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Erstes Webinar: The Intersectionality of Climate Justice, 4. Dezember 2025 Gastgeber: Geneva Global Health Hub (GGHH) und UNU IIGH (United Nations University International Institute for Global Health), https://g2h2.org/posts/webinar-series-pushback-1/

Als Society for International Development (SID) werfen wir einen Blick auf das jüngste, von GGHH und UNU IIGH gemeinsam veranstaltete Webinar, das die tiefgreifenden Zusammenhänge zwischen Geschlecht, Ungleichheit und Klimawandel untersuchte. Ein zentraler und umfassender Beitrag kam von Passy Amayo, der Program Managerin bei SID in Nairobi, die die Bereiche Energie, Umwelt und Klima-Zukünfte (Energy, Environment, and Climate Futures) leitet. Amayo, die zivilgesellschaftliche Vertreterin bei UNEP und in der Jugendklimabewegung tief verwurzelt ist, forderte eine dringende Neukonzeptualisierung, da Klimagerechtigkeit in Afrika eine gelebte Realität und keine abstrakte Idee sei.

Die Analyse von Passy Amayo gliedert sich in folgende Prioritäten:

  1. Priorität: Der Wandel der Perspektive – Klima-Gerechtigkeit als Überlebensfrage

Amayo betonte, dass die Diskussion über Frauen, Klima und Widerstand nicht nur Umweltthemen behandeln dürfe. Stattdessen gehe es um Macht, Gleichheit (Equity) und Überleben. Ihre Arbeit, die sich auf die Programme „Energy Environment and Climate Justice“ sowie „African Futures and Foresight“ stützt, zielt darauf ab, die Konzeption und Implementierung von Projekten zur Förderung nachhaltiger Zukünfte zu überdenken.

Sie kritisierte, dass in Debatten oft zu viel Wert auf die Vergangenheit und die Gegenwart gelegt werde, während die Frage, wohin man aktiv und intentional gehen wolle, vernachlässigt werde. Mit Blick auf die 30 Jahre währenden Klimakonferenzen (COP) stellte sie fest, dass dieselben Herausforderungen, die vor Jahrzehnten diskutiert wurden, die Menschen heute weiterhin von unten her im Griff hätten.

  1. Priorität: Strukturelle Ungleichheit und gelebte Verletzlichkeit in Ostafrika

Amayo hob hervor, dass Frauen in Afrika weiterhin an der Frontlinie der Klimaauswirkungen stehen, aber in den Entscheidungsprozessen (wie bei der COP oder der laufenden UNEA) unterrepräsentiert bleiben. Der Klimawandel in Ostafrika sei nicht geschlechtsneutral, sondern eine Geschichte sich überlappender Vulnerabilitäten, die durch Geografie, Armut und Geschlecht verstärkt werden.

Rollen und Abhängigkeiten: Die Rollen der Frauen als Landwirtinnen, Betreuerinnen (Caregivers) und Wasserholerinnen sind tief mit den natürlichen Ressourcen verbunden, was die Intersektionalität von Umwelt und Frauenrolle unterstreicht. Frauen in Ostafrika sind stark von klimasensiblen Existenzgrundlagen abhängig.

Disparität bei der Landwirtschaft: Die strukturelle Ungleichheit zeigt sich drastisch in der Landwirtschaft: Obwohl Frauen laut FAO etwa 80 % der Lebensmittel in Afrika produzieren, besitzen sie weniger als 15 % des Landes. Diese Ungleichheit – gepaart mit begrenztem Zugang zu Krediten und Technologien – bedeutet, dass Klimaschocks direkt zu Zeitarmut, Gesundheitsrisiken und Ernährungsunsicherheit führen.

Die Realität der Klimaereignisse: Amayo beschrieb die katastrophalen Auswirkungen des Jahres 2024 in Ostafrika, das zuerst von beispiellosen Regenfällen und Überschwemmungen heimgesucht wurde, gefolgt von der schlimmsten Dürre seit 40 Jahren. Allein im Jahr 2024 wurden 500.000 Menschen vertrieben, und über 500 verloren ihr Leben. Sie betonte, dass niemand sein Leben verlieren sollte, weil wir nicht auf Klimasituationen vorbereitet waren.

  1. Priorität: Intersektionelle Gesundheits- und Sicherheitsrisiken

Die Vulnerabilität ist nicht statisch, sondern wächst ständig. Frauen tragen die Hauptlast, indem sie lange Strecken für Wasser zurücklegen, mit Ernteausfällen zurechtkommen und versuchen, ihre Kinder und sich selbst zu ernähren.

Verschärfte Gewalt und Gesundheitskrise:

  • Geschlechtsbasierte Gewalt (GBV): Diese Gewalt nimmt zu und betrifft Frauen selbst in den Lagern, in denen sie nach der Vertreibung untergebracht werden sollen.
  • Sexuelle und reproduktive Gesundheit (SRH): Überschwemmungen und Dürren unterbrechen die SRH-Dienste. Tausende von Frauen sind in Krisenzeiten gezwungen, ohne medizinische Hilfe zu gebären. Die hygienischen Risiken in marginalisierten Gebieten ohne Wasser und grundlegende Versorgung sind enorm.
  • Klima-induzierte Migration: Die durch das Klima ausgelöste Migration hat zugenommen. Dies erhöht die Exposition gegenüber Gewalt und Ausbeutung, was die Zyklen der Verletzlichkeit für Frauen, Kinder und Jugendliche stark vertieft.

Der Informations-Divide: Zudem fehlt es Jugendlichen und Frauen in ländlichen Gebieten häufig an Zugang zu Wetter- und Klimainformationsdiensten. Kulturelle Normen, die digitale Kluft und die männlich dominierten Entscheidungsstrukturen in der Region und global führen dazu, dass ihre Bedürfnisse ungehört bleiben. Besonders Personen mit Behinderungen und vertriebene Frauen haben oft fast keinen Zugang zu Klima-Informationen und Geräten wie Mobiltelefonen oder Radios.

  1. Priorität: Widerstand und Innovation

Trotz der aufgezeigten systematischen Barrieren ist die Situation nicht nur eine Geschichte von Verwundbarkeit, sondern auch eine Geschichte von Widerstand und Innovation. Amayo unterstrich, dass dieselben Gruppen, die unverhältnismäßig stark betroffen sind, den transformativen Klima-Handel vorantreiben. Es sei unerlässlich, die Innovations- und Widerstandsgeschichten zu beleuchten, die Frauen und Jugendliche in ihren indigenen, ländlichen und marginalisierten Lebens- und Arbeitsräumen gestalten.

Fazit: Aufruf zum Systemwandel

Passy Amayo betonte, dass nach 30 Jahren der Diskussion die Zeit reif sei, neu zu denken. Ihr Beitrag lieferte eine klare Prioritätenliste der Herausforderungen in Ostafrika und betonte die Notwendigkeit, strukturelle Ungleichheiten aktiv anzugehen, um die negativen Welleneffekte in Bereichen wie Ernährung und Gesundheitswesen zu stoppen.

Der umfassende Beitrag von Passy Amayo erinnert daran, dass der Kampf um Klimagerechtigkeit im globalen Süden wie das Bewegen eines riesigen Eisbergs ist: Man muss nicht nur die sichtbaren Umweltauswirkungen sehen, sondern auch die neun Zehntel der unsichtbaren strukturellen Ungleichheiten, die unter der Oberfläche liegen und Macht und Überleben definieren.


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Von Karsten