananas immer wieder aufgezeigt, wie Supermärkte durch ihren Preisdruck und unfairen Verträgen gegenüber Zulieferern dazu beitragen, dass Menschen am Anfang der Lieferkette auf Obstplantagen in Ecuador oder Costa Rica unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen leiden. Seit 2018 hat Oxfam darüber hinaus einen Supermarktcheck veröffentlicht, der die Menschenrechtspolitik der größten Supermarktketten in Deutschland, Vereinigtem Königreich, den Niederlanden und den USA vergleicht und konkret gangbare Maßnahmen aufzeigt, die Supermärkte ergreifen sollen.

Und in den vergangenen Jahren haben unsere Unterstützer mit großem Einsatz in zahlreichen öffentlichen Aktionen immer wieder Lidl aufgefordert, seine Menschenrechtspolitik zu verbessern.

Gegen sklavenähnliche Zustände und giftige Pestizide: Bananenrudel sorgt für Aufruhr.

© Arie Kevit/Oxfam Novib

Nach zwei katastrophalen Ergebnissen in 2018 und 2019, wo Lidl die Schulnote sechs bekommen hätte, hat sich Lidl nun aufgemacht und zentrale Schritte hin zu einer sinnvollen Menschenrechtspolitik und -praxis unternommen. Das Zeugnis von Lidl könnte dieses Jahr also deutlich besser ausfallen.

Vielen Dank an alle, die durch Unterschriften, Aktionen in Shops, Nachfragen bei Lidl etc. den größten Lebensmittel-Einzelhändler Europas nachhaltig an seine menschenrechtliche Verantwortung erinnert haben – ohne Euch hätte es diese neue Politik Lidls nicht gegeben!

Die neue Menschenrechtspolitik von Lidl

Was hat Lidl konkret gemacht?

  • Lidl hat zum Beispiel als erster deutscher Supermarkt die Liste der Hauptlieferanten für seine Eigenmarken und Herkunftsländer mit menschenrechtlichen Risiken veröffentlicht. Das ist ein zentraler Schritt, um überhaupt Menschenrechtsverletzungen in Produktionsländern aufdecken und angehen zu können.
  • Außerdem wird Lidl bei Risikoprodukten zusammen mit Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft Risikoanalysen und Aktionspläne erarbeiten, um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Zu solchen Risikoprodukten gehören z.B.:
    • Erdbeeren aus Spanien, wo Migrant*innen unter elendsten Bedingungen die Früchte ernten
    • Bananen aus Südamerika, in deren Anbau Oxfam immer wieder Menschenrechtsverletzungen festgestellt hat
    • Tee aus Kenia
  • Ein Riesenfortschritt ist auch, dass Lidl sich zur Durchsetzung der Zahlung eines existenzsichernden Lohns bekannt hat und in konkreten Projekten zunächst in Brasilien, Ghana und Ecuador daraufhin arbeiten will.
  • Sogar bei Gewerkschaftsrechten, deren Bedeutung anzuerkennen sich Lidl bisher weigerte, hat das Unternehmen einen bemerkenswerten Schritt getan und sich dazu bekannt, mit Gewerkschaften auch im globalen Süden zusammenzuarbeiten und sich dafür einzusetzen, dass die oftmals bestehenden Hürden für die Selbstorganisation der Arbeiter*innen vor Ort überwunden werden.
  • Schließlich ist anzuerkennen, dass Lidl sich durch die Unterzeichnung der UN Women Empowerment Principles, internationalen Grundsätzen zur Stärkung von Frauen im Unternehmen, verpflichtet hat, sowohl in all seinen Niederlassungen weltweit als auch bei seinen Lieferanten Frauen zu unterstützen und für Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen.
Das muss jetzt passieren

Also alles in Butter? Bei weitem nicht.

Zunächst muss Lidl einen Großteil dieser Schritte noch umsetzen. Zwar wurde die neue Menschenrechtspolitik gruppenweit veröffentlicht, jedoch ist die vollständige Version einschließlich sämtlicher Verpflichtungen zunächst nur auf der deutschen, britischen und niederländischen Website verfügbar, wichtige Märkte wie Frankreich, Spanien, Italien und viele osteuropäische Länder fehlen noch. Lidl hat zugesagt, dem in den nächsten Monaten nachzukommen. Oxfam wird das nachhalten.

Und dann ist es noch ein weiter Weg, bis Arbeiter*innen in den weltweiten Lieferketten tatsächlich das bekommen, was ihnen zusteht: Gehälter, von denen sie mit ihren Familien leben können, gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit für Frauen, keine Diskriminierung, reguläre Verträge, eine Sozialversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub, das Recht sich zu organisieren – die Liste ist lang.

Die großen Supermarktketten wie Lidl tragen hierfür eine besondere Verantwortung, weil sie als Unternehmen mit Milliardenumsätzen eine extrem ungleiche Verhandlungsmacht gegenüber den meist deutlich kleineren Zuliefererunternehmen haben – und erst recht im Vergleich mit den Kleinbäuer*innen, welche viele Lebensmittelrohstoffe anbauen.

Akut erfordert die Covid-19-Epidemie sofortiges Handeln: Oxfams Partner zum Beispiel in Südafrika, Ecuador und Indien verweisen auf ausbleibende Einkommen vor allem für Tagelöhner*innen, mangelnden Zugang zum Gesundheitsschutz und die besondere Schutzbedürftigkeit von Arbeiter*innen zum Beispiel auf Bananenplantagen, deren Lungen durch Pestizide häufig vorbelastet sind. Vorangegangene Epidemien haben gezeigt: Insbesondere Frauen sind von der Krise besonders und voraussichtlich vor allem langfristig betroffen, was spezifische Risikoanalysen und Maßnahmen erfordert.

Supermärkte wie Lidl sollten sich in diesen Krisenzeiten nicht nur um das Wohl ihrer Mitarbeiter*innen kümmern, sondern auch um das der Arbeiter*innen vor Ort, zum Beispiel durch Zahlung eines Preisaufschlags. Schließlich hängt in den Lieferketten alles miteinander zusammen: Jede*r an der Lieferkette Beteiligte trägt dazu bei, dass Bananen, Wein und Trauben in unseren Regalen landen. Menschenrechte müssen dabei für alle gelten. Diese zu achten bleibt für Lidl und andere Supermärke eine zentrale Pflicht, der sie sich stellen müssen. Auch in schwierigen Zeiten.

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Wir dürfen keine Zeit verlieren – die Corona-Pandemie hat dramatische Folgen in armen Ländern

21. April 2020 - 10:58
Wenn wir über die Auswirkungen der Corona-Pandemie sprechen, spielen Zahlen eine sehr große Rolle: Wie viele Menschen haben sich infiziert, wie viele müssen beatmet werden, wie viele Tote sind zu beklagen? Und wir denken: Die Krise hat scheinbar besonders Länder im so genannten globalen Norden betroffen: die USA, Italien, Spanien. Täglich werden wir mit Listen konfrontiert, die diesen Eindruck bestätigen. Aber dieser Eindruck ist falsch. © Wael Algadi/Oxfam
  1. Wir alle wissen, dass es hohe Dunkelziffern dieser Zahlen gibt: Menschen infizieren sich und haben kaum oder keine Symptome. Menschen sterben zu Hause und wurden nie getestet.
    Wenn dies bei uns gilt, umso mehr in armen Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen, zu denen oft nur Privilegierte Zugang haben.

    Die Zahlen werden erfasst und ständig auf den neusten Stand gebracht, laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es heute, am 20. April, 2,2 Millionen bestätigte Fälle, davon 12 in der Zentralafrikanischen Republik, 9 in Nikaragua, 5 in Burundi und einen im Jemen. Aber wer mit Menschen aus diesen Ländern spricht, hört immer das Gleiche: Niemand glaubt diesen Zahlen. Wie auch? Woher soll die Kapazität in fragilen Kontexten oder Krisengebieten kommen, Menschen auf das Corona-Virus zu testen? Und woher der politische Wille, sich den Folgen der Pandemie zu stellen, wenn Wahlen vor der Tür stehen oder die Regierung bereits mit heftigen Protesten zu tun hat? Zuzugeben, dass die Pandemie um sich greift und nicht kontrollierbar ist – und das ist die erschütternde Realität in fast allen armen Ländern – würde Konflikte schüren und die Wiederwahl gefährden. Die Realität ist: In armen Ländern wird kaum getestet, und kaum jemand traut den Zahlen. Wir sollten es auch nicht tun.
     
  2. Die Folgen sind schon jetzt dramatisch – auch dort, wo es kaum registrierte Fälle gibt. Fast alle Länder der Welt haben Ausgangssperren und Reisebeschränkungen verhängt. Während diese Maßnahmen sicher sinnvoll sind, um die Verbreitung des Virus zu verhindern, führen sie für viele Menschen umgehend zu einer Verschärfung von Armut, und häufig zu Hunger. Menschen, die „von der Hand in den Mund leben“, die ihr tägliches Brot damit verdienen, ihre landwirtschaftlichen Produkte auf der Straße oder auf dem Markt des Dorfes zu verkaufen. Menschen, die nicht mehr zu den Plantagen kommen, auf denen sie normalerweise arbeiten, weil die Busverbindungen eingestellt wurden, oder Sexarbeiter*innen, die ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können, weil Ausgangssperren dies verhindern. Die Aussage: „Wenn die Pandemie die ärmsten Länder erreicht, wird dies katastrophale Folgen haben“ muss korrigiert werden: Die Folgen sind bereits katastrophal und es sind insbesondere die wirtschaftlichen Folgen der staatlich verordneten Schutzmaßnahmen, die für viele Menschen ohne festes Arbeitsverhältnis existenzgefährdend sind.
      Tausende sind von dem Virus betroffen. Millionen von den Ausgangssperren. Stephen Devereux, britisch-südafrikanischer Wissenschaftler

     

  3. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es kaum verlässliche Zahlen gibt, erreichen uns erschütternde Berichte über die gesellschaftlichen und politischen Folgen der Pandemie. Besonders problematisch sind Auswirkungen auf  Frauen: Unsere Partnerorganisationen in Tunesien berichten, dass sich die Hilfegesuche von Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, seit den Ausgangsbeschränkungen dramatisch erhöht haben. Selbst das tunesische Frauen- und Familienministerium gibt öffentlich bekannt, dass die Anzahl der Notrufe um das 5-fache gestiegen ist. In Indien ist nicht nur die Existenz von Millionen Wanderarbeiter*innen bedroht. Die Schriftstellerin und politische Aktivistin Arundhati Roy hat eindrücklich beschrieben, wie der Ausbruch der Pandemie systematisch genutzt wird, um Muslim*innen zu verunglimpfen. In vielen Ländern werden Menschen stigmatisiert, wenn sie Erkältungssymptome zeigen. In Gebieten, die Erfahrung mit dem Ebola Virus machen mussten, herrscht oft panische Angst – auch, wenn die Folgen einer Infizierung mit dem Corona-Virus ungleich harmloser sind. Laut UN haben afrikanische Länder bereits jetzt 29 Milliarden US-Dollar durch die Pandemie  verloren. Das ist so viel wie das gesamte Bruttoinlandsprodukt von Uganda.

    Wenn wir über die weltweiten Folgen der Corona-Pandemie sprechen, tun wir dies zumeist aus unserer nördlichen Perspektive. Der Entwicklungs-Experte Duncan Green hat daher verschiedene Stimmen von Wissenschaftler*innen und Journalist*innen aus Afrika und Indien zusammengetragen. Ein Versuch, denjenigen eine Plattform zu bieten, die von den jetzt schon dramatischen Folgen berichten können.

    In Europa und den USA wurden Konjunkturpakete in Milliardenhöhe beschlossen, um die Folgen der Pandemie abzumildern. Die Bereitschaft zur Unterstützung armer Länder ist ungleich geringer. Die Zahlen suggerieren, die Krise sei dort noch gar nicht angekommen. Aber das ist falsch: Sie ist schon längst da und hat bereits brutal zugeschlagen. Wir dürfen nicht warten, Unterstützung wird dringend gebraucht! Nicht nur, um Hygienestandards zu erhöhen und COVID-19-Patient*innen zu behandeln, sondern auch und vor allem, um Millionen von Menschen vor einer neuen Armutswelle, Not und Hunger zu bewahren.
    Darum sind die Forderungen nach einem „Rettungspaket für alle“ mit Schuldenerlass und anderen Hilfsmaßnahmen nicht nur berechtigt, sie sind auch dringend.

 

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5 Gründe, warum die Coronakrise jetzt eine feministische Antwort braucht

14. April 2020 - 16:19
Jeder Mensch ist wertvoll und muss die gleichen Rechte haben – unabhängig von Geschlecht, ethnischer Herkunft, sexueller Identität, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sozialem Status oder Position – so die Überzeugung im Feminismus. Die Coronakrise zeigt: Diese Haltung ist heute vielleicht so wichtig wie nie zuvor. © unsplash, Miguel Bruna

Der Ausbruch des Coronavirus beschäftigt derzeit die ganze Welt - und erfordert kluges Handeln. Für ein gutes Krisenmanagement braucht es aber nicht nur wissenschaftliche Forschung. Es braucht auch politische und soziale Antworten. Und im Gegensatz zu Medikamenten und Impfstoffen müssen diese nicht erst noch erfunden werden. Der Feminismus kann jetzt die klaffende Lücke der Ungleichheit schließen, die sich gerade wie unter einem Brennglas zeigt. Warum die Coronakrise eine feministische Antwort braucht? Hier sind 5 Gründe:

1. Jede*r ist wertvoll

Jeder Mensch ist wertvoll und muss die gleichen Rechte wahrnehmen können - unabhängig von Geschlecht, Alter und körperlicher Verfassung. Ein 35-jähriger Bankangestellter ist für die Gesellschaft nicht wichtiger als eine 60-jährige Kassiererin. Das gilt genauso für die 70-jährige Asthmatikerin, die ihren Enkelkindern jetzt via Smartphone Geschichten vorliest oder die 40-jährige Farmarbeiterin, die in Südafrika auch weiterhin dafür sorgt, dass in Supermärkten weltweit Wein und Trauben aus Südafrika landen.

Die Haltung, dass jede*r wertvoll ist, muss unser persönliches Handeln bestimmen. Es braucht Verständnis füreinander, um miteinander in einer zunehmend vernetzten Welt zu leben – trotz und gerade wegen der aktuellen räumlichen Distanz. Auch die Politik muss handeln: Die Maßnahmen, die Regierungen heute ergreifen, werden unsere Zukunft mittel- und langfristig prägen. Wer bestehende Ungleichheiten und Diskriminierung – sei es aufgrund von Geschlecht, sozialem Status oder Gesundheitszustand – dabei als Randthemen versteht, die in Krisenzeiten vernachlässigbar sind, lebt an der  Realität vorbei.

2. Es braucht Antworten, die Ungleichheiten adressieren

Wer macht sich gerade keine Gedanken um sich selbst oder seine Lieben? Wir alle haben mindestens ein mulmiges Gefühl und mitunter auch Angst. Schließlich ist die Pandemie bis in den letzten Winkel unserer Leben vorgedrungen. Aber wahr ist auch: Die Krise trifft uns unterschiedlich hart. Personen, die kein (sicheres) Zuhause haben, unter Armut und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen leiden sowie chronisch Kranke sind besonders betroffen. Vor allem ältere Frauen und alleinerziehende Mütter, die den Vereinten Nationen zufolge ohnehin besonders oft arm bzw. armutsgefährdet sind, trifft der aktuelle Ausnahmezustand mit schonungsloser Härte. 

Wie langfristig die Folgen der Coronakrise insbesondere für Frauen sein können, lässt ein Blick auf frühere Pandemien schon jetzt erahnen: So sind zwar die Einkommen aller Menschen durch Ebola in Westafrika gesunken, doch die „Einkommen der Männer kehrten schneller auf den Stand vor der Epidemie zurück als die von Frauen“, so die Gesundheitsforscherin Julia Smith in der New York Times. Und dabei verdienen Frauen weltweit generell bereits 23 Prozent weniger als Männer, die wiederum über 50 Prozent mehr Vermögen verfügen. Diese Ungleichheit wird durch die Krise verschärft.

Gleichzeitig gibt es keinen Zweifel: „Es sind Frauen, die das Land rocken“, wie der Berliner Tagesspiegel titelte - und das gilt nicht nur für Deutschland. Systemrelevante Berufe werden weltweit meist von Frauen ausgeübt. Mehr als 70 Prozent der Beschäftigten im globalen Gesundheitssystem sind Frauen. Auch sind es Frauen, die über 70 Prozent der weltweit unbezahlten Tätigkeiten erledigen und damit dreimal so lang ohne Lohn wie Männer arbeiten. Diese schreiende Ungerechtigkeit verstärkt sich in Zeiten von geschlossenen Schulen und steigenden Krankenzahlen, was zu einer wachsenden Belastung führt.

Eine Belastung, für die es bislang oft an politischen Antworten fehlt. Das muss sich jetzt ändern. Un- sowie unterbezahlte Pflege- und Sorgearbeit muss sich auf verschiedene (und mehr männliche) Schultern verteilen. Statt sie weiter systematisch abzuwerten, muss sie den Stellenwert haben, der ihr als gesellschaftliches Bindemittel weltweit zusteht. Wenn die Antworten die Herausforderungen wirklich bewältigen sollen, müssen Frauen und dabei auch lokale Frauenrechtsorganisationen bei Entscheidungen nicht nur mit am Tisch sitzen, sondern maßgeblich bestimmen, wie dieser Tisch gebaut ist. 

Wie wichtig es ist, bestehende Ungleichheiten bei politischen Maßnahmen zu berücksichtigen und Entscheidungsprozesse inklusiv und gleichberechtigt zu gestalten, zeigt sich etwa auch in Südafrika. So kritisiert unsere Partnerorganisation Women on Farms Project (WFP), dass die aktuellen Lockdown-Maßnahmen für Südafrika den Fakt verkennen, „dass es sich um das ungleichste Land der Welt mit einem Armutsanteil von 50 Prozent der Bevölkerung” handle. Von Zuhause arbeiten, sich Vorräte anlegen oder sich regelmäßig die Hände waschen? Für Farmarbeiterinnen, die ohnehin für die gleiche Arbeit schon weniger Lohn bekommen als Männer, häufig zu wenig verdienen, um von der Hand in den Mund zu leben und oft keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, ist das schlicht nicht möglich.  

Für viele Menschen gilt außerdem: „Wir bleiben Zuhause”, funktioniert nicht. Weil sie kein Zuhause haben oder das Zuhause kein sicherer Ort ist, da sie dort Gewalt, zum Beispiel von Ehemännern Vätern oder Brüdern, schutzlos ausgeliefert sind. Quarantäne und Ausgangssperren machen es besonders Frauen und Kindern schwer, sich dagegen zur Wehr zu setzen. In Südafrika hat sich bereits in der ersten Woche nach dem dem Lockdown die Zahl der Anrufe von Frauen, die Zuhause Gewalt erfahren, beim Gender-Based Violence Command Centre (GBVCC) verdreifacht.

Die Frauenorganisationen, mit denen Oxfam in Tunesien arbeitet, berichten von einer Verfünffachung der häuslichen Gewalt seit Beginn der Ausgangssperren. Auch in Deutschland ist ein rasanter Anstieg bereits absehbar. Regierungen müssen dringend entsprechende Maßnahmen ergreifen und zum Beispiel ohnehin schon unterfinanzierte Anlaufstellen wie Frauenrechtsorganisationen, Beratungsstellen und Frauenhäuser unterstützen. Frauen und Kinder, die an einem Ort, der eigentlich für Geborgenheit stehen sollte, häuslicher und sexueller Gewalt ausgesetzt sind, müssen jede mögliche Form der Unterstützung erhalten.

3. Faire Bezahlung und Existenzsicherung sind keine Randthemen

Entlassungen und Kurzarbeit sind aktuell zu einer besonderen Existenzbedrohung geworden. Wie weltweit existentiell die Bedrohung durch Corona gerade für Frauen ist, zeigt unter anderem die Textilindustrie in Bangladesch: Durch die Stornierungen von Textilfirmen sind vor allem Arbeitsplätze und damit Existenzgrundlagen von Näherinnen in Gefahr. Auch auf Weinfarmen in Südafrika sind Frauen besonders betroffen: Wenn der Weinimport infolge des Virus sinkt, werden Saison-Arbeiterinnen zuerst ihre Arbeit verlieren, während die (meist männlichen) Kollegen mit festen Arbeitsverträgen ihre Jobs behalten. „Während Farmarbeiterinnen in Südafrika als systemrelevant eingestuft wurden, spiegelt sich diese Relevanz keineswegs in den viel zu niedrigen Löhnen und den prekären Arbeitsbedingungen wider”, so Colette Solomon, Direktorin von Women on Farms Project. Diese Doppelmoral darf in einer gerechten Welt keinen Platz haben.

Anerkennung und Wertschätzung sind wichtig, aber Applaus und Zuspruch für systemrelevante Berufe und Pflege in TV-Spots reichen nicht. Es braucht eine angemessene Bezahlung und sichere Arbeitsbedingungen für eben diese entscheidende Arbeit – während der Krise, aber vor allem auch langfristig – alles andere wäre zynisch. 

4. Gesundheit und Pflege sind keine zu handelnde Ware

Insbesondere für Menschen, die ohnehin in fragilen Staaten oder auf engstem Raum miteinander leben, ist das Ansteckungsrisiko und das Risiko eines schweren bzw. tödlichen Krankheitsverlaufs aufgrund unzureichender medizinischer Versorgung besonders hoch. Das zeigt sich gerade auf dramatische Weise im Geflüchteten-Lager Moria, wo eine Toilette teilweise von über 150 Personen genutzt wird, es oft keine Seife gibt oder die Wasserversorgung unterbrochen ist.

Auch in anderen Teilen der Welt ist das Fehlen von (sauberem) Wasser bittere Realität. Die Gleichung ist dabei so simpel wie grausam: Kein sauberes Wasser - keine Gesundheit. Eine weitere Herausforderung: Wenn das Wasser nicht aus dem Hahn kommt, sondern Frauen und Mädchen mehrere Kilometer zum nächsten Brunnen gehen müssen, sind sie auch hier einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt.

Zugang zu Medikamenten, präventiven Schutzmaßnahmen oder ärztlichen Behandlungen darf es nicht nur für einen ausgewählten Kreis wohlhabender Menschen geben. In Hongkong beispielsweise hat eine lokale Nichtregierungsorganisation kritisiert, dass sich fast 70 Prozent der Familien mit geringem Einkommen Atemmasken und Desinfektionsmittel nicht leisten konnten, die von der Regierung als Schutz gegen die Pandemie empfohlen wurden. Regierungen müssen den Zugang zu präventiven Maßnahmen für alle gleichermaßen sicherstellen. Auch das Menschenrecht auf sexuelle und reproduktive Gesundheit – dazu zählt zum Beispiel der Zugang zu Verhütungsmitteln oder Hygieneprodukten – erfordert ein besonderes Augenmerk.

5. Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit und Umweltschutz nicht nur bei Sonnenschein einhalten

Auch in Zeiten von Corona darf die Politik andere Verantwortungen rund um das Thema Menschenrechte nicht aus den Augen verlieren. So braucht es beispielsweise auch weiterhin ein Lieferkettengesetz, damit Mensch und Natur nicht unter gewissenlosen Geschäften einiger deutscher Unternehmen leiden. Unternehmen müssen die besonderen Risiken für Frauen kennen und dafür unter anderem Frauenrechtsorganisationen konsultieren.

Andere europäische Länder haben bereits entsprechende Gesetze verabschiedet, etwa zum Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit in Lieferketten. Das braucht es auch in Deutschland. Denn: Menschenrechte sind keine Bürde, sondern die Einhaltung ist Teil der Verantwortung – in guten wie in schlechten Zeiten. Das gilt auch für den Zugang zu sozialen Grunddiensten, wie etwa Bildung. Bereits jetzt sind 1,5 Milliarden Schüler*innen und Studierende von den weltweiten Schulschließungen betroffen. Hunderte Millionen von ihnen werden nie wieder ins Klassenzimmer zurückkehren.

Die Antworten auf Covid-19 dürfen die globalen Nachhaltigkeitsziele nicht aus den Augen verlieren. Während der Pandemie rückt die Klimakrise in den Hintergrund. Einzelne Stimmen in Politik und Industrie fordern schon jetzt, die bisherigen Umweltschutzmaßnahmen zugunsten der Wirtschaft zurückzunehmen. Doch das wäre ein Schritt in die völlig falsche Richtung. Die Krise erfordert nachhaltige Antworten. Dazu zählt auch eine Stärkung der globalen Sozial- und Gesundheitssysteme und vor allem eine faire Bezahlung der dort Beschäftigten. Die Unzulänglichkeit sozialer Sicherungssysteme ist durch die Krise überdeutlich geworden. Zu geschlechtergerechten sozialen Sicherungssystemen, die spezielle Risiken für Frauen auffangen und so zu einem dauerhaften Wandel beitragen, gibt es keine Alternative. 

Wir sind bereits mitten im Wandel und können nicht einfach die Fernbedienung nehmen und zurückspulen. Auch wenn vieles ungewiss ist, eines darf dabei niemals vergessen werden: Jeder Mensch ist wertvoll und muss die gleichen Rechte haben. Soziale und geschlechtsbezogene Ungleichheiten sind dabei keine Randthemen, sondern müssen  adressiert werden. Das dürfen Regierungen bei ihren politischen Entscheidungen zur Eindämmung des Virus nicht vergessen. Und wenn sie es tun, müssen wir sie gemeinsam erinnern – wo und wann immer nötig. 

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Bruchrechnung

9. April 2020 - 11:08
Warum der Ausbruch des Coronavirus zur weltweiten Bildungskrise werden könnte – Oxfams Bildungsexpertin Sandra Dworack warnt vor den Folgen, vor allem für die Ärmsten © Emmanuel Museruka / Oxfam IBIS

Die Covid-Pandemie im Frühjahr 2020 wird sich uns allen wohl für immer ins Gedächtnis brennen.  Diese Wochen, in denen nichts mehr „normal“ ist, in denen die Sorgen um die Gesundheit unserer Familien, Freund*innen, Kollegen*innen die Gedanken bestimmen. Wochen, in denen viele Menschen Angst um ihren Job,  um ihre Zukunft haben. In denen wir uns mit homeoffice, homeschooling und  geschlossenen Kitas plagen. Eine Zeit, die uns als Gesellschaft vor große Herausforderungen stellt.

Weltweit aktuell 91 Prozent der Kinder nicht in der Schule

Covid-19 hat weltweit nicht nur eine enorme Gesundheitskrise ausgelöst, sondern zieht weite Kreise um sich. Die aktuelle Krise wird bereits erreichte Entwicklungsfortschritte zunichtemachen. Und sie wird wohl eine verheerende Bildungskatastrophe auszulösen: 1,5 Milliarden Schüler*innen und Studierende sind von Schulschließungen betroffen! Über 91 Prozent der Kinder im Schulalter können weltweit derzeit keine Schule besuchen. Schon für uns in Deutschland sind die Herausforderungen mit homeschooling und online-learning riesig. Für Kinder armer Familien in Entwicklungsländern gibt es diese Optionen schlicht nicht. Für sie bedeuten die aktuellen Schulschließungen meist das endgültige Ende ihres Schulwegs. Nur ein Bruchteil der Familien in Entwicklungsländern wird den eigenen Kindern weiterhin Zugang zu Lernressourcen ermöglichen können, Internetzugang und Lernen am Computer sind für die meisten Kinder unerreichbar.  Wie ein Brennglas zeigt die Covid-Krise die Ungleichheiten bei den Bildungschancen auf: Wer über ausreichend Mittel verfügt, kann den eigenen Kindern Kontinuität beim Lernen ermöglichen, die anderen Kinder bleiben auf der Strecke. Für alternative Lernmethoden, die auch den Ärmsten zur Verfügung stehen, etwa über das Radio, fehlt in vielen Entwicklungsländern schlicht das Geld. Viele hundert Millionen Kinder werden den Anschluss verlieren und nie wieder ins Klassenzimmer zurückkehren. Ohne Schulbildung haben sie keine Chance auf eine Ausbildung und damit auf einen Job, dessen Lohn zu einem Leben frei von Armut reicht. Die enorme Bildungskrise wird damit langfristig zur Armutskrise. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf.

Mädchen besonders betroffen

Mädchen treffen die Covid-Krise und die Schulschließungen besonders dramatisch. Dadurch, dass sie zu Hause bleiben, verbringen sie mehr Zeit mit männlichen Verwandten im Haus, in der Folge mehren sich Fälle von sexualisierter Gewalt, frühe Schwangerschaften und frühere Verheiratung. Die  Ebola-Krise etwa führte zu einer Verdoppelung  der Rate von Teenager-Schwangerschaften, ähnliche Auswirkungen sind auch in der derzeitigen Krise zu befürchten. Zudem übernehmen meist die Mädchen typische Aufgaben der Pflege- und Sorgearbeit im Haushalt, sie kümmern sich um kranke Angehörige, besorgen Wasser und Feuerholz, Kochen und Putzen – an das Lernen in der Krise ist nicht zu denken. Und so bleiben denn auch mehr Mädchen als Jungen nach derartigen Notzeiten dauerhaft der Schule fern. Das bedeutet weniger Zugang zu Informationen, zu Aufklärung, Wissen um die eigenen Rechte und zu gesellschaftlicher Beteiligung. Ein Rückschritt für Geschlechtergerechtigkeit.

Entwicklungspolitik gefragt

Eine weitere Gefahr für die Bildungschancen der Kinder weltweit zeichnet sich schon jetzt deutlich ab: Die öffentlichen Haushalte der Länder, vor allem auch der Entwicklungsländer, sind dramatisch unter Druck. Die wenigen verfügbaren Mittel werden benötigt, um die Gesundheitsversorgung zu stützen. Investitionen in Schulsysteme werden wohl viele Länder hintenanstellen. Bessere Bildungschancen für alle Kinder rücken damit weiter in die Ferne – und damit eben auch das Ziel, die globale Armut bis 2030 zu halbieren.

Das alles lässt sich leicht ausrechnen. Jetzt ist die deutsche Entwicklungspolitik gefragt. Das Entwicklungsministerium und Minister Müller arbeiten derzeit an einem Maßnahmenpaket zur Covid-19 Pandemie. Dabei muss die Förderung der Bildung einbezogen sein, damit Lernen während und nach der Krise weitergehen kann. Die ausreichende Finanzierung sozialer Grunddienste, d.h. Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherung sind mehr denn je geboten. Anderenfalls wird aus der Gesundheitskrise eine Bildungs- und  Armutskrise.

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