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Aktualisiert: vor 9 Stunden 46 Minuten

Im Globalen Süden bahnt sich eine Überschuldungskatastrophe an

20. November 2020 - 16:20
...und die internationale Gemeinschaft diskutiert, anstatt endlich zu handeln. Die Gelegenheit für den längst überfällige Schuldenerlass für die armen Länder wurde wieder verpasst. Mit fatalen Folgen. Ein Kommentar von Tobias Hauschild, Experte für Entwicklungsfinanzierung bei Oxfam © Kiana Hayeri / Oxfam

Der Berg kreißte – und gebar eine Maus: Seit Mitte Oktober haben die G20-Länder und multilaterale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank gerungen, um eine Lösung in der sich im Zuge der Corona-Krise anbahnenden Überschuldungskatastrophe im Globalen Süden zu finden. Zunächst auf der IWF-Weltbank-Jahrestagung in der zweiten Oktoberwoche, dann auf einem außerordentlichen Treffen der G20-Finanzminister*innen am Freitag, dem 13. (November). Der Auftrag an die Schwergewichte der internationalen Politik war klar:  Der finanzielle Spielraum schwindet in vielen Ländern des Globalen Südens in Folge der weltweiten Gesundheits- und Wirtschaftskrise durch die Corona-Pandemie immer mehr. Es kann immer weniger in Gesundheit, Bildung, Ernährungssicherheit und soziale Absicherung investiert werden, sodass sich die Armutssituation bereits jetzt dramatisch zu verschlimmern droht. Sambia zum Beispiel steht kurz vor dem Zahlungsausfall, da die Einnahmen aus der für das Land wichtigen Kupfergewinnung eingebrochen sind. Infolge drohen harte Einschnitte in grundlegende staatliche Leistungen und Sambia kann seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen. Da hilft nur ein umfassender und geordneter Schuldenerlass unter Einbeziehung aller Geber*innen!

Schwarzer Freitag für verschuldete Länder

Die nun erzielten Ergebnisse sind ernüchternd. Das Entschuldungsbündnis Erlassjahr, in dem auch Oxfam Mitglied ist, spricht von einem Schwarzen Freitag: Zwar wird das im Frühjahr gestartete Schuldenmoratorium für die 73 ärmsten Länder bis Mitte 2021 weitergeführt, das heißt der Schuldendienst ist ausgesetzt und diese Länder müssen ihre Schulden erstmal nicht zurückzahlen. Aber es ist kein Erlass - die Schulden müssen dann später beglichen werden, und es werden noch immer nicht alle Länder in den Schuldendienstaufschub einbezogen, die dies benötigen.

Viel Hoffnung haben Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam daher in das nun verabschiedete Common Framework for Debt Treatment gesetzt, in dem aus Sicht der Zivilgesellschaft unter Beteiligung aller Gläubiger*innen festgelegt werden könnte, für wen und auf welchem Verfahrensweg echte Schuldenerlasse gewährt werden sollen.

Es ist gut, dass es dieses Gremium nun gibt. Einen wirklichen Fortschritt bedeutet das aber nicht:  Echte Schuldenerlasse für einzelne Länder sind nicht vorgesehen, zudem müssen einzelne Gläubigerländer, wenn sie partout nicht wollen, nicht mitmachen – hier hat China geblockt, das wiederum eine Einbeziehung der Weltbank in einen möglichen Schuldenerlass beziehungsweise ein -Moratorium gefordert hat.

Was allerdings am Widerstand der Weltbank und ihrer größten Anteilseigner*innen, also den G7 inklusive Deutschland, gescheitert ist, da diese bei einer Einbeziehung um die Kreditwürdigkeit der Bank an den internationalen Finanzmärkten fürchten. Unklar bleibt auch, ob nun der Privatsektor verbindlich miteinbezogen wird oder verschuldete Länder weiter ihre Schulden bei privaten Gläubiger*innen, wie Banken und Investmentfonds, in voller Höhe begleichen muss. Die Uneinigkeit und der Streit innerhalb der Weltgemeinschaft werden damit auf dem Rücken der Ärmsten ausgetragen.

Bundesregierung nimmt Forderung der Zivilgesellschaft nach Ausweitung der Schuldeninitiative auf

Und die Bundesregierung? Deutschlands Verhalten in der Schuldenfrage zeigt Licht und Schatten. Einerseits hat sich auch Deutschland gegen die Einbeziehung der Weltbank gesträubt. Mit Hinweis auf deren angeblich dadurch gefährdete Kreditwürdigkeit, haben sie die Forderungen der Zivilgesellschaft zurückgewiesen. Die Bundesregierung, zum Beispiel Außenminister Heiko Maas, hat sich aber glaubhaft für eine Erweiterung der Schuldenmaßnahmen auf alle Länder, die sie benötigen, eingesetzt und gilt als eine der treibenden Kräfte für die Schaffung des gemeinsamen Rahmenwerks. Dies zeigt, dass der Druck, den Oxfam und seine Unterstützer*innen in den vergangenen Monaten durch Petitionen, Pressearbeit und Hintergrundgespräche mit politischen Entscheidungsträger*innen, beispielsweise im Finanzministerium, gemeinsam mit anderen Organisationen erzeugt haben, durchaus Früchte getragen hat. Wir hoffen, dass die Bundesregierung ihrer Linie treu bleibt und weiter Druck macht für eine umfassende internationale Regelung.

Millionen Menschen könnten noch tiefer in die Armut gestoßen werden

Fazit: Die internationale Gemeinschaft riskiert mit ihrer Untätigkeit eine weitere Verschärfung der Schuldenkrise – mit unabsehbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen für Millionen Menschen. Die Geschichte lehrt, dass es besser ist frühzeitig zu handeln und später eh unvermeidliche Schuldenschnitte frühzeitig zu vollziehen, anstatt Menschen wissentlich in Armut zu stoßen und leiden zu lassen. Das war in der Schuldenkrise in Afrika in den 90ern so und hat sich auch in Europa zuletzt in Griechenland gezeigt. Bleibt zu hoffen, dass die internationale Gemeinschaft beim nächsten entscheidenden Meilenstein – der IWF-/Weltbank-Frühjahrstagung 2021 – endlich entschieden handelt.

 

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Zeitgerecht: Unser neuer Podcast zu Ungleichheit und Feminismus

11. November 2020 - 17:12
Armut, Unterdrückung von Frauen, Ausbeutung: Vieles läuft falsch in unserer Welt. In unserem neuen Podcast wollen wir wissen, wie es besser laufen kann. Zunächst geht es um die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Wir sprechen mit inspirierenden Menschen, die Dinge anders machen und Ideen haben. Und stellen fest: Eine gerechtere, feministischere Welt ist möglich! var podloveWebplayerEpisode = { "version": 5, "show": { "title": "zeitgerecht – der Oxfam-Podcast", "subtitle": "Der Podcast zu Ungleichheit und Feminismus von Oxfam", "summary": "Es läuft eine Menge falsch in unserer Welt – in diesem Podcast wollen wir wissen, wie es besser laufen kann. Eine gerechte Welt ohne Armut: Das ist das Ziel, für das wir bei Oxfam weltweit arbeiten. Doch wie können wir das erreichen?\r\n\r\nDabei dreht sich zunächst einmal alles um die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern – denn die gibt es überall auf der Welt. 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Armut. Ausbeutung. Ungleichheit. Unterdrückung von Frauen. Ungerechtigkeit. Klar ist, es läuft einiges schief in unserer Welt. Und manchmal kann einen das alles etwas erschlagen.

In unserem neuen Podcast wollen wir nicht einfach nur zeigen, was falsch läuft – wir wollen erfahren, wie es besser laufen kann. Auf unserer Suche nach Lösungen haben wir dabei vor allem eins festgestellt: Es gibt mehr davon, als man denkt. Einige wollen wir euch in diesem Podcast vorstellen.

Dabei dreht sich zunächst alles um das Thema Ungleichheit und Feminismus. Denn da gibt es noch wahnsinnig viel zu tun – Geschlechterungerechtigkeit gibt es überall auf der Welt – und auch jede Menge Ideen, Projekte und Ansätze, wie man Dinge anders – gerechter – machen kann.

Wir schauen dafür über den Tellerrand und sprechen mit Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen: Ob Toilettenexpertin oder alleinerziehende Mutter, Gewerkschaftlerin oder Professorin, ob Architektin oder erfolgreiche Kondomproduzentin – wir wollen von ihnen wissen: Wie bekommen wir das hin mit einer gerechteren Welt? Und was hat das alles eigentlich mit Feminismus zu tun?

Zeitgerecht – den Oxfam-Podcast zu Ungleichheit und Feminismus – könnt Ihr ab dem 19. November auf allen gängigen Podcast-Portalen hören.

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Von Corona und anderen Katastrophen

5. November 2020 - 9:25
Zu Beginn der Pandemie hieß es mancherorts, das Virus sei ein großer Gleichmacher, da alle Menschen gleichermaßen prinzipiell an COVID-19 erkranken können. Doch der erste Teil des Satzes war von Beginn an falsch. Ein Kommentar von Oxfams Ungleichheits-Expertin Ellen Ehmke © Tiara Audina / Oxfam

Das Virus trifft auf Menschen und Staaten, mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen: Sei es hinsichtlich ihrer Fähigkeit eine – massenhafte – Ansteckung zu verhindern, bei einer Erkrankung eine angemessene medizinische Versorgung zu erhalten – oder zu leisten – oder die monatelangen wirtschaftlichen Einschränkungen zu überstehen.

Kein Einkommen, keine Absicherung, kein Essen

„Wir werden an Hunger sterben, bevor das Virus uns umbringt” sagt Mica Olywangu ein Taxifahrer aus Nairobi, der durch die Schließung des Flughafens und den Zusammenbruch des Tourismus nicht mehr weiß, woher er das Essen für seine drei Kinder, darunter ein Baby, nehmen soll.

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation gingen durch COVID-19 circa 495 Millionen Vollzeitstellen verloren. Demnach betragen die Lohn- und Einkommensausfälle im globalen Durchschnitt 17%. Besonders betroffen sind Länder mit niedrigen mittleren Einkommen (Low Middle Income Countries), wo die Löhne im Schnitt um über 23% eingebrochen sind. Die wenigsten Menschen weltweit sind in der komfortablen Lage, dass sie einen Einkommensverlust von fast einem Viertel einfach so wegstecken könnten. Fast die Hälfte der Menschheit, 3,3 Milliarden Menschen, hat weniger als 5,50 US-Dollar am Tag zum Leben.

Und für die meisten von ihnen gibt es kein Sicherungsnetz, das sie auffängt. Rund 4 Milliarden Menschen verfügten vor der Pandemie über keinerlei soziale Absicherung. Diejenigen ohne sozialen Schutz machen zudem häufig schlecht bezahlte Jobs, die nicht von zu Hause ausgeführt werden können. Sie müssen sich einem höheren Risiko aussetzen sich anzustecken, weil sie ihr Haus verlassen müssen, um für sich und ihre Familien das Überleben zu sichern. Hinzu kommt, dass vor der Pandemie rund die Hälfte der Weltbevölkerung keinen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung hatte.

Ohne Einkommen und Transfers, ohne Ernten, Verkauf und Transport von Lebensmitteln könnten in diesem Jahr bis zu 132 Millionen mehr Menschen unter Hunger leiden. Am Ende könnten mehr Menschen durch die Pandemie verhungern, als am Virus zu sterben. Oxfam International, The Hunger Virus

Die Weltbank schätzt, dass durch die Pandemie zwischen 88 und 115 Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut gedrängt werden. Das entspricht einer Milliarde zusätzlicher Jahre, die Menschen innerhalb der nächsten Dekade in extremer Armut verbringen, denen es am Nötigsten fehlen wird. Was für ein unglaublicher Verlust an menschlichem Wohlergehen.

Diese Modellrechnung geht zudem noch davon aus, dass innerhalb eines Landes alle Menschen gleichermaßen ihre Einkünfte verlieren und vor allem diejenigen, deren Einkommen derzeit knapp über der Armutsgrenze liegt, bald darunter „fallen“. Doch laut IWF sind die Einkommensverluste in Pandemien ungleich verteilt und treffen v.a. Menschen mit kürzerer Ausbildung besonders hart. Tritt dieses – sehr wahrscheinliche – Szenario ein, und die Ungleichheit innerhalb von Ländern nimmt zu, werden bald noch mehr Menschen in extremer Armut oder knapp über der Armutsgrenze leben müssen.

Die Pandemie als Treiber von Ungleichheit

Ungleichheit innerhalb von Staaten wirkt sich schon heute massiv auf Erkrankungen und Todesfälle aus. In einigen reichen Staaten oder Schwellenländern sind ärmere Bevölkerungsgruppen, die oftmals aus Angehörigen von Minderheiten bestehen, stärker durch Vorerkrankungen belastet, die zu schwereren Verläufen und höheren Todesraten führen. Dies ist in England ebenso der Fall, wie in den USA. Die Jobverluste betreffen zudem vor allem unsichere Jobs, in denen gerade junge Menschen und Frauen arbeiten.

Zudem steigt die globale Ungleichheit. Denn Länder wie Deutschland machen Milliarden locker, um Menschen und Wirtschaft im eigenen Land abzusichern. Auch hierzulande gibt es Lücken in der Absicherung, die es zu schließen gilt, das ist klar, und dennoch sind ärmere Staaten in einer viel schlechteren Situation. Dort fehlt es bereits an Gesundheitsinfrastruktur, Kliniken, Betten und Personal, für soziale Absicherung und Ernährungssicherheit und zur „Rettung“ der heimischen Wirtschaft. Insbesondere fehlt es – im Gegensatz zu den reichen Staaten – an Geld und an Möglichkeiten, Kredite aufzunehmen. Im Februar stellte der IWF fest, dass die Hälfte aller afrikanischen Staaten mit einem niedrigen Volkseinkommen sich in einer Schuldenkrise oder kurz davor befanden. Hohe Schuldendienste hindern zahlreiche ärmere Länder daran, in der Pandemie massiv in Gesundheit und soziale Sicherheit investieren zu können. Eine besonders dringliche Maßnahme ist daher der umgehende und umfangreiche Erlass von Schulden.

Ohne dringende Maßnahmen riskieren wir, die Kluft zwischen Arm und Reich – weltweit – zu vertiefen. Die Auswirkungen werden tiefgreifend sein – und nicht nur in Ländern mit niedrigem Einkommen. Es besteht die Gefahr, dass sie in der ganzen Welt zu zunehmender Ungleichheit und zu wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen führen. Kristalina Georgieva, Managing Director of the International Monetary Fund Die Krise in der Krise

COVID-19 leistet dem derzeitigen Anstieg von Armut, Hunger und Ungleichheit Vorschub. Es ist aber nicht die einzige Triebkraft. Laut Weltbank sind daneben insbesondere die Auswirkungen des Klimawandels und von Konflikten mitverantwortlich für den ersten Anstieg der extremen Armut seit drei Jahrzehnten. Die Erzählung der ewigen Abnahme der Armut durch Wirtschaftswachstum neigt sich zum Ende.

Zwischen 68 und 132 Millionen Menschen werden in den nächsten zehn Jahren durch die Klimakrise in extreme Armut gedrängt. Ihnen wird die Chance auf ein besseres Leben geraubt. Denn zur Erderhitzung haben die meisten Menschen vor Ort wenig beigetragen. Für über die Hälfte der CO²-Emissionen, die zwischen 1990 und 2015 verbraucht wurden, sind die global reichsten 10 Prozent verantwortlich – die ärmere Hälfte nur für 7 Prozent, so ein neuer Bericht von Oxfam. Wenn die Reichsten weiter machen wie bisher, reißen wir das Ziel, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, selbst dann, wenn es gelänge global gesehen alle anderen Emissionen auf null zu setzen. Das Feld globaler Ungerechtigkeit war vor COVID bereits gut bestellt und die Saat der globalen sozialen und ökologischen Ungleichheit geht in der Pandemie auf.

Kein Zurück ins Davor – Auf ins Neue

Der letzte Teil des Eingangs erwähnten Satzes, dass alle Menschen prinzipiell gleichermaßen erkranken können, ist dennoch richtig. Die Menschheit kann die Pandemie nur dann besiegen, wenn sie überall besiegt ist, in jedem Slum und jeder Favela, jedem Vorort und Dorf, jedem Villenviertel und Wolkenkratzer, wenn Behandlung und Impfungen schnell und möglichst kostenlos allen zur Verfügung gestellt werden, und wenn Menschen, die sich krank fühlen abgesichert sind, und das Haus nicht verlassen müssen, um Geld zu verdienen.

Auch mit Blick aufs Klima ist klar, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssen sich alle anstrengen. Manche haben dabei mehr Möglichkeiten und eine größere Verpflichtung zu handeln. Doch noch letztes Jahr gaben die Regierungen reicher Staaten mehr als doppelt so viel für die Subventionierung fossiler Brennstoffe aus, als sie für Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stellten. Das ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass die Regierungen der reichen Staaten ihrer Verantwortung, Ressourcen für eine globale sozial-ökologische Wende und Transformation zur Verfügung zu stellen, nicht gerecht werden.

Es bleibt ein Aspekt der „Gleichmacherei“, den wir wirklich anstreben sollten: Die Verwirklichung des guten Lebens für Alle. Dafür müssen engagierte Bürger*innen weiter streiten, für Menschen, die jetzt von Armut, Krankheit und Ausgrenzung betroffen sind, im wohlverstandenen Eigeninteresse und mit Blick auf zukünftige Generationen.

 

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G20 müssen bei Schuldenerlass für Länder des Globalen Südens ernst machen!

9. Oktober 2020 - 10:00
Virus, Wirtschaftskrise und leere Staatskassen: In hochverschuldeten Ländern droht wegen Corona eine Katastrophe, weil Ausgaben für Bildung und Gesundheit gekürzt werden und Millionen Menschen in die Armut abrutschen könnten. Um das zu verhindern, müssen G20 und internationale Finanzinstitutionen jetzt Schulden streichen – und damit Leben retten. © Mike Auerbach / Oxfam

Jetzt gilt’s: Vom 12. bis 18. Oktober findet die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank statt, kombiniert mit einem Treffen der G20-Finanzminister*innen. Olaf Scholz und seine Kolleg*innen aus den G20-Staaten und die internationalen Finanzinstitutionen müssen hier endlich Farbe bekennen und ihrer weltweiten Verantwortung gerecht werden. Die entscheidende Frage: Werden sie als wesentliche Gläubigerstaaten die hochverschuldeten Länder im Globalen Süden von ihrer Schuldenlast befreien?

Bleiben sie untätig, drohen in den Ländern im Kampf gegen das Corona-Virus und den dadurch bedingten ökonomischen Sturzflug fatale Folgen: Leere Staatskassen und Kürzungen bei Bildung, Gesundheit und sozialer Sicherung. Und das heißt: mehr Kinder, die nicht zur Schule gehen können, mehr Menschen, die keine medizinische Versorgung erhalten und Millionen, die in die Armut abrutschen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 500 Millionen Menschen weltweit aufgrund der Corona-Folgen in die Armut gedrängt werden könnten. Die Weltbank warnt, dass im Globalen Süden im kommenden Jahr weltweit bis zu 150 Milliarden US-Dollar weniger für Bildung ausgegeben werden könnten als ursprünglich geplant.

Soweit darf es nicht kommen. Die G20 müssen jetzt da weitermachen, wo sie im Frühjahr aufgehört haben. Da haben sie schnell reagiert und 73 Ländern in einem Schuldenmoratorium angeboten, den Schuldendienst bis Jahresende auszusetzen. Auch der IWF zog mit und erließ 25 Ländern mit besonders niedrigen Einkommen ihren Schuldendienst für dieses Jahr. Aber die Krise ist an Neujahr nicht vorbei, sie wird auch in den kommenden Jahren verheerende Auswirkungen haben. Mit Sambia hat nun das erste Land angekündigt, dass es aufgrund der Corona-Folgen seine Schulden nicht mehr bezahlen kann – dass weitere folgen werden, ist absehbar.

Bundesregierung muss umfassenden Schuldenerlass voranbringen

Die G20-Finanzminister*innen müssen nun die notwendigen Schritte einleiten, um den Ländern zu helfen. Klare Aussagen fehlen bislang, auch von deutscher Seite: Finanzminister Scholz hat sich bislang kaum geäußert, wie es weiter gehen soll. Auch von Entwicklungsminister Müller, im Frühjahr noch Vorreiter beim Werben für einen Schuldenerlass, war in letzter Zeit erstaunlich wenig zu hören.

Um Druck auf Olaf Scholz und andere Finanzminister*innen zu machen, haben über 800.000 Menschen Petitionen unterschrieben und einen umfassenden Schuldenerlass gefordert. Heute haben wir die Petition ans Bundesfinanzministerium übergeben. Wir erwarten von Finanzminister Scholz, dass er sich jetzt bewegt!

Die Bundesregierung muss jetzt drei Forderungen voranbringen:

  • Erstens sollte sie sich jetzt dafür einsetzen, dass die Schuldeninitiative auf alle Länder, die Schuldenerlass benötigen, ausgeweitet wird. Bislang fallen hochverschuldete Länder wie Sri Lanka und Libanon durch das Raster, obwohl sie Unterstützung benötigen.
     
  • Zweitens muss die im Frühjahr verabschiedete Schuldeninitiative verlängert werden und zu einer echten Schuldenstreichung führen. Die Zahlungen wie bislang zu stunden reicht nicht aus, das Geld muss dann ja später zurückgezahlt werden. Derzeit zeichnet sich hier unter den G20, wie man hört, eine Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, sprich eine weitere Stundung, ab. Das ist zu wenig! Die G20 müssen sich darauf verständigen, die Schuldenrückzahlungen bis einschließlich 2022 komplett zu streichen. Und Deutschland sollte hier vorangehen.
     
  • Drittens müssen alle Gläubiger mitmachen. Weltbank (Moment mal, haben die nicht gerade erst davor gewarnt, dass die Bildungsausgaben weltweit gekürzt werden?) und private Gläubiger wie Banken und Fondsgesellschaften pochen noch immer auf die Rückzahlung der Schulden, obwohl paradoxerweise gerade erst Weltbank-Chef Malpass Schuldenschnitte für hochverschuldete Länder gefordert hat. Deutschland muss seinen Einfluss in der Weltbank geltend machen und darauf hinwirken, dass sich eine Bank, deren Auftrag es ist, Länder im Globalen Süden zu unterstützen und die genau das Gegenteil tut, nicht weiter seiner Verantwortung entziehen kann. Und während die G20-Länder auf Schuldenrückzahlungen in diesem Jahr verzichten, kassiert der Privatsektor munter weiter. Auch dies ist ein Unding, dem die Bundesregierung – gemeinsam mit anderen im Pariser Club der Gläubigerstaaten – im Rahmen des IWF und der Vereinten Nationen durch die Einführung von Gleichbehandlungsgrundsätzen einen Riegel vorschieben muss.

Für die G20 heißt es nun: Schulden streichen, Leben retten – ein Auftrag, bei dem es keine faulen Kompromisse geben darf.

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Was erwarten Sie von der Welt in 25 Jahren?

8. Oktober 2020 - 10:37
Vor 25 Jahren wurde Oxfam Deutschland gegründet. Ein Jubiläum, das ohne unsere Unterstützer*innen nicht möglich gewesen wäre. Wir möchten diesen Anlass nutzen, um DANKE zu sagen – und würden gern von Ihnen wissen: Was erwarten Sie von der Welt in 25 Jahren?

Wir öffnen unsere beliebte Rubrik aus unserem Magazin EINS Eine Frage – drei Menschen deshalb auch für Sie. Wir freuen uns über Ihre Kommentare!

Azad Mohammed, geflüchteter Fotograf im  Flüchtlingscamp Cox’s Bazaar, lebt heute in Deutschland © Oxfam

„Von der Welt in 25 Jahren erhoffe ich mir Frieden – und das Ende von Diskriminierung. Wenn wir weitermachen wie bisher, wird es allerdings keinen Frieden geben, mehr und mehr Menschen werden Kriege und Konflikte erleben. Mein Anspruch an diese Welt ist, dass Menschen nicht mehr aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder anderem diskriminiert werden. Wir sind alle Menschen. Um diese Welt zu verändern, müssen wir andere auch wie Menschen behandeln. Nur gemeinsam können wir diese Welt verändern.“

Amitabh Behar, Geschäftsführer von Oxfam Indien

„Es gibt zwei komplett gegenteilige Szenarien für die Welt in 25 Jahren: In Szenario eins würden wir unter klimatisch katastrophalen Bedingungen leben, mit Staaten unter autoritärer Herrschaft im Krieg gegeneinander, die von ein paar reichen Familien gestützt werden, die 99,9 Prozent des Reichtums besitzen.
Das zweite Szenario ist das Gegenteil davon und voller Hoffnung: Der Planet hat begonnen, sich von der Ausbeutung der Mutter Erde zu erholen und zwischen den Ländern existiert ein friedvolles, harmonisches und solidarisches Miteinander. Dank eines am Wohl der Menschen, an Gleichheit und Solidarität orientierten Wirtschaftssystems sind Hunger und Armut Geschichte.
Beide Szenarien sind realistisch – und wir sind jetzt an einem Moment mit historischer Verantwortung, in dem unsere Handlungen und Entscheidungen darüber bestimmen, wo wir enden werden. Wir müssen jetzt handeln!“

Ole Plogstedt, Koch und Kampagnenbotschafter für Oxfam Deutschland

„Eigentlich erwarte ich von der Welt nicht erst in 25 Jahren, sondern unverzüglich, dass Menschenrechte von jedem konsequent geachtet und geschützt werden. Wenn das wirklich für jeden, auch für die Regierungen und die Wirtschaft, oberstes Gebot wäre, müssten NGOs, wie Oxfam entsprechende Maßnahmen nicht mehr einfordern, sondern könnten die Umsetzung unterstützen. Wie die aktuelle Situation mit der COVID-19-Pandemie zeigt, sind wir durchaus in der Lage, uns Schwächeren gegenüber solidarisch zu verhalten und selber dafür zurückzustecken. Selbst Regierungen verschieben in diesem Fall die Prioritäten. Diese Pandemie wird uns, die sich mit Oxfam für eine gerechtere Welt einsetzen, noch stark fordern. So viele Chancen sie offenbart, so viele Wege ebnet sie auch den Rechtspopulisten. Wir müssen extrem wachsam sein!“

 

Die vollständige Online-Version der EINS finden Sie hier.

 

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Mit Lebensmittelbanken durch die Pandemie

5. Oktober 2020 - 17:21
Kleine Idee mit großer Wirkung: In dem vom Hunger geplagten Bangladesch hat sich eine Gruppe Frauen etwas ausgedacht, um sich in der schlimmsten Not selbst zu helfen. Wie eine Handvoll Reis den Unterschied machen kann

Übersetzt aus dem Englischen

Borangile liegt auf einer Flussinsel in Bangladesch, wo der Klimawandel das Leben der Farmer*innen besonders hart getroffen hat. Regelmäßig zerstören Fluten und starke Zyklonen die Ernten, gleichzeitig bleiben entsprechende Hilfeleistungen seitens der Regierung aus. Eine Gruppe von Frauen hat daher bereits 2018 einen Plan geschmiedet: Eine Handvoll Reis von jedem Essen übrig behalten und für schlechte Zeiten aufheben.

Das Konzept Lebensmittelbank

Innerhalb eines Monats konnte sich mit dieser einfachen Methode jede teilnehmende Frau ein Kilogramm Reis für schlechte Zeiten zur Seite legen. Zehn Frauen sparten bereits zehn Kilogramm, vierzig Frauen insgesamt vierzig Kilogramm Reis an:
Nach einigen Monaten würde die Rechnung aufgehen und sie hätten genug im Rückhalt, um die nächste Hungersnot abfangen zu können.
So riefen die Frauen – mithilfe einer kleinen Portion Reis und sehr viel Solidarität – eine Lebensmittelbank ins Leben.

Physisch besteht die Lebensmittelbank aus einem Haus, einem Lagerplatz, einem Kassenbuch und einer Reihe von Waagen. Die Frauen lagern dort Reis, wenn sie grade viel davon übrig haben. Und an schlechten Tagen bedienen sie sich an den Vorräten.
Lebensmittel oder Geld in schwierigen Zeiten zu leihen, ist nichts Neues für diese Familien. Das Neue an diesem Konzept ist, dass die Leihgaben nicht verzinst sind. Diese Bank ist für niemanden Gewinn bringend – außer für sie selbst.

Wir kennen die Menschen

Oxfam unterstützt, gemeinsam mit unseren Partner*innen, die erfolgreiche Initiative und hilft dabei, das Konzept auf andere Gemeinschaften zu übertragen.
Im nahegelegenen Distrikt Gaibandha sind so gemeinsam unserem lokalen Partner der SKS Foundation zum Beispiel bereits zwölf Lebensmittelbanken entstanden.

„Wir haben die Frauen dabei unterstützt, notwenige Ausstattung zu kaufen und ein Bankkonto zu eröffnen“, so der Koordinator Baharam Khan. „Und wir haben sie darin geschult, wie ein Kassenbuch richtig geführt wird.“

Die SKS Foundation ist eine Entwicklungsorganisation, die ihren Sitz im Norden Bangladeschs hat und ihren Fokus auf die Stärkung von den vulnerabelsten und marginalisierten Bevölkerungsgruppen legt. Oxfam unterstützt die Organisation dabei, ihre Kompetenzen im Bereich der humanitären Hilfe zu optimieren, sodass die Gemeinschaften, die von Krisen wie der Pandemie stark betroffen sind, direkt von lokalen Hilfeleistungen profitieren können.
Die meisten Angestellten der SKS wohnen in der Nähe von den Char-Siedlungen, so Khan. Wenn es um Engagement, Beziehungen vor Ort, Vertrauen und Ortkenntnisse geht, kann dieser Umstand einen großen Unterschied machen. (Erfahre mehr über Oxfams’s lokale Leadership-Initiative)

Er formuliert es so: „Wir kennen die Menschen und die Menschen kennen die SKS.“

Die SKS und zwölf andere Organisationen – allesamt Mitglieder der Klima-Anpassungsinitiative REECALL – haben die Gemeinschaften dabei unterstützt, 275 Lebensmittelbanken in Gebieten einzurichten, in denen Oxfam aktiv ist. Von diesem Projekt profitieren insgesamt rund 30.000 Menschen.
Das Geld, das für die Anschaffung von Lagerplätzen, Waagen, Hütten und einfacher Innenausstattung genutzt wurde, umfasst dabei grade einmal 20.000 Taka (weniger als 250 USD) für jede Gemeinschaft – dennoch reicht das Ergebnis dieser Investition ins Unermessliche.

Die beste Initiative

„Jede einzelne Familie in diesem Dorf ist von Armut betroffen“, so Mosammat Rabeya Begum, der Präsident der Lebensmittelbank im Dorf Katlamari.
„Jedes Jahr arbeiten wir sechs Monate lang und den Rest des Jahres finden wir aufgrund von Fluten und anderen Katastrophen keine Arbeit. In diesen Zeiten sind wir akuten Lebensmittel- und Ernährungskrisen ausgesetzt.“
Doch jetzt werden sie durch die Lebensmittelbanken unterstützt: „Durch den gelagerten Reis müssen wir nicht mehr um Hilfe von anderen bitten.“

„Die Lebensmittelbanken haben uns eine Menge gebracht“, sagt Layli Begum*, die in demselben Dorf wohnt.
„Es ist besser von der Lebensmittelbank zu leihen, als von anderen Personen, weil die Lebensmittel dort nicht verzinst sind.“

Die Frauen finden außerdem, dass das Verfügen über eigene Lebensmittelressourcen auf eine andere Weise ihre Armut abmildert:
„Normalerweise mussten wir Leihgaben von unseren Nachbarn annehmen“, sagt Shapna Begum aus dem Dorf Saghatta. „Sie haben uns wegen unserer Armut verspottet. Aber dank der Lebensmittelbanken sind wir nicht mehr auf Leihgaben angewiesen.“

Lebensmittelbanken gegen Covid-19

Anfang 2020 allerdings – als das Konzept der Lebensmittelbanken bereits in vollem Umfang angelaufen war (keinen Moment zu früh) – traf die Covid-19-Pandemie auch die Gemeinschaften in Bangladesch. Und der Zyklon Amphan tat sein Übriges: Zahlreiche Tagesarbeiter*innen verloren ihre Jobs aufgrund des Lockdowns. Gleichzeitig zerstörten die Fluten Felder, von denen viele Menschen zum Erhalt ihres Lebensunterhalts abhängig sind.

„Alle von uns sind auf die Landwirtschaft angewiesen und dieser vorzeitige Regenfall hat unsere Felder zerstört“, so Mosammat Rupali Begum aus dem Dorf Tengrakandi. „Unsere Männer arbeiten außerhalb des Dorfes und verdienen dort Geld, aber wegen der Pandemie dürfen sie ihre Häuser nicht verlassen. Deshalb haben wir keine täglichen Mahlzeiten mehr.“
Aber jetzt gibt es wenigstens die Lebensmittelanken: „Wann immer wir keinen Reis mehr im Haushalt haben, können wir welchen von der Lebensmittelbank leihen.“

„Die Lebensmittelbanken waren die beste Initiative für diese Gegend“, findet auch Rabeya.
„Ich freue mich darauf, dieser Initiative beim Wachsen zuzugucken. Selbst wenn wir nicht mehr am Leben sind, hoffe ich, dass unsere Kinder noch von den Lebensmittelbanken profitieren können.“

Und sie fügt noch hinzu: „Wir haben Träume.“

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Oxfam hat überall in Bangladesch lokale Partnerorganisationen dabei unterstützt, nachhaltige, lokal geleitete humanitäre Hilfsleistungssysteme zu errichten, die an die Bedürfnisse und Anliegen der Gemeinschaften angepasst sind. Die SKS Foundation war eine von 56 bangladeschischen Organisationen, die an dem dreijährigen Projekt ELNHA (Empowering Local & National Humanitarian Project) teilnahmen, dessen Fokus auf dem Erlernen von Kompetenzen und Führungsqualitäten lag. Jetzt sind viele der teilnehmenden Organisationen in der Lage, Fördermittel zu beantragen und effektive Nothilfe-Pläne zu erarbeiten und durchzuführen. Die Corona-Pandemie, die internationale Hilfsmittellieferungen erschwert, hat uns wieder gezeigt, wie wichtig humanitäre Arbeit unter der Leitung von lokalen Organisationen ist.

*Begum“ ist ein Ehrentitel und bedeutet nicht, dass die entsprechenden Frauen in dieser Geschichte miteinander verwandt sind.

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Humanitäre Hilfe: Wer hat die Macht?

19. August 2020 - 12:33
Am 19. August ist Welttag der humanitären Hilfe. Ein Plädoyer für die Stärkung lokaler Akteure in Nothilfe-Einsätzen von Marion Lieser, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende von Oxfam © Fabeha Monir

Als Zyklon Amphan, der stärkste jemals über dem Golf von Bengalen gemessene Wirbelsturm, am 13. Mai dieses Jahres auf Land traf, waren die Mitarbeiter*innen der bangladeschischen Nichtregierungsorganisation Sushilan vorbereitet. Sie wussten, was nötig ist, um die Bevölkerung in Sicherheit zu bringen, und koordinierten in Abstimmung mit den lokalen Behörden einen umfangreichen Nothilfe-Einsatz. Oxfam arbeitet seit zehn Jahren mit Sushilan und anderen Organisationen des Landes zusammen, mit dem Ziel, ihre Kapazitäten bei der Nothilfe-Arbeit weiter zu stärken. Doch im System der internationalen humanitären Hilfe spielen Organisationen wie Sushilan nur eine untergeordnete Rolle, jedenfalls wenn es darum geht, wer Hilfsgelder empfängt und Entscheidungen trifft.

Ziel verfehlt

2019 flossen nur magere 2,1 Prozent der weltweiten humanitären Finanzmittel direkt an nationale und lokale Akteure in den von Krisen betroffenen Ländern, Tendenz fallend. Über 90 Prozent erhielten internationale NGOs wie Oxfam und UN-Organisationen. Diese reichen das Geld zwar zum Teil an lokale Partner weiter. Doch dies alleine stellt nicht sicher, dass Projekte gemeinsam entwickelt werden. Häufig sind die lokalen Akteure schlicht für die Umsetzung von Maßnahmen zuständig, die anderswo erdacht und entschieden werden – dabei sollte es genau umgekehrt sein. Deshalb hatte sich die humanitäre Weltgemeinschaft 2016 darauf geeinigt, dass bis 2020 25 Prozent aller Hilfsleistungen an lokale und nationale Akteure gehen sollen. Doch an der Umsetzung hapert es gewaltig. Überall.

Auch Oxfam ist bei humanitären Einsätzen von diesem Ziel noch ein gutes Stück entfernt – anders als bei Entwicklungsprogrammen, bei denen wir ausschließlich über lokale Partnerorganisationen arbeiten. Ein Grund hierfür ist die Art des Bedarfs vor Ort bei den humanitären Einsätzen, in denen Oxfam beteiligt ist. Als Expert*innen für komplexe, großflächige Systeme der Wasser- und Sanitärversorgung sind wir häufig dort aktiv, wo lokale Strukturen kaum existent oder gänzlich zusammengebrochen sind und auch die entsprechende Expertise zum Wiederaufbau oft noch fehlt. Dennoch wollen wir unserer Verantwortung gerecht werden. Deshalb unterstützen wir auf verschiedenen Ebenen, von der Dorfstruktur bis zum Ministerium, den Aufbau von Kapazitäten bei lokalen und nationalen humanitären Akteuren.

Denn dies ist ein weiteres Problem: Die meisten Mittel, auf die lokale NGOs direkten Zugriff haben, sind zweckgebunden – das heißt, sie fließen nur im Rahmen eines konkreten Nothilfeeinsatzes. Wenn das Projekt zu Ende ist, läuft die Finanzierung aus, sodass keine Planungssicherheit besteht, die für den Kapazitätsaufbau aber sehr wichtig wäre. Eine Oxfam-Untersuchung ermittelte, dass 2013 für die Grundfinanzierung lokaler Akteure nur magere 3,9 Millionen US-Dollar zur Verfügung standen. An diesem Missverhältnis hat sich seither wenig geändert. Wie sollen so in Krisenländern dauerhaft Strukturen entstehen, die flexibel auf humanitäre Notlagen reagieren können?

Wir müssen endlich Macht abgeben

All das zeigt: Das internationale humanitäre System braucht dringend Veränderung. Wir müssen es vom Kopf auf die Füße stellen und Macht und Ressourcen in die Hände nationaler und lokaler humanitärer Akteure legen. Wie wichtig das ist, hat nicht zuletzt die Corona-Krise gezeigt: Während internationale Fachkräfte nicht mehr reisen konnten, erforderte die Pandemie schnelle und effektive Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus.

Es ist effektiver und effizienter, wenn lokale Akteure eng in die Entwicklung und Umsetzung humanitärer Hilfseinsätze eingebunden sind und diese, wo möglich, auch leiten. Während internationale Organisationen oft über eine sehr große technische Expertise und langjährige Erfahrung verfügen, kennen lokale Organisationen die Bedingungen vor Ort am besten. Sie haben besseren Zugang zu den Menschen und Institutionen und bleiben vor Ort, auch nachdem die Aufmerksamkeit der Medien und internationalen Öffentlichkeit sich anderswohin orientiert. Zudem gelingt in einem von lokalen Akteuren mitgestalteten Nothilfe-Einsatz der Übergang hin zu Wiederaufbau und Entwicklung oft leichter.

Nur so können wir den wachsenden humanitären Herausforderungen auf der Welt gerecht werden: Bewaffnete Konflikte verursachen und verschärfen eine Krise nach der anderen, fast 80 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die Zahl der klimabedingten Katastrophen nimmt seit Jahren zu. Überschwemmungen, Stürme, Hitzewellen, Dürren und Waldbrände verursachten laut Vereinte Nationen in den vergangenen 20 Jahren mehr als doppelt so hohe Schäden wie in den 20 Jahren davor. Weltweit sind fast 170 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Gleichzeitig sind die Nothilfe-Aufrufe der Vereinten Nationen stets sträflich unterfinanziert.

Rassismus und Neokolonialismus überwinden

Doch es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund für die so genannte Lokalisierung von Nothilfe-Einsätzen: Es gilt, die neokoloniale und zum Teil rassistische Struktur des internationalen humanitären Systems endgültig zu überwinden. Wenn Organisationen aus dem Globalen Norden Umfang und Zuschnitt humanitärer Hilfseinsätze in Ländern des Globalen Südens bestimmen, verhindert dies, dass dort lokale, politisch unabhängige Strukturen entstehen. Diese paternalistische Bevormundung reproduziert zudem das Bild des „weißen Helfers“. Auch Medien haben daran ihren Anteil, wenn sie im Falle von Katastrophen vor allem Mitarbeiter*innen deutscher Hilfsorganisationen interviewen, statt lokale Nothelfer*innen zu Wort kommen zu lassen.

Die „Lokalisierung“ humanitärer Hilfe ist sicher kein Allheilmittel und auch nicht immer sinnvoll oder möglich, etwa in fragilen Staaten oder bei Katastrophen, die ein Land alleine nicht bewältigen kann. Doch der Grundsatz muss lauten: Kapazitäten und Strukturen in Krisenländern müssen konsequent genutzt und gestärkt werden, bevor externe Akteure im Land aktiv werden. Und wenn letzteres nötig ist, sind möglichst auch langfristig tragfähige lokale Strukturen und Kapazitäten aufzubauen.

Damit das passiert, müssen internationale Geber wie die EU oder die Bundesregierung nationalen und lokalen Akteuren den direkten Zugang zu humanitärer Finanzierung erleichtern und hierfür ihre Vergabepraxis ändern. So sollten Gelder nicht ausschließlich über Mittler in Form der UN oder internationaler NGOs fließen, sondern auch über direkte Verträge. Zudem kann die Bundesregierung einen noch größeren Anteil ihrer Mittel in die sogenannten Country Based Pooled Funds einzahlen, die in den Krisenländern selbst verwaltet werden und lokalen Akteuren offen stehen. Dieser Paradigmenwechsel ist überfällig. Doch dazu fehlt in Deutschland und Europa bislang der politische Wille.

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