Die Freie und Hansestadt Hamburg feiert sich gerne als Pionierin der digitalen Moderne. Auf internationalen Bühnen wie der Hamburg Sustainability Conference (HSC) wurde das hauseigene Prachtstück HANS präsentiert – ein künstlicher Assistent, der die bürokratische Nachhaltigkeitsberichterstattung revolutionieren soll. Doch hinter den glänzenden Folien der Senatskanzlei verbirgt sich eine tiefe Kluft zwischen digitalem Aktionismus und realer politischer Wirkung.

Wer die Rhetorik der politischen Führung beim Wort nimmt, könnte glauben, die sozial-ökologische Transformation sei nur eine Frage des richtigen Algorithmus. HANS („Hamburg Analysis-Tool for Sustainability“) scannt, filtert und kategorisiert unermüdlich behördliche Aktenberge. Doch während die KI im Hintergrund bürokratische Aktivität misst, bleibt auf Hamburgs Straßen eine unbequeme Wahrheit spürbar: Ein digitaler Bericht schafft noch keinen Gramm weniger CO₂ und löst kein Problem der Menschen. Ein kritischer Blick auf HANS, seinen analogen Vorfahren HEINZ und die verpassten Chancen einer echten evidenzbasierten Politik.
Das Erbe von HEINZ: Als Nachhaltigkeit noch einen analogen Kompass hatte
Um den technokratischen Hochmut der Gegenwart zu verstehen, lohnt ein Blick in die Hamburger Nachhaltigkeitshistorie. Bevor HANS die Bühne betrat, gab es HEINZ – die „Hamburger Entwicklungsindikatoren Zukunftsfähigkeit“. Dieses System wurde bereits im Jahr 2003 vom Zukunftsrat Hamburg gemeinsam mit dem renommierten Wuppertal Institut entwickelt und bis 2022 fortgeführt.
HEINZ war das genaue Gegenteil eines intransparenten KI-Blackbox-Systems:
- Es basierte auf systematisch genutzten amtlichen Daten.
- Es übersetzte komplexe städtische Entwicklungen in eine leicht nachvollziehbare Ampelbewertung für zentrale Lebens- und Politikbereiche.
- Es war ein von der Zivilgesellschaft getragenes, emanzipiertes Kontrollinstrument.
Doch genau hier lag das Problem für die Regierenden: In der parteipolitischen Debatte fand HEINZ kaum Resonanz. Zu unbequem waren die roten Ampeln, zu konkret die messbaren Versäumnisse der Politik. Während die Hamburger Verwaltung HEINZ hinter verschlossenen Türen durchaus als hilfreiche Grundlage für fachliche Analysen nutzte, wurde er öffentlich totgeschwiegen. HEINZ ist leider aufgegeben.
Jetzt also HANS. Mit künstlicher Intelligenz soll alles besser, schneller und vor allem weniger bürokratisch werden. Doch HANS droht zu einem Instrument zu werden, das die unbequemen Fragen der Zivilgesellschaft hinter algorithmischer Effizienz versteckt.
Der digitale Segen: Was HANS tatsächlich leistet
Man muss dem Projekt der Freien und Hansestadt Hamburg und dem beteiligten Bremer KI-Unternehmen JAAI | JUST ADD AI durchaus Respekt zollen. Aus rein technischer und administrativer Sicht ist HANS ein beachtliches Werkzeug:
- Bezwinger des Daten-Dschungels: In einer komplexen Metropole mit 11 Fachbehörden und 7 Bezirksämtern liegen Nachhaltigkeitsdaten meist tief vergraben in unstrukturierten Berichten, PDFs oder eingescannten Protokollen. HANS nutzt Methoden des Natural Language Processing (NLP) und feinjustierte Große Sprachmodelle (LLMs), um dieses „Behördendeutsch“ zu dechiffrieren. Das spart die nervige Behördenabstimmung.
- Enorme Effizienz: HANS scannte über 102.000 Dokumente der Hamburger Verwaltung. Daraus filterte die KI autonom 9.163 Dokumente als direkt relevant für die Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt heraus.
- SDG-Mapping: Die KI ordnete diese Daten den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN (SDGs) und all ihren 169 Unterzielen zu. Für jedes Unterziel wurde eine Fortschrittsübersicht generiert, die direkt in das öffentliche digitale SDG-Dashboard Hamburgs einfließt.
- Open-Source-Solidarität: Hamburg behält den Code nicht für sich. Im Rahmen der Hamburg Sustainability Conference wurde vereinbart, den Quellcode mit der südafrikanischen Gemeinde eThekwini (früher Durban) zu teilen, um auch dort die SDG-Berichterstattung zu erleichtern.
Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Doch für eine kritische, an den Menschen orientierte Stadtpolitik fangen die Probleme hier erst an.
Die Illusion des Fortschritts: Korrelation ist keine Kausalität
Der grundlegende Webfehler von HANS ist so alt wie die Statistik selbst: Das Tool misst primär Bürokratie-Aktivität, nicht realen gesellschaftlichen oder ökologischen Wandel.
- Digitales Greenwashing durch reine Textproduktion
Wenn eine Hamburger Behörde 50 ausführliche Berichte über ihre Absicht schreibt, im Fuhrpark CO₂ einzusparen, schlägt HANS bei den entsprechenden SDG-Unterzielen voll an und verbucht dies als Aktivität. Ob auf Hamburgs Straßen real auch nur eine Tonne weniger Treibhausgase ausgestoßen wurde, kann die reine Textanalyse nicht erfassen. Es droht ein digitales Greenwashing, bei dem sich die Politik für die schiere Masse an produzierten Nachhaltigkeitsdokumenten selbst feiert, während die physische Realität stagniert.
- Wissen ohne Verstehen (Die fehlende Kontributionsanalyse)
Wissen ohne Verstehen ist nicht anwendbar. Wenn wir lediglich Indikatoren zählen, ohne eine fundierte Kontributionsanalyse durchzuführen, wissen wir am Ende nicht, was zu einer Veränderung geführt hat. Ein konkretes Beispiel: Die Europäische Union und Hamburg haben sich zum Ziel gesetzt, Obdachlosigkeit bis 2030 abzuschaffen. Wenn nun die Zahl der Obdachlosen sinkt (oder steigt) – welche konkrete städtische Maßnahme hat dazu beigetragen? War es das neue Wohnraumprogramm, die Arbeit der NGOs vor Ort, oder schlicht eine statistische Verschiebung durch veränderte Krisendynamiken? HANS kann diese Kausalitäten nicht herleiten. Das Tool liefert Korrelationen, aber keine evidenzbasierte Erklärung für politische Wirkungen.
- Der blinde Fleck für die Schwächsten
Eine KI ist immer nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. In den bürokratischen Akten der Behörden tauchen diejenigen, die am stärksten von sozialen und ökologischen Krisen betroffen sind, oft gar nicht auf. Vulnerable Gruppen, Obdachlose oder Menschen ohne digitalen Zugang sind in den Datenbanken unsichtbar. Wenn HANS nur das offizielle Verwaltungswissen scannt, reproduziert und legitimiert die KI die bestehenden gesellschaftlichen Ausschlüsse.
Wie wir HANS demokratisieren können: Ein Konzept für echte Beteiligung
Bislang ist HANS ein reines Top-down-Werkzeug der Macht. Die Verwaltung wertet sich mithilfe der KI selbst aus. Um HANS zu einem echten Werkzeug für die Menschen in Hamburg zu machen, muss das System radikal für die Zivilgesellschaft geöffnet werden:
- Modul A: Der Transpa-HANS („Frag die KI“): Bürgerinnen und Bürger sollten direkten, alltagssprachlichen Zugang zu der KI erhalten. Jede Hamburgerin muss fragen können: „Was tut die Stadt konkret gegen die steigenden Mieten in Altona?“ oder „Warum verzögert sich der Solarausbau auf städtischen Gebäuden?“. HANS muss darauf verständliche, quellengestützte Antworten aus den 102.000 Dokumenten liefern. Was Hänschen verschweigt, macht HANS transparent.
- Modul B: Das NGO-Gegen-Monitoring (Der Realitätscheck): Wenn HANS im städtischen Dashboard stolz verkündet, eine Klimamaßnahme sei zu 80 % erfüllt, müssen freie NGOs, Initiativen und Umweltverbände (wie der Zukunftsrat, NABU oder BUND) direkt an diesem Datensatz einen Schattenbericht hinterlassen können. Nur durch diesen institutionalisierten Widerspruch entsteht ein ehrlicher demokratischer Diskurs.
- Modul C: Partizipatives Ideen-Mapping: Sobald HANS eine eklatante Lücke bei einem SDG-Unterziel identifiziert, muss dieses Ergebnis automatisch mit bestehenden Beteiligungsplattformen (wie DIPAS) verknüpft werden. Die Bürger müssen direkt dort Lösungen vorschlagen können, wo die Daten das Defizit aufzeigen.
Der Rettungsring für Hamburg: Warum wir den „Daten-Donut“ brauchen
Die rein technokratische Erfassung der 17 SDGs reicht nicht aus, um die tiefen Zielkonflikte unserer Stadt zu lösen. Wie gewichten wir den Bau von dringend benötigtem sozialem Wohnraum gegen den Schutz von Grünflächen und biologischer Vielfalt?
Hier kommt die Donut-Ökonomie von Kate Raworth ins Spiel. Sie bietet den idealen Rahmen für eine Wirtschaft und Stadtentwicklung, die das ökologische Fundament des Planeten schützt, während sie gleichzeitig ein starkes soziales Fundament für alle Menschen garantiert. Das Nachhaltigkeitsforum Hamburg hat in einem aktuellen Konzeptpapier zu Governance-Strukturen die Donut-Ökonomie ausdrücklich als nützliches Steuerungsinstrument empfohlen. Sie eignet sich hervorragend, um:
- Zielkonflikte transparent zu machen und systematisch zu strukturieren.
- Komplexe Nachhaltigkeitszusammenhänge für alle Hamburger greifbar zu visualisieren.
- Einen gemeinsamen, verbindlichen Referenzrahmen für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu schaffen.
Das Zeitfenster schließt sich: Jetzt handeln!
Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) hat aktuell einen Call for Cities gestartet. Kommunen können sich für eine wissenschaftlich begleitete Gemeinschaftsstudie bewerben, um einen maßgeschneiderten Daten-Donut für ihre Stadt zu erstellen. Dies ist ein einmaliges Möglichkeitsfenster, um Hamburgs Nachhaltigkeitspolitik vom technokratischen Berichtswesen hin zu einer echten, sozial-ökologischen Transformation zu führen. Doch die Hamburger Politik zögert.
Deshalb fordere ich alle auf: Schreibt den verantwortlichen Akteuren in Politik und Verwaltung. Fordert sie auf, diese Chance zu ergreifen und Hamburg als Teilnahmestadt für den Daten-Donut anzumelden. Ich mach das heute schon mal für Hamburg.
HANS darf keine algorithmische Beruhigungspille für die Verwaltung bleiben. Wir brauchen HANS als dialogischen Übersetzer – und den Donut als unseren neuen Kompass.
Dieser Meinungsbeitrag von Karsten Weitzenegger wurde größtenteils von unserer KI „HELGA“ auf navigator.2030hamburg.de verfasst. Bild: (c) Karsten Weitzenegger. #danichfür
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